11
Meine Augen öffneten sich, gewöhnten sich an das helle Licht im Raum. Wie üblich schluckte ich Bones’ vertraut schmeckendes Blut, aber mir wurde bewusst, dass es aus einem Glas, nicht aus einer Ader kam.
»Wenn ich jeden Tag das Blut dieser Bestie trinken müsste, würde ich mit Freuden verhungern.«
O lieber Gott. Mach, dass ich träume! »Mom?«
Sie warf mir einen missbilligenden Blick zu und stellte das Glas auf einem Tisch in der Nähe ab.
»Du hast schon wieder abgenommen. Kann diese Kreatur dich nicht mal vor dem Hungertod bewahren?«
Nein, kein Traum. Sie war es, leibhaftig. »Was machst du hier? Wo ist Bones?«
Sie hob die Hand. »Er ist unterwegs. Selbst wenn ich wüsste, wohin, dürfte ich es dir nicht verraten. Du weißt schon, falls der andere Vampir es herausfindet. Ich muss schon sagen, Catherine, du hast einen erbärmlichen Männergeschmack.«
Jesus, Maria und Joseph. Hilf mir doch einer von euch dreien. »Können wir das Bones-ist-scheiße-Spielchen diesmal auslassen? Ich bin nicht in Stimmung.«
»Wäre ja auch noch schöner«, keifte sie weiter. Typisch. »Du hast den Regen geheiratet, und wie es aussieht die Traufe gleich dazu.«
Was hatte Bones sich wohl gedacht, als er sie hatte herkommen lassen? Klar doch, lass mich einfach ein bisschen Zeit mit meiner Mutter verbringen. Ich würde noch um meine Pillen betteln.
»Kein Wort über Gregor, sonst …«
Ich verstummte, und ihre Lippen kräuselten sich. »Sonst was, Catherine?«
Ja, was? Sie war meine Mutter. Ich konnte ihr weder mit Ohrfeigen, meinem Messer, noch mit Schlägen drohen, nicht einmal beschimpfen konnte ich sie. Ich versuchte mir etwas einfallen zu lassen, um sie so zu verängstigen, dass sie das Desaster mit dem Traumräuber nie wieder erwähnen würde.
»Sonst werde ich zur Swingerin«, sagte ich. Sie machte große Augen. Sie war sittenstreng erzogen, und alternative Lebensstile machten sie nervös. »Ganz recht. Sex mit drei, vier, noch mehr Leuten. Bones kennt tausend Weiber, die liebend gern mit uns ins Bett hüpfen würden. Dann machen wir ganz abgefahrene Sachen, lassen so richtig die Sau raus …«
Sie plusterte sich vor Empörung auf. »Catherine!«
Aus dem Stockwerk unter uns hörte ich das Lachen einer Frau. Der Laut war so unverkennbar wie unerwartet.
»Ich bin dabei!«
Annette, die erste Vampirin, die Bones selbst erschaffen hatte, lachte erneut auf. Es war das wissende Glucksen einer Frau, die keine Witze macht.
Meine Mutter sprang auf. Die Schlafzimmertür stand offen, und Annette hatte so laut gesprochen, dass selbst meine Mutter sie hören konnte.
»Da kannst du warten, bis du schwarz wirst, du notgeiles englisches Flittchen!«
Innerlich applaudierte ich meiner Mutter, aber ich hatte immerhin angefangen. »Mom, nenne Annette nicht Flittchen. Es geht dich nichts an, wie viele Sexpartner sie hatte.«
Okay, ganz so generös konnte ich dann doch nicht sein. Was hatte Bones sich nur dabei gedacht, beide Frauen mit mir unter ein Dach zu sperren? Dank der sexuellen Eskapaden, die Annette jahrhundertelang mit Bones verbunden hatten, kam ich selbst an guten Tagen nicht gerade bestens mit ihr aus. Und meine Mutter und ich hatten ohnehin so unsere Probleme miteinander, obwohl sie sich in letzter Zeit ein bisschen mehr für die Untoten erwärmen konnte, einen gewissen Ghul im Besonderen.
