Kapitel Fünfunddreissig

»Was gibt es Schlimmres wohl, als hier zu wohnen,

Fern von der Seligkeit, in grauser Tiefe,

Zu grenzenlosem Weh verdammt zu sein?«

John Milton

Phoenix hielt mich von hinten fest, er hatte seine Arme um meine Hüfte geschlungen, während ich zu Boden stürzte und schrie was meine Lungen hergaben.

Jede Sekunde, die verstrich, war eine lange, unerträgliche Ewigkeit ohne ihn. Ich konnte nicht weitermachen. Man konnte nicht erwarten, dass ich atmete, dass ich lebte ohne ihn. Was von meiner Seele noch übrig war, schlug brutal auf mich ein, verlangte zu wissen, wo ihr Gegenstück war, und gab mir die Schuld für seinen Verlust.

Aber er war nirgends zu finden.

Ich griff mir in die Haare und riss ganze Büschel davon aus, während ich verzweifelt um meine geistige Gesundheit rang. Und scheiterte.

Phoenix hielt mich fest, während ich gegen ihn kämpfte.

Erst waren meine Schreie geistesabwesend und unkontrolliert, doch dann dämmerte es mir allmählich und sie richteten sich gegen ihn.

»Du hast das getan!«, schrie ich. Ich klang nicht einmal wie ich selbst. »Du hast mich umgebracht!«

Er hielt mich weiterhin fest.

Ich drehte mich um und stürzte mich auf ihn, unter dem Einsatz von Kraft, die gar nicht da war. Ich erinnerte mich nicht einmal mehr an den ersten Schlag oder daran, wie oft ich ihn geschlagen hatte. Alles, was ich weiß, ist, dass er dalag und mich gewähren ließ, bis er heftig blutete und ich schließlich weinend auf ihn fiel.

Er zog mich zu sich und hielt mich fest.

Ich schrie und weinte, schrie und weinte.

Stunden vergingen.

Zeitweise hörte ich das Hämmern an der Tür, als Steph und Spence, und wer immer sonst noch da draußen war, versuchten hereinzugelangen. Doch das war jetzt alles so weit entfernt. Ich verlor die Realität aus den Augen und wand mich vor Schmerz und Verlust. Der Kummer über alles, was Lincoln und ich waren und nie wieder würden sein können, überwältigte mich. Phoenix hielt mich schweigend fest, so fest, dass ich mir sicher war, ich würde auseinanderfallen, wenn er mich losließe.

Schließlich formten sich allmählich wieder zusammenhängende Gedanken, die zerbrochene Fragen aufwarfen.

»Warum?«, fauchte ich, und das eine Wort ließ mich wieder vollends zusammenbrechen.

War es Rache?

Phoenix ließ seine Arme um mich gelegt, während er mir antwortete. »Es war der einzige Weg. Wir haben über jede Alternative nachgedacht, aber du brauchtest zuerst die Verbindung mit ihm, um die Pfeile zu überleben, und das war der einzige Weg, um dich von unserer körperlichen Verbindung zu befreien.«

Nein.

»Wir? Lincoln … er wusste es?«

»Ich sagte ihm, dass du unsere einzige Chance bist, Lilith zu vernichten. Er war nicht überrascht. Er sagte, Dapper hätte ihm etwas gesagt, als ihr die Stadt verlassen habt, etwas anderes, das ihn glauben machte, du wärst der Schlüssel zu ihrer Vernichtung.«

Dapper hatte schon immer Vermutungen über den dreizehnten Inhaltsstoff gehabt. Er musste Lincoln erzählt haben, dass er glaubte, dass ich das sein könnte.

»Mein Blut.« Ich hob das Handgelenk und ließ es wieder fallen. »Die Male sind Gift. Ich bin der verdammte Apfel, die Schlange, was auch immer!«, rief ich.

Phoenix nickte düster. »Sie haben es mir gesagt, als ich dich hierher gebracht habe. Dein Blut ist tödlich für Verbannte in menschlicher Gestalt. Für Engel in menschlicher Gestalt auch, würde ich annehmen. Das ist das, was dir Onyx gesagt hat, nicht wahr?«

Ich nickte.

