5

Holpernd setzte das Flugzeug auf. Mir machte das nichts aus, aber ich sah, wie Bones’ Lippen sich zu einem schmalen Strich zusammenpressten. Er mochte Flugzeuge nicht. Wäre die Strecke nicht zu weit für ihn gewesen, hätte er bestimmt versucht, mich zu überreden, mit ihm persönlich zu fliegen. An seine Brust gepresst mit ihm als mein Privatjet. Aber jeder hatte eben seine Grenzen.

Knappe drei Stunden nachdem wir Spades Haus verlassen hatten, gingen wir an Bord. Ich hatte meinen Onkel angerufen und ihm gesagt, dass wir sofort in die Staaten zurückmüssten. Der hatte seine Beziehungen spielen lassen, und siehe da, im ausgebuchten Flug von London nach Orlando gab es plötzlich noch Platz für vier Personen. Manchmal hatte es durchaus Vorteile, einen Verwandten mit Verbindungen zu höchsten Regierungskreisen zu haben.

Mencheres und Spade blieben in London, aber zwei Vampire namens Hopscotch und Band-Aid begleiteten uns. Um ein bisschen Zeit totzuschlagen, fragte ich sie, wie sie zu ihren Spitznamen gekommen waren. Hopscotch, ein Aborigine, der seit über zweihundert Jahren mit Bones befreundet war, sagte, er hätte den englischen Namen für das beliebte Hüpfspiel gewählt, weil sein Adoptivkind am liebsten Himmel und Hölle gespielt hatte. Band-Aid2 grinste nur und meinte, er wäre schmerzfrei und hätte sich deshalb so genannt. Ich fragte nicht genauer nach.

Wir wurden als Erste von den Flugbegleitern nach draußen gebeten. Die Maschine hatte noch nicht einmal ans Terminal angedockt. Wir stiegen also über eine mobile Gangway aus, die normalerweise nur die Crew benutzte. In der Nähe wartete eine Limousine, hinter deren heruntergelassener Fensterscheibe mein Onkel auftauchte.

Ich hatte ihn seit Monaten nicht gesehen. Als sich ein Lächeln auf seinem zerfurchten Gesicht ausbreitete, fiel mir auf, wie sehr ich ihn vermisst hatte.

»Ich wollte dich überraschen.«

Bones sah sich wachsam um, bevor er mich zu meinem Onkel begleitete. Band-Aid und Hopscotch schritten witternd wie Bluthunde die Umgebung ab, während wir geduckt in den Wagen stiegen. Schließlich stiegen auch sie ein und ließen sich uns gegenüber nieder.

Spontan umarmte ich Don, was uns beide überraschte. Als ich mich von ihm löste, hörte ich aus dem vorderen Teil des Wagens eine vertraute Stimme.

»Querida, kein Kuss für deinen hombre

»Juan?« Ich lachte. »Du spielst den Chauffeur für Don?«

»Um dich sehen zu können, würde ich sogar einen Traktor fahren.« Grinsend drehte er sich um. »Dein Lächeln hat mir gefehlt, und auch dein Gesicht und dein runder, praller …«

»Fahr los, Mann«, fiel Bones ihm ins Wort. »Wir haben’s eilig.«

Bones’ schroffe Art schien Don zu überraschen. Trotz hierarchischer Unterschiede kamen Bones und Juan normalerweise gut miteinander aus, da Bones Juan im letzten Jahr zum Vampir gemacht und damit in seine Sippe aufgenommen hatte. Auch Juan wirkte verblüfft über Bones’ heftige Reaktion. Schließlich flirtete er immer mit mir – und so ziemlich mit jeder Frau im Umkreis von hundert Metern –, aber er sagte nichts. Mit einem letzten kurzen Grinsen fuhr er los.

