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Bones meinte, ich sollte Stiefel anziehen. Erst dachte ich, um darin Waffen zu verstecken, aber in die neuen Lederstiefel kamen nur meine Füße. Mein restliches Outfit bestand aus einer mitternachtsblauen Hose und einer weißen Bluse. Bis auf meinen Verlobungsring trug ich keinen Schmuck. Liza wollte mir die Haare machen, aber ich lehnte ab. Schließlich ging ich nicht zu einer Party. Sondern zu einem höflichen Schlagabtausch.

Als unser Begleiter eingetroffen war, machten wir uns auf den Weg. Der Mann hieß Jacques und war ein Ghul, hatte tiefdunkle Haut und strahlte eine verhaltene, aber starke Energie aus. Bones hatte erwirkt, dass er bis zu einem bestimmten Punkt auch mitkommen durfte. Danach würde Jacques mir den Weg weisen. Ich war unbewaffnet und kam mir irgendwie nackt vor. Meine Messer fehlten mir. Sie hatten etwas Vertrautes und Tröstliches an sich. Was vermutlich zeigte, dass ich einen echten Knall hatte.

Bones ging neben mir her und hielt meine Hand. Seine Schritte waren fest, er kannte also offensichtlich den Weg. Jacques schwieg. Ich auch, weil ich nichts sagen wollte, das der Ghul später gegen mich verwenden konnte. Wie bei einer Festnahme. Ich hatte das Recht zu schweigen. Was ich zu Bones sagen wollte, konnte ich ihm natürlich per Gedankenkraft mitteilen. Bei solchen Gelegenheiten waren seine telepathischen Fähigkeiten ganz nützlich.

Fabian trieb sich etwa dreißig Meter entfernt herum, flitzte in Gebäude hinein und hinaus, als würde er seinen eigenen gespenstischen Geschäften nachgehen. Jacques sah kein einziges Mal in seine Richtung. Schon erstaunlich, wie sehr Geister von denen ignoriert wurden, die sie sehen konnten. Im Augenblick kamen uns die uralten Ressentiments zwischen Untoten und Geistern allerdings sehr gelegen. Nur Bones durfte mich nicht bis zuletzt begleiten, Fabian dagegen musste sich an keinerlei Abmachungen halten. Liza hatte sich gewundert, als wir ihn mit nach Hause gebracht hatten. Ihr war auch noch nie der Gedanke gekommen, sich mit einem Gespenst anzufreunden.

Vor dem Saint Louis Cemetery No. 1 blieben wir stehen. Bones ließ meine Hand los. Ich warf einen Blick auf das verschlossene Friedhofstor und zog die Brauen hoch.

»Hier?«

»Hier geht es zu Maries Audienzsaal«, verkündete Bones, als stünden wir vor einer Haustür. »Weiter darf ich nicht mitkommen, Kätzchen.«

Super. Ein Friedhof. Wie vertrauenerweckend. »Das Treffen findet also auf dem Friedhof statt?«

»Nicht ganz.« In Bones’ Stimme lag eine Mischung aus Sarkasmus und Mitgefühl. »Darunter.«

Jacques drehte den Schlüssel im Torschloss und bedeutete mir, ihm zu folgen. »Hier entlang, Gevatterin.«

Falls Marie Laveau geplant hatte, ihre Gäste durch diese ganz spezielle Version eines Heimvorteils aus der Ruhe zu bringen, hatte sie es in meinem Fall geschafft. Mir war richtig unheimlich zumute, als mich der mysteriöse Ghul durch das Friedhofstor führte, das sich hinter mir schloss.

»Also los. Nach dir, Jacques.«

 

Marie Laveaus Gruft gehörte zu den größeren auf dem Friedhof. Sie war etwa einen Meter achtzig hoch, nach oben hin leicht verjüngt. An die Wände waren Voodoo-Graffiti in Form von schwarzen »X« gekritzelt. Vertrocknete und frische Blumen lagen vor dem Grabmal, das eine gemeißelte Inschrift als das der legendären Voodoo-Priesterin auswies. Ich hatte nur wenige Augenblicke, um all das in mich aufzunehmen, dann deutete Jacques auf den Boden vor dem Grabstein und sagte etwas auf Kreolisch. Und da tat sich die Erde auf.

