28
Das regelmäßige Pochen, das ich gehört hatte, kam aus meiner eigenen Brust. Einen Augenblick lang war ich verwirrt. Hatte es etwa nicht funktioniert? Die beiden Fangzähne, die mir in die Lippe piekten, sprachen zwar eine andere Sprache, aber warum schlug mein Herz noch?
»Hört das bald auf, oder was?«
Hatte man vielleicht vergessen, mich über irgendein wichtiges Detail aufzuklären? So was wie: »Oh, die ersten paar Minuten hörst du noch so ein Bumm, Bumm, aber das hört dann bald auf.« Den entgeisterten Gesichtern nach zu urteilen, die mich ansahen, war mein Zustand allerdings alles andere als normal.
»Wäre schön, wenn mir mal einer von euch antworten könnte.«
»Willst du das Blut nicht?«, platzte es schließlich aus Spade heraus.
Ich warf dem Beutel mit der purpurnen Flüssigkeit in Bones’ Hand einen flüchtigen Blick zu. »Eigentlich nicht.«
Bones stand auf. Er sah mich ebenfalls mit diesem ganz sonderbaren Ausdruck im Gesicht an, riss dann eine Ecke des Beutels mit den Zähnen auf und hielt ihn mir hin.
»Trink.«
»Nein, danke.«
»Nur einen Schluck!«, drängte Bones.
Ich verzog das Gesicht, schloss die Lippen um die Öffnung und nippte zögerlich.
Igitt! Als hätte ich an ein paar alten Kupfermünzen gelutscht. Ich spuckte das Zeug aus. »Was hast du mir vorhin gegeben? Das hat super geschmeckt, nicht wie dieser Mist.«
Spade wurde ganz weiß. Bones nahm mir die Blutkonserve ab und leerte sie mit einigen kräftigen Zügen.
»Alles in Ordnung damit«, verkündete er. Dann zog er ein Messer aus der Hosentasche und schlitzte mir ohne Vorwarnung den Arm auf.
»Autsch! Was soll das denn?«
Ich umklammerte meinen verletzten Arm, aber beinahe sofort verwandelte sich der Schmerz in ein juckendes Kribbeln. Bones zog meine Hand weg und enthüllte die blutige aber unversehrte Haut darunter. Die Wunde war verschwunden. Mein Unterarm war komplett verheilt.
Trotz allem begann ich zu grinsen. »Im Kampf wird mir das eine Menge Kummer ersparen.«
»Ist dir eigentlich klar, dass du nicht atmest?«, fragte mich Bones.
Das war mir noch gar nicht aufgefallen! Warum war mir etwas so Wichtiges bloß entgangen? Weil ich es nicht mehr brauchte, deshalb!
»Ihr Herzschlag«, meldete sich schließlich Mencheres zum ersten Mal zu Wort, seit ich die Augen aufgeschlagen hatte, »wird langsamer.«
Ich sah meinen Brustkorb an, als könnte der mir irgendeine Auskunft geben. Was als gleichmäßiges Bubumm, bubumm begonnen hatte, war nun schon nur noch als träges Bu …bumm ………bu zu hören; die Intervalle zwischen den Tönen wurden immer länger. Es war ein … na ja, ein gottverflucht seltsames Gefühl, genau das war es. Als müsste ich bei dem Geräusch in Panik geraten oder so.
»Das ist doch ein gutes Zeichen, oder? Vielleicht hat mein Herz einfach einen Augenblick gebraucht, um zu kapieren, dass seine Dienste nicht länger benötigt werden.«
Bones legte mir den Arm um die Schultern. »Kätzchen, wie geht es dir?«
»Ganz okay. Sogar richtig gut, eigentlich. Du riechst klasse, weißt du das? Wirklich, wirklich, nnnghghh.«
Als ich kurz darauf erneut zu mir kam, hatte ich wieder diesen wunderbaren Geschmack im Mund. Diesmal allerdings wurde ich festgehalten; jemand hatte einen Arm um meine Taille geschlungen, den anderen spürte ich im Nacken. Da ich Bones und Spade nach wie vor sehen konnte, musste es Mencheres sein, der mich festhielt.
»Was ist passiert?«, fragte ich.
»Du hast mich gebissen«, antwortete Bones.