»Mom, schön dich zu sehen. Jetzt möchte ich aber gern ein anständiges Bad nehmen.«
Sie erhob sich. »Im Haus weiß jeder, dass du nicht wissen darfst, wo wir sind. Solange du nicht nach draußen gehst, kannst du also tun und lassen, was du willst. Ich habe dir Kleidung mitgebracht. Sie ist im Schrank. Oh, und mach den Fernseher nicht an. Das Radio auch nicht, und das Telefon darfst du natürlich auch nicht benutzen.«
Mit diesen hilfreichen Tipps verließ sie mich. Ich wartete einen Augenblick und schwang dann die Beine aus dem Bett. Wenigstens würde ich ohne Hilfe baden können. Man musste mit kleinen Dingen zufrieden sein.
Nachdem ich mich ausgiebig gewaschen, zurechtgemacht und angezogen hatte, ging ich nach unten, wo ich die Stimmen der anderen hören konnte. Ich hatte tatsächlich keine Ahnung, wo wir sein könnten. Mein einziger Anhaltspunkt war, dass das Haus alt, aber modern ausgestattet war und auf einer steilen Anhöhe lag. Das hatte ich durchs Fenster gesehen. Grüne Hügel und Felsen erstreckten sich, so weit das Auge reichte, und die Luft roch anders. Vielleicht waren wir in den nördlichen Rocky Mountains, aber irgendwie hatte ich nicht das Gefühl, dass wir in den Staaten waren. Kanada vielleicht. Vielleicht auch nicht.
Ich beschloss, nicht weiter nachzuforschen. Wäre ja auch kontraproduktiv gewesen.
Als ich in die Küche kam, verstummte das Geplauder so abrupt, dass es schon fast komisch war. Fünf Köpfe hoben sich gespielt ungezwungen. Außer meiner Mutter und Annette waren noch Bones’ Meister, Ian, sowie Spade und Rodney da.
»Hallo zusammen«, sagte ich. »Seid ihr komplett? Oder treiben sich hier noch mehr Leute rum?«
»Oh, noch eine ganze Menge«, begann meine Mutter, bevor sie »Autsch! Wer hat mich getreten?« kreischte.
Ein undamenhaftes Schnauben entfuhr mir. »Spade wahrscheinlich. Ich darf also nicht mal wissen, wer noch hier ist? Warum ist das so wichtig?«
»Nur ein paar Wachleute, Cat«, antwortete Spade wegwerfend, während er meiner Mutter einen drohenden Blick zuwarf. »Nichts, worüber du dir Gedanken machen müsstest.«
»Schön.« Würde ich genauere Informationen erbitten, hätte ich vermutlich bald wieder die Augenbinde um.
Ian saß zurückgelehnt auf seinem Stuhl, die Beine an den Knöcheln überkreuzt. Seine türkisfarbenen Augen blitzten schelmisch, als er sich an meine Mutter wandte.
»Hab dich vermisst, als ich letzte Nacht angekommen bin. Schön, dich wiederzusehen, Schätzchen«, sagte er gedehnt.
Rodney sah Ian genauso drohend an wie ich, allerdings aus einem anderen Grund. Rodney und meine Mutter waren, äh, zusammen. Soweit ich wusste. Ich fand es abartig, genauer über das Liebesleben meiner Mutter nachzudenken, und das lag nicht daran, das Rodney ein Ghul war.
»Lass meine Mutter in Ruhe«, wandte ich mich mit wütendem Blick an Ian.
Er lächelte ungerührt. Zu so etwas wie Reue wäre Ian nicht mal fähig, wenn sein Nachleben davon abhängen würde. Obwohl er sich Bones gegenüber als treuer Freund erwiesen hatte, waren Ian und ich nicht gut aufeinander zu sprechen. Er sammelte Raritäten, seien es Gegenstände oder Leute. Dieser Spleen hatte Ian auch auf die Idee gebracht zu versuchen, mir eine sexuelle Beziehung zu ihm aufzunötigen, bevor er von meiner Vergangenheit mit Bones gewusst hatte. Jetzt machte Ian mir keine unsittlichen Angebote mehr, schien aber Gefallen daran zu finden, sich immer wieder neue Methoden auszudenken, mich auf die Palme zu bringen.
