Geteilte Erinnerungen

Viele Trauernde, die eine Partnerin oder einen Partner verloren haben, beginnen im Lauf des ersten Jahres, ihre Wohnung gründlich zu renovieren und sich im wahrsten Sinne des Wortes »neu einzurichten«. Sie genießen es, sich nur nach ihren eigenen Wünschen richten zu können, Entscheidungen zu treffen, die die oder der Tote nicht gebilligt hätte, und vielleicht zum ersten Mal im Leben ihre Umgebung ganz nach dem eigenen Geschmack zu gestalten. Andere wiederum lassen alles so, wie es war, und dringen nur ganz behutsam in diesen Raum ein. Es kommt ihnen vor wie ein Sakrileg, die Dinge zu verändern; sie versuchen, das Andenken des Toten zu bewahren, indem sie an den Dingen, die ihn im Leben umgeben haben, nichts verändern. Was Trauernde von den Verstorbenen in ihre Zukunft mitnehmen und neu in ihr Leben einbetten, sind vor allem Erinnerungen und innere Bedeutungen. Aber auch Dinge können zum Ersatz für einen verstorbenen Menschen werden. So bewahren manche die letzten Kleidungsstücke auf, die dieser getragen hat.

»Es gibt keine Minute, in der ich nicht an ihn denke.« Oder: »Sie ist immer bei mir.« Sätze wie diese hört man von vielen Trauernden im ersten Jahr. Diese Erinnerungen helfen den Betroffenen, die Wirklichkeit anzunehmen. Der britische Soziologe Tony Walter hat 1996 einen Artikel über die Bedeutung des Gesprächs über die Verstorbenen veröffentlicht, in dem er die Konstruktion einer tragbaren und für viele akzeptablen Geschichte als eigentliches Ziel des Trauerprozesses beschreibt. Diese Geschichte, in der Erinnerungen gebündelt und interpretiert sind, gibt den Toten einen neuen und stabilen Platz im Weiterleben der Menschen, die sich an sie erinnern. Für Walter kann diese Geschichte nur im Austausch mit möglichst vielen anderen konstruiert werden, die diesen Menschen ebenfalls gekannt haben; sie sind der »Wirklichkeitstest« für die Erinnerungen. Walter beschreibt, wie nach dem Tod seiner besten Freundin die Gespräche mit ihren Freunden und Freundinnen sein grundsätzliches Bild von dieser Frau bestätigt haben, wie er aber auch neue Dinge erfahren hat, die ihm halfen, sie rückblickend besser zu verstehen.

Walters Ansatz kann man fast schon als revolutionär bezeichnen in einer Gesellschaft, in der möglichst wenig und schon gar nicht offen und kontrovers über die Toten gesprochen wird. Er schreibt, er habe zwei Monate lang kein Bedürfnis gehabt, mit Menschen zu sprechen, die seine Freundin nicht gekannt hatten oder nicht über sie reden wollten.

Trauernde suchen immer wieder das Gespräch über den Menschen, der gestorben ist, stoßen damit aber häufig auf Ablehnung statt auf Unterstützung. Der Wunsch, Erinnerungen lebendig zu halten und die Verstorbenen als Bestandteile des Lebens auch nach außen hin sichtbar zu machen, gilt in der klassischen Literatur über Trauer als pathologisch, also krank. Die meisten Trauernden haben das Bedürfnis, etwas von dem Toten in ihrem Leben zu behalten. Oft ist es ihnen erst möglich loszulassen, wenn sie das Bedürfnis nach etwas Bleibendem akzeptiert haben.

Trauerprozesse sind gekennzeichnet von heftigen Gefühlen und Schmerz. Aber jeder Trauerprozess beinhaltet auch das Entdecken von Freiräumen und neuen Lebensmöglichkeiten. Im Lauf der Trauerjahre verlagert sich der Schwerpunkt des Trauerprozesses. Zunächst sind es die schweren und verlustbetonten Aspekte, später immer mehr das Anerkennen dessen, was ein Mensch mit seinem Leben und Sterben dem eigenen Leben gegeben hat. So wandelt sich auch das, was mitten im Leben von der Trauer sichtbar wird. Ist es zunächst viel Schmerz und Einsamkeit, so werden es im Lauf der Zeit Lebensweisheit, Geduld und die Fähigkeit, mit Erinnerungen an den Toten umzugehen.

