Kapitel Acht
Eine holographische Simulation der Milchstraße füllte die flache Kuppel des Konferenzzimmers, als Corso sich zur Einsatzbesprechung einfand. Die Darstellung war so gekippt, dass der ausgefaserte Schweif eines Spiralarms nur wenige Meter über dem Boden schwebte. Die Luft in dem Raum empfand er als angenehm kühl, denn für sein Wohlbefinden war die Atmosphäre, die sonst überall in der Orbitalstation der Bandati herrschte, viel zu warm und feucht. Er war soeben erst an Bord eines Transportschiffs mit Namen Kilminster in Ocean’s Deep eingetroffen, zusammen mit über hundert frisch rekrutierten technischen Spezialisten, die nach Tierra unterwegs waren, um dort in der Forschungsbasis zu arbeiten.
Aus dem Dämmerlicht trat Lamoureaux auf ihn zu. »Senator.«
Corso nickte und ließ sich auf einen der zwanzig Stühle fallen, die entlang der Peripherie des Raums aufgereiht standen, so dass man in dessen Mitte blicken konnte. »Ich bin gerade erst angekommen. Ihren Bericht über Whitecloud habe ich erhalten. Wo steckt er jetzt?«
»Immer noch in der Nabe, an Bord eines Schiffs. Ray und Leo dachten beide, es sei sicherer, ihn dortzulassen.«
Corso nickte müde und betrachtete die glitzernde Sternsimulation. »Dem stimme ich zu. Können wir gleich anfangen?«
Lamoureaux bejahte und rückte näher an das Zentrum des Raumes heran. »An dieser Stelle sind wir«, sagte er und drehte sich ein wenig herum, um die Simulation im Blickfeld zu haben.
Ein kleiner Lichtball, der das Konsortium darstellte, fing tief im Inneren des Orion-Spiralarms an zu blinken. In der ihn umgebenden Sternlandschaft war er leicht zu übersehen.
»Ich kann immer noch nicht fassen, wie winzig das aussieht«, murmelte Corso.
»Es ist ja auch winzig«, bestätigte Lamoureaux, »gemessen an galaktischen Maßstäben. Und vergessen Sie nicht, dass sich einiges von dem, was ich Ihnen jetzt zeige, lediglich auf Vermutungen und Schätzungen stützt.«
»In Ordnung.«
Ein halbes Dutzend gelber Punkte, deren Helligkeit oszillierte, um sie im Sternfeld kenntlich zu machen, tauchte an verschiedenen Stellen im Orionarm und dahinter auf. Linien, die Flugbahnen veranschaulichten, verbanden jeden dieser flimmernden Punkte mit dem Lichtball, der das Konsortium anzeigen sollte.
»Die gelben Punkte geben die am weitesten entfernten Orte an, die unsere Testsonden erreichten«, erklärte Lamoureaux.
»Ich dachte, wir hätten viel mehr Sonden losgeschickt.« Corso runzelte die Stirn.
»So war es auch. Zu einigen verloren wir den Kontakt, hauptsächlich zu denen, die in die Richtung der Emissäre flogen. Vielleicht wurden sie abgefangen oder zerstört, doch vor ihrem Verschwinden übermittelten sie uns nützliche Daten.«
Corso gab einen grunzenden Laut von sich. »Und was wurde aus den Schiffen der Weisen, die Erkundungsflüge durchführen sollten?«
»Es gab ein paar Verluste, aber andere sind unterwegs und versuchen, den Verlauf des Krieges zu ermitteln. Auf die Sonden können wir leichter verzichten, und wir haben es immerhin geschafft, ziemlich viele der von den Shoal betriebenen Tach-Net Transceiver-Relais zu orten. Die Relais übermitteln Nachrichten im Territorium der Shoal, und die Stärke ihrer Signale bleibt immer konstant. Infolgedessen konnten wir Form und Größe des von den Relais abgedeckten Gebietes annähernd bestimmen.«
Corso beobachtete, wie sich eine ungefähr eiförmige Sektion der Milchstraße, die einen großen Teil des Orionarms umfasste und sich in Richtung des Zentrums ausbreitete, eine einheitlich magentarote Farbe annahm.