Er seufzte. »Lincoln und ich wussten, dass Lilith sich auf mich stürzen würde, wenn ich versuchte, euch zu helfen. Sie hat Macht über mich. Wenn sie will, kann sie mich dazu zwingen, dir Wunden zuzufügen, oder sie kann mich einfach töten. Ich erzählte Lincoln, dass ich wusste, wie man die Verbindung trennt, damit du in Sicherheit wärst, egal was mit mir passiert. Als ich ihm sagte, was das beinhaltete, erzählte er mir, dass eine Quelle das schon angedeutet hätte, doch soweit er wüsste, wären Verbannte nicht in der Lage, ihre Essenz zu teilen.« Phoenix lächelte bitter. »Aber ich war ja schon immer anders.«

Mir fiel wieder ein, wie hartnäckig Lincoln seine Suche nach Quellen und Informanten verfolgt hatte, bevor wir die Stadt verließen.

Ich bin so bescheuert.

»Als Lincoln mich vorgestern Abend von hier wegbrachte, redeten wir, wir kämpften … und wir haben eine Abmachung getroffen.« Phoenix’ Hände wanderten zu meinem Gesicht, berührten es aber nicht. »Wir wussten: Egal, was wir sagen würden, du würdest gehen und diese Kinder retten – du würdest nur darauf bestehen, es ohne Seelenband zu machen, und das konnten wir nicht riskieren.«

Ich schnappte nach Luft. »Wegen mir oder wegen der Kinder?«

»Beides.«

Alle hatten alles geplant. Mein Leben, meinen Tod, meine Aufgabe, ihr Ende.

»Warum haben wir das nicht zuerst gemacht? Unsere Verbindung getrennt, bevor ich mich mit Lincolns Seele vereint habe?« Meine Wut steigerte sich wieder.

Phoenix schüttelte den Kopf. »Wir konnten nicht sicher sein, ob dein Tod die Seelenverwandtenverbindung nicht ändern würde. Das Risiko war zu hoch.«

»Es war nie vorgesehen, dass ich tot sein würde«, sagte ich, als ich zu der schmerzlichen Wahrheit gelangte.

»Nicht für länger als unbedingt notwendig«, bestätigte Phoenix.

Lincoln hatte gewusst, was passieren würde, denn er kam an diesem Abend mit der Schramme im Gesicht zurück. Er hatte seine Wahl bereits getroffen, bevor wir miteinander schliefen. Er hatte gewusst, dass Phoenix mich töten und wiederbeleben würde, dass er mir seine Essenz geben würde, um mich zu befreien, dass seine eigene Seele zerbrechen würde, dass … Dass man mich am Leben lassen würde … ohne ihn.

Mehr Tränen – bittere, bittere Tränen – liefen mir über das Gesicht.

»Es gab keinen anderen Weg. Glaub mir, Violet, wir haben es aus jeder Perspektive betrachtet. Es gab keinen anderen Weg, Lilith davon abzuhalten, all diese Kinder zu töten.«

Meine Stimme bebte. »Ihr hättet mich sterben lassen können wie geplant!« Meine Selbstbeherrschung brach und ich schlug wieder nach ihm, dieses Mal waren es verzweifelte Ohrfeigen. »Du hättest mich sterben lassen sollen! Ich will nicht ohne ihn leben! Ich kann nicht! Ich kann nicht … ich kann nicht atmen, ich kann nicht … ich … Du hättest mich sterben lassen sollen.«

»Ich weiß«, wimmerte er. »Aber ich konnte es nicht.«

»Ich bin dort gewesen! Sie haben mich gezwungen, zurückzukehren. Ich war so nah, dass ich die Spiegelungen fast hätte berühren können. Sie wollten, dass ich mit ihnen komme, aber die Engel haben mich aufgehalten. Ich hätte gehen sollen!«

»Wovon redest du?«, sagte Phoenix und packte mich an den Schultern. »Was meinst du mit Spiegelungen

»Die schimmernden Reflexionen. Ich sehe sie, wenn die Engel zu mir kommen. Sie sind immer im Hintergrund und rufen mich.«

Phoenix sackte zusammen, am Boden zerstört. »Oh, verflucht seien sie alle. Sie ziehen an viel zu vielen Fäden.«

Ich hatte keine Ahnung, was er damit meinte. Es war mir auch egal.

»Ich werde dir nie sagen können, wie leid mir das tut«, sagte er. »Ich weiß, ich habe Lilith hierher gebracht. Ich weiß, wie schrecklich es ist, genau das zu verlieren, wofür man angefangen hat zu leben. Ich werde mich bis in alle Ewigkeit dafür hassen, dass ich dir das angetan habe. Aber es gibt einen Weg, Lilith aufzuhalten. Zusammen. Wir können noch immer die restlichen Kinder herausholen. Wir können die Schrift zurückholen, deine Mum. Und … wir können auch Lincoln holen … seinen Körper holen, damit wir …« Er schaute weg.

