Kapitel Zwölf
Corso hob den Blick, als das Knattern von Hubschrauberrotoren das Heulen des Windes übertönte. Er sah Breisch an, der sich unmittelbar vor ihm befand, dann schaute er wieder durch das transparente Fenster im Dach ihres Zelts und bekam gerade noch mit, wie ein Schatten über einen von Redstones Monden hinweghuschte.
»Konzentrieren Sie sich auf Ihre Atmung«, wies Breisch ihn an, ohne die Augen zu öffnen.
Sie knieten einander gegenüber auf dem antiken Teppich, der unter ihnen ausgebreitet lag. Das Zeltmaterial bestand aus extrem widerstandsfähigem, aber sehr leichtem, in mehreren Schichten verarbeitetem Nano-Kohlenstoff. Es war groß genug, um mehr als ein halbes Dutzend Männer bequem unterzubringen. Zusammengepackt konnte ein einzelner Mann es mühelos wie einen Ranzen auf dem Rücken tragen.
Corso schloss die Augen und konzentrierte sich auf das Pochen seines Herzens, das wie eine Uhr aus weichem, feuchtem Fleisch die restlichen Sekunden bis zu dem Kampf abzählte. Wenige Meter weiter rollten die Wellen des Meeres zischend am Ufer aus. Er rief sich die Worte ins Gedächtnis zurück, die Breisch so lange wiederholt hatte, bis sie zu einer Art Mantra wurden: Der Tod ist unvermeidlich. Das Geheimnis, am Leben zu bleiben, lag nur darin, seine Angst vor dem Sterben zu überwinden. Und der Trick, wie man einen Gegner besiegte, bestand in der Ausnutzung seiner Todesangst.
Unfähig, sich zu sammeln, öffnete Corso die Augen wieder und betrachtete den vor ihm knienden Mann. Breisch war hart und drahtig, mit hageren Zügen, ein Veteran, der hundert Zweikämpfe hinter sich hatte; je nachdem, wen man fragte, machte ihn das entweder zu dem gefährlichsten Kämpfer auf Redstone oder zu dem Duellanten, der am meisten vom Glück begünstigt war.
Er war nicht wenig überrascht gewesen, als Breisch kurz nach dem Beginn ihrer beruflichen Beziehung in aller Ruhe zugab, dass er hundertprozentig damit rechnete, während eines Kampfes zu sterben.
»Es ist besser, als alt und siech zu krepieren«, hatte er in demselben gelassenen, deutlichen Tonfall gesagt, in dem er sich stets mitzuteilen pflegte. »Für mich persönlich ziehe ich einen gewaltsamen Tod bei weitem vor.«
»Aber wenn Sie nicht wollen, brauchen Sie sich doch gar keiner Herausforderung mehr zu stellen«, hielt Corso entgegen. Obwohl Breisch aus Zweikämpfen so oft als Sieger hervorgegangen war, hatte er niemals einen Sitz im Senat beansprucht und immer behauptet, er interessiere sich nicht für Politik. »Nach so vielen Erfolgen würde Ihnen das wohl keiner übelnehmen. Sie könnten sich weigern, eine Herausforderung anzunehmen, ohne ihre Ehre zu verlieren.«
»Weil ich alt bin?« Breisch lächelte öfter als jeder andere Mensch, den Corso kannte. »Selbst jetzt noch fordert man mich heraus, weil jeder derjenige sein will, der mich letzten Endes doch umbringt. Und eines Tages, wenn ich alt genug bin, wird es einen geben, der mich besiegt. Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen, als mich in ein ruhiges Dasein als Staatsdiener zurückzuziehen. Rausgehen und kämpfen ist doch viel besser, finden Sie nicht auch?«
Mittlerweile war Corso längst über die wie Ironie anmutende Tatsache hinweg, dass Breisch einstmals beide Mansell-Brüder trainiert hatte, die mit von der Partie waren, als die verhängnisvolle Expedition nach Nova Arctis aufbrach. Anfangs hatte er sich Mühe geben müssen, seine Ressentiments und seinen Groll zu unterdrücken und zu akzeptieren, dass Breisch nicht verantwortlich war für die Verbrechen, die Kieran Mansell und sein psychopathischer Bruder Udo begangen hatten, sondern nur für das hohe Niveau ihrer Kampfkunst.
Wenig später begannen sie, auf dem unebenen Ufer vor dem Zelt ein paar grundlegende Bewegungsabläufe zu üben, während die Sterne klar und wie gestochen scharf am Abendhimmel funkelten.
Mit einer heimtückisch wirkenden Klinge stürmte der alte Mann auf Corso zu; er vollführte Scheinangriffe in verschiedene Richtungen, trat und schlug nach ihm, wenn Corso es am wenigsten vermutete. Ungeachtet des frostigen Wetters trugen beide nur dünne Bekleidung, die ihre Bewegungsfreiheit nicht behinderte.
Trotz der körperlichen Anstrengung merkte Corso, wie die Kälte tief in seine Knochen eindrang, und durch die vor Mund und Nase geschnallte Atemmaske klang sein Keuchen wie ein Todesröcheln. Er wusste, dass sich seine Geschicklichkeit als Kämpfer im Laufe der letzten paar Monate gewaltig verbessert hatte, doch er vergaß nie den ständigen Ausdruck von Verachtung, mit dem Breisch ihn während der ersten Wochen ihres Trainings angesehen hatte.
Breisch fintierte wieder. Corso sah seinen nächsten Zug voraus, sprang zur Seite und wollte mit einer stumpfen Klinge gegen den Hals seines Trainers schlagen. Doch ehe er dazu kam, reagierte Breisch mit einem Fußtritt nach hinten, der Corso zu Boden schickte.
Ächzend hievte er sich von dem gefrorenen Schotter hoch. Der Alte nahm ihn noch härter ran als üblich.
Mit zufriedenem Grinsen blickte Breisch auf ihn hinab. »Ich hatte schon befürchtet, Sie würden sich zu sehr ablenken lassen, aber trotzdem haben Sie sich besser geschlagen als erwartet. « Er streckte eine Hand aus und half seinem Schüler beim Aufstehen.