»Und das ist die Hegemonie?«, fragte er, wobei es ihm nicht ganz gelang, seine Stimme unter Kontrolle zu halten. Ein aus Licht geschaffenes Imperium, dachte er bei sich.
»Das nehmen wir jedenfalls an.« Lamoureaux streifte Corso mit einem Blick und schmunzelte, als er dessen Mienenspiel sah. »Wie ich schon sagte, ist manches davon spekulativ, trotzdem haben wir es mit einem Bereich zu tun, der eine Ausdehnung bis zu mehreren tausend Lichtjahren erreicht.«
»Das ist erstaunlich, und dennoch ist es nicht das galaxieumspannende Imperium, wie sie uns gegenüber immer behaupteten.«
Lamoureaux nickte. »Nicht annähernd, aber nichtsdestoweniger beeindruckend.«
»Und die Emissäre?«
»Mit denen befassen wir uns jetzt.«
Eine andere Region des Weltalls, die unmittelbar an den Machtbereich der Hegemonie grenzte, änderte nun ihre Farbe. Sie reichte bis an den Rand der Galaxis und war ungefähr halb so groß wie das Gebiet der Hegemonie.
»Wie Sie sehen, setzt der äußere Rand der Galaxis ihren Expansionsbestrebungen eine klare Grenze«, erläuterte Lamoureaux. »Wenn sie sich nicht an die Halo-Sterne halten wollen, müssen sie das Territorium der Shoal durchqueren, um in die anderen Bereiche der Milchstraße zu gelangen.«
In der Simulation erschien ein lichtdurchlässiger blauer Streifen; er lag zwischen den beiden Imperien und endete am Außenrand des Orionarms.
Corso wusste, dass er den Schauplatz des Langen Krieges darstellte.
»Wir vermuten, dass der Konflikt mit den Shoal die Emissäre gezwungen hat, seitwärts zu expandieren, die äußeren Spiralarme hoch und hinunter«, fuhr Lamoureaux fort. »Doch seit der Krieg durch die Anwendung von Waffen der Nova-Klasse eskaliert, drängen sie die Flotten der Shoal offensichtlich zurück, in unsere Richtung und tiefer in den Orionarm hinein.«
»Wie lange wird es noch dauern, bis wir konkret von den Kampfhandlungen betroffen sind?«
»Den jüngsten Analysen zufolge dürfte es bald so weit sein. Uns bleiben vielleicht nicht einmal mehr sechs Monate, bis sie in Massen hier eintreffen. Die meisten der strategischen Analytiker, mit denen ich gesprochen habe, glauben, dass die Shoal sich auf einen massiven Rückzug vorbereiten, um ältere, besser verteidigte Systeme näher im Kerngebiet ihres Territoriums zu unterstützen. Auf diese Weise opfern sie nicht nur uns, sondern auch noch eine Menge ihrer anderen Klienten-Spezies, haben selbst aber eine viel bessere Chance, den Krieg zu überstehen. Je nachdem, wie die Dinge sich dann entwickeln, überdauert die Hegemonie mit einer nach wie vor intakten Kultur, oder, was wahrscheinlicher ist, sie erwirkt irgendeine Art von Frieden.«
Corso schüttelte den Kopf und fluchte leise vor sich hin. Ein Spannungsgefühl unter seinem Schädeldach kündigte eine sich anbahnende Migräne an. »Und wo exakt befand sich Dakota, als wir das letzte Mal von ihr hörten?« Ihre verworrene Warnung war ihm vor knapp vierundzwanzig Stunden übermittelt worden, als er sich an Bord der Kilminster aufhielt.
