Lebendigkeit ist unsterblich
Auf alten europäischen Karten waren die Grenzen erforschter Gebiete markiert und die unerforschten Regionen mit dem Vermerk »Hier gibt es Drachen« gekennzeichnet. Ähnlich dürfte es sich anfühlen, wenn Sie beginnen, über Ihre eigene Sterblichkeit nachzudenken. Sie reisen an Orte, die Sie lieber meiden möchten, und das erfordert Mut. Sie werden dabei auch feststellen, dass diese Erfahrung Sie verändert.
Ich erinnere mich an eine Schülergruppe, die unser Haus in Bergisch Gladbach besuchte, nachdem sich die Jugendlichen im Unterricht mit Sterben und Tod beschäftigt hatten. Keiner von ihnen hatte zuvor je einen »echten« Toten gesehen. Ich war froh, ihnen dieses Erlebnis vermitteln zu können, natürlich mit Erlaubnis der Eltern. Sie kamen also nach vorbereitenden Gesprächen in den Raum, in dem ein älterer Mann aufgebahrt lag. Jeder der jungen Besucher hielt die Arme vor der Brust verschränkt. Ein oder zwei Minuten starrten sie stumm in den Sarg. Dann platzte ein Mädchen heraus: »Aber das ist ja überhaupt nichts Schlimmes!« Später hörte ich sie eine Freundin fragen, wo denn wohl das »Lebendige« hingegangen sei, schließlich hätten sie ja im Physikunterricht gelernt, dass nie etwas verloren gehe.
Die Auseinandersetzung mit dem Tod ist für viele Menschen gleichzeitig eine Beschäftigung mit dem Unvergänglichen. Das zeigen auch die Erfahrungen der Malerin Michaela Frank. Auf Skizzen, die am Sarg ihrer Mutter entstanden sind, ist die innere Verwandlung zu erkennen: Am Anfang rebelliert sie merklich gegen den Tod der Mutter. In den ersten Bildern kommen Gefühle der Ohnmacht, des Zorns und der Wut zum Ausdruck. Das Gesicht der Mutter, die zu betrauernde Person, ist nicht zu erkennen. In dieser ersten Phase wird die Trauer über das »ungelebte Leben« erfahrbar, über die verpassten Chancen, die ungenutzten Begegnungen und die unerfüllten Träume. Erst wenn der Trauernde sich diese Gefühle von der Seele »gearbeitet« hat, findet er den Weg zur Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass er einen wichtigen Menschen verloren hat. Nach dieser ersten Phase kommt eine lange Zeit der Auseinandersetzung, die sich an der rein materiellen Körperlichkeit orientiert. Über die Annahme der Realität des Todes erkennt der Trauernde nun, dass das, was im Sarg liegt, vergänglich ist; das aber, was der Verstorbene für ihn bedeutete – seine Gedanken und Gefühle –, ist unsterblich. Dies vermitteln die Bilder von Michaela Frank auf eindrucksvolle Weise. In den letzten Skizzen wirkt der Gesichtsausdruck der Mutter wie verklärt, während sich die Konturen der Malerin auflösen, bis nur noch zwei, drei Striche übrig bleiben. Die Erkenntnis, dass das, was die Lebendigkeit ihrer Mutter ausmachte, unsterblich ist, hat sich durchgesetzt.
Wenn ein Mensch eine solche Erfahrung gemacht hat, dann ist er auch bereit, jemanden ins Grab zu geben. Er weiß, dass das, was er sieht, nicht der Verstorbene ist, sondern nur das Vergängliche, seine Hülle. So kann der Trauernde eine neue Beziehung aufbauen, die dann des materiellen Aspektes nicht mehr bedarf.
»Die Seele: Das ist der Mensch in seiner unvertretbaren Einmaligkeit. Seele: Das ist die geistige Vertrautheit mit sich selbst – welche freilich nicht anders als durch den Körper erworben wird. … Es gibt ›mich‹ nur mit Haut und Haaren. Aber ich bin nicht mit Haut und Haaren identisch. Während der Körper altert, wachse ich als Persönlichkeit über die Wechselfälle der Zeit hinaus. Und was den Tod überdauert, bin ich selbst im Spiegel meiner Lebensgeschichte. Von der Unvergänglichkeit der menschlichen Seele zu sprechen heißt demnach zu bekennen, dass der wahre Charakter eines Menschen zu jeder Sekunde hier auf Erden geformt, im Tod aber offenbar wird.« So formuliert es der Theologe Bertram Stubenrauch in seinem Buch Was kommt danach? Himmel, Hölle, Nirwana oder gar nichts.
Aus dem Gefühl oder aus einer inneren Gewissheit heraus, dass der Mensch letzten Endes mehr sein muss als ein Zellhaufen und dass es nicht gleichgültig ist, wie gut oder wie schlecht er im Leben ist, beschließen Menschen an etwas zu glauben, das sie nicht »wissen« können. Doch bei der Frage, was von uns bleibt, was nach dem Lebensende kommt, geht es gar nicht um Beweise, Begriffsbestimmungen, Traditionen, Zweifel, Vermutungen oder darum, wer am Ende Recht behält. Die Unsterblichkeit der Seele ist unbeweisbar. Wir können nur an sie glauben: als Teilereignis der Auferstehung von den Toten am Ende aller Tage. Ein Mysterium, das sich verstehen lässt, ohne dass wir wirklich wüssten, was es ist. Wie sich ein Mensch angesichts dieses Mysteriums letzten Endes entscheidet, hängt auch davon ab, wer er ist: Welche Philosophie einer wähle, verrate, was für ein Mensch er sei, meinte schon Fichte.