Kapitel Zehn

Ty befand sich in einem Durchgang, der von Schacht B abzweigte, als Cesar die Warnung durchgab.

Der Korridor endete abrupt vor einer ebenen Steinfläche, die sich erheblich von dem Boden, der Decke und den Wänden des Zugangstunnels unterschied. Sie enthielt keine der eingemeißelten Glyphen, mit denen nahezu jeder Quadratzentimeter sämtlicher anderen Gänge innerhalb dieser verlassenen Zweigwelt übersät waren. Diese Fläche sah irgendwie unfertig aus, als wären die Atn, die sich hier einstmals niedergelassen hatten, bei ihrer Tätigkeit unterbrochen worden.

Tief in Gedanken versunken ging er vor der leeren Steinwand in die Hocke, wobei die Natriumdampflampe in seiner Hand einen scharf abgegrenzten Lichtkreis um ihn warf. Die Kommunikationsanzeige in einer Ecke seines Helmvisiers blinkte bereits seit ungefähr einer Minute, doch er ignorierte das Signal, denn plötzlich übermannte ihn das bestimmte Gefühl, das letzte Teil eines hochkomplizierten Puzzles müsse sich jeden Moment an seinen Platz schieben.

Seit die Mjollnir sie von Ocean’s Deep hierhergebracht hatte, stromerte Ty durch die leeren Schächte und Gänge der Zweigwelt, in der festen Überzeugung, die Atn müssten für die, die sie zu lesen verstanden, eine Botschaft hinterlassen haben; nicht unbedingt für ihn, aber gewiss für Mitglieder ihrer eigenen Spezies. Es gab Hinweise, wenn man wusste, wonach man zu suchen hatte, und ein sorgfältiges Studium dieser Zeichen hatte ihn in diesen speziellen Durchgang geführt.

Das Komm-Link blinkte hartnäckig weiter, und schließlich rang Ty sich dazu durch, es zu aktivieren. In einem Winkel des Visiers tauchte ein Bild von drei miteinander verbundenen weißen Kuppeln auf, die sich dich an dicht in einen flachen Krater schmiegten. Draußen stapelten sich die Ausrüstung für Grabungsarbeiten und Ersatzteile für die Spinnen-Mechaniker. Zu seinem Schrecken bemerkte er, dass man aus mindestens einer der Kuppeln teilweise die Luft abgelassen hatte.

»Nathan, du musst sofort wieder an die Oberfläche kommen«, informierte man ihn. Genauso wenig wie die anderen Crewmitglieder der Mjollnir wusste Cesar Androvich über Tys wahre Identität Bescheid. »Nancy ist hier und hilft uns beim Packen. Wir fliegen zur Fregatte zurück.«

»Aber warum? Es gibt noch so viel zu …«

»Nathan«, mischte sich eine andere Stimme ein; dieses Mal sprach Nancy Schiller, die Sicherheitschefin der Mjollnir. »Wenn du hier oben bist, erkläre ich dir alles. Bring nichts mit. Überlasse alles den Spinnen. Komm nur so schnell wie möglich zurück.«

Sie kappte die Verbindung, so dass Ty nicht einmal die Chance bekam, ihr von seiner Entdeckung zu berichten.

Er kehrte um und zog sich entlang des Durchgangs zurück, bis er Schacht A erreichte, ein ungefähr dreißig Meter breites Bohrloch, das mitten durch das Herz des Asteroiden führte; in dessen Zentrum kreuzte es sich mit einem zweiten Schacht – Schacht B –, der im rechten Winkel zu der Bohrung verlief. Der Asteroid selbst maß nur wenig mehr als fünfunddreißig Kilometer im Durchmesser; Tausende von Tunneln, alle gleich breit, aber unterschiedlich lang, zweigten von diesen beiden Schächten ab.

Er tippte auf ein Feld am Ärmel seines Raumanzugs, und daraufhin bewegte sich einer der Dutzend Spinnen-Mechaniker, die regungslos in der Nähe der Schachtmitte geschwebt hatten, auf ihn zu, angetrieben von winzigen Gasausstößen. Das sich ihm nähernde Gerät bestand hauptsächlich aus einer Anzahl von Greifarmen, die aus einer Nabe von einem Meter Durchmesser herausragten.

Sobald die Spinne Ty erreichte, rotierte sie und präsentierte ihm zwei Haltegriffe. Ty klammerte sich daran, und während die Maschine ihn an die Oberfläche beförderte, hütete er sich, den Schacht in Richtung des Asteroidenkerns hinunterzuspähen. Trotz der minimalen Schwerkraft genügte manchmal ein einziger Blick in die Tiefe, um die Biomonitore seines Anzugs in die höchste Alarmstufe zu versetzen.

Stattdessen blickte er nach oben auf den sich langsam vergrößernden Kreis aus Sternen; die Mündung des Schachts lag nur wenige Hundert Meter über ihm. Der Weiße Zwerg, in dessen Orbit sich die Zweigwelt während der letzten paar Milliarden Jahre gedreht hatte, hob sich deutlich von dem ihn umgebenden Gefunkel ab.

 

Als Ty im Oberflächencamp eintraf, hatte man aus einer zweiten Kuppel die Luft abgelassen; das Lager hatte man nicht weit entfernt vom Schachteingang in einem flachen Krater aufgeschlagen. Er ließ den Spinnen-Mechaniker los und ließ sich langsam nach unten sinken; als seine Stiefel den Boden berührten, wirbelten sie kleine Fontänen aus Eis und Staub auf. Dann ging er zu Nancy und Cesar, die unter dem gleißenden Schein einer Bogenlampe emsig dabei waren, die erste Kuppel in ihre Kiste zurückzupacken. Weit über ihren Köpfen konnte man in der von glitzernden Sternen gesprenkelten Schwärze die Mjollnir sehen, die einem hoch in die Luft geworfenen, schwarz-grau gemusterten Stock glich, der nicht wieder heruntergefallen war.

Während der Reise hierher hatte die Fregatte ordentlich etwas abbekommen. Ty hatte schnell gemerkt, dass es gute Gründe dafür gab, wieso fast alle Transluminal-Schiffe der Shoal aus ausgehöhlten Monden und umgeformten Asteroiden bestanden, denn der Kontakt mit der superluminalen Leere stellte für die Außenhülle eines jeden mit überlichtschnellem Antrieb ausgesetzten Raumfahrzeugs eine ungeheure Belastung dar.

Die Sternenschiffe der Weisen vermochten sich selbst wieder zu erneuern, aber die Mjollnir war nicht aus demselben pseudoorganischen Material gebaut. So wie alle anderen der relativ wenigen von Menschen konstruierten Schiffe, die man mittlerweile für den überlichtschnellen Flug umgerüstet hatte, musste die Fregatte notgedrungen nach jedem einzelnen Transluminal-Sprung, den sie unternahm, lange Zwischenstopps für die schwierigen Reparaturen einlegen. Die Außenhüllen korrodierten und trugen Schäden davon. Antriebsdorne erforderten derart häufige Instandsetzungs- und Wartungsarbeiten, dass an Bord befindliche Produktionsmaschinen pausenlos im Einsatz waren, um den hohen Bedarf an Material zu befriedigen. Während Ty und Nancy die Tunnel und Kavernen der Zweigwelt erforschten, hatten Martinez und seine Crew sich nach Kräften bemüht, die Mjollnir für den Rückflug voll funktionsfähig zu machen.

Eine der beiden behelmten Gestalten blickte nun hoch, und Tys Anzug projizierte automatisch ein neben der Figur schwebendes Icon, das sie als Nancy identifizierte.

»Merricks Schwarm ist auf dem Weg hierher«, beschied sie ihm übergangslos. »Auf der Mjollnir herrscht Alarmbereitschaft, und Martinez will uns in spätestens einer Stunde von hier wegbringen.« Ty war nun nahe genug an Nancy herangekommen, um ihre besorgte Miene hinter dem Visier zu erkennen. »Tut mir leid, Nathan. Wir haben unser Bestes gegeben.«

»Woher weiß man, dass der Schwarm zu uns unterwegs ist?«, wollte er wissen.

»Die Erkundungssonden, die wir losschickten, übermittelten die Information«, erklärte Cesar. »Eine schnappte nur dreißig Lichtjahre von uns entfernt massenhaft Antriebssignaturen auf.«

»Antriebssignaturen?«

»Na klar«, warf Nancy ein. »Erinnerst du dich noch an die Einsatzbesprechungen?«

Ty gab einen gereizten Laut von sich. »Es gab endlose Briefings. Könntest du mir vielleicht mal auf die Sprünge helfen?«

»Jedes Mal, wenn ein Transluminal-Schiff in den Normalraum eindringt oder ihn verlässt, erzeugt es Schwerkraftanomalien«, fuhr Cesar fort. »Die Sonde war mit Tach-Net-Monitoren ausgestattet, die auf kurze Entfernung Fluktuationen messen können, welche sich durch den Transluminalraum fortpflanzen. Deshalb wissen wir, dass irgendetwas gerade aufgetaucht ist.«

Nur dreißig Lichtjahre von hier entfernt, sinnierte Ty. Wie leicht diese Worte über Cesars Lippen kamen. Ohne Unterstützung der Shoal waren sie tausend Lichtjahre weit gereist, was sie mit den größten Entdeckern, die die Menschheit je hervorgebracht hatte, auf eine Stufe stellte.

