Kapitel Fünf
»Die Leute sehen nur, was sie bereit sind zu sehen.«
Ralph Waldo Emerson
Dad stocherte gerade in einem Teller Frühlingsrollen herum, als ich verspätet ins Restaurant kam.
»Hast du dich verlaufen?«, fragte er, aber sein Lächeln stockte und er ließ seine Vorspeise in den Dip fallen. »Was ist passiert?«, fragte er. Er sah besorgt aus, als er aufstand und vorsichtig meinen Arm nahm.
In meiner Eile war mir das Tuch in die Ellbogenbeuge gerutscht. Dad begutachtete einen ziemlich großen Bluterguss auf meinem verletzten Arm.
Ich musste ein paarmal tief durchatmen, weil ich nach meinem Zusammentreffen mit Phoenix noch immer Mühe hatte, mich zusammenzureißen. »Oh. Ich … bin in einen Baum gekracht«, sagte ich schließlich.
Eigentlich … stimmte das.
»Unfall«, fügte ich hinzu.
Eigentlich … falsch.
»Sieht aus, als würde es wehtun, muss ein ziemlich verärgerter Baum gewesen sein«, sagte er. Etwas in seinem Tonfall beunruhigte mich.
Misstrauen?
»Ich denke, das wird mich lehren, künftig besser aufzupassen, wo ich hinlaufe«, sagte ich und sah meinen Arm an, als wäre mir bisher gar nicht aufgefallen, wie schlimm es war. Dabei versuchte ich, ihn Dads Griff zu entziehen und so zu tun, als würde er nicht höllisch wehtun. Als ich mich befreit hatte, rückte ich mein Tuch wieder zurecht und setzte mich hin. »Hast du sonst noch etwas bestellt?«
Er nickte, setzte sich ebenfalls hin und sah mich dabei noch immer seltsam an. »Das Übliche.«
»Großartig«, sagte ich, wobei sich meine Laune deutlich verbesserte. »Ich bin am Verhungern.«
Nach einem Teller Frühlingsrollen, Phat Thai mit Hühnchen, grünem Curry und zwei Gläsern Cola suchte ich nach einem Fluchtweg. Und zwar einem schnellen.
Es war, als hätte man Dad einer Art Gehirnwäsche unterzogen. Er war nicht nur gesprächig, sondern er beobachtete mich auch so eingehend und stellte mir so viele Fragen wie … noch nie zuvor in meinem ganzen Leben. Ich hatte recht, er war definitiv misstrauisch.
Ich war den Fragen über meine außerschulischen Aktivitäten ausgewichen, indem ich ihn mit meinem vollen Stundenplan abspeiste, den ich hatte, weil ich mich auf den Fenton-Kunstkurs vorbereitete, der nach meinem Abschluss beginnen würde, und weil ich immer mit Steph in der Bibliothek lernte. Doch als Dad mich über Lincoln ausfragte und nicht nur wissen wollte, ob wir immer noch befreundet waren, sondern auch wie Lincolns Zukunftspläne aussahen und ob wir noch zusammen trainierten – denn ich würde sehr fit aussehen – wusste ich, dass ich hier raus musste.
»Dad, ich … ähm … ich bin eigentlich ein bisschen müde. Macht es dir etwas aus, wenn wir uns auf dem Nachhauseweg einfach irgendwo ein Eis holen?«
Okay, ich dachte, mich trifft der Schlag, als mein Vater – der Mann, der normalerweise jede Gelegenheit nutzt, um persönlichen Gesprächen aus dem Weg zu gehen – seine Serviette hinlegte und sagte: »Ehrlich gesagt wäre es mir lieber, wenn wir uns noch ein paar Minuten unterhalten könnten, Liebes.«
Ich saß völlig entgeistert da. Ich überlegte mir, ob ich ihn fragen sollte, ob es ihm gut geht, ob er sich irgendeine tödliche Krankheit eingefangen und nur noch wenige Tage zu Leben hätte. Ich wollte gerade den Mund öffnen … nichts.
»Es ist nur so, dass, na ja«, er räusperte sich und bemerkte meine Fassungslosigkeit überhaupt nicht. »Ich weiß, dass ich nicht oft da bin. Und neulich wurde ich darauf aufmerksam, dass ich … in anderer Hinsicht vielleicht auch nicht genug da bin.« Er seufzte.
Meine Gedanken überschlugen sich.
Er wurde aufmerksam? Wer zum Teufel hat es geschafft, seine Aufmerksamkeit lange genug zu erregen, dass er sich Gedanken machte?
