Kapitel Fünfzehn
»Ihr Verdorrte am Herzen, kein Friede wird euch zuteilwerden!
Das Buch Henoch 6, 5
Ich schlief nicht gut. Mir ging das alles nicht lange genug aus dem Kopf, um mich wirklich entspannen zu können. Ein paarmal nickte ich ein, schreckte aber scheinbar Sekunden später wieder auf. Es war Samstag – Mädchen in meinem Alter sollten an diesem Tag im Einkaufszentrum sein, sich einen Film ansehen, im schlimmsten Fall lernen. Mein Leben würde nie wieder so sein.
Vielleicht … war es eigentlich nie so gewesen.
Obwohl es noch so früh war, hatte ich nicht erwartet, Dad an der Frühstückstheke vorzufinden. Aber dann fiel mir wieder ein, dass ich es hier mit einer ganz neuen Art von Elternteil zu tun hatte. Einer, die ich überhaupt nicht einschätzen konnte.
Anhand der Krawatte, die er trug, merkte ich, dass er auf dem Weg ins Büro war. Wahrscheinlich hatte er Meetings geplant. Was die Arbeit betraf, machte Dad keinen Unterschied zwischen Wochenenden und Werktagen. Ich stellte mir vor, dass es für ihn einer Todesstrafe gleichkäme, wenn er zwei ganze Tage pro Woche ohne Arbeit auskommen müsste, auf die er sich konzentrieren konnte.
»Morgen«, sagte ich und rieb mir die Augen. Ich war wütend auf ihn, weil er ausgerechnet jetzt damit anfangen musste, sich in mein Leben einzumischen. Am liebsten hätte ich zu ihm gesagt, er solle sich raushalten, ihm erklärt, dass er jetzt nicht damit anfangen konnte, eine aktive Vaterrolle zu übernehmen, nachdem er die ersten siebzehn Jahre meines Lebens darauf verzichtet hatte, aber … Ich musste heute raus, ich packte keinen weiteren Tag ohne ordentliches Training.
»Morgen, Liebes«, sagte er und biss in seinen verbrannten Toast.
Ich beschloss, den Frieden zu wahren. »Ich … ähm, ich habe mich heute mit meinem Freund Spence zum Trainieren verabredet.« Ich schluckte meine Sturheit runter und achtete darauf, dass mein Tonfall nicht allzu herausfordernd klang. »Wenn das okay für dich ist?« Ich konnte ihn kaum anschauen, als ich die Worte herauspresste.
Dad klappte der Mund auf. Zu jedem anderen Zeitpunkt wäre das vielleicht komisch gewesen. Aber ich lächelte nicht. Ich war besorgt. Womöglich öffnete ich hier eine Tür, die ich nicht mehr so leicht wieder schließen könnte.
»Um sechs bist du zu Hause.«
Ich nickte und schnappte mir meine Tasche. Bis dahin würde ich viel zu tun haben.
»Ich meine es ernst, Vi. Zwing mich nicht dazu, die Hausarrestregeln noch einmal zu überdenken. Wenn es sein muss, dann werde ich das nämlich tun.«
Himmel, so langsam findet er Gefallen an diesem Zeug. Jetzt fing er schon an, mir zu drohen.
Ich joggte zu Lincolns Wohnung und blieb stehen, als mein Handy klingelte.
»Hi, Griff«, sagte ich, als ich die Rufnummer erkannte. »Es ist früh für dich. Was ist los?«
»Wo bist du?«
»Auf dem Weg zu Spence«, sagte ich und klang dabei so erleichtert, wie ich mich fühlte, der Eden-Vollzugsanstalt entkommen zu sein. Ich verfiel wieder in gemäßigtes Joggingtempo, weil ich vorwärtskommen und mich warm halten wollte.
»Kannst du auf dem Weg im Krankenhaus vorbeikommen?«
»Klar.« Das war kein großer Umweg. »Warum bist du dort?«
»Ich sehe nach Onyx.«
»Oh, klar. Wir sehen uns dort.«
Ich hatte ohnehin vorgehabt, heute bei Onyx vorbeizuschauen. Seit er eingeliefert worden war, hatte ich ihn nicht mehr gesehen, und ich wusste, dass ich das nicht länger aufschieben konnte. Das Problem war – ich war mir nicht sicher, was ich ihm sagen sollte.
