13

»Wo sind meine Klamotten?«

Die wütende Frage brachte mir einen missbilligenden Blick ein. »Sei nicht so kratzbürstig, Catherine. Ich kann nur Körper transportieren.«

Das mochte stimmen, erklärte aber nicht, warum er ebenfalls au naturel war. Ich bezweifelte, dass das ein Zufall war. Hinter seinem Befummeln stand jedenfalls Absicht.

»Finger weg von mir, Gregor, und ruf deine Leute zurück, wie du es versprochen hast. Sofort.«

Das sagte ich nicht mehr in wütendem Tonfall. Nein, in meiner Stimme lag kühle, unmissverständliche Strenge.

Als ich seinen Blick sah, dachte ich, er würde sich weigern. Dann löste er sich bewusst langsam von mir.

»Versuche noch nicht aufzustehen, du musst dich erst erholen. «

Ich lag in einem Bett. Reiner Zufall, klar. »Alles okay mit mir, solange du nur Wort hältst.«

Statt zu antworten, ging er zur Tür und riss sie auf. Ich verfügte über ausreichend instinktives Schamgefühl, um mich rasch auf den Bauch zu drehen, konnte aber meine Bewegungen noch nicht richtig koordinieren.

Jemand stand vor der Tür, und Gregor trat einen Schritt zurück, um ihn einzulassen.

»Lucius, sieh her.«

Lucius, ein großer Blonder von vermutlich nordischer Abstammung, ließ sich nicht zweimal bitten. Ich schenkte ihm und Gregor einen vernichtenden Blick.

»Ich habe meine Frau zurück. Sie ist aus freien Stücken zu mir gekommen, du kannst Simon also sagen, er soll seine Truppen abziehen.«

»Ich muss mich noch daran gewöhnen, dass ich deine Frau bin, und gekommen bin ich, weil du mich erpresst hast«, antwortete ich mit einem Blick, der ihn wissen ließ, dass ich seine Auslegung der Dinge nicht guthieß.

»Du musst Simon unbedingt genau über ihr Befinden informieren, damit er etwas zu berichten hat«, sprach Gregor weiter, mich völlig ignorierend. »Und sag ihm auch, wie es mir geht.«

Gott im Himmel, Bones würde ausflippen. Ich spürte Unbehagen in mir aufkommen. Vielleicht hätte ich mir im Vorfeld mehr Gedanken über meine Aktion machen sollen.

»Oui, monsieur.«

Lucius ging, ohne sich noch einmal umzudrehen, und Gregor schloss die Tür. Was mir nicht gefiel, weil er ja nach wie vor im Zimmer war.

»Wird er diesen Simon anrufen? Wie weit entfernt sind wir von ihm?«, erkundigte ich mich, während ich es schaffte, mir ein Stück Bettdecke zu schnappen und mich darin einzurollen.

»Er wird ihn anrufen.« Ein Leuchten trat in seine Augen. »Aber Bayern ist sehr weit weg, Catherine.«

»Bayern?« Jesses, kein Wunder, dass ich mir wie in einem fremden Land vorgekommen war. »Wo sind wir jetzt? Ach, das wirst du mir wohl kaum verraten.«

Mich mit einem nackten Fremden unterhalten zu müssen, war mir äußerst unangenehm. Gregor machte allerdings keine Anstalten, sich anzukleiden. Ich sah ihn nicht direkt an, aber blind war ich auch nicht. Er war gebaut wie ein Footballspieler, muskulös, hatte viele Narben.

»Ich verrate es dir. Ich bin nicht so ein Dreckskerl wie der, der dich bewusstlos durch die halbe Welt spediert hat.«

Dieser letzte Satz sagte alles. Gregor hatte seine Informationen von mir. Ich warf ihm einen gelassenen Blick zu. »Ich träume vielleicht nicht mehr von dir, aber du bist immer noch in meinem Kopf und schnüffelst in meinen Gedanken herum. Musst ganz anständige Arbeit geleistet haben, wenn du über solche Details Bescheid weißt.«

Gregor saß auf der Bettkante. Er streckte die Hand nach mir aus, um zu verhindern, dass ich mich von ihm wegdrehte. Die Unfähigkeit, meine Bewegungen zu koordinieren, machte mir Angst. Ich wollte aus dem Bett springen, brachte aber nur ein Zucken zustande.