Nach einer Weile gingen sie ins Zelt zurück. Breisch machte auf einer Kochplatte zwei Mahlzeiten mit hohem Proteingehalt warm, dann legte er sich auf seine Schlafmatte, um bis zum bevorstehenden Zweikampf zu ruhen. Corso fühlte sich viel zu aufgekratzt, um seinem Beispiel zu folgen.
Seit Dakotas Abreise würde dies sein zehntes Duell sein, und nur Breisch’s Training hatte er es zu verdanken, dass er noch am Leben war. Bis jetzt war es ihm erspart geblieben, gegen jemanden anzutreten, der ebenfalls Breisch’s intensive Ausbildung genossen hatte, und mit einem bisschen Glück würde es nie dazu kommen.
Kurz vor Beginn des Kampfes hörte Corso das Brummen sich nähernder Motoren. Er streifte sich Thermokleidung über, die ihn vor der ärgsten Kälte schützen sollte, und klemmte sich eine neue Atemmaske vor Mund und Nase, ehe er nach draußen trat.
Ungefähr einen halben Kilometer weiter landeinwärts parkte ein halbes Dutzend Helikopter auf einer ebenen Fläche, im Schatten eines Baldachinbaums, dessen wuchtiger Stamm fast zwei Meter in die Höhe strebte. Dies war ein beliebter Treffpunkt für Freistaatler, die vorhatten, sich gegenseitig abzuschlachten, um Reichtum, Macht und Frauen zu gewinnen, am besten gleich alles zusammen.
Ein Truck mit Ballonrädern rollte auf ihn zu und entlud zwei Passagiere, die in ähnliche kälteabweisende Kleidung gehüllt waren. Einer der Neuankömmlinge war Marcus Kenley, Senatssprecher, ein rundgesichtiger Mann mit einem schütteren grauen Backenbart, der an den Seiten seiner Atemmaske hervorlugte. Der andere war Lucius Hilgendorf, Chef der Staatssicherheit unter der nach dem Coup gegründeten Administration, und bei weitem einer der gefährlichsten Männer, denen Corso je begegnet war. Über seiner Maske funkelten seine Augen wie die einer zornigen Schlange, der man gerade auf den Schwanz getreten war.
»Lucas«, grüßte Kenley, kam auf ihn zu und schüttelte herzlich seine Hand.
Wie Corso vertrat auch Kenley eine gemäßigte Einstellung im Senat. Hilgendorf, der alles andere als moderat war, nickte nur. Bei diesem Zweikampf fungierte Kenley als Corsos Sekundant, sowohl innerhalb als auch außerhalb des Kampfrings; im Wesentlichen bestand die Aufgabe eines Sekundanten darin, sich zu überzeugen, dass die andere Seite nicht betrog. Hilgendorf spielte diese Rolle für Corsos Gegner.
»Senator Jarrett hat mich beauftragt, ein Angebot zu machen«, begann Hilgendorf, sich Corso nähernd. »Er möchte wissen, ob Sie bereit wären, über einen nicht tödlichen Ausgang zu verhandeln.«
»Das soll heißen, dass Sie bereit sind, mich am Leben zu lassen, falls ich mich kampflos ergebe und automatisch auf meinen Sitz im Senat und meine Stimme verzichte.« Corso lächelte grimmig und schüttelte den Kopf. »Bitte richten Sie Senator Jarret aus, wenn ihm an einem ›nicht tödlichen Ergebnis‹ gelegen wäre, hätte er mich gar nicht erst herausfordern dürfen.«
Hilgendorf war nicht gerade ein geduldiger Mensch. »Senator Jarret ist ein Kriegsveteran und anerkannter Staatsheld. Vielleicht sollten Sie sich etwas Zeit zum Nachdenken nehmen, ehe Sie voreilige Entscheidungen treffen, Senator. Dieser Tage stehen Sie auf ziemlich dünnem Eis.«
»Wenn Sie kein ernsthaftes Angebot zu machen haben«, mischte sich Kenley ein, »sollten Sie lieber schweigen, Mr. Hilgendorf.«
Corso hob eine Hand. »Schon gut, Marcus, das gehört mit zum Protokoll. Mr. Hilgendorf erfüllt lediglich seine formelle Pflicht, nicht wahr?«, fragte er, Hilgendorf fest in die Augen blickend.
»Wir gewähren Ihnen die Chance, von dem Duell zurückzutreten, ehe Sie eine Verletzung davontragen«, beharrte Hilgendorf. »Schließlich verfügte keiner Ihrer früheren Kontrahenten über die … einzigartigen Fähigkeiten, die sowohl Sie als auch Senator Jarrett besitzen.«
Corso runzelte die Stirn, momentan aus dem Konzept gebracht.
»Nun, dann erweise ich Mr. Jarrett dieselbe Höflichkeit«, erwiderte er, wobei er sich nicht sicher war, was Hilgendorf mit seiner letzten Bemerkung gemeint hatte. »Wenn er seinen Handschuh in den Ring wirft, lasse ich ihn am Leben. Ansonsten können Sie ihm ausrichten, dass ich mich auf den Kampf mit ihm freue.«
Hinter der Maske schienen Hilgendorfs Gesichtszüge zu erstarren. »Also gut. Ich werde ihm ihre Entscheidung mitteilen.«
»Sie können den Truck nehmen, Mr. Hilgendorf«, sagte Kenley. »Wir gehen zu Fuß zum Treffpunkt.« Kenley sah Corso fragend an, der zustimmend nickte.
Ohne ein weiteres Wort machte Hilgendorf kehrt und kletterte in den Truck zurück. Einen Moment später griffen die Raupen des Fahrzeugs in den Gesteinsschutt, und das Vehikel quälte sich den Weg zurück, den es gekommen war.
»Die Fahrt hierher war wohl nicht sehr angenehm«, meinte Corso.