Ich rief Spence an, der klang, als hätte er vergessen, dass wir heute trainieren wollten, und verschob das Ganze um ein paar Stunden. Ich hörte, wie er im Hintergrund auf Knöpfe drückte. Wahrscheinlich würde er noch immer an der PlayStation sitzen, wenn ich bei ihm ankäme.
Ich erreichte das Krankenhaus recht schnell, und während ich mich auf den Weg zu den Stationen machte, wuchs meine Beunruhigung. Ich wusste nicht, was mich erwartete, wenn ich Onyx sah. Wie schlimm er aussehen würde oder was ich zu ihm sagen sollte.
Wird er sich an das erinnern, was er zu mir gesagt hat? Will ich das überhaupt?
Unsere Beziehung hatte sich verändert, und ich hatte keine Ahnung, was für ein Onyx mich auf der anderen Seite der Tür erwarten würde.
Ich trat einen Schritt zurück und fragte mich, ob ich draußen auf Griffin warten sollte. Doch bevor ich noch die Gelegenheit hatte kehrtzumachen, ging die Tür auf und Griffin stand da, das Handy in der Hand.
»Ich wollte dich gerade noch mal anrufen.«
Ich lächelte ein wenig. »Nicht nötig.«
Hinter ihm konnte ich Onyx in einem Bett liegen sehen. Er beobachtete uns. Der unsichere Ausdruck in seinen Augen, als würde er noch nicht wissen, ob er wollte, dass ich hereinkomme oder nicht, verschwand rasch.
»Oh, hervorragend«, sagte er sarkastisch. »Da ist sie ja. Ich war auf Essen-auf-Rädern und nicht auf sofortiges Ableben eingestellt. Du hättest mir wenigstens die Chance geben können, mich zu erholen, bevor du sie zu mir bringst. Weiß der Teufel, wie viele Verbannte sie heute im Schlepptau hat!«
Er warf den Kopf auf sein Kissen zurück und ich musste unwillkürlich lächeln. Manche Dinge änderten sich offenbar nie. Nicht vollständig jedenfalls. Ich machte einen weiteren Schritt in das Zimmer.
»Wenn du darauf bestehst hereinzukommen, dann lass sie wenigstens die Morphiumdosis erhöhen – das werde ich brauchen, um den Besuch durchzustehen«, sagte er, aber ohne seinen sonstigen Biss. Bei seinen letzten Worten stockte ihm die Stimme, als echter Schmerz aufloderte.
Onyx wirkte geschlagen, seine porzellanfarbene Haut hatte jetzt einen antikgelben Teint und seine normalerweise dunklen Augen sahen blass aus und hatten rote Ränder anstelle seines üblichen schwarzen Kajals. Blutergüsse bedeckten fast sein ganzes Gesicht und seiner steifen Haltung nach zu urteilen war sein ganzer Körper straff bandagiert.
»Tut mir leid, dass du verletzt wurdest. Ich … ich habe gehört, dass du gegen sie gekämpft hast.« Unwillkürlich war ich über meine eigenen Worte gestolpert, aber ich hatte noch immer ein wenig Schwierigkeiten mit der Vorstellung von »Onyx dem Beschützer«.
Er gackerte sarkastisch. »Bist du verrückt? Natürlich habe ich nicht gegen sie gekämpft! Ich stand ihnen nur einen Moment lang im Weg, und zwar völlig unfreiwillig. Wenn ich hätte fliehen können – dann wäre ich geflohen.«
Ich zuckte mit den Schultern, wenig überzeugt. »Wie auch immer, ich bin froh, dass du okay bist.«
Er blickte an mir vorbei an die kahle Wand.
»Violet, wir müssen reden«, sagte Griffin mit einem Blick zur Tür.
Ich nickte, aber da kam mir ein Gedanke.
»Steph hat den ersten Text der Schrift gestern Abend übersetzt.«
Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf Onyx. Er versuchte, sein Interesse zu verbergen, aber sein Kopf machte einen Ruck und hielt dann plötzlich inne.