Das Knarren, das dabei entstand, deutete darauf hin, dass irgendein elektronisch gesteuerter Mechanismus dahintersteckte. In dem schmalen umzäunten Bereich um die Grabstätte kam ein quadratisches Erdloch zum Vorschein. Drinnen hörte man es tropfen, sodass ich mich fragte, wie man in New Orleans überhaupt unterirdisch bauen konnte, ohne dass alles mit Wasser volllief. Jacques waren solche Bedenken fremd. Er sprang einfach in die schwarze Öffnung und wiederholte seine Anweisung von zuvor.

»Hier entlang, Gevatterin.«

Als ich in die pechdunkle Grube spähte, sah ich seine Augen aufleuchten. Innerlich zuckte ich mit den Achseln, nahm all meinen Mut zusammen und sprang ebenfalls in das Loch. Es platschte leicht, als ich unten aufkam.

Jacques streckte die Arme aus, um mich zu stützen, aber ich schubste ihn weg. Das hilflose Weibchen musste ich ja nun nicht gerade spielen. Die Öffnung über uns schloss sich sofort wieder, auch diesmal mit diesem leisen Knarren, was die unheimliche Atmosphäre noch verstärkte.

Der Fußboden war zwei Zentimeter tief mit Wasser bedeckt, offenbar befanden wir uns in einer Art Tunnel. Licht gab es keins, und der Weg führte nur geradeaus. Während ich hinter Jacques durch den fast völlig dunklen Gang platschte, begriff ich, warum Bones auf Stiefeln bestanden hatte. Sie ersparten es mir, in Körperkontakt mit dem ekligen matschigen Zeug zu kommen, auf das ich andauernd trat. Die Luft war feucht und roch nach Moder. Als ich tastend die Hand ausstreckte, stellte ich fest, dass auch die Wand nass war. Ich ging trotzdem weiter, dankbar, dass ich durch mein übermenschliches Sehvermögen in der Dunkelheit wenigstens nicht völlig blind war.

»Ich dachte, man könnte in New Orleans nicht unterirdisch bauen«, bemerkte ich. »Läuft hier nicht alles mit Wasser voll?«

Jacques warf mir im Laufen einen Blick über die Schulter zu. »Für gewöhnlich stehen diese Gänge unter Wasser. Kommen Besucher ungebeten, lassen wir sie fluten.«

Aha. Ertrinken war also als zusätzliches Abschreckungsmittel eingeplant. Auch eine Möglichkeit, neugierige Touristen fernzuhalten.

»Das hält aber doch nur Leute ab, die aufs Atmen angewiesen sind. Was ist mit dem Rest?«

Jacques antwortete nicht. Wahrscheinlich war sein Kommunikationssoll erfüllt. Nach etwa dreißig Metern erreichten wir eine Metalltür. Sie öffnete sich in gut geölten Angeln und gab den Blick frei auf einen erleuchteten Treppenabsatz. Jacques trat beiseite, um mich hineinzulassen, und berührte mich am Arm, als ich an ihm vorbeiwollte.

»Da.«

Man hörte ein zischendes Geräusch. Urplötzlich war der Tunnel, durch den wir gerade gegangen waren, voller Messerklingen, die überall aus den Wänden ragten. Er sah aus wie das Maul eines Ungeheuers. Hätte ich einen Meter weiter hinten gestanden, wäre ich nur noch Gehacktes gewesen.

»Raffiniert«, sagte ich. Eine ordentliche Falle wusste ich durchaus zu schätzen. »Muss ein Vermögen gekostet haben, das ganze Silber.«

»Das ist kein Silber.«

Die Frauenstimme kam vom oberen Ende der Treppe. Sie war butterweich. Crème brûlée für die Ohren.

