21

»Test, drei, zwo, eins … Hörst du mich, Geri?«

Lieutenant Geri Hicks, die als Ersatz für mich bei Don eingestiegen war, räusperte sich und murmelte: »Positiv.«

Unter ihre Haut war eine Empfangsantenne implantiert worden, die meine Stimme direkt zu ihrem Trommelfell leitete. Wenn ich schrie, taten ihr die Ohren weh. Zur Unterbringung des Mikrofons war kein chirurgischer Eingriff nötig gewesen, es befand sich in ihrer Halskette.

»Wo bist du, Geri?«

»Überquere St. Ann Street Richtung Bourbon. Zielperson noch zu sehen?«

Ich blickte auf den Bildschirm meines geborgten Laptops, der ein Satellitenbild der Altstadt von New Orleans zeigte. Die Turbulenzen, denen unser Flieger ausgesetzt war, erschwerten die Angelegenheit, aber ich konnte Bones erkennen. Und die Frau neben ihm.

»Positiv. Die Übertragung ist leicht verzögert, das weißt du ja, aber er sollte noch da sein. Alles o.k. bei dir?«

Geri war nervös. Ich konnte es ihr nicht verübeln. Sie musste Bones herschaffen, ohne ihn oder sich selbst in Lebensgefahr zu bringen. Ja, ich an ihrer Stelle wäre auch aufgeregt gewesen.

»Alles okay«, antwortete Geri.

»Roger. Jetzt schnapp ihn dir.«

Ich war die einzige Person in Spades Bekanntenkreis, die über Kontakte zu Sterblichen ohne direkte Beziehungen zu Untoten und gleichzeitig über Zugang zu den Luftstreitkräften sowie den modernsten Waffen und Technologien verfügte. Mein Onkel hatte echt was gut bei mir.

Als Sterbliche konnte Geri Fabian nicht sehen. Er war aber bei ihr und würde versuchen, Bones unseren Plan zu erläutern, ohne von Maries Leuten bemerkt zu werden. Was keine leichte Aufgabe war. Wenn das hier vorbei war, stand ich auch bei Fabian in der Kreide. Wie entlohnt man einen Geist? Über dieses Problem würde ich mir später Gedanken machen.

»Nähere mich Zielperson, kann nicht mehr reden«, flüsterte Geri.

Auf dem Bildschirm sah ich, wie sie auf Bones zuging. Er stand im Außenbereich des Pat O’Brien’s und trank wohl seinen üblichen Whiskey. Den Arm hatte er um eine hübsche Brünette gelegt, die buchstäblich an ihm klebte. Gerade fuhr sie ihm mit der Hand über die Hüfte.

Ich ballte die Fäuste. Miststück, wenn das hier vorbei ist, werden wir beide mal eine lange und blutige Unterhaltung führen müssen.

Cannelle konnte meine stumme Drohung nicht hören, Vlad schon. Er lümmelte in dem Sitz mir gegenüber, die Turbulenzen störten ihn nicht. Wir waren zu dem Punkt unterwegs, an dem, wenn alles gutging, das Rendezvousmanöver stattfinden sollte.

»Du kannst sie echt nicht leiden.«

Ich antwortete nicht laut. Das hätte Geri verwirren können, da ich ein Headset trug.

Nein. Kein bisschen.

»Ich weiß, das klingt ziemlich plump«, hörte ich Geri säuseln, als sie, dem Satellitenbild zufolge, Bones und seine Begleiterin Cannelle erreicht hatte, »aber als ich euch beiden Hübschen gesehen habe, konnte ich mich gar nicht entscheiden, mit wem ich es zuerst treiben wollte.«

»Weiter so«, flüsterte ich. Gott, nicht genug damit, dass ich Lockvögel auf meinen Mann ansetzte, jetzt sprach ich ihnen auch noch Mut zu! Warum konnte ich bloß kein normales Leben führen?

Bones stellte seinen Drink ab. Falls er überrascht war, Geri zu sehen, ließ er es sich nicht anmerken. Ich hielt die Luft an. Was würde er tun? Ihm musste klar sein, dass ich Geri geschickt hatte. Würde er sie auffliegen lassen? Oder mitspielen, um aus der Stadt wegzukommen?