»Häh?«
Spade nickte bestätigend. Ich war schockiert. »Tut mir leid, ich kann mich an gar nichts erinnern…« Meine Stimme verebbte, und ich schnupperte an Mencheres’ Arm. Dieser Duft. Mmmm.
Dann hatte ich auch schon Mencheres’ Handgelenk zwischen den Zähnen und schüttelte es wild hin und her wie ein Hai seine Beute. Als mir klar wurde, was ich da tat, spuckte ich aus.
»Kann mir mal jemand erklären, was zum Teufel mit mir los ist?«
Selbst während ich schrie, konnte ich nicht aufhören, mir die Lippen zu lecken. Dieses Aroma. So wunderbar. Gott, noch nie zuvor hatte mir etwas auch nur halb so gut geschmeckt!
»Du willst nur untotes Blut aufnehmen«, verkündete Mencheres in seiner gewohnt undurchschaubaren Art. Bones zog die Augenbrauen hoch. Dann kam er näher, ritzte sich mit einem Fangzahn das Handgelenk auf und wedelte mir damit vor der Nase herum.
»Willst du?«
Der Drang, mich auf ihn zu stürzen war so groß, dass ich nicht einmal Zeit zum Nachdenken hatte. Mencheres machte eine Bewegung mit der freien Hand, und ich stieß unvermittelt gegen eine unsichtbare Mauer.
»Halt still.«
Was blieb mir auch anderes übrig? Ich war mitten im Absprung erstarrt, die Knie gebeugt, die Hände ausgestreckt, den Rachen blutdurstig aufgerissen. Schlimmer war allerdings, dass mir das überhaupt nichts ausmachte.
»Her damit.«
Ich wusste, dass das meine Stimme war, aber ihr raubtierhafter Klang war mir fremd. Der Schmerz stellte sich allmählich wieder ein, dieser schreckliche Schmerz, der mir das Gefühl gab, von innen heraus zu verbrennen.
»Gib her!«
Mencheres hatte mich losgelassen. Mir fiel es erst auf, als ich ihn neben Bones stehen sah, der eine weitere Blutkonserve aus dem Kühlbehälter geholt und sie an einer Ecke aufgerissen hatte. Diesmal schmierte er mir das Blut direkt auf die Lippen.
»Willst du?«, fragte er mich und hielt mir den Beutel vor den Mund.
Ich leckte mir das Blut von den Lippen. »Nein«, knurrte ich zornig.
Die drei Männer sahen sich an. Dann stieß Bones einen Seufzer aus. »Also gut. Versuchen wir es anders.«
Er schluckte den Inhalt des Beutels. Wie hypnotisiert beobachtete ich, wie seine Halsmuskeln arbeiteten. Als er sich mir schließlich näherte, hatte der Schmerz einen vorläufigen Höhepunkt erreicht und mir liefen Tränen über das Gesicht.
»Bitte. Es brennt, es brennt!«
Bones hielt mir sein Handgelenk an den Mund. Später erfuhr ich, dass ich es wie wild zerfetzt hatte, aber in diesem Augenblick spürte ich nur die kühlende Schmerzlinderung. Dieser wundervolle Geschmack, der mir die Kehle hinunterrann. Mein ganzer Körper schien vor Verzückung aufzuseufzen, es war schon fast wie ein Orgasmus.
»Euch ist doch klar, dass es so etwas noch nie gegeben hat«, meinte Spade. Seine Stimme kam von weit her. Ich schauderte immer noch vor Glück, während ich die letzten Tröpfchen aus Bones’ Handgelenk saugte.
»Es gibt für alles ein erstes Mal«, antwortete Bones. »Zeigt wieder nur eins: Gerade wenn man denkt, man weiß alles, wird man eines Besseren belehrt. Hört mal. Ihr Herz hat aufgehört zu schlagen.«
Das erregte meine Aufmerksamkeit. Na ja, das, und die Tatsache, dass aus seinem Handgelenk nichts mehr kam, was vielleicht dazu beitrug, dass ich meine Umgebung wieder wahrnehmen konnte.
»Glaubt ihr, das bleibt so?«, fragte ich.
Alle sahen sich an. Schließlich holte Bones achselzuckend noch eine Blutkonserve aus dem Kühlbehälter. Bevor er sie austrank, beantwortete er meine Frage.
