Kapitel Vierundzwanzig
»Warum habt ihr verlassen den hohen und heiligen Himmel, welcher ewiglich dauert, und habt gelegen bei Weibern, euch befleckt mit den Töchtern der Menschen, euch Weiber genommen … und gezeugt eine gottlose Nachkommenschaft?«
Das Buch Henoch 15, 2
Taumelnd machte ich einen Schritt nach hinten.
»Hab keine Angst«, sagte er und machte die gleiche Bewegung, eindeutig erfreut über meine Reaktion. Ich streckte eine Hand nach dem Esstisch aus, gegen den ich gestoßen war, und hatte wieder das seltsame Gefühl, das mich schon zuvor heimgesucht hatte. Ich verlor einen Augenblick lang meine Stärke, als würde sie geradewegs aus mir herausfließen.
»Violet?«, sagte Lincoln von der Ecke her.
Damit bot er an einzuschreiten, aber wir wussten beide, dass das nicht gut ausgehen würde. Bestenfalls würden wir Irin zurückschicken, aber dann waren da immer noch fast ein Dutzend gesichtslose Unbekannte, die oben auf uns warteten. Darüber hinaus war ich mir ziemlich sicher, dass inzwischen noch andere Wesen um uns herum lauerten.
»Du … ihr seid alle gestorben – in der Flut«, sagte ich zu Irin, weil ich wusste, dass Lincoln noch abwarten würde. Ich hatte die Geschichten inzwischen oft genug gehört. Als die Flut kam, kamen alle Verbannten um, und die damals noch engelhaften Grigori wandten sich von ihren Pflichten ab und suchten stattdessen Vergeltung und Macht und … Frauen.
Er lächelte ironisch. »Ein paar überleben immer. Einige von uns hatten das Glück, bereits unter der Erde zu sein, als das Wasser kam. Der Raum, in dem du stehst, und noch ein paar andere, die noch tiefer liegen, waren ursprünglich als Keller für unseren Palast erbaut worden.«
Ich sah ihn an und war mir sicher, dass er verrückt war. Wir waren so weit unter der Erdoberfläche, dass das nicht der Keller für irgendetwas gewesen sein konnte, und ich war mir auch ziemlich sicher, dass es zur Zeit der Flut keine Zivilisationen gab, die Paläste bauten.
»Meine Frau und ich blieben hier, bis das Wasser zurückging, aber ich muss zugeben, dass unsere Welt eine Zeit lang ziemlich finster war.«
Noch ein Schock. Er hatte eine Frau?
»Ja«, sagte er lächelnd, als würde er meine Gedanken lesen. »Meine Frau war anfangs der Grund, hier zu leben und meine designierten Pflichten aufzugeben. Sie war eine Königin ihres Volkes. Sie waren es auch, die eine kleine Gruppe von uns unter die Erde in Sicherheit brachte.
Als wir wieder nach oben kamen, teilten wir unser Wissen mit ihnen und zeigten den Menschen, wie man eine Welt schuf, die unglaublicher war als alles, was sie je gesehen hatten. Ach, die Zeiten waren damals einfacher – man konnte noch mit den Grundlagen der Wasserversorgung und Entwässerung glänzen – aber wir zeigten ihnen auch, wie man Städte und Schlösser baute. Und«, er deutete in Richtung des Vulkans, »wir hatten die perfekte Lage. So gut versteckt vor den Blicken neugieriger Engel, wie ein Ort nur sein konnte.« Aus seinen letzten Worten sprach blanker Hass.
»Du weißt aber, dass der Vulkan die Pforten der Hölle beherbergt?«
»Natürlich. Aber …«, er schüttelte den Kopf, »am Ende war das ihr Untergang.«
»Wessen?«
Irins Stimme wurde so leise, dass ich mich anstrengen musste, ihn zu verstehen.