»Ist doch keine schwere Entscheidung, Süße.« Über Geris Mikrofon hörte ich jede Nuance seines Akzents. »Ladies first. Stimmt doch, oder Zimtschnecke?«

Cannelles wissendes Lachen versetzte mir einen Stich ins Herz. Die Armlehne des Flugzeugsitzes büßte ein dickes Stück ein.

»Sie wirkt ziemlich aggressiv, chérie. Ich hätte mir eine sanftere Gespielin gewünscht, non

Geri ließ sich von Cannelles Schmähung nicht aus der Ruhe bringen. Sie tauchte die Finger in Bones’ Drink und leckte sie dann äußerst theatralisch ab.

»Ich bin sanft wie ein Lamm, Schätzchen.«

Geri hatte sich wirklich prächtig gemacht, seit sie vor einigen Monaten die Ausbildung bei mir begonnen hatte.

Cannelle fasste Geri am Handgelenk, führte sich ihre Handfläche an die Lippen und schleckte ebenfalls an ihr herum.

»Abwarten.«

Dann schlang sie die Arme um Bones und küsste ihn. Über Geris Mikrofon konnte ich beinahe hören, wie sie sich an ihn drängte, ihr lustvoll unterdrücktes Stöhnen und sein maskulines Knurren, als er sie dichter an sich zog.

Ganze zwei Minuten später hob er den Kopf. Zu diesem Zeitpunkt wünschte ich ihm schon fast den Tod.

Vlad beobachtete mich aus mitleidlosen Augen. »Deinen Job hätte auch jemand anderes machen können.«

Er hatte recht. Ich hatte es mir ja unbedingt ansehen wollen. In einer so wichtigen Angelegenheit vertraute ich niemandem sonst, egal wie weh es tat.

»Heiz ihm ein«, wandte ich mich sehr leise an Geri.

Sie trat zwischen die beiden. »Ich brauche kein Vorspiel«, sagte sie, ihre kehlige Stimme war fast ein Schnurren. »Müssen wir uns erst miteinander bekannt machen? Ich will einfach nur ganz dringend ficken.«

Bones löste sich von Cannelle und nahm Geris Hand. »Hübsche Mädchen lasse ich nicht gern warten. Komm schon, Zimtschnecke. Heute Abend ist sie die Glückliche.«

»Habe ich nichts mitzureden?«

Ich hörte das Schmollen in Cannelles Stimme und musste mich schwer zusammenreißen, um nicht laut loszuschreien.

»Diesmal nicht, Süße.«

»Chérie…«

»Alle anderen durftest du auswählen«, unterbrach er sie, während er die beiden Frauen durch die Menge dirigierte. »Wenn du weiter so maulst, darfst du sie erst haben, wenn ich mit ihr fertig bin.«

»Bastard«, zischte ich; das hatte ich mir nicht verkneifen können. Alle anderen? Na das war ja klasse!

An einer Bordsteinkante hielt Bones an. Ich fuhr zusammen. Hatte er mich über Geris Lautsprecher gehört?

Aber die drei setzten sich wieder in Bewegung. Ich atmete auf. So weit, so gut. Bastard.

»Geht weiter in Richtung Kirche«, wies ich Geri ganz leise an.

Dann legte ich mein Headset ab und sprach in mein Handy.

»Okay, Don, Zugriff. Sie sind unterwegs. Sag Cooper, er soll die Leiter erst in fünfzig Meter Entfernung runterlassen. «

»Verstanden, Cat.«

Ich setzte das Headset wieder auf. Geri erzählte gerade Bones, dass sie Sex auf dem Kirchendach haben wollte, aber Cannelle hatte etwas dagegen.

»Non, vielleicht gibt es da Ratten! Warum können wir nicht mal einen Abend außerhalb der Altstadt verbringen? Ich habe dir schon einmal gesagt, dass ich sehr hübsche Freundinnen in Metairie habe, die dich gern kennenlernen würden.«

»Pass auf, Schatz. Wir gehen morgen da hin. Du willst jetzt schon seit Tagen, dass ich diese Mädels kennenlerne, die müssen wirklich was ganz Besonderes sein.«

»Oui. Très magnifique

Cannelle will ihn also aus dem French Quarter herauslocken, direkt in Gregors Arme, dachte ich mit wachsendem Zorn. Vielleicht war dieses Pfählen, das Vlad sich zum Hobby gemacht hatte, gar keine so schlechte Sache. Was war nur mit Bones los, dass er sich über ihre Beharrlichkeit gar nicht gewundert hatte? War er vor Geilheit so blind?

