12
Ian funkelte mich von unten herauf an. »Wäre der Sonnenaufgang nicht schon so nah, würde ich dafür sorgen, dass du um Gnade winselst.«
Ich saß rittlings auf ihm. Unter anderen Umständen hätte ihm das vielleicht gefallen. Da ihm aber gerade ein Messer in der Brust steckte, hatte er andere Sorgen.
»Du kannst einfach nicht verlieren«, gab ich zurück, zog ihm die Klinge aus der Brust und sprang auf. »Los. Noch mal.«
»Was für ein mieser Ersatz für ein Schäferstündchen«, knurrte er, während er sich aufrappelte und einen düsteren Blick auf das Loch in seinem Hemd warf. »Das hast du ruiniert. «
»Ich habe dir doch gesagt, dass du es ausziehen sollst.« Ich zuckte mit den Schultern.
Ian grinste mich an. »Ach, ich dachte, du wolltest nur die Aussicht genießen, Schätzchen.«
Die Kommentare und Anzüglichkeiten, mit denen er mich aus dem Konzept bringen wollte, rissen nicht ab. Ich nahm sie nicht ernst. Das war einfach seine Taktik.
»Rede ruhig weiter, mein Hübscher. Dann genieße ich deine stillen Momente nur um so mehr.«
Das ließ ihn auflachen, während wir einander umkreisten. Seine Augen funkelten erwartungsvoll. Er stand auf schmutziges Gerangel. Eine der Eigenschaften, die ich an ihm schätzte.
»Du findest mich also hübsch, ja? Hab ich’s doch gewusst. Wie schade, Gevatterin, wir hätten so viel Spaß miteinander haben können, aber du musstest ja Crispin heiraten. Jetzt bist du für mich verloren, aber wir hätten uns gut amüsiert. Sehr gut sogar.«
»Du hattest nicht die geringste Chance, Ian.«
Mit einem erneuten dreckigen Auflachen duckte er sich unter dem Messer weg, das ich nach ihm geworfen hatte.
»Schlecht gezielt, Herzchen. Hast mich um einen Meter verfehlt. Bist du immer noch sauer, weil ich so leichtes Spiel mit dir gehabt hätte, bevor Crispin wieder aufgetaucht ist? Glaubst du im Ernst, du hättest mir lange widerstehen können, wenn ich dich wirklich hätte haben wollen?«
Arrogantes Arschloch. Ich stürzte mich auf ihn, aber er wich mir im letzten Moment aus. Zu spät merkte ich, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Er holte mit dem Fuß aus, dann mit den Fäusten, sodass ich das Gleichgewicht verlor. Sein Ellbogen traf mich im Rücken. Ich ging zu Boden, er war über mir, riss mir die Arme zurück, bog sie in eine Richtung, die von der Natur so nicht vorgesehen war, und heftete seinen Mund an meinen Hals.
»Jetzt müsste ich nur mal kurz zucken, dann würden meine Fänge dir die Kehle aufschlitzen«, murmelte er, bevor er sich von mir löste. Der Schmerz ließ mich zusammenfahren, als ich mich auf den Rücken drehte und feststellen musste, dass Ian triumphierend auf mich heruntersah.
»Ja, ja, die Leidenschaft«, sagte er. »Ist deine Schwäche und Stärke zugleich.«
Ich rappelte mich auf, meine Bewegungen waren langsamer geworden, weil ich mir offenbar ein paar Rippen gebrochen hatte. Auch meine Schultergelenke waren in Mitleidenschaft gezogen. Sie schmerzten fast so sehr wie mein Brustkorb. »Einer von drei Punkten geht an dich, Ian. Freu dich nicht zu früh.«
»Ich wusste, dass ich dich am Ende schlagen würde«, gab er zurück. »Irgendwann macht jeder einen Fehler.«
Schritte näherten sich, und meine Mutter kam ins Zimmer. Sie warf einen Blick auf die verwüstete Einrichtung, dann auf Ian und mich.
»Catherine, wie lange wollt ihr hier unten noch Radau machen? «, wollte sie wissen.
»Willst du mir nicht hallo sagen, Schätzchen?« Ian gurrte förmlich.
Meine Mutter ignorierte ihn, inzwischen hatte sie meinen keuchenden Atem bemerkt. »Alles in Ordnung mit dir, Catherine? «
Na gut, wir konnten beide das gleiche Spiel treiben. Der Dramatik halber keuchte ich vernehmbar.
