Ein Ort der Begegnung

Trauer braucht eine Heimat, braucht Erlaubnis, Zeit und Raum. In unserer Kultur aber findet sie in der Regel hinter verschlossenen Türen statt. Wie groß hingegen das Bedürfnis nach Gemeinschaft ist, wird spürbar, wenn, wie im Fall des Torwarts Robert Enke oder von Prinzessin Diana, öffentliche Trauer eine – hier durch die Medien erteilte – Erlaubnis erhält.

Viele Menschen werden heute fünfzig Jahre und älter, ohne dass sie je eine echte Leiche gesehen hätten. Dennoch glauben die meisten, eine konkrete Vorstellung vom Tod zu besitzen – liefert das Fernsehen nicht jeden Tag jede Menge Tote frei Haus? An die Stelle der persönlichen Erfahrung sind Bilder getreten, die nicht der Realität des Sterbens entsprechen, sondern vor allem dem Bedarf der Medien: dramatische Bilder. Das führt dazu, dass die meisten Kinder heute erschreckende Vorstellungen vom Sterben und vom Tod haben. In Schweden hat man beispielsweise vor einigen Jahren im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung herausgefunden, wie stark die Realität des Fernsehens diese Vorstellungen prägt. Auf die Frage: »Woran, glaubst du, werden deine Eltern einmal sterben?«, antwortete eine Mehrzahl der Kinder ohne Zögern: »Die werden erschossen.«

Wer glaubt, nur Kinder seien von einer solchen verzerrten Wahrnehmung der Wirklichkeit betroffen, irrt. Kinoleichen haben mit den »echten« Leichen der Abendnachrichten eines gemein: Egal, was uns präsentiert wird, wir bleiben passive Zuschauer und können als solche unsere Gefühle nach Bedarf rationalisieren und relativieren. Wir erschrecken vielleicht, sind erschüttert, entsetzt. Wir schütteln den Kopf über so viel Grauen in der Welt. Aber wir können unsere Emotionen auch schnell wieder zurückdrängen. Denn die Bilder der Leichen bleiben genau das: Bilder. Sie haben nicht annähernd die Wirkung, die eintritt, wenn man sich mit einem Toten im selben Raum aufhält. Nur wer den Unterschied nicht kennt – und das sind heute die meisten – kann denken, er weiß genug über Tod, Tote und Trauer, um auf die persönliche Erfahrung ganz verzichten zu können. »Das werde ich mir nicht antun, das kenn ich auch schon aus dem Fernsehen.« Das ist der große Irrtum, der verhindert, dass die Normalität des Sterbens und damit auch die konstruktive Kraft der Begegnung mit dem Tod im Alltag einen angemessenen Platz bekommen.

Der Passus »Von Beileidsbekundungen bitten wir abzusehen« findet sich inzwischen in vielen Todesanzeigen. Wenn man sich die Heftigkeit der Trauerbekundungen früherer Zeiten vor Augen führt, kann man die Bedeutung des Schweigens ermessen, das Trauernde heute oft umgibt. Ich sehe darin eine Bankrotterklärung: Der Satz bringt zum Ausdruck, dass Trauernde sich keinen Trost mehr von ihren Mitmenschen erwarten. Trauern war früher eine Sache der Gemeinschaft. Menschen kamen unaufgefordert in das Haus, in dem jemand gestorben war. Heute wird ein solcher Ort eher gemieden. Bei allem, was wir aus unserem normalen Leben an Leid und Verlusterfahrungen kennen: Wenn wir Menschen begegnen, die ein Kind, einen Partner, die Mutter oder den Vater verloren haben, betreten wir eine fremde Welt. Die Worte, die wir in unserem Repertoire haben, beschreiben diese Welt möglicherweise nicht angemessen. Wie man eine solche Annäherung zustande bringt, dafür gibt es nur wenige Regeln und schon gar keine Routine.

Menschen, die in Berufen arbeiten, in denen sie mit Tod und Sterben konfrontiert werden, erleben die ersten »realen« Begegnungen als Schock, auf den sie nicht hinreichend vorbereitet wurden. Unter diesem Mangel leiden nicht nur sie selbst, sondern auch die Angehörigen der von ihnen versorgten und nun verstorbenen Menschen, die im Ernstfall nicht wagen, genauer hinzusehen. Es ist daher wichtig, sich auch auf institutioneller Ebene den Themen Tod und Trauer zu widmen. Aus der täglichen Praxis der von mir initiierten privaten Trauerakademie weiß ich, dass dieser wichtige Themenkreis ncht allein staatlichen oder institutionellen Einrichtungen überlassen werden darf. In regelmäßigem Erfahrungsaustausch mit international führenden Trauerforschern sammle ich Wissen, dass auf Tagungen und Konferenzen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.

So mancher Bestatter wird die Tätigkeit eines Trauerbegleiters bestenfalls belächeln oder als Geschäftemacherei diffamieren. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht im Allgemeinen der Verstorbene, die Trauernden rücken in den Hintergrund.

Die Wirklichkeit des Todes zu begreifen ist eine Aufgabe, die ganz am Anfang eines Trauerprozesses stehen muss, und sie kann durch äußere Umstände erleichtert oder unmöglich gemacht werden. Ein erster Schritt hin zu einer neuen Sterbe- und Trauerkultur besteht daher in der Schaffung eines Raumes für die Begegnung der Lebenden mit »ihren« Toten. Die besten Voraussetzungen für einen konstruktiven Trauerprozess entstehen, wenn wir beim Sterben eines geliebten Menschen an seiner Seite sein können und auch danach die Möglichkeit haben, nach eigenem Bedürfnis Zeit in Gegenwart des Toten verbringen zu können. Dieses Ansehen, Fühlen und Erleben ist durch nichts zu ersetzen. Wenn wir uns einem fremden Takt anpassen müssen, empfinden wir Hilflosigkeit. Keine Kontrolle zu haben, belastet Menschen weit mehr, als stark gefordert zu sein, dies haben zahllose Studien gezeigt. Wirklichkeit braucht darüber hinaus die Bestätigung durch Zeugen, die zuhören, bestätigen, sich auseinandersetzen und ihr Wissen beisteuern.

Grundsätzlich können Menschen, die das Sterben selbst miterlebt haben, sich besser mit dem Geschehenen abfinden. In manchen Krankenhäusern und Pflegeheimen ist es heute möglich, die Gestorbenen selbst zu waschen und anzukleiden, einige Stunden bei ihnen zu verbringen und so Abschied zu nehmen. Etliche Bestattungshäuser bieten spezielle Räume an, in denen die Toten aufgebahrt werden, sodass Verwandte und Freunde, die das möchten, sich in aller Ruhe verabschieden können. Hier können Trauernde mit anderen über den Menschen sprechen, der gestorben ist, ihre Erinnerungen austauschen und ihre Gefühle teilen, und sie haben Gelegenheit, mit der oder dem Toten allein zu sein, die Veränderungen des toten Körpers zu erleben und so im besten Wortsinn zu begreifen, was das heißt: Dieser Mensch ist gestorben. Sie können sich Dinge von der Seele reden, die noch gesagt werden müssen, von Wut und Enttäuschungen, von Dankbarkeit und Liebe sprechen. Sie können streicheln und berühren, weinen und lachen, dem Toten etwas in die Tasche stecken oder unter die Decke, was ihn oder sie auf dem langen Weg begleiten soll. Sie können den Raum mit Blumen oder Kerzen schmücken, sie können alte Fotos ansehen und langsam Abschied von dem toten Körper nehmen.

Das letzte Hemd ist bunt: Die neue Freiheit in der Sterbekultur
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