»Die Verbannten, die mit mir überlebt hatten, wurden es leid, auf der Insel zu leben. Ich versuchte es. Ich schickte sie nach Kreta und trug ihnen auf, sich dort ihr eigenes Königreich aufzubauen, aber ich wusste, dass wäre nur eine kurzlebige Lösung. Schließlich wurden sie so ruhelos und verzweifelt wegen ihrer alten Armee, dass sie versuchten, die Pforten zu öffnen. Aber dadurch brachten sie nur Zerstörung.«
»Der Ausbruch«, sagte ich, weil mir wieder einfiel, dass Griffin erzählt hatte, dass dadurch auf dem benachbarten Kreta eine ganze Kultur ausgelöscht worden war.
»Hm …«, sagte er, als wäre er weit weg. »Der Zorn der Hölle rührt sich schnell. Die Raserei der Engel ist erbarmungslos. Die Verbannten wurden zerstört, zusammen mit allem, was sie geschaffen hatten. Tausende von Menschen kamen dabei ums Leben.«
»Wie hast du überlebt?«
»Wieder gingen wir unter die Erde.«
»Du und deine Frau?« Allmählich war ich gespannt, gebannt von ihrer Liebesgeschichte. »Habt ihr beide überlebt?«
»Nein. Sie … schickte nach uns. Aber es war so wenig Zeit. Als ich hier unten ankam und merkte, dass sie nach oben gegangen war, um mich zu suchen … Es war zu spät. Die Welle hatte bereits zugeschlagen.«
»Deshalb wirst du nie von hier weggehen«, sagte ich und bedauerte ihn aufrichtig.
»Diese Insel hatte einst ihr gehört. Ich hätte ihre sterbliche Lebenskraft erhalten können und Ewigkeiten mit ihr verbringen können. Stattdessen leide ich jeden Tag unter ihrer Abwesenheit, die Wirkung währt ewig, aber …« Er riss sich selbst aus seinen Erinnerungen und kehrte zurück zu seiner vorherigen fröhlichen Stimmung. »Ich habe neue Neigungen entdeckt, um mir die Zeit zu vertreiben.« Er machte eine Handbewegung zu den Vitrinen hin, die Regale über Regale voller Schmuck und Artefakte enthielten – alte Waffen, Münzen. An den Wänden darüber hingen Gemälde. Ich musste zweimal hinsehen, als ich einen Van Gogh entdeckte und daneben ein Gemälde, das ich für einen Rembrandt hielt.
Mein Blick blieb an einer silbernen Halskette hängen, ich war überrascht davon, wie schlicht sie war im Vergleich zu den anderen protzigeren und aufwendigeren Stücken. Ich konnte meine Augen nicht davon abwenden, als würde mich etwas zu ihr hinziehen.
Uri. Sie ist das, was er meinte. Warum?
»Gefällt sie dir?«, fragte Irin.
Ich nickte. »Aber ich verstehe nicht, wie sie in diese Sammlung kommt.«
Er ging zur Vitrine und nahm sie heraus. Ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn sie nicht durch einen Sensor gesichert und hinter verschlossenen Türen gewesen wäre, aber das war sie. Er hielt sie mir hin und ich nahm sie in die Hände, wobei ich sofort fühlte, dass sie vibrierte. In der Halskette steckte eine Kraft.
»Was kann sie?«, fragte ich und gab sie sicherheitshalber zurück.
»Sie gehörte meiner Frau. Sie enthält ein Stück aus dem Engelreich und bewahrt den Träger vor Illusionen, die durch jemand Engelhaftes heraufbeschworen werden. Natürlich ist sie für dich oder mich nicht von Nutzen, weil wir solche Dinge nicht brauchen, aber für einen Menschen ist sie in der Tat sehr wertvoll.« Behutsam ließ er sie wieder zurück in die Vitrine gleiten. »Ihr hat dieses Schmuckstück nie so gut gefallen wie andere, die ich ihr geschenkt hatte – sie hatte einen erlesenen Geschmack –, aber unsere Söhne haben immer darauf bestanden, dass wir sie behalten«, fügte er hinzu.