Die alten Kulturen lebten viel stärker als wir mit ihren Toten zusammen. Der Ahnenkult ist wohl die Frühform der Religion. Die Verbindung mit den Toten und das ständige dadurch eingeübte Hinausdenken über die eigene Lebenszeit bilden den Ursprung des kulturellen Gedächtnisses. Für die alten Ägypter war es vollkommen selbstverständlich, dass der Mensch immer nur ein Knotenpunkt in einem Beziehungsnetz ist – ein Gedanke, der heute in der systemischen Therapie Wiederauferstehung feiert.

Der Aufwand, mit dem frühere Kulturen den Tod als große Reise vorbereiteten, ist für uns heute kaum noch vorstellbar. Einer der aufsehenerregendsten Funde wurde 1974 in China, nördlich von Xi’an, gemacht: Dort stieß man auf das Mausoleum des Kaisers Qin Shihuangdi, der sich im Jahre 210 v. Chr. mit einer kompletten Armee von Tonsoldaten bestatten ließ. Jeder der mehr als 7 000 lebensgroßen Soldaten hat detailgetreu gearbeitete Gesichtszüge. Mehr als 30 Jahre lang hatten bis zu 700 000 Handwerker an dem Grabmal gearbeitet.

Besonders die alten Ägypter würden sich sehr wundern über eine Kultur, in der das Band zwischen Lebenden und Toten kaum sichtbar ist. Die ägyptischen Pyramiden sind Anlagen, die nicht nur dazu dienten, den Toten eine würdige Ruhestätte zu geben, sondern die vor allem dazu da waren, das Gedächtnis der Verstorbenen lebendig und gegenwärtig zu halten. Aus den ägyptischen Grabinschriften wird deutlich, dass der Sinn eines Grabbesuchs darin bestand, in Kontakt mit den Vorfahren zu treten. In den Gräbern wurden Briefe an Tote gefunden, die belegen, dass es sich bei ihnen um wichtige Mitglieder der Gesellschaft handelte. Man verstand sie gewissermaßen als Verbindungsleute zur Götterwelt: An die Toten wendete man sich in Krisenfällen der Familie und bat sie, bei den großen Göttern zu intervenieren, zu denen sie Zugang hatten. Sie spielten eine wichtige Rolle in der Weltsicht der Gesellschaft.

Nach der These von Jan und Aleida Assmann entwickelte sich das kulturelle Gedächtnis aus dem Totenkult und hat dort seinen Ursprung. Diese Deutung unterstreicht, dass nicht nur der Umgang mit anderen Menschen unsere innere Vorstellungswelt gestaltet, sondern auch der Umgang mit symbolischen Formen, in denen Ideen, Texte, Gedanken und Bilder objektiviert sind. Das ist das kulturelle Gedächtnis. Das Besondere des kulturellen Gedächtnisses ist, dass es den Lebenshorizont und die Lebenszeit überschreitet. Die greifbarste Form dieser Überschreitung der eigenen Lebenszeit ist die Verbindung mit den Toten, die im alten Ägypten intensiv ausgebildet war. Wir gehen mit Texten, mit Riten, mit Bildern um, die weit über unsere Lebens- und Generationsspanne hinausweisen. Die Vergangenheit gibt es nur in dem Maße, in dem wir uns ihrer erinnern.

Gräber sind Orte, die es vor dem Tod noch nicht gegeben hat. Vielen Trauernden fällt es leichter, sich mit diesem neuen Ort einzurichten. Am Grab empfinden sie Nähe zu dem Menschen, den sie vermissen. Es ist ein Stück »Wirklichkeit des Todes« und beruhigt in seiner Konkretheit die ständig wechselnden Gefühle, die Außenstehende oft rat- und hilflos machen, weil sie sich bis zu einem gewissen Grad auch selbst verändern müssen, wenn sie mit dem Trauernden verbunden bleiben wollen.

Das letzte Hemd ist bunt: Die neue Freiheit in der Sterbekultur
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