»Ich hatte dich gebeten, uns ein unauffälliges Fahrzeug zur Verfügung zu stellen«, fuhr Bones meinen Onkel an. »Und du parkst mit einer Limousine direkt vor dem Flieger. Was denkst du dir eigentlich?«

Don zupfte an seiner Augenbraue herum. »Warte zwei Minuten, dann kannst du entscheiden, ob deine Kritik gerechtfertigt ist.«

»Wir sind beide müde«, sagte ich, und wandte mich per Gedankenübertragung an Bones. Niemand weiß doch, dass wir überhaupt wieder in den Staaten sind. Hör auf, die Leute anzupöbeln. Gleichzeitig drückte ich ihm allerdings die Hand, ein stummes Versprechen, dass es uns beiden besser gehen würde, sobald wir am Ziel unserer Reise angekommen wären.

»Ich bin ein bisschen gereizt, Don, verzeih, dass ich dich so angeschnauzt habe«, sagte Bones und schloss begütigend die Hand um meine. »Du auch, Juan, aber tu mir den Gefallen und beschränke dich mit deinen Schmeicheleien auf ein Minimum. Im Augenblick trifft das bei mir einen wunden Punkt.«

»Bueno, pero cuál es el problema?«

»Sprich Englisch«, ermahnte ich ihn.

»Er will wissen, wo das Problem liegt, Süße.« Bones lehnte sich zurück und tippte an meine Hüfte. »Anschnallen. Würde mir gerade noch fehlen, wenn du bei einem Autounfall zu Schaden kommst.«

Ich schloss den Gurt. »Zufrieden?«

Eine schwarze Limousine fegte an uns vorüber. Dann noch eine. Und noch eine. Überrascht sah ich durchs Rückfenster und entdeckte hinter uns mindestens zwölf ähnliche Autos, die alle in die gleiche Richtung unterwegs waren wie wir.

»Die gesamte Besetzung des neuen Miramax-Films hat gerade Erlaubnis erhalten, den Flughafen zu verlassen. Die Ärmsten wurden vom Sicherheitsdienst aufgehalten. Mussten stundenlang warten.«

Ein Lächeln erschien auf Bones’ Gesicht. »Bist ein richtiger Fuchs, was?«

»Ich habe Übung. Musste Cat schließlich lange genug verstecken, weißt du nicht mehr?«

Bones schnaubte geringschätzig. »Doch, ich kann mich sehr gut erinnern.«

»Sei friedlich«, ermahnte ich ihn. Ein Wettpinkeln zwischen den beiden war das Letzte, was wir jetzt brauchten.

Bones drückte meine Hand. »Keine Bange, ich bin nicht mehr sauer auf ihn. Er könnte sich sogar als nützlich erweisen. Also, erzähl mal, alter Knabe! Haben deine bekloppten Forscherfreunde vielleicht eine Pille, die einen am Träumen hindert?«

Don lauschte mit morbider Faszination, als ich ihm von Gregor und meiner mutmaßlichen Vergangenheit mit ihm erzählte und ihn darüber aufklärte, warum er der Traumräuber genannt wurde. Als ich all seine Fragen beantwortet hatte, waren zwei Stunden vergangen und mein Onkel wirkte, als wäre ihm nicht gut.

»Juan, fahr an der nächsten Ausfahrt raus, an der Shell-Tankstelle wartet ein anderer Wagen auf uns«, wies Bones unseren Fahrer an. »Kätzchen, du hast nur ein paar Minuten, dann müssen wir weiter.«

»Ich werde sehen, was sich wegen der Pillen für Cat machen lässt«, versprach Don, als er sich wieder gefangen hatte. »Bestimmt kann ich ein wirksames Mittel entwickeln lassen. «

Juan fuhr von der Interstate ab und steuerte die nächste Tankstelle an, tatsächlich eine Shell.