»Was du weißt, weiß auch ich«, sagte er und fuhr mir mit der Hand über den Arm. »Ich kann jemanden nur dann entführen und in seine Gedanken eindringen, wenn sein Blut einmal in mir gewesen ist. Es ist zwar schon viele Jahre her, aber dein Blut ist noch immer ein Teil von mir, Catherine.«

Wieder so ein Detail, über das mich noch niemand informiert hatte. »Wenn du weißt, was in meinem Kopf vorgeht, dann ist dir doch auch klar, dass ich Bones liebe«, antwortete ich.

»Du glaubst, dass du ihn liebst.« Seine Hand glitt tiefer, zum Ende der Bettdecke und dann langsam darunter.

Es erregte mich nicht, als ich spürte, wie seine Finger meine Wade hinaufglitten. Es machte mich stinkwütend.

»Was für ein Arschloch befummelt eine Frau, die sich nicht wehren kann?«

Seine Hand auf meinem Bein erstarrte. Ich schaffte es, mich wieder umzudrehen und dabei mit zittrigen Fingern zu verhindern, dass die Bettdecke wegrutschte. Jetzt konnte ich ihm wenigstens ins Gesicht sehen, ohne mir dabei den Hals zu verrenken.

»Nur weil Bones dich mehrmals vor dem Tod bewahrt hat, habe ich mich bereit erklärt, zum Dank für dein Entgegenkommen meine Leute abzuziehen«, zischte Gregor. »Aber jetzt bin ich ihm keinen Gefallen mehr schuldig.«

»Als Gefallen siehst du das also, dass du ihn, meine Mutter und meine Freunde bei deinem hinterhältigen Angriff im Morgengrauen nicht gleich noch umgebracht hast. Wie hast du uns überhaupt gefunden? Durch mich diesmal jedenfalls nicht.«

Gregors Kiefer mahlten. »Durch Bones’ Dummheit habe ich dich aufgespürt, und hätte er mich und meine Männer in einer ähnlichen Lage angetroffen, wäre er mit gleicher Kaltblütigkeit vorgegangen.«

Ich hatte schon den Mund zu einer Erwiderung geöffnet, da klopfte es ungeduldig an der Tür.

»Ich wollte ungestört sein«, bellte Gregor, stürmte zur Tür und riss sie auf.

Schon wieder Lucius. Vor Nervosität hüpfte er beinahe auf der Stelle. »Herr, Sie müssen mit mir kommen. I …ich habe … Neuigkeiten.«

Als ich sah, wie sein Blick immer wieder zu mir huschte, schwang ich die wackeligen Beine aus dem Bett und stand mühsam auf.

»Was ist passiert? Hat dieser Simon deine Nachricht nicht erhalten?«, fragte ich, gegen meine Benommenheit ankämpfend.

»Muss das jetzt gleich sein?«, erkundigte sich Gregor mit einer Handbewegung in meine Richtung. »Ich bin heute zum ersten Mal seit Jahren wieder mit meiner Frau zusammen. Kann diese Angelegenheit nicht warten?«

»Nein, monsieur«, flüsterte Lucius und senkte den Kopf.

»Geht es um Bones?«, fragte ich, taumelte und stürzte, als meine Beine unter mir nachgaben. »Wenn er tot ist, Gregor …«

»Ist das Schwein noch am Leben?«, unterbrach er mich. »Antworte, damit sie nicht hysterisch wird.«

»Äh, ja, er lebt.« Welch wundervolle Worte. »Hier entlang, bitte …«

»Meine Mutter?«, fiel ich ihm ins Wort, als ich darüber nachdachte, was noch alles schiefgelaufen sein könnte.

»Meines Wissens nach sind unter Ihren Freunden keine Verluste zu beklagen«, stieß Lucius beinahe händeringend hervor.

»Du hast gehört, was du wolltest«, sagte Gregor, hob mich hoch und verfrachtete mich wieder ins Bett. »Wenn du dir nicht selbst schaden willst, bleibst du hier. Es dauert nicht lange.«

Mit diesen Worten rauschte er davon und schloss die Tür. Man hörte das unverkennbare Geräusch sich schließender Riegel. Da ich nicht viel Sinnvolles zu tun hatte, blieb ich liegen und übte, meine Arme und Beine zu bewegen.

 

Gregor kam nach etwa einer Stunde zurück, er trug eine Hose, aber kein Hemd. Teilweise bekleidet war immerhin besser als gar nicht. Ich setzte mich auf, die Decke bis zum Kinn hochgezogen und ein paar Kissen im Rücken. Als unsere Blicke sich kreuzten, blitzte etwas in seinen unnachgiebigen Zügen auf. Sein Mund wurde weicher, auch wenn er nicht direkt lächelte.