»Wir werden’s rausfinden.«
Der kleine Kellerraum mit den extrastabilen Wänden war im Grunde genommen nichts anderes als eine Zelle. Er hatte keine Fenster und nur eine Tür, die von außen abgeschlossen war. Ihr gegenüber stand ein Einzelbett. Auch ein paar Bücher gab es, neue und zerlesene. Dazu Stift und Papier. Und den unvermeidlichen Kühlbehälter.
Er war voller Blutkonserven und, zu meiner Überraschung, Mineralwasserflaschen. Bones erklärte mir, dass sie dazu dienten, meinem Körper ausreichend Flüssigkeit zuzuführen, während der in der Umstellungsphase alles an Energie verbrannte, was er aus dem Blut gewinnen konnte, und keine Flüssigkeit übrig ließ, die verhinderte, dass ich austrocknete. Etwa eine Woche lang musste ich noch Wasser trinken. Dann, so sagte man mir, brauchte ich pro Tag nur noch höchstens ein Glas Flüssigkeit meiner Wahl. Gin Tonic stand ganz oben auf meiner Liste.
Der Geruch von Blut hing in der Luft. Ebenso die Körpergerüche von Spade, Bones, Mencheres und anderen, die vor uns da gewesen waren. Ich versuchte, all die verschiedenen Aromen auseinanderzuhalten, was allerdings in Anbetracht meines begrenzten Erfahrungsschatzes nach ziemlich schwer war.
Noch dreimal überkam mich dieses überwältigende Verlangen, und immer verlor ich das Bewusstsein. Wenn ich wieder zu mir kam, hatte ich mich jedes Mal an Bones festgesaugt wie ein wild gewordener Blutegel. Mencheres hatte mich aus meinem unsichtbaren Betonanzug befreit, nachdem Bones erklärt hatte, solange er immer schön ausreichend trank, wäre es egal, wie oft ich ihn aussaugte. Und da ich jedes Mal komplett ausflippte, wenn das Verlangen nach Vampirblut mich überkam, brauchte sich so wenigstens kein anderer von mir anknabbern lassen. Außerdem hatte ich das deutliche Gefühl, dass man meine außergewöhnlichen Ernährungsgewohnheiten geheim halten wollte.
»Typisch, dass ich nicht mal das hinkriege wie jeder andere auch«, meinte ich, nachdem ich Bones wieder einmal die letzten Tröpfchen vom Handgelenk geschleckt hatte. Ein kleiner Teil von mir fragte sich, warum mir mein Verhalten nicht peinlich war. Hilflos an jemandes Vene zu nuckeln, war immerhin der Gipfel der Abhängigkeit, und doch störte es mich nicht. Vielleicht lag es daran, dass ich von Bones’ Blut noch ganz high war.
»Was meinst du, Süße? Zum Vampir werden? Oder beißen? «
»Beiße ich auch noch falsch?«
Leise lachend strich Bones mir mein völlig zerzaustes Haar aus dem Gesicht. »Du beißt genau wie jeder andere junge Vampir, nämlich zu fest und unkontrolliert, aber das ist ganz normal, und du kannst nichts für deine Blutgier. Bisher hat noch niemand einen Mischling verwandelt. Wenn doch, wäre vielleicht alles so verlaufen wie bei dir, und deine Art, dich zu ernähren, würde als völlig unspektakulär gelten.«
»Danke.« Nun, da mein Hunger gestillt war, hatte der gesunde Menschenverstand einen kurzen Boxenstopp bei mir eingelegt. »Hast aber schnell geschaltet.«
»Na ja, Übung macht den Meister. Los, Kätzchen, machen wir dich sauber.«
Bones öffnete eine neue Flasche Mineralwasser und goss etwas davon auf ein Handtuch, mit dem er mir Kinn und Hals abwischte. Danach war es natürlich völlig rot, und er musste die Prozedur noch zweimal wiederholen, ehe er zufrieden war. Es gab keine Spiegel, also konnte ich schlecht selbst nachsehen, und es gefiel mir, dass er es tat, einfach weil er mich dabei berührte. Er hatte starke Hände, ging aber ganz sanft mit mir um. Als könnte jede Berührung, die gröber war als eine Liebkosung, dauerhaften Schaden hinterlassen.