Und das war der Moment, ab dem er mir nicht mehr leidtat. Söhne.
»Diese … Die Leute, die uns hereingelassen haben?«, fragte ich, wobei das leichte Stechen zu einem Prickeln wurde, das mir über den Rücken lief.
Er nickte. »Unsere überlebenden Nachkommen.«
Uralte Nephlim.
Furcht überkam mich und ich spürte das vertraute Zerren, als würde mir etwas weggezogen. Irin lächelte.
Er faltete die Hände. »Nun zu unserer Vereinbarung.«
Ich schluckte, mein Mund war noch immer trocken, während ich mich bemühte, alles aufzusaugen, was er sagte. Er war ein Grigori. Nicht teils Mensch, teils Engel, so wie wir, sondern einer der ersten Grigori, die reine Engel waren. Einer von denen, die sich auf die Seite der Verbannten geschlagen hatten. War die Stadt, von der er sprach, Atlantis? War er dadurch gefährlicher oder weniger gefährlich? Und ich hatte keine Ahnung, was er mit seiner Art zu überleben gemeint hatte.
»Du hast den Schmuck sehr schön präsentiert«, fuhr Irin fort. »Ich werde ihn jetzt in Besitz nehmen.«
Ich nickte, weil ich ganz begierig darauf war, das hier zu beenden, und fing an, an dem Rubinring zu ziehen, der mir ohnehin schon vom Finger rutschte.
»Nein, Violet«, sagte er leise und machte einen Schritt auf mich zu. »Ich werde ihn in Besitz nehmen.«
Oh.
Ich presste die Lippen aufeinander, um zu verhindern, dass sie bebten. Lieber jeden Tag einen Kampf als so etwas! Alles, woran ich denken konnte, war die Smaragdspinne, die mit unzähligen Verschlüssen um meinen Oberschenkel gespannt war. Ich hatte nicht einmal zugelassen, dass Morgan sie zumacht.
Ich wich noch einen Schritt zurück, stieß aber gegen die Glaswand. Irin lächelte, legte die Entfernung zwischen uns zurück und legte die Hände auf meine Schultern. Er drückte sie gleichmäßig herunter, bis ich mich auf den Sessel am Fenster fallen ließ. Ich war ein Fisch in einem Aquarium, gefangen mit einem Hai.
»Wenn es dir einigermaßen bequem ist …«
Ich konnte nicht sprechen, aber in dem Moment, in dem seine Hand nach meiner griff, verkrampfte sich mein Körper, weil ich wusste, dass seine Berührung nach mehr verlangte.
»Violet?«, rief Lincoln wieder aus den Schatten, seine Stimme klang beherrscht, aber irgendwie gezwungen.
»Es geht mir gut.«
Dann machte ich einfach zu.
Ich zog mich an den Ort zurück, wohin ich mich vor langer Zeit gelehrt hatte zu gehen, um alles auszublenden. Als würde ich mich selbst aus meinem Körper entfernen, um irgendwohin zu gehen, wo alles sicher und leicht ist, irgendwohin, wo ich sein wollte, für immer.
Ich roch Küchendüfte. Und Basilikum, jede Menge Basilikum. Lincolns Lagerhalle.
Irin schlang seine Hände um meine Taille, eine davon glitt meinen Unterarm hinauf und wieder hinunter, bevor er begann, den Verschluss des ersten Armbands zu öffnen. Langsam streifte er es ab, sodass ich spürte, wie die Kette über meine Haut glitt.
Ich blickte aus dem Fenster, totenstill, dann dachte ich über Basilikum nach und konzentrierte mich auf das Licht, das morgens wie ein Wasserfall durch Lincolns großes Bogenfenster fiel.
Hände strichen über mein Schlüsselbein zum anderen Arm, dem mit der silbernen Schlange. Er fing an, sie abzuwickeln, seine Finger glitten an meinem Ellbogen hinauf und hinunter, bis er sie schließlich abnehmen konnte.