»Wie konnte der Schwarm so schnell hier sein?«, wunderte er sich. »Ich dachte, wir hätten noch mindestens einen weiteren Monat Zeit, ehe er hier eintreffen würde, jedenfalls lauteten so die Schätzungen.«

»Nathan … Cesar … haltet um Christi willen den Mund und helft beim Packen, ja?«

Ty wandte seine Aufmerksamkeit Nancy zu. »Hör mal, wir können doch nicht einfach von hier verschwinden, ohne auch nur das Geringste vorweisen zu können – nicht, nachdem wir diesen langen Weg auf uns genommen haben. Sag mir bitte ganz exakt, wie viel Zeit uns deiner Ansicht nach noch bleibt, wenn möglich, bis auf die Minute genau.«

Durch ihr Helmvisier nahm er ihre angespannte Miene wahr. »Nathan …«

»Tu mir bitte den Gefallen, okay?«

Nancy zögerte, und Cesar sprang für sie ein. »Ich würde sagen, es können zwischen zehn und vierundzwanzig Stunden vergehen, bis der Schwarm direkt vor unserer Türschwelle auftaucht, Nathan. Aber wenn wir es nicht schaffen, von hier zu verschwinden, bevor er hier eintrifft, schätze ich unsere Überlebenschancen sehr gering ein.«

Einen Moment lang dachte Ty fieberhaft nach. »Okay, innerhalb dieser Zeitspanne dürfte der Schwarm dieses System erreichen. Aber was denkst du, wie lange es dann noch dauern wird, bis er unseren Aufenthaltsort präzise lokalisiert hat?«

»Nathan …« Nancy schlug einen Ton an, als spräche sie zu einem leicht debilen Kind. »Falls hier überhaupt mal etwas war, so ist es mittlerweile längst wieder weg. Gib endlich auf.«

»Ist Martinez der gleichen Ansicht?«, konterte er.

»Selbstverständlich denkt er das Gleiche, andernfalls würden wir die Klamotten nicht einpacken, oder? Es sei denn, du überraschst uns in allerletzter Minute mit ein paar zündenden Ideen.«

»Vielleicht tue ich das. Sieh mal, nachdem wir in diesem System ankamen, brauchten wir eine Woche, nur um diesen Felsbrocken zu finden, stimmt’s?«

»Worauf willst du hinaus?«, fragte Cesar.

»Zuerst muss der Schwarm uns aufspüren; genauer gesagt, in dem enorm großen Feld von Asteroiden, die den Weißen Zwerg umkreisen, muss er exakt den orten, auf dem wir uns aufhalten. Gewiss, Zweigwelten umkreisen ihren Stern immer innerhalb einer spezifischen Distanz, deshalb ist es uns ja so schnell gelungen, diese zu entdecken. Der Schwarm wird das wissen, aber trotzdem bedeutet das, dass uns zumindest ein bisschen Zeit bleibt, unsere Arbeit zu beenden, ehe er uns aufstöbert.«

»Um darüber zu diskutieren, haben wir wirklich keine Zeit«, schnappte Nancy, wobei ihre Stimme sich in die Höhe schraubte. »Du hast schwerer gearbeitet als jeder andere von uns, Nathan, und es gibt keinen Grund, dass wir nicht irgendwann einmal hierher zurückkehren und mit der Suche weitermachen, wenn der Schwarm erst wieder fort ist.«

»Denk doch daran, wie viel auf dem Spiel steht«, beharrte Ty. »Was passiert, wenn wir mit leeren Händen nach Hause kommen?«

»Jesus und Buddha, Nathan!«, brauste Nancy auf. »Kapierst du denn nicht? Was passiert wohl, wenn wir hierbleiben? Wir werden alle getötet, und dann ist tatsächlich alles aus! Was haben wir hier noch zu suchen? Du willst uns doch nicht etwa weismachen, du hättest zum Schluss doch noch diesen verdammten …«

Ihre Stimme ebbte ab, und er vergegenwärtigte sich, dass sie sein Grinsen gesehen hatte, das sein Gesicht fast in zwei Hälften spaltete.

Cesars Blick irrte zwischen ihnen hin und her. »Was ist … hast du was gefunden?«

»Es gibt eine Anomalie«, erklärte Ty. »Sie befand sich die ganze Zeit über direkt vor meiner Nase.«

»Und warum zum Teufel hast du das nicht schon früher gesagt?« , fuhr Nancy ihn wütend an.

Ty zuckte mit den Schultern, dann fiel ihm ein, dass die anderen diese Geste vermutlich nicht sehen konnten, auch wenn die Anzüge, die sie trugen, sehr leicht und elastisch waren. »Ihr gabt mir ja keine Gelegenheit dazu. Auf eure Weisung hin kam ich hier hoch und …«

»Schon gut«, schnitt Nancy ihm das Wort ab. »Schon gut. Also, was ist das für eine Anomalie?«

»Das muss ich euch zeigen«, erwiderte er.

 

Nancy beriet sich eilig mit Martinez, der ihnen die Erlaubnis gab, noch einmal das Innere des Asteroiden aufzusuchen. Cesar blieb an der Oberfläche, um die Spinnen zu beaufsichtigen, die emsig dabei waren, die eingepackten Zelte und Vorräte an Bord eines unbemannten Frachttransporters zu bringen, der soeben von der Fregatte eingetroffen war.

»Dir ist doch hoffentlich bewusst, dass ich für dich mein Leben riskiere«, murmelte Nancy über einen privaten Kanal, und ihm fiel auf, wie gestresst sie klang.

»Ich verspreche dir, dass ich nicht zu viel hineininterpretieren werde«, entgegnete Ty. Die Schachtwände huschten an ihnen vorbei, als sie, jeder getragen von einem Spinnen-Mech, in die Dunkelheit fielen. »Gott behüte, dass du jemals zugeben würdest, dass du mich magst.«

»Ich habe überhaupt nichts gegen dich; es ist nur … ach, ich weiß auch nicht.«

»›Ich bin halt nur nicht dein üblicher Typ.‹ Das sagst du doch immer, nicht wahr?«

Spontane und sehr intensive sexuelle Beziehungen waren nichts Ungewöhnliches, wenn man monatelang so weit weg von der Heimat war; Verhältnisse dieser Art hatten zu Tys Leben gehört, als er vor vielen Jahren andere Zweigwelten erforschte. Aber er vergaß nie, dass Nancy Schiller eine Freistaatlerin war. In gewisser Hinsicht glich sie Karen; auch sie war an eine straffe Disziplin gewöhnt, und ihr Körper bestand aus glatten, durchtrainierten Muskeln. Jedes Mal, wenn sie zusammen im Bett waren, fragte sich Ty, ob das Leben unter einer angenommenen Identität ihn dahingehend verändert hatte, dass die Möglichkeit einer Enttarnung ihm einen perversen Nervenkitzel bereitete.

Über die Leitung hörte er sie seufzen. »Vergiss, was ich gesagt habe«, grummelte sie. »Wie lange dauert es, bis wir diese Kammer erreichen?«

»Nicht lange. Spielt das eine Rolle?«

»Nein. Es ist nur …«

»Was?«

Sie gab ein ärgerliches Geräusch von sich. »Mir macht bloß die Vorstellung zu schaffen, dass diese … Maschinen in dieser fürchterlichen Finsternis Jagd auf uns machen.«

»Es ist nicht weit«, beruhigte er sie. Er wusste, dass sie auf die Bilder der Schwarmkomponenten anspielte, die sie seit ihrem Abflug von Ocean’s Deep gelegentlich betrachtet hatten.

Die Öffnung des Schachts hinter ihnen war bereits erheblich geschrumpft; lediglich die Scheinwerfer der Spinnen-Mechs sorgten nun für Beleuchtung und warfen scharf umrissene helle Streifen auf die vorbeirasenden Wände. Ihr Gespräch brach ab und machte einem beklemmenden Schweigen Platz; Ty vermutete, dass Nancy von den schieren Ausmaßen der Zweigwelt genauso eingeschüchtert war wie die meisten Menschen, wenn sie sich zum ersten Mal in einer befanden.