»Ich bin darin nicht besonders gut, Vi. Du denkst wahrscheinlich, dass ich ein schlechter Vater bin und ich … ich würde es dir nicht verübeln, wenn es so wäre. Aber ich habe das Gefühl, dass ich zwischen zwei Welten gefangen bin seit … deiner Mutter. Ich habe die Zügel nie wirklich in die Hand genommen und du warst immer so ein braves Mädchen. Ich glaube, ich habe dich die ganze Last tragen lassen.«
Großer Gott, hat mein Vater gerade wirklich das Wort »Gefühl« verwendet?
Die Tür des Restaurants ging auf und eine glückliche Familie ging hinaus. Die Eltern riefen den Kellnern »Danke« zu, während der Junge zwischen seinen Eltern an deren Händen hin und her schwang.
Wenn ich renne, schaffe ich es vielleicht durch diese Tür, bevor sie zuschlägt.
»Ich weiß, dass in deinem Leben gerade etwas vor sich geht, Vi.«
Weiß er das? Könnte es sein, dass Dad die ganze Zeit über Bescheid gewusst hat? Oder was geahnt hat?
Meine Hände wanderten zu meinen Armbändern, drehten sie um meine Handgelenke.
»Und ich kann sehen, dass es dich verändert hat.«
Er weiß es.
»Wenn wir jung sind, passieren viele Dinge, die wir für sehr bedeutend halten, aber eigentlich … sind sie das nicht. Ich kann sehen, dass du dich nicht mehr auf die Schule konzentrierst, und mir ist klar, dass du jetzt bald damit fertig bist, aber es gibt immer noch viel zu tun und du hast in meiner Gegenwart noch nicht über mögliche Universitäten gesprochen und ich habe auch noch keine Bewerbungen herumliegen sehen. Violet, wenn da etwas vor sich geht, was ich wissen muss, dann ist es an der Zeit, es mir zu sagen«, sagte Dad und klang dabei strenger, als ich ihn je erlebt hatte.
Er weiß es nicht.
Ich brauchte einen Moment, bis ich mich von dieser Achterbahn von Gespräch erholt hatte, dann machte ich zügig die Schotten dicht.
»Es geht mir gut. Alles ist in Ordnung.«
Dad beobachtete mich, wie ich mit einem erstarrten Lächeln auf dem Gesicht dasaß. Er schien ein wenig enttäuscht zu sein. Er hatte etwas von sich preisgegeben, ohne dass er von mir etwas zurückbekommen hätte, aber er hatte sich offenbar auf dieses Gespräch vorbereitet und ich … Verdammt, ich hatte einfach nicht damit gerechnet, dass er irgendetwas über sein »Und? Wie war dein Tag?« hinaus sagen würde.
»Okay. Ich nehme dich beim Wort.« Er stand auf. »Dann holen wir uns mal ein Eis auf dem Nachhauseweg.«
Da war es also, das erste elterliche Verhör, das mein Vater je erfolgreich vor mir abgezogen hatte.
Ich zog mein Schultertuch um mich – ich fühlte mich einsam und mein Arm tat immer noch weh. Ich hätte eine Schmerztablette nehmen sollen, bevor ich von zu Hause wegging. Wir bahnten uns einen Weg zwischen den Tischen des vollen Restaurants hindurch. Vorne hielt uns der Besitzer an, um Dad – »John« – zu fragen, ob alles in Ordnung gewesen war. Als ich stehen blieb, spürte ich ein Stechen in der Brust, dann ein scharfes Pochen an den Rippen. Mit einem Ruck richtete ich mich auf und konzentrierte mich darauf, tief einzuatmen. Ich wusste es sofort. Es war nicht mein Schmerz, den ich da fühlte.
Es ist nicht so schlimm, redete ich mir ein. Wahrscheinlich nur ein paar gebrochene Rippen.
Ich lächelte, als mir der Restaurantbesitzer hinter seiner Theke ein billiges Grinsen zuwarf. Es war noch das gleiche Grinsen, das er immer für mich reserviert hatte, als ich noch neun war.
Lincoln.
Der Schmerz flaute ab. Doch er war nicht so stark gewesen wie die anderen Male, als ich so etwas gespürt hatte. Die Gefühle wurden jedes Mal intensiver, und auch wenn sie rasch vorbeigingen, hasste ich das, was danach kam, noch mehr. Alles in mir wollte zu ihm rennen. Jeder Atemzug fühlte sich wie eine unmögliche Verspätung an, als mein Instinkt und noch etwas anderes übernahmen und versuchten, mich zu steuern. Ich griff nach einem der Stühle und stemmte beide Füße fest in den Boden, während ich darauf wartete, dass Dad nicht mehr John war, damit ich mit ihm zur Eisdiele gehen konnte, bevor es nach Hause ging.