Wie Bonbons bei einem Kind.
Griffin schüttelte den Kopf. »Dieses Mädchen ist unglaublich. Sie hat geschafft, was alle ranghohen Grigori an der Akademie versuchen, seit sie den Text zum ersten Mal zu Gesicht bekommen haben. Faszinierend«, staunte er.
Ich zog das Stück Papier aus meiner Tasche und gab es Griffin und hoffte, er würde den raschen Blick, den ich ihm zuwarf, richtig verstehen.
»Onyx«, begann ich, »glaubst du, du könntest uns dabei helfen, hinter seine Bedeutung zu kommen?«
Ich wusste, dass ich ein Risiko einging. Und ich konnte auch nicht an Griffins Gesichtsausdruck ablesen, ob er es erlauben würde, aber was immer Onyx über uns dachte – ich war mir ziemlich sicher, er würde etwas wissen, was uns weiterhelfen konnte.
Onyx knurrte missbilligend, aber er bemühte sich nicht, seine Faszination zu verbergen.
Griffin studierte das Blatt Papier, machte einen Schritt auf Onyx’ Bett zu und rezitierte das Gedicht.
»Erwache, Tartarus und bedecke den Tag, verdunkle den Blick und der Sonne Strahl.«
»Die Sonne«, sagte Onyx.
Griffin nickte zustimmend. »Feuerregen und Aschefall, einer erleidet unsägliche Qual.«
Onyx schwieg.
Griffin fuhr fort. »Tosende Flammen durchbohren die Luft, entzünden den Blick auf die steigende Flut. Eine Woge des Todes, nur um die zu erlösen, der keiner verzeiht – die Erweckung des Bösen.«
»Na ja, das Ende ist eindeutig«, sagte Onyx. »Der niemand verzeiht bezieht sich auf die Verdammte.«
»Lilith«, sagte ich, wobei mir ihr Name wie ein Splitter im Hals steckte.
Onyx nickte, dann schnitt er eine Grimasse. »Aber nicht nur sie. Damit können alle gemeint sein. Es muss einen Weg geben, sie zu selektieren.«
»Was bedeckt den Tag?«, fragte ich.
»Dunkelheit«, sagte Onyx, ohne zu zögern.
»Was ist mit den anderen Zeilen?«
Er lehnte sich wieder in seinem Bett nach hinten. »Ich weiß noch nicht. Ich werde ein wenig darüber nachdenken.«
Er wusste mehr, als er sagte, das merkte ich, und Griffins Gesichtsausdruck nach zu urteilen war ihm das auch klar, aber er sprach Onyx nicht auf die Lüge an, deshalb unterließ ich es auch.
»Ich bringe dich noch hinaus«, sagte Griffin.
Ich nickte.
»Ja. Tada. Sagt der Krankenschwester, sie soll mir das verdammte Morphium bringen, sonst finde ich sie und reiße ihr das Herz heraus, wenn ich erst mal wieder der Alte bin, okay?«, sagte Onyx.
»Ich komme dich in ein paar Tagen wieder besuchen«, sagte ich und ignorierte seinen Kommentar und den darauf folgenden funkelnden Blick.
»Nicht nötig. Dapper sorgt morgen für meine Entlassung.«
Es schien zu früh für ihn zu sein, das Krankenhaus zu verlassen, und ich warf Griffin einen besorgten Blick zu. Er zuckte nur mit den Schultern.
»Dapper sagt, dass er mit ihm klarkommt.«
»Wenn du wirklich helfen willst, könntest du dafür sorgen, dass bei meiner Rückkehr ein paar Flaschen Bourbon auf mich warten.«
Ich folgte Griffin aus dem Zimmer. »Auf gar keinen Fall«, sagte ich, ohne mich umzublicken. Doch als ich die Tür hinter mir zuzog, hörte ich, wie Onyx leise, sodass nur ich es hören konnte, etwas erwiderte.
»Ich bin mir sicher, es wird schon noch etwas geben, das dich überzeugen wird.«
Ich fragte mich, wie viel von dem Gedicht er wirklich verstand.