»Morgen machen wir, was du willst, und heute ist mein Abend«, fuhr Bones fort. »Ich verspreche dir, du wirst mich von einer ganz neuen Seite kennenlernen.«

Und mich auch. Ich war schon ganz wild darauf, Cannelle mal wieder persönlich zu treffen.

Die drei verschwanden aus meinem Blickfeld. Der Satellit konnte sie nicht mehr erfassen, weil sie losgelaufen waren. »Sieh dich um, Geri. Folgt euch jemand?«

»Meinst du, uns schnappt einer, wenn wir auf das Dach klettern?«, erkundigte sich Geri gespielt schüchtern.

Bones küsste sie. Ich konnte es nicht sehen, aber hören. »Nein, nein.«

Okay. Die Luft war rein. Gott, hoffentlich ging alles schnell über die Bühne. Schnell und sicher.

»Ah, da ist ja die Kirche. Und jetzt, meine Hübsche, sieh mich einen Augenblick an. Du musst dich vor meinen Augen und Zähnen nicht fürchten, okay? Du findest gar nichts Ungewöhnliches daran. Du hast keine Angst, weil du weißt, dass ich dir nichts tun werde. Sag es.«

»Du wirst mir nichts tun«, sprach Geri ihm nach. »Ich habe keine Angst.«

So also verhinderte Bones, dass die Mädels, die er abschleppen wollte, sich vor seinen Leuchtaugen und spitzen Zähnen fürchteten. Geahnt hatte ich es schon, hatte ihn aber nie direkt fragen wollen. Für meinen Geschmack wusste ich auch so schon zu viel über seine Vergangenheit. Das Theater war offensichtlich für Cannelle gedacht, denn dass Geri Bescheid wusste, war Bones ja klar. Er machte einfach alles wie immer.

Mir war speiübel.

»Zimtschnecke, wollen wir?«

»Wenn’s sein muss, chérie

»Es muss sein.«

Nach einigem Gepolter, hörte ich wieder Bones’ Stimme.

»Da sind wir ja endlich. Keine Ratten, petite, hör auf, dich so anzustellen.«

Vlad, frag, wann der Heli ankommt?

Der Vampir nahm mein Handy und drückte die Wiederholungstaste.

»Sie sind auf dem Dach«, wandte er sich mit knappen Worten an Don. »Wie lange noch? … Ja.« Er legte mein Handy weg. »Sechs Minuten.«

»Ihr habt sechs Minuten, Geri. Denk dran, Bones muss sowohl dich als auch Cannelle bei sich haben, wenn er springt, und die wird sich vielleicht weigern.«

»Kommt her, meine Hübschen. So ist’s besser.«

Bones’ Stimme veränderte sich. Wurde zu dem sinnlichen Schmeicheln, das mich immer zum Schmelzen gebracht hatte. Jetzt machte es mich allerdings nur sauer. Und es wurde noch schlimmer; als Nächstes hörte ich keuchende Atemzüge und das leise Reiben von Haut auf Haut, als sie sich küssten.

Dann wieder Geris Stimme: »Na los, Herzchen. Mach dich mal locker.«

»Warum?« Cannelles Tonfall war feindselig. »Ich warte darauf, dass du es mir besorgst.«

Ich sah auf die Uhr. »Noch zwei Minuten. Zögere es noch ein bisschen hinaus, aber bleib cool, Geri.«

»Sei nicht so gierig, Zimtschnecke. Ich bereite sie dir vor. Das Warten wird sich für dich auszahlen.«

Ich bearbeitete meine Schenkel mit den Fäusten, brüllte aber nicht los. Ich sah einfach nur zu, wie die Sekunden verstrichen, und versuchte, mit nüchterner Distanz Anzeichen von Gefahr zu erlauschen. Was ich hörte, hatte leider wenig mit Gefahr zu tun.

Noch dreißig Sekunden. Selbst wenn jemand etwas mitbekommen hatte, konnten wir nicht länger warten. »Sag’s ihm, Geri«, sprach ich ins Mikrofon.

»Bones, gleich wird in etwa zweihundert Meter Höhe ein Helikopter über die Kirche fliegen. An dem hängt eine Rettungsleiter. Wenn du ihn kommen siehst, springst du mit uns beiden hoch wie der Teufel und schnappst sie dir. Sobald wir aus der Stadt raus sind, musst du auf das Dach eines Flugzeuges springen. In dem sitzt Spade.«

»Was ist hier los?«, zischte Cannelle.

