Kapitel Achtundzwanzig

»… dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen …«

Psalm 91,5

Das Wasser prasselte heiß und schnell auf mich herunter, und ich genoss dieses extreme Gefühl von Leben.

Nun tickte in Bezug auf mein Leben offiziell die Uhr.

Ich würde Dad nie wiedersehen. Ich würde nie wieder mit Steph abhängen oder mit Spence herumalbern. Ich würde nie wieder eine Leinwand bemalen.

Und doch war genau wie bei Phoenix eine Last von meinen Schultern genommen worden. War ich grausam?

Vielleicht.

Trotzdem war ich erleichtert zu wissen, dass ich etwas bewirken konnte – zum Besseren hin. Morgen Abend würde ich unschuldige Leben retten, Kinder, die groß werden und eines Tages zu Kriegern werden würden. Und das würde mein Tod sein. Aber es würde ein guter Tod sein.

Ob ich Angst hatte?

Ich war wie gelähmt. Aber es würde nichts helfen, wenn ich jetzt zusammenbrach – dafür war einfach keine Zeit.

Ich dachte an meine Annahme zurück, als Uri zum ersten Mal mit mir gesprochen hatte – er hatte gesagt: »Selbst die größten Boten der Gerechtigkeit werden ihr Heil nur im Verzicht finden.«

War das jetzt das, was er gemeint hatte?

Schade, dass er es nicht für angebracht gehalten hatte, mir dieses eine wichtige Detail zu verraten: Dass Verzicht zu einem grausamen Tod führen würde.

Ich spürte die ersten Tränen kommen. Ich unterdrückte sie. Aber die Gedanken kamen.

Alles, was wir getan haben – alles umsonst.

Lilith würde uns überleben, und nur Phoenix wäre noch übrig, um sie zu vernichten. Mein Gefühl sagte mir, dass das nicht einfach werden würde.

Aber welche Alternative haben wir?

Niemand von uns konnte einfach dastehen und zulassen, dass so viele Kinder abgeschlachtet werden sollten. Lilith hatte das meisterhaft eingefädelt.

Ich stützte mich mit der Hand an der Wand der Dusche ab. Fast rechnete ich damit, dass ich zusammenbrechen würde, aber das tat ich nicht. Stattdessen zog ich mich zurück zu diesem Ort in mir selbst. Ich hatte schon vor langer Zeit gelernt, mich dorthin zurückzuziehen. Dieser Ort hatte mich gezwungen, stark zu sein, hatte mir geholfen, den Übergriff zu überleben, als ich jünger war. Ich hatte nicht zugelassen, dass dieser Lehrer mich brach, und Lilith würde das auch nicht schaffen.

Nicht davonlaufen. Nicht aufgeben. Ich glaube nicht an Happy Ends.

Ich werde Lilith entgegentreten.

Die Zeit zum Zusammenbrechen war vorbei. Die Zeit, über Himmel und Hölle nachzudenken und darüber, was von beidem mich begünstigen würde, war auch vorbei. Ich würde nicht zu den Leuten gehören, die in ihren letzten Stunden auf die Knie fallen, das war auch zuvor nie eine Alternative gewesen.

Stattdessen dachte ich, während ich so unter der Dusche stand, an Lincoln, und brach in bitteres Gelächter aus. Nach all dem, was wir getan hatten, um uns voneinander fernzuhalten. Wir hatten gegen das Innerste unserer Seelen angekämpft, die Nähe gefordert hatten, die wir immer verweigerten. Jetzt schien es mir verrückt, dass wir tatsächlich erwogen hatten, unser langes Leben in einem solch lächerlichen Partnerschaftskonzept Seite an Seite zu führen, und nicht als die Seelenverwandten, die wir eigentlich waren.

Wem wollten wir damit etwas vormachen?

Nun würden wir ironischerweise sowieso sterben – eine letzte Ohrfeige des Lebens.

Natürlich konnten wir auch Griffin und die Kavallerie rufen, aber zu welchem Preis? Lilith würde die Kinder zweifellos umbringen, und unsere Leben waren es nicht wert, dieses Risiko einzugehen. Wir waren Grigori. Wir waren Krieger. Es war unsere Pflicht.

Aber dann schoss mir etwas anderes wieder durch den Kopf. Der Strom der Gedanken riss ab, die Tränen versiegten und ich blinzelte. Mir war etwas entgangen.

