XXIV

„List! Bitte nicht! Habt Mitleid!“

Johann erwachte, riss die Augen weit auf. Sein Herz pochte, trotz der Kälte in der Schlafkammer war er schweißgebadet.

Wieder der Alptraum. Wieder die verhasste Stimme. Wann würde sie je verstummen?

Wenn du für deine Schuld bezahlt hast.

Johann rieb sich die müden Augen. Seine Kehle war wie ausgedörrt, er ging zum Tisch unter dem kleinen Fenster, auf dem ein Wasserkrug stand. Albin schlief unterdessen unbeirrt weiter.

Johann hob den Krug und nahm einige Schlucke des eiskalten Quellwassers. Es erfrischte ihn, und er fühlte sich etwas besser. Er stellte den Krug unter dem Fenster ab, das völlig von Eisblumen bedeckt war, dann schabte er mit den Fingern einen kleinen Fleck vom Glas und blickte hinaus.

Das Dorf lag vor ihm, tief verschneit, die Nacht war sternenklar, der Schnee glitzerte unter dem Mondlicht. Am Ende des Dorfes hob sich die Kirche gegen den Himmel ab.

Ein friedlicher Anblick. Wenn man nicht um die Geschichte des Dorfes wusste, das seine Geheimnisse wie unter meterhohem Schnee verbarg.

Als Johann an die Geschichte der Ausgestoßenen dachte, die ihnen der Großvater erzählt hatte, fröstelte ihn. Wie schmerzhaft es war, nicht bei Vater und Mutter aufwachsen zu können, hatte er am eigenen Leib erfahren, doch war er immerhin zeitlebens gesund gewesen. Aber wie die Tiere in den Wäldern zu leben und das Licht zu scheuen – das musste über die Zeit die Seele so finster werden lassen wie die dunklen Abgründe, in denen man zu hausen gezwungen war.

Wenn es stimmte, dass der Herr die am härtesten prüfte, die er am meisten liebte, dann bliebe den Ausgestoßenen das Purgatorium mit Sicherheit erspart, und sie würden sofort ins Himmelreich auffahren.

Johann fuhr sich durch die zerzausten Haare. Purgatorium, Himmelsreich – wieder so eine Mär, die Leidenden Trost spenden sollte.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Johann gähnte und wollte sich gerade wieder abwenden, als er eine Bewegung bei der Kirche wahrnahm. Er blickte genauer hin, aber er hatte sich nicht getäuscht: die Kirchentür hatte sich geöffnet, und eine Gestalt schlich aus der Kirche.

Es war Kajetan Bichter, der Pfarrer.

Bichter sah sich um, dann hastete er über den Friedhof. In ihre Richtung.

Johann zog sich an, schlüpfte in seinen Ledermantel und verließ die Kammer.

Die Nacht war klirrend kalt, als Johann den Friedhof querte und den Fußspuren des Pfarrers folgte. Gott sei Dank war der Mond fast voll, in seinem hellblauen Licht war die Spur mühelos auszumachen.

Johann bemühte sich, leise zu gehen, denn die Nacht war totenstill, und jedes Geräusch war auf weite Entfernung hörbar. Er überquerte eben eine leichte Hügelkuppe, als er ihn plötzlich sah – Kajetan Bichter war höchstens hundert Schritte vor ihm und stapfte die steile, offene Wiese hinauf, die in den Wald mündete.

Plötzlich blieb der Pfarrer stehen.

Johann erstarrte.

Langsam drehte sich Bichter um. Johann ließ sich blitzschnell in den Schnee fallen. Er versank in der weichen, kalten Masse, wusste, dass Bichter etwas gehört haben musste. Sein Herz schlug rasend schnell.

Dann hörte er wieder Schritte.

Gut. Der Pfarrer hatte offenbar keinen Verdacht geschöpft.

