Kapitel Vierunddreissig
»Du wirst von dort so lange nicht herauskommen, bis du den allerletzten Heller bezahlt hast.«
Lukas 12, 59
Der Schmerz war stark, aber ich hielt den Schrei zurück, der mir schon in der Kehle aufstieg. Er würde alles nur noch schlimmer machen.
Ich lag wieder in seinen Armen, wie ein Kind, und hatte jetzt etwas anderes an. Ein knielanges silbernes Kleid. Ich verstand, warum – es bildete einen dramatischen Hintergrund zu dem Blut. Selbst in meinem angeschlagenen Zustand verspürte ich eine Welle der Wut darüber, dass er sich das erlaubt hatte.
Benommen konzentrierte ich mich auf meine Umgebung. Wir waren draußen. Der Himmel war noch blau, aber es musste inzwischen Nachmittag sein. Wir waren irgendwo weit oben. Ich konnte Verbannte wahrnehmen. Viele, zu viele. Aber auch Grigori, ebenfalls in großer Zahl.
Ich konnte das Geräusch des Meeres hören, konnte die salzige See riechen, fast schmecken, und noch etwas anderes: Schwefel.
Wir waren auf Nea Kameni. Der Vulkan.
»Hör auf, sie ausbluten zu lassen!«, schrie eine Stimme von weit weg. »Du bringst sie noch um!«
Mein Kopf tat weh und mein Körper fühlte sich schlapp an. Als ich mich bemühte herauszufinden, wem die Stimme gehörte – sie klang so vertraut –, fiel mein Arm schwer an meiner Seite herunter und blieb baumelnd hängen.
Nicht gut. Wie lange lässt er mich hier schon ausbluten?
Wir befanden uns am Rand des Hauptkraters. Direkt hinter uns konnte ich Verbannte spüren, aber nur wenige. Ich konzentrierte mich so lange, bis ich die Übrigen fand. Sie schienen am Fuß des Vulkans zu sein. Sie kämpften bereits. Wir sind also im Krieg.
»Dann schlage ich vor, dass du nicht zögerst«, rief Phoenix zurück. Er streckte die Arme aus, sodass ich wie eine Stoffpuppe in seinem Griff hing. »Sie macht es nicht mehr lange.«
Ich sah zu seinem Gesicht hinauf. Seine Augen waren so dunkel, so traurig.
»Es tut mir leid, Phoenix.« Ich zuckte zusammen.
Er machte einen Satz, überrascht, dass ich bei Bewusstsein war. Dann schüttelte er den Kopf. »Da war jemand fleißig.«
Phoenix redete nicht von mir. Er wusste, dass mein Engel eingegriffen hatte.
»Zu wenig, zu spät«, zischte er mir zu.
Ich ließ meinen Kopf nach hinten fallen, und da sah ich sie – der dunkle Rauch, der aus dem Krater aufstieg, lichtete sich gerade genug, damit ich einen Blick auf sie erhaschen konnte. Lincoln stand vor einem Verbannten, der ebenso wie die drei, die ich geopfert hatte, mit Ketten gefesselt war. Er hatte seinen Dolch in der Hand. Rechts und links von mir waren zwei weitere Verbannte platziert. Sie waren ebenfalls gefesselt und vervollständigten das Dreieck.
Ein Mann, der liebt.
Nicht nur eine Seelenverbindung, sondern Liebe. War das möglich? Oder hatte Phoenix einfach nur einen entscheidenden Fehler gemacht?
Lincoln rammte seine Klinge in den ersten von ihnen und warf sein Opfer in den Vulkan. Der Rauch stieg nach oben und zog seine Beute mit nach unten, genau wie das Meer meine Opfer verschluckt hatte.
Drei für das Wasser, um die Strömung zu locken.
Drei für das Feuer, um ihr Schicksal zu wecken.
»Nein!«, versuchte ich zu schreien, aber ich war zu schwach.
Ist ihm bewusst, dass ich die erste Hälfte schon erledigt habe?
Ich blickte an Lincoln vorbei. Griffin stand am Rand des Kraters, Spence neben ihm, ihre Gesichter waren ernst.
Warum halten sie ihn nicht auf? Sie sollen ihn aufhalten!
Aber sie schienen ihm im Gegenteil zu helfen, indem sie ihn beschützten.
»Hast du überhaupt eine Ahnung, was du da tust?«, fragte ich leise durch den Schmerz hindurch. Ich wusste, er würde mich hören.