Griffin tippte gerade etwas in sein Handy, als ich zu ihm in den Flur trat.
»Ich bin mir nicht sicher, ob Onyx nicht …«, fing ich an, aber er unterbrach mich, indem er kurz mit seinem Handy herumfuchtelte.
»Bin schon dabei. Ich werde Grigori hier postieren, bis er das Krankenhaus verlässt, und wir werden jeden überprüfen, der ihn besucht. Er wird nichts tun, was uns verborgen bleibt.«
Ich hoffte wirklich, dass das funktionieren würde. Doch es war uns beiden bewusst, dass Onyx noch immer eine Unbekannte war. Er hielt zu uns, weil sich ihm momentan keine bessere Option bot, doch sollte ein reizvolleres Angebot seinen Weg kreuzen …
Griffin ging auf den Ausgang zu. »Die Akademie hat heute Morgen angerufen. Sie schicken ihren Vize hierher«, sagte er, wobei er das Wort »Vize« gefährlich klingen ließ.
»Wer ist das?«
»Josephine. Sie ist zweite Vorsitzende der Akademie und im Rat. Sie ist schon sehr lange dabei, ist sehr mächtig und kriegt immer, was sie will.«
Das war wohl wenig überraschend. Nach allem, das geschehen war, musste Griffin die Akademie über die Entwicklungen auf dem Laufenden halten. Jetzt wo wir Phoenix die Schrift der Verbannten gegeben hatten, konnte ich verstehen, weshalb sie jemanden schickten.
»Wer ist ihr Partner?«
»Im Moment hat sie keinen. Soweit ich weiß, hatte sie vier. Sie sind alle tot.« Griffin zeichnete nicht gerade ein rosiges Bild.
Ich verlangsamte meine Schritte und meine Worte: »Griffin, warum genau kommt sie?«
»Wegen der Schriften, aber auch, um … dich kennenzulernen.«
»Warum?«, fragte ich, und ein rundum schlechtes Gefühl stieg in mir auf.
Wir schoben uns durch den Ausgang und ein kalter Wind schlug uns entgegen.
»Weil sie wissen, dass da etwas im Busch ist. Sie haben die Gerüchte gehört, und obwohl wir nicht bestätigt haben, dass der Engel, der dich gemacht hat, einer der Einzigen ist, wird sie das nicht von Nachforschungen abhalten. Du bist möglicherweise der mächtigste Grigori, der je erschaffen wurde. Wir verstehen noch immer nicht deine Fähigkeiten, deshalb will man, dass du eingeschätzt und … überwacht wirst. Sie werden entscheiden, ob es notwendig ist, dass du …« Er verstummte. Er sah besorgt aus und so, als würde ich ihm leidtun.
»Griffin«, drängte ich ihn.
»Sie glauben, dass du an der Akademie ausgebildet werden musst. Von ihnen. Josephine ist autorisiert, das zu entscheiden, solange sie hier ist.«
Ich blieb abrupt stehen. »Was meinst du damit?«, fragte ich lauter, als ich vorgehabt hatte. »Das ist meine Entscheidung! Was wollen sie dagegen tun – mich einsperren?«
Griffin seufzte und senkte den Kopf, aber nicht bevor sein Blick Ja gesagt hatte. »Sie haben Mittel und Wege, fast alles zu tun, was sie wollen. Viele Grigori gehören zur Akademie – alle haben unterschiedliche Talente, die sie ohne zu zögern bei dir anwenden würden, wenn sie glauben, dass es in ihrem Interesse ist.«
Ich ließ seine Worte auf mich wirken und erwiderte nichts. Was konnte ich schon sagen? Mir wurde gerade mitgeteilt, dass sie mir meine freie Wahl wegnehmen würden – mich dazu zwingen würden, an die Akademie zu gehen. Eines wusste ich in diesem Augenblick ganz sicher – ich würde niemals willentlich zulassen, dass dies geschah.
»Violet, du weißt, dass ich alles tue, was ich kann.«
»Wann kommt sie an?«, fragte ich. Es gelang mir kaum, meine Wut auf ihn zu unterdrücken, weil er einer von ihnen war.