Zwei Schmuckstücke waren erledigt.
Ich wandte mich in Gedanken wieder dem Verlangen zu, das ich stets in meinem Inneren verspürt hatte, wenn ich mit Lincoln zusammen war. Ich ignorierte all die Probleme, den Grund, weshalb wir niemals zusammen sein konnten, und klammerte mich an alles, was bei uns in Ordnung war und mir so große Sicherheit vermittelte.
Dann schloss sich Irins Mund um den Ring an meinem Zeigefinger und ich zuckte zusammen. Ich musste hinsehen. Er erwartete meine Reaktion bereits.
»Genug!«, verlangte Lincolns Stimme.
Irin lächelte und stand auf. Dabei ließ er meine Hand los.
Lincoln trat aus den Schatten. »Du wirst sie nicht noch einmal anfassen.«
Ich wollte eigentlich etwas sagen, ihm mitteilen, dass ich damit umgehen konnte, aber ich tat es nicht, sondern war einfach nur erleichtert, ihn zu sehen.
»Ein Abkommen ist getroffen worden. Die Steine waren nur ein Teil dieser Vereinbarung. Es sei denn natürlich, ihr habt etwas Besseres anzubieten?«
Die Art und Weise wie Irin sprach … Er freute sich wie ein Schneekönig.
Lincolns Hände spannten sich an seinen Seiten an, und ich fragte mich, ob »etwas Besseres« etwas mit einem Dolch zu tun hatte. Gerade als ich glaubte, Lincoln wollte etwas tun, sprach er weiter.
»Du bist ein Inkubus, nicht wahr? Manche Verbannte haben festgestellt, dass sie sich erhalten und ihre Kraft vergrößern können, indem sie sich von menschlichen Gefühlen ernähren. Aber nur wenigen gelang das und noch weniger wagten es, weil es so … süchtig machte. Nur ein weiterer Grund, weshalb du nicht hierher gehörst. Nachdem du deine Frau verloren hattest, bist du einer geworden, nicht wahr?«
Was bedeutete das?
Irin zuckte mit den Schultern. »Die Not, in der sie mich zurückgelassen hatte, war groß, ja. Ich wollte nie die Menschheit beherrschen wie die anderen. Ich wollte einfach nur genießen, was sie zu bieten hatte.« Er bewegte sich und nahm wieder meine Hand. Noch immer lächelte er. »Wo wir gerade davon sprechen …«
»Mach das noch einmal, und ich schwöre dir, sie wird das Letzte sein, was du je berührst.« Lincoln hatte seinen Dolch in der Hand und war bereits näher gekommen.
Irin schien das absolut keine Sorgen zu bereiten, was mich beunruhigte. Wir hatten keine Ahnung, wozu er fähig war, und ich glaubte nicht, dass es ein leichter Kampf werden würde.
»Du ernährst dich von Gefühlen …«, sagte ich in dem Versuch, die Situation zu entschärfen, während ich alle Puzzleteile zusammenfügte. »Kein Wunder, dass du mich magst.«
»Oh, meine Liebe, versteh mich nicht falsch – du bist einfach köstlich, und das wärst du sogar noch mehr, wenn du nicht so wirkungsvoll beschädigt wärst, aber gemessen an deinem Partner bist du nur ein Appetithäppchen.«
Lincoln sah mich nicht an. Darüber war ich erleichtert, denn ich wusste nicht, ob ich es ausgehalten hätte, diese Augen jetzt zu sehen. Niemand hatte mich bisher vor anderen als beschädigt bezeichnet. Na ja, niemand außer mir selbst zumindest.
Irin ging langsam auf und ab und beobachtete, wie ich zweifellos meine Scham und meine Verwirrung über den zweiten Teil dessen, was er gesagt hatte, zeigte.
Er sättigte sich an Lincoln.