»Ja«, erwiderte Phoenix.
Lincoln schickte den zweiten Verbannten zurück und schenkte ihn dem Vulkan, der eine dunkle Wolke aus der Tiefe emporatmete und hoch in den Himmel blies.
Erwache, Tartarus, und bedecke den Tag.
Ich verfolgte die dunkle Wolke, sie bildete einen Pilz wie bei einer nuklearen Explosion und breitete sich dann aus, wobei sie die Sonne völlig verfinsterte.
Verdunkle den Blick und der Sonne Strahl.
»Ich erschaffe eine neue Welt. Eine, in die ich gehöre«, fuhr Phoenix fort, als müsste er sich selbst daran erinnern und seinen Glauben daran bestärken.
Ich griff nach ihm, meine Hand war mit Blut bedeckt. Er zuckte zusammen, als ich seine Wange berührte, meine Finger glitten schwach daran herunter. »Das tust du bereits«, hauchte ich.
Lincoln bewegte sich auf den dritten Verbannten zu, dann blieb er stehen, um sich zu uns umzudrehen, ich konnte deutlich sein Gesicht sehen.
»Ich weiß, dass du sie nicht umbringen wirst! Hältst du mich wirklich für so dumm, Phoenix? Du liebst sie!«
Phoenix sah erstaunt aus.
»Er hat natürlich recht.« Phoenix ließ die Schultern hängen, als er das sagte. »Aber das wusstest du bereits.« Dann hob er die Stimme und rief zurück: »Bist du so sicher, dass du es darauf ankommen lässt?«
Lincoln schickte den letzten Verbannten zurück und warf ihn in den Vulkan. Der Boden vibrierte, der Rauch wurde dichter und dann schossen kleine Flocken wie grauer Schnee aus der Öffnung und schwebten zu Boden. Inzwischen war es so dunkel, als wäre es Nacht.
Aschefall.
»Phoenix!«, brüllte Lincoln.
Ich sah, wie er sich bewegte, aber der Krater war groß und er war auf der anderen Seite. Griffin und Spence rannten aus der anderen Richtung auf uns zu.
Ich strengte mich an, bei Bewusstsein zu bleiben. »Ich bin bereit zu sterben, um dich aufzuhalten, Phoenix. Wenn ich tot bin, wird Lincoln dich zurückschicken.«
Er lächelte. »Ich weiß. Aber irgendwie glaube ich nicht, dass es so weit kommt.«
Mit diesen Worten stellte er mich auf die Füße und zog meinen Dolch aus der Scheide. Ich taumelte unsicher und blinzelte beim Anblick meiner Klinge, als ich sah, dass sie rot war.
Der Engel, der mich gemacht hat, hat mein Blut darauf verteilt.
Ich spürte den Moment, in dem er begann, mich wieder zu heilen. Die Wunde schloss sich und der Schmerz ließ nach, aber ich war bereits so schwach, dass es sich anfühlte, als hätte ich kein Blut mehr in mir. Er packte mich an den Händen, schwenkte mich über den Krater mit seinen heißen Rauchschwaden und ließ mich dort hängen.
»Phoenix! Nein!«, erklang ein verzweifelter Schrei.
Lincoln.
Ich baumelte über dem Schlund des Vulkans, während unter mir Tartarus vor gespannter Erwartung erbebte.
»Sechs auf den Grund, im Austausch für einen«, sagte Phoenix und rezitierte damit die Prophezeiung. Er kniete nieder und legte meine Hände auf die felsigen Kanten des Kraters, wobei er dafür sorgte, dass ich einen guten Halt hatte. »Ein Opfer aus Schmerz für den Fluss des Feuers.«
»Tu das nicht!«, keuchte ich, während ich mit den Schuhsohlen nach einem Halt für meine Füße suchte.
Sein Blick ruhte einen Augenblick auf mir. »Halt dich fest!« Er fuhr mit meinem Dolch an seinem Arm entlang, schnitt ihn auf und bedeckte ihn mit seinem eigenen Blut. Dann warf er den Dolch in den Vulkan und schrie: »Du wurdest von meiner Hand bezahlt! Nun gib sie frei!«
Er kauerte vor mir nieder und festigte meinen Halt auf den Felsen, aber ich rutschte immer noch ab. Durch den Rauch war es so heiß, dass meine Hände schweißnass waren und ich es nicht mehr allzu lange schaffen würde, aber momentan war mein Halt gut genug – meine Klettererfahrungen machten sich bezahlt.
