Kapitel Sieben
»Wir vermögen zwar damit vielleicht jeder Kritik zu entgehen, ja vielleicht uns selber zu täuschen im Glauben an unsere so offensichtliche Rechtschaffenheit. Aber tief unter der Oberfläche des Durchschnittsgewissens sagt uns eine leise Stimme: Es stimmt etwas nicht.«
C. G. Jung
Die Nacht des Austausches.
Sechs Wochen lang bereiteten wir uns nun schon darauf vor. Seit ich die SMS von Phoenix erhalten hatte, nachdem er bemerkt hatte, dass Jude ihn verraten und uns die Schrift der Verbannten gegeben hatte.
Fast vier Wochen hatte es gedauert, bis wir uns einfach nur über die »Methode« des Austausches geeinigt hatten. Ein einfacher Austausch von Angesicht zu Angesicht wurde schon in Woche eins ausgeschlossen – es wäre zu einfach für Phoenix, seine Macht über mich einzusetzen und die Wunden, die er einst geheilt hatte, wieder aufzureißen. Er könnte mich verbluten lassen, sobald die Schrift in seiner Gewalt wäre, und er wusste auch, dass ich, wenn ich zuerst zum Zug käme, meine Fähigkeiten nutzen und ihn endgültig vernichten würde. Und das war nicht das einzige Problem, vor das wir uns gestellt sahen. Fast jedes Übergabeszenario, das wir uns überlegten, nahm kein gutes Ende, weil unser gegenseitiges Misstrauen einfach zu groß war.
Vorbeifahren-und-fallenlassen würde bei Phoenix Geschwindigkeit niemals funktionieren, und sein Vorschlag, normale Menschen als Mittelsmänner zu benutzen, war schnell vom Tisch. Vorbeifliegen-und-fallenlassen … das war Spence’ Idee, dazu brauche ich wohl nichts zu sagen. Selbst die Idee einer komplizierten Schnitzeljagd auf einem öffentlichen Platz – Stephs Vorschlag – hatte Schwächen.
Natürlich kümmerte uns das nicht wirklich. Wir hatten unsere eigenen Pläne, aber es sollte nicht so aussehen, als würden wir diesen Austausch nicht für wichtig halten. Wir inszenierten sogar ein paar hitzige Diskussionen im Hades und vor Lincolns Lagerhalle, in denen wir über meine Sicherheit stritten – angesichts der Rolle, die ich würde spielen müssen. Wir wussten, dass Phoenix Verbannte geschickt hatte, um uns zu beobachten. Ich fühlte, wie sie lauerten.
Schließlich einigten wir uns auf die Einzelheiten des Austauschs, eine Kombination aus unseren früheren Ideen und Phoenix’ Vorschlägen. Zwei große Gebäude, die so weit auseinanderstanden, dass unsere Kräfte den Abstand nicht überwinden konnten, und ein einzelnes, straff gespanntes Seil, das die beiden verband. Die Idee war eigentlich ganz einfach, wenn von jeder Seite eine Person käme, wäre keine der beiden Mächte bereit, das Seil zu kappen. Zusätzlich zu Phoenix und mir durfte jeder von uns zwei Leute auf dem Dach und eine Person am Boden positionieren – nur für den Fall. Unten stationierten wir Beth, aber wenn es zum Äußersten käme, wäre ein Sturz aus dieser Höhe ohnehin tödlich, deshalb würde ihre Mission eher darin bestehen, die Situation zu kontrollieren, und nicht die Person zu retten.
Normalerweise habe ich keine Angst vor großen Höhen. Aber wenn man auf dem Hausdach stand und hinunterschaute … Nun, das hier war viel höher als unser Wohnblock.
Ich schauderte und schlang mir die Arme um die Taille. Ich hatte meinen Mantel schon vor Stunden vorsichtshalber Spence gegeben und bereute es jetzt, nicht vorausgedacht zu haben, als mir ein weiterer Windstoß kalt in die Knochen fuhr. Ich zog mir die Mütze über die Ohren und kauerte mich nieder, damit man mich nicht sehen konnte.
Jetzt würde es nicht mehr lange dauern.
Lincoln machte den schweren Bogen bereit, den wir auf Anfrage aus der Waffenabteilung der Akademie erhalten hatten. Er war heute Abend absolut professionell, und er war ein hervorragender Schütze. Ich sah zu, wie er und Griffin vorsichtig das Seil auf den Anker des Bogens fädelten, der, wenn er abgeschossen worden war, im Ziel stecken bleiben sollte. Das Drahtseil war sorgfältig zu seinen Füßen aufgerollt, sodass es sich nicht verheddern oder verhaken konnte, wenn er schoss.