Er seufzte wehmütig. »Als würde man einen alten Wein entkorken … Auf einer Insel, wo die meisten Gefühle von verliebten Hochzeitsreisenden ausgehen, die für meine Zwecke zwar reif genug sind – Ah«, ehrfürchtig schüttelte er den Kopf. »Ihr zwei seid wie Hummer in einer Welt der Karpfen.«
Ich wappnete mich dafür, dass er weiterhin den Schmuck von mir abpflückte, doch Lincoln machte einen weiteren Schritt auf mich zu und senkte dabei seine Waffe.
»Ich mache das«, sagte er, als würde er sich selbst einer körperlichen Strafe unterziehen. »Ich werde den Schmuck abnehmen.«
Irin hielt inne und dachte über das Angebot nach. »Aber warum sollte ich auf die Sättigung, die ihr mir bietet, verzichten und gezwungen sein, zuzuschauen?«
»Du weißt genau, dass es auf diese Weise ebenso viel hervorruft … wenn nicht noch mehr.«
»Weil es dich so nahe an das, was dir verboten ist, bringt?«
Lincoln schluckte schwer und nickte.
Irin grinste und machte eine Handbewegung von Lincoln zu mir. »Na schön. Im Austausch gegen einen Kuss.«
»Nein!« Ich würde ganz bestimmt niemanden küssen.
»Nicht mich«, sagte Irin.
»Nein«, sagte ich wieder, was Irin umso mehr zu gefallen schien.
Er zog sich zu dem großen Esstisch in der Mitte des Raumes zurück.
Lincoln kam zu mir und seine grünen Augen brannten sich in meine. »Ich werde sie niemals zu etwas zwingen.«
Und auch wenn er das zu Irin sagte, richteten sich diese Worte an mich. Ein Versprechen, dass ich bei ihm in Sicherheit war, und eine Entschuldigung für das, von dem wir beide wussten, dass wir es tun mussten. Er kniete vor mir nieder – Schmerz und Angst zeichneten sich auf seinem Gesicht ab.
»Entweder er oder ich.« Dann beugte er sich dicht zu meinem Ohr und flüsterte: »Zieh deine Schutzmauern hoch.«
Ich spürte, wie sich Lincolns Kraft um mich herum ergoss, konnte seinen einzigartigen Honiggeschmack und -geruch wahrnehmen, der das stets vorhandene Gefühl von Wärme und Sonnenschein überlagerte.
Er fing mit dem Fußkettchen an. Langsam nahm er es ab und lieferte Irin dabei die Show, die er verlangte, aber ohne die krabbelnden Finger. Ich versuchte, meine Schutzvorrichtungen oben zu halten, versuchte die einzelnen Stücke wie in einer Wand aus Lego zusammenzuhalten, aber ich spielte nicht in Lincolns Liga, wenn es darum ging, meine Kräfte auf diese Weise zu nutzen. Selbst als ich im Geiste eine mächtige Festung aus Stahl heraufbeschwor, konnte ich trotzdem noch spüren, wie sich seine Finger auf meiner Haut bewegten, und das entflammte etwas in mir, das ich nicht schaffte zu kontrollieren.
Lincoln ging zu meinen Händen über und schloss die Augen, als würde er einen Moment lang beten, bevor sich sein Mund um meinen Finger schloss und den Ring abzog. Er tat das so behutsam und voller liebenswertem Respekt. Doch dann machte er sich an den zweiten Ring und an den dritten, und als er beim vierten war, waren meine Wangen gerötet und der kleine Funke in mir brannte lichterloh. Lincolns Berührungen waren sicherer und intensiver geworden.
Ich versuchte, im Geiste Kinderlieder zu singen, das Alphabet aufzusagen, aber als sich sein Mund um den letzten Ring schloss … da musste ich mich mit meiner freien Hand am Rock festhalten, um mich davon abzuhalten, nach ihm zu greifen.