»Wie kommen Sie darauf?«, knurrte Kenley. »Hören Sie … ganz im Ernst, Jarret ist anders als jeder Gegner, mit dem Sie es bis jetzt zu tun hatten. Als Kämpfer genießt er einen ausgezeichneten Ruf. Aber das wissen Sie sicher, oder?«
»Und ich gelte im Ring wohl als Niete. Wollen Sie das damit sagen?«
Kenley setzte zu einer Erwiderung an, schien sich jedoch anders zu besinnen. Mit dem Kinn deutete er auf den frostharten Strand. »Lust auf einen kleinen Spaziergang?«
Corso schaute zum Zelt hinüber, in dem Breisch sich immer noch ausruhte. »Da drin ist es wärmer.«
»Bitte«, drängte Kenley. »Nehmen Sie Rücksicht auf die krankhafte Paranoia eines alten Mannes.«
Corso zuckte mit den Schultern, und sie schlenderten an den Wellen entlang, die an den Strand schlugen. Weiter weg war man gerade dabei, neben dem Kampfring ein Scheinwerfergerüst aufzustellen, und bald durchschnitten gleißend helle Strahlen den gefrierenden Nebel, der sich tiefer im Binnenland eingenistet hatte. Die Stimmen der Arbeiter, die sich abhetzten, um alles rechtzeitig fertigzustellen, hallten in der stillen Luft zu ihnen herüber.
Nach zirka einer Minute blieb Kenley stehen, drehte sich um und sah Corso an. »Gerüchten zufolge planen die Streitkräfte der Legislatur irgendwas am Technologiehort von Tierra.«
»Ich schätze, schlechte Nachrichten verbreiten sich besonders schnell«, entgegnete Corso, den plötzlich ein Gefühl der Erschöpfung überkam. »Okay, an diesen Gerüchten ist was dran. Wir fanden heraus, dass Ladungen von geschmuggelten Waffen in die dortige Forschungsstation verbracht wurden. Gerade ist auch eine neue Crew aus Technikern und Wissenschaftlern dort eingetroffen, und ich weiß selbst nicht, ob ich mich dazu durchringen kann, Ihnen zu sagen, wie viele dieser Leute meiner Ansicht nach Agenten der Legislatur sind.«
»Aber dagegen müssen Sie doch etwas unternehmen können«, protestierte Kenley. »Ihnen untersteht die Friedensbehörde.«
»Schon, nur hat mich keiner gewählt. Und anfangs wurde ich bloß geduldet, weil jeder, mit dem ich zu tun hatte, sich eher vor Angst in die Hose gemacht hätte, als auch nur in Dakota Merricks Richtung zu niesen. Nach ihrer Abreise ging alles den Bach runter. Und nun, nachdem wir es geschafft haben, die Herstellung neuer Transluminal-Antriebe zu beschleunigen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis jemand sich entschließt, sich den Technologiehort unter den Nagel zu reißen.«
»Das klingt ja, als könnte es einen Krieg geben.«
Der Krieg hat längst begonnen, dachte Corso. Doch die meisten Leute schienen nicht wahrhaben zu wollen, dass ein Konflikt, der Tausende Lichtjahre entfernt tobte, sich auch auf sie auswirken könnte. Und noch weniger konnten sich vorstellen, in welch großer Gefahr sie alle schwebten.
»So wie es aussieht, wird es ein ziemlich einseitiger Krieg sein.« Er senkte die Stimme, obwohl sich niemand in der Nähe befand, der sie durch das Donnern der Brandung hätte hören können. »Haben Sie erfahren, wer den Befehl gab, Martinez und seine leitenden Offiziere unter Arrest zu stellen?«
Kenley nickte. »Es war Jarret, nachdem er mittels einiger Hinterzimmerkomplotts den Senat manipulierte. Mir fehlen stichhaltige Beweise, aber ich bin mir sehr, sehr sicher, dass er sich von der Legislatur bestechen lässt. Obendrein hat er an Bord der Mjollnir einen Spitzel.«
Corso blieb abrupt stehen und starrte ihn an. »Wer ist es?«
»Der Mann heißt Simenon. Martinez’ Stellvertreter.«
Corsos Maske gab ein hartes, metallisches Geräusch von sich, als er den Atem einsog. »Verdammt!«
Sie setzten ihren Weg fort. »Aber wir haben auch unsere Leute auf der Fregatte«, erklärte Kenley. »Deshalb haben wir eine Ahnung, was läuft. Eine beschlussfähige Mehrheit des Senats übertrug Simenon das Kommando über die Mjollnir und verlieh ihm die Vollmacht, Martinez und jeden seiner leitenden Offiziere, die sich nicht unterordnen wollten, in den Bau zu werfen. Außerdem bekam er die Anweisung, das Fundstück, das Ihr Mann Driscoll entdeckte und barg, bis zur Rückkehr nach Redstone unter Verschluss zu halten.«
»Und Sie glauben, dass die Legislatur Jarret heimlich den Rücken stärkt?«
»Mir wurde zugetragen, dass die Mjollnir nach Sol weiterfliegen wird, nachdem sie hier einen Stopp eingelegt hat. Vor einer Woche brach der Kontakt zu einer Militärbasis für Forschung und Entwicklung, die auf dem Mond der Erde stationiert ist, plötzlich ab. Es gibt triftige Gründe anzunehmen, dass sie die Überreste des Atn dorthin bringen. Aber zuerst laufen sie Redstone an, um die Crew mit ihren eigenen Leuten aufzustocken.«
»Und das Schiff bleibt sicher weiterhin unter Simenons Kommando, oder nicht?«
Kenley nickte.
»Diese verdammten Idioten! Diese Zeitverschwendung! Wir hätten den verflixten Atn längst aufbrechen und nachsehen können, was darin steckt!«
»Mir will nur nicht in den Kopf, wieso sich Jarret in dieser Art und Weise mit der Legislatur einlässt«, wunderte sich Kenley. »Er verachtet diese Leute und alles, wofür sie stehen. Es ergibt keinen Sinn.«
»Nun, wir verlieren immer noch Gebiete an die Uchidaner. Der eigentliche Grund für die Expedition nach Nova Arctis war die Gewinnung von Siedlungsraum. Der Druck auf die Freistaatler, eine neue Kolonie zu gründen, war enorm. Und nun, da uns potenziell die ganze Galaxie offensteht, werden wir von dem Zwang beherrscht, uns noch viel weiter entfernt nach Siedlungsmöglichkeiten umzusehen. Indem ich die Mjollnir requirierte, lieferte ich Jarret den perfekten Vorwand, mich zu einem Zweikampf herauszufordern. Und wenn er gewinnt, geht die Jurisdiktion über die Fregatte an seine Partei im Senat. Was das bedeutet, liegt doch klar auf der Hand. Hat man sich erst einmal entschieden, welches neue System man besiedeln will, halten Jarret und Konsorten die Fäden in der Hand. Sie stellen die Bedingungen für eine neue Kolonie und haben generell das Sagen.«
Kenley nickte. »Und wir bleiben außen vor, ich verstehe. Trotzdem erklärt das immer noch nicht seine Beziehung zur Legislatur.«
»Die Legislatur verlang das Fundstück, das Driscoll geborgen hat, stimmt’s? Wenn ich erst ausgeschaltet bin, hat Jarret das Recht, es der Legislatur auszuhändigen. Und Sie dürfen nicht vergessen, dass die Gründung einer Kolonie eine extrem teure Angelegenheit ist. Jarret ist hoch motiviert, mit der Legislatur ins Bett zu gehen und aktiv zu werden.«
Doch das setzte voraus, dass Whitecloud tatsächlich etwas Signifikantes entdeckt hatte und nicht nur einen eine Million Jahre alten Schrotthaufen. Aber Corso versuchte, diesen Gedanken so weit wie möglich zu verdrängen.
