XXI

Das Schneetreiben, das in der Nacht eingesetzt hatte, wurde dichter, es schneite den ganzen nächsten Tag. Da es kaum mehr möglich war, die Wege freizuhalten, tat man, was man in den Bergen in einer solchen Situation immer getan hatte – man zog sich in die niedrigen Bauernhäuser zurück, heizte die Öfen ein und betete, dass der Schneefall aufhören würde.

„Amen!“, sagte Jakob Karrer laut und lehnte sich zurück.

„Amen“, wiederholten Johann, Elisabeth, Albin und Sophie.

Elisabeth und Sophie standen auf und räumten die Reste des Abendmahls aus der Stube. Die Männer stopften ihre Pfeifen.

„Schaut so aus, als ob es uns nicht so ergeht wie den anderen Dörfern. Die Bayern sind ruhig. Hätt ich nicht gedacht“, meinte Albin.

„Narr!“, stieß Karrer hervor. „Was glaubst du, woran das liegt? Wenn der Schnee wieder weniger wird und sie freie Hand haben –“.

„Bis dahin haben sie sich erholt, und dann hauen sie ab“, warf Johann ein.

„Bist schon wieder schlau, Schmied … scheinst dich ja gut mit dem Pack auszukennen.“

Johann blickte ihn ruhig an. „Der Kommandant macht einen vernünftigen Eindruck. Wenn sie gewollt hätten, wär das Dorf schon längst geschliffen.“

Bevor Karrer antworten konnte, klopfte es an die Tür und Martin Karrer trat ein. Trockener Schnee rieselte von seinem dicken, wollenen Mantel. „Grüß Gott, Jakob“, sagte er zu seinem Sohn und nickte Johann und Albin zu.

„Was willst denn du hier bei diesem Sauwetter? Schneit’s draußen noch nicht genug?“

„Ich wollt euch einladen, zu mir zu kommen. Der Franz ist auch da, und wir könnten wieder mal die alten Lieder singen. Ist schon ein Zeiterl her.“

„Ich geh sicher nicht aus dem Haus. Hab’s hier fein genug“, antwortete Karrer ruppig.

„Und die anderen?“

Jakob Karrer musterte Albin und Johann gleichgültig. „Von mir aus.“

Die Tür öffnete sich, Elisabeth und Sophie kamen herein.

„Aber die Frauen bleiben im Haus“, bestimmte Karrer.

„Geh, Jakob. Ohne die Elisabeth hat das keinen Sinn. Die hat doch eine Stimme wie ein Engerl.“

„Den Bayern wird ihre Stimme sicher auch gefallen, wenn sie das mitkriegen“, entgegnete Karrer.

„Der einzige Bayer steht am Eingang vom Dorf, friert erbärmlich und könnte nicht mal einer Maus gefährlich werden.“

„Bitte, Vater. Du weißt, wie sehr ich die alten Lieder mag“, bat nun auch Elisabeth.

Karrer verdrehte die Augen. „In Gott’s Namen. Dann geht’s halt, aber seid nicht zu lang aus. Johann und Albin, ihr seid mir verantwortlich für die Elisabeth. Und –“

Alle sahen ihn an.

„Die Sophie bleibt da. Wär ja noch schöner, wenn ich mir mein Zeug selbst aus der Kuchl holen müsst.“

Er sah Sophie an, ein feistes Lächeln auf den Lippen. Sophie wusste, was an dem Abend kommen würde, hatte es schon oft genug erlebt: Sie musste Jakob Karrer von vorne bis hinten bedienen, und trotzdem war nichts recht und gut genug. Dass sie heute mit den anderen nicht zum Singen gehen durfte, war natürlich auch die Rache dafür, dass sie sich zum Pflegen der Soldaten gemeldet hatte. Aber damit war ja zu rechnen gewesen.

„Kannst mir gleich einen Schnaps holen, Sophie“, sagte Karrer laut. „Aber kalt soll er sein.“

Sophie nickte und stand auf. Das einzig Gute an Jakob Karrer war, dass er nie zudringlich geworden war. Aber das auch nur, weil er, wie er ihr einmal ins Gesicht geschmettert hatte, nicht daran denke, sich etwas zu nehmen, was das ganze Dorf schon vor ihm gehabt hatte. Die rohe – und zudem unwahre – Bemerkung hatte sie sehr verletzt. Aber besser, er hielt sie für eine Hure und ließ sie in Ruhe, als er vergriff sich an ihr, so wie es viele andere Bauern Tag für Tag mit ihrem Gesinde taten.

Sophie verließ die Stube.

Martin Karrer führte die drei durch das Dorf. Kalter Wind fuhr ihnen allen tief in die Knochen. Es war dunkel geworden, schwaches Licht fiel aus den Häusern auf die fast einen Klafter hohen Schneewände links und rechts des schmalen Weges.

„Wer hat denn den Pfad geschaufelt?“, fragte Johann den Großvater.