»Ah, da wären wir. Juan, vaya con dios, und Don«, Bones streckte ihm die Hand hin, »mach’s gut.«

Don schüttelte Bones die Hand. »Ich werde unverzüglich ein Medikament in Auftrag geben.«

Ich umarmte meinen Onkel zum Abschied, obwohl wir eigentlich beide unsere Zuneigung nicht gerne zur Schau stellten. Aber wer wusste schon, wann ich ihn wiedersehen würde? Abgesehen von meiner Mutter war Don mein einziger Verwandter.

»Danke, dass du uns begleitet hast, Don. Das hat deine Zeitplanung bestimmt ganz schön durcheinandergebracht.«

»Meine Termine konnten warten.« Don drückte meine Schulter. »Sei vorsichtig, Cat.«

»Versprochen.«

Hopscotch und Band-Aid stiegen zuerst aus. Sie sahen sich kurz an der Tankstelle um und gaben uns dann mit aufgerichtetem Daumen zu verstehen, dass die Luft rein war. Bones ging zu einem kastanienbraunen SUV und grüßte dessen Fahrer. War wohl unsere nächste Mitfahrgelegenheit.

Ich stieg aus und ging zur Fahrerseite der Limousine. »Keine Umarmung, mein Freund?«

Juan stellte die Automatik auf Parken, ließ aber den Motor laufen, stieg aus und drückte mich stürmisch an sich, ohne wie üblich meinen Hintern zu betatschen. »Hombre ist schlecht drauf«, murmelte er.

»Er hat bloß nicht geschlafen. Wir kommen schon klar.«

»Kätzchen.« Bones trommelte mit dem Fuß auf den Boden. »Wir sind hier sehr exponiert. Mach nicht zu lange.«

»Okay.« Ich schenkte Juan ein letztes Lächeln. »Bring dich nicht in Schwierigkeiten.«

»Du dich auch nicht, querida

Ich ging auf die Tür mit der Aufschrift DAMEN an der Außenseite der Tankstelle zu, wobei ich Bones per Gedankenübertragung anwies, nicht vor dem Klo Wache zu stehen. Drinnen war es kurz gesagt eklig, aber ich hatte keine große Wahl. Hätte ich wirklich nie wieder eine öffentliche Bedürfnisanstalt von innen sehen wollen, wäre mir nur die Verwandlung zur Vampirin übrig geblieben. Da ich aber beschlossen hatte, die eine Hälfte Menschlichkeit zu bewahren, die mir noch geblieben war, konnte ich die Scherereien, die damit verbunden waren, nur mir allein zum Vorwurf machen.

 

Als wir die fünfunddreißig Kilometer lange Brücke nach New Orleans überquerten, war es wieder Abend. Da ein Besuch der Stadt während meiner Zeit bei Don aus beruflichen Gründen nicht angestanden hatte, war ich noch nie dort gewesen. Das berühmte Pflaster konnte zwar mit einer ansehnlichen Kriminalitätsrate aufwarten, bei den Verbrechern handelte es sich aber erstaunlicherweise ausschließlich um Menschen, nicht um Vampire oder Ghule.

Während der fünfstündigen Fahrt von Tallahassee nach New Orleans wollte Bones nicht schlafen. Vermutlich fürchtete er, ich könnte auch einnicken, wenn er mich nicht mit Argusaugen beobachtete. Hopscotch lenkte den Wagen, Band-Aid saß auf dem Beifahrersitz. Als wir über die Brücke fuhren, fragte ich Bones schließlich, was wir eigentlich in der Stadt wollten.

»Ich muss mit der Königin von New Orleans sprechen«, antwortete Bones. »Sie wäre eine mächtige Verbündete für uns, falls die Sache mit Gregor aus dem Ruder läuft, aber sie mag keine Bittgesuche per Telefon.«

»Schon wieder eine Königin?« In Europa gab es weniger gekrönte Häupter als unter den Untoten.