»Und Sie glauben wirklich, dass die andere Seite des Senats einfach stillhalten wird, sollten Sie heute Abend obsiegen?«
Corso schnaufte. »Keine Ahnung. Vielleicht nicht. Doch ohne Jarret müssen sie zumindest eine andere Strategie austüfteln, die nicht so unverblümt zu erkennen gibt, dass sie mit der Legislatur unter einer Decke stecken.«
»Ich finde, Sie sollten sich auf das Schlimmste gefasst machen, Lucas. Die Situation könnte aus dem Ruder laufen, selbst wenn Jarret tot ist.«
Corso fasste Kenley prüfend ins Auge. »Schwebt Ihnen etwas Bestimmtes vor?«
»Wir sollten wenigstens in der Nähe von Unity ein paar sichere Zufluchtsorte anlegen, an die wir uns notfalls zurückziehen können, wenn es hart auf hart kommt.«
»Befürchten Sie wirklich, dass sich die Dinge so zuspitzen werden?«
»Es sind schon ganz andere Sachen passiert.«
Corso nickte. »Rechnen Sie mit einem zweiten Coup?«
Kenley schaute grimmig drein. »Verraten Sie mir nur eines. Sind Sie wirklich davon überzeugt, dass Driscolls Fund, was immer das auch sein mag, in den Händen der Legislatur nicht sicher aufgehoben ist?«
Corso lachte. »Sie waren in Ocean’s Deep nicht dabei, Marcus. Das Ganze war eine Farce. Die Legislatur hätte die Situation nicht noch mehr vermasseln können, schlimmer ging’s gar nicht.«
Kenley legte eine Hand auf Corsos Arm und hielt ihn fest. »Lucas … wussten Sie, dass Jarret von Breisch trainiert wurde?«
Corso glotzte ihn an und erinnerte sich wieder an Hilgendorfs Worte. »Sind Sie sich da völlig sicher?«
»Hundertprozentig.«
»Aber Breisch hat mir nie …« Er unterbrach sich. Breisch hat mir nie davon erzählt. Corso ballte die Fäuste.
»Jarret ist ein Typ, der sich gern mit Leuten anlegt, die ihm unterlegen sind, wenn Sie wissen, was ich meine, Senator. Er kennt jeden schmutzigen Trick.«
»Das ist mir bekannt. Aber Breisch …«
»Der alte Mann hat eine sehr hohe Moral und ein ausgeprägtes Berufsethos. Er war zutiefst empört darüber, wie Jarret missbrauchte, was er ihm beigebracht hatte. Jarret sucht sich einflussreiche Leute im Senat aus, und als Erstes organisiert er die Ermordung eines Menschen, der einem dieser Amtsträger sehr nahestand«, fuhr Kenley fort. »Dann streut er genug Hinweise aus, die auf ihn als Drahtzieher hindeuten, damit sein Opfer gar nicht anders kann, als ihn zu einem Duell herauszufordern. Kommt Ihnen das Schema bekannt vor?«
In Corsos Ohren erklang ein jaulendes Geräusch wie von einer Falle, die sich langsam über ihm schloss. Aus genau diesem Grund hatte Bull Northcutt Corsos Verlobte vor ein paar Jahren umgebracht.
»Aber warum hat Breisch mich nicht gewarnt?«
»Vielleicht hofft er, dass Sie Jarret töten, damit er es nicht zu tun braucht«, mutmaßte Kenley.
Aus der Richtung des Kampfrings wehte grelle, stampfende Musik zu ihnen herüber, und Corso erkannte den Aufruf. Er blickte zum Zelt zurück, das ein Stück hinter ihnen an der Biegung der Bucht stand, und entschied, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt war, um Breisch zur Rede zu stellen. Außerdem würde er mittlerweile bereits mit den anderen Zuschauern am Kampfring stehen.
Er wandte sich wieder Kenley zu. »Kommen Sie, Marcus. Wir wollen es hinter uns bringen.«
Sie kehrten dem Strand den Rücken zu und marschierten landeinwärts, einem schmalen Pfad folgend, den Kämpfer und Zuschauer seit Jahrzehnten in das zähe Gras und die dornigen Pflanzen getrampelt hatten. Unterwegs ging Corso in Gedanken noch einmal durch, was er im Training gelernt hatte. Breisch hatte ihm so manchen Trick beigebracht; nun jedoch musste er darauf gefasst sein, dass Jarret dieselben Kniffe gegen ihn einsetzte.
Sie stapften einen steilen Hang hoch, und als sie den Kamm erreichten, schlug ihnen eine betäubende Eruption aus Licht und Musik entgegen. Ein zufälliger Beobachter, der sich mit den Gebräuchen oder Gesetzen der Freistaatler nicht auskannte, hätte vermutlich angenommen, hier würde eine Party stattfinden; in gewissem Sinne stimmte das sogar, obschon diese Feier mit dem Tod eines Menschen enden würde.
Man schloss Wetten ab, konnte ein kleines Vermögen gewinnen oder verlieren. Nichts von alledem war streng genommen legal, aber alte Gewohnheiten ließen sich nur schwer ausmerzen, und jeder wusste, welche Konsequenzen es nach sich zog, wenn man einen Zweikampf verweigerte.
Hier und da waren große, tragbare Heizgeräte verteilt worden, die Hitze verströmten, und aus einer Lautsprecheranlage plärrte ohrenbetäubende, soldatische Popmusik; Geschichten von den legendären Kriegern der Freistaatler und deren Exzessen wurden hinausgebellt, von einem monotonen Rhythmus begleitet.