»Du erinnerst mich an das Mädchen, das du einmal warst. Du bist es nicht mehr, aber im Augenblick siehst du aus wie sie.«

Wie seltsam. Er erinnerte sich an jemanden, der ich einmal gewesen war, und ich wusste nicht mal, wer das sein sollte. Eine sechzehnjährige Catherine, die Vampire nicht hasste und mit einem nach Paris gegangen war? Die kannte ich nicht.

»Nein, ich bin nicht mehr sie«, stimmte ich ihm zu. »Und da sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt, könnten wir doch jetzt halbwegs freundschaftlich auseinandergehen, oder?«

Er ging nicht darauf ein. »Dein Körper hat sich auch verändert. Du bist ein paar Zentimeter gewachsen und hast zugenommen. «

»Schönen Dank auch«, murmelte ich.

Das brachte ihn zum Lächeln, wobei die Narbe an seiner Augenbraue sich verzog. »Das sollte keine Kritik sein, ma femme. Deine Brüste sind jetzt voller und deine Schenkel weicher.«

Viel zu viel Info, ganz, ganz schlechtes Thema. »Gregor …« Ich rutschte hin und her und rang gequält nach Atem. Die Bewegung hatte meine Rippen belastet.

Im nächsten Augenblick hatte er sich über mich gebeugt. »Du bist verletzt. Ich dachte, es wäre nur der Stress durch den Molekulartransport, aber du hast Schmerzen.«

»Es ist nichts.« Ich stieß seine Hände weg. »Ich bin ein bisschen angeknackst, weil ich mir mit einem Freund einen Sparringskampf geliefert habe, aber mir geht’s gut. Wo sind wir? Du hast es mir noch nicht gesagt.«

»In Österreich.« Unaufgefordert setzte er sich, und ich rückte ein Stück von ihm ab, seine Nähe war mir unangenehm.

»Und was sind das für Neuigkeiten, die Lucius mir nicht verraten wollte?« Ich zog die Brauen hoch; wehe er würde es mir nicht sagen.

Er reagierte mit einem angedeuteten Schulterzucken. »Niemand, der dir nahesteht, ist gefangen genommen oder getötet worden. Meine Männer sind wie gewünscht abgezogen, und mein Versprechen ist erfüllt.«

»Nicht ganz.« Mein Tonfall war streng.

»Deins auch nicht. Du bist dran.« Er zog ein kleines, kunstvoll graviertes Silbermesser aus der Hosentasche. »Trinke von mir. Erinnere dich an das, was dir genommen wurde.«

Nun, da ich meine verlorene Erinnerung zurückbekommen sollte, wurde ich unsicher. Hatte ich den Vampir vor mir am Ende doch geliebt? Ich konnte es mir zwar nicht vorstellen, aber Gregor schien sich seiner Sache so sicher zu sein. Was, wenn diese Erinnerung doch einen Keil zwischen Bones und mich trieb? Durfte ich das riskieren?

Andererseits hatte ich keine Wahl. Wollte Gregor mich zwingen, sein Blut zu trinken, wäre das ein Leichtes für ihn gewesen, so schwach wie ich war. Außerdem wollte ich mir von solchen Zweifeln keine Angst machen lassen. Ich liebte Bones. Keine Erinnerung würde daran etwas ändern können, egal, was Gregor dachte.

Ich sah Gregor fest in die Augen, während ich das Messer entgegennahm. Als ich allerdings nach seiner Hand greifen wollte, hielt er mich zurück.

»Nein. Trinke von meinem Hals, wie ich einst von deinem. «

Ich wollte ihm wirklich nicht noch näher kommen, aber mich zu weigern, wäre absurd gewesen. Wenigstens hat Bones sich geirrt, dachte ich. Er war sich so sicher, dass Gregor mich dazu bringen würde, ihn zu beißen.

Ohne zu zögern stieß ich Gregor den Dolch in die Kehle, heftete meinen Mund an die Wunde und saugte. Während ich schluckte, spürte ich, wie seine Arme sich um mich schlossen, aber das registrierte ich schon gar nicht mehr richtig. In meinem Gehirn barst etwas. Diesmal hatte ich nicht das Gefühl zu fallen, ich wurde nach vorn geschleudert.

 

Ich wartete an der Haustür, wie Cannelle, Gregors Haushälterin es angeordnet hatte. Sie hatte etwas auf Französisch gemurmelt, was genau, verstand ich nicht, aber freundlich hatte es nicht geklungen. Oh, vor Gregor gab Cannelle sich höflich. Aber kaum sah er nicht hin, war sie kalt und abweisend. Ich wusste nicht, warum, aber es machte mich traurig. Ich war weit weg von daheim und hatte niemanden außer den paar Hausbewohnern. Wie gern hätte ich eine Freundin gehabt.

