17
Wir kehrten nicht in das Haus in Bayern zurück. Von oben hätte ich zwar nicht mit Sicherheit behaupten können, dass wir nicht in Bayern waren, aber es war definitiv ein anderer Ort. Da ich keine Tabletten mehr hatte, schloss ich einfach die Augen, während wir landeten und den Rest des Weges im Auto zurücklegten. Ich wollte die Pillen ohnehin nicht mehr nehmen. Gregor konnte mich aus einem Traum nur zu sich holen, wenn ich ihm half, und das würde ich bestimmt nicht wieder tun. Außerdem fragte ich mich, ob es mir vielleicht wegen der Pillen so schlecht ging, denn, wie Vlad bemerkt hatte, war mir hundeelend zumute. Ich würde Don anrufen und mich nach Nebenwirkungen erkundigen müssen.
Spade war der Erste, den ich sah, als Vlad mich ins Haus geführt hatte und ich die Augen aufmachte. Er stand mit verschränkten Armen in der Eingangshalle und machte ein äußerst resigniertes Gesicht.
»Du hättest nicht gehen sollen.«
»Wo ist Bones?«
Ich wollte mich auf keine Konfrontation mit Spade einlassen. Ja, ich hatte Vorhaltungen verdient, aber nur einer hatte das Recht, sie mir zu machen. Die Tatsache, dass Bones uns nicht entgegengegangen war, als er uns hatte kommen hören, sprach Bände. Er musste stinksauer sein.
Spade warf einen Blick nach links. »Geh der Musik nach.«
Klaviermusik erklang aus der Richtung, die Spade mir gewiesen hatte. Vielleicht hörte Bones eine Entspannungs-CD. Stand zu hoffen, dass die seinen Zorn etwas besänftigt hatte.
»Danke.« Ich ging den Klängen nach an einigen Zimmern vorbei.
Als ich einen großen Raum betrat, der offensichtlich als Bibliothek diente, sah ich, dass die Musik von einem echten Flügel und nicht von einer CD kam. Bones saß mit dem Rücken zu mir über die Tasten gebeugt und ließ die Finger gekonnt darübergleiten.
»Hi«, sagte ich, nachdem ich einige Herzschläge lang herumgestanden hatte, ohne dass er sich auch nur zu mir umgedreht hätte. Wollte mich wohl ignorieren, was? Das würde ich zu verhindern wissen. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.
»Ich wusste nicht, dass du Klavier spielen kannst«, versuchte ich es noch einmal und näherte mich ihm.
Als ich dicht genug war, um sein Energiefeld spüren zu können, blieb ich stehen. Bones wirkte so angespannt, als müsste er jeden Augenblick explodieren, obwohl die Musik, die seine Finger erzeugten, gemessen klang. Chopin vielleicht. Oder Mozart.
»Warum bist du hier?«
Seine Frage klang trügerisch sanft; er verspielte sich nicht einmal und sah auch nicht auf. Die Frage verblüffte mich.
»W …wegen dir«, antwortete ich und verfluchte mich, weil ich stotterte wie ein verschüchterter Backfisch. Das Kapitel hatte ich doch wohl hinter mir.
Bones sah noch immer nicht auf. »Wenn du gekommen bist, um dich zu verabschieden, kannst du dir die Mühe sparen. Ich brauche keine tränenreichen Erklärungen. Geh einfach den Weg zurück, den du gekommen bist.«
Ein Kloß formte sich in meiner Kehle. »Bones, das ist nicht …«
»Rühr mich nicht an!«
Ich hatte gerade mit der Hand über seinen Rücken streichen wollen, da schlug er meinen Arm so heftig weg, dass es mich herumwirbelte. Nun sah Bones mich an, und der Zorn in seinen Augen ließ mich auf der Stelle erstarren.