»Ganz und gar nicht. Ian hat mir ein paar Rippen gebrochen. «
»Petze.« Er grinste, wohl wissend, was ich vorhatte.
Statt besorgt zu sein, trommelte meine Mutter ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden.
»Du hättest ihn nicht so nah an dich heranlassen dürfen. Seit du deinen Job aufgegeben hast, fehlt dir anscheinend der Biss.«
Was für eine Scheiße. Ich schnaubte vor Empörung. Ian unterdrückte ein Lachen.
In diesem Augenblick ging der Fernseher in der Zimmerecke an. Verwirrt sah ich mich um, weil ich erwartete, dass irgendwer mit einer Fernbedienung hereingekommen war, da begann Ian zu fluchen.
»Scheiße.«
»Was?«
Mit einer Hand packte Ian mich, mit der anderen meine Mutter. Mein Protest verstummte, als ich seine nächsten Worte hörte.
»Es dämmert. Warum müssen Ghule immer in der Dämmerung angreifen?«
Ian zerrte uns aus dem Raum, die Kellertreppe hinauf. Überall im Haus kamen Leute aus ihren Zimmern, alle Fernseher liefen. Ganz leise nur. Da ging mir auf, warum sich alle gleichzeitig eingeschaltet hatten. Es war ein Alarmsignal. Ein subtiles.
»Wer sind die Angreifer?«
»Ich habe gerade keine Zeit zum Plaudern«, presste Ian hervor, während er um die nächste Ecke bog und fast mit Bones zusammenstieß. »Ah, Crispin. Dich juckt es bestimmt schon in den Fingern. Wird bestimmt ein arbeitsreicher Morgen.«
»Bestimmt«, antwortete Bones; seine Hand legte sich schwer auf meine Schulter. »Du kommst mit mir, Kätzchen. Ian, du bringst ihre Mutter nach unten.«
»Warte.«
Ich versuchte Bones eines der Messer aus dem Gürtel zu ziehen, die er bei sich trug. Vielleicht kam der Anschlag doch nicht so unerwartet. »Meine Rippen sind gebrochen, und ein paar Bänderrisse habe ich auch. Du musst mir Blut geben, damit mich das nicht behindert.«
Ian ließ ein spöttisches Schnauben hören. »Ich werde nicht abwarten, wie eure Unterhaltung ausgeht.«
»Sollst du auch nicht«, gab Bones zurück. »Kätzchen, hier entlang.«
Er ignorierte das Messer, das ich hochhielt, und zog mich mit sich in den dritten Stock. Erst dachte ich, dort hätte er Waffen für mich. Oder Schutzkleidung; Bones war immer ganz scharf darauf, dass ich welche trug. Aber als wir ins Schlafzimmer kamen und er einen verborgenen Knopf im Wandschrank drückte, wodurch sich eine mir unbekannte Kammer öffnete, begriff ich.
Und war stinkwütend.
»Du spinnst wohl, wenn du glaubst, dass ich mich in diesem Kabuff verstecke.«
»Ich habe keine Zeit zum Streiten«, fiel Bones mir ins Wort und schob mich in die Kammer. »Hier sind Bildschirme, ein Telefon, dein Handy und noch ein paar Sachen von dir. Ghule greifen uns an. Denk mal an die Gerüchte, die laut Majestic im Umlauf sind. Wen haben sie deiner Meinung nach wohl im Visier? Dich, und alle, die dich beschützen. Wenn du dich versteckt hältst, verbesserst du die Überlebenschancen aller, also bleib um Himmels willen hier, Kätzchen.«
Ein Blick in Bones’ glühende Augen sagte mir, dass ich in dem Schutzraum bleiben würde, zur Not auch bewusstlos.
»Auf einem Monitor siehst du die Tür des Wandschranks von außen«, fuhr er fort und tippte auf einen Knopf an einer Schalttafel. »Wenn jemand Unbekanntes versucht, zu dir reinzukommen, drückst du da drauf. Und jetzt geh zurück.«
Ohne meine Reaktion abzuwarten, stieß er mich weiter in das Zimmerchen hinein und betätigte einen außen angebrachten Mechanismus. Die Tür schloss sich unter dem Klicken schwerer Schlösser. Die Endgültigkeit, mit der es verstummte, passte gut zu meiner Situation. Ich war eingeschlossen.