»Die Klingen sind aus Stahl«, fuhr sie fort. »Untote Eindringlinge sollen nicht getötet werden. Ich will, dass sie mir lebendig vorgeführt werden.«

Wie vorhin, als ich in das Erdloch gesprungen war, nahm ich auch diesmal all meinen Mut zusammen und ging die Treppe hinauf, der Voodoo-Königin entgegen.

Der Inschrift auf ihrem Grabstein zufolge war Marie Laveau im Jahr 1881 gestorben. Darüber hinaus wusste ich über sie nur, dass sie eine Ghula und Voodoo-Priesterin war. Bones hatte quasi auf ihrem Terrain nicht über sie tratschen wollen. Seine Vorsicht sprach Bände über die Person, die nun mit jedem Schritt, den ich machte, deutlicher zu sehen war. Nach allem, was ich von Marie wusste, hätte ich fast erwartet, sie auf einem Thron sitzend vorzufinden, einen Turban auf dem Kopf, ein geköpftes Huhn in der einen Hand und einen vertrockneten Schädel in der anderen. Was ich sah, ließ mich stutzen.

Marie saß auf einem dick gepolsterten Sessel und war zu allem Überfluss auch noch über eine Handarbeit gebeugt. Sie trug ein schwarzes Kleid und eine weiße Stola um die Schultern. Ihre Füße steckten in schicken Pumps, die vermutlich von Prada stammten. Beim Anblick ihres schulterlangen Haares, das in Locken ihr leicht geschminktes Gesicht umrahmte, fiel mir seltsamerweise eine Szene aus einem Film ein. Vor meinem geistigen Auge saß sie vor einem Blech mit Keksen und sagte: »Duften köstlich, oder?«

»Orakel?«

Das Wort war mir herausgerutscht, bevor ich es verhindern konnte. Kein Wunder, dass Bones hatte mitkommen wollen. Ich würde mich unbeliebt machen, bevor ich dazu kam, mich vorzustellen.

Haselnussbraune Augen, die viel zu wach waren, musterten mich von oben bis unten. Sie legte das Strickzeug beiseite und deutete mit einem langen Finger auf mich.

» Bingo.«

Wieder diese Dessert-Stimme, südkreolisch und süß. Hätte man über die Ohren Kalorien aufnehmen können, wäre mein Arsch vom bloßen Zuhören fett geworden. Und mit diesem einzigen Wort hatte sie den Dialog aus dem Film Matrix fortgeführt, den ich gerade zitiert hatte.

»Toller Film, nicht?« Ich machte keine Anstalten, mich zu setzen, weil ich nicht dazu aufgefordert worden war. »Einer meiner Lieblingsfilme. Der erste Teil jedenfalls. Die anderen beiden fand ich nicht so besonders.«

Sie sah mich durchdringend an. »Meinst du, du bist die Auserwählte? Unsere zukünftige Anführerin?«

»Nein.« Ich trat vor und streckte ihr die Hand entgegen. »Ich bin einfach bloß Cat. Freut mich, dich kennenzulernen.«

Marie schüttelte meine Hand. Einen Augenblick lang schlossen sich ihre Finger fest um meine, aber nicht so, dass es schmerzhaft war.

Als sie meine Hand losließ, deutete sie mit einem Kopfnicken an, dass ich mich zu ihr setzen sollte. »Nimm Platz, bitte.«

»Danke.«

Der kleine Raum war völlig schnörkellos. Die Wände bestanden aus Beton, der aber wenigstens trocken war, und die beiden Sessel waren die einzigen Möbelstücke. Es sah aus wie in einer Gefängniszelle. Kahl und düster.