»Nein. Ich lasse nicht zu, dass du hier einfach reinspazierst, den Gestank von Gregor noch am Körper, und mich dann anfasst. « Jedes Wort war ein bewusstes, zorniges Knurren. »Ich habe mich schon genug bevormunden lassen. Du behandelst mich wie einen schwachen Sterblichen, der ohne deine Hilfe nicht überleben kann, aber ich bin ein verdammter Meistervampir .«
Den letzten Teil hatte er gebrüllt. Ich zuckte zusammen. Bones dehnte die Finger, schien sich fassen zu wollen. Dann sprach er mit zusammengebissenen Zähnen weiter.
»Wenn ich wollte, könnte ich dich mit bloßen Händen in Stücke reißen. Ja, du bist stark. Du bist schnell. Aber nicht stark und schnell genug, dass ich dich nicht töten könnte, wenn ich es wollte. Und trotzdem behandelst du mich immer weiter so herablassend, als wäre ich dir unterlegen. Ich habe es auf die leichte Schulter genommen. Mir gesagt, es wäre nicht von Bedeutung, aber es reicht. Gestern hast du Gregor mehr vertraut als mir. Du hast mich verlassen, um zu ihm zu gehen, und das lässt sich nicht ignorieren, also frage ich dich noch einmal: Warum bist du hier?«
»Ich bin hier, weil ich dich liebe und wir …« Ich wollte schon sagen verheiratet sind, aber die Worte blieben mir im Hals stecken. Nein, ich hatte selbst gesehen, dass es nicht so war, zumindest nicht nach vampirischen Maßstäben.
Bones stieß ein kühles Schnauben aus. »Ich mache das nicht mehr mit. Ich werde dich nicht in den Armen halten und mich fragen, ob du dabei wirklich an mich denkst.«
»Bones, du weißt, dass das nicht so ist!« Seine Anschuldigungen schmerzten. »Ich liebe dich, das weißt du. Und wenn du irgendwelche Zweifel hättest, könntest du selbst sehen, dass …«
»Nichts als Schatten«, fiel er mir eiskalt ins Wort. »Flüchtige Augenblicke, in denen du dich hast gehen lassen, in denen dieser verdammte Schutzwall, hinter dem du dich versteckst, mich nicht ausgeschlossen hat. Ich habe mich dir ganz offenbart, weil ich der Meinung war, ich wäre es dir schuldig, aber du bringst mir nicht dieselbe Achtung entgegen. Nein, das behältst du dir für Gregor vor. Du hast ihm genug vertraut, um auf sein Versprechen hin alles hinter dir zu lassen. Nun, Süße, ich bin ein guter Verlierer, und Gregor hat haushoch gewonnen. Er ist es, dem du Respekt entgegenbringst. Er ist es, dem du vertraust, wenn du also nicht gehst, tu ich es.«
Kälte überkam mich, und der Kloß in meinem Hals wurde noch dicker. Das war kein Streit. Es war etwas viel Schlimmeres.
»Du verlässt mich?«
Er setzte sich wieder auf den Klavierhocker. Beinahe nebenbei schlug er die Tasten an.
»Ich kann vieles ertragen.«
Seine Stimme war hart und gefühllos. Ich wich vor ihr zurück. Einen Augenblick lang hatte ich Angst vor ihm.
»Vieles«, fuhr er fort. »Deine Zuneigung zu Tate, egal wie sehr ich ihn verachte. Deine ständige Eifersucht gegenüber anderen Frauen, selbst wenn ich dir keinen Anlass dazu gebe, denn mir ginge es an deiner Stelle ähnlich. Ich ertrage es, dass du dich immer wieder in Gefahrensituationen begibst, denen du überhaupt nicht gewachsen bist, denn auch in dieser Hinsicht sind wir uns ähnlich. All das hat mir schwer zu schaffen gemacht, aber ich habe es ertragen.«
Nun erhob er sich. Sein ruhiger, gleichgültiger Tonfall verschwand, und mit jedem Wort sprach er lauter.
