XVIII
Alle fuhren herum, starrten in den Wald. Dann sahen sie die Raben, die aus den Bäumen in den Himmel stießen, einen Halbkreis über die Lichtung flogen und krächzend verschwanden.
„Verdammte Viecher …“, stieß Josias hervor, aber er wirkte erleichtert. Auch die anderen atmeten auf.
Johann blickte Ignaz fest an. „Wer kommt in den kältesten Wintern, Ignaz?“
Heilige Mutter Gottes, beschütze uns vor ihnen.
Ignaz sah gedankenverloren in die Richtung, in die die Raben geflogen waren. „Die Ausgestoßenen“, sagte er dann leise, „sie leben in den Bergen, bestimmt schon seit fünfzig oder sechzig Jahren. Oder mehr. In der Klosterruine hausen sie.“
„Ausgestoßene?“ Johann traute seinen Ohren nicht.
Ignaz nickte. „Aber Menschen sind’s keine, sie sehen nur so aus. Es sind vielmehr – Tiere, wie von der Tollwut zerfressen.“
„Und ehe du dich versiehst, wirst du von hinten angefallen oder erschlagen!“, ereiferte sich Albin. „Und wenn sie dich verletzen, dann wirst du so wie sie. Deine Haut wird hell wie Wachs, und deine Adern scheinen pechschwarz hindurch. Und die Sonne wird dich verbrennen.“
„Und deine Zähne werden lang und schartig. Und dann bist so bösartig wie sie.“ Ignaz bekreuzigte sich.
„Hab noch nie von so was gehört“, sagte Johann zweifelnd.
„Bist ja auch nicht von hier“, antwortete Ignaz gereizt.
„Und woher kommen diese – Ausgestoßenen?“
„Die waren schon immer da“, warf der junge Bernhard hastig ein.
„Stimmt doch nicht“, berichtigte ihn Josias. „Die waren einmal wie wir. Der Herrgott hat sie bestraft wegen des lasterhaften Lebens, das früher hier geherrscht hat. Eine Gottesgeißel ist über sie gekommen. Seitdem hausen sie da oben, und wir hier herunten sind nicht mehr sicher.“
„Wann ist denn das letzte Mal wer angefallen worden?“, bohrte Johann nach.
„Naja, das ist eigentlich schon lang her“, grübelte Josias. „Wenn ich’s mir recht überleg, eigentlich schon sehr lang. Aber das ist bestimmt nur die Ruhe vor dem Sturm, und denk dran, dass der Winter in diesem Jahr so streng wie seit Jahren nicht mehr ist.“ Er zögerte kurz. „Diese Teufel warten nur auf den rechten Moment. Niemand in diesem Tal ist sicher, jeder kann der Nächste sein.“ Josias hielt sich ein Nasenloch zu und drehte den Kopf zur Seite. Mit einem Ruck schnäuzte er herzhaft den Tabak heraus und wischte sich die Nase an der Lodenjacke. „Bist jetzt zufrieden, Knecht?“
Johann war nicht im Geringsten überzeugt, er hielt die Geschichte für abergläubisches Geschwätz. Dennoch nickte er.
Josias stand auf. „Los geht’s.“
Johann wollte schon vom Langschlitten springen, als alle Männer einen Moment innehielten und zu beten begannen, wie es vor der gefährlichen Abfahrt Brauch war. Johann schloss sich ihnen an.
„Vater unser, der du bist im Himmel …“ Das Gebet schallte über die Lichtung und verlor sich zwischen den Bäumen.
„Alles gut und recht, aber das Gebet tut’s nicht für die Abfahrt.“ Anton, einer der Knechte, hatte diese vorwitzigen Worte ausgesprochen. Josias gab ihm einen leichten Schlag auf den Hinterkopf.
„Reiß dich zusammen! Sei froh, wenn der Herrgott auf uns schaut.“
„Aber Recht hat er“, sagte Albin und zog einen ledernen Trinkschlauch aus seinem Mantel. „Und Brauch ist es außerdem.“
Die anderen Knechte murmelten zustimmend.
Albin öffnete den Trinkschlauch, stieß ein In Gott’s Namen! hervor und nahm einen tiefen Schluck. Er verzog das Gesicht und reichte Johann den Schlauch. „Keine Angst, ist kein Krautinger. Für die Abfahrt gibt’s was Besseres, das ist von jeher so.“
Johann nahm einen kräftigen Schluck. Sofort schoss ihm der wohlbekannte, faulige Geschmack in die Nase.
Krautschnaps, was sonst.
Er sah Albin und die anderen grinsen, verbiss sich aber jede Bemerkung und reichte den Schnaps weiter. Nachdem alle getrunken hatten, riefen sie zusammen „In Gott’s Namen!“ und wandten sich ihren Schlitten zu.