Ich boxte ihn, packte ihn am T-Shirt, schüttelte ihn. »Damit wir ihn töten können? Das wolltest du doch sagen, oder? Das habt ihr beide abgemacht, nicht wahr? Dass du ihn tötest!«

Phoenix steckte meine Schläge ein, er unternahm immer noch nichts, um mich aufzuhalten.

»Ja«, gestand er. »Er wollte nicht … Er wollte, dass du frei bist.«

Erschöpft ließ ich von ihm ab und zog mich in die Ecke der Waffenkammer zurück.

»Ich habe das Einzige, wofür ich kämpfen würde, verloren.« Ich stemmte mich auf die Füße, meine Knie schlugen hart gegeneinander. Meine körperlichen Wunden waren überwiegend verheilt, aber in allem, was wichtig war, war ich gebrochen und schwach. Phoenix kam auf mich zu, die Wunden, die ich ihm zugefügt hatte, heilten bereits.

»Nein!« Ich hob die Hand. »Komm mir nicht zu nahe.« Ich gelangte zur Tür, entriegelte sie und machte sie auf. Steph, Spence, Salvatore, Dapper und Onyx standen alle von der Treppe auf, wo sie gesessen hatten. Steph weinte.

Sie hatten alles gehört.

Salvatore rannte in den Raum, und ich hörte, wie er Phoenix schlug. Steph machte eine Bewegung auf mich zu, und ich hob die Hand, um sie zu stoppen, griff nach dem Geländer und machte einen Schritt. Onyx schlug die Augen nieder, als ich vorbeiging. Dapper sah mich einfach nur an.

»Lass uns dir helfen«, sagte er leise.

Ich schüttelte den Kopf, ging die erste Treppe hoch und durch die Küche zur nächsten. Bei jedem Schritt, den ich machte, erinnerte ich mich daran, dass ich am Abend zuvor in Lincolns Armen gewesen war.

Ich schleppte mich ins Schlafzimmer und betrachtete das Bett, die Laken waren noch immer zerwühlt. Ich konnte ihn riechen. Ich biss auf meine Faust, weil ich wieder schrie, dann krümmte ich mich auf dem Boden zusammen, schlang meine kalten Arme um meine Beine und rollte mich zu einer Kugel zusammen.

Ich wusste ohne jeden Zweifel, dass sich nie wieder etwas gut anfühlen würde in meinem Leben. Und alles, woran ich mich noch festhalten konnte – diese wenigen kurzen Stunden, in denen wir die Freiheit hatten, einander zu lieben, war mir geraubt und zu nichts als Lügen und teuflischer Berechnung reduziert worden.

Ich wiegte mich hin und her und spürte, wie sich Kälte in meinen Knochen breitmachte. Jetzt erwartete mich nur noch Einsamkeit.

Es gibt einen Grund dafür, dass eine Seele zerbricht, wenn die Verbindung zwischen Seelenverwandten zerrissen wird. Das wusste ich jetzt. Es war einfach unerträglich, ein Schmerz, der nicht in Worte zu fassen war und Anfang und Ende überschritt. Es würde keine Erlösung davon geben.

Von unten ertönte Geschrei, als Phoenix sein Handeln vor Steph und Dapper rechtfertigte. Nach einer Weile kehrte wieder Ruhe ein, weil sie zweifellos zu demselben hoffnungslosen Schluss gekommen waren, dass nichts von dem, was getan war, geändert werden konnte.

Noch mehr Zeit verstrich. Schließlich kroch ich ins Badezimmer. Ich drehte das heiße Wasser in der Dusche auf, hielt mich nicht damit auf, kaltes hinzuzufügen, und setzte mich unter diesen kochend heißen Regen.

Aber mir war nur kalt. Und ich fühlte mich leer.

Einige Zeit später ging die Tür auf. Die Dusche ging aus. Steph kauerte sich neben mich.

»Oh, Vi. Oh, mein Gott!« Sie rannte zur Tür und schrie um Hilfe. Ich hörte, wie ein Streit entbrannte, und dann tauchte Steph wieder auf, zusammen mit Phoenix. Sie wickelte mich in ein Handtuch und Phoenix hob mich vom Boden auf.

»Du hast dich verbrüht«, sagte er, während er mich zum Bett trug.