»In fünf Tagen.«
Wir standen einen Moment lang schweigend da, dann streckte Griffin seine Hand aus, ohne mich jedoch zu berühren.
»Violet?«
Ich trat zurück und blickte ihn kurz an. »Ich weiß«, sagte ich und wandte mich um, um in die entgegengesetzte Richtung zu gehen. »Ich muss jetzt Spence treffen«, sagte ich über meine Schulter hinweg und rannte dann davon.
Ja, ich rannte. Aber mit Absicht.
Wie es aussah, war Dad nicht der Einzige, der mich hinter Schloss und Riegel sehen wollte.
Spence machte die Tür auf, in der Hand hatte er das Steuergerät der PlayStation. »Wo brennt es?«, fragte er und trat beiseite, als ich hineinstürmte.
Ich sah Lincoln aus seinem Zimmer kommen, und das Gefühl, das sich regte, wann immer er in der Nähe war, flackerte so stark auf, dass ich fast auf die Knie gefallen wäre. Alles wurde durch seine Anwesenheit verstärkt, deshalb ignorierte ich ihn bewusst, trotz der brüllenden Begierde meines Körpers, und ging geradewegs zum Trainingsbereich, der hinten in der Lagerhalle angelegt worden war.
»Wir müssen trainieren.« Ich zog meinen Pullover aus, kickte meine Schuhe weg und begann mit Dehnübungen.
»Eden, mach dich mal locker. Warum die Eile? Es ist Samstag.«
Aber ich konnte mich nicht lockermachen, nichts, was in meinem Leben gerade passierte, inspirierte mich dazu, mich lockerzumachen. Ich stellte mich auf die Matten, die Hände in die Hüften gestemmt, und starrte Spence an. Was immer er sah – es wirkte.
Er legte das Steuergerät weg und zog seine Schuhe aus.
»Wenn ich es mir recht überlege – kurz bevor du gekommen bist, packte mich plötzlich das Verlangen nach einer ordentlichen Tracht Prügel.«
Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Lincoln in den Kochbereich ging. Er sagte nichts und beschäftigte sich, indem er Dinge umherschob, aber ich wusste, dass er uns zuschaute.
Kein Problem für mich.
Zwei Stunden später lag Spence wieder mit dem Gesicht nach unten auf der Matte und mir lief der Schweiß herunter.
Griffin war etwa zwanzig Minuten, nachdem wir mit dem Kampftraining angefangen hatten, angekommen und hatte darauf bestanden, den Schiedsrichter zu spielen.
»Das ist genug für heute«, sagte er.
Spence stöhnte und stand auf. »Ach … findest du?« Dann legte er sich wieder hin, dieses Mal flach auf den Rücken.
»Nein, ich bin noch nicht müde.« Ich musste mehr tun. Ich musste stärker sein. Ich musste bereit sein, denn es fühlte sich so an, als gäbe es niemanden, den ich nicht auf irgendeine Art bekämpfen musste.
Lincoln saß auf dem Sofa, und ich bemerkte, wie er zu mir herüberschaute. Er hatte die ganze Zeit geschwiegen. Hatte sich mit irgendwelchen Dingen beschäftigt und sich nie auf die Übungssession konzentriert, und dennoch hatte ich seine Blicke gespürt.
»Ich bin fix und fertig, Eden. Geh auf eine Wand eindreschen oder so. Ich gehe jetzt duschen.« Spence kroch auf allen vieren ins Bad.
Griffin lachte leichthin. »Du wirst wirklich stärker«, sagte er zu mir.
»Nein!«, fauchte ich. »Das ist nicht genug! Ich habe ihn kämpfen sehen. Ich habe gesehen, wie schnell er ist. Ich habe gesehen …« Ich senkte den Kopf und stemmte meine Hände auf die Hüften, grub mir die Fingernägel ins Fleisch und versuchte, den Schrei zurückzuhalten, der in mir aufstieg.
Niemand versteht. Ich kann nicht für noch mehr die Verantwortung übernehmen.
Griffin stand auf, und ich schaute ihn erst an, als er mir gegenüberstand. Er hatte seinen Pulli ausgezogen. Und seine Schuhe.