Das Publikum bestand aus sechzig bis siebzig Leuten. Die wenigen anwesenden Frauen waren entweder Ehepartnerinnen oder Geliebte; noch wahrscheinlicher handelte es sich um Huren, die man eingeflogen hatte, damit die Senatoren, Militäroffiziere und die hartgesotten wirkenden Bürokraten, die erwartungsvoll dastanden und heißes Bier schlürften, sich vergnügen konnten.
Der Kampfring selbst war eine kreisrunde freie Fläche, deren Rand mit tief in den Boden gesteckten zischenden Fackeln markiert war. Er hatte einen Durchmesser von etwas über acht Metern, mehr als genug Platz für zwei Männer, die darauf brannten, sich gegenseitig umzubringen.
Gedämpfter Jubel drang aus Dutzenden durch Atemmasken geschützten Kehlen, als Corso und Kenley auftauchten. Jarrets Anhänger waren Corsos Gefolge zahlenmäßig weit überlegen, das bloß aus rund einem Dutzend seiner Berater und verschiedenen Senatsangestellten bestand. Die Gruppe hatte sich an einer Seite des Rings versammelt, und einigen Leuten merkte man die Nervosität deutlich an. Sie wussten, was ihnen blühte, wenn Corso an diesem Abend starb; im Senat gäbe es dann niemanden mehr, der sie beschützte.
Corso blickte über den Rest der Menge, bis er Jarrett entdeckte; er stand da in der Haltung eines Königs, der von einem siegreichen Feldzug heimkehrt, und seine arrogante Miene war selbst noch hinter der braun-silbernen Atemmaske zu erkennen, die er über der unteren Gesichtshälfte trug.
Corsos eigener Stab aus leitenden Senatsmitarbeitern näherte sich ihm, und es freute ihn, dass Nastazi, Velardo und Griffith darunter waren. Diesen drei Leuten vertraute er. Die anderen waren durchaus tüchtig in ihren Jobs, aber einen oder zwei von ihnen hielt er für Spione.
»McDade ist der Kampfrichter«, erklärte Nastazi. »Angeblich hat er seine Beziehungen eingesetzt, um diesen Posten zu ergattern.«
Corso nickte. »Tja, der Mann hasst mich abgrundtief, also ist das keine echte Überraschung. Sollte ich noch was wissen, bevor ich seinen Neffen töte?«
»Es gab Bestrebungen im Senat, uns daran zu hindern, hier herauszufliegen und den Kampf zu beobachten«, antwortete Griffith, hinter dem die Fackeln fauchten und Funken hoch in die Nacht sprühten. »Als Begründung führte man Sicherheitsbedenken an. Angeblich hätten die Uchidaner von diesem Duell Wind gekriegt, und man schloss nicht aus, dass sie einen Schlag gegen die Aaron-Halbinsel planten, wo der Kampf stattfindet. Jedenfalls lautete so ein Bericht. Seien Sie gewarnt, diese Leute gehen aufs Ganze, Senator.«
Corso schwieg eine Weile und blickte hinaus in die Dunkelheit. Er dachte an Dakota, aber wieso spukte sie ausgerechnet jetzt in seinem Kopf herum? Sie war verschwunden, verschluckt von den Mysterien des Schöpfers, und hatte ihn allein und hilflos als Leiter der Friedensbehörde zurückgelassen.
Die Musik schraubte sich in die Höhe. Aufmerksam hörte er zu, als dann über Lautsprecher McDade zu hören war, der, wie vor jedem Kampf üblich, die Klagen und Beschwerden der beiden beteiligten Parteien herunterhaspelte. Als Nächstes würde man ihm und Jarret die letzte Gelegenheit bieten, von dem Duell zurückzutreten.
»Ist an diesem Bericht etwas Wahres dran?«, wandte sich Corso ruhig an Griffith. »Halten Sie es für möglich, dass die Uchidaner einen so hochkarätigen Kampf wie diesen für einen taktischen Schlag nutzen, weil sie glauben, sie könnten uns in einem schwachen Moment erwischen, weil alle abgelenkt sind?«
»Jeden Tag erhalten wir ein Dutzend Berichte über vermutete Offensiven, Senator. Ich denke, bei diesem hat man die Gefährdungslage maßlos übertrieben. Es soll aussehen, als würden Sie die normale Senatsarbeit blockieren, weil Sie ein ewiger Störenfried und Quertreiber sind.«
»Selbstverständlich bin ich ein Störenfried und Quertreiber«, betonte Corso. »Es kann ja wohl nicht Sinn der Sache sein, dass ich zu allem und jedem nur demütig Ja sage.«
Breisch näherte sich ihnen mit der lässigen, natürlichen Geschmeidigkeit, die von jahrelangem intensivem Körpertraining herrührte. Corso holte tief Luft und zwang sich, ruhig zu bleiben.
»Ich denke, Mr. Kenley hat Sie über meine Verbindung zu Jarret aufgeklärt«, begann er. »Es tut mir leid, dass ich es Ihnen nicht schon früher erzählt habe.«
Corso konnte seine Verwirrung und Wut nicht verhehlen. »Und warum haben Sie geschwiegen?«
»Ich nahm sie hart ran, Lucas. Noch nie zuvor in Ihrem Leben mussten Sie sich so schwer anstrengen wie bei mir. Aber ein Teil von Ihnen hält sich immer zurück, verhindert, dass Sie voll und ganz im Kampf aufgehen. Während der letzten Tage haben Sie jedoch gelernt, diese Seite an sich zu ignorieren und mit Leib und Seele zu kämpfen. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie groß der Fortschritt für Sie persönlich ist, den Sie durch diesen Wandel in sich bewirkt haben. Hätte ich Sie eingeweiht, dass Jarret ebenfalls mein Schüler war, hätten Sie vielleicht einen Komplex entwickelt und sich eingeredet, Sie seien ihm nicht gewachsen.«
Breisch schüttelte den Kopf. »Außerdem trainierte ich ihn nur für eine kurze Zeit, und er hat sich noch nie auf einen Kampf eingelassen, den er nicht gewinnen kann. Doch dieses Mal ist es anders. Er ist zweifelsohne gefährlicher als die meisten Gegner, gegen die Sie angetreten sind, aber Sie sind eindeutig imstande, ihn zu schlagen.«
Corso nahm sich einen Moment Zeit, ehe er antwortete. »Wahrscheinlich hätte ich an Ihrer Stelle genauso gehandelt, aber ich muss den Menschen, mit denen ich mich umgebe, blind vertrauen können.« Er griff nach Breischs Hand und schüttelte sie. »Ich danke Ihnen für alles, was Sie mich gelehrt haben, aber ich werde Ihre Dienste nicht mehr in Anspruch nehmen.«
Breisch schien nicht überrascht zu sein, sondern deutete lediglich ein Nicken an. »Ich wünsche Ihnen alles Gute, Lucas. Sie haben meine Erwartungen weit übertroffen.« Dann drehte er sich um und mischte sich wieder unter die Menge, die den Beginn des Kampfes ungeduldig erwartete.