Als wir am Eingang unseres Wohnblocks ankamen, entdeckte ich Spence, der an der Mauer lehnte.
»Dad, wir sehen uns dann oben. Ich will nur kurz zu einem Freund Hallo sagen«, sagte ich und deutete in Spence’ Richtung. Dad nickte Spence knapp zu – er glaubte wohl, er sei ein Schulfreund von mir – aber in seinem Lächeln schwang etwas mit, vielleicht Enttäuschung.
»Bleib nicht so lange«, sagte er und ging hinein.
So viele Male hatte ich versucht, mit ihm zu reden, und es hatte zu nichts geführt, deshalb wusste ich genau, wie er sich fühlte, und ich wäre ihm am liebsten nachgelaufen. Aber zuerst musste ich mit Spence reden.
Ich lehnte mich neben ihn an die Mauer, nachdem ich mein Eis, das ich kaum angerührt hatte, in den Mülleimer geworfen hatte.
»Ich hätte das noch gegessen«, sagte Spence.
Ich ignorierte ihn. »Wie schlimm?«
»Du weißt genau, dass er dahinterkommen wird, wenn ich dir dieses Zeug berichte«, murrte er.
Spence war keine Petze. Aber auch wenn er jetzt bei Lincoln wohnte, war Spence in erster Linie mein Freund.
»Spence«, sagte ich warnend.
»Eine Rippe, vielleicht auch zwei. Es geht ihm gut. Wahrscheinlich sind sie in ein oder zwei Tagen ganz von selbst verheilt.«
»Wo war er?«, fragte ich, aber ein Teil von mir wusste es bereits. Phoenix sandte mir alle paar Abende Verbannte, aber ich hatte bereits den Verdacht gehabt, dass er sie noch öfter ausschickte – ich hatte sie nur nicht gesehen. Außerdem gab es einen Grund, weshalb ich diese Verletzungen heute Abend so stark gespürt hatte.
»Ah … komm schon, Eden, jetzt reicht es«, sagte Spence und zappelte an der Wand herum.
Ich starrte ihn nur an.
»Ich weiß nicht«, brach es aus ihm heraus. »Irgendwo in der Stadt.«
»Er patrouillierte in der Nähe des Restaurants, nicht wahr? Ich habe es stärker gespürt – ich weiß, dass er in der Nähe war.«
Spence antwortete nicht, was ich als Ja interpretierte.
»Wie viele waren es?«, fragte ich. Inzwischen bereute ich es noch mehr, dass ich Phoenix geschlagen hatte. Zweifellos würde er das als faire Wiedergutmachung betrachten.
»Drei.«
Meine Augen weiteten sich. »Wer war bei ihm?«
Spence antwortete nicht.
»Himmel! Er war allein?«, rief ich, wobei mich zunehmend beunruhigte, dass er vielleicht in schlimmerer Verfassung sein könnte, als Spence zugeben wollte. Erst heute hatte ich eine Kostprobe davon bekommen, wie schwierig es für einen Grigori war, gegen drei Verbannte zu bestehen. Das war meine Schuld. Phoenix hatte wahrscheinlich gewusst, dass Lincoln in der Nähe war.
»Ja. Der Mann ist jetzt schon eine Legende. Er hat zwei von ihnen zurückgeschickt«, sagte Spence und nickte dabei anerkennend mit dem Kopf.
Lincoln hatte eindeutig einen Fan gefunden.
»Also«, sagte ich und versuchte, meine Gedanken zu sammeln. »Wo ist er jetzt?«
Spence zuckte die Schultern. »Ich nehme an, er ruht sich aus. Ich weiß es auch nur, weil er mich angerufen hat, nachdem er Griffin nicht erreichen konnte. Er hat mich darum gebeten, ihm auszurichten, dass einer von ihnen entkommen konnte. Möchtest du, dass ich die Gegend überprüfe, bevor ich gehe?«
»Nein«, sagte ich, dann wurde mir klar, weshalb er so rasch hergekommen war. »Deshalb bist du hier! Lincoln hat dich hierher geschickt, um zu patrouillieren, für den Fall, dass der andere zurückkommt. Oh mein Gott!« Ich schäumte vor Wut. Vertraute Lincoln so wenig darauf, dass ich mich selbst schützen konnte? Ich brauchte definitiv nicht Spence, um meine Haustür zu bewachen.