Ein anderer Geruch stieg mir in die Nase. Ich sog ihn ein, überrascht, dass er von mir kam.
Auch Bones atmete ein, seine Augen füllten sich mit grünem Glanz. Nun breitete sich das berauschende Aroma von Moschus, karamellisiertem Zucker und Gewürzen im Raum aus – Bones’ Duft, intensiver und stärker als meiner.
»Kannst du mein Verlangen riechen?«
Seine Stimme war tiefer geworden. Hatte den tröstenden Unterton verloren, den sie in den Stunden angenommen hatte, in denen ich gegen meine unkontrollierbare Blutgier hatte ankämpfen müssen.
Ich nahm einen weiteren tiefen Atemzug, sog das überwältigende Aroma der beiden sich vermischenden Gerüche ein. »Ja.«
Auch meine Stimme war rauer geworden. Fast gurrte ich, als ich spürte, wie meine Fangzähne wieder hervorkamen. Wieder spürte ich Verlangen in mir aufkommen. Diesmal bereitete es mir zwar keine Schmerzen, war aber so verzehrend wie zuvor.
Ich hatte auf dem Boden gesessen, als die Lust mich überwältigte – wie ich da hingekommen war, wusste ich nicht; musste wohl passiert sein, als ich mich in Bones’ Handgelenk verbissen hatte. Jetzt schwang ich mich rittlings auf ihn und drückte ihn auf das kleine Bett nieder.
»Warte«, bat er mich und griff nach etwas auf dem Boden.
Ich wollte nicht warten. Eine Welle purer Lust machte mich blind gegenüber allem anderen. Ich hatte mir schon die Kleider vom Leib gerissen und kurzen Prozess mit seiner Hose gemacht, da entfuhr mir ein frustrierter Aufschrei über das, was meine Hand von ihm zu fassen bekam.
Bones stieß ein amüsiertes Schnauben aus. »Ich habe aus gutem Grund gesagt, du sollst warten. Du hast mich komplett ausgesaugt, aber keine Bange. Hier gibt es jede Menge Blut.«
Er nahm eine weitere Blutkonserve aus dem Kühlbehälter, der, wie mir gerade auffiel, praktischerweise dicht neben dem Bett stand, und trank ihn aus, während er sich ganz auszog. Ein Glück, dass alles Blut sich an einer Stelle konzentrierte, denn in den paar Sekunden, die er brauchte, um seine Vorbereitungen zu treffen, hatte sich mein Verlangen zu einer brennenden Gier gesteigert.
Bones ließ das Vorspiel gleich aus. Er stieß in mich, kaum dass er die Blutkonserve geleert hatte. Mit einem Aufschrei begann ich, mich auf ihm zu bewegen. Brabbelte irgendwelches Zeug. Was, wusste ich nicht, konnte aber nicht aufhören zu reden. Bones setzte sich auf, packte mich bei den Hüften, saugte an meinen Brüsten, biss mir in die Brustwarzen und hielt mich fest, während seine Bewegungen schneller wurden.
Der Geruch unserer Lust hüllte uns ein, auf erotische Weise reif und intensiv. Ich fühlte mich ganz benommen und war mir gleichzeitig noch nie so lebendig vorgekommen. Als hätte ich mein Leben lang geschlafen. Jedes Fleckchen meiner Haut war hypersensibel, knisterte vor Leidenschaft und vibrierte nun auch von einer inneren Energie, die ich zuvor nicht besessen hatte. Das Gefühl wurde mit jeder neuen Berührung stärker, trieb mich einem Höhepunkt entgegen, der alles um uns herum in den Hintergrund treten ließ. Nichts existierte mehr außer diesem Augenblick und meinem Orgasmus, falls ein so trivialer Ausdruck überhaupt ausreichte, um zu beschreiben, was über mich hinwegfegte und nicht auf meinen Unterleib beschränkt war. Als er endlich eintrat, erfasste der Höhepunkt meinen ganzen Körper.
»Ja«, stöhnte Bones und bewegte sich schneller. »Das tut so gut, Süße. Die Zeit ist knapp, bleib bei mir, bleib bei mir …«
Ganz kurz fragte ich mich: Wohin sollte ich denn gehen? Dann wurde alles um mich herum schwarz.