Jetzt zum Beispiel musterte er gerade ausgiebig meine Mutter, wobei er darauf achtete, dass ich mitbekam, wie er bestimmte Körperpartien besonders eingehend begutachtete. Dann grinste er.
»Wirklich schön, dich wiederzusehen, Justina.«
Ich konnte nur hoffen, dass die Abneigung, die meine Mutter Vampiren gegenüber empfand – und die einst meine Kindheit zur Hölle gemacht hatte –, ihr jetzt zugutekam. Meine Mutter hasste meinen Vater, Max, seit er sie verführt und ihr dann nur so aus Spaß erzählt hatte, sie hätte gerade Sex mit einem Dämon gehabt. Als sie von ihm schwanger wurde, hatte sie geglaubt, sie würde einen Halbdämon zur Welt bringen – mich. Den üblen Scherz meines Vaters hatte ich mein Leben lang büßen müssen, bis Bones mir gezeigt hatte, dass an Vampiren mehr dran war als Fangzähne.
Davon war meine Mutter offensichtlich noch immer nicht ganz überzeugt, zumindest dem Blick nach zu urteilen, den sie Ian zuwarf.
»Hast du nichts Besseres zu tun?«, fragte sie ihn mit vernichtender Stimme.
Ians Lächeln wurde breiter. »Klar. Zieh den Rock hoch, dann zeig ich’s dir.«
»Jetzt reicht’s!«, kreischte ich und stürzte mich auf ihn, während Rodney so abrupt aufsprang, dass sein Stuhl umkippte, und ebenfalls auf Ian losging. Wir waren beide so aufgebracht, dass Ian nur ausweichen und zusehen musste, wie wir uns gegenseitig über den Haufen rannten.
»Ian, es reicht«, schnauzte Spade, der zwischen mich und Rodney getreten war, als wir uns gerade wieder aufgerappelt hatten, um Ian erneut zu attackieren. »Cat, Rodney, … Ian hat nichts mehr zu sagen. Ist doch so?«
Spade blitzte Ian an, der lediglich eine Schulter hochzog.
»Fürs Erste.«
Ich war also zusammen mit meiner Mutter, ihrem stinkwütenden Freund, Bones’ Exgeliebter, seinem notgeilen Erzeuger und seinem maulfaulen Busenfreund eingesperrt. Falls ich noch Appetit gehabt hatte, als ich nach unten gekommen war, war er mir jetzt vergangen. Ich wollte nur noch weg von diesen Leuten, aber dann hätte ich mich wieder in meinem Zimmer verkriechen müssen, und davon hatte ich auch die Schnauze voll.
Vielleicht gab es doch noch Hilfe. Ich näherte mich den Küchenschränken und fing verbissen an zu wühlen.
»Was suchst du, Catherine?«, erkundigte sich meine Mutter.
»Alkohol.«
Ich war gerade bei der dritten Flasche Jack Daniel’s, als Bones eintraf. Es war Abend, und die Strahlen der untergehenden Sonne verliehen seinem Haar einen rötlichen Schimmer, als er durch die Tür kam. Schon ein Blick auf seinen straffen, muskulösen Körper reichte aus, und ich schloss die Hand fester um die Whiskeyflasche. Gott, er sah gut aus, aber ich musste meine schmutzigen Gedanken abschalten und an etwas anderes denken. Landwirtschaftliche Geräte. Gemüseanbau. Die Wirtschaftslage.
»Mensch, Kätzchen, machst du das schon den ganzen Tag? Trinken?«
Bones’ tadelnde Stimme ließen meine plötzlich erwachten erotischen Gefühle auf der Stelle verebben. Nein, an das Staatsdefizit brauchte ich jetzt nicht mehr zu denken!