Er sagte nichts, aber seine rechte Hand schoss mit Lichtgeschwindigkeit nach vorne, direkt in mein Gesicht. Ich wich aus und schlug ihm in den Magen.
Wie wir so auf der Matte umeinander herumtanzten, gelang es mir zum ersten Mal, seit wir miteinander trainierten, Griffin in einem Kampf zu Boden zu werfen. Er offenbarte meine Schwächen – meine Tendenz zu Tritten –, und ich fand heraus, dass er lieber Abstand hielt, als sich auf einen Nahkampf einzulassen. Doch für jedes Mal, das ich ihn zu Boden schlug, schlug er mich dreimal.
Ich war schneller als er und an Stärke unterschieden wir uns kaum, aber er war einfach besser, und das frustrierte mich langsam.
»Du hast genug getan für heute«, sagte Griffin.
Spence saß wieder auf dem Sofa, geduscht, umgezogen und wieder in sein Spiel vertieft, aber er machte lang genug Pause, um auszurufen: »Das Mädchen hat eine Mission!«
Ich funkelte ihn an, aber er grinste mich einfach nur an.
»Wieder mal.«
Griffin zuckte mit den Schultern und holte zum Schlag aus. Ich wich ihm aus, aber dabei machte er einen Sprung direkt über mich drüber. Ich wirbelte herum und versuchte, ihn an den Beinen zu packen, aber ich war zu langsam. Er machte genau das Gleiche mit mir, bevor ich die Chance hatte, wieder einen Halt zu bekommen. Ich fiel, sprang dann wieder auf die Füße und täuschte einen Schlag mit meinem linken Arm an, bevor ich ihn mit der Rechten schlug.
Griffin war ruhig, und obwohl er sich langsamer bewegte als ich, besiegte er mich dauernd. Er trat mich in die linke Seite, dann schlug er mir ins Gesicht, ohne auch nur die Position zu wechseln, während ich noch immer versuchte, irgendwo durchzukommen. Es war, als hätte er acht Arme, würde sich keinen Zentimeter bewegen und wäre doch nie da, wo ich hinzielte.
Ich holte mit dem Fuß aus und trat nach ihm. Als Reaktion darauf rammte mir Griffin seinen Fuß direkt gegen die Brust.
»Um Himmels willen, hör endlich auf, all deine Energie zu verschleudern!«, schrie Lincoln.
Mein Kopf ruckte nach oben und in seine Richtung. Er war näher gekommen, als ich nicht aufgepasst hatte, und stand jetzt mit verschränkten Armen an der Seitenlinie. Er sah gereizt aus.
»Deine Arme sind überall, du schlägst nur um dich. Wenn du schon darauf bestehst zu kämpfen, dann kämpf wenigstens richtig!«
Lincoln hatte die letzten drei Stunden nicht nur zugeschaut, er hatte mich beurteilt. Hatte alles, was ich tat, analysiert.
Ich war verzweifelt, aber mein Zorn war stärker und zwang alles andere beiseite. Ich konnte es nicht ertragen. Ich hatte gemerkt, dass er zuschaute, und es war schlimm genug zu wissen, dass er dachte, ich mache alles falsch.
Das ist zu viel.
Der Teil von mir, den ich so verzweifelt versuchte zu ignorieren. Der Teil, der zerbrochen war und dauernd blutete, der immer schlimmer war, wenn er da war – dieser Teil explodierte.
»Violet, du machst das großartig. Sogar fantastisch. Du kannst nicht immer von dir erwarten, perfekt zu sein«, sagte Griffin, der versuchte, einen auf Babysitter zu machen.
Ich biss mir von innen auf die Wange und schluckte den Kloß im Hals hinunter. Ich ging zum Rand der Matte, zog meine Schuhe an, hielt mich nicht mit meinem Pulli auf und ging in Richtung Tür.
»Wohin gehst du?«, fragte Griffin.
»Laufen«, sagte ich, ging hinaus und konnte mich nicht ganz beherrschen, die Tür hinter mir zuzuknallen.
Was glaubt er eigentlich, wer er ist?