Weiter hinten in dem winzigen Raum fiel mir etwas ins Auge. Monitore. Sechs an der Zahl, die das Anwesen aus verschiedenen Blickwinkeln zeigten. Auf einem war, genau wie Bones gesagt hatte, der Wandschrank von außen zu sehen, die anderen jedoch zeigten, was im Freien vor sich ging. Ich war verblüfft, als ich das Haus von außen sah, denn das sagte mir einiges über die Gegend, in der wir uns befanden. Kein Wunder, dass ich keinen Schritt vor die Haustür hatte setzen dürfen. Allem Anschein nach befand ich mich in einem kleinen Schloss. Von innen war das wegen der modernen Ausstattung nicht zu erkennen gewesen.
Gerade begann es hell zu werden. Das spärliche Licht trug dazu bei, dass ich das hektische Treiben draußen erkennen konnte; die Kameras besaßen offensichtlich keine Nachtsichtfunktion. Die meisten waren auf Punkte in der Nähe des Anwesens gerichtet, eine aber zeigte das abfallende Gelände weiter unten im Park.
Ich keuchte. Es waren so viele.
Über hundert Ghule kamen mit todbringender Beharrlichkeit das unebene Gelände heraufmarschiert. Alle waren bewaffnet. Manche hatten sogar noch tödlicheres Gerät als Schusswaffen und Messer bei sich, kleine Raketenwerfer. Wie viele waren wir? Bones, Spade, Rodney, Ian … und ein paar Wachleute, hatte Spade gesagt. Die Angreifer waren so zahlreich, dass sie unsere Leute einfach abschlachten würden. Warum haben sie den Rasen nicht vermint? Ich war außer mir vor Wut. Warum sind nicht mehr Leute hier? Und warum stellen sie sich vor dem Haus auf wie verdammte Zielscheiben, statt sich drinnen zu verschanzen!
Ein Mann trat aus den Reihen der Ghule hervor und ging auf das Anwesen zu. Er war mittelgroß, hatte grau meliertes Haar und ein herrisches Auftreten. Er sagte etwas, aber die verdammten Monitore hatten keine Lautsprecher. Die Wände des Raumes waren sogar für meine Ohren zu dick, also konnte ich nicht hören, was er sagte. Was es auch war, es schien nicht gut aufgenommen zu werden. Bones zeigte dem Mann entschieden einen Finger, und der Zeigefinger war es nicht. Der Typ spuckte auf den Boden, bevor er auf dem Absatz kehrtmachte und zu den anderen zurückging.
Mit oder ohne Ton war klar, dass keine Verhandlungen stattfinden würden.
Das erste Maschinengewehr feuerte. Die Vampire erhoben sich wie ein Mann in die Luft, während Rodney sich mit seinem eigenen Maschinengewehr verteidigte. Ich war erleichtert, einige bekannte Gesichter aus dem Anwesen auftauchen und sich Bones und den anderen anschließen zu sehen. Die Vampire verschwanden ein paar Sekunden lang vom Bildschirm und waren erst wieder zu sehen, als sie wie lebende Geschosse auf die Ghule herabstießen. Wenn sie sich mit atemberaubender Geschwindigkeit wieder in die Luft schwangen, lag der angegriffene Ghul entweder enthauptet oder bewusstlos am Boden.
Es war ein unglaublicher Anblick. Etwa ein Dutzend Vampire verteidigten das Anwesen, und jeder schlug mit der Wucht eines gezielten Tornados zu. Die Ghule, die die wütenden Angriffe überlebt hatten, waren nicht lange außer Gefecht gesetzt. Sie schüttelten sich und marschierten grimmig weiter voran. Schritt für Schritt überwanden sie die Strecke bis zum Anwesen. Ihre Truppenstärke hatte zwar abgenommen, nicht aber ihre Entschlossenheit. Wie furchterregend Bones und die anderen auch waren, die Zahlen sprachen für sich. Sie würden unterliegen.
Nach einem etwa zwanzigminütigen erbitterten Gefecht feuerte der Ghul-Sprecher ein Leuchtsignal ab, das den Himmel mit einem Schlag erhellte. Ich fuhr zusammen, die Hand gegen den gefühllosen Bildschirm gepresst, als wäre von dem irgendwelche Hilfe zu erwarten. Was natürlich nicht der Fall war. Und da kamen die restlichen Truppen hinter den Hügeln hervor, wo sie sich bis zu diesem Zeitpunkt versteckt gehalten hatten.