»Soll ich gleich mit der Tür ins Haus fallen und sagen, dass Gregor ein Lügenbold ist, oder wollen wir erst ein bisschen plaudern?«

Belangloses Vorgeplänkel schien mir reine Zeitverschwendung zu sein. Und wäre ich gut im Smalltalk gewesen, hätte ich nicht schon so viele Leute gegen mich aufgebracht, wie es der Fall war. Für manches hatte ich einfach kein Talent. Okay, für vieles.

»Was willst du?«, fragte Marie.

Ich musste lächeln, als sie genauso unverblümt zur Sache kam wie ich. »Du hast nicht mit Bones geschlafen und schleichst nicht um den heißen Brei herum. Wenn du nicht in Betracht ziehen würdest, Gregor gegen Bones zu unterstützen, könnte ich dich echt mögen.«

Sie zuckte mit den Schultern und nahm ihre Handarbeit wieder auf. »Ich mag Leute unabhängig davon, ob ich sie töten muss. Entweder ist es notwendig oder nicht.«

Ich schnaubte. »Du klingst wie Vlad.«

Die Stricknadeln hielten inne. »Noch ein Grund, sich Gedanken über dich zu machen. Vlad der Pfähler knüpft nicht leicht Freundschaften. Und auch der Traumräuber zeigt sich selten so fasziniert von jemandem. Du hast eine beeindruckende Liste von Eroberungen vorzuweisen, Gevatterin.«

Ich zog die Brauen hoch. »Wenn man eine Eroberung macht, heißt das, dass man darum gekämpft hat. Ich kenne Gregor nicht, Vlad ist nur ein Freund, und Bones ist der einzige Mann, der mir etwas bedeutet.«

Sie stieß ein kehliges Lachen aus. »Entweder bist du eine sehr gute Schauspielerin … oder sehr naiv. Gregor will dich zurück, und er trommelt Leute zusammen, die ihn in seiner Behauptung, er sei durch den Bluteid an dich gebunden, unterstützen. Vlad Tepesch sagt, du seist mit ihm befreundet. Und Bones, der es einst bei keiner Frau lange aushielt, hat dich geheiratet und zwei Kriege wegen dir angefangen.«

»Zwei? Ich weiß nur von einem.«

»Gregor ist verständlicherweise erbost darüber, dass Mencheres ihn über zehn Jahre lang eingekerkert hat, aber er hat angeboten, auf seine Rache zu verzichten, wenn er dich zurückbekommt. Bones hat abgelehnt, und als Mencheres’ Mitregent spricht er auch für ihn. Im Grunde haben die beiden jetzt Krieg mit ihm.«

Klasse. Bones hatte vergessen, das zu erwähnen.

»Was Gregor betrifft: Wäre er nicht in meine Träume eingedrungen, wüsste ich nicht mal, dass es ihn gibt«, antwortete ich in ruhigem Tonfall. »Ich weiß, dass ich mir in die Hand geschnitten und Bones zu meinem Ehemann erklärt habe, vor Hunderten von Zeugen. Wo sind Gregors Zeugen? Seine Beweise? Hätte er wirklich die Mühe auf sich genommen, mich zu ehelichen, sollte man doch meinen, er hätte irgendein Andenken behalten.«

»Du kannst die Wahrheit selbst herausfinden«, stellte Marie fest. »Wundert mich, dass du es noch nicht getan hast.«

Ich setzte mich gerader hin. »Mencheres hat gesagt, meine Erinnerungen könnten nicht wiederhergestellt werden.«

»Tatsächlich? In genau diesen Worten?«

Ich trommelte mit den Fingernägeln auf die Sesselkante. »So ungefähr.«

»Mencheres kann deine Erinnerungen nicht wiederherstellen, Gregor aber schon«, war Maries unverblümte Antwort. »Mencheres weiß das. Und Bones auch.«

Eine Weile sagte ich gar nichts. Sie sah mich unverwandt an, nahm meine Reaktion in sich auf, dann lächelte sie.