»Mein Wort gilt. Sag euren Natur-Verwendern: Ich tue, was ich kann – der Wind wird auf ihrer Seite sein. Halt dich fest, Violet, er ist fast da.«
»Du glaubst wohl, der Mensch in dir ist tot?«, brüllte ich ihm in einem plötzlichen Anflug von Stärke zu. »Da irrst du dich gewaltig. Verbannte wollen nur zerstören und Macht erlangen, aber ich weiß, dass du sie zu uns geschickt hast, damit wir sie zurückschicken. Du kontrollierst sie und hast sie doch benutzt! Alles, was du getan hast, hast du getan, um dazuzugehören.«
Phoenix Augen waren groß, als er aufstand und über das Schlachtfeld blickte, das er erschaffen hatte.
»Das ist menschlich, Phoenix! Das Menschliche in dir ist überhaupt nicht tot!«
Ich konnte praktisch hören, wie sein Herzschlag ins Stolpern geriet und dann aussetzte. Sein Mund klappte auf und er sah mich vollkommen überrascht an.
Dann machte er sich davon und verschwand wie der Wind in der Dunkelheit, doch seine geflüsterten Worte – und ihre Trauer – hingen noch in der Luft. »Es ist zu spät.«
Ich hörte sie kommen. Lincoln war schneller als Spence und Griffin, er würde zuerst bei mir sein. Ich spürte, wie sich die Verbannten bewegten, und ich ließ mich in meine zusätzliche Sinneswahrnehmung hinübergleiten. Mein Geist erhob sich aus meinem Körper und ich blickte hinunter auf den Schlund der Hölle. Überall waren Verbannte. Wir waren ganz oben, am Kraterrand, während alle anderen am Fuß des Vulkans ausschwärmten und bereits kämpften. Ich nahm unterschiedliche Typen wahr – manche waren schrecklich, manche unbekannt, manche Furcht einflößend.
Dann spürte ich die Wärme meiner Leute, Grigori. Einige von ihnen kämpften auf dem Vulkan, andere auch in seinem Umkreis oder weiter weg. Mindestens ein Dutzend Boote lagen vor der Insel, und ich sah ein Flimmern, das alle verband und den Vulkan umgab. Ein Schild. Sie schützten den Rest der Welt vor diesem Ort. Aber würden sie auch den Rauch verbergen können und die Dunkelheit oder was sonst noch kommen würde?
Es mussten mehr als hundert Grigori hier sein.
Wo sind die alle hergekommen?
Ich kam wieder zu mir selbst zurück. Das, was Phoenix als »Sehkraft« bezeichnete, hatte zwar nur eine oder zwei Sekunden gedauert, aber meine Hände fingen an, abzurutschen.
Phoenix musste aufgehalten werden. Er hatte mir immer wieder bewiesen, dass ich nicht gegen ihn kämpfen konnte. Er hatte zu viel Macht über mich.
»Violet!«, schrie Lincoln, während er über mir zu Boden glitt. Er beugte sich mit ausgestreckten Armen über den Rand des Vulkans. »Nimm meine Hand!« Der Vulkan dröhnte.
Es wird für sie alle leichter sein. Besonders für ihn, langfristig jedenfalls. Das ist die einzige Möglichkeit, Phoenix aufzuhalten.
Ich spürte die Explosion unter mir. Der Vulkan machte sich zum Ausbruch bereit. Ein feuriger Hauch schoss herauf, und ich konnte den Schrei nicht länger zurückhalten, als Flammen hinten über meine Beine und meinen Körper schlugen und mein Fleisch versengten. Ich war so schwach und so erschöpft. Ich schrie noch einmal, aber bevor ich meine Hände von der Kante gleiten lassen konnte, streckte Lincoln seinen ebenfalls schlimm verbrannten Arm aus und packte damit meinen.
Ich blickte auf, meine Augen quollen über mit Tränen des Schmerzes und des Verstehens. Ich musste wegschauen. Ich ließ meine andere Hand vom Felsen gleiten und herunterhängen.
»Nicht, Violet!« Lincolns Stimme war stark und unerschütterlich. Ich war überrascht. »Wag es nicht! Sieh mich an!«
Ich wollte es nicht, aber ich konnte mich nicht beherrschen. Ich musste ihn ein letztes Mal anschauen. Ich machte den Mund auf, um ihm Lebewohl zu sagen, aber er ließ mich nicht zu Wort kommen.