Wieder und wieder überprüfte Lincoln alles. Dann überprüfte Griffin alles noch ein weiteres Mal. Als sie zufrieden zu sein schienen, sagte Griffin etwas zu Lincoln, das ich nicht hören konnte und ihn zum Lachen brachte. Es war ein leichtes, fröhliches Lachen. Eines, das er mir niemals schenkte. Nicht mehr.
Meine Kehle schnürte sich zu, als ich im Schatten kauerte, die Schrift der Verbannten sicher in meinem Rucksack verwahrt, den ich seit dem Moment vor zwei Stunden, als er mir ausgehändigt wurde, nicht mehr abgesetzt hatte. Seit wir die Schrift hatten, war sie von Grigori zu Grigori gewandert – verschiedene Partnerpaare waren jeweils für einen Zeitraum von vierundzwanzig Stunden für ihre Sicherheit verantwortlich. Sie nur wegzuschließen war einfach nicht sicher genug gewesen.
Spence tauchte hinter den anderen auf, und Lincoln klopfte ihm auf die Schulter, bevor er diese kumpelhafte Geste durch eine linkische Umarmung überspielte. Ich merkte, dass Spence ziemlich genervt davon war, aber er spielte mit. Das war wichtig.
Lincoln ging zur Dachkante und brachte den Bogen, den seit seiner Ankunft letzte Woche alle angeschmachtet hatten, in Stellung. Er spannte die Sehne und ließ sie los. Es war ein guter, ein sauberer Schuss. Ich verfolgte den silbrigen Blitz bis zum Brighton-Gebäude und lächelte, als er genau ins Ziel traf.
Genau vor Phoenix’ unbewegte Füße.
Das Brighton-Gebäude war genauso hoch wie das Maddox, aber zwischen ihnen lag eine große Distanz – Steph hatte herausgefunden, dass sie über einen Kilometer Luftlinie betrug. Lincoln hatte sich selbst übertroffen, indem er mit einem solchen Schuss bei Nacht beim ersten Versuch getroffen hatte. Andererseits war er eben einfach gut.
Ich versuchte, meinen Blick auf Phoenix zu konzentrieren, den man dank der schwachen Dachbeleuchtung gerade so sehen konnte. Er hakte sich am Gurt ein, rollte die Schrift zusammen und steckte sie in eine Blechdose, die er dann über seinen Kopf hob. Ich suchte nach irgendeinem Zeichen für einen Hinterhalt, denn wir wussten, dass er irgendetwas im Schilde führen musste, aber mein Blick schweifte wie von selbst woanders hin, zurück zum Maddox, zurück zu Lincoln, der an der Kante des Gebäudes stand. Er war wunderbar. Selbst aus dieser Distanz fühlte ich mich von ihm angezogen.
Er selbst sah natürlich kein einziges Mal in meine Richtung. Er wusste es besser. Keiner von ihnen schaute zu mir herüber. Spence band sich an das Seil, das jetzt von beiden Enden gespannt war, und ich konnte sehen, dass Phoenix bereit war.
Jetzt war es gleich so weit. Fünf Minuten vor elf. Genau zur vollen Stunde würden Phoenix und ich uns zur Mitte hin bewegen.
Ich machte mir zum millionsten Mal Sorgen, dass der Plan nicht aufgehen würde. Spence war gut, er war wirklich gut. Wie er so oben auf dem Maddox stand, sah er genauso aus wie ich. Aber es war nicht nur mein Körper, er hatte auch meine Eigenheiten und Gesichtsausdrücke genau einstudiert, und er trug sogar meine Klamotten – als Sicherheit für den Fall, dass die Blendung irgendwann nachließe. Spence konnte alles heraufbeschwören, um seinen Look zu vervollkommnen, die Unterstützung durch echte Requisiten half dabei nur. Er hätte jeden täuschen können, sogar meinen Vater, aber Phoenix war … Phoenix. Er kannte mich, kannte meine Gefühle wie kein anderer. Ich wäre jede Wette eingegangen, dass sie ganz anders waren als die von Spence.