Er sah mich von der Seite an. »Die Königin von New Orleans heißt Marie Laveau, auch wenn sie inzwischen nur noch Majestic genannt wird. Unter den Ghulen des Landes ist Marie eine der mächtigsten. Schon mal Gerüchte über Voodoo gehört? Das sind keine Gerüchte, Schatz.«

Mir gefiel das nicht. Die letzte Königin mit Zauberkräften, die mir begegnet war, hätte uns alle fast umgebracht. So wie ich das sah, ging von Frauen größere Gefahr aus als von Männern.

»Ist es nicht riskant, sich mit ihr zu treffen, wenn sie die schwarzen Künste beherrscht und so?«

»Marie hält sich an eine sehr strenge Etikette. Wenn sie einem Audienz gewährt, steht man unter ihrem Schutz, solange man bei ihr ist, auf dem Weg zu ihr und wieder zurück. Kommt vor, dass sie droht, einen hinterher bei erster Gelegenheit abmurksen zu lassen, aber man darf unbehelligt den Heimweg antreten. Trödeln sollte man allerdings nicht.«

»Sie mag zwar eine höfliche Gastgeberin sein, aber wie sieht es mit dem Rest der pulslosen Stadtbewohner aus? ›Ups, da habe ich doch tatsächlich ein paar Touristen kaltgemacht, Majestic‹, du weißt schon, was ich meine.«

Bones schnaubte grimmig. »Bei Marie gibt es kein ›Ups‹. Wenn sie sich auf unsere Seite schlägt, wird niemand innerhalb des French Quarters es wagen, uns anzugreifen. Nicht einmal Gregor.«

»Gehen wir ins Hotel?«

»Ich habe ein Haus in der Stadt, aber ich nutze es kaum noch. Eine alte Freundin wohnt dort, hält es in Schuss. Ich weiß nicht, wie lange wir bleiben werden, weil ich noch keinen Termin für das Treffen mit Marie habe. Marie möchte, dass man in der Stadt ist, wenn sie einen sehen will.«

Die Straßen wurden schmaler. Als wir uns der Altstadt, dem French Quarter, näherten, gab es nur noch Einbahnverkehr. Backstein- und Steingebäude lösten die hübsch verputzten Fassaden ab, und die Stadt schien mit einem Mal zu altern. Das Auffälligste aber war nicht die Architektur.

»Bones.« Verblüfft warf ich den Kopf herum. »Mein Gott, schau dir die an …«

Seine Lippen zuckten. »Sind schon was Besonderes, nicht wahr? Lass dich bloß nicht auf eine Unterhaltung mit einem von denen ein, die kauen dir das Ohr ab.«

Die Geister waren überall. Sie schwebten über den Dächern, schlenderten die Gehwege entlang, saßen auf Bänken neben (oder auf) nichtsahnenden Touristen. Als wir an einer roten Ampel hielten, stand unser Wagen direkt neben einer Touristengruppe, die sich ironischerweise gerade über historische Spukgestalten in New Orleans informieren ließ. Ich konnte beobachten, wie drei Geister über die Fehler in den Erläuterungen des Fremdenführers diskutierten. Ein Geist war so aufgebracht, dass er immer wieder durch den Bauch des Mannes flog, wodurch der in einem fort rülpsen musste. Der Ärmste dachte vermutlich, er hätte Verdauungsprobleme, dabei war ihm nur ein gereiztes Gespenst in den Magen gefahren.

Ich hatte schon Geister gesehen, aber noch nie so viele auf einmal. Irgendwie schienen sie hierherzugehören. Der Ort strahlte eine Art Energie aus, die sogar bis in unser Auto drang.

»Die Stadt ist wunderschön«, sagte ich schließlich. »Ich bin überwältigt.«

Bones musste lächeln, sodass die Anspannung aus seinen Zügen wich. »Ach Kätzchen, das dachte ich mir.«

Der SUV hielt an einer Kreuzung hinter dem belebtesten Teil des Viertels an. Bones sprang aus dem Wagen, ging um ihn herum und öffnete mir die Tür.