„Na wer schon? Der Liebling vom Kommandanten, der Franz. Mit einem der Knechte. Immerhin braucht’s einen Weg für die Wachablösung.“

Albin konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Der mit seinem großen Maul. Aber dass es ihn einmal ein halbes Ohr kosten würde, hätte er sicher nicht gedacht.“

„Er hat ja noch eins“, sagte Martin Karrer. „Mehr braucht er nicht.“

Sie waren beim Haus des Großvaters angekommen, der alte Mann öffnete die Haustüre nur einen Spalt breit, damit nicht zu viel Wärme entweichen konnte. „So, kommt schnell herein.“

Die vier betraten die kleine Stube in Martin Karrers Haus. Sie war sehr einfach gehalten, doch die Wände und die Decke waren mit Schnitzereien verziert. Unter dem Herrgottswinkel standen Bänke und ein grober Holztisch. Der Ofen war geheizt, es war angenehm warm.

Johann fühlte sich spontan wohl, wie schon damals, als er das erste Mal durch das Haus gegangen war. Es kam ihm ewig vor – wie lange war er schon im Dorf? Er konnte es nicht mit Sicherheit sagen.

Franz Karrer saß bereits am Tisch, einen Verband um den Kopf und einen Schnapsbecher vor sich. Er hob den Becher. „Gesundheit, Männer. Und dir natürlich auch, Elisabeth.“

„Lass es dir schmecken, Franz. Hast ja viel gearbeitet heut“, sagte Martin Karrer mit einem leichten Lächeln auf den Lippen.

„Diese verdammten bayerischen Hunde – ich kann von Glück sagen, wenn sie mir nicht noch ein Ohr abschneiden.“

„Oder was anderes“, feixte Albin.

„So wie mich der Kommandant angeschaut hat, trau ich dem das auch noch zu. Der hat höchstpersönlich hinter mir gestanden und mir eine Weile bei der Arbeit zugeschaut, dass ich sie ordentlich mach“, sagte Franz kopfschüttelnd.

„Muss er. Er ist für seine Soldaten verantwortlich, und da kommt die Wache an erster Stelle. Ohne Wache keine Sicherheit“, meinte Johann.

Er merkte, dass es in der Stube ruhig geworden war. Alle starrten ihn an.

Narr. Halt dich zurück.

„Sicherheit? Auf wessen Seite stehst du denn? Und wer soll überhaupt ins Dorf kommen?“, fragte Franz ungläubig. „Wir sind völlig abgeschnitten.“

„Das hat jemanden vor kurzem nicht davon abgehalten, eine Kuh aus dem Stall zu stehlen.“

„Setzt euch erst einmal hin. Wir trinken was, und dann singen wir“, meinte der Großvater.

„Der Ofen mag äußerlich etwas wärmen, aber fürs Innere braucht’s mehr. Johann? Einen Schnaps? Hab gehört, du bist ganz wild danach.“ Franz grinste.

Johann nickte gottergeben und rollte mit den Augen, alle lachten.

Franz schenkte nacheinander jedem einen Schnaps ein. Sie erhoben die Trinkbecher.

„Auf das Dorf.“

„Auf das Dorf!“

Johann kippte den Schnaps hinunter. Kaum zu glauben: Es war Obstschnaps.

Nach einer weiteren Runde Schnaps klatschte Martin Karrer in die Hände. „So, dann lasst uns anfangen. Ich bet das Ave Maria, Elisabeth, du singst dann dazu. Albin, du spielst auf der Scheithold.“

Elisabeth nickte. „Gern, Großvater.“

Albin stand auf und nahm die schmale Zither, die an der Wand neben der Ofenbank hing. Er setzte sich wieder zu den anderen, alle falteten die Hände.

„Gegrüßet seist du, Maria …“

Johann fragte sich, was nach dem Gebet kommen würde.

„Heilige Mutter Gottes, behüte uns vor der Bedrängnis und beschütze uns vor ihnen. Amen.“

Andererseits – wenn die Bewohner dieses Dorfes schon ihre Gebete so beendeten, war sich Johann sicher, dass es auch bei den Liedern nicht anders zuging.

Er sollte Recht behalten.

Alle bekreuzigten sich jetzt und sahen Elisabeth erwartungsvoll an. Diese räusperte sich leise, dann begann sie zu singen, begleitet von Albin, der auf der Scheithold mitspielte.

Johann hatte noch nie eine so schöne Stimme gehört. Voll und ausdrucksstark, gleichzeitig unendlich sanft. Elisabeth sang ein sehr altes Lied, über Tyrol, aber mit Psalmen und Bittgesängen durchsetzt, sodass etwas Eigenes, Neues entstand.

Sie sah Johann beim Singen in die Augen, er blickte zurück. Es schien, als würden sie etwas teilen, etwas, das –

Elisabeth hielt inne, jetzt begannen auch die anderen einzustimmen, sangen eine eigene Strophe, die in der Folge immer wiederkehrte, nachdem Elisabeth eine Strophe beendet hatte.

Und doch – bei aller Schönheit und Stimmung, die der Gesang in der Stube verbreitete, klang für Johann der eigentliche Gedanke deutlich durch, schnitt sich gleichsam bedrohlich zwischen die Harmonien: die Bitte an die Muttergottes um Schutz.