Bald erreichten sie die Kreuzung im Mittelpunkt des Asteroiden. Jemand hatte eine Spinne angewiesen, ein mit der Hand geschriebenes Schild anzubringen, das die grundlegenden Richtungen anzeigte. Ty bremste ab und wartete, bis Nancy es ihm gleichtat.

»Wir begeben uns in Kammer Zwei«, erklärte er, mit einem Kopfnicken auf Schacht B West deutend. »Dort herrscht Druckausgleich, okay? Das heißt, wir können …«

»Nathan, ich weiß, wie engagiert du deinen Job machst, aber zieh den Kopf aus deinem Arsch. Vergiss nicht, dass ich diejenige bin, die die täglichen Tätigkeitsberichte schreibt. Wie kannst du nur annehmen, ich wüsste nicht, dass es in dieser Kammer Druckausgleich gibt?«

»Entschuldige, bitte. Ich habe nur laut gedacht. Noch hundert Meter weiter und dann die Luke hinunter.«

Wann immer die Atn eine Zweigwelt aufgaben, ließen sie normalerweise eine Grundausstattung an Daten und Werkzeugen zurück, doch in diesem Fall schien es ein Übermaß an Artefakten zu geben, sowohl konkreter als auch virtueller Art. Die Daten waren auf Speichervorrichtungen aufgezeichnet, die sich um einen Kern aus sich selbst reparierenden molekularen Schaltkreisen konzentrierten; die sich daraus ergebenden Stacks ähnelten Reihen aus bronzierten Schilden, die in die Wände der betreffenden Kammern eingebettet waren. Die meisten, aber nicht alle der dort gespeicherten Daten entzogen sich immer noch dem Verständnis der menschlichen Forscher.

In die Stack-Kammer gelangte man durch einen Druckmittler, den Spinnen-Mechs kurz nach ihrer Ankunft installiert hatten. Zügig passierten sie die Luftschleuse, und in der Kammer nahm Ty seinen Helm ab. Er sah zu, wie Nancy seinem Beispiel folgte und sich Schweißtropfen aus ihren krausen blonden, zu einem Bubikopf geschnittenen Haaren schüttelte.

Der Raum war rechtwinkelig, die Wände übersät mit den allgegenwärtigen spiralförmigen Glyphen. In einer Ecke türmte sich ein unordentlicher Stapel, der einem ahnungslosen Betrachter vorkommen musste wie irgendwelcher geschwärzter Krempel. Die Überreste von acht Stack-Discs der Atn waren in die Wand direkt gegenüber dem Druckmittler eingepasst. Jede dieser Speichereinheiten war vorsätzlich und gründlich zerstört worden; Bruchstücke und Klumpen der Discs lagen überall verstreut herum.

Nancy kniete vor dem Berg Gerümpel nieder und stocherte mit einem behandschuhten Finger darin herum. »Ich weiß nicht, Nathan, wir haben bereits jeden Zoll dieses Orts durchkämmt, und ich wäre wirklich sehr überrascht, wenn wir etwas übersehen hätten.«

Ty zog einen Handschuh auf und fuhr mit der Hand über den zerstörten Rand einer Stack-Disc. »Wir haben definitiv etwas übersehen.« Er nickte in Richtung des Müllhaufens in der Ecke. »Angefangen damit, dass dies die Überreste eines Atn sind.«

»Oh.« Sie stand auf und trat einen Schritt zurück. »Bist du sicher?«

Er blickte an ihr vorbei auf die verbogenen Bruchstücke, denen man kaum noch ansah, dass sie einstmals ein lebendes Wesen waren. »An einigen Fragmenten, die organische Rückstände aufwiesen, führte ich eine tomographische Analyse durch. Es handelt sich zweifelsfrei um einen toten Atn. Er war einer ungeheuren Hitze ausgesetzt, als hätte sich das Innere dieser Kammer in einen Schmelzofen verwandelt. Weißt du noch, was Cesar über diese Krater herausgefunden hat?«

»Viele von ihnen entstanden erst vor relativ kurzer Zeit und in außergewöhnlich knappen Abständen, richtig?«

»Exakt. Als wäre irgendwas hier aufgetaucht, hätte alles Lebendige getötet und wäre gleich danach wieder verschwunden.«

»Na schön.« Sie musterte ihn mit einer Mischung aus Argwohn und Respekt. »Angenommen, diese Vermutung erweist sich als zutreffend, müssen wir dann nicht logischerweise den Schluss ziehen, dass der Moss Hadroch – sollte er sich hier befunden haben – mittlerweile weg ist? Und du selbst hast mir erzählt, dass die verschiedenen Atn-Clans untereinander Krieg führten. Vielleicht haben die Sippen, die diesen Asteroiden bewohnten, einfach nur einen Kampf verloren.«

Ty schüttelte heftig den Kopf. »Nein, früher lautete eine Theorie, die Atn müssten sich gegenseitig bekämpft haben. Doch die Informationen, die wir von Merrick erhielten, deuten stark darauf hin, dass der Schwarm all die Zweigwelten verwüstet hat, die wir in der Vergangenheit entdeckten.« Sekundenlang starrte er gedankenverloren auf die Stack-Discs.

»Aber? Ich bin davon überzeugt, dass es ein Aber gibt.«

»Bei uns zu Hause hat man Zweigwelten erforscht, die sich in einem noch viel schlimmeren Zustand befanden als diese. Aber noch nie zuvor habe ich derart demolierte Stack-Discs gesehen; es scheint, als wären sie bewusst zerstört worden, in der Absicht, sie total zu vernichten.«

Sie betrachtete die geschmolzenen Trümmer des Atn, dann wandte sie sich wieder an Ty. »Glaubst du, der hier hat sie selbst kaputt gemacht, ehe er getötet wurde?«

»Ich denke, diese Annahme ist berechtigt. Die Discs enthielten Daten, die der Atn schützen wollte. Vielleicht hätte man durch sie sogar den genauen Standort des Mos Hadroch bestimmen können.«

Sie glotzte ihn an, als sei er schwachsinnig. »Aber wenn die Stack-Discs doch komplett zerstört sind, wie willst du dann überhaupt noch an Informationen gelangen?«

»Indem ich meine Vorgehensweise ändere. Zum Beispiel haben wir jeden Zoll des Asteroiden vermessen und kartographisch erfasst. Aber von Schacht A zweigt ein Gang ab, der hundert Meter zu kurz ist.«

Als er ihre verständnislose Miene sah, fuhr er erklärend fort: »Nun, jeder Atn-Clan, der im Begriff steht, sich eine Zweigwelt einzurichten, geht dabei nach einem starr festgelegten Plan vor. Es ist, als hätten diese Sippen ein ganz rigides architektonisches Programm, von dem sie niemals abweichen. Sie suchen sich nur Asteroiden einer bestimmten Größe aus, zwischen siebzig und hundert Kilometer im Durchmesser. Es gibt ausnahmslos zwei zentrale Schächte und exakt dieselbe Anzahl abzweigender Gänge und Kammern, immer an denselben Stellen und in einem Größenverhältnis, das den Abmessungen dieses speziellen Asteroiden entspricht.«

Er packte sie bei den Schultern und grinste. »Als Cesar mit mir Kontakt aufnahm und mich nach oben rief, war ich bereits dabei, diesen Tunnel zu untersuchen – und ich würde mein Leben darauf verwetten, dass er mit einer künstlichen Wand verschlossen wurde.«

»Und du meinst, dahinter könnte sich etwas verbergen?«

»Warum nicht? An Bord der Fregatte gibt es Geräte, mit denen wir herausfinden können, ob ich Recht habe.«

Behutsam befreite sich Nancy aus seinem Griff. »Na, das ist ja toll. Martinez kann uns ein bisschen Sprengstoff rüberschicken, dann sprengen wir einfach ein Loch in die Wand.«

»Zuerst müssen wir wissen, wie dick diese falsche Wand ist. Ist sie zu stark, benötigen wir eine Menge Sprengstoff, doch dann könnte der Gang über uns zusammenbrechen und eventuell das zerstören, was sich hinter dieser Mauer befindet.« Er schüttelte den Kopf. »Nein, als Erstes machen wir uns ein Bild von diesem Gang, damit wir eine Vorstellung bekommen, was darin steckt. Notfalls können wir sogar ein Loch in diese Wand bohren. Aber wir müssen sofort mit der Arbeit beginnen, Nancy. Jetzt gleich.«

Sie starrte ihn noch eine Weile an, dann kniff sie die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen und öffnete eine Komm-Verbindung zur Brücke der Mjollnir.

Ty fühlte sich, als sei ihm eine schwere Last von den Schultern genommen; anscheinend machten sie endlich Fortschritte.

