Kreativer Ungehorsam
Jeder Mensch ist einzigartig. Leider ist davon bei einem Spaziergang über die meisten Friedhöfe nicht viel zu spüren. Die genormten Einheitsgräber vermitteln Trostlosigkeit. Enge Vorschriften verhindern eine persönliche Gestaltung des Grabes. So darf zum Beispiel eine Skulptur eine bestimmte Höhe nicht überschreiten; auch die maximale Größe des Grundrisses ist festgelegt, weil die Grabfläche zu 80 Prozent mit Bodendeckern bepflanzt werden muss. Konformismus erstickt jede Kreativität; sie macht aus Gräberfeldern Steinwüsten.
Vieles ist denkbar, was viele heute noch für Spinnerei halten: Warum soll mit einem Friedhof nicht gleichzeitig ein Park geschaffen werden, ein Ort, an dem die Gemeinschaft der Lebenden und der Toten zusammenkommt? Was ich mir wünsche, ist wenigstens die Qualität alter Friedhöfe, die man so gern besucht, weil die Monumente der Erinnerung dort über das Leben derer erzählen, an die sie erinnern. Was ist an ihre Stelle getreten? Enge Vorschriften für Grabsteine. Keine Schnörkel. Kein Hinweis auf das, was dem Verstorbenen wichtig war. Keine Skulptur, kein Tier. Katholische Friedhöfe verlangen ein christliches Symbol auf dem Stein, andernfalls wird er nicht genehmigt. Auf kommunalem Grund sind die Einschränkungen nicht geringer. So entsteht ein Einheitsbild – die typische Marmorwand mit Eselsrücken, breiter als hoch. »Familie Schmitz«, Ende. Mehr erfährt man nicht. Eine Gleichschaltung über den Tod hinaus, eine Vorstufe zur Anonymität.
Spaziergänge über moderne Friedhöfe sind langweilig. Viele Anlagen sind in ihrer Größe und Unüberschaubarkeit nicht einmal sicher – kein Wunder, dass ältere Frauen sich dort nicht wohlfühlen. Was tun, damit wieder Kreativität auf den Friedhöfen sichtbar wird? Vor allem: Mut zeigen. Sich trauen, einen eigenen Entwurf für den Grabstein einzureichen.
Vieles davon ist noch Utopie. Der Friedhof als Park, womöglich irgendwann eine freie Friedhofsordnung. Aber warum sollte in Deutschland nicht möglich sein, was sich in anderen europäischen Ländern bewährt hat? Wir sind sofort bereit, über Veränderungen in unserem Wirtschaftsleben nachzudenken, die im Zuge der Europäisierung und Globalisierung als nötig wahrgenommen werden. Doch wenn es um die individuelle Gestaltung des letzten Abschieds geht, folgen wir dem liberalen Beispiel vieler Nachbarländer nicht. Kaum hundert Kilometer von meiner Heimat entfernt ist es beispielsweise erlaubt, die Asche eines Verstorbenen mit nach Hause zu nehmen, sie auszustreuen, in einem Fluss oder auf einer Wiese. Selbst vergleichsweise exzentrischen Wünschen, wie der Beisetzung unter dem Rasen des geliebten Fußballvereins, wird in den Niederlanden nachgegeben. In den südeuropäischen Ländern sind der Gestaltung von Grabsteinen kaum Grenzen gesetzt – und im Urlaub spazieren wir bewundernd über Friedhöfe, die unseren eigenen Steinwüsten so gar nicht ähnlich sehen. Was spricht gegen die Familiengedenkstätte im eigenen Garten? Warum nicht die Urne der Mutter mitnehmen, wenn man umzieht, wie es heute so häufig vorkommt? Ein solches Handeln setzt aktive Verantwortung voraus. Die Toten bedürfen eines gewissen Schutzes, und es liegt auf der Hand, dass auch hier der persönlichen Freiheit – weite, nachvollziehbare – Grenzen gesetzt werden müssen. Ähnlich wie es bei der Namensgebung für Kinder der Fall ist.
Doch eine Veränderung bewirken meist nur Betroffene – und aus diesem Grund tragen diejenigen, die institutionell mit ihnen zu tun haben, auch eine besondere Verantwortung. Sie haben die Chance, die kreative Energie, die ein emotional erschütterndes Ereignis wie der Tod eines Menschen freisetzt, in einen kreativen bürgerlichen Ungehorsam zu verwandeln, eine Sterbe- und Trauerkultur zu etablieren, die dem Tod einen Platz im Leben zurückgibt.