Lincoln und Griffin machten viel Aufhebens um Spence – der sich für mich ausgab – und achteten sorgfältig darauf, dass sie auf dieselbe Art auf ihn reagierten und mit ihm umgingen wie mit mir. Alles, was sie taten, wurde von weitem genau beobachtet, denn Phoenix und seine Truppe versuchten natürlich herauszufinden, was unser Plan sein konnte.
Ich hielt meine Position im Schutz der Dunkelheit und bewachte die Schrift, die wir nicht vorhatten zu übergeben. Das war mein Job. Die Schrift war mir als letzter Ausweg gegeben worden – das war meine Bedingung, diesem ganzen Vorhaben zuzustimmen. Ich würde mich auf keinen Fall zurücklehnen und zulassen, dass Spence hundert Stockwerke oben in der Luft baumelte und mit Phoenix ein Hochseil teilte, in dem Wissen, dass es definitiv nicht gut ausgehen würde, wenn Phoenix entdeckte, dass nicht ich oben mit ihm auf dem Seil wäre.
Griffin hatte erlaubt, dass ich dabei sein durfte. Ich war oben auf dem Atlantic, das fünf Stockwerke höher war als die anderen Gebäude und mir dadurch einen leichten Vorteil und bessere Deckung verschaffte. Ich war gleich weit vom Maddox und vom Brighton entfernt und bildete die Spitze des Dreiecks. Ich musste natürlich so weit weg sein, dass Phoenix mich nur wahrnehmen konnte, wenn ich das wollte, und ich hatte dafür gesorgt, dass ich weit genug von Lincoln entfernt war, damit er nicht durch mich abgelenkt würde. Nicht dass ich mir sicher gewesen wäre, dass ich ihn genauso ablenken würde, wie er mich – nur für den Fall.
Ich schaute auf die Uhr. Eine Minute.
Das ist eine schlechte Idee. Eine sehr, sehr schlechte Idee.
Fast hatte ich erwartet, dass Steph mich anrief. Ich hatte ihr gesagt, dass ich sie, wenn sie anruft, in der Leitung lassen würde, falls etwas schiefging. Ich hatte ja schließlich nichts anderes zu tun.
Wahrscheinlich macht sie mit ihren Recherchen weiter.
Phoenix stand direkt auf der Kante, man konnte die Schrift sehen, denn sie hing gemäß den vereinbarten Regeln an einem Riemen um seinen Hals. Ich-alias-Spence stand ebenfalls auf der Kante. Lincoln und Griffin waren wieder auf ihre Plätze gegangen, beobachteten das Seil und hielten sich bereit, falls irgendetwas schiefgehen sollte – sollte zum Beispiel jemand das Seil durchschneiden oder so.
23 Uhr.
Phoenix ließ sich ins Leere fallen und baumelte an seinem Gurt vom Hochseil. Er sah aus, als würde er das jeden Tag tun. Es war eine einfache Seilrutsche, nur ohne Schwung. Sowohl er als auch Spence waren angegurtet, beide mussten sich aber Armlänge für Armlänge nach vorne ziehen, um die Distanz zu überbrücken. Spence ließ sich etwas weniger elegant fallen. Beide fingen an, sich langsam vorwärts zu bewegen.
Als sie auf halbem Weg zur Mitte waren, bewegten sie sich in ähnlicher Geschwindigkeit.
Mein Herz schlug wie verrückt – ich konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass etwas ganz und gar nicht stimmte.
Phoenix bewegte sich athletisch, aber bewegte er sich auch so flüssig wie immer? Ich schaute genauer hin und versuchte herauszufinden, was mich so beunruhigte. Doch weil ich mich selbst so abschirmte, konnte ich meine Sinne nicht nach außen schieben. Es war sinnlos. Es machte mich nervös, dass Phoenix’ Gesicht unter einer Kapuze verborgen war. Ich wünschte, ich könnte mit Lincoln oder Griffin reden, mich vergewissern, ob jemand wirklich gesehen hatte, dass er es war.
Ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder Spence zu. Er kam gut voran, und ich wusste, dass er sich jetzt sehr anstrengen musste, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten, dass er versuchen würde, sie so gut wie möglich zu neutralisieren, wie wir es geübt hatten. Die gefälschte Schrift baumelte an einem Lederriemen, den er sich diagonal um den Oberkörper geschlungen hatte. Ein paarmal griff er danach, um sie zurechtzurücken.