Gregors Empfangshalle wirkte auf mich sehr kühl. Eine hohe Decke verbarg den Himmel. Von plakativen Gemälden starrten unfreundliche Gestalten auf den Besucher herab. Zwei Streitäxte waren über einem Wappenschild gekreuzt. Sehr gemütlich. Wenn man Adolf Hitler hieß.

Augenblicke später kam Gregor durch die Tür. Er war eine äußerst beeindruckende Erscheinung in seinem langen dunklen Mantel und dem Hemd über der kohlschwarzen Hose. Einerseits wirkte er einschüchternd auf mich, andererseits war ich unwillkürlich geblendet von so viel Pracht.

Ich konnte immer noch nicht fassen, dass Gregor ein Vampir war. Gerade erst hatte ich mich damit abgefunden, selbst ein Mischling zu sein, und schon war ich von diesem fremden Vampir verschleppt worden, dem – Wunder über Wunder – auch noch meine Mutter zu vertrauen schien. Da sie sonst niemandem über den Weg traute, musste Gregor etwas Besonderes sein.

»Du siehst wundervoll aus in deinem Abendkleid«, stellte er fest, nachdem er mich in Augenschein genommen hatte. »Ganz die junge Dame, keine Spur mehr von dem verwilderten Landmädel.«

Ich wand mich innerlich, wollte mir aber nicht anmerken lassen, dass er einen wunden Punkt getroffen hatte. »Das liegt an Cannelle. Sie hat mir die Sachen herausgelegt.«

»Ich bedanke mich später bei ihr«, antwortete er mit einem Funkeln in den Augen. »Ist das nicht besser als schmutzige Jeans und Zweige in den Haaren?«

Während der vergangenen zwei Tage hatte ich kaum etwas gesagt, weil er und die neue Umgebung mich zu sehr eingeschüchtert hatten, aber jetzt richtete ich mich kerzengerade auf. »Das war mein ganzes Leben lang gut genug für mich«, stellte ich fest. »Wenn du so ein Problem mit meiner Herkunft hast, solltest du mich vielleicht wieder ins Flugzeug setzen.«

Über mich konnte er von mir aus sagen, was er wollte, solange er dabei meine Familie aus dem Spiel ließ. Sie konnten nichts dafür, dass sie nicht reich waren. Meine Großeltern schufteten schwerer als die meisten anderen Leute, und das in ihrem Alter.

Gregor breitete die Hände aus. »Ich wollte dich nicht brüskieren, chérie. Ich bin selbst auf einem Bauernhof aufgewachsen, in Südfrankreich, aber dort gab es keine Kirschen. Siehst du? Noch eine Gemeinsamkeit zwischen uns.«

Ich war schon wieder etwas besänftigt. »Was haben wir denn sonst noch gemeinsam?«

»Ah«, er lächelte, seine harten Züge wurden weicher. »Komm. Du wirst es herausfinden.«

Gregor und ich gingen durch die Straßen von Paris. Er führte mich zu einem großen Platz mit beleuchteten Springbrunnen, erzählte mir ihre Geschichte. Der Abend wäre traumhaft gewesen, hätte ich nicht so viele unbeantwortete Fragen gehabt, auf die er nicht eingehen wollte.

»Warum bin ich hier bei dir?«, erkundigte ich mich am Ende, weil es mich zunehmend frustrierte, nicht zu wissen, warum ich so eilig aus Ohio hatte abreisen müssen. »Meine Mutter meinte, ich müsste mit dir gehen, weil irgendein böser Vampir hinter mir her ist, aber wer das sein soll, hat mir niemand verraten.«

Wir waren fast am Eiffelturm angekommen. Er war atemberaubend, aber selbst die malerischste Szenerie konnte nicht verhindern, dass ich wissen wollte, wie meine Zukunft aussehen würde.

Gregor deutete auf eine Bank in der Nähe, und wir setzten uns. Nach Sonnenuntergang war die Temperatur gefallen; er nahm seinen Mantel ab und reichte ihn mir.

Die einfache Geste berührte mich und ließ mich wieder schüchtern werden. So würde sich ein junger Mann bei einem Date benehmen, zumindest glaubte ich das. Gregor saß auch sehr dicht bei mir. Unsicher fragte ich mich, ob ich Mundgeruch hatte oder etwas zwischen meinen Zähnen steckte.