»Noch zehn Sekunden«, krächzte ich. »Neun, acht, sieben …«

»Weißt du was, Zimtschnecke?«, Bones’ Stimme verlor ihren verführerischen Tonfall und wurde kalt wie Stahl. »Ich habe deine Nörgeleien satt.«

»… eins«, schrie ich.

Dann hörte man nur noch den Helikopter, Metallgerassel, einen dumpfen Schlag, und schließlich sagte Geri die Worte, auf die ich gewartet hatte.

»Wir sind drin!«

Der Helikopter hatte extra leise Rotorblätter, die den üblichen Lärm reduzierten. Cooper und die beiden Kopiloten waren aber dennoch nicht zu hören. Geri natürlich schon.

»Atmet sie noch?«, fragte sie. »Du hast ihr ganz schön eins übergezogen.«

»Sie lebt.«

Man hörte ein schleifendes Geräusch, dann Geris barsche Stimme: »Wolltest dir meinen Kopf zwischen die Schenkel klemmen, hm? Wer ist jetzt die Angeschmierte, Miststück?«

»Sie spürt deine Fußtritte nicht«, hörte ich Bones; in seiner Stimme lag keinerlei Kritik.

»Na ja, ich schon, und mir macht’s Spaß!«

Wieder hörte man dumpfe Schläge. Ich wollte mich nicht einmischen. Ich freute mich diebisch über die Tritte, die Cannelle abbekam.

»Wo ist sie?«, fragte Bones.

Ich erstarrte. Geri ließ ein letztes »Uff!« hören, das sich anhörte, als hätte sie Cannelle noch einen abschließenden Tritt verpasst, dann antwortete sie.

»Wenn du im Flieger sitzt, bringen sie dich hin.«

Bones reagierte nicht, aber sein Schweigen sagte alles. Ich muss mich nicht persönlich mit ihm treffen, dachte ich finster. Alle anderen durftest du auswählen, hatte Bones zu Cannelle gesagt. Ja, mehr brauchte ich nicht zu hören, um zu wissen, dass es vorbei war. Vampire waren vielleicht in der Lage, so etwas als akzeptable Form der Rache zu betrachten und darüber hinwegzusehen, aber ich war wohl zu sehr Mensch, um das zu können. Ich hätte mir einiges von Bones gefallen lassen, weil ich fand, dass er ein Recht darauf hatte, es mir heimzuzahlen, aber das war zu viel.

Ich wartete, bis Bones wie geplant in Spades Flieger umgestiegen war, bevor ich mein Headset abnahm. Geri war bestimmt überglücklich darüber, nicht mehr dauernd meine Stimme im Ohr zu haben. Nur Bones musste das gefährliche Umsteigemanöver in der Luft auf sich nehmen; Geri und Cannelle blieben im Helikopter. Spades Flieger sollte zur selben Zeit wie ich auf einem von Dons Stützpunkten ankommen, aber das Treffen war jetzt nicht mehr nötig.

Ich rief meinen Onkel an. »Ändere Bones’ Flugplan«, bat ich ihn. »Sag mir nicht, wohin, aber verhindere ein Zusammentreffen zwischen uns.«

Mein Onkel stellte keine unnötigen Fragen. »Geht in Ordnung, Cat.«

Ich legte auf. Vlad hatte mich die ganze Zeit über beobachtet. Ich brachte eine Art schlecht imitiertes Lächeln zustande.

»So viel dazu.«

»Du hast von vornherein gewusst, was für ein ausschweifendes Leben er geführt hat«, bemerkte Vlad; in seiner Stimme lag kein falsches Mitgefühl.

Ja, das hatte ich. Aber ich hatte nicht damit gerechnet, mir live anhören zu müssen, wie Bones haufenweise Affären eingestand. Oder doch? Hätte ich mich mit ihm getroffen, hätte er mir dasselbe vielleicht ins Gesicht gesagt. Gott, wenigstens konnte ich dem entgehen. Ich wäre in Tränen ausgebrochen und hätte das letzte bisschen Selbstachtung eingebüßt, das mir noch geblieben war.

Zwei Stunden später landeten wir auf dem Stützpunkt, obwohl ich nicht wusste, wo der lag. Militärbasen unterschieden sich kaum voneinander. Nicht, dass ich hingesehen hätte. Mit geschlossenen Augen stieg ich aus dem Flieger, eine Hand auf Vlads Arm gelegt.