»Das hast du nicht gewusst. Sehr interessant.«

»Das bedeutet gar nichts«, entgegnete ich, bemüht, meine offenkundige Überraschung nicht zu zeigen. »Ich kenne Gregor nicht, aber er scheint mir nicht der Typ zu sein, der einfach mal so vorbeikommt, mir meine Erinnerungen zurückgibt und dann mit einem fröhlichen Winken wieder verschwindet, wenn feststeht, dass er gelogen hat.«

»Was, wenn herauskommt, dass er nicht gelogen hat?«

Vorsichtig sein. Ganz vorsichtig. »Wie gesagt: Warum hängen all seine Ansprüche von meinen Erinnerungen ab? Könnte doch ein Trick sein, um mich zu sich zu locken und zu entführen.«

Marie legte ihr Strickzeug in den Schoß. Dann wurde es jetzt wohl ernst. »Im Augenblick glaube ich dir sogar, dass du nicht weißt, ob du Gregor geheiratet hast oder nicht. Sollte sich aber herausstellen, dass du seine und nicht Bones’ Frau bist, werde ich Gregor unterstützen, wie es unser Gesetz will. Das ist mein Standpunkt in dieser Angelegenheit.«

»Vorhin hast du mich gefragt, was ich will, Marie. Ich will mit Bones nach Hause gehen und gute zehn Jahre lang von allen in Ruhe gelassen werden. Ich habe keine Erinnerung an Gregor, aber selbst wenn ich sie hätte, würde das nichts an meinen Gefühlen für Bones ändern. Wenn ihr Krieg wollt, Gregor und du, indem ihr versucht, mir eine Ehe mit ihm aufzuzwingen, dann bekommt ihr ihn.«

Maries Gesicht hatte etwas seltsam Altersloses an sich. Vielleicht war sie zwanzig gewesen, als sie zur Ghula wurde. Vielleicht auch fünfzig.

»Ich war auch einmal verheiratet«, stellte sie fest. »Er hieß Jacques. Eines Nachts hat Jacques mich geschlagen, und ich wusste, dass es ihm Spaß machte. Am nächsten Morgen habe ich ihm vergiftetes Tonic Water zu trinken gegeben und seine Leiche unter der Veranda verscharrt. Seither nenne ich all meine Liebhaber Jacques; ich will mir stets vergegenwärtigen, dass ich sie umbringen werde, wenn ich es muss.«

Marie legte den Kopf schief und warf mir einen herausfordernden Blick zu. »Erfrischung gefällig?«

Nicht nach der Geschichte. Aber wenn sie glaubte, ich würde den Schwanz einziehen, lag sie falsch.

»Liebend gern.« Her mit dem Stoff, Voodoo-Queen.

Der Ghul, der mich hergebracht hatte, erschien. »Liebste?«

Als mir aufging, warum er Jacques hieß, unterdrückte ich nur mit Mühe ein Schnauben. Ja, schleim dich nur ein, mein Freund. Du vergisst bestimmt keinen Hochzeitstag, hm?

»Bring mir Wein, und was unser Gast mag, wissen wir ja, nicht wahr?«

Bald darauf war er wieder zurück. Mit einer Verneigung reichte er Marie ein mit roter Flüssigkeit gefülltes Glas, während er mir ein bauchiges mit klarem Inhalt gab. Ich prostete meiner Gastgeberin zu und setzte zu einem tiefen Zug an. Gin Tonic, das Übliche.

Marie beobachtete mich, sie nippte nur an ihrem Wein. Als ich ausgetrunken hatte, hielt ich das leere Glas dem unschlüssig wartenden Jacques hin.

»Der war klasse. Ich nehme noch einen.«

Marie setzte ihr Glas ab und machte eine Handbewegung in Richtung Jacques, der mein Glas entgegennahm und verschwand.

»Deine Abstammung macht dich nicht gegen alles immun, Gevatterin.«

»Stimmt. Aber soweit ich weiß, hältst du dich beim Morden an bestimmte Regeln, in diesem Fall also nehme ich gern noch ein Schlückchen. Und mein Name ist Cat.«

»Hast du eventuell die Absicht, eine Ghula zu werden?«, erkundigte sich Marie.