»Du musst gerade was sagen! Hast eine gesunde Gesichtsfarbe«, gab ich zurück. »Hat’s deshalb so lange gedauert? War deine Beute heute besonders lecker?«
Die Eifersucht hatte mich überkommen, so unbegründet sie vielleicht sein mochte. Bones trank aus zwei Gründen von Frauen: Erstens waren sie für einen Mann seines Aussehens leichte Beute, und zweitens schmeckten sie Bones besser. Ich hatte ihm erst nicht geglaubt, dass er zwischen Frauen- und Männerblut tatsächlich einen Unterschied schmecken konnte, aber dann hatte er es unter Beweis gestellt. Er konnte den Vorrat einer ganzen Blutbank fehlerfrei nach Geschlecht der Spender sortieren. Einmal hatte er gesagt, er hätte wohl über die Jahre hinweg eine Schwäche für Östrogen entwickelt.
»Nach einem Kübel Whiskey hat sie nicht geschmeckt, das steht mal fest«, ätzte er zurück, als er auf mich zukam und mit hochgezogenen Brauen die fast leere Flasche in meiner Hand betrachtete. »Ist das alles, was du heute zu dir genommen hast?«
»Klar, Crispin«, dröhnte Ian. »Die säuft wie ein Loch!«
In der Nähe gab es nichts Schweres, das ich nach ihm hätte werfen können, höchstens die Whiskeyflasche, aber die würde ich nicht hergeben. »Leck mich, Ian!«
Bones wollte sich die Flasche schnappen, aber damit hatte ich gerechnet. Ich hielt fest, wir veranstalteten ein Tauziehen.
»Lass los«, schnauzte er mich an und bog mir die Finger auf. »Du brauchst was Anständiges zu essen, Kätzchen, und viel Wasser. Mann, wo ist deine Mutter? Kann die Frau nicht mal dafür sorgen, dass du was isst?«
Wenn er mich auf die Palme bringen wollte, hätte er sich keine bessere Methode aussuchen können. »Klar doch. Lass mich füttern, tränken und an der Leine herumführen. Weißt du, was du hättest heiraten sollen, Bones? Einen Hund, dann hättest du nicht diese leidigen Probleme damit, dass er ab und zu mal seinen eigenen Willen hat.«
»Das hatte mir gerade noch gefehlt«, knurrte Bones und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. »Eine vollgesoffene Xanthippe, die zu Hause mit dem Nudelholz auf mich wartet.«
Das hatte ihm gerade noch gefehlt? Ich war es doch, die man bewusstlos geschlagen, unter Drogen gesetzt und gefüttert hatte wie ein Baby. Alles wegen eines verrückten Vampirs, der mich im Alter von sechzehn Jahren entführt hatte und jetzt kein Nein als Antwort akzeptieren wollte. »Die ›vollgesoffene Xanthippe‹ zu machen, war für mich noch das Highlight der Woche. Also entschuldige bitte, wenn ich nicht mit einem großen roten X am Hals auf dich warte, damit du weißt, wo du dein Dessert abholen kannst.«
Ein Teil von mir war entsetzt über das, was ich gerade gesagt hatte. Schließlich war ich nicht wütend auf Bones, sondern auf die Umstände, aber ich konnte nicht mehr unterscheiden zwischen dem, was ich sagen wollte, und dem, was ich sagte. Ich konnte es nicht einmal auf den Alkohol schieben. Als Halbvampirin konnte ich von dem üblichen Stoff gar nicht besoffen werden.
»Im Augenblick finde ich, dass das genau die richtige Behandlung für dich wäre«, schoss Bones zurück. »Willst du das? Soll ich dich ins Bett bringen und dir ein bisschen was von deiner Zickigkeit aussaugen? Ich würde dir zwar lieber Verstand einprügeln, aber als Vampir habe ich andere Möglichkeiten, ob es mir gefällt oder nicht.«
Mir klappte die Kinnlade runter, und meine Hand kribbelte vor Verlangen ihn zu ohrfeigen.