 

Keine Stunde später lavierten Curtis Randall und Anton Swedberg  – technische Spezialisten – neue Maschinen den Schacht hinunter und in den verdächtigen Tunnel hinein; fast ein Dutzend Spinnen-Mechs waren nötig, um ihnen dabei zu helfen. Vor der Wand hatte man eine große Bohrvorrichtung aus Einzelteilen zusammengebaut und auf ein Gestell montiert, dessen drei Beine fest im Boden verankert waren. Der Bohrkopf selbst wurde von einem flachen Schutzschild aus Plastik verdeckt.

»Gerade hat sich Perez bei mir gemeldet«, hörte Ty Randall durch ihre gemeinsame Komm-Verbindung. »In ein paar Sekunden ist Martinez online. Irgendwas braut sich zusammen.«

Ty blickte hinter sich und sah zwei Spinnen-Mechs, die vorsichtig ein Bündel durch den Gang zur künstlichen Wand transportierten. Während sie unter der an der Decke befestigten Lampenkette dahinglitten, äfften ihre Schatten jede ihrer Bewegungen nach. »Was ist los?«

»Anton sagt, er hätte mit Tibbs auf der Brücke gesprochen. Die Mjollnir empfängt ein örtliches Ansteigen von Tach-Net-Hintergrundgeräuschen sowie wellenförmige Gravitationsschwankungen im Tach-Net-Kontinuum. Sieht ganz danach aus, als sei der Schwarm soeben eingetroffen.«

Ty spürte eine jähe Anwandlung von Panik. Die Zeit lief ihnen davon.

Reiss dich zusammen, befahl er sich wütend. Er warf einen Blick auf Nancy, die neben ihm Werkzeug auspackte, und selbst durch ihr Helmvisier konnte er sehen, wie erschrocken sie war.

»Wenn wir Glück haben, handelt es sich bloß um ein paar Scouts«, fügte Randall hinzu, als die beiden Spinnen anhielten. Ty begab sich zu ihnen und fing an, die Transportgurte von dem Zeug zu lösen, das sie hierhergebracht hatten. »Tut mir leid, wenn ich schlechte Nachrichten verkünden muss.«

Ty nickte. Er fühlte sich wie betäubt. »Dann müssen wir …«

»Verzeihen Sie, dass ich gelauscht habe, Mr. Driscoll«, fiel Martinez ein, »aber ich kam gar nicht umhin mitzuhören.« Ty senkte den Blick und bemerkte, dass der kleine, goldfarbene Balken, der den Kommandanten der Mjollnir anzeigte, in einer Ecke seines Visiers sichtbar geworden war. »Von hier aus betrachtet stellt sich die Situation ziemlich brenzlig dar.«

Ty konnte gemurmelte Gespräche und die Geräuschkulisse auf der Brücke wahrnehmen. »Wie weit ist der Schwarm noch entfernt?«, fragte er. »Ein Sternsystem ist ziemlich groß, Commander, deshalb könnte es ohne weiteres noch ein paar Tage dauern, bis er diesen Asteroiden geortet hat.«

»Mr. Driscoll, wenn der Schwarm uns vor unserem Abflug hier überrascht, ist es völlig egal, ob Sie irgendwas hinter dieser Wand finden oder nicht.«

»Das ist mir völlig klar, Sir«, erwiderte Ty bedächtig. »Aber im Grunde brauche ich nur noch wenige Stunden. Sie wissen doch, wie wichtig diese Angelegenheit ist.«

Das Zischen im Hintergrund verstummte kurz, und Ty nahm an, dass Martinez sich mit Dan Perez, einem seiner leitenden Offiziere beriet.

»Also gut, ich schlage Ihnen Folgendes vor«, begann Martinez, als er wieder in der Leitung war. »In dem Moment, in dem der Schwarm auftaucht, springt die Mjollnir unverzüglich aus diesem System heraus, ob Sie nun immer noch auf diesem Felsen hocken oder nicht. Das Gleiche gilt für jeden, der dortbleibt, und die Entscheidung ist absolut freiwillig. Ich muss an die Crew denken.«

»Keiner ist dazu verpflichtet, hier auszuharren und mir zu helfen, wenn er lieber auf die Fregatte zurückkehren will«, entgegnete Ty und blickte dabei Nancy und Curtis an. »Aber natürlich kann ich viel schneller arbeiten, wenn mir jemand zur Hand geht.«

»Was ist mit den Spinnen?«, erkundigte sich Martinez. »Haben Sie schon mal überlegt, ob es möglich wäre, die ganze Operation von der Brücke aus zu leiten?«

»Das geht nicht, Sir«, lehnte Ty rundheraus ab. »Wissen Sie, die Spinnen sind eine große Hilfe, aber sie eignen sich nicht für schnelles, akkurates Arbeiten. Für das, was wir hier tun müssen, sind sie viel zu langsam und ungeschickt. Wenn wir das Ganze per Fernsteuerung durchziehen, würde es noch länger dauern als notwendig.«

»Nathan hat Recht«, hörte er Nancy sagen. »Die Spinnen taugen nur für diese Art Arbeit, wenn kein Zeitdruck herrscht.«

»Ja, dem stimme ich zu«, pflichtete Curtis bei. »Je mehr Leute hier unten sind, die wissen, was zu tun ist, umso schneller werden wir mit allem fertig und können von hier abhauen. Der letzte Detektor ist jetzt an Ort und Stelle, also müssten wir umgehend ein Videobild bekommen.«

»Okay, Curtis«, erwiderte Martinez. »Aber jede Analyse besagt, dass mehr als zwei Leute da unten nicht erforderlich sind, deshalb beordere ich Sie und Anton sofort auf die Fregatte zurück. Nancy und Nathan, ich habe mit Cesar gesprochen. Er bleibt mit einem Launcher auf der Oberfläche. Trödelt nur nicht eine Sekunde länger herum, als unbedingt nötig.«

»Kein Problem.«

Martinez unterbrach die Verbindung.

»Detektoren?«, fragte Nancy.

»Myon-Detektoren«, erklärte Curtis. »Wir haben sie überall auf dem Asteroiden verteilt. Sie spüren zerfallende Partikel kosmischer Strahlung auf, so dass wir ein Bild von dem Inneren erstellen können.«

Ty nickte. »Hast du die Bildschirme mitgebracht?«

Curtis reichte ihm einen aufgerollten Video-Monitor; Ty öffnete ihn, strich ihn an einer Wand glatt und hielt ihn dort fest, während Curtis aus der Werkzeugkiste einer Spinne einen Hammer klaubte und die vier Ecken des Monitors an den Stein nagelte.

Ty trat zurück und studierte das Helldunkel aus Grautönen, das kurz darauf auf dem Bildschirm erschien und sich rasch zu einer Karte formte, welche die Tunnel und Kammern des Asteroiden wiedergab.

»Da!«, Aufgeregt stach Ty mit dem Finger auf ein Gebilde ein, das aussah wie ein fetter grauer Wurm. »Das ist unser Gang, gleich hier.«

Nancy stellte sich neben ihn und spähte auf das sich verändernde Bild. »Hinter der Wand ist tatsächlich etwas, nicht wahr?«, murmelte sie, offenkundig fasziniert.

Curtis, der neben ihnen stand, beugte sich vor und tippte auf den Schirm. »Auf der anderen Seite erkennt man ein paar dunkle Umrisse. Seht ihr sie auch?«

Ty überkam eine freudige Erregung, und er bemühte sich, gelassen zu bleiben. »Ich kann sie sehen, jawohl, und ich glaube, es wird nicht so schwierig, wie ich ursprünglich befürchtet hatte. « Auf Curtis blickend, fuhr er fort: »Martinez erwartet dich und Anton auf der Mjollnir. Brecht lieber sofort auf.«

Curtis nickte; Ty merkte ihm deutlich an, wie er zwischen dem Wunsch, am Ort des Geschehens zu bleiben, und der Angst vor der fremden Bedrohung schwankte. Wenn sie hier lebend herauskamen, dann würden sie alle für den Rest ihrer Tage Geschichten zu erzählen haben.

Dann nickte Curtis ergeben und rückte von ihnen ab. »Nathan, Nancy, ich wünsche euch beiden viel Glück. Wir sehen uns dann auf dem Schiff.«

Ty nickte und sah einen Moment lang zu, wie Curtis sich durch den Tunnel zurückzog, ehe er seine Aufmerksamkeit dem Bohrgerät widmete. Er drückte auf einen Knopf, und die Spitze des Bohrers fing an, sich völlig lautlos in die Wand hineinzufressen. Jetzt musste er nur noch die Parameter eingeben, dann konnte er sich von der Maschine entfernen und ihr die ganze Arbeit überlassen.

Schon sehr bald füllte sich der Gang rings um sie her mit Wolken aus grauschwarzem Staub, während der Bohrer in Aktion war. Ty prüfte die Anzeigen, an denen er die Tiefe der gebohrten Öffnung ablesen konnte; nach fast fünfzig Zentimetern kam das Signal, dass der Bohrkopf nicht mehr auf Widerstand traf. Nancy sah zu, wie er den Bohrer herauszog, und zusammen traten sie an den schmalen Durchbruch.