Ich fühlte mich taub.

Steph weinte neben mir und hielt meine Hand. Ich konnte sie nicht anschauen.

»Ich schwöre dir, wenn du lügst, dann bring ich dich eigenhändig um«, zischte Steph Phoenix unter Tränen zu.

»Ich lüge nicht. Ich bin jetzt die beste Person, um sie zu heilen, und nichts, was ich zu tun vermag, kann ihr noch mehr schaden.«

Phoenix legte mich vorsichtig hin und konzentrierte seine Kraft auf mich. Ich registrierte undeutlich, wie meine verbrannten Arme wieder zu ihrem üblichen hellen Teint zurückkehrten.

»Vi, Süße, sollen wir dir irgendetwas holen?«, fragte Steph mit bebender Stimme.

Ich schüttelte den Kopf. »Geht einfach.«

Sie zögerte. Ich dachte, sie würde widersprechen, aber dann hörte ich, wie sie aufstand.

»Wir sind unten, ruf einfach, wenn du uns brauchst.«

Schritte bewegten sich auf die Tür zu, und Phoenix wollte ebenfalls mit ihr hinausgehen.

»Phoenix?«, sagte ich.

Er blieb stehen und drehte sich zu mir um.

»Du musst etwas für mich tun.«

Er nickte. »Alles, was du willst.«

»Mach, dass es aufhört«, sagte ich nur. Aber er wusste genau, was ich meinte.

Seine Augen sahen so traurig aus, so mitleidsvoll. Meinetwegen. »Violet, ich weiß nicht, ob das …« Er ließ den Kopf hängen. »Ich absorbiere schon einen Teil davon.«

Ich konnte nicht begreifen, dass da noch mehr war, als ich bereits durchmachte.

»Mach, dass es aufhört, Phoenix. Ihr beide habt beschlossen, mir das anzutun, aber ab jetzt werde ich dafür verantwortlich sein, was mit mir passiert. Wenn du meine Hilfe willst, dann stell es ab. Alles. Ich muss nachdenken.«

Langsam kam er zu mir zurück und nickte resigniert. Ich spürte, wie sich meine Stimmung langsam hob. Phoenix ließ seine Kraft wie einen Schwamm arbeiten, der allmählich all den Schmerz, den Verlust, den Zorn und die Trauer aufsaugte, bis nur noch ein Tropfen davon übrig war. Zum ersten Mal, seit ich aufgewacht war, konnte ich denken. Ich setzte mich auf.

Phoenix taumelte und sank auf die Bettkante.

»Alles in Ordnung?«, fragte ich ausdruckslos.

Er nickte und unterdrückte die Tränen, während er meinen Schmerz in sich aufnahm. Ich ignorierte ihn und ging – immer noch in mein Handtuch eingewickelt – zum Schrank, um zu holen, was ich brauchte, bevor ich wieder ins Bad ging. Als ich wiederauftauchte, hatte ich schwarze Leggings an und Zoes Lederjacke. Ich fasste mein Haar zu einem hohen Pferdeschwanz zusammen und zog meine schwarzen Stiefel an, wobei ich meine zitternden Hände ignorierte.

Ich funktionierte nur noch in einer Art unzusammenhängendem Robotermodus, als ich nach unten ging. Alle sahen mich nervös an. Als ich an Onyx vorbeikam, blieb ich stehen.

»Hast du die Kinder weggebracht?«

Er nickte. »Einundsiebzig. Wir haben sie in einen Bus gesetzt und in die Akademie geschickt.«

Daraufhin setzte ich meinen Weg in den Keller fort. Phoenix folgte mir. Ich betrat den Waffenraum und traf meine Auswahl. Ich schnallte mir Waffengürtel um, befestigte Handgranaten an meiner Taille, Messer an meinen Schenkelgurten und zwei Samuraischwerter auf meinem Rücken. Ich wirbelte herum und suchte nach mehr – und entdeckte Phoenix, der mit meinem Dolch in der Hand dastand.

Er hielt ihn mir hin. »Dachte, du willst ihn wahrscheinlich haben.«

Ich nahm ihn entgegen. »Ja, will ich.«

Er lehnte sich an eine Seitenbank. »Lilith kann ihre Umgebung abschirmen, indem sie Wind als Kraftfeld verwendet. Du wirst niemals nah genug an sie herankommen, um ihr zu schaden.«

Ich starrte ihn an und wartete.

»Ich schon«, schloss er.