»Wenn du loslässt, werde ich dir nachspringen!«
Meine Hand rutschte in seinem Griff und ich tat nichts dagegen, aber er hielt mich weiterhin fest.
»So ist es besser, Linc! Du kannst ohne mich gegen ihn kämpfen und dann wirst du frei sein!«
Er sah mich an, als wäre ich verrückt, aber dann presste er entschlossen den Kiefer zusammen.
»Du riechst nach Wintertau in der ersten Morgendämmerung, und wenn du deine Kraft einsetzt, fühlt es sich an, als würde man in die köstlichste Vanillecreme eintauchen, in der ich mich jedes Mal verliere und … Und du warst schön«, platzte er heraus und überraschte uns beide damit. Aber er fuhr fort und ignorierte die Tatsache, dass meine Hand noch immer rutschte. »Du sahst so atemberaubend aus in diesem Kleid neulich, dass ich dich kaum ansehen konnte, weil es so wehtat. Du bist das, was ich in mir selbst am meisten fürchte, Violet, weil … ich dich so sehr liebe, dass ich mir selbst nicht trauen kann. Ich würde für dich sterben, würde meine ganze Kraft für dich aufgeben, ich würde dir sofort meine Seele schenken, auch wenn es bedeutete, dass ich zu ewiger Qual verurteilt wäre – und das alles, damit du nur einen Augenblick lang mir gehörst. Dich zu begehren bringt mich um. Ich fürchte mich vor dir, weil ich das Risiko kenne, aber ich bin egoistisch genug, dich trotzdem zu wollen. Ich würde dich nehmen, auch wenn dich das umbringen könnte.«
Wieder schrie ich auf, der Schmerz war jetzt unerträglich, sowohl innerlich als auch äußerlich.
Meine Hand rutschte weiter ab, während ich ihm in die Augen sah, und ich wusste, dass er die Wahrheit sagte. Er würde hinter mir her in den Vulkan springen. Ich zwang meinen freien Arm nach oben und er griff nach ihm, wobei er sich noch weiter in die Öffnung beugte.
Er zog mich heraus und dabei wurde die Schwere meiner Verbrennungen offenbar. Ich konnte die Schreie nicht mehr zurückhalten und er legte mich bäuchlings auf den Boden.
»Shit.«
Es musste schlimm sein. Lincoln fluchte sonst nie.
»Oh, Shit.«
Griffin auch nicht.
»Shit.«
Spence fluchte eigentlich ständig, trotzdem brachte dieses dritte »Shit« das Fass zum Überlaufen. Ich fing an, unkontrolliert zu zittern.
Honig und Sahne. Dieses Mal nicht so tröpfelnd und warm. Nein, dieses Mal hüllte es mich ein und wogte durch mich hindurch wie eine Flut. Ich spürte, wie der schlimmste Schmerz nachließ. Lincoln bearbeitete mich mit seiner Kraft so schnell und so stark er konnte.
»Wir haben keine Zeit!«, rief Spence eindringlich. Er und Griffin kämpften gegen Verbannte, während Lincoln versuchte, mich zu heilen. »Dieses Ding explodiert gleich richtig und dann wollen wir nicht mehr hier oben sein!«
In meine Beine kam wieder Gefühl zurück, sodass der Schmerz von den Verbrennungen hinten an meinen Oberschenkeln und Waden wieder deutlich spürbar wurde.
»Sie muss kämpfen können!«, schrie Lincoln.
Ich wusste, er würde weitermachen, egal was passierte. Ich stemmte mich auf die Knie und versuchte erfolglos die Tränen zurückzuhalten.
»Schon gut. Ich kann kämpfen, aber ich habe keinen Dolch.«
Er legte seine Hände um mein Gesicht, seine Augen schienen so viel zu sagen, schienen so viel Liebe zu enthalten.
»Bleib neben mir. Wie in alten Zeiten.«
Er meinte, als ich meinen Dolch noch nicht benutzen konnte. Ich würde gegen sie kämpfen, er würde sie zurückschicken. Ich nickte.
Lincoln half mir auf und achtete vorsichtig darauf, wo er mich berührte. Dann zog er sein T-Shirt aus und zog es mir über den Kopf. Als ich ihn fragend ansah, zuckte er nur mit den Schultern.
»Der größte Teil des Kleides ist auf deinem Rücken geschmolzen.«
Na fabelhaft.