Aus einer Anzugtasche fischte Nancy eine lange, dünne Silberröhre und schob sie behutsam in das frisch entstandene Loch. Nach ein paar Sekunden zog sie sie wieder heraus.

Die Röhre hatte ein mobiles, flugfähiges Sicherheitsinstrument enthalten, das nach dem Vorbild eines terrestrischen Insekts konstruiert war und sogar ein miniaturisiertes Antriebssystem speziell für Null-g-Zonen enthielt. Nachdem sie die nun leere Hülse wieder in der Tasche verwahrt hatte, zwängte sie zwei Hochleistungsglühstäbe durch die Lücke, bis sie auf der anderen Seite herausglitten und in der minimalen Schwerkraft des Asteroiden langsam herabtrudelten.

»So, das wäre geschafft«, hauchte Nancy außer Atem und stellte sich vor den Schirm. »Mal sehen, was wir alles erkennen können.«

Sie stellte den Monitor so ein, dass er die Bilder zeigte, die die Objektive der Insektenmaschine jenseits der Wand aufnahmen. Wenige Augenblicke später machten sie ungefähr fünfzehn Meter von der Zwischenwand entfernt ein klotziges Gebilde aus. Bis auf dieses Ding war auf der anderen Seite nichts zu sehen.

»Ist das alles?«, knurrte Nancy, außerstande, ihren Unmut zu verbergen.

»Und wenn es noch so nichtssagend aussieht«, versetzte Ty, gegen seine eigenen wachsenden Zweifel ankämpfend, »hinter der Wand muss einfach etwas Wertvolles stecken. Immerhin hat sich jemand die Mühe gegeben, es so gründlich zu verbergen.«

Nancy blickte auf den Schirm. »Ich bin mir nicht sicher, aber mir scheint, es könnte sich um den Körper eines anderen Atn handeln.«

Ein Warnsignal blitzte in ihren jeweiligen Helmvisieren auf, und Martinez gab eine Dringlichkeitsmeldung durch. »Nathan, Nancy; in den letzten Minuten stiegen die Werte für die Gravitationsschwankungen so stark an, dass die Skala nicht mehr ausreicht, um sie zu messen.«

»Was heißt das?«, fragte Ty verblüfft.

»Das heißt, dass sogar noch mehr Schwarmkomponenten im Anflug sind, als befürchtet. Hunderte von diesen verdammten Dingern. Ihr solltet euch ernsthaft überlegen, ob es nicht das Beste wäre, unverzüglich zum Schiff zurückzukehren.«

»Kommt gar nicht infrage. Hier ist definitiv etwas, aber die Bergung wird ein Weilchen dauern. Solange müsst ihr die Stellung halten.«

»Ich dachte mir, dass Sie das sagen würden. Mit Cesar habe ich schon gesprochen, und mindestens eine Stunde lang bleibt er noch auf dem Asteroiden. Aber jede Minute länger bedeutet, dass unsere Chancen, lebend von hier wegzukommen, dramatisch sinken; in diesem Punkt stimmen sämtliche an Bord durchgeführten Risikoanalysen überein. Viel Glück.«

Martinez kappte die Verbindung. Ty atmete tief und ruhig aus. »Bist du einverstanden?«

Nancy zuckte mit den Schultern, und ein mattes Lächeln zog ihre Mundwinkel nach oben. »Was anderes bleibt mir doch gar nicht übrig, oder?«

 

Unter normalen Umständen hätte Ty mehrere Tage damit verbracht, den versiegelten Korridor akribisch zu untersuchen, ehe er umsichtig Stück für Stück die Zwischenwand abgetragen hätte. Doch die gegenwärtige Situation erforderte eine direktere Vorgehensweise, und deshalb hatten die Spinnen von der Mjollnir Hohlladungen mitgebracht.

Zuerst bohrten sie an verschiedenen Stellen weitere Löcher in die Felswand. Währenddessen schwebte in einem Winkel von Tys Visier ein Computer-Feed, das von der Brücke der Fregatte stammte; es zeigte ein Schema des Systems sowie eine laufend aktualisierte Animation, die auf der geschätzten Peilung des Schwarms fußte.

Jedes Mal, wenn eine der seltsamen Maschinen durch den Transluminalraum sprang, breiteten sich winzige Wellen im superluminalen Kontinuum aus, als würde sich eine wellenförmige Bewegung über der stillen Oberfläche eines Teichs fortpflanzen. Die Verteidigungssysteme der Mjollnir zeichneten diese Kräuselungen in Realzeit auf, und es war klar ersichtlich, dass sich der Schwarm über das gesamte System auffächerte. Ty dachte daran, wie gewaltig das Gebiet war, das die Maschinen zu erfassen versuchten, und fragte sich, ob es dem Schwarm tatsächlich gelingen konnte, sie binnen kurzem aufzuspüren.

Nachdem die Löcher gebohrt waren, schob Ty vorsichtig jeweils eine Hohlladung in eine Öffnung, dann zog er sich mit Nancy in Richtung des Hauptschachts zurück, wo sie relativ sicher waren. Die Spinnen flogen vor ihnen her und verteilten sich in dem hinter ihnen liegenden Schacht.

Ty und Nancy bezogen zu beiden Seiten des Tunneleingangs Position. Er bemühte sich, das Kitzeln der Schweißtropfen zu ignorieren, die ihm an einer Wange herunterliefen, und fasste Nancy ins Auge.

»Bereit?«, fragte sie, den Finger über einer Kontrolltafel, die in den Ärmel ihres Raumanzugs integriert war.

Ty nickte.

»Okay. Drei, zwei, eins, Bumm.«

Natürlich war kein Laut zu hören, doch in seiner Fantasie konnte sich Ty das Donnern sehr gut vorstellen. Seismographen an der Oberfläche meldeten über die Anzeigen in seinem Anzug sofort die Einzelheiten des erfolgten Bebens. Im nächsten Augenblick wälzte sich eine dicke Säule aus grauem Rauch und Splitt durch die Tunnelöffnung und breitete sich im Hauptschacht aus.

In dem herumwirbelnden Sand und Staub war Nancy kaum noch zu sehen. »Auf dem Schirm kann ich nichts erkennen«, hörte er sie sagen.

»Zu viele Trümmer«, erwiderte er. »Lass uns nachschauen, ob es geklappt hat.«

Sie schickten zwei Spinnen vor, für den Fall, dass richtig große Gesteinsbrocken immer noch durch den Gang trudelten, und in vorsichtigem Abstand folgten sie den beiden Robotern.

Die Sprengladungen hatten besser funktioniert, als Ty zu hoffen gewagt hatte, und dennoch unterschied sich der Tunnelabschnitt gleich hinter den Überresten der Zwischenwand kaum von der vorhergehenden Sektion. Die Angst vor einer Enttäuschung lag ihm wie ein Klumpen Blei im Magen. Doch endlich erhielten sie einen ungehinderten Blick auf das Ding, das sie vorher nur als verschwommenen grauen Schatten wahrgenommen hatten.

Es handelte sich in der Tat um den Körper eines einzelnen Atn – aber das war auch schon alles.

»Kommt das bei euch an?«, fragte Nancy. Ty warf ihr einen Blick zu und sah, wie sie den Kopf langsam von einer Seite zur anderen drehte, während sie durch den freigesprengten Teil des Korridors wanderte. Er nahm an, dass sie Livebilder auf die Brücke der Mjollnir schickte.

Vor dem massigen Körper des Atn kniete Ty nieder, studierte im Licht des in seinen Anzug integrierten Scheinwerfers die verworrenen, stilisierten Schnörkel und Siegel, die in den Panzer eingraviert waren. Soweit er es bis jetzt beurteilen konnte, war nichts, aber auch gar nichts ungewöhnlich an diesen Mustern.