Vor ihnen.

Die Gesänge klangen durch die kleinen Fenster nach draußen. Der bayerische Wachposten, der eben abgelöst worden war und durch den zugeschneiten Pfad zu seinem Quartier stapfte, blieb stehen. Er sah zu dem Haus, dem warmen Licht, hörte die Melodien, die dem Sturm trotzten. Sie machten ihn wehmütig. Er musste an sein Zuhause denken, an Frau und Kinder, die er schon so lange nicht mehr gesehen hatte. Merkwürdig, dachte er. Wenn man für einen Augenblick denen zuhört, gegen die man vorzugehen hat, merkt man erst, wie gleich sie alle letztendlich doch sind. Freund oder Feind, jeden bewegt dasselbe.

Ruhe und Frieden.

Liebe.

Oder ein gemeinsames Lied in einer stürmischen Nacht.

Als der Soldat den Gesängen genauer lauschte, kroch ein beklemmendes Gefühl in ihm hoch. Irgendwie klangen die Melodien und Worte beunruhigend, er hatte plötzlich das Gefühl, als schnürten sie ihm die Kehle zu.

Unwillkürlich bekreuzigte er sich, dann stapfte er weiter. Der alte Albrecht hat Recht, dachte er. Wird Zeit, dass wir weiterkommen, irgendwas stimmt ganz und gar nicht in diesem verfluchten Tal.

Die Stimmung hatte für Johann etwas Magisches: der Sturm, die Stube, die fremdartigen und doch vertrauten Lieder …

Wobei etwas von dieser Magie sicher auch vom Schnaps kam, denn Franz hatte Johann schon drei Mal nachgeschenkt. Als Johann beim fünften abwehrend gewinkt hatte, stichelte Franz: „Ich will morgen in der Kirche nicht der Einzige sein, der einen schweren Kopf hat. Und Weihnachten ist auch bald – da predigt der Bichter morgen sicher lang. Schwere Predigt braucht einen schweren Kopf.“

Johann war schon etwas berauscht, als sie aufhörten zu singen.

Nachdenkliche Stille legte sich über den kleinen Raum.

„Auf dass die Lieder helfen“, brach der Großvater schließlich das Schweigen.

Johann sah ihn an. „Lasst mich raten: Ihr singt die Lieder nur in den Wintern, wenn es am kältesten ist.“

Der Großvater schwieg.

„Und sie sollen gegen die Ausgestoßenen helfen.“

Der alte Mann blickte Albin an. „Dein Maul ist offenbar um nichts kleiner als das vom Franz.“

„Der Ignaz war’s. Im Holz oben. Und er hat Recht gehabt, der Johann verdient die Wahrheit“, verteidigte sich Albin.

„Was weißt du denn schon von der Wahrheit?“, sagte Martin Karrer unwillig.

Johann bohrte weiter. „Ich hab das Ammenmärchen gehört, von denen, die im Wald hausen. Von Gottes Strafe an ihnen, der weißen Haut und den spitzen Zähnen.“ Er hielt kurz inne, dann schaute er dem Großvater in die Augen. „Was ich mich frag: Wenn es sie tatsächlich gibt, woher sind sie dann gekommen?“

Sie waren schon immer da“, antwortete Martin Karrer schnell. „Und mehr weiß ich auch nicht.“ Er stand auf. „Ich denk, es ist besser, ihr geht jetzt. Bevor der Jakob misstrauisch wird.“ Während er das sagte, streifte sein Blick erst Elisabeth, dann Johann.

Johann spürte, dass der alte Mann log und viel mehr wusste, als er zugab. Aber es war nicht der rechte Zeitpunkt, mehr herauszufinden, nicht vor Elisabeth.

Johann stand auf. Er schwankte leicht, der Kopf schien ihm zu platzen.

Der Sensenmann, der grimmige Schnitter, im Totentanz mit seinen Opfern. Das blasse Antlitz, das Betteln um Gnade.

Warum hörte er diese Stimmen? Warum hatte er gerade jetzt dieses Bild vor Augen, das ihn auch in seinen Träumen verfolgte?

Das Blut, das an die Wände spritzte und sich über die Fresken ergoss, schwarz im bleichen Licht des Mondes, pulsierenden Adern gleich

Albin fasste ihn an der Schulter und stützte ihn.

Die Stimmen und Bilder verschwanden, Johann sah wieder klar. Er nahm Albins Hand von seiner Schulter. „Dank dir, aber es geht schon wieder.“

„Du musst es wissen“, sagte Albin grinsend und zwinkerte Franz zu, der diese Geste erwiderte.

Elisabeth küsste ihren Großvater auf die Wange. „Bis morgen in der Kirche, Großvater.“

„Bis morgen, Kind.“

Elisabeth ging hinaus, Albin folgte ihr. Der Großvater sah Johann durchdringend an. „Pass auf dich auf, Bursche.“

Johann nickte wortlos, dann verließ auch er die Stube.