Er ging von der Mauer weg. »Hey, du weißt, mir ist klar, dass du zuschlagen kannst. Ich habe Blessuren, die das beweisen. Ich glaube sowieso nicht, dass es heute Abend noch zu irgendwelchen Aktivitäten kommt, aber du weißt ja – der Kerl kann ganz schön überzeugend sein.«
Es war mir eigentlich ziemlich egal, was Spence machte. Ich glaubte nicht, dass Lincoln zu Hause bleiben würde, um sich auszuruhen. Draußen in der Nacht spukte noch immer allerlei herum und – gebrochene Rippen hin oder her – Lincoln war entschlossen genug, um wieder hinaus zu gehen und den, der entkommen war, zu suchen.
Ich hatte nichts dagegen. Ich würde warten.
Dad saß an der Frühstückstheke, als ich hereinkam. Er nippte an einem Kaffee und neben ihm stand eine weitere volle Tasse.
Oh, bitte!
Als ich in die Küche trat, drehte er sich um, und ich zog es vor, an der anderen Seite der Theke stehen zu bleiben, anstatt mich neben ihn zu setzen. Er schob den Kaffee zu mir herüber. Müde fuhr ich mir mit der Hand über das Gesicht. Es war ein langer Tag gewesen.
Und er ist noch nicht vorbei.
»Danke«, sagte ich und nahm dankbar einen Schluck. Dad und ich konnten absolut nicht kochen, aber wir machten beide einen verdammt guten Kaffee.
»Wie geht es deinem Freund?«, fragte Dad.
»Gut.«
Er nickte, und eine unangenehme Stille senkte sich über uns. Normalerweise würde Dad an diesem Punkt aufstehen, um zu arbeiten oder um schlafen zu gehen. Er rutschte auf seinem Stuhl herum.
»Ich … Vi … Also, ich gehe morgen Abend aus. Oh, du weißt schon, nach der Arbeit einen trinken gehen.«
Ich lächelte, wobei ich ein wenig Erleichterung aus- und den Machtwechsel einatmete. »Caroline?«, fragte ich lauernd. Ich hoffte, es wäre Caroline. Seit ich denken konnte, war sie Dads persönliche Assistentin und hatte eine Schwäche für ihn. Ich hatte nie geglaubt, dass Dad das bemerkt hatte, aber vielleicht lag ich da falsch.
»Hältst du das für eine schlechte Idee?«, fragte er, wobei er auf einmal wesentlich jünger klang als er war.
Ich glaubte ehrlich nicht, dass Dad in den letzten siebzehn Jahren ein Date hatte. Und ich war momentan nicht gerade die beste Wahl, wenn es darum ging, Beziehungsratschläge zu geben, aber ich hielt den Kommentar zurück, der mir schon auf der Zunge lag, nämlich, dass alle Beziehungen mit gebrochenen Herzen oder Mord und Totschlag enden, und begnügte mich damit zu sagen: »Das ist eine tolle Idee, Dad.« Und dann kam mir eine Idee, wie ich mir selbst bei einem anderen Problem aus der Patsche helfen konnte. »Und ich übernachte morgen bei Steph, dann habt ihr die Wohnung ganz für euch allein.«
Dad fuhr hoch wie eine Rakete. »Violet«, hustete er. »Wir gehen nur nach der Arbeit etwas trinken.« Er nahm seine Tasse von der Spüle und trank sie leer, dann beugte er sich vor und drückte mir seinen üblichen Kuss auf die Stirn. »Ich gehe jetzt schlafen.«
»Süße Träume«, neckte ich ihn, während er schnell aus dem Zimmer ging, und unterdrückte ein Lachen.
Das war ja gut gelaufen.
Ich hatte nicht nur einfließen lassen, dass ich morgen Abend nicht nach Hause kommen würde, sondern er hatte sich auch in sein Zimmer zurückgezogen, und ich wusste, dass er nach diesem Gespräch heute Abend auch nicht mehr auftauchen würde.
Ich nahm meinen Kaffee und ging in mein Atelier. Ich überlegte, noch zu malen, aber als ich hineinging, fiel mir wieder ein, dass ich all meine Kunstsachen an die Wand gerückt hatte – den überwiegenden Teil des Platzes nahmen jetzt Trainingsmatten ein. Ich konnte an nichts herankommen, ohne alles umzuräumen. Zu trainieren wäre Unsinn gewesen. Ich würde sowieso bald wieder zu einem Workout kommen, deshalb setzte ich mich stattdessen auf die Fensterbank, über der der Engel, der mich gemacht hatte, immer schwebte.
Ich blickte hinaus, sah hinunter auf die Straßen der Stadt. Die Autos flitzten vorbei, auf der einen Seite blitzten die Scheinwerfer auf, auf der anderen die roten Bremslichter. Ich schaute zu dem Park am Ende der Straße hinüber und schob meine Sinne nach außen.
Der Park – das war es.