Ich nickte nur. »Okay. Sag mir, wie der Plan aussieht und lass nichts aus«, warnte ich ihn.

Dreißig Minuten später saß ich mit einem Rucksack zu meinen Füßen draußen vor der Hütte. Phoenix stand in der Tür, ließ mir Raum. Alle anderen waren nicht so rücksichtsvoll, sondern tigerten um mich herum wie wilde Tiere.

»Das ist doch lächerlich!«, sagte Steph. »Du wirst nicht dorthin zurückkehren!«

»Steph hat recht, Violet«, sagte Salvatore. Sein Gesicht war von seinem Kampf mit Phoenix verschrammt.

»Das steht nicht zur Diskussion«, erwiderte ich.

»Warte wenigstens, bis Griffin hier ankommt«, versuchte Dapper zu argumentieren.

»Ich komme mit dir, Eden«, warf Spence ein.

Mir gefiel, dass er nicht versuchte, es mir auszureden, aber ich schüttelte trotzdem den Kopf. »Nicht Teil des Planes.«

Er verschränkte die Arme. »Mir egal. Ich komme mit. Ich werde mich unsichtbar machen, bis die richtige Zeit gekommen ist.«

Stur schüttelte ich den Kopf. Niemand würde mehr geopfert werden. »Nein. Deine Blendung würde nicht halten, wenn so viele von ihnen da sind.«

Er schnaubte. »Ich bin stark genug, und das weißt du. Du bist nicht mein Beschützer, Eden. Ich komme mit, ob du willst oder nicht. Die gleichen Bedingungen wie immer – wenn ich sterbe, bin ich selber schuld.«

»Wir könnten ihn brauchen«, sagte Phoenix leise von seinem Platz neben der Tür.

Ich wollte widersprechen, zuckte aber stattdessen mit den Schultern.

»Versprich mir, dass du dich nicht rührst, bis ich es dir sage«, verlangte ich und funkelte Spence an.

»Ich kann nicht glauben, dass ihr überhaupt darüber diskutiert! Du kannst sie dir nicht allein schnappen, Vi!«, kreischte Steph.

Wir ignorierten sie.

»Ich gebe dir mein Wort, und das ist Gold wert. Das weißt du, Eden«, sagte Spence und wandte den Blick nicht ab.

Das stimmte immerhin. Ich seufzte. »Ich brauche ein Handy.«

Phoenix gab mir das Handy, das Lincoln ihm gegeben hatte, bevor wir auf Liliths Anwesen angekommen waren. Ich rief Griffin an.

»Violet?«, antwortete er beim ersten Klingeln.

»Ja, ich bin’s.«

»Oh, Gott sei Dank. Dapper hat mich gestern Abend angerufen, als sie in der Hütte angekommen sind, aber was er sagte, hat keinen Sinn ergeben. Er sagte, Lilith persönlich hätte bei Dapper angerufen und Onyx erzählt, sie würde dich gefangen halten. Deshalb erklärte er sich einverstanden, mit den Verbannten mitzugehen, die sie schickte.«

Nichts davon überraschte mich besonders.

»Violet, was zur Hölle passiert da draußen? Ich habe Spence geschickt, ist er da?«

»Ja«, sagte ich.

»Die Art und Weise wie Onyx letzte Nacht geredet hat … er sagte, sie würde dich foltern … Dass … Wir dachten, du wärst …«

»Das war ich auch«, bestätigte ich ausdruckslos. Ich nahm an, dass niemand mit Griffin gesprochen hatte, seit Phoenix mit mir hier aufgetaucht war.

»Du klingst … Was geht da vor? Wo sind die anderen?« Griffin war außer sich.

So viele Fragen. Keine guten Antworten.

Als ich nichts erwiderte, sagte er: »Onyx hat uns Liliths Aufenthaltsort durchgegeben, und Josephine hat die Streitkräfte bereitgemacht. Wir sind auf dem Weg zu euch. Ich werde binnen einer Stunde zum sicheren Haus kommen.«

»Brauchst du nicht. Ich breche jetzt von dort auf. Sag ihnen, sie sollen direkt zum Anwesen kommen und … Bringt alles, was ihr habt, Griffin. Bringt jeden mit, der kämpfen kann.«

»Violet, du machst mir Angst. Gib mir Lincoln.«

Ich schluckte. Ich starrte einen großen Baum an, dessen Äste auf die Hütte herunterhingen. »Geht nicht.« Die Worte blieben mir fast in der Kehle stecken.