Gleichzeitig hätte ich am liebsten geheult. Das war alles so falsch. Ich war dem Zusammenbruch nahe und ganz allein, trotz der vielen Leute um mich herum.
Entweder spiegelten sich meine Gefühle auf meinem Gesicht wider, oder er hatte das wirbelnde Chaos in meinem Kopf gehört. Bones’ Züge verloren ihre eisige Kälte, und er seufzte.
»Kätzchen …«
»Nicht.« Mir stockte der Atem, ich unterdrückte ein Schluchzen. Irgendwie hatte ich keine Kontrolle mehr über das, was ich fühlte und was aus meinem Mund kam, also war es besser für mich, wieder allein zu sein. Und zwar schnell, bevor ich noch andere Dinge sagte, die ich nicht so meinte.
»Ich, äh, bin müde.«
Ich ging die Treppe hinauf und ließ die Whiskeyflasche auf der Couch zurück. Der Alkohol hatte mir nicht geholfen. Seit ich wieder zu mir gekommen war, hatte ich eigentlich alles nur noch schlimmer gemacht. Ich wusste, dass Bones nicht schuld an der Situation war. Er wollte nur alle beschützen, mich eingeschlossen. Aber irgendwie hatte ich meinen ganzen Ärger an ihm ausgelassen. Solange ich bewusstlos war, konnte ich unserer Beziehung wenigstens nicht noch mehr schaden.
Ich schloss die Tür hinter mir. Im Schlafzimmer gab es keine Gläser, also schluckte ich Dons Pillen mit Leitungswasser aus der hohlen Hand. Sie wurden immer weniger. Ich würde ihn bitten müssen, mir Nachschub zu schicken … nur wusste ich nicht, wo wir waren.
Schon bald hatte ich wieder das Gefühl zu fallen, als würde sich die Matratze auftun und mich einsaugen. Einen Sekundenbruchteil lang spürte ich Panik in mir aufkeimen und griff um mich, um etwas zum Festhalten zu finden. Aber wie gewünscht war ich allein.
Als ich später kühle Haut an meinen Lippen spürte, war ich erleichtert. Dann hörte ich auf zu schlucken, und wusste, dass nicht Bones bei mir war, selbst mit geschlossenen Augen und kaum bei Bewusstsein. Das Blut schmeckte anders.
Allmählich erkannte ich Spade. Er nahm seine Hand weg, blieb aber auf dem Bett sitzen. Draußen war es noch dunkel. Leider hatte ich nicht gleich den ganzen elenden Tag verschlafen.
»Wo ist Bones?«, fragte ich.
»Er ist draußen, dürfte bald zurück sein.«
Ich sagte nichts, aber meine Trauer darüber, dass Bones sich jetzt nicht einmal mehr die Zeit nahm, mich aufzuwecken, zeichnete sich wohl in meinem Gesicht ab. Spade seufzte.
»Er ist so etwas nicht gewohnt, Cat, und er kommt ziemlich schlecht damit klar.«
»Was nicht gewohnt?« Mit einer psychotischen Zicke verheiratet zu sein?, schoss es mir durch den Kopf.
»Angst.« Spade senkte die Stimme. »Crispin war immer sehr stolz darauf, seine Gefühle im Griff zu haben, aber bei dir schafft er das nicht. Er musste noch nie Angst haben, eine geliebte Person an jemand anderen zu verlieren. Oh, dein Freund Tate bringt Crispin durchaus auf die Palme, aber er weiß, dass er keine echte Bedrohung darstellt. Bei Gregor ist das anders. Er ist älter als Crispin, mächtiger, und niemand weiß, wie viel er dir vielleicht bedeutet hat.«
Spade hatte die Situation wohl leider unterschätzt. »Ich glaube nicht, dass das das Problem ist. Bones und ich streiten uns jedes Mal, wenn wir zusammen sind.«
»Ihr seid beide schlecht drauf und habt nichts anderes zu tun, als euch gegenseitig zu zerfleischen, aber du darfst das Wesentliche nicht aus den Augen verlieren. Ist nicht er es, für den du kämpfst?«
Ich biss mir auf die Unterlippe. »Was, wenn wirklich ich es bin, die unseren Aufenthaltsort verrät? Was, wenn alles, was ich weiß, während ich schlafe irgendwie an Gregor weitergegeben wird? Ich könnte alle in Gefahr bringen, indem ich einfach nur aufwache! Und ich kann überhaupt nichts dagegen tun.«
Meine Stimme brach. Vor Tränen verschwamm mir der Raum vor Augen.
