Reisebegleiter

Lollo war lang und rot-weiß gestreift. Eine Mischung zwischen Puppe, Kissen und Hampelmann, mit ein paar Schnüren als Haare und Frotteefüßen, auf denen man herumkauen konnte. Lollo begleitete Felix in den Kindergarten, sogar als er schon größer war und wusste, dass Puppen »für Mädchen« sind. Lollo war mit ihm im Krankenhaus und Lollo saß noch auf dem Schrank, als darin längst keine Feuerwehrautos mehr aufbewahrt wurden, sondern Fußballtrikots. Von der Ente, von den Löwen und sogar von dem großen Eisbären würde er sich trennen, er würde sie verschenken oder eines Tages einfach vergessen. Aber nicht Lollo. Sie würde er mitnehmen eines Tages, auf seine letzte Reise, sie würde ihn begleiten und mit verblichenem, tausendmal geknülltem und gestreicheltem Stoff neben ihm liegen.

Was spräche dagegen? Schon vor Jahrhunderten gab man verstorbenen Kindern ein Spielzeug mit ins Grab, und in fast allen alten Kulturen waren Grabbeigaben die Regel, nicht die Ausnahme. Ägypter, Römer, Hethiter, Skythen – kein altes Kulturvolk wäre auf die Idee gekommen, Verstorbene ohne Grabbeigaben auf die letzte Reise zu schicken. Im Grab des Bogenschützen von Stonehenge (2300 v. Chr.) wurden rund hundert Gegenstände gefunden. Darunter waren goldene Haarspangen, Kupfermesser, Pfeilspitzen und Töpferware. In einem Grab aus der Eisenzeit in Offenbach-Bieber wurde ein Mädchen mit einem Knochenkamm, Amuletten aus Muscheln und Glasperlen sowie einer eisernen Schere bestattet. Grabbeigaben sind Zeugnisse der Zeit, sie spiegeln den Totenkult, den Glauben oder auch Aberglauben, das Leben und seine Bedingungen sowie die Entwicklung der Gesellschaft wider.

Die meisten Bestatter verkaufen lieber Totenhemden, als den Trauernden zu raten, sich über die Auswahl von Lieblingskleidung und Grabbeigaben, die dem Verstorbenen im Leben wichtig waren, mit dem Tod des geliebten Menschen auseinanderzusetzen.

Als meine Mutter starb, sie war eine alte Bäuerin, zogen wir ihr als erstes die Sachen an, die sie besonders gern getragen hatte. Dann legten wir ihr das Plumeau und den Bettbezug in den Sarg. Wir gaben ihr all die Dinge mit, die ihr im Leben etwas bedeutet und ihr Spaß gemacht hatten. Meine Mutter hatte einen »grünen Daumen«, sie brauchte nur einen Stock in die Erde zu stecken, und schon begann er zu blühen. Also gaben wir ihr alle Blumen des Bauerngartens mit, aber nicht nur die Blumen, sondern auch die dazugehörigen Samentütchen mit der Beschreibung des Samens, ihr Gartenhäckchen, ihre Gartenzeitung und ihre Gartenschürze. Und da meine Mutter gerne Shrimp-Cocktails gegessen hatte, fügte ich ihren Grabbeigaben am letzten Tag noch eine kleine Dose davon bei.

In der Auswahl und dem Hineinlegen der letzten Geschenke in den Sarg drückt sich ein Umgang mit Trauer aus, der nichts mit der Ex-undhopp-Mentalität unserer Gesellschaft zu tun hat. Die Handlung gibt uns Gelegenheit, noch einmal darüber nachzudenken, was im Leben des oder der Verstorbenen wichtig war: Was hat er/sie gerne gegessen, was hat er/sie gerne angezogen, was hatte er/sie für Hobbys? Die Symbole dafür, meist ganz einfache Dinge, werden in den Sarg gelegt. Mit großer Wirkung.

Trauer bedeutet auch, sich selbst den Unterschied zwischen Tod und Leben klarzumachen, zu erfahren, was es heißt, zu leben und zu akzeptieren, dass unser Leben begrenzt und darum etwas sehr Kostbares ist. Trauer dient nicht zuletzt als ein Andenken an den Verstorbenen, an seine ganz eigene Art und Weise durch das Leben zu gehen.

Wäre das nicht eine schöne Nachricht an die, die nach uns kommen und sich von unseren Gräbern etwas über unsere Kultur erzählen lassen möchten?

Sarg- und Grabbeigaben sind eine Geste, die auch heute erlaubt ist. Allerdings dürfen es nur Gegenstände sein, die sich zersetzen – Handy und MP3-Player zählen also nicht dazu, ebenso wenig wie eine CD mit den Lieblingsfilmen oder -songs. Zu den idealen Begleitern zählt das, was wir selbst mit Botschaften gestalten – Briefe, Bilder, ein Foto. Dieses »Mitgeben« kann ein Ausdruck sein, der den Abschied, das Loslassen sinnlich erfahrbar macht. So wie wir etwas von dem Verstorbenen »als Andenken« an ihn zurückbehalten wollen, so wollen wir ihm auch etwas von uns mitgeben.

Das letzte Hemd ist bunt: Die neue Freiheit in der Sterbekultur
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