„Alsdann, Johann: Wir beide bilden den Abschluss. Wenn du da runterschaust,“ Albin deutete auf die Kurve, die im Wald verschwand, „und die anderen vor dir außer Sicht sind, fangen wir an. Wir schieben den Schlitten, bis er zu laufen anfängt, dann springen wir auf die Bloche. Das Bremsen überlässt du am besten mir, aber du kannst auf deiner Seite mit der Tatzen, das ist diese Stange da, in deine Richtung lenken. Aber nicht zu fest! Ist halt wie bei einem Weib: Wenn du die Zügel zu sehr anziehst, dann geht gleich gar nichts mehr, aber wenn du sie zu sehr laufen lässt, fährt sie mit dir Schlitten.“
Johann sah erst den riesigen Schlitten, dann Albin zweifelnd an.
Albin lachte und boxte ihn auf die Schulter. „Wird schon schiefgehen.“
Es war ruhig und friedlich im Wald. Der Weg, der neben dem verschneiten Unterholz steil bergab führte, lag verlassen da.
Ein Schneehase tauchte aus dem Unterholz auf und lief über den Weg.
Plötzlich ertönte ein lautes Rumpeln, der Boden erbebte. Der Schneehase verschwand blitzschnell zwischen den Bäumen.
Ein herzhaftes Jauchzen schnalzte durch die Luft, dann schossen Johann und Albin auf ihrem hölzernen Ungetüm vorbei. Nach wenigen Augenblicken waren sie außer Sicht.
Stille kehrte wieder im Wald ein …
Die Sonne hatte den Schnee mittlerweile leicht angetaut, die oberste Schicht bildete eine perfekte Unterlage für die Kufen der Schlitten. Links von Johann und Albin zogen die Bäume pfeilschnell vorbei, rechts fiel der Abhang fast schnurgerade bis ins Tal hinab.
Trotz der offensichtlichen Gefahr war Johann von der rasend schnellen Fahrt begeistert. Der kalte Fahrtwind trieb ihm die Tränen in die Augen, ließ sein Gesicht erst brennen und dann erröten. Unwillkürlich ließ er einen Juchzer los.
„Na, hab ich dir zu viel versprochen?“, rief Albin, der die Fahrt ebenso genoss.
Johann schüttelte begeistert den Kopf.
„Jetzt kommt gleich die erste Linkskurve. Da musst du anziehen, Johann!“ Albin presste die Füße auf die Sperrketten, der Schlitten verlangsamte seine Fahrt, begann leicht hin und her zu schwimmen und warf hinter sich eine Gischt voller Schnee aus, als würde er davon angetrieben.
Johann zog an der Tatze, aber der Schlitten machte keine Anstalten, seinen Kurs zu ändern. Er stemmte sich mit den Füßen gegen die nach oben gebogenen Kufen und zog mit dem Gewicht seines Oberkörpers an der Stange. Ein Ruck durchzuckte den Schlitten, dann glitt er sanft in die Kurve und durchzog sie in einem gleichmäßigen Bogen.
„So ist es recht, Johann. Als hättest du es schon immer gemacht!“, rief Albin begeistert.
„Sollten wir nicht ein bisschen langsamer werden?“
„Hast du Angst? Also Johann!“, brüskierte sich Albin gespielt und lenkte in die nächste Rechtskurve.
„Das nicht, aber –“ Johann verstummte.
Und starrte auf den umgestürzten Halbschlitten, der gut fünf Klafter vor ihnen den Weg versperrte!
Ignaz und Anton bemühten sich, den Schlitten auf die Seite zu ziehen. Als sie sahen, dass Johann und Albin wie ein Geschoss auf sie zurasten, zogen sie mit aller Kraft an dem Schlitten, aber dieser bewegte sich zu langsam.
„Albin! Vorsicht!“ Johann deutete hektisch nach vorne.
Albin stieg mit aller Kraft in die Sperrketten. Der Schlitten begann sich zu verziehen und knarrte, das Heck schlingerte hin und her. Die beiden Knechte ließen von dem umgestürzten Schlitten ab und kletterten links einige Fuß die Böschung hinauf in Sicherheit.
„Die Tatze, jetzt!“, brüllte Albin.
Johann zog mit seinem ganzen Gewicht an der Stange, ebenso wie Albin. Die beiden Tatzen gruben sich in den Schnee, bremsten den Schlitten jedoch kaum. Ein Aufprall schien unvermeidbar, Albin riss panisch die Augen auf.
„Lass los!“, brüllte Johann. Er rammte Albin den Ellbogen in die Seite. Dieser ließ die Stange los, jetzt griff nur noch Johanns Tatze. Der Schlitten zog nach links –
Um Haaresbreite schossen sie an dem umgestürzten Schlitten vorbei.
Albin riss den Kopf zurück. „Johann, das war –“
„Zieh an!“, herrschte ihn Johann an, aber zu spät. Sie gerieten zu weit auf die Böschung, der Schlitten kippte nach rechts um, sie wurden von ihren Blochen geschleudert.
Eine Explosion aus Schnee hüllte alles ein.
Nach dem gewaltigen Aufprall war es totenstill. Der Schlitten lag kopfüber an der Böschung, die Ketten hatten sich gelöst, die Bloche lagen kreuz und quer über den Weg verstreut.