Ich brüllte, sprang auf und rüttelte an der Tür meines Gefängnisses. Sie rührte sich nicht. Ich fing an, nach dem Knopf zu suchen, mit dem sich dieses Kabuff öffnen ließ. Es musste doch einen geben.
Mein Herz schlug so laut, dass es mir vorkam, als würde es ebenfalls schreien. Weitere hundert Ghule waren aus ihren Verstecken hervorgekommen. Sie hatten ihren Angriff in zwei Wellen gestartet, ein cleverer, tödlicher Plan. Man greife kurz vor Morgengrauen an, wenn die Vampire am schwächsten sind, und lass sie sich an der ersten Truppe verausgaben, sodass sie noch mehr an Stärke verlieren. Sind sie dann richtig ausgelaugt, setzt man zum tödlichen Schlag an. Und hier stand ich, eingeschlossen in meinem Gefängnis, und konnte nur zusehen.
Ein Klingeln durchbrach meine Konzentration. Mein Puls raste, sodass ich kurz abwartete, ob ich mir das Geräusch am Ende nur eingebildet hatte. Es klingelte noch einmal. Um die Quelle des Lärms ausfindig zu machen, musste ich mich durch all das Zeug wühlen, das ich auf den Boden geworfen hatte. Unter ein paar Kleidungsstücken fand ich mein Handy. Ich schnappte es mir in der absurden Hoffnung, Don würde anrufen. Vielleicht konnte er uns helfen. Truppen schicken, selbst wenn ich nicht wusste, wo zum Henker wir waren.
»Catherine.«
Die Stimme drang an mein Ohr, bevor ich auch nur hallo keuchen konnte. Es war nicht mein Onkel.
»Gregor.«
Mein Atem ging schwer, was teils an meinen gebrochenen Rippen, teils an meiner Angst, Bones zu verlieren, und teils an den vergeblichen Ausbruchsbemühungen lag, die ich hinter mir hatte.
»Fürchte dich nicht, meine Gemahlin.«
Sein Tonfall war beruhigend, aber darunter schwang noch etwas anderes mit. Was, wusste ich nicht, und wollte es auch gar nicht wissen.
»Ich habe keine Zeit für so was …« Ich musste Sprechpausen einlegen, um zu Atem zu kommen. »Ich muss hier raus …«
»Dir droht keine Gefahr.«
Ich stieß ein bellendes Lachen aus. »Mann, da liegst du aber falsch.«
»Sie werden dir nichts tun, Catherine.«
Meine Hände umklammerten das Telefon. Jetzt wusste ich, was die Stimme noch ausdrückte. Zuversicht.
»Das sind deine Ghule, nicht wahr?«, keuchte ich.
Auf dem Bildschirm beobachtete ich, wie Bones die Vampire um sich herum neu formierte und dabei im Sekundentakt Kugeln ausweichen musste. Was ich zuvor gesehen hatte, ergab plötzlich einen Sinn. Ein Abgesandter war zu ihm gekommen und hatte eine Forderung gestellt, auf die Bones nicht eingegangen war. Man musste kein Genie sein, um sich denken zu können, wie diese Forderung ausgesehen hatte. Darum hatte Bones mich also eingesperrt. Er wusste, dass ich nicht bereit gewesen wäre, die anderen zu opfern, wenn ich es hätte verhindern können.
»So muss es nicht enden, ma chérie«, sagte Gregor. »Komm zu mir, und ich schwöre dir, meine Leute werden abrücken, ohne den deinen weiteren Schaden zuzufügen.«
»Was du nicht weißt, ist, dass ich in einem Panikraum eingesperrt bin«, schnauzte ich. »Ich könnte beim besten Willen nicht abhauen.«
»Du brauchst den Raum nicht zu verlassen, um zu mir zu kommen«, säuselte er mit fast gurrender Stimme. »Ich bin der Traumräuber. Ich kann dich holen, du musst nur einschlafen. «
Einschlafen? Wer konnte in so einer Situation bloß einschlafen? Die Wände vibrierten vom andauernden Geschützfeuer, und was ich auf den Monitoren sah, brachte mich fast zum Kotzen. Falls ich nicht den Kopf gegen die Wand schlagen wollte, bis ich bewusstlos wurde, war an Schlaf wirklich nicht zu denken.
»Leichter gesagt als getan.«
Meine Stimme wurde leiser, verlor ihren verzweifelten Spott. Bones hatte den Raum mit Bedacht bestückt. Es gab Bücher, Snacks, Getränke, Schreibutensilien und, ganz wichtig, die Pillen.