»Hallo Commander«, wurde ich von einer männlichen Stimme begrüßt.

Mit geschlossenen Augen lächelte ich. »Cooper, ich würde ja gern sagen: ›Schön dich zu sehen‹, aber das muss noch einen Augenblick warten.«

Er schnaubte, was für seine Verhältnisse schon einem lauten Lachen gleichkam, und kurz darauf war ich auch schon im Gebäude angekommen.

»Du kannst die Augen jetzt aufmachen«, bemerkte Cooper.

Sein vertrautes Gesicht war das Erste, was ich sah, dunkle Haut und Haare, die sogar noch kürzer waren als die von Tate. Ich umarmte ihn kurz, was ihn zu überraschen schien, aber er lächelte, als ich ihn losließ.

»Hast mir gefehlt, du Missgeburt«, sagte er.

Ich lachte, auch wenn meine Stimme heiser klang. »Du mir auch, Coop. Was gibt’s Neues?«

»Geris Heli ist vor einer halben Stunde angekommen. Die Gefangene war fixiert und bei Bewusstsein. Ian ist bei ihr. Er vernimmt sie.«

Jetzt lächelte ich wirklich. Ich hatte Ian einfliegen lassen, weil er ein kaltblütiger Bastard war – und im Augenblick kam mir das sehr gelegen.

»Du kannst hierbleiben oder mit mir kommen, das ist dir überlassen«, wandte ich mich an Vlad.

»Ich komme mit«, antwortete er und warf Fabian, der gerade aufgetaucht war, einen flüchtigen Blick zu. Der Geist schwebte neben Cooper über dem Fußboden, der ihn nicht sehen konnte, weil er ein Sterblicher war.

»Fabian, du warst unglaublich«, wandte ich mich an das Gespenst. »Was auch passiert, du kannst bei mir bleiben. Du wirst immer ein Zuhause haben.«

»Danke«, antwortete er und ließ als Zeichen der Zuneigung seine Hand durch meine gleiten. »Tut mir leid, Cat.«

Er brauchte nicht zu sagen, was. Es war offensichtlich.

Mein Lächeln bröckelte. »Wer auch immer behauptet hat, Unwissenheit wäre ein seliger Zustand, hatte keine Ahnung, wenn du mich fragst. Aber vorbei ist vorbei, und jetzt muss ich eine alte Bekanntschaft erneuern.«

Kurz erschien ein hoffnungsvoller Ausdruck auf dem Gesicht des Geistes. »Meinst du Bones?«

»Nein. Das kleine Miststück da drinnen, und diesmal würde ich dich bitten, mir nicht nachzukommen. Es wird nämlich sehr unschön.«

Das musste ich ihm nicht zweimal sagen. Fabian löste sich augenblicklich in Luft auf. Guter Trick. Schade, dass man das nur als Gespenst konnte.

Mein Onkel erwartete mich weiter hinten in der Eingangshalle. Er sah … schlecht aus.

»Ist was nicht in Ordnung?«, erkundigte ich mich besorgt. War Bones’ Flugzeug verfolgt oder angegriffen worden? Oder war etwas noch Schlimmeres passiert?

»Nein.« Er hüstelte. »Ich bin bloß erkältet.«

»Oh.« Ich umarmte ihn zur Begrüßung. Als er mich ebenfalls an sich drückte und sogar noch weiter festhielt, war ich verblüfft. Für gewöhnlich waren wir nicht so auf Schmusekurs.

Vlad witterte. »Erkältet?«

Don ließ mich los und warf ihm einen verärgerten Blick zu.

»Genau. Keine Sorge. Vampire können sich damit nicht anstecken.«

Sein Tonfall war barsch. Jesses, anscheinend ging es Don wirklich hundeelend. So sauertöpfisch war mein Onkel sonst nicht, auch wenn er nicht gerade viel für Vampire übrig hatte.

Vlad musterte ihn von oben bis unten und zuckte dann mit den Schultern.

Don kam gleich zur Sache. Typisch für ihn. »Ich komme gerade aus der Zelle unten. Die Gefangene war nicht sehr mitteilsam, was ihre Rolle bei dem Komplott angeht.«

»Na, dann will ich meiner alten Freundin doch mal einen Besuch abstatten.«