Irin gab ein keuchendes Glucksen von sich, als würde er meine Gedanken lesen.
Ich bringe dich um. Wenn nicht heute, dann komme ich eben an einem anderen Tag zurück und bringe dich um, das schwöre ich. Lies das, du elender Mistkerl!
Weil ich glaubte, dass es das Beste wäre, wenn ich Lincoln als Nächstes zur Halskette und zu den Ohrringen dirigieren würde, stand ich auf, kippte dabei aber fast um, weil meine Beine so sehr zitterten. Vielleicht hatte der Champagner schließlich doch noch zugeschlagen – unbewusst hatte ich immer wieder einen Schluck aus dem sich ständig füllenden Glas genommen.
Ich versuchte, meine Schutzmauern oben zu halten, aber es gelang mir nicht besonders gut und ich wurde zunehmend unsicherer auf den Beinen. Ich spürte jede winzige Bewegung, als Lincoln den Verschluss der schweren Halskette aufmachte und mich von ihrem Gewicht erlöste. Dann machte er mit den Ohrringen weiter.
»Ist das alles?«, fragte er mit niedergeschlagenen Augen und einer Stimme, die so rau war, dass sie den Worten kaum Klang verlieh.
Ich trat zurück, der Schlitz in meinem Kleid klaffte auseinander und enthüllte das Smaragd-Spinnennetz auf meinem Schenkel. Ich sah, wie sich seine Augen weiteten, und hörte ein Stöhnen, das er nicht kontrollieren konnte.
Es sandte eine Schockwelle durch mich hindurch.
Wortlos fiel er auf die Knie und begann mit den hinteren Verschlüssen, aber er hatte mit dem Stoff des Kleides zu kämpfen. Ich zog es für ihn zurück, sodass mein ganzes Bein entblößt war, und hoffte inständig, dass er dadurch schneller fertig werden würde, weil ich gerade in Flammen aufging.
Denk nicht daran, dass du jedes Mal schreien könntest, wenn er seine Hand von dir wegnimmt.
Endlich stand Lincoln auf, wandte sich zu Irin um und legte das Meisterstück aus Smaragden vor ihm auf den Tisch.
»Gib uns dein Wort darauf, dass du nichts gegen unseren Aufenthalt auf der Insel unternehmen wirst, wenn das hier erledigt ist. Außerdem will ich deine Zusicherung, dass du keinen anderen Verbannten, die hierherkommen, zu irgendwelchen Zwecken helfen wirst.«
Jesus, Maria – er muss tatsächlich so eine Art Kriegergott sein, um so schnell zu denken. Ich war immer noch bei dem »Champagner ist toll und deine Finger fühlen sich sooo gut an«-Teil.
Irin lachte herzlich. »Oh, Mann, für das Finale würde ich fast alles tun. Ich gebe dir mein Wort auf beides, aber das wird mich nicht davon abhalten, ein ähnliches Arrangement zu treffen, um diesen Verbannten Aufenthalt zu gewähren.«
Lincoln schien zu merken, dass nicht mehr herauszuholen war, und nickte, bevor er zu mir zurückkam. Aber mir war ein Gedanke gekommen.
»Warte!«, sagte ich lauter, als ich vorgehabt hatte. Alle horchten auf. »Ich möchte noch etwas anderes.«
Verdammt. Diese Engel sind mir jetzt etwas schuldig.
Lincoln sah mich an, seine Augen sagten »Nicht«.
Aber ich tat es trotzdem.
»Ich will die Halskette. Du sagtest selbst, du hättest noch viele, die besonderer und wertvoller wären. Wenn du willst, dass ich das tue, dann will ich die Halskette.« In diesem Moment war ich mir ganz sicher, dass sie wichtig war.
Irins gelassener Gesichtsausdruck veränderte sich, und er schlug mit solcher Wucht mit der Faust auf den Tisch, dass das ganze Ding nach oben sprang und dann wieder zurück auf den Boden krachte. Aber ich sah den Ausdruck in seinen Augen – die Gier, den Hunger – und wusste, dass alle Versprechen, die er seinen freakigen Kindern gegeben hatte, weniger zählten als seine eigenen Bedürfnisse.