McDade, der seine Ansprache beendet hatte, sprang von der Richterplattform herunter und steuerte auf Corso zu.
»Senator«, grüßte er mit einem Kopfnicken.
»Mr. McDade, wie ich hörte, haben Sie sich sehr bemüht, heute Abend als Kampfrichter zu fungieren.«
Ohne mit der Wimper zu zucken, begegnete er Corsos Blick. »Wir beide stimmen in vielen Dingen nicht überein, Senator, aber Sie verdienen dieselbe Chance, für Ihre Überzeugungen zu kämpfen, wie alle anderen von uns. Ich kann nicht sagen, dass es mir leidtäte, wenn Sie das Duell verlieren, doch jeder Mann, der bereit ist, in den Kampfring zu treten, verdient Respekt, egal, wie der Kampf für ihn ausgeht.«
»Jarret ist ein Killer. Er hat Menschen ermordet, die niemals die Chance bekamen, sich gegen ihn zu wehren. Sind Sie sicher, dass man auch ihm Achtung zollen soll?«
Corso merkte, wie McDade kurz davor stand, die Beherrschung zu verlieren. »Zum Debattieren ist der Senat der passende Ort, Mr. Corso«, erwiderte er angespannt und setzte eine förmliche Miene auf. »Ich bin hier in meiner offiziellen Eigenschaft als Richter dieses Kampfes und biete Ihnen ein letztes Mal die Möglichkeit, das Duell abzusagen.«
Corso hörte zu, während McDade mit der vertrauten Litanei fortfuhr. »Es steht Ihnen frei, diesen Kampf ehrenhaft zu verweigern, wenn Sie auf Ihren Sitz im Senat und Ihr Familienerbe verzichten. Schlagen Sie dieses Angebot aus, endet der Kampf erst, wenn entweder Sie oder Senator Jarret formell für tot erklärt werden. Sind Sie mit diesen Bedingungen einverstanden?«
»Hiermit stelle ich fest, dass ich mit den vorgetragenen Bedingungen einverstanden bin, Mr. McDade. Ich bin bei gesundem Verstand und habe mich dazu entschlossen, mit Senator Jarret einen Zweikampf auf Leben und Tod zu führen.«
McDade blickte Kenley an. »Sind Sie bereit zu bezeugen, dass Sie Senator Corsos Entscheidung gehört haben?«
»Ich bestätige die Entscheidung des Senators und beharre auf seinem Recht, an dem Kampf teilzunehmen«, erwiderte Kenley.
McDade nickte. »Viel Glück, Senator«, wandte er sich schließlich an Corso, dann schaute er kurz zu Jarret hinüber, während seine Mundwinkel sich in der Andeutung eines Lächelns hoben. »Denn dieses Mal werden Sie es brauchen.«
Corso sah ihn gelassen an, bis McDade auf dem Absatz herumschwenkte und zu Jarret ging, um ihm dieselben Bedingungen vorzutragen.
»Wie konnte das nur passieren?«, fragte er Kenley durch den Lärm der Musik und der Stimmen. »Wie haben sie es geschafft, mich in einen der ihren zu verwandeln?«
Kenley zuckte die Achseln. »Sie sagten doch selbst, diese Leute könnte man nur mit ihren eigenen Waffen schlagen. Und wenn Sie so weitermachen, ist der größte Teil der Opposition ohnehin bald nicht mehr am Leben.«
Corso konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Die Helikopter und die Trucks bildeten vor dem Abendhimmel eine schwarze Silhouette, als er nach Westen schaute, wo der Ozean in gewaltigen Wogen an den Strand brandete; und dann sah er ein gutes Stück abseits der Zuschauermenge die Gestalt einer Frau, doch von den Scheinwerfern war sie zu weit entfernt, dass man sie deutlich hätte erkennen können.
Jemand brüllte um Ruhe, und die Leute ermahnten sich gegenseitig, still zu sein. Die Musik verstummte und wurde ersetzt durch ein zorniges Summen.
McDade stolzierte in die Mitte des Kampfrings und verkündete: »Dieser Zweikampf findet statt, obwohl er nach dem Handelsabkommen des Konsortiums verboten ist. Aus diesem Grund wird er von unserem Senat nicht offiziell anerkannt.« Seine durch Lautsprecher verstärkte Stimme hallte über die Hügel hinter dem Baldachinbaum. »Aber jeder der hier Versammelten wird sich an das gottgegebene Recht des Siegers halten, das sich ableitet von den altehrwürdigen Prinzipien unserer Gemeinschaft. Wir kamen hierher, um vor dem blutleeren Atheismus des Konsortiums und der moralischen Verderbtheit unserer Mitmenschen zu fliehen. Wir kamen hierher, um eine Gemeinschaft aus Kriegern zu bilden, die bereit sind, für das Recht, an unserer Demokratie teilzunehmen, zu kämpfen. Es ist meine feste Überzeugung« – McDade genoss sichtlich diese Gelegenheit, Corso und seinen Anhängern eine Lektion zu erteilen –, »dass Gerechtigkeit und Stärke heute Abend obsiegen werden, und dass wir unsere Unterdrücker und alle, die gegen uns sind, bezwingen. Denn unser Zusammenhalt macht uns stark, und unsere Widersacher sind schwach.«
Ein tosender Jubel erhob sich aus der Schar, die sich um Senator Jarret versammelt hatte.