Phoenix’ Worte – Am besten, du ziehst jede Möglichkeit in Betracht, bis dahin so stark wie möglich zu werden – und dass es ihm so schwer gefallen war, diese Worte hervorzubringen.

»Oh, mein Gott«, flüsterte ich. »Wir werden beide sterben.«

Die Luft verließ meine Lungen und ich klammerte mich an die Wasserhähne, um nicht auf die Knie zu fallen.

Es gibt absolut keinen Grund für uns, nicht zusammen zu sein.

Tatsächlich sprach zum ersten Mal alles dafür, dass sich Lincolns Seele und meine miteinander verbanden. Die Kraft, die uns dadurch verliehen würde, die Fähigkeit, unsere Stärke und unsere Heilkraft zu verbinden. Das würde mir mehr Zeit schenken, was mehr Kinder bedeutete. Und hinterher … Lincoln würde die Qualen seiner Folter nicht bewusst ertragen müssen.

Alle Risiken, einander Schmerzen und Leid zuzufügen, all die drohenden schrecklichen Konsequenzen verschwanden.

Wir waren frei.

Morgen werden wir sterben.

Aber nicht heute.

Ich lächelte, und bittersüße Erleichterung erfüllte meine Seele.

Dann rasierte ich mir die Beine.

Ich war so lange unter der Dusche gewesen, dass Lincoln schon wieder zurück war, als ich herauskam, und ich hörte, wie er unten rumorte. Ich zog eine Jeans und ein T-Shirt über und wünschte, ich hätte etwas, das … Hatte ich aber nicht.

Ich nahm mir Zeit und freute mich, als ich meinen Föhn und meine Kosmetiktasche fand. Offenbar hatte Zoe für mich gepackt.

Draußen war es dunkel, als ich schließlich aus meinem Zimmer kam. Ich ging durch den Flur und schnappte nach Luft, als ich oben an der Treppe ankam. Die Lichter waren aus und Dutzende Teelichter säumten den Weg nach unten. Leise Musik, die ich nicht kannte, drang zu mir nach oben. Es war ein altes instrumentales Stück, etwas, was Lincoln in der Hütte gefunden haben musste. Ob ich es kannte oder nicht, es würde mein Lieblingssong bleiben. Bis in alle Ewigkeit.

Langsam ging ich die Treppe hinunter, mein Herz klopfte, aber auf absolut gute, beglückende Art und Weise. Im Wohnzimmer prasselte ein Feuer und verströmte einen warmen Schein.

Meine Hand fuhr zu meinem Mund.

Weiße Lilien.

Überall.

Wie versteinert sah ich in Richtung Küche. Lincoln stand am Herd und rührte in etwas. Er musste geduscht haben, während ich mich geföhnt hatte, denn sein Haar war noch feucht und zerzaust. Er trug Jeans und ein weißes T-Shirt.

Barfuß. Sein Arm beugte sich, während er sich auf das, was auch immer er da gerade kochte, konzentrierte, aber er wusste, dass ich da war.

»Abendessen ist gleich fertig«, sagte er, ohne sich umzudrehen.

Was immer Lincoln erlebt hatte, seit ich ihm das letzte Mal begegnet war, er war offenbar zu demselben Schluss gekommen wie ich.

Ich lächelte gezwungen.

»Nun«, sagte ich beiläufig. »Wir sterben also wirklich, was?«

Daraufhin legte Lincoln den hölzernen Kochlöffel weg und drehte sich um. Er zögerte und musterte mich von oben bis unten. Sein Blick wanderte über mich, wie er es sich sonst kaum erlaubte. Mein Herz hämmerte.

Unsere Blicke trafen sich und ich bemerkte die Schramme auf seiner Wange. Er machte einen Schritt auf mich zu, und jegliche zusammenhängende Gedanken, die ich hatte, gerieten durcheinander.

»Wie auch immer«, sagte er. Seine Stimme war schwer wie Sirup. »Findest du nicht, dass wir lang genug gewartet haben?«

Ich zog eine Schulter nach oben. »Das Vorspiel hat sich ein wenig hingezogen«, sagte ich mit einem inzwischen vorwitzigen Lächeln.

Er sah mich an und biss sich auf die Unterlippe.