»Wir sind da.«

Gebäude, die an Reihenhäuser erinnerten, säumten die Straße, nur wenige hatten allerdings Eingangstüren.

»Das soll so sein«, beantwortete Bones meine stumme Frage, während Band-Aid den Wagen wegfuhr und nur noch Hopscotch bei uns blieb. »Die kreolischen Familien empfanden Vordereingänge als anmaßend. Man betritt das Haus durch eine Seitentür.«

Er ging durch ein Tor am Eingang einer schmalen Gasse und öffnete eine Tür in der Mauer. Ich folgte ihm nach drinnen, überrascht über das opulente Innere, das sich hinter der eher heruntergekommenen Fassade des Hauses verbarg.

»Liza«, rief Bones. »Wir sind da.«

Sofort drehte ich mich um, ein höfliches Lächeln auf dem Gesicht, und sah ein junges Mädchen die Treppe herunterkommen.

»Wie schön, dich kennenzulernen, chère«, begrüßte sie mich mit leichtem Akzent.

»Äh …« Ich streckte die Hand aus und wusste nichts zu sagen. Liza war eine Ghula und vermutlich steinalt, aber Gott, sie sah aus wie eine Vierzehnjährige.

Ihre Hand war feingliedrig und zart, wie der Rest von ihr. Liza maß einen Meter fünfundfünfzig, wenn man großzügig sein wollte und wog bestimmt nicht mehr als vierzig Kilo. Ihr schwarzes Haar, das zu schwer für ihre zarte Gestalt zu sein schien, wehte, als sie auf Bones zulief.

»Mon cher …«

Ein Blick auf ihr Gesicht, als sie ihn ansah, genügte, und mein Verdacht über die Art der Beziehung, die Bones zu ihr gehabt hatte, bestätigte sich. Bones, du bist ein Schwein. Das habe ich zwar schon immer vermutet, aber jetzt ist es amtlich.

Bones drückte das Mädchen an sich. Liza verschwand praktisch in seinen Armen, aber ich erhaschte einen Blick auf ihr Gesicht. Ein bildhübsches Lächeln brachte es zum Leuchten. Sie sah gut aus, stellte ich fest. Das war mir erst gar nicht aufgefallen.

Als Bones sie losließ, trat sie zurück und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder mir zu.

»Ich habe etwas zu essen für dich vorbereitet, Cat, und Kaffee. Dachte mir, du magst Koffein?«

»Ja, reichlich.« Wäre ich nicht so müde gewesen, hätte ich Bones schon eine gelangt. Das Mädchen wirkte wie ein Kind. »Danke.«

Ich unterdrückte das Bedürfnis, Liza zu sagen, sie solle sich hinsetzen, bevor die Klimaanlage sie umpustet. Statt der üblichen spontanen Abneigung, die ich bisher den Frauen gegenüber empfunden hatte, mit denen Bones ins Bett gestiegen war, verspürte ich Liza gegenüber eine seltsame Art von Beschützerinstinkt, was natürlich absurd war. Erstens war sie tot und brauchte meinen Schutz nicht. Zweitens stand sie auf Bones, was man an den verstohlenen Blicken merkte, die sie ihm zuwarf.

Kinderschänder!

»Liza, würdest du Cat bitte darüber aufklären, wie alt du warst, als du verwandelt wurdest?«, bat Bones sie und sah mich vielsagend an. »Aufgrund dieses Missverständnisses droht mir nämlich sonst tätliche Gewalt.«

Sie lachte, eine Folge scheuer Laute. »Ich war siebzehn. Man könnte mich vielleicht als ›Spätentwickler‹ bezeichnen.«

»Oh.« Wenigstens kam man dafür heute nicht mehr vor Gericht, und zu Lizas Lebzeiten wohl auch nicht, so wie sie es darstellte. »Warum hast du mit der Verwandlung dann nicht noch gewartet?«