»Dieses Duell«, fuhr McDade fort, »findet statt, weil Senator Corso sich erdreistete, unser stolzes Flaggschiff, die Mjollnir, zu requirieren. Seine Gründe für dieses eigenmächtige Vorgehen hat er niemals ausreichend erklärt, noch hielt er es für nötig, dem Senat ordnungsgemäß Rede und Antwort zu stehen. Da Senator Corso sich weigert, seinen Senatssitz abzugeben, und bezüglich der Requirierung der Mjollnir immer noch offene Fragen im Raum stehen, schlug Senator Jarret vor, sich mit Senator Corso in einem Zweikampf auf Leben und Tod zu messen. Gibt es hier jemanden, der glaubt, dieses Duell dürfe nicht stattfinden?«
Natürlich erhielt er keine Antwort.
»Also gut«, schloss McDade. »Dies ist ein Duell zwischen Senatoren, und der Sieger kann jederzeit von jedem beliebigen Bürger oder Nichtbürger zu einem Kampf herausgefordert werden.«
Corso wandte seine Aufmerksamkeit wieder Jarret zu, und plötzlich kehrte die Erinnerung an den Zweikampf zurück, den er mit Bull Northcutt am Ufer des Feuersees ausgetragen hatte. Beide Gegner verkörperten ein und denselben Typ. Das Haar bis auf wenige Millimeter abrasiert, Tätowierungen, die in plastischen Einzelheiten wiedergaben, wie sie Menschen getötet hatten, und grotesk überentwickelte Muskeln, die auf Anabolikamissbrauch hindeuteten. Jarret trug nur eine weite Hose im Camouflage-Stil und ein leichtes Hemd, das sich über seiner aufgepumpten Muskulatur spannte. Auf seinen entblößten Hautflächen glänzte eine dicke Fettschicht, die dazu diente, die Kälte ein paar Sekunden länger abzuhalten. Der Mann rechnete offensichtlich mit einem raschen Sieg.
In diesem Augenblick verließ McDade den Ring und zog eine antike Pistole aus seiner dicken Winterkleidung. Wie es den Regeln entsprach, überschritten daraufhin Jarret und Corso die Abgrenzung des Rings und blieben dicht hinter der Markierung stehen. Exakt im Mittelpunkt des Kampfplatzes lagen über Kreuz zwei Messer mit langen, gebogenen Klingen.
McDade hob die Pistole hoch über den Kopf und richtete den Lauf nach oben. »Auf mein Zeichen!«, dröhnte seine Stimme durch die Lautsprecher.
Coso streifte seinen schweren Mantel ab und warf ihn aus dem Ring. Seine Haut war nicht eingefettet, aber er trug eine eng sitzende, langärmelige Tunika aus Faserschichten, die seine Körperwärme wirkungsvoll speicherten. Schon jetzt spürte er die beißende Kälte an seinem ungeschützten Hals und in den Teilen des Gesichts, die nicht von der Atemmaske bedeckt waren.
McDade feuerte einen einzigen Schuss in die Luft, dann zog er sich eilig in die Menge zurück.
Corso sprang nach vorn, als hätte jemand einen Stromstoß durch seinen Körper gejagt. Gleichzeitig hechtete Jarret zu den Messern und schnappte sich eines.
Das war von beiden Kämpfern zu erwarten gewesen, und diesen Zug hatte Corso einkalkuliert. Anstatt nach einem Messer zu greifen, trat er nach Jarrets Kopf, und sein Stiefel traf mit einem dumpfen Knall auf. Doch in der letzten Sekunde sah Jarret den Fußtritt kommen, und reagierte, indem er mit seiner gerade erbeuteten Waffe zustach, auf Corsos Oberschenkel und die dort verlaufenden empfindlichen Arterien zielend.
Corso wich nach hinten aus, und die Klinge verfehlte ihn nur um Millimeter. Jarret richtete sich schnell wieder auf, und sie fassten sich gegenseitig misstrauisch ins Auge, ohne auf den Lärm der Zuschauer zu achten.
Jarret war ohne Zweifel waghalsig und tückisch. Im Senat war er ein Schwadroneur, der sich gern aufplusterte, nun jedoch dachte er strategisch; seine Aktionen waren wohlüberlegt und präzise, trotz der aufgeladenen Atmosphäre.
Breisch hatte Corso eingeschärft, dass es nicht immer nötig war, sich direkt auf die Waffe zu stürzen; der übermächtige Wunsch des Gegners, sich in den Besitz einer Waffe zu bringen, war eine weitere Schwäche, die man ausnutzen konnte. Aus persönlicher Erfahrung wusste Corso, dass dies eine Geste war, die einen Kampf binnen Sekunden anstatt Minuten beenden konnte. Doch anstatt seinen Gegner außer Gefecht zu setzen, hatte Corsos Manöver lediglich dazu geführt, dass er sich in der Defensive befand und obendrein keine Waffe besaß.
Jarret stürmte auf ihn zu, mit dem Messer in der Luft herumfuchtelnd, um eine Abwehr zu erschweren. Corso täuschte eine Seitwärtsbewegung vor, dann gelang es ihm, Jarrets Messerhand zu packen, ehe er sich auf den Rücken fallen ließ.
Jarret wurde mitgerissen, und als Corso auf dem Boden landete, rammte er seinem Gegner beide Füße in den Bauch, so dass Jarret durch den Schwung des Sturzes über seinen Kopf hinwegsegelte. Währenddessen hielt Corso das Handgelenk fest umklammert und verdrehte es mit aller Kraft.
Spitze Steine gruben sich in Corsos Rücken; er erhaschte einen Blick auf Jarrets angespanntes, schmerzverzerrtes Gesicht, als dieser an ihm vorbeirollte. Seine Messerhand war ernsthaft verletzt, was ihm einen schwerwiegenden Nachteil einbrachte.
Aus der Menge erhob sich ein leises Murmeln, und Corso schätzte, dass der Kampf bereits fast eine Minute dauerte.