Bis dahin ist es noch ein langer Weg. Tote und Trauernde haben keine Lobby, und auf der politischen Prioritätenliste finden sie sich nicht. Dies zeigt sich unter anderem bei der Planung von Altenheimen und Krankenhäusern, bei der Platzierung von Friedhöfen in Neubaugebieten: Es wird nur das geplant, was der Lebensqualität der modernen Leistungsgesellschaft dient. Die Zufahrten zu den Totenkammern der Krankenhäuser und Heime liegen im Allgemeinen verdeckt und sind nur schwer einsehbar. Die Räumlichkeiten selbst sind nach rein praktischen Kriterien gestaltet. Friedhöfe werden in der Regel außerhalb der Lebens- und Erfahrungsräume angesiedelt. Selbst bei der Planung des Eingangsbereichs eines Einfamilienhauses wird nicht mehr bedacht, dass für den letzten Gang aus dem Haus ein Sarg nötig sein könnte – anscheinend ist es für die Menschen heute schwer vorstellbar, dass der Tod zu unserem Leben gehört.
Die persönliche Verantwortung, die wir in anderen Lebensbereichen als selbstverständlich empfinden, muss auch für das eigene Ende gelten: Wie möchte ich behandelt werden, welche Menschen möchte ich um mich haben, was möchte ich von anderen hören? Möchten Sie wirklich, dass nichts als Floskeln in Ihrer Todesanzeige stehen oder an Ihrem Grab gesprochen werden?
Ende der 1960er Jahre war Emanzipation die Parole der Jugend: Alles ist möglich. Es war ein Sturm auf die Institutionen. Die Familie wurde als Gefängnis, die Schule als Kaserne, die Arbeit (und ihr Gegenstück, der Konsum) als Entfremdung gebrandmarkt. Das Recht (das bürgerliche, versteht sich) galt als Herrschaftsinstrument, von dem man sich befreien musste (»Es ist verboten zu verbieten«). Eine neue Freiheit der Sitten zeichnet sich mit der Verbesserung der materiellen Bedingungen ab, und die Öffnung der Lebensläufe, die Mobilität nach oben, wurde in diesem Jahrzehnt zu einer greifbaren Realität. Diese Pluralisierung, die jedem erlaubte, sein Leben zu wählen, resultierte daraus, dass sich zur allgemeinen Begeisterung das reine Individuum herausbildete, also eine Person, die ihr eigener Herr ist. Seit den 1970er Jahren hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass jeder Herr über sein eigenes Leben ist. Die Veränderung der Normen, die in den 60er Jahren eingesetzt hat, schlägt sich in den Verhaltensweisen nieder. Der Gegensatz von Individuum und Gesellschaft löst sich auf und mit ihm die Vorstellung, man müsse ein Individuum disziplinieren, um es gesellschaftsfähig zu machen und die Gesellschaft vor seinen Exzessen zu schützen. Nun ist dieses Individuum aber gezwungenermaßen unsicher, denn es hat kein Außen mehr, das ihm sagt, wie es sich verhalten soll, es muss sich seine Regeln selbst schaffen.
Warum soll nicht jeder tun, was ihm gefällt, solange er niemandem damit schadet? Warum soll nicht jeder auf seine Weise mit Tod und Trauer umgehen dürfen, ohne dafür bewertet zu werden? Allzu selbstverständlich akzeptieren wir Forderungen als gerechtfertigt und merken nicht, dass es sich in Wirklichkeit um Zumutungen handelt. Trauer fördert die Kreativität – nicht nur dann, wenn man sich etwas einfallen lassen muss, um gesetzliche Bestimmungen zu umgehen. Viele Menschen werden in ihrer Trauer so kreativ wie noch nie oder wie sie es seit Jahrzehnten nicht mehr waren, einfach deshalb, weil sie das tiefe Bedürfnis haben, ihre Gefühle der Liebe und des Schmerzes auszudrücken. Sie schreiben Gedichte oder Geschichten, sie malen Bilder, machen Musik, komponieren Lieder, sie gestalten einen Erinnerungsort im eigenen Garten.