Ich überlegte hin und her, sah immer wieder von dem Fläschchen mit den Pillen zu den entsetzlichen Szenen, die sich auf den Monitoren abspielten. Mencheres hat gesagt, Gregor will mir nichts tun. Alle Vorsichtsmaßnahmen, die Bones getroffen hat, sollen dazu dienen, dass Gregor mich nicht findet, aber nicht, weil Gregor mich umbringen, sondern weil er mich bei sich haben will.
Zu ihm zu gehen, war zwar riskant, aber im Augenblick waren Bones und meine Freunde in viel größerer Gefahr, als ich es bei Gregor sein würde. Ich konnte nicht einfach dasitzen und hoffen, dass sie auf wundersame Weise verschont würden.
»Ich mach’s, aber ich habe ein paar Bedingungen.«
Gregor stieß ein ungläubiges Schnauben aus. »Dir ist offenbar der Ernst der Lage nicht bewusst.«
»Ich habe den besten Überblick«, korrigierte ich ihn und biss mir auf die Unterlippe. »Aber ich habe trotzdem Bedingungen. «
Ein weiteres Schnauben. »Ich werde dir nichts tun, Catherine. «
»Sehr nett, aber darum geht es mir nicht.« Gott, die neu angerückten Ghule eröffneten das Feuer, schlossen sich der ersten Gruppe an. Ich hatte nicht viel Zeit. »Sobald ich bei dir bin, bläst du den Angriff ab. Du sorgst dafür, dass die Ghule abrücken und nicht wiederkommen. Du willst, dass ich mich an das erinnere, was zwischen uns passiert ist? Von mir aus. Aber wenn ich hinterher trotzdem zu Bones zurückwill, … lässt du mich gehen, und zwar ohne Wenn und Aber. Es ist ein Risiko, Traumräuber, wie sicher bist du dir?«
Ich appellierte bewusst an seine Überheblichkeit. Ich hegte keinerlei Zweifel daran, dass meine Erinnerungen nichts an meinen Gefühlen für Bones ändern würden. Was Gregor natürlich nicht wusste. Ging er auf meine Forderungen nicht ein, hieß das, er war sich seiner Sache nicht sicher, und so kam er mir nicht vor.
»In diesem Fall würde ich dich natürlich nicht schutzlos ziehen lassen. Ich würde dir eine Eskorte zur Seite stellen«, war seine sorgfältig formulierte Antwort. »Ja, ich bin mir meiner Sache so sicher, dass ich mich auf dein Spiel einlasse. Deine Bedingungen sind akzeptabel.«
Ich wollte mich nicht mit Haarspaltereien zufriedengeben. »Schwöre es bei deinem Leben, Gregor, denn das nehme ich dir, wenn du lügst.«
»Du drohst mir?« Er klang amüsiert. »Schön. Ich schwöre es bei meinem Leben.«
Ich stieß einen tiefen Seufzer aus. Im Grunde traute ich Gregor nicht, aber ich musste das Risiko eingehen. Tat ich es nicht, und alle hier starben, würde ich mir das nie verzeihen. Lieber Gott, bitte lass Gregor die Wahrheit sagen, und bitte, bitte mach, dass Bones mich versteht.
»Also dann. Tu, was du tun musst, ich komme.«
Ich klappte das Handy zu und schnappte mir das Fläschchen mit den Schlaftabletten, die Bones mir für den Fall dagelassen hatte, dass ich mich gegen Gregor zur Wehr setzen musste. Was er nicht geahnt hatte, war, dass ich sie auch dazu benutzen konnte, Gregor Einlass zu gewähren.
Was die Dosierung anbelangte, hatte Don mir sehr genaue Anweisungen gegeben. Vier Pillen auf einmal. Nahm ich weniger, würde ich ganz normal einschlafen. Ich schraubte die Flasche auf, warf zwei Kapseln ein und spülte sie mit Mineralwasser hinunter. Dann schnappte ich mir einen Kugelschreiber, der bei meinen Büchern lag. Die Pillen wirkten schnell; ich fühlte mich schon ein wenig benommen. Nirgends gab es Papier, also riss ich eine Seite aus einem Buch und kritzelte auf die kleine nicht bedruckte Fläche.