Ich beschleunigte, bis ich schneller war als menschenmöglich. Halbherzig blickte ich mich um. Niemand beobachtete mich oder schrie: »Da kommt die bionische Frau.«
Weil es niemanden kümmerte. Und warum sollte es mich kümmern? Warum muss ich alles aufgeben? Alle aufgeben!
Und dann wurde ich von noch mehr Gedanken überwältigt, von denen, die am meisten schmerzen. Ich schnappte nach Luft, als sich mir die Kehle zuschnürte.
Warum ist es so einfach für ihn? Wie schafft er es, einfach so weiterzumachen wie bisher? Warum schreit er nicht oder verliert den Verstand, so wie ich?
Das war ungerecht. Aber ich wollte ihn zusammenbrechen sehen, verdammt noch mal.
Ich rannte weiter, bis ich zu dem kleinen Park gelangte. Ich rannte in seine Mitte und fiel keuchend auf die Knie. Nicht weil ich müde war – das war ich –, sondern weil sich meine Kehle so zugeschnürt hatte, dass ich bei jedem Atemzug keuchte. Ich brauchte einen Fluchtweg.
Aber ich kann nicht vor mir selber fliehen!
Ich grub meine Hände in das Gras, meine Finger waren stark, sie glitten in den Boden und griffen eine Faust voll Erde. Ich versuchte mich einzurollen, wieder die Beherrschung zu erlangen. Letztendlich warf ich einfach mit Erde und fing wieder von vorne an, grub kleine Löcher, bis ich von einem Graben umgeben war. Meine Luftröhre schien enger und enger zu werden, und als ich die Tränen nicht mehr unterdrücken konnte, begannen sie zu fließen. Mein Graben würde bald ein Wassergraben sein.
Das Schlimmste war: Ich konnte mit allem umgehen – mit den Kämpfen, dem Risiko, den Schmerzen, der Verantwortung, den Opfern. Mit allem – nur nicht mit einem.
Warum kann ich nicht einfach mit ihm zusammen sein?
Alles wäre in Ordnung, wenn ich ihn hätte. Wenn wir sein könnten, wofür wir bestimmt waren, wenn ich meine Seele auf die Art und Weise für ihn öffnen dürfte, wie sie es sich ersehnt.
Der Anblick von Rudyards leblosem Körper drängte sich in meine Gedanken. Dann Nylas letzter Schrei, als ihre Seele zersprang. Für immer verloren.
Ich stellte mir vor, wie sich ein solcher Verlust anfühlen würde. Das half ein wenig, mich zu beruhigen – der Gedanke daran, wie furchtbar ich mich fühlen würde, wenn Lincoln meinen Tod miterleben und aushalten müsste.
Es ist ja nicht so, dass ich es tatsächlich sehen würde. Ich wäre dann schließlich tot.
Aber er wäre dann wie Nyla. Für immer gefangen.
Lincoln stellte sich das Gegenteil vor. Ich wusste, wenn er diese Bilder sah, dann war er tot und mein Schrei würde ihn verfolgen. Genau wie in Jordanien würde er sich vor jeden Feind werfen, um mich zu retten. Doch ich wusste auch, dass Phoenix eine Waffe hatte, gegen die mich Lincoln nicht abschirmen konnte.
Ich spürte, wie er sich näherte, wie er langsam an mich herantrat. Er musste ebenfalls gerannt sein, um mich so schnell einzuholen. Ich schloss fest die Augen und grub meine Finger wieder in den Boden, so fest, dass meine Knöchel an den kleinen, von Erde eingeschlossenen Steinen brannten.
Schweigend stand er hinter mir. Er berührte mich nicht, er wartete nur, während ich weinte.
Ich brauchte eine Weile, bis ich mich zusammengerissen hatte, und als ich mich zu ihm umdrehte, verlor die Sonne gerade das bisschen Wärme, das sie abgegeben hatte. Da setzte er sich auf den Boden und blickte über die Wiese.
»Wie viele Stunden pro Tag trainierst du?«, fragte er schließlich.