Pause. »Wo ist er?«

»Lilith hat ihn noch.« Ich schloss die Augen. »Seine Seele ist zerbrochen.«

»Gott sei uns gnädig«, hauchte Griffin.

»Offenbar nicht. Ich gebe dir Phoenix.«

»Warte mal. Was? Phoenix?«

»Ja. Er wird dir sagen, wie ihr an den äußeren Wachen vorbeikommt, für den Fall, dass noch welche davon leben werden.« Ich bezweifelte, dass welche am Leben bleiben würden.

»Warte, Violet! Warte, bis wir kommen, du kannst nicht allein gehen!« Er klang hektisch. Ich konnte seine schnellen Schritte hören und Leute, die nach ihm riefen. Er würde zu spät kommen.

»Es kommt, wie es kommen muss, Griffin. Ich muss sie da rausholen.«

»Violet, du wirst warten, bis wir da sind – das ist ein Befehl!«

Jedes Wort fühlte sich bedeutungslos an, nichts drang durch die Taubheit, die mich jetzt ausfüllte. »Ich befolge keine Befehle mehr, Griff.«

Ich reichte das Handy an Phoenix weiter und wandte meine Aufmerksamkeit dem Fluss zu. Ich spürte die Blicke aller auf mir, aber ich ignorierte sie. Stattdessen wartete ich, bis Phoenix Griffin Anweisungen gegeben hatte, wie sie sich dem Anwesen nähern sollten, ihm die schwächsten Punkte beschrieben und die besten Taktiken zum Eindringen vorgeschlagen hatte.

Natürlich spielte das keine Rolle für mich. Ich würde durch den Haupteingang hineingehen.

Bevor er auflegte, hörte ich, wie Phoenix Mühe hatte, eine Frage zu beantworten, in der es offenbar um mich ging.

»Ich weiß nicht … Sie ist … Ich habe so etwas noch nie erlebt … Ich weiß nicht … Vielleicht nie mehr.«

Er sagte zu Griffin, er solle sich beeilen, dann legte er auf.

»Gehen wir«, sagte ich und streckte die Hand aus. Ich würde nicht länger warten.

»Violet, bitte tu das nicht«, versuchte Steph es ein letztes Mal.

»Tut mir leid, Steph. Ich muss es tun«, entgegnete ich.

Phoenix steckte das Handy in die Tasche und nickte, dann ergriff er meine Hand und die von Spence. Alle drei bewegten wir uns wie der Wind. Doch dieses Mal fühlte es sich anders an. Ich hatte jetzt Phoenix’ Essenz in mir, und ich konnte die Windreise sehen, wie ich es davor nie konnte. Ich begriff, wie er zu Wind wurde, sich als ein Teil von ihm bewegte und nicht nur in ihm war. Ich fragte mich, ob ich das jetzt auch konnte.

Allmählich löste ich meine Hand aus Phoenix’, um zu sehen, ob ich mich weiterhin wie er bewegte. Der Schwung brachte mich zum Stolpern. Phoenix blieb stehen und Spence rollte über den Boden, während Phoenix versuchte, mich zu stützen. Ich blickte um mich. Wir waren mitten im Wald. Ich fing an zu laufen, schneller und schneller, sehr viel schneller als je zuvor.

Aber ich war nicht der Wind.

Ich hatte etwas von dem angenommen, was Phoenix hatte. Das war praktisch, aber ich konnte den Wind nicht auf dieselbe Weise nutzen. Ich hörte auf zu rennen. Phoenix war neben mir, Spence hielt wieder seine Hand. Wortlos streckte ich die Hand aus. Wieder bewegten wir uns alle drei wie der Wind.

Ein paar Augenblicke später befanden wir uns am Rand von Liliths Anwesen. Wieder brach gerade die Nacht herein, und es hatte angefangen, heftig zu regnen. Alles hatte sich in so kurzer Zeit verändert.

Dunkle Wolken zogen auf und Donner grollte, dicht gefolgt von Blitzen, so grell, dass es aussah, als würden sie den Himmel in zwei Hälften spalten.

Mein Herz hat sich nach außen gekehrt, damit die Welt es sehen kann.