Die Frage kam so unerwartet, dass ich einen Augenblick zögerte, bevor ich antwortete. »Nein, warum?«

Marie warf mir einen weiteren unergründlichen Blick zu. »Du lebst mit einem Vampir zusammen. Dein Leben ist ständiger Gefahr ausgesetzt. Als Mischling bist du relativ schwach, und dennoch hast du dich bisher nicht zur Vampirin machen lassen. Es heißt, das liege daran, dass du die Fähigkeiten, die du als Vampirhalbblut hast, mit der Kraft eines Ghuls verbinden willst, was dich zum ersten Ghul-VampirMischling machen würde.«

Was haben sie der denn in den Drink gekippt?, fragte ich mich.

»Der Gedanke ist mir noch nie gekommen«, sagte ich.

»Ein Vampir kann nicht zum Ghul werden. Nur ein Mensch kann das. Also kann niemand außer dir als Halbblut die Stärke eines Vampirs erwerben, ohne dabei gleichzeitig durch Silber verwundbar zu sein. Deine Macht könnte unbegrenzt sein. Aber du hast das nie in Betracht gezogen?«

Offene Herausforderung lag in ihren Worten. Ich dachte an Fabian, der gesagt hatte, es kämen ständig Ghule nach New Orleans, die über eine mögliche Gefahr für ihre Spezies tuschelten. War das der Grund? Glaubten sie allen Ernstes, ich würde etwas Derartiges aus perversen Machtgelüsten heraus tun?

»Als mein Vater mir die Kehle herausgerissen hatte, sagte Bones zu mir, er hätte mich als Ghul zurückgeholt, wenn ich gestorben wäre, bevor sein Blut mich hätte heilen können. Das war das einzige Mal, dass ich darüber nachgedacht habe, wie es wohl wäre, eine Ghula zu sein. Sollte ich mich eines Tages verwandeln wollen, Majestic, dann in einen Vampir. Wer auch immer das Gerücht in die Welt gesetzt hat, du kannst ihm ausrichten, dass ich, wenn überhaupt, zu einem vollwertigen Monster werden will.«

Jacques kam mit einem vollen Glas zurück, aber Marie bedachte ihn nur mit einem herrischen Fingerschnippen.

»Unser Gast will gehen.«

Ich erhob mich und machte mir schwere Vorwürfe. Super, Cat. Hast sie in zehn Minuten zur Weißglut getrieben. Jetzt bist du es wohl, die die Treppe raufgestürmt kommt und ruft: »Ins Auto! Schnell!«

»Ist immer nett, berühmte historische Persönlichkeiten kennenzulernen«, sagte ich.

Marie erhob sich ebenfalls. Sie war groß, bestimmt einen Meter fünfundsiebzig, und mit Absätzen sogar über einen Meter achtzig. Stattlich gebaut wie sie war, strahlte sie eine seltsame Mischung aus Gefährlichkeit und Matronenhaftigkeit aus.

»Du bist anders, als ich erwartet hatte.«

Sie streckte mir eine milchkaffeefarbene und zarte Hand entgegen. Ich ergriff sie und verkniff mir, meine hinterher zu schütteln, um die Taubheit daraus zu vertreiben.

»Du auch. Ich war mir mit dem geköpften Huhn so sicher.«

Warum sollte ich es nicht aussprechen? Wenn einem jemand nach dem Leben trachtete, konnte man ihn ja schlecht noch wütender machen.

Sie lächelte. »Ein Zitat aus meinem Lieblingsfilm war das Letzte, was ich zur Begrüßung erwartet hätte. Gehe in Frieden, Cat.«

Jacques hielt mir die Tür zu dem unterirdischen Gang auf. Die langen Krummmesser glitten zischend in die Wand zurück. Am Ende des Ganges erspähte ich einen undeutlichen Schatten. Fabian hatte Wache gehalten. Er war verschwunden, bevor Jacques sich mir angeschlossen hatte.