Sein Lächeln kehrte zurück. »Ich würde vorschlagen, du versteckst sie gut, bis du die Insel wieder verlässt. Ich werde keine Verantwortung übernehmen, wenn meine Söhne entdecken, wo sie gelandet ist.«
Lässig mit der Schulter zuckend stimmte ich zu, auch wenn mein Herz hämmerte. Lincoln kam wieder auf mich zu, er sah erleichtert aus darüber, dass ich das Ganze nicht vermasselt hatte. Und vielleicht auch ein wenig beeindruckt. Und ganz bestimmt neugierig.
»Aber«, fügte Irin verlegen hinzu, »für den Kuss werdet ihr beide eure Schutzmauern sinken lassen müssen.«
Mein Herz setzte einen Schlag aus. Wir dachten, wir hätten ihn überboten, aber eigentlich hatte er uns direkt in seine Falle geführt. Lincoln hob seine leuchtend grünen Augen, sodass sich unsere Blicke trafen, und wir starrten uns an.
Das Schlimmste war – ein Teil von mir tanzte innerlich, so furchtbar das alles auch war.
Mein ganzes Wesen wollte das, und obwohl ich wusste, dass wir die Entscheidung, dies niemals wieder geschehen zu lassen, aus guten Gründen getroffen hatten, wollte ich unbedingt, dass er mich küsste. Bevor ich noch wusste, wie mir geschah, überkam mich ein so starkes Verlangen, dass ich meine Schutzmauern fallen ließ. Eine Woge purer Begierde schwappte über mich hinweg. Ich machte den letzten Schritt auf ihn zu.
»Violet«, sagte Lincoln, wobei er gegen seine Gefühle ankämpfte, aber das war alles, wofür wir Zeit hatten, bevor ich spürte, wie der Honig seiner Kraft wegschmolz und nur durch ihn selbst ersetzt wurde. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten – nur wir zwei. Seine Hand wanderte seitlich zu meinem Gesicht und dann in meinen Nacken, während er meinen nur allzu willigen Körper zu sich hin zog.
Als wir uns küssten, spürte ich, dass er mich enger, fester an sich zog, aber nicht nah genug. Er war nie nah genug. Sein Mund verschmolz mit meinem und ich spürte, wie seine Seele nach mir griff, genau wie meine nach ihm. Sie berührten sich fast – hoffnungslos.
Er ist mein, mein, mein.
Ich war überrascht, dass meine Hände nicht verrückt spielten und versuchten, alles von ihm zu berühren – aber das taten sie nicht. Ich klammerte mich einfach verzweifelt an ihm fest. In diesem Moment war ich so ziemlich bereit, alles einzureißen, was mich je wieder von ihm fernhalten konnte. Lincoln hielt mich auf dieselbe Art und Weise, seine Arme umfassten mich so fest, dass sich mein Rücken in perfekter Agonie bog, während wir uns küssten. Ich konnte jetzt spüren, wie sich Irin von uns ernährte, wie die kleinen Ranken meiner Gefühle für Lincoln von mir weggezogen wurden, aber davon gab es noch weit mehr, er berührte kaum die Oberfläche. Als sich Lincolns Lippen für einen Moment von meinen lösten, rief ich fieberhaft: »Ich liebe dich!«, als wäre das die einzige Chance, es noch einmal zu sagen.
Die Worte zerbrachen etwas zwischen uns. Lincoln spannte sich an und wich zurück, taumelte zurück, obwohl ich ihn mit all meiner Stärke festgehalten hatte.
Ich war atemlos.
Und gebrochen.
Meine Arme schlangen sich um meine Taille, in dem Versuch, mich selbst zusammenzuhalten.