Ich komme zurück …
Die Worte verschwammen mir vor Augen, noch bevor ich sie zu Ende geschrieben hatte. Mit letzter Kraft krakelte ich meine Botschaft. Dann wurde mir endgültig schwarz vor Augen.
Ich rannte, nur wurde ich diesmal nicht verfolgt.
»Komm näher, Catherine.«
Ich folgte der Stimme und sah ihn vor mir stehen. Gregor grinste, kühl und erwartungsvoll. Das brachte mich dazu, die letzten paar Schritte bis zu ihm langsamer zurückzulegen.
»Denk an unsere Abmachung«, warnte ich ihn und spürte, wie seine Macht mit unsichtbaren Tentakeln nach mir griff.
Gregors Augen blitzten. »Komm zu mir.«
Eine Sekunde lang zögerte ich. Ich warf einen Blick über die Schulter, hoffte, Bones würde von irgendwoher auftauchen. Was er natürlich nicht tat. Er kämpfte um sein Leben und das der anderen. Na ja, wenigstens konnte ich ihm jetzt helfen.
Ich ging die letzten paar Schritte bis zu Gregor und ließ mich von ihm in die Arme schließen. Etwas, das vielleicht seine Lippen waren, strich mir über den Hals, aber abgesehen davon …
»Ich merke nichts.«
Ich murmelte die Worte gegen seine Brust, weil er so verdammt groß war. Das nebelhafte, traumartige Gefühl ließ nicht nach, obwohl sich die Luft um uns herum aufzuladen schien.
»Ich verstehe das nicht«, flüsterte er.
»Ausgerechnet jetzt hast du Ladehemmung?«, zischte ich. Der Gedanke an das, was Bones gerade widerfuhr, machte mich immer aufgeregter. »Komm schon, Gregor. Mach mir den Traumräuber.«
Er packte mich fester. »Es muss an dir liegen«, flüsterte er. »Du verschließt dich mir.«
Scheiße. Es fiel mir immer unheimlich schwer, mich einfach fallenzulassen, erst recht bei einem Fremden, dem ich nicht traute.
»Ich bemühe mich ja.«
Seine Augen glühten. »Dein Zögern könnte dich teuer zu stehen kommen.«
Verdammt, er hatte recht. Ich musste es schaffen. Und zwar schnell.
Ich schlang ihm die Arme um den Hals und zog seinen Kopf zu mir herunter. Als sein Mund sich auf meinen legte, küsste ich ihn, etwas überrascht darüber, wie vertraut sich das anfühlte. Abgelenkt durch seine ungestümen, hungrigen Küsse, spürte ich, wie mein innerer Panzer allmählich nachgab und Risse bekam. Lass dich gehen, Cat. Mach dich einfach locker und entspann dich …
Ein wahnsinniger Schmerz durchfuhr mich, als würde mein Innerstes nach außen gekehrt. Das Rauschen, das mich umgab, und die ganze Verwirrung hätten mich vielleicht zum Schreien gebracht, aber ich hatte keine Kehle, keine Stimme und auch keinen Körper. Ich lernte den unbeschreiblichen Schrecken kennen, aus meiner eigenen Haut gerissen und ins Nichts geworfen zu werden. Das furchtbare Gefühl zu fallen, aber mit Schallgeschwindigkeit.
Und dann fuhr ich nicht etwa wieder in meinen Körper zurück – ich wurde hineingestopft. Das Gefühl, wieder aus Blut, Fleisch und Knochen zu bestehen, ließ mich wie hypnotisiert meinem Herzschlag lauschen, ein monotoner Rhythmus, der das Schönste war, was ich je gehört hatte.
»Catherine.«
Erst da erwachten auch meine restlichen Sinne wieder. Vermutlich wäre jeder ziemlich durch den Wind gewesen, der das Pech gehabt hätte, eine Teleportation mitzumachen. Mir fiel auf, dass ich nicht mehr aufrecht stand, obwohl Gregor nach wie vor die Arme um mich geschlungen hatte. In Zeitlupengeschwindigkeit begann mein Gehirn mit der Bestandsaufnahme. Zwei Arme, zwei Beine, sind da. Finger und Zehen bewegen, funktioniert. Rippen tun immer noch weh, okay. Herz hämmert wie verrückt, in Ordnung. Aber irgendetwas fehlte.
Große Hände glitten über meinen bloßen Rücken. Gregor, diesmal sehr real und ganz und gar kein Traum, hatte ein triumphierendes Lächeln auf dem Gesicht.
Und genau wie ich war er nackt.