»Tja, ich denke, das war’s dann wohl«, hörte er Nancy über das allgemeine Komm-Link verkünden. »Mehr ist hier nicht.«

»Moment mal!«, schnappte Ty gereizt. »Wir sind doch noch gar nicht dazu gekommen, uns hier gründlich umzusehen.«

»Komm schon, Nathan, hier ist nichts. Lass es uns eingestehen, wir haben einen Versuch gestartet, aber das Ganze war eine Pleite.«

Ty bemühte sich, nicht die Fassung zu verlieren. »Hier ist nichts, bis auf einen Atn, der von den übrigen Mitgliedern seines Clans unter einem enormen Zeit- und Arbeitsaufwand in diesem Gang versteckt wurde. Was schließt du daraus?«

»Keine Ahnung, was ich davon halten soll. Vielleicht ist das nur eine Grabkammer, und dieser Atn war einer der Anführer des Clans. Das würde doch auch die Geschichte mit dem Mos Hadroch erklären, oder? Möglicherweise stellt das Ding so etwas dar, was bei den Atn als König oder Hive-Königin galt.«

»Du faselst dummes Zeug!«, schnauzte Ty und strich mit der behandschuhten Hand über den Panzer der Kreatur. »Du vermenschlichst die Atn viel zu sehr. Diese Spezies kennt keine gesellschaftliche Hierarchie. Und sollte dieser Ort wirklich nichts weiter als eine Grabkammer sein, wieso ist dann gerade ein Schwarm aus fremdartigen Maschinen aufgetaucht, die nach diesem Asteroiden suchen?«

»Ich gebe nur das wieder, was ich sehe«, beharrte Nancy, und er merkte, dass er zu ruppig geklungen hatte. »Einen toten Atn, mehr nicht!«

Ty stand auf und blickte in die Runde. In dem aufgewirbelten Staub konnte er nur glatte, leere Felswände sehen, die keine einzige Glyphe aufwiesen. »Sämtliche Hinweise deuten auf diesen Ort hin«, betonte Ty, laut denkend.

»Und wenn schon. Vielleicht hat man bewusst eine falsche Fährte gelegt, um jeden, der nach dem Mos Hadroch sucht, in die Irre zu führen, und wir sind prompt drauf reingefallen.«

Der gleiche Gedanke war ihm auch schon gekommen, er wollte es nur nicht zugeben.

Am unteren Rand von Tys Helmvisier blinkte wieder Commander Martinez’ Icon auf. »Wir empfangen soeben massenhaft Gravitationssignale, deren Ursprung höchstens drei bis vier Astronomische Einheiten von hier entfernt liegt«, informierte er sie. »Was immer ihr gefunden habt, schnappt es euch und macht, dass ihr nach oben kommt. Andernfalls riskiert ihr, dass wir euch zurücklassen.«

Ty spürte, wie das Blut in seinem Kopf pochte, und auf einmal wurde ihm übel vor Angst. Er beugte sich vor, hielt noch einmal den scharf umrissenen Lichtstrahl auf die Hülle des toten Aliens und vertiefte sich mehrere Sekunden lang in die Gravuren.

Denk nach, befahl er sich. Bis jetzt kannten sie lediglich einen Namen; sie wussten weder, wie der Mos Hadroch aussah, welche Abmessungen er hatte, ob er groß war oder klein …

Plötzlich wurde er ganz aufgeregt. Er schickte Nancy ein Ping mit der Bitte um eine abhörsichere direkte Verbindung; gleichzeitig kappte er sein Komm-Link mit der Brücke der Mjollnir.

Nancy nahm die Verbindung an, und im nächsten Moment hörte er ihre Stimme. »Was zum Teufel ist in dich gefahren, Ty?«, fragte sie. »Wieso hast du dich gerade vom Schiff abgetrennt? Martinez kriegt einen Anfall.«

»Wir können noch nicht zurück.«

Ihre Schultern sackten nach unten, und ihre Miene drückte mehr Verwirrung als Ärger aus.

»Schau dich um«, forderte er sie auf. »Was siehst du?«

»Einen leeren Tunnel … und einen toten Alien.«

Die Atn waren eine Cyborg-Spezies und bestanden demzufolge nur zu einem Teil aus organischem Material; das war gemeinhin bekannt. Zwar hatte es noch nie jemand geschafft, den endgültigen Beweis zu erbringen, doch generell vertrat man die Auffassung, dass ihr Langzeitgedächtnis und sämtliche anderen in ihrem Gehirn gespeicherten Informationen von einem Individuum zum anderen weitergegeben werden konnten. Auf diese Weise entstanden Kreaturen, deren individuelle Identitäten sich unentwegt veränderten und umformten, indem sie die Erfahrungen ihrer Artgenossen in sich akkumulierten. Angenommen, fragte er sich, der Mos Hadroch wäre nichts weiter als eine Form von Information, sorgfältig verborgen in einer getarnten Schaltung im Inneren dessen, was bei dieser Kreatur als Gehirn gilt?

Ty schüttelte den Kopf und dachte fieberhaft nach. Nein, das konnte nicht sein. Denn wäre dies der Fall, hätten die anderen Atn die tatsächlichen Stack-Discs ebenfalls hier versteckt, anstatt sie in ihrem Lagerraum zu zerstören.

Er knurrte vor Ungeduld und setzte sich in die Hocke. »Der Fundort ist mit einem Kreuz markiert«, nuschelte er.

»Was?«

»Alles deutet auf diesen Ort hin!«, fauchte er, außerstande, seine Frustration zu vertuschen. »Die Berichte, in denen ich recherchiert habe, die Spiraltexte, die wir hier entdeckten, und selbst dieser Atn.«

Nancy sagte nichts; sie stand nur abwartend da, während er den Metallpanzer des Atn anstierte. Sie waren ziemlich unelegante Kreaturen, langsam, schwerfällig, von der Größe eines Kleinwagens. Er überlegte, wie viel Raum solch ein Wesen in seinem Kern enthielt; es passte massenhaft hinein.

Noch einmal bückte er sich, um den Atn mit akribischer Genauigkeit zu inspizieren. Mit dem Kopf stimmte etwas nicht, dessen war er sich sicher. Er legte beide Hände darunter und versuchte, ihn anzuheben. Es ging überraschend leicht, als bestünde der Kopf bloß aus einem leeren Gehäuse.

Er stand wieder auf. »Was immer es ist, es steckt da drin«, behauptete er mit jäher und schier überwältigender Gewissheit.

»Wie bitte?«

»Die zertrümmerten Discs, der durch eine künstliche Wand versperrte Gang … nichts davon ergibt einen Sinn, es sei denn, etwas von ungeheurer Bedeutung befindet sich in diesem Körper.«

Mit glänzenden Augen sah er Nancy an, die seinen Blick schweigend und mit verkniffener Miene erwiderte. Ihre Skepsis war offensichtlich. »Was macht dich so sicher?«

»Offen gestanden, so sicher bin ich mir gar nicht. Es gibt nur keinen anderen Ort, an dem etwas versteckt sein könnte. Seit der Tunnel versiegelt wurde, war niemand mehr hier. Also muss das, was immer die Atn für so wichtig erachteten, immer noch in diesem toten Körper stecken.«

»Die Zeit reicht nicht aus, um den Panzer aufzubrechen«, erwiderte Nancy resolut. »Dazu bräuchten wir Schneidewerkzeuge. Also heißt das, wir müssen den Atn auf die Mjollnir mitnehmen.«

Ty nickte. »Gib Martinez Bescheid, dass wir rauskommen.« Der Atn lag so da, dass sein Kopf in die Richtung des Hauptschachtes zeigte, und eine Seite des wuchtigen Körpers die Wand berührte. Sich zu entschließen, das Ding zu bewegen, war eine Sache, doch in der Praxis gestaltete sich dieses Vorhaben als äußerst schwierig. Ty kontaktierte Cesar und erklärte ihm, was er plante, während Nancy den Link zur Mjollnir wieder öffnete und Martinez’ wütende Befehle abblockte.

Ty blickte nach unten auf das Bild in seinem Visier, welches die Bewegungen des Schwarms wiedergab; er erkannte, dass sich einige Komponenten wesentlich schneller der Mjollnir näherten, als er erwartet hatte.

Nancy kappte die Verbindung und stand einfach nur da; sie wirkte angespannt und verärgert. »Wie viel Zeit hat Martinez uns gegeben?«, fragte er.

»Dreißig Minuten, mehr nicht. Sind wir bis dahin nicht an Bord, springen sie ohne uns.«

»Ich habe gerade mit Cesar gesprochen. Er hat eine Idee, die er ausprobieren möchte.«

»Schön. Derweil hängen wir das Ding an die Spinnen und hieven es in Windeseile hier heraus.«

Ein paar Spinnen waren mit einer Zusatzausrüstung ausgestattet, dazu gehörten ein Hochleistungs-Acetylenbrenner und mehrere Winden mit superstarken Kabeln. Während er mit Cesar in Sprechkontakt blieb, rollte Ty das Kabel von einer der Spinnen ab und befestigte das daran befindliche Karabinerschloss wie eine Schlinge um den Hals des toten Aliens. Nancy fixierte ein weiteres Kabel, und nach wenigen Minuten hatten sie den Körper mit drei separaten Trossen gesichert.