Ich warf wieder einen Blick auf mein Handy, mein Atem hinterließ dünne Nebelwolken in der frostigen Luft. Sie hatten nur fünfzehn Minuten bis zur Mitte gebraucht, das war beeindruckend. Ich strengte mich an, in der Dunkelheit nichts zu verpassen. Sie zogen sich beide die Schriften über den Kopf. Alles verlief nach Plan.
Warum schrie dann etwas in mir, dass etwas ganz und gar nicht stimmte?
Spence streckte die Hand mit der Schrift aus. Das war einer der Gründe, weshalb es so lange gedauert hatte, sich über den Austausch zu einigen. Wir hatten Zeit geschunden. Eine solche Fälschung herzustellen dauerte lange. Am Ende hatten wir gerade mal genug Zeit gehabt, das Äußere überzeugend aussehen zu lassen. Sobald Phoenix die Schrift öffnete, würde er es wissen, doch das war der andere Grund, weshalb wir dieser speziellen Art des Austausches zugestimmt hatten – er würde es wohl nicht oben in der Luft hängend überprüfen. Das hofften wir jedenfalls.
Sie tauschten die Schriften aus, langsam, wie besprochen. Ich blickte zum Brighton hinüber. Die Verbannten, die Phoenix mitgebracht hatte, gehörten zu seinen besten. Diplomatischerweise war der eine davon ein Engel des Lichts, der andere ein Engel der Finsternis. Wir hatten im vergangenen Monat ein Profil seiner Gruppe angefertigt, hatten über alle Informationen eingeholt, deshalb kannte ich die zwei auf dem Dach. Gressil, einst eine Macht der Finsternis, hatte eine besondere Stärke, Männer gegen Frauen aufzubringen, indem er die Frauen mit luxuriösen Geschenken zur Unreinheit verlockte.
Der andere war Olivier, einst ein Erzengel des Lichts. Sie waren beide dabei gewesen, in Jordanien, aber es war Gressil, den wir verdächtigten, Rudyard umgebracht zu haben. Die beiden waren ein seltsames Team. Wir hatten zuverlässige Informationen, nach denen sie sich gegenseitig verabscheuten, was interessant war, angesichts der Tatsache, dass ihre Kräfte so ähnlich waren. Oliviers Kraft bestand darin, Unbarmherzigkeit hervorzurufen. Wenn die beiden zusammenarbeiteten, ergaben sie eine sehr gefährliche Kraft. Und jetzt dienten sie Phoenix fast immer als rechte und linke Hand.
Mich juckte es in den Fingern, auf die Anruf-Taste auf meinem Handy zu drücken. Ich hatte Lincolns Nummer auf dem Display.
Etwas stimmt nicht. Warum versteckt sich Phoenix unter einer Kapuze?
Ich wollte gerade anrufen, als Phoenix die Hand hob und sie zurückschob.
Definitiv er.
Ich seufzte. Fast hätte ich es vermasselt – weil ich glaubte, sie würden einen ähnlichen Trick wie wir anwenden.
Spence und Phoenix machten sich beide auf den Rückweg zu ihrem jeweiligen Gebäude. Spence lag gut in der Zeit, während Phoenix die Sache langsamer anzugehen schien und fast trödelte. Als Spence wieder zurück auf dem Maddox war, stieß ich einen zittrigen Seufzer aus und überprüfte wieder mein Telefon. 23:45 Uhr.
Warum hat Steph nicht angerufen?
Ich wusste, dass sie im Hades zusammen mit Dapper, Onyx, Samuel und Kaitlin auf uns wartete. Die übrigen Grigori liefen Patrouille, vor allem in diesem Gebiet hier.
Steph hatte mitkommen und mit mir auf dem Dach warten wollen, aber ich hatte sie überredet, stattdessen lieber im Hades zu warten, und ihr versprochen, sie minütlich auf dem Laufenden zu halten.
Phoenix erreichte schließlich das Brighton, ließ sich leichtfüßig auf das Dach gleiten und schnallte seinen Gurt ab. Er ging zur Kante des Gebäudes und zog die Blechdose mit der Schrift über seinen Kopf.
Er wird sie überprüfen.
Die Nebelwolken in der kalten Luft verschwanden, als ich panisch den Atem anhielt und mich vor seiner Reaktion fürchtete. Doch dann änderte sich sein Benehmen. Ich konnte seinen Gesichtsausdruck nicht erkennen, aber irgendwie wusste ich, dass er lächelte. Er hielt die ungeöffnete Schriftrolle vor sich, trat an die Kante des Gebäudes und – da war ich mir sicher – sah direkt zu mir herüber, bevor er … die Schrift anzündete.