Den Rest des Weges sprach mein Begleiter kein Wort. Als wir den Zugang zur Gruft erreicht hatten, öffnete sich knarrend die Luke. Jacques streckte die Hände aus, um mir zu helfen, aber ich schob sie wieder weg.

»Mach dir keine Umstände, danke. Ich schaff’s allein.«

Ich ging leicht in die Knie, konzentrierte mich und sprang die sechs Meter nach oben. Mit zunehmender Sprungkraft wurde ich meiner Namensvetterin wenigstens immer ähnlicher. Ohne meinen schlagenden Puls hätte ich allerdings noch viel mehr tun können, als nur hochzuspringen.

Bones wartete am Friedhofstor auf mich. Als er sich beim Öffnen des Schlosses lächelnd an die Gitterstäbe lehnte, zählte für mich plötzlich nur noch die Form seiner Lippen. Der weiche Schwung, dieses ganz zarte Rosa. Das markante Kinn und die hohen Wangenknochen. Die dunkelbraunen Augen, die die Umgebung musterten. Seine Hände umfassten meine, als das Tor sich öffnete, sie gaben ebenso viel vibrierende Energie ab wie die von Marie, hinterließen aber kein taubes Gefühl. Ich fühlte mich sicher.

Er drückte meine Hände. »Keine Angst, ich hatte mir schon gedacht, dass ihr euch nicht vertragen würdet. Alles ist gepackt. Liza wartet mit dem Wagen auf uns.«

Der Verkehr brauste als ein Meer aus roten und weißen Lichtern an uns vorbei, während wir uns dem French Quarter näherten. New Orleans erwachte nach Mitternacht zum Leben, statt zur Ruhe zu kommen. Jacques blieb zurück, offensichtlich hatte er kein Interesse daran, uns bis zu Bones’ Haus zu folgen.

»Was hat Marie als Letztes zu dir gesagt?«, wollte Bones wissen, bevor ich die Chance hatte, selbst auf das Thema zu sprechen zu kommen.

»›Gehe in Frieden.‹ Hat das eine geheime Bedeutung?«

Bones blieb mitten auf der Straße stehen, die wir gerade überqueren wollten. Ein Wagen hupte uns an. Bones zeigte dem Fahrer den Stinkefinger und zog mich auf die andere Straßenseite.

»Bist du dir sicher?«

»Ich bin nicht taub.« War das sehr schlimm?

Sein Lächeln wurde zu einem ausgewachsenen Lachen.

»Was genau hast du zu ihr gesagt, Süße? Ich kenne Marie seit hundert Jahren und habe es bisher immer nur auf ein ›Ich wünsche dir eine sichere Reise‹ gebracht, was eine nette Art ist, mir zu sagen, ich solle auf meinen Arsch aufpassen. ›Gehe in Frieden‹ heißt, dass sie auf deiner Seite ist. Du warst bloß dreißig Minuten da unten. Worüber zum Teufel habt ihr gesprochen?«

Erleichterung überkam mich. »Filme. Drinks. Geköpfte Hühner. Weißt schon, Mädelskram.«

Er zog die Brauen hoch. »Tatsächlich?«

Wir bogen um eine Ecke. Noch vier Häuserblocks, und wir wären daheim.

»Glück für uns, dass sie Matrix-Fan ist …«

Ich verstummte und blieb wie angewurzelt stehen. Auch Bones hielt an und warf mir einen besorgten Blick zu, bevor er erstarrte. Er hatte den Mann wohl gespürt, den ich drei Blocks weiter kaum sehen konnte. Wäre er nicht in meine Träume eingedrungen, wüsste ich nicht mal, dass es ihn gibt …

Aber ich wusste, dass dort vorn Gregor stand. Ich erkannte ihn auf den ersten Blick. Und ich träumte nicht.