Er kam wieder auf die Füße, doch zuvor nahm er mit der Linken eine Handvoll Sand und kleiner Steinchen auf. Mittlerweile hatte er sich in die Nähe der Ringmitte vorgearbeitet; das andere Messer befand sich in seiner Reichweite. Er bückte sich danach, und als er sich aufrichtete, stand Jarret ihm schon wieder in Kampfpose gegenüber, aber die Klinge hielt er nun in der schwächeren linken Hand. Mittlerweile musste die Kälte die dicke Fettschicht auf seiner Haut durchdrungen und an seinen Kräften gezehrt haben. Auch Corso spürte ein Nachlassen der Energie, ein eisiges, taubes Gefühl breitete sich in seinen Armen aus und erschöpfte langsam, aber unerbittlich seine Kraftreserven.
Abermals fiel Corsos Blick auf dieselbe einsame Gestalt, die sich ein gutes Stück abseits von der johlenden Zuschauermeute hielt. Es schien unmöglich zu sein, doch in diesem Moment war er sich sicher, dass es Dakota sein musste.
Blitzschnell ging er zum Angriff über, und zu seiner Genugtuung sah er, wie Jarret einen Schritt zurückwich. Corso hieb mit dem Messer nach dem Kopf seines Gegners, aber Jarret duckte sich geschmeidig weg und versuchte, mit der linken Hand zu parieren. Corso wich der Klinge aus und schleuderte Jarret den aufgesammelten Dreck direkt in die Augen.
Als Jarret zurückprallte, glitt etwas über seine Augäpfel. Corso erkannte, dass er Nickhäute hatte – dritte Augenlider. Er hatte gehofft, seinen Widersacher zu blenden, aber auch dieser Trick war misslungen.
Er überwand den kurzen Moment der Enttäuschung, indem er sich gleich in die nächste Attacke stürzte. Jarret behauptete sich, blockierte Corsos Hieb und nutzte die Chance zu einem wuchtigen Faustschlag gegen den Hals. Corso zuckte zurück, ignorierte den Schmerz und griff seinen Rivalen erneut an.
Als sich ihm die Chance bot, packte er noch einmal Jarrets verletzte Hand und drehte sie im Gelenk so fest wie möglich um.
Vor Schmerz biss Jarret die Zähne zusammen, und dann spürte Corso, wie etwas das Fleisch über seinen Rippen durchtrennte. Er schwenkte zur Seite, wagte es jedoch nicht, nach unten zu gucken, denn jede Ablenkung hätte Jarret zum Vorteil gereicht.
Mindestens zwei Minuten waren vergangen, und der Kampf wurde immer verzweifelter. Jarret startete einen Scheinangriff, und als er nahe genug heran war, trat er mit voller Wucht zu. Geschickt wich Corso dem Tritt aus, sprang selbst nach vorn und versuchte, Jarret an der Halsader zu erwischen. Doch Jarret entzog sich erfolgreich der Attacke, stach nach Corsos Rücken und fügte ihm eine tiefe Fleischwunde zu.
Gemeinsam gingen sie zu Boden, wobei Corso oben zu liegen kam. Jarret ließ wieder sein Messer los, und es wirbelte außer Griffweite. Corso wollte mit seiner Klinge zustechen, aber Jarret leistete heftigen Widerstand. Während er einen Handballen gegen Corsos Gesicht presste, mühte er sich ab, wieder an sein Messer zu gelangen.
Ein dumpfen Brausen füllte Corsos Ohren, als ihm bewusstwurde, dass das meiste Blut, das den Boden unmittelbar um sie herum dunkel färbte, von ihm stammte. Er musste den Kampf schleunigst beenden, andernfalls würde er sterben.
Er ließ sein Messer fallen, stemmte sich mit den Füßen ab und schnellte in einem Bogen über Jarrets Kopf hinweg; als er auf den gefrorenen Boden knallte, lag er Scheitel an Scheitel mit seinem Gegner. Rasch hob er die Arme und schlang sie um Jarrets Hals, ehe dieser die Möglichkeit bekam, sich ihm zu entwinden. Mit einem Ruck setzte er sich hin, grub die Absätze seiner Stiefel in den harten Grund und zog Jarret mit sich, dessen Hals sich nach hinten durchbog.
Jarret zappelte und gab einen gurgelnden Schrei von sich; dann hörte man ein grässliches Knirschen, als sein Genick brach. Ein paar Sekunden lang zuckte er noch krampfhaft, ehe er still liegen blieb. Corso ließ ihn los, rappelte sich auf die Füße, griff nach einem der Messer und rammte es in den Boden, um das Ende des Kampfes anzuzeigen.
Kenley und ein paar von Corsos Mitarbeitern rannten herbei und stützen ihn, bevor er auf die Knie sank. Sein gesamter Körper fühlte sich an, als würde er brennen. Wie aus weiter Ferne hörte er McDade die Dauer des Zweikampfes bekanntgeben: drei Minuten und zwölf Sekunden, bis jetzt Corsos längstes Duell.
Die Luft füllte sich mit Gebrüll und Buhrufen von Jarrets aufgebrachten Anhängern; und wer auf den falschen Mann gewettet hatte, stimmte ärgerlich in das Chaos ein.
»Das war knapp«, murmelte Corso, der kaum mitbekam, wie Kenleys Gesicht dicht vor dem seinen schwebte. »Zu knapp.«
»Sie werden schon wieder. Der Arzt hält sich bereit, um Sie zusammenzuflicken.«
Als man ihn aus dem Kampfring trug, blickte er sich noch einmal um und suchte nach Dakota, aber sie war verschwunden, falls sie überhaupt je da gewesen war.
Vorsichtig hievte man Corso auf eine Trage, und er merkte, dass Breisch das eine Ende trug. Danach verfrachtete man ihn in das Heck eines Rettungshubschraubers, der normalerweise dazu diente, verwundete Soldaten vom Schlachtfeld wegzubringen.
»Jetzt absetzen. Und dann alle raus hier«, befahl Breisch. »Bis auf die Ärzte.«
Jemand stach eine Nadel in seinen Arm, und Corso spürte Pfefferminzgeschmack auf der Zunge. Zwei Gesichter schoben sich in sein Blickfeld; er sah Scheren, die sein Hemd aufschnitten und eine Wunde in seiner Seite enthüllten, die viel tiefer war, als er es sich vorgestellt hatte.
Eine Weile schien alles immer weiter von ihm wegzurücken.
»Die zweite Wunde befindet sich auf der anderen Seite«, hörte er die Stimme eines Arztes. »Wir müssen ihn umdrehen. Fertig … jetzt.«
Ihm wurde schwarz vor Augen.