Mein Blick schoss zwischen der brennenden Schrift und Lincoln, Griffin und Spence – der jetzt wieder er selbst war – hin und her. Sie standen beisammen und waren bestürzt, als sie ebenfalls beobachteten, was Phoenix tat.
»Himmel, er weiß, dass sie gefälscht ist«, murmelte ich vor mich hin. Ich stand auf und machte mich bereit.
Mein Handy klingelte. »Los, schnell!« Mehr sagte Lincoln nicht, bevor er wieder auflegte.
Das brauchte er mir nicht zweimal zu sagen. Ich rannte ins Treppenhaus und geradewegs zu dem wartenden Aufzug, dessen Tür durch eine Kiste aufgehalten wurde. Wir hatten Fluchtpläne vorbereitet. Verdammt, wir hatten damit gerechnet.
Wenn Phoenix die ganze Zeit gewusst hatte, dass wir ihm eine gefälschte Schrift geben würden, dann hatte auch er uns auf keinen Fall die echte gegeben. Aber warum hätte er sich dann die Mühe machen sollen? Warum diese ganze Sache inszenieren? Warum es durchziehen, diesen ganzen Hochseilakt ausführen? Alles, was er erreicht hatte, war, allen ein paar Stunden Zeit zu stehlen und … Oh.
Oh! Nein … NEIN!
Die Fahrt im Aufzug war quälend lang. Ich hüpfte auf und ab und hörte erst damit auf, als ich so fest mit dem Hinterkopf gegen den Spiegel schlug, dass das Glas zersprang. Als ich unten anlangte und durch den Notausgang nach draußen stürzte, rannte ich schneller, als ich je zuvor gerannt war.
In ein paar Stunden kann viel passieren.
Wir waren alle hier.
Ich rannte durch die Straßen der Stadt, drängelte mich an Leuten vorbei, ohne langsamer zu werden oder höflich zu sein. Ein furchtbares Gefühl wand sich durch mein Inneres. Vier Blöcke weiter sah ich Lincoln, der auf mich zurannte, Griffin und Spence folgten ihm dicht auf den Fersen. Ich hatte das Gefühl, mich übergeben zu müssen. Lincoln wurde langsamer, als er mich sah, er wirkte erleichtert. Das veranlasste mich nur dazu, mich noch schneller zu bewegen. All die Zeit, die wir auf diesen dummen Austausch und meine Sicherheit verwendet hatten – wir waren so dumm!
Ich lief weiter, ich rannte so schnell, dass es wehtat, aber ich versuchte verzweifelt, noch schneller zu sein. Lincoln musste es gemerkt haben, denn er beschleunigte innerhalb einer Sekunde wieder auf volle Geschwindigkeit. Ich rannte um die nächste Ecke, geradewegs auf das Hades zu. Dapper hatte die Eingangstür wieder frisch gestrichen. Sie war jetzt fluoreszierend gelb und fiel ins Auge wie ein Leuchtfeuer.
Lincoln war hinter mir. Ich hörte, wie er meinen Namen brüllte, aber ich wartete nicht. Ich hielt den Blick auf den Eingang gerichtet und auf den Türsteher, der beobachtete, wie ich näher kam. Ohne langsamer zu werden, brüllte ich: »Tür!« Er schwang sie genau rechtzeitig auf und ich rannte hindurch.
Das Hades war brechend voll. Es war nach Mitternacht an einem Mittwoch und der Laden platzte aus allen Nähten. Ich nahm den direkten Weg, wobei ich so heftig gegen Leute stieß, dass einige hinfielen. Die Musik war laut, und obwohl ich sie hören konnte, war ich in einer Art Trance, benebelt von unfassbaren Gedanken, die so schrecklich waren, dass ich sie kaum ertragen konnte.
Ich stürzte durch die unbeschriftete Tür seitlich der Bar und rannte die Treppe hinauf, wobei ich zuerst zwei, dann immer drei Stufen auf einmal nahm.
Steph hätte anrufen sollen. Sie hätte angerufen.
Ich gelangte zu Dappers Tür, die offen war. Ich hörte, wie Lincoln unten durch die Tür polterte. Er brüllte mir noch immer etwas zu, aber ich hörte nicht zu.
Ich ging hinein.