Ich ignorierte den heftigen Niederschlag, zog zwei Dolche heraus und bahnte mir meinen Weg auf die erste Linie der Wachen zu. Als ich mich ihnen näherte, nutzte ich meine neue Schnelligkeit aus und begann zu laufen. Ich rannte geradewegs auf sie zu und verlangsamte mein Tempo nicht, als meine Klinge in den ersten Verbannten fuhr, dann in den zweiten, und in den dritten. Ich schaltete sie alle aus, jeden Einzelnen, an dem ich vorbeikam. Ich blickte nicht zurück. Ich wusste, dass alles, was von hinten oder von der Seite kam, von Phoenix und Spence übernommen wurde.

Wir waren schnell. Wir waren leise. Wir waren tödlich.

Als wir uns dem Haupteingang näherten, blieb ich stehen und gab meine beiden Dolche Phoenix, dann drehte ich mich zu Spence um, während ich das Halfter abnahm, in dem die Schwerter steckten.

»Bleib hier und versteck dich. Wenn du die Schrift entdeckst – dann ist es an dir.«

Spence nickte. »Ich werde sie kriegen.« Er nahm meine Klingen und hielt sie hoch. »Und ich werde bereit sein.«

Er entfernte sich von uns, bis er vollkommen unter einer Blendung verschwand, die ihn unsichtbar machte. Ich nahm meinen Grigori-Dolch aus seiner Scheide, steckte ihn mir hinten in die Hose und verdeckte ihn mit meinem Oberteil.

Ich blickte Phoenix an. »Tu es«, sagte ich.

Er zögerte nicht, und darüber war ich froh. Er schlug mir fest ins Gesicht. Ein Mal.

Die Schmerzen waren nichts.

Er schlug mich wieder, auf meiner Stirn erschien eine Platzwunde, und er schüttelte den Kopf. »Das ist gut genug.«

Ich drehte mich um und legte meine Hände hinter den Rücken. Phoenix band sie zusammen, wobei er das Ende der Schleife sorgsam in meine Handfläche legte, damit ich sie jederzeit lösen konnte.

Als seine Gefangene trat ich mit ihm aus dem Regen direkt durch die Eingangstür von Liliths Rückzugsort.

Phoenix führte mich an Gruppen von Verbannten vorbei, die anfingen, uns zu folgen, bis in den Ballsaal, wo Lilith auf ihrem Thron saß. Als wir das Ende des schwarzen Teppichs erreichten, trat er meine Füße unter mir weg und zwang mich in die Knie.

»Ich schlage vor, dass jemand die Wachen tötet, die für sie verantwortlich waren«, knurrte Phoenix und warf einen der Dolche, die ich ihm gegeben hatte, auf den Boden außerhalb meiner Reichweite. »Ich habe die Nase voll davon, der Einzige zu sein, der sie fangen kann. Dieses Mal hat mich das den ganzen verdammten Tag gekostet. Wenn ich nicht die Kontrolle über sie hätte, hättest du sie jetzt ganz verloren. Als ich sie fand, war sie tot. Ich musste sie wiederbeleben, nur um sie zurückzubringen, damit du sie selber erledigen kannst!«

Er war überzeugend.

Ich bemerkte den kleinen Mann im Anzug, der an der Seite des Saals stand und sehr interessiert zuschaute. Er rückte sich die Brille zurecht, und seine Blicke flatterten zwischen uns dreien hin und her, als würde er mit irgendwelchem Unfug rechnen.

Lilith sah ebenfalls misstrauisch aus.

»Olivier war für sie verantwortlich«, sagte Lilith.

Olivier trat vor. »Wie ich bereits erklärt habe, wurden wir angegriffen.« Vielsagend sah er Phoenix an.

Lilith stand auf und ging mit wiegenden Hüften und Haaren wie flüssiges Gold auf Olivier zu. Am liebsten hätte ich ihr das Herz herausgerissen.

Geduld.

Ich entdeckte ein niedriges schwarzes Sofa neben Liliths Thron. Lincolns seelenloser Körper lag darauf, er trug ein Halsband, von dem eine einzelne goldene Kette zu Liliths Hand führte. Er atmete. Ich sah nicht lang hin. Reagierte nicht. Konnte nicht.

Evelyn war auch da. Sie war um die Taille herum an einen Pfosten gekettet. Mein toter Blick traf ihre stahlblauen Augen. Ich merkte, dass auch sie versuchte, sich einen Reim darauf zu machen, was da gerade passierte. Fragend zog sie die Augenbrauen nach oben. Ich nickte ihr kaum merklich zu, um sie wissen zu lassen, dass ich einen Plan hatte. Gut war, dass eine solche Geste nicht vermitteln konnte, dass ihr besagter Plan wahrscheinlich nicht gefiel.