Lizas Gesicht verdüsterte sich. »Das konnte ich nicht. Ich wurde vergiftet und war schon tot. Ich stehe jetzt nur hier, weil ich am gleichen Tag Vampirblut getrunken hatte. Meine Familie ließ mich zur Beerdigung nach Hause bringen. Als meine sterblichen Überreste angekommen waren, holte Bones sie aus dem Grab und verwandelte mich in eine Ghula. «

»Oh!« Jetzt kam ich mir richtig gemein vor. »Tut mir leid. Wer immer dir das angetan hat, ich hoffe, Bones hat ihm einen grausamen Tod beschert.«

Sie lächelte traurig. »Es war ein Unfall. Ein Arzt hat mir das Gift verabreicht, er hielt es für Medizin. Die Wissenschaft hat seit 1831 enorme Fortschritte gemacht.«

»Apropos Medizin. Wir sollten Don anrufen. Vielleicht hat er schon was für mich.«

»Bist du krank?« Liza wirkte überrascht.

»Nein«, antwortete Bones. »Haben sich Gregors Lügen hier schon herumgesprochen?«

Liza warf mir einen flüchtigen Blick zu. »Ja.«

»Gut.« Bones klang jetzt noch erschöpfter. »Dann wird Marie auch schon davon gehört haben.« Er ging zum Telefon und fing an, auf die Tastatur einzuhacken. Kurz darauf redete er in einer Sprache, die nicht ganz wie Französisch klang, in den Hörer. Kreolisch vielleicht?

Was natürlich zur Folge hatte, dass ich kein Wort verstand.

»Er hat sich vorgestellt und gesagt, dass er mit Majestic sprechen will«, übersetzte Liza, die merkte, wie frustriert ich war. »Er sagt, es ist dringend … jetzt ist er wohl in der Warteschleife …« Würde passen, schließlich sprach Bones gerade nicht. Seine Finger trommelten auf seinen Oberschenkel, während die Sekunden verstrichen, dann redete er weiter. »Ja … ja … Er sagt, sie können ihn zurückrufen.«

Bones legte auf. »Ich muss dir wohl nicht mehr sagen, was wir besprochen haben. Du kannst jetzt deinen Onkel anrufen, Süße. Nimm dein Handy, ich will die Leitung freihalten.«

Er klang fast ein wenig schroff. Ich sagte mir, dass er unter Jetlag, dem Schlafmangel und nicht geringem Stress litt. Während Bones Liza im Detail über Gregor aufklärte, rief ich Don an. Als ich schließlich auflegte, hatte Don mir die Dosierungsanleitung für ein Medikament durchgegeben und versprochen, mir das Mittel umgehend zuzuschicken.

»Don hat was für mich zusammenstellen lassen«, sagte ich, als ich aufgelegt hatte. »Es soll mich vom Wachzustand direkt in den Tiefschlaf befördern, sodass die REM-Phase übersprungen wird. Die Wirkung hält aber nur etwa sieben Stunden an, dann musst du mir Blut geben, um mich aufzuwecken. So komme ich nicht in den leichteren REM-Schlaf, wenn die Wirkung nachlässt.«

Erleichterung machte sich auf Bones’ Zügen breit. »Da bin ich aber froh, dass ich den Burschen bei unserem ersten Zusammentreffen nicht kaltgemacht habe, wie ich es am liebsten getan hätte. Das ist eine ausgezeichnete Neuigkeit, Kätzchen. Ich hätte es wahrscheinlich nicht über mich gebracht, dich einschlafen zu lassen, solche Angst hatte ich, dass du mir vor meinen Augen aus den Armen gerissen wirst.«

Die Rührung in seinem Tonfall ließ meine Wut auf ihn verrauchen. Wäre es umgekehrt gewesen, und Bones hätte einfach so verschwinden können, ja, dann hätte ich auch Gift und Galle gespuckt. Ich ging zu ihm und nahm ihn in die Arme.

Dann klingelte Lizas Telefon.