Johann sah vorsichtig auf. Bichter verließ die Wiese und verschwand im Wald. Johann wartete noch einen Moment, dann stand er auf, klopfte sich, so gut es ging, den Schnee ab und folgte dem Pfarrer in die Dunkelheit des Waldes hinein.

Der nächtliche Wald umfing Johann mit der gleichen Stimmung wie damals, nachdem er und Albin die Kuh gefunden hatten. Johann konnte nicht genau beschreiben, was es war, er konnte es nur fühlen: eine Bedrohung, die von dem verwachsenen Unterholz und den irgendwie zu dicht beieinander stehenden Bäumen ausging.

Eine Bedrohung, die durch die Nacht noch vervielfacht wurde und so allumfassend war, dass Johann das Atmen schwer fiel. Wenn er es nicht besser wüsste, hätte er geschworen, dass der ganze Wald –

Johann stolperte und konnte sich gerade noch an einem der Bäume abstützen. Die Rinde war gefroren und rau, sie fühlte sich fremd an. Reflexartig zog Johann die Hand wieder weg, dabei ritzte die Rinde seine Handfläche.

Winzige Blutstropfen fielen auf den Schnee.

Johann starrte das Blut an, das im Mondlicht pechschwarz war, sah, wie es im Schnee verschwand, als ob es aufgesogen würde.

Pechschwarz, so wie das ihre.

Dann sah er auf. Blickte auf die Bäume, die sich ihm mit ihren gefrorenen Ästen entgegenzustrecken schienen, wie um ihn –

Bleib bei Sinnen! Konzentrier dich auf dein Ziel!

Und das Ziel stapfte unaufhörlich weiter durch das ansteigende Unterholz hinauf, kaum noch erkennbar. Johann nahm eine Handvoll Schnee und rieb sich das Gesicht, um alle irreführenden Gedanken loszuwerden. Der Schnee brannte wie kaltes Feuer auf seiner Haut, aber es half – er konnte wieder klar denken.

Konzentrier dich auf dein Ziel!

Johann atmete tief durch, dann folgte er den Spuren weiter den Wald hinauf. Mit jedem Schritt gewann er mehr von seiner Sicherheit zurück. Er ging schneller, hielt aber immer Deckung hinter den Bäumen, die jetzt nur mehr Bäume waren und keine Gestalten eines Nachtmahrs.

Trotzdem achtete er sorgsam darauf, sie nicht zu berühren.

Nach einer Weile wurde der Wald lichter, und Johann konnte in einiger Entfernung wieder die Gestalt von Kajetan Bichter ausmachen. Johann huschte von Baum zu Baum und achtete darauf, den Abstand nicht zu verringern.

Dann tat sich vor ihm eine Lichtung auf, Johann blieb gebannt stehen.

Mitten auf der Lichtung ragte eine Ruine wuchtig in den Himmel. Zwischen den Schneemassen zeichneten sich geschwärzte Mauern ab, die die Größe des ursprünglichen Baus nur erahnen ließen. In der Mitte erhob sich ein halb eingestürzter Turm in die Höhe. Johann nahm an, dass dies die Überreste der alten Burg sein mussten, in der einst die Mönche die Kinder aus dem Dorf aufgenommen hatten.

Es war ein überwältigender Anblick: die verschneite Ruine im kalten Mondlicht, mitten in diesen Wäldern, und dahinter die hohen Gebirgsketten …

Überwältigend und furchteinflößend.

Johann ging hinter einem Baum in Deckung. Er sah, dass der Pfarrer zielsicher auf eine der Mauern zuschritt und dann hinter einem Schneehaufen verschwand.

Johann wartete eine Weile. Bichter erschien nicht wieder.

Vorsichtig verließ Johann seine Deckung und ging zu dem Schneehaufen, immer auf der Hut vor einem Hinterhalt. Aber hinter dem Schneehaufen war nur eine Öffnung im Boden. Johann sah abgetretene Steinstufen, die in die Tiefe führten.

Er zögerte, dann stieg er langsam in die Dunkelheit hinab.