»Hier drüben«, kam die Antwort. Ein weiterer grell gefärbter Punkt leuchtete weit hinten am Bogen der Galaxis auf, zwischen drei und dreieinhalb Kiloparsec – also knapp über siebzehntausend Lichtjahre – von Ocean’s Deep entfernt. Die Simulation der Galaxis vollführte eine schnelle Drehung, bis das Icon, welches Dakotas letzten bekannten Aufenthaltsort wiedergab, direkt über ihren Köpfen schwebte, während das Konsortium sich nun unterhalb der Zimmerdecke verlagerte.
»Wie Sie sehen, hat sie sich sehr, sehr weit entfernt«, kommentierte Lamoureaux.
»Zeigen Sie mir die Koordinaten, die Whitecloud ausgegraben hat. Ziehen Sie eine Linie von hier nach dort.«
Lamoureaux nickte, und eine einzelne helle Linie reichte vom Konsortium bis in eine von Sternen spärlich durchsetzte Region; die Distanz betrug kaum mehr als eintausend Lichtjahre.
Corso stieß einen Seufzer aus, stand auf, stellte sich unter die Simulation und blickte nach oben. »Also gut«, sagte er und rieb sich mit beiden Händen das Gesicht, als könne er seine Müdigkeit wegmassieren. »Welche Schiffe sind abflugbereit, damit wir zu Whiteclouds Koordinaten reisen und nachsehen können, was es dort tatsächlich gibt?«
»Hier in Ocean’s Deep liegen fünf Sternenschiffe der Weisen, aber die einzigen Navigatoren, die auf Abruf zur Verfügung stehen, gehören alle zur Legislatur. Das bedeutet, ich kann nicht garantieren, dass sie keine Informationen an die Sicherheitsdienste der Legislatur weitergeben.«
»Das darf doch nicht wahr sein!«, schnauzte Corso. »Was zum Teufel ist mit unseren eigenen Leuten passiert?«
»Sie sind entweder unterwegs auf Hilfsmissionen, oder sie leiden an einem nervlichen Burn-out. So wie sich die Dinge entwickeln, müssen wir mehr unserer eigenen Schiffe mit Tranluminal-Antrieben ausstatten, als wir dachten. Und was die aktuelle Situation betrifft …« Lamoureaux unterbrach sich.
»Was ist? Sprechen Sie weiter«, blaffte Corso.
»Selbst wenn ein Schiff der Weisen zur Verfügung stünde, müsste es ein Raumschiff in Schlepp nehmen, das genügend Platz für eine Expeditionsmannschaft bietet. So große Schiffe gibt es hier aber nicht, bis auf die Mjollnir, und die verfügt bereits über einen Transluminal-Antrieb. Aber wie Sie wissen, wird sie gerade startklar gemacht für eine Hilfsoperation nach Ascension.«
»Ach, wirklich?«, Corso dachte einen Moment lang fieberhaft nach. »Zeigen Sie mir das Schiff, Ted.«
Lamoureaux befolgte die Anweisung; die Galaxis wurde ausgeblendet und durch eine Abbildung der Mjollnir, ersetzt, eine Fregatte der Kolonieklasse, die den Freistaatlern gehörte. Vom Äußeren und von der Konstruktion her glich sie ihren Schwesterschiffen Agartha und Hyperion, die beide schon vor geraumer Zeit innerhalb des Nova-Arctis-Systems zerstört worden waren. Außerdem war sie eines der wenigen existierenden Schiffe, das über die Kapazität verfügte, einen beträchtlichen Teil der in Ascension gefangenen Bevölkerung in Sicherheit zu bringen; für exakt diese Aufgabe wurde sie derzeit in Ocean’s Deep vorbereitet. Ihr erster überlichtschneller Flug hatte sie von Redstone hierher geführt, wo sie zum Zwecke dieser Evakuierungsmaßnahme umgerüstet wurde.