»Wir müssen alle auf Maximalzündung einstellen«, brummte Nancy, ihr Werk begutachtend. »Aber dann reicht der Treibstoff nur für dreißig Sekunden.«

»Wird das genügen?«

Sie dachte kurz nach. »Vielleicht. Ich meine, wir sollten sie auf zwei einzelne Zündungen einstellen, jede fünfzehn Sekunden lang.«

»Warum?«

»Falls sich das Ding nicht beim ersten Anlauf bewegt, oder irgendwas schiefläuft, haben wir immer noch eine zweite Chance. Und wenn es gleich beim ersten Mal klappt, bleibt uns noch ein bisschen Treibstoff übrig.« Sie blickte ihm fest in die Augen. »Doch damit kriegen wir das Ding nur in den Schacht hinaus, nicht bis an die Oberfläche oder in den Launcher.«

»Cesar hat den Launcher über den Schachtausgang manövriert. Außerdem hat er von einer Spinne eine Winde abmontiert, und bis wir unseren Freund hier erst einmal in den Hauptschacht bugsiert haben, hat er die Trosse vom Launcher heruntergelassen, und wir müssen das verdammte Ding nur noch mit der Winde an die Oberfläche ziehen.«

»Gute Idee«, gab sie zu, doch in ihrer Stimme schwang Zweifel mit. »Aber es könnte verflucht knapp werden, Nathan.«

»Es ist zu schaffen!«, beharrte er.

»Na ja, hoffentlich behältst du Recht.«

Die Spinnen waren bald in Position gebracht, alle in Richtung des Schachteingangs weisend, der fast hundert Meter entfernt lag, die Kabel fest um den Körper des Aliens gezurrt. Als Ty gemeinsam mit Nancy hinter dem Atn in Stellung ging, schaute er flüchtig zu ihr hinüber; ihre Lippen waren zu einem schmalen, harten Strich zusammengepresst, den Blick hielt sie starr auf das hintere Ende des Gangs geheftet.

»Fünfzehn Sekunden mit einer Anfangsverzögerung von drei Sekunden«, erinnerte er sie. »Bereit?«

»Von mir aus kann’s losgehen!«, knurrte sie.

Ty spannte sich an, die Knie leicht eingeknickt, die Sohlen seiner Stiefel fest gegen den abgewetzten Steinboden gepresst, dann initiierte er die erste Zündung.

Wenige Augenblicke später stießen die Schubdüsen der drei Spinnen gleichzeitig Stichflammen aus, und sofort verdunkelte sich Tys Visier. Als er sah, dass die Windenkabel sich strafften, stemmte er seine Schulter gegen die reglose Gestalt des Atn und schob mit aller Kraft. Fast rutschten seine Füße nach hinten weg, und er suchte rasch wieder einen sicheren Halt, wobei er sich fragte, ob er ein Narr gewesen war, als er glaubte, dieses Manöver könnte tatsächlich gelingen.

Just in dem Moment, als es bereits schien, die Zeit sei abgelaufen, begann der Atn nach vorn zu gleiten; zuerst langsam, dann immer schneller. Er schrammte über den Steinboden und prallte gegen die Wand vis-á-vis. Sie stolperten hinterher und versuchten, ihn so mit den Händen zu steuern, dass er den Wänden fernblieb.

Nachdem die programmierte Zündung der Spinnen vorbei war, bewegte sich der Atn, vom eigenen Schwung getragen, weiter nach vorn. Seine toten Gliedmaßen droschen ins Leere, während er vom Boden nach oben zur Decke driftete und sich dabei gemächlich drehte.

»Er darf sich nicht zu stark drehen!«, schrie Nancy. »Wenn er sich in den Kabeln verheddert, zieht er die Spinnen zu sich heran.«

Der Atn krachte gegen die Decke und verlor ein bisschen von seinem Schwung. Wenigstens, dachte Ty, hatten sie ihn in die korrekte Richtung gelenkt. Im Aufwärtstrudeln kratzte das Ding Staub und Steinsplitter von einer Wand.

»Okay«, keuchte Ty. »Jetzt die zweite Zündung.«

Er tippte auf die Kontrolltafel an seinem Ärmel und löste den zweiten Energiestoß aus. Die Spinnen schossen vorwärts zur Schachtmündung; die Kabel strafften sich abermals und zogen den leblosen Atn hinter sich her.

Die zweite Zündung schien eine Ewigkeit lang zu dauern.

Schließlich ging den Spinnen der Treibstoff aus und die Trosse hingen schlaff durch, während der Atn nach vorn rauschte, mit den drei Spinnen kollidierte und eine von ihnen zermalmte. Zerschmetterte Komponenten und zierliche Roboterarme flogen in alle Richtungen, doch der Atn schrappte weiter in die richtige Richtung. Nach ein paar Sekunden segelte der Alien schließlich in den Hauptschacht hinein, langsam kreiselnd und einen Hagel aus frischem Gesteinsschutt und Maschinenteilen hinter sich herziehend.

In der Nähe hatten sich einige Spinnen aufgehalten, und ihr einprogrammierter Selbsterhaltungsimpuls ließ sie flüchten wie Fische, die von einem Hai attackiert werden, als der Atn in die dem Schachteingang gegenüberliegende Wand donnerte. Mit einem Bruchteil seines ursprünglichen Tempos prallte er zurück, eingewickelt in Kabel, an denen die Spinnen noch befestigt waren.

Ty spähte den Schacht hinauf zum Ausgang und sah einen Kranz aus Sternen, der die klotzige Silhouette des schnellen Launchers einrahmte. Von dem Schiff hing eine Trosse herunter, deren Ende nur wenige Meter über ihren Köpfen baumelte.

Er grinste; Cesar hatte sich wirklich schwer ins Zeug gelegt. Ty stieß sich vom Boden ab, schwebte zu der Trosse hoch und packte sie.

Der Atn rotierte immer noch langsam, ungefähr in der Mitte des Schachts schwebend. Ty gelang es, sich lange genug an eines seiner Beine zu klammern, um das Kabel daran zu verankern. Er schwang sich auf den Atn hinauf, dann öffnete er eine Verbindung zu Cesar.

»Nathan«, kam die Antwort. »Wie läuft es da unten? Sind wir bereit zum Abflug?«

»Ja«, antwortete Ty. »Zieh das Ding hoch – jetzt!«

»Wird gemacht.« Die Trosse spannte sich, wodurch der Atn ein bisschen schneller zu kreisen begann und hin und her schaukelte wie ein riesiges, klotziges Pendel. Ty stieß sich mit den Füßen von dem Panzer des Aliens ab und landete gleich darauf an der Schachtwand.

Sowie seine behandschuhten Fingerspitzen mit der Wand in Berührung kamen, fühlte er, wie ein starkes Beben seinen Körper durchlief. Noch mehr Staub wälzte sich langsam aus dem Tunneleingang und auch aus den anderen Korridoren über und unter ihnen. Im nächsten Moment erlosch Cesars Icon. Er versuchte ihn zu rufen, erhielt jedoch keine Antwort.

»Irgendwas Großes muss den Asteroiden getroffen haben«, bemerkte Nancy mit einem Anflug von Panik in der Stimme. »Rauf auf die Oberfläche, Nathan, sofort!«

Ty verzichtete auf eine Entgegnung. Er rief eine Spinne zu sich und klammerte sich an die Haltegriffe, dann trug ihn die Maschine nach oben.

In die Höhe spähend fiel ihm auf, dass die Systeme des Launchers offenbar Mühe hatten, das Schiff über der Schachtöffnung zu halten. Was immer auf den Asteroiden geprallt war, die Wucht des Einschlags hatte genügt, um seine normalerweise kaum wahrnehmbare Rotation zu erhöhen, und der tote Atn, der im Schacht hin und her schwang, machte alles nur noch schlimmer. Plötzlich merkte er, dass eine der Treibstoffdüsen des Launchers nur noch sporadisch zündete.

»Cesar? Cesar, kannst du mich hören?«, brüllte Ty in sein Mikro, doch das Lebenserhaltungs-Icon des anderen Mannes blieb dunkel. Als Nächstes versuchte er, ein Ping an die Mjollnir zu schicken, und als keine Reaktion erfolgte, spürte er, wie ihm zwischen den Schulterblättern der kalte Schweiß ausbrach. Er stellte sich die bange Frage, was sie auf der Oberfläche des Asteroiden wohl erwarten würde.

Natürlich bestand die Möglichkeit, dass die Crew der Fregatte angegriffen wurde und viel zu beschäftigt war, um zu antworten. Genauso gut war es möglich, dass sie schon aus dem System herausgesprungen und ihr Außenteam zurückgelassen hatten. Das Allerschlimmste wäre jedoch, wenn das, was auf den Asteroiden geprallt war, zur Zerstörung der Fregatte geführt hätte.

Er schaute zu Nancy hinunter, die ebenfalls von einer Spinne nach oben getragen wurde, und überlegte, was er sagen konnte, um ihnen beiden Mut zu machen. Ihm fiel nichts ein.