»Ich habe auch die Dinge ertragen, die du nicht zugeben wolltest, zum Beispiel die Tatsache, dass du dich insgeheim gefragt hast, ob du mit Gregor glücklicher warst als mit mir. Selbst den wahren Grund für deine Weigerung, zum Vampir zu werden, habe ich toleriert, den wahren Grund, aus dem du an deinem schlagenden Herzen hängst. Ich habe mich damit abgefunden, dass ein Teil von dir immer noch glaubt, alle Vampire seien teuflische Kreaturen!«
Jetzt brüllte er. Ich wich zurück, so hatte ich Bones noch nie erlebt. Seine Augen leuchteten neongrün, und seine heftigen Gefühle ließen ihn beben.
»Glaube nicht, ich wüsste es nicht. Glaube nicht, ich hätte es nicht immer gewusst! Aber ich habe es ertragen, ja, auch den anderen Grund für dein Zögern. Du beteuerst zwar, dass du mich verehrst, mich liebst – und ja, ich glaube, du liebst mich trotz allem noch. Aber ein Vampir willst du nicht werden, weil du der Meinung bist, unsere Liebe hätte keinen Bestand. Du glaubst, wir wären nur vorübergehend zusammen, und ein Vampir ist man für die Ewigkeit, nicht wahr? Ja, ich weiß es. Ich weiß es, seit ich dich kenne, aber ich habe mich in Geduld geübt. Eines Tages, habe ich mir gesagt, würdest du mich nicht mehr mit diesem wachsamen Blick ansehen. Eines Tages würdest du mich so lieben wie ich dich …«
Der Flügel krachte gegen die Wand. Er gab einen entsetzlichen, klagenden Ton von sich, als bereite ihm die Zerstörung Schmerzen. Ich presste mir die Hand vor den Mund, während die Leere, die ich im Magen spürte, sich in meinem ganzen Körper ausbreitete.
»Ich war ein Narr.«
Dieser einfache Satz vernichtete mich gründlicher als alle Anschuldigungen zuvor. Der Schmerz ließ mich aufkeuchen, was er ignorierte.
»Aber das jetzt, das ist das Einzige, was ich nicht ertragen kann – dass du mich einfach sitzenlässt. Lieber wäre ich gestorben, als diesen Zettel von dir zu lesen. Mir mein eigenes Grab zu schaufeln wäre mir lieber gewesen, als diesen verdammten Wisch von dir zu bekommen!«
»Ich habe dich nicht sitzenlassen. Ich wollte nur helfen und habe dich wissen lassen, dass ich zurückkomme …«
»Deine Worte sind ohne Belang.«
Es traf mich wie eine Ohrfeige. Er sah mich an, in seinem Gesicht waren weder Zärtlichkeit noch Liebe oder Vergebung zu sehen. Er wirkte wie eine Statue. Mein Herz schlug schneller vor Angst, verzweifelter Angst, dass alles zum Teufel gehen würde.
»Bones, warte …«
»Nein. Würde das etwas ändern? Würde es die Zeit zurückdrehen und deine Flucht ungeschehen machen? Würde es nicht, also spar dir die Mühe. Du wirst immer nur auf die harte Tour klug. Nicht anders, und das hätte ich mir merken müssen. Vielleicht dringe ich so endlich durch deinen Panzer, den du nicht müde wirst, zu schrubben und zu polieren.«
Er machte auf dem Absatz kehrt und entfernte sich. Ich starrte ihm verdutzt hinterher, bevor ich ihm nachrannte und ihn an der nun verlassenen Eingangstür zu fassen bekam.
»Warte! Gott, lass uns doch darüber reden. Wir finden eine Lösung, ganz bestimmt. D …du kannst nicht einfach so gehen !«
Ich war so fertig, dass ich nur noch stammeln konnte, Tränen liefen mir über die Wangen. Ich konnte nichts sehen, spürte aber seine Hand, mit der er sanft mein Gesicht berührte.
»Kätzchen.« Seine Stimme war belegt, warum, konnte ich nicht sagen. »Jetzt kommt der Teil … bei dem du keine Wahl hast.«
Als die Tür hinter ihm zuschlug, sank ich zu Boden.