»Was du bist, Catherine«, fing er an, »ist sehr selten. Auf dieser Welt gibt es Vampire, Menschen und Ghule, aber außer dir existierte bis jetzt nur ein anderes Halbblut, und das ist schon Jahrhunderte her. Es gibt Leute, die sich deine Einzigartigkeit zunutze machen wollen. Insbesondere ein Mann wird versuchen, sich deiner zu bedienen.«

»Wer?«, keuchte ich und fühlte mich so allein in dem Wissen, dass es niemand anderen gab, der so war wie ich. »Und warum?«

»Sein Name ist Bones.« Gregor spie die Worte förmlich aus. »Er wird dich zur Mörderin machen, wie er selbst einer ist. Zur Hure, mit der er seine Opfer anlocken kann. Er wird deine Familie töten, damit niemand außer ihm dich mehr beschützen kann. Und Schutz wirst du brauchen, Catherine. Nach den Grausamkeiten, zu denen er dich zwingen wird, wirst du dein Leben lang auf der Flucht sein.«

»Nein!«

Aus mir sprach verzweifeltes Aufbegehren gegen das Schicksal, das er mir soeben prophezeit hatte. Nun, da ich wusste, dass ich zu einem Ungeheuer werden und Schuld am Tod meiner eigenen Familie haben sollte, wäre ich am liebsten davongelaufen, aber Gregor legte mir den Arm um die Schultern und hielt mich fest.

»Deshalb bin ich gekommen, ma chérie. Hier wird er dich nicht finden. Bald werde ich das Bündnis mit dir eingehen, und dann kann dich mir niemand mehr wegnehmen. Wenn du tust, was ich dir sage, wirst du nie ein solches Dasein fristen müssen.«

»Meine Familie? Meine Mutter? Sie sind doch in Sicherheit, oder?« Ich schauderte beim Gedanken an ihren Tod.

»Solange du bei mir bist, sind sie sicher.«

Er klang so zuversichtlich. Deshalb hat Mom mich hierhergeschickt, dachte ich benommen. Wäre ich geblieben, wären sie alle getötet worden.

Er strich mir über die Wange. »Aber du musst auf mich hören, oui? Sonst kann ich dich nicht beschützen.«

»Okay.« Ich holte tief Luft. »Ich werde tun, was du sagst.«

»Gut.« Das Grün wich aus seinen Augen, und sein Lächeln war wieder entspannt. »Es ist zu deinem Besten. Und nun komm zu mir.«

Er hielt die Arme auf, und ich zögerte. Er wollte mich umarmen?

»Äh …« Ich rutschte nervös hin und her. »Was …«

»Schon zweifelst du?«, unterbrach er mich, seine Augen wurden schmal.

»Nein, nein.« Sofort schlang ich die Arme um ihn, mein Herz begann schneller zu schlagen. Das war so ungewohnt.

»Besser«, knurrte er beinahe und schloss die Arme fester um mich, bis es mir die Schamesröte ins Gesicht trieb. »Wir gehen jetzt nach Hause. Du bist sicher müde.«

»Na ja«, sagte ich, »ein bisschen … Was

Er schoss mit mir in den Himmel. Mein Angstschrei wurde zu einem verwunderten Keuchen, als ich nach unten sah. Oh, wow. Kein Wunder, dass Paris die Stadt der Lichter genannt wurde.

Gregor glitt mit mir über die Gebäude hinweg, zu hoch, als dass man ihn von unten hätte sehen können. Es war ein unglaubliches Gefühl, das Pfeifen des Windes und die Energie zu spüren, die von Gregor ausging, und gleichzeitig das atemberaubende Panorama zu bestaunen. Mein Herz schlug nicht einfach; es donnerte. Wenn das ein Traum ist, dachte ich, will ich nicht aufwachen.

Viel zu früh landete er auf dem grauen Haus, in dem er wohnte. Ich musste mich noch einen Augenblick an ihm festhalten, bis ich wieder richtig stehen konnte, noch immer ganz überwältigt von dem Erlebnis. Fliegen. Wenn Vampire das konnten, war es wohl doch nicht so schlimm, ein Mischling zu sein.

»Das hat dir gefallen«, stellte er lächelnd fest. »Siehst du? Du musst mir nur vertrauen.«

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll«, keuchte ich atemlos. Er ließ mich los, war mir aber immer noch sehr nah. »Danke.«

Sein Lächeln wurde breiter. Ich hatte wieder Schmetterlinge im Bauch. Niemand hatte mich je so angelächelt.

»Keine Ursache, Catherine.«