»Ich denke, ich sollte zu Don gehen«, verkündete ich schließlich und wischte mir die Augen. »Dort haben sie alle Arten von sicheren Unterbringungsmöglichkeiten, die sogar einem Bombenanschlag standhalten können. Ich könnte dort abwarten, bis sich die Lage wieder beruhigt hat. Dann würde ich nicht mehr alle um mich herum in Gefahr bringen …«
»Du gehst nirgendwohin.«
Bones war hinter Spade in der Tür aufgetaucht. Ich hatte ihn nicht einmal die Treppe heraufkommen hören; er bewegte sich beinahe so lautlos wie Fabian. Grün blitzte in seinen Augen auf, und seine Miene war versteinert.
»Für den Fall, dass du nicht zugehört hast, Kätzchen, sage ich es dir noch einmal: Du gehst nirgendwohin. Weder zu Don noch zu sonst wem. Du gehörst mir, also sage nie mehr, dass du fortgehst.«
Das war keine zärtliche Liebeserklärung. Nein, seine emotionslose Feststellung bedeutete nur eins: »Du bist der Klotz, der an meinem Bein hängt!« Und damit ging Bones, ohne sich die Mühe zu machen, auch nur ein weiteres Wort an mich zu richten.
Spade drückte mir die Hand und glitt dann vom Bett. Bevor er ging, warf er mir noch einen mitfühlenden Blick zu.
»Alles wird gut.«
Ich sagte nichts, glaubte ihm aber nicht. Bones hatte mir nicht mal die Chance gegeben, mich für vorhin zu entschuldigen, bevor er davonstolziert war. Alles, was mir etwas bedeutete – meine Beziehung zu Bones, meine Unabhängigkeit, für meine Freunde da sein zu können, Mörder auszuschalten – , all das war jetzt zerstört. Zum Großteil war das Gregors Schuld. Ein bisschen allerdings auch meine eigene. Aber wenigstens konnte ich etwas dagegen tun.
Immer schön eins nach dem anderen. Ich musste meine wirren Gefühle in den Griff bekommen, sodass ich mich später in aller Ruhe mit Bones aussprechen konnte, wenn ich ihn sah. Ich konzentrierte mich auf meinen emotionalen Panzer, das dicke Fell, das ich mir schon als Kind zugelegt hatte, als selbst meine Mutter mich nicht haben wollte, und das in den Jahren nach meiner Trennung von Bones sogar noch dicker geworden war. Inzwischen war es eine Selbstverständlichkeit für mich, und im Augenblick auch das Einzige, was mich aufrecht hielt.
Als ich mich halbwegs unter Kontrolle hatte, fing ich an, Pläne zu schmieden. Erst würde ich eine lange, heiße Dusche nehmen, dann ein bisschen trainieren, um Dampf abzulassen. Mit etwas Glück würde ich Ian als Sparringspartner gewinnen können. Ihn so richtig fertigzumachen, schien mir ein guter Anfang zu sein, schließlich war er seit dem Tag, an dem ich ihn geschlagen hatte, auf Revanche aus.
Na dann, Ian, dachte ich, heute ist dein Glückstag.
Hinterher würde ich mit Bones reden. Versuchen, mich mit ihm auszusprechen, bevor alles noch schlimmer wurde.