Lilith ließ sich Zeit, schlenderte zu Olivier und ging um ihn herum, dann strich sie ihm mit der Hand über die Brust. Selbst jetzt betrachtete sie mich nicht als Bedrohung, sie machte sich nicht mal die Mühe, mich zu durchsuchen oder die Fesseln zu überprüfen. Ihr Ego würde ihr Ende sein.

»Du hast mir gesagt, du wärst stark«, sagte sie sanft zu Olivier.

»Das bin ich auch«, zischte er, schaffte es aber nicht, die Verachtung zu verbergen, die er für sie empfand. Trotz allem, was er dafür tun würde, um die Grigori zu vernichten, war er immer noch ein Engel des Lichts gewesen, und Lilith ein Engel der Finsternis. Sie waren keine Freunde.

»Du sagtest mir, du wärst der Beste vom Licht«, sagte sie.

»Das bin ich.«

Lilith holte tief Luft, schloss kurz die Augen und entfernte sich langsam von ihm. Ohne dass sie sich umschaute, erhob sich um sie herum ein Windstoß, der ihre langen goldenen Haare wie Nadelspitzen aufstellte. Sie hielt inne, und plötzlich flogen ihre Locken wie ein zusätzliches Glied nach hinten und peitschten Olivier durch das Gesicht. Sein Körper zuckte bei dem Kontakt zusammen, sein Gesicht bekam eine geisterhafte Farbe und sank in sich zusammen, als hätten ihn innerhalb von Sekunden Hunderte von Seuchen heimgesucht.

Lilith lächelte mich geheimnisvoll an. Mir drehte sich der Magen um.

Sie wirbelte herum, streckte Arm und Finger aus und rammte ihre bloße Hand direkt in Oliviers Brust. Dann zog sie die Hand, die jetzt Oliviers Herz umklammerte, ebenso schnell wieder heraus. Wenn ich zu einer anderen Zeit Lilith, die Bringerin von Krankheit und Tod, in Aktion gesehen hätte, wäre ich wahrscheinlich außer mir gewesen vor Angst.

Jetzt? Nicht besonders.

»Phoenix, mein Sohn«, sagte sie, als Oliviers Körper verschwunden war und sie wieder ihren Platz auf dem Thron eingenommen hatte. »Du überraschst mich schon wieder.« Sie nickte anerkennend.

Phoenix entfernte sich von mir und verbeugte sich vor Lilith. »Mein Platz ist neben dir, für immer.«

Lilith schien sich über seine Antwort zu freuen und gab ihrem Sohn ein Zeichen, sich hinter sie zu setzen. Er tat es.

»Violet, ich muss zugeben, du erstaunst mich – für eine Sterbliche. Ziemlich bemerkenswert, dass du so rasch einen Weg zu den Lebenden zurückgefunden hast, aber ich bin froh, dass du wiedergekommen bist. Ich habe mir so sehr gewünscht, dass du deine Liebe wiedersiehst.« Sie riss so stark an der Kette, die sie mit Lincoln verband, dass sein Kopf hochfuhr.

Ich rührte mich nicht.

Lilith seufzte und betrachtete genüsslich seinen Körper.

Ich knirschte mit den Zähnen.

»Am Leben. Aber auch nicht. Die Seele hat mehr Macht als alles andere. Würdest du mir da nicht zustimmen?«

Ich konzentrierte meine Aufmerksamkeit auf sie und nicht auf den Mann, den ich mehr liebte als das Leben selbst. »Doch. Aber jetzt habe ich eine Frage an dich.«

Sie lachte. »Ja?«

»Hast du wirklich geglaubt, du könntest mich besiegen? So große Macht du auch hast – dachtest du wirklich, dass du es mit der Macht des Einzigen aufnehmen kannst?«

»Ich habe noch nichts gesehen, was mir das Gegenteil beweist«, sagte sie herablassend.

Ich lächelte, was nur die Leere zeigte, die mich erfüllte. Lilith zuckte zusammen. Ich schloss die Augen und stieß tiefer in meine Kraftquelle hinein als je zuvor. Ich beschwor meine Kraft herauf. Dann benutzte ich meine Sehkraft, weil ich jetzt wusste, dass es so viel mehr war, als ihr Name beinhaltete. Ich hob mein Bewusstsein aus meinem Körper und nahm zum ersten Mal meine Kraft mit.

Dann ließ ich sie auf den Saal los.