»Nancy, falls Cesar was zugestoßen sein sollte – ich habe keine Ahnung, wie man den Launcher fliegt.«

»Das lass nur meine Sorge sein.«

Ty prüfte in seinem Visier die Lebenserhaltungsanzeigen. Sie beide hatten nur noch für ungefähr eine halbe Stunde Sauerstoff.

Endlich wurde der Atn in die hintere Frachtluke des Launchers gehievt, und als der Alien in die Ladebucht krachte, krängte das Schiff stark zur Seite. Im nächsten Moment setzten die Booster aus.

»Keine Angst«, erklärte Nancy hastig. »Ich habe gerade die Steuerung des Launchers übernommen.«

Ty ließ die Handgriffe der Spinne los und nutzte den gewonnenen Schwung aus, um zu den außen am Launcher angebrachten Leitersprossen zu gleiten.

»Setz dich vorne hin und schnall dich an«, brüllte Nancy ihm zu, die bereits von der anderen Seite in den Launcher kletterte. »Beeilung, Nathan!«

Der Launcher bot keinerlei Schutz vor dem Vakuum und war kaum mehr als eine gänzlich offene, computergesteuerte Raketenplattform mit zwei Paar auf den Bug montierten Sitzen. Im Heck ragten vier Primärdüsen diagonal aus der Ladebucht heraus, die den größten Raum dieses Miniaturschiffs einnahm. Als Ty sich auf seinen Sitz fallen ließ, blickte er hoch und spürte eine Welle der Erleichterung. Die Mjollnir befand sich immer noch dort, wo sie sein sollte.

Von irgendeiner Stelle gleich unterhalb der Krümmung des schmalen Asteroidenhorizonts stieg eine dicke Staubwolke auf. Ein Nebel aus Eis und Splitt bedeckte nun seine Oberfläche. Was immer mit ihm kollidiert war, musste enorm groß gewesen sein.

»Was ist mit Cesar?«, fragte er.

Nancy hatte sich bereits angeschnallt und hämmerte mit den Fingern auf die Steuerkonsole des Launchers ein. »Das weiß ich genauso wenig wie du.«

»Er hätte hier an den Kontrollen sein müssen.«

»Wir ließen einen Teil der Ausrüstung beim Camp zurück, vergiss das nicht. Ich kann mir nur vorstellen, dass er den Launcher auf Automatik gestellt hat und versuchen wollte, einen Teil der Sachen zu bergen.« Nancy starrte auf das Steuerpaneel. »Scheiße, eine der Antriebsdüsen ist ausgefallen. Ich muss sie abschalten und hoffen, dass ich mit den übrigen kompensieren kann. Und die anderen scheinen kurz vor dem Versagen zu stehen; also drück die Daumen und klammere dich an die Hoffnung, dass sie uns nicht in einen Feuerball verwandeln, bevor wir das Schiff erreichen.«

»Danke, dass du mich eingeweiht hast«, versetzte Ty trocken.

»Schnall dich einfach nur an und halte dich bereit. Das wird ein holperiger Flug.«

In diesem Moment gewahrte Ty eine Gestalt in einem Raumanzug, die, teils verdeckt durch die Wolken aus Steinen und Eis, dicht über der Oberfläche des Asteroiden driftete. Er brauchte ein Weilchen, bis er schockiert erkannte, dass Cesars Unterleib fehlte. Er machte Nancy darauf aufmerksam, die wild zu fluchen begann. »Er hätte bei dem verdammten Launcher bleiben müssen!«

»Ich glaube, er wurde von Gesteinsbrocken getroffen. Wir haben Glück, dass der Launcher nichts in der Art abgekriegt hat.«

»Ich will nur noch, dass wir von hier wegkommen, ehe wir genauso enden wie er.«

Etwas stieß aus dem Weltall herab, und der Asteroid wurde ein zweites Mal getroffen. Eine neue Säule aus grauem Staub und Eis spritzte von der Oberfläche hoch.

»Ich leite eine Schnellzündung ein«, verkündete Nancy mit einem hysterischen Unterton. Ty verrenkte sich auf seinem Sitz, um sie anzusehen, doch er blickte nur auf die Seite ihres Helms. Auf einmal fand er es sehr wichtig, ihr ins Gesicht schauen zu können. »Danach drossele ich für dreißig Sekunden das Tempo«, fügte sie hinzu. »Kapiert?«

»Kapiert.«

Wenn ich der Schwarm wäre, dachte er, würde ich irgendwo Felsbrocken einsammeln und sie bis fast auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigen. Es bedurfte lediglich einer simplen Railgun-Technologie; die Gesteinstrümmer mussten nicht einmal besonders groß sein, um eine Menge Schaden anzurichten, wenn sie erst einmal relativistische Geschwindigkeiten erreicht hatten.

»Drei, zwei, eins«, zählte Nancy laut, und eine Sekunde später spürte Ty, wie sein Herz und seine Lungen gegen sein Rückgrat gepresst wurden, während eine anscheinend ungeheure Kraft seinen Kopf in den Sitz zurückdrückte. Die Asteroidenoberfläche verschwand aus seinem peripheren Gesichtskreis, als der Launcher von ihr davondüste.

Dreißig Sekunden. Nancy drückte auf einen zweiten Knopf und stoppte die Zündung. Der gewaltige Druck wich von Tys Körper, und sie befanden sich wieder in Schwerelosigkeit. Er drehte sich um und sah, dass der Asteroid bereits in der Ferne zusammenschrumpfte. Vor seinen Augen gab es einen dritten Einschlag, der ihn in Stücke spaltete, als würde man mit einem Hammer auf einen Klumpen getrockneten Ton eindreschen.

»Jesus und Buddha«, fluchte Nancy und klang, als würde sie vor Erleichterung am liebsten weinen. »Sie können uns wieder hören! Ich habe einen Kanal zur Mjollnir geöffnet, Nathan. Ich glaube, wir schaffen es!«

»Sind sie bereit, aus dem System herauszuspringen?«

»Das will ich doch sehr hoffen, verdammt nochmal! Sie stehen unter Beschuss, aber bis jetzt haben sie noch keinen direkten Treffer abgekriegt. Umkehrschub in zehn Sekunden, also mach dich drauf gefasst.«

Ty umklammerte seine Armstützen, als der Launcher in einem langsamen, eleganten Bogen herumschwenkte, bis er mit der Nase in die Richtung wies, aus der sie gekommen waren. Keine direkten Treffer. Er starrte auf die sich ausdehnende Trümmerwolke, in die der Asteroid sich verwandelt hatte. Hätte ein ähnlich wirkungsvolles Geschoss die Mjollnir getroffen, wäre von ihr nichts mehr übrig geblieben.

»Los geht’s!«, kündigte Nancy an. »Drei … zwei … eins!«

Der Launcher war nicht auf Bequemlichkeit ausgelegt. Als die Raketen eine halbe Minute später aussetzten, wandte sich Ty um und sah, wie die schmutzig graue und schwarze Außenhülle des Sternenschiffs der Freistaatler sich rasant vor ihnen aufblähte. Er bemerkte auch einen schwachen blauen Schimmer rings um die Antriebsdorne der Fregatte. Weitere minimale Zündungen bremsten den Launcher noch stärker ab, und bald wurden sie von dem klaffenden Schlund einer im Bug gelegenen Landebucht verschluckt.

Über ihren Köpfen glitten die Tore der Bucht zu, aus dem Deck reckten sich Greifarme hoch, koppelten sich an den Launcher an und zogen ihn hinunter in ein Hängegerüst. Ty begann seine Gurte zu lösen.

Ein dunkles, brummendes Geräusch stammte von einem schnell in die Bucht einströmenden Luftschwall, aber Ty wartete ab, bis sein Anzug ihm das entsprechende Signal gab, ehe er den Helm abnahm, tief einatmete und den Gestank von verschweißtem Metall und menschlichen Ausdünstungen schmeckte. In diesem Augenblick wollte er nur noch aus seinem Anzug herauskommen. Als er sich von dem Launcher abstieß und nach einem Haltegriff an der Buchtwand hangelte, blickte er zu Nancy hinüber; sie hatte ebenfalls ihren Helm abgesetzt, und ihr Gesicht war schweißüberströmt.

»Das mit Cesar tut mir leid«, war alles, was er hervorwürgen konnte.

Sie zuckte die Achseln und starrte in die Bucht hinein. »Ohne ihn hätten wir das Ding niemals in den Launcher gekriegt.« Dann sah sie ihm in die Augen. »Aber wenn dieser tote Alien nicht so wertvoll ist, wie du anscheinend glaubst, ist er für nichts und wieder nichts gestorben. Kannst du mit diesem Gedanken leben?«

Er hielt ihrem Blick stand. »Was immer der Schwarm sucht, es befindet sich im Körper dieses Atn«, betonte er. »Das schwöre ich dir.«