»Die Mjollnir wäre also geeignet?«, sinnierte Corso, zu dem schwebenden Bild hochstarrend. »Wann könnte sie abfliegen?«
»Sofort«, erwiderte Lamoureaux. »Senator … Sie müssen sich zumindest die Genehmigung des Zentralen Handelsrats des Konsortiums und auch das Okay des Freistaatler-Senats einholen. Aber ich kann Ihnen jetzt schon versichern, dass wir bei beiden Institutionen abblitzen werden. Wenn Sie glauben, dass zurzeit die Dinge für uns nicht zum Besten stehen, dann darf ich gar nicht daran denken, was passiert, wenn wir die Mjollnir einfach requirieren.«
»Scheiß auf den ZHK!«, fluchte Corso. »Und zur Hölle mit dem Senat! Ich brauche niemandes Erlaubnis, um dieses Schiff zu beschlagnahmen.«
Lamoureaux schaute skeptisch drein. »Wie kommen Sie darauf?«
»Es gibt bestimmte Klauseln für den Fall, dass eine Notsituation eintritt, die promptes Handeln erforderlich macht. Suchen Sie sie. Ich glaube, dass eine Notsituation gegeben ist, wenn es darum geht, vor Dakotas Schwarm bei diesem Mos Hadroch einzutreffen, vorausgesetzt, dass der tatsächlich zu diesem ominösen Ding unterwegs ist.«
»Wenn Sie das durchziehen, bricht es der Friedensbehörde das Genick«, warnte Lamoureaux.
»Das lassen Sie mal meine Sorge sein. Wann könnten wir mit der Mjollnir die Koordinaten erreichen?«
Lamoureaux gab einen resignierten Laut von sich. »Ungefähr zwei Wochen dauert der Hinflug. Und noch einmal so lange brauchen wir für den Heimweg.«
Wie vom Donner gerührt starrte Corso ihn an. »So schnell geht das? Dakota benötigte rund zwei Jahre, um siebzehntausend Lichtjahre zu überbrücken!«
Lamoureaux zuckte die Achseln. »Sie flog nicht in einer geraden Linie, Senator, weil sie erst einmal die Spur des Schöpfers ausfindig machen musste. Die Schiffe der Weisen versorgten uns mit Daten, die uns geholfen haben, die Leistung und die Reichweite der Antriebe zu steigern, die aus dem Tierra-Technologiehort stammen.«
»Ich denke, wir haben gar keine andere Wahl. Wer hat das Kommando über die Mjollnir?«
»Eduard Martinez.«
Corso kannte den Mann. »Ich bin ihm schon begegnet. Gut, das macht vieles einfacher.« Martinez vertrat in der Politik der Freistaatler einen ziemlich progressiven Standpunkt, und das hieß, dass Corso ihm das Kommando nicht entziehen musste.
»Und was wird aus der Hilfsoperation, die für Ascension geplant ist?«, hielt Lamoureaux ihm entgegen. »In zwei Tagen sollte die Mjollnir dorthin fliegen. Wie wollen Sie dieses Problem mit der Legislatur klären?«
»Kurzfristig entsteht ein Schaden, aber auf lange Sicht können wir nur gewinnen«, erwiderte Corso.
Lamoureaux maß ihn mit einem eigentümlichen Blick, und Corso merkte, wie kaltschnäuzig er sich anhören musste. »Wenn wir ein paar Menschen aus Ascension herausholen, anstatt unverzüglich zu diesen Koordinaten aufzubrechen, verspielen wir vielleicht die Chance, uns alle vor den Emissären zu retten«, erläuterte er. »Falls die Legislatur nicht in der Lage ist, so weitsichtig zu planen, muss ich halt für diese Leute mitdenken. Kontakten Sie Martinez; und wenn Sie schon mal dabei sind, stellen Sie eine sichere, Eins-zu-Eins-Tach-Net-Verbindung zu Akiyama im Repräsentantenbüro her, die Sie dann in mein Quartier weiterleiten. Kennzeichnen Sie sie als dringend und von höchster Priorität.«
»Senator, bei allem gebührenden Respekt, glauben sie im Ernst, dass wir damit durchkommen?«
Corso drehte sich zu Lamoureaux um, während er bereits auf die Tür zusteuerte. »Hoffen Sie, dass es klappt, Ted. Denn falls wir scheitern, sind wir erledigt.«