Dann bewegte sich etwas unter dem Schnee. Johann richtete sich auf und sah sich um, er konnte nicht glauben, dass er noch am Leben war.
Langsam stand er auf und klopfte sich den Schnee von den Kleidern. Seine rechte Gesichtshälfte war aufgeschunden, aber sonst schien er wie durch ein Wunder unverletzt geblieben zu sein. Er blickte sich nach Albin um, aber von dem fehlte jede Spur.
„Albin! Albin!“
Nichts. Albin schien wie vom Erdboden verschluckt.
Plötzlich hörte Johann eine leise, kraftlose Stimme. „Johann!“
Er lief zum Abhang und blickte hinab. Was er sah, ließ ihn erschaudern: Albin hing über dem gähnenden Abgrund und klammerte sich mit letzter Kraft an die Äste eines kargen Strauchs. Blut rann aus einer Platzwunde auf Albins Stirn, seine Augen starrten Johann panisch an.
„Hilf mir“, stammelte er verzweifelt.
Johann warf sich zu Boden und streckte, so weit er konnte, seine Hand zu Albin. Vergeblich. „Albin, ich komm nicht hin –“ Johann versuchte noch weiter nach unten zu gelangen, merkte aber, dass er nun seinerseits zu rutschen begann. Er brauchte einen Halt, etwas, das er in den Boden rammen konnte, ein spitzen Ast, oder –
Ein Messer!
Johann fasste in seine Hosentasche und zog sein Messer heraus. Er stieß es mit aller Kraft in den gefrorenen Untergrund, aber die kurze Klinge drang nicht tief genug ein.
Nicht mit mir!
Johann zog das Messer heraus und drückte einen kleinen Knopf am Schaft. Die Klinge sauste um Grifflänge heraus und rastete ein. Johann rammte das Messer noch einmal in das Eis – es hielt.
„Johann, ich rutsch ab!“, schrie Albin. Johann sah, dass sich der Strauch, an dem sich Albin festhielt, endgültig aus dem gefrorenen Boden löste.
Er umklammerte den Griff des Messers, ließ sich blitzschnell hinab.
Und packte Albins Handgelenk im letzten Augenblick, bevor dieser in die Tiefe stürzte.
Für einen Augenblick fühlte Johann gar nichts. Dann kam ein grausamer Ruck, Johann war, als würde ihm der Arm aus der Schulter gerissen. Alles schien sich nun unendlich langsam abzuspielen: Albin, der über dem Abgrund baumelte, Johanns Finger, die sich um den Messergriff krampften, seine andere Hand, die Albin am Handgelenk hielt –
Er wusste, dass er Albins Gewicht nicht lange halten konnte, spürte, wie ihm Albins Handgelenk unaufhaltsam durch die Finger glitt.
Es gab nur eine Möglichkeit.
„Albin, versuch an meinem Mantel hochzuklettern!“
„Ich kann nicht –“
Johann sah Albin fest in die Augen. „Reiß dich zusammen! Los jetzt!“
Albin zögerte, dann packte er mit letzter Kraft Johanns Mantel und kletterte langsam höher, Zoll um Zoll. Johann riss es fast den Arm aus, aber er hielt sich krampfhaft an seinem Messer fest.
Als Albin schließlich oben war, stieß Johann sich ab und rollte auf den Waldweg zurück. Er löste das Messer und ließ sich außer Atem neben Albin fallen, der keuchend auf dem Rücken lag.
Eine Weile sagte keiner der beiden Männer etwas, sie versuchten wieder zu Atem zu kommen. Dann drehte Albin seinen Kopf zu Johann.
„Johann?“
„Ja?“
„Dank dir, dass du –“
„Schon recht.“
Albin blickte in den Himmel. „War aber eine rasante Fahrt, nicht?“
„Ein bisschen schneller könnte es das nächste Mal schon gehen“, erwiderte Johann trocken.
Ohne einander anzusehen, begannen die beiden zu lachen.
Johann schob das Messer in die lederne Scheide und steckte es ein. In diesem Moment kamen Ignaz und Anton angelaufen.
„Ihr kommt grad recht“, ätzte Albin.
„Dann hat’s dich wohl nicht so schlimm erwischt, oder?“, stieß Ignaz keuchend hervor.
„Dem Johann sei Dank, nicht.“
Ignaz klopfte Johann anerkennend auf die Schulter. Dann sah er unruhig in die Wälder oberhalb des Weges. „Kommt, machen wir, dass wir hier wegkommen.“
Die Männer bargen den umgestürzten Schlitten und beluden ihn mit Blochen für die weitere Abfahrt. Dann setzten sie einer nach dem anderen ihre Schlitten wieder in Fahrt.
Keiner von ihnen hatte die vermummte Gestalt bemerkt, die sie die ganze Zeit beobachtete. Als die Männer außer Sicht waren, verschwand die Gestalt zwischen den Bäumen.