II

Johann erwachte zitternd. Es war eisig kalt, sein Atem schien in der Luft zu gefrieren. Die Reisigzweige hatten dem ersten Nachtfrost in diesem Jahr nichts entgegensetzen können, die Kälte war Johann tief ins Gebein gekrochen, seine Kleidung war feucht und klebte auf der Haut.

Noch leicht benommen versuchte Johann sich zu orientieren, blickte um sich, konnte aber nichts erkennen. Erst als er sich den Schlaf endgültig aus den Augen gerieben hatte, sah er warum: Dichter Nebel war aufgekommen und ließ ihn nur wenige Meter weit blicken.

Der Winter stand vor der Tür.

Das hieß, Johann durfte keine Zeit verlieren. Er streckte sich vorsichtig, dann begutachtete er seine Wunde: Der notdürftige Verband hatte sich mit Blut vollgesogen und klebte an der verkrusteten Wundöffnung. Vorsichtig tippte Johann auf die Stelle. Ein leichter, aber ziehender Schmerz strahlte von der Wunde aus und verkündete eine beginnende Entzündung.

Wundbrand.

Wahrscheinlich war ein Splitter stecken geblieben. Johann wusste, was das für ihn bedeutete: Er musste den Eiterherd so schnell wie möglich entfernen, sonst würde eine Blutvergiftung sein Schicksal besiegeln. Das alte Lied: Es starben mehr Soldaten im Nachhinein an den Verletzungen der Schlacht als auf dem Schlachtfeld selbst.

Johann raffte sich auf, ging ein paar Schritte – und schwankte. Sein ganzer Körper, sogar sein Gesicht fühlte sich geschwollen an, die Muskeln schmerzten. Vorsichtig bückte er sich, griff sein Bündel und versuchte sich dann aufs Neue zu orientieren.

Die Sonne wurde vollständig vom diffusen Nebel absorbiert. Johann versuchte die moosbewachsene Nordseite der Bäume zu erkennen, allerdings waren die Bäume hier allesamt von Moos vollständig ummantelt, als hätten sie sich ein weiches Kleid für den Winter umgelegt.

Johann schloss die Augen und versuchte nachzudenken. Der gestrige Weg blitzte auf, der Pfad, auf dem er zur Gaststätte des Bauern gekommen war, Erinnerungen, die ihn weiter weg trugen, seinem Ausgangpunkt entgegen, an dem das begann, was –

Johann riss die Augen wieder auf. Er musste weiter. Sein Instinkt würde ihm den Weg weisen, er hatte Johann noch nie im Stich gelassen.

Nie? Bist du dir sicher?

Entschlossen ging Johann los, auf der Suche nach einer Unterkunft, in der er sich ausrasten und seine Wunde heilen lassen könne.

Wenn man allein unterwegs war, verging die Zeit scheinbar langsamer, das wusste Johann nur zu gut. Vielleicht deshalb, weil man sich in den eigenen Gedanken verlieren konnte – oft mehr, als für einen gut war. Doch jetzt, mit seiner Verwundung, schien sich die Zeit für Johann endlos zu dehnen, jeder Schritt wurde zur Stunde, jede Meile zur Ewigkeit.

Vielleicht war es ein Fehler gewesen, das zu verlassen, was er –

Ein Knacksen riss Johann aus seinen Gedanken. Er erstarrte, blickte dann langsam zurück.

Nichts.

Es war höchst unwahrscheinlich, dass ihn der Bauer verfolgte, aber vielleicht ein Tier? Ein Wolf? Johann ging vorsichtig weiter, immer wieder zurückblickend, und – machte einen Schritt ins Leere. Unfähig, sich festzuhalten, stürzte er einen laubbedeckten Abhang hinunter, bis er hart am Boden aufschlug.

Johann blieb still liegen. Sein Herz raste, sein Atem ging unregelmäßig, er zitterte am ganzen Körper.

Dann holte er tief Luft, zwang sich gewaltsam zur Ruhe.

Atme. Konzentrier dich nur aufs Atmen.

Nach kurzer Zeit hatte Johann sich wieder unter Kontrolle. Er blickte sich um: Er lag in einer riesigen Grube, die gut drei Klafter im Durchmesser hatte. Der Boden war mit Laub bedeckt, über der Grube bildeten wabernde Nebelschwaden eine weiche Decke. Johann sah, dass der Aufstieg zwar mühsam, aber zu bewältigen sein würde, und –

Dann roch er ihn.

Den süßlichen Gestank, den er nur zu gut kannte. Wem er einmal in die Nase gestiegen war, der vergaß ihn niemals – den Geruch nach Verwesung …

„Offensivparfum“ hatten ihn seine Kameraden zynisch genannt.

Johann holte tief Luft, dann strich er das Laub beiseite. Nach wenigen Augenblicken hielt er inne.

Augen starrten ihn aus verrottenden Blättern an, gebrochen und starr.

Johann entfernte weiteres Laub, dann lagen sie vor ihm – Leichen, manche bereits völlig verwest. Er fragte sich, was hier vorgefallen war und woher die Toten kamen, denn es gab weit und breit kein Dorf.

Johann bemerkte, dass bei manchen der Leichen Schuhe und Kleidung fehlten. Er hatte in seinem Leben viel gesehen, aber dieser Anblick schnitt ihm ins Herz: der einsame Wald, die Totengrube, die nackten Körper – es wirkte, als hätte jemand die Leichname achtlos weggeworfen und wie Unrat entsorgt.

Eine Leiche lag auf dem Bauch vor ihm, die Joppe in Fetzen, auf dem Rücken waren drei tiefe Einstiche zu erkennen. Nicht so breit wie von einem Messer, eher von einer Lanze.

Oder von einer Heugabel.

Die Erkenntnis traf ihn wie ein Steinschlag. Er war an seinem Bestimmungsort angelangt – zumindest, wenn es nach dem Bauern von gestern Nacht ging. Johann war offensichtlich nicht sein erstes Opfer gewesen, nicht der Einzige, den er bestehlen und dann beseitigen wollte. Die armen Teufel hier in der Grube würden das bezeugen. Johann ärgerte sich jetzt, dass er mit diesem Schwein nicht sofort kurzen Prozess gemacht hatte.

Er stand auf und konnte mindestens sieben – nein, neun – Tote ausmachen: Weiter hinten ragten noch der Kopf einer Frau und die Hand eines Kindes aus dem Laub.

Dieser Hundesohn!

Johann bekreuzigte sich und wollte eben nach oben klettern, als ihm ein großes Stück Leder auffiel, das den Leichnam neben ihm bedeckte. Er zog daran, ein hervorragend gearbeiteter, wenn auch schon ein wenig abgegriffener Ledermantel kam zum Vorschein. Es war ein weit besserer Schutz gegen die Kälte als seine eigene Bekleidung, und der Tote würde es ihm wohl nicht neiden. Ohne zu zögern zog sich Johann den schweren Mantel über und schnürte ihn zu. Dann kletterte er mühsam den steilen Abhang nach oben, jede Wurzel als Halt nutzend.

Außer Atem erreichte er den Rand der Grube und zog sich heraus. Er stand auf, blickte noch einmal in das feuchte Grab zurück und bekreuzigte sich erneut.

Dann setzte er seinen Weg fort.