»Ich … ich weiß nicht.«
»Ich hatte recht, was deine Kampfweise angeht. Du verzettelst dich total. Du schaffst das nicht, Violet, nicht, wenn du so sehr damit beschäftigt bist, gegen dich selbst zu kämpfen. Du musst dich darauf konzentrieren, deinen Gegner zu schlagen. Das kannst du nur erreichen, wenn du dich ausruhst, genug isst und das richtige Bewusstsein erlangst.«
Ich ergriff eine Handvoll Erde und schleuderte sie von mir. »So einfach ist das nicht. Nicht jeder ist wie du.«
Sein Kopf fuhr mit einem Ruck nach oben, dann schüttelte er ihn traurig. »Du glaubst, das ist einfach für mich?« Er holte tief Luft. »Wenn du dich verbessern möchtest, dann hörst du auf mich und tust, was ich sage.«
Lincoln stand auf. »Komm«, sagte er.
Ich dachte schon, er wollte mich zurück in seine Wohnung schleppen oder nach Hause bringen, doch als ich aufblickte, zog er die Augenbrauen nach oben. Herausfordernd.
Ich wollte an meinem Graben weitergraben, einen Ort damit erreichen, an dem ich glücklicher war, aber ich stand auf und klopfte meine Hände ab.
»Bleib stehen«, sagte er. »Beweg dich nur, um zuzuschlagen. Nimm dir Zeit, beobachte mich sorgfältig, und wenn du dich dann bewegst, beweg dich schnell und mit all deiner Kraft.«
Das klang ganz einfach, war es aber nicht. Ich bewegte mich gern und versuchte immer, den Kampf zu bestimmen. Das hier ging gegen meine natürlichen Instinkte.
Lincoln stand vor mir, die Arme hingen locker an seiner Seite. Ich nahm die gleiche Haltung ein und bemühte mich, stillzuhalten.
»Atme«, sagte er.
Als er ein paar Schritte nach rechts machte, folgte ich ihm nicht. Er kam zurück an meine Linke, und ich stand reglos da. Er bewegte sich ein paar Schritte zurück an meine Rechte, trat seitlich dicht an mich heran, und dann sah ich aus den Augenwinkeln, dass seine Hand zuckte.
Mein Arm schlug so schnell aus, dass ich seinen mitten in der Bewegung abfing, meine andere Hand war zu einer festen Faust geballt und schlug ohne zu zögern in seinen nun ungeschützten Körper.
Lincoln taumelte ein paar Schritte nach hinten.
»Gut«, sagte er, während er sich wieder aufrichtete. »Noch einmal.«
Ich nickte und hielt meine Position, während er mich weiter angriff.
Unvermittelt schlug er aus unterschiedlichen Richtungen nach mir. Jedes Mal gelang es mir, ihn abzuwehren und ein paar mehr Treffer zu landen. Doch dann wurde ich ungeduldig, rückte von meiner Position ab und versuchte, ihn fertigzumachen. Und genau da erwischte er mich, als ich keinen festen Halt hatte. Er wirbelte mich herum und nahm mich in einen Würgegriff.
Mein Rücken lag an seinem Körper – so nah waren wir uns seit Wochen nicht mehr gewesen. Er hatte mich geschlagen, aber plötzlich war alles, worauf ich mich konzentrieren konnte, seine Brust, die sich an meinem Rücken hob und senkte und meine eigene Atmung nachahmte. Ich konnte nicht anders als auszuatmen – vor lauter Erleichterung, ihn in meiner Nähe zu haben. Es war, als würde mein ganzes Sein – Körper, Geist und Seele – ihn brauchen.
Lincoln legte sein Kinn auf meinen Kopf, und wir blieben einen Moment lang so stehen, bis er mich drückte und »ich weiß« sagte.
Er ließ mich los und wir machten einen Schritt voneinander weg.
»Wir sollten gehen«, sagte Lincoln. »Sonst verpasst du noch deine Sperrstunde.«
»Du vertraust mir nicht«, sagte ich. Das nahm ich ihm nicht übel. In dem Moment brauchte es all meine Willenskraft, um mich nicht zurück in seine Arme zu werfen und ihn anzuflehen, sich nur für mich einer Ewigkeit des Leidens auszusetzen.
Er ging ein paar Schritte zurück und schloss kurz die Augen.
»Nicht du bist es, der ich nicht vertraue.«