Lincoln wich weiter zurück, seine Miene war bestürzt. Ich fühlte, wie seine Kraft anfing zu strudeln, als er sich nach vorne beugte und die Hände auf die Knie stützte. Er zog die Barrieren zwischen uns wieder hoch. Ich versuchte, es ihm gleichzutun.
»Mehr als ich mir jemals erträumt hatte. Seelenverwandte«, lallte Irin, trunken von unseren Gefühlen.
Ich hätte ihm am liebsten die Augen ausgestochen, wodurch ich wieder ein wenig zu mir selbst fand. Gebückt stand er auf und ging träge zu einer der Vitrinen hinüber.
Er warf mir die Halskette zu und ohne nachzudenken stopfte ich sie vorne in mein Kleid.
Und wenn Uri glaubt, er könnte sie haben, dann ist er auf dem Holzweg.
»Wir gehen jetzt«, sagte Lincoln.
»Wie ihr wollt, die Bezahlung war mehr als ausreichend. Zum Abschied habe ich nur noch eine Frage«, sagte Irin, während er uns träumerisch folgte.
Wir gingen auf die Doppeltür zu. Lincoln stieß sie mit überwältigender Kraft auf und hielt sie für mich. Wir stürzten durch die Halle und gingen die Treppe hinauf. Wir hatten nicht vor, stehen zu bleiben, bevor wir wieder an der Erdoberfläche angelangt waren, wo noch immer die gesichtslosen Verbannten standen, als hätten sie sich die ganze Zeit nicht wegbewegt. Vor der Tür stand der, der uns hereingeführt hatte, und versperrte uns den Weg in die Freiheit.
Ich wirbelte herum, ich zitterte am ganzen Körper. Irin stand direkt hinter mir.
»Was?«, brüllte ich, als ich meine Stimme wieder fand.
»Wie hat sich für euch mein kleiner Spuk dargestellt?«, fragte er ruhig und machte eine Handbewegung zu den Nephlim hin. »Was siehst du, wenn du meine Söhne anschaust?«
»Nichts«, sagte ich, was mir ein Aufblitzen aus Lincolns Augen einbrachte. Irin lächelte wissend. »Abgesehen von den Geräuschen sind sie leer, hohl.«
»Ja, sie akkumulieren die Geräusche. Die Schreie all derer, die sie früher schon zu Gesicht bekommen hatten. Ein paar davon zusammengenommen ergeben fast so etwas wie eine Symphonie.« Er ging mit uns ein paar Schritte in Richtung Tür und nickte den Nephlim zu, die auf sein Kommando beiseite gingen.
»Und Lincoln, was ist mit dir? Ich sollte dich warnen, ich sehe jede Form, die meine Kinder annehmen.«
Lincoln warf ihm einen tödlichen Blick zu. »Warum fragst du dann?«, knurrte er.
Ich wusste, er würde Irin ausschalten, wenn die Gelegenheit günstig wäre. Aber nach dem Mahl, das Irin sich gerade einverleibt hatte, wäre das wahrscheinlich Selbstmord. Außerdem hatten wir unsere Anweisungen.
Irin schloss genießerisch die Augen. »Nachtisch.«
Lincolns Nasenflügel bebten und er presste den Kiefer zusammen. »Ich habe Violet gesehen.«
Als Irin die Augen aufschlug, strahlte sein Gesicht vor Wonne. »Jede Einzelne von ihnen genau wie sie heute Abend aussieht. Ein sehr schöner Anblick – für deinen Partner allerdings«, er zwinkerte mich an, »mehr Qual, als er sich vorstellen konnte.«
»Qual?«, wiederholte ich, so langsam wurde mir übel. »Ist es das, was sie uns zeigen?«
»Sie zeigen uns genau das, von dem wir am meisten fürchten, es in uns selbst zu sehen.« Irin öffnete die Tür und streckte die Hand aus, um uns hinauszulassen. »Bitte, kommt mich unbedingt wieder besuchen.«