»Und falls wir nur noch heute Nacht haben, dann weiß ich genau, wie ich sie verbringen möchte«, sagte er. Einfach. Klar.

Hyperventiliere später!

Ich sah ihn ebenfalls an. »Ich auch.«

Er nickte knapp und drehte sich wieder zur Küchenzeile um. »Setz dich«, sagte er. »Ich mache das Essen fertig.«

Selbst mit dem Rücken zu mir sah ich, wie sich sein Körper unter den schweren Atemzügen hob und senkte, die die meinen widerspiegelten.

»Linc?«, flüsterte ich.

»Hmm«, sagte er. Er klammerte sich an die Küchenzeile, als würde er dort nach Halt suchen.

Mein Herz pochte. Ich spürte, wie jeder Nerv in meinem Körper in Schwung kam, während meine Seele mit dem Gefühl erwachte, dass alles möglich war.

Atme.

»Ich habe keinen Hunger.«

Ich hatte noch nicht einmal meinen ersten Schritt auf ihn zu gemacht, da war er schon da, erdrückte mich fast mit seinem Körper und nahm mein Gesicht in seine Hände. Er hielt nur inne, um mich anzuschauen, um sicherzugehen, dass ich wusste, dass er mich sah.

»Ich liebe dich«, sagte er. Dann pressten sich seine Lippen auf meine.

Meine Hände fuhren durch sein Haar und folgten dann den starken Linien seines Rückens nach unten. Er hob mich hoch und meine Beine schlangen sich um seine Hüften. Ich schrie auf vor purer Erleichterung darüber, zu wissen, dass ich endlich würde loslassen können, zu wissen, dass ich meiner Seele endlich ihre Freiheit gewähren konnte.

Er trug mich nach oben. Unterwegs blieb er mehrere Male stehen, um mich mit dem Rücken an eine Wand zu drücken, sich an mich zu pressen und mich auf die Art und Weise zu küssen, die alle nur vorstellbaren Arten von Feuer entzündete. Langsam und bedeutungsvoll bewegten sich seine Lippen, zielstrebig. Mit jeder wohlüberlegten Berührung sagten sie mir, dass er mich liebte. Es erinnerte mich an unseren ersten Kuss, und ich wusste jetzt, dass das der Moment gewesen war, in dem meine Seele seine entdeckt und beschlossen hatte, dass sie zusammengehörten.

Die Last unserer Entscheidung fiel endlich von uns ab. Als Resultat zeigte mir Lincoln, wie es war, ohne Hemmungen von ihm geliebt zu werden. Er war stark und unerschütterlich, aber er war nicht hastig, er ließ sich Zeit mit meinen Kleidern und ließ mich trödeln, als ich ihm seine auszog. Ich brauchte Zeit zum Starren, verdammt. Er war wunderschön.

Er legte mich auf das Bett und hielt sich über mir, sein Blick brannte sich vor Liebe und Verlangen in mich, und ich wusste, dass sich die gleichen Gefühle auch in meinen Augen widerspiegelten. Es war wie in einem Traum.

Die Welt hatte eine neue Perspektive gewonnen und ich konnte plötzlich alles viel intensiver wahrnehmen und sehen.

Er drückte meine Arme nach oben über meinen Kopf und presste seine Handflächen auf meine. Jeder seiner Finger verband sich mit einem von meinen. Er ließ sich Zeit, und irgendwie war das die sinnlichste Erfahrung meines Lebens. Ich spürte, wie sich seine Finger auf meine drückten, bis sie sich um meine Hand schlangen, dann ließ er mich los und fing noch einmal von vorne an – dabei sah er mir die ganze Zeit in die Augen.

Meine Seele schob sich nach vorne, hungrig und willig, sie forderte ein, wonach sie sich so lange gesehnt hatte. Was sie brauchte. Zum ersten Mal ließ ich los.

In meinen Träumen hatte ich mir diesen Augenblick wieder und wieder vorgestellt. Ich hatte gedacht, ich wüsste, wie es sich anfühlen würde, aber es war nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Dieser Moment übertraf alles, denn als wir uns vereinigten, stieg meine Seele – so viel intensiver als meine engelhafte Kraft – nach oben und fand seine, verflocht sich mit ihr, ertränkte mich in seiner Essenz und allem, was sich wie die Sonne anfühlte.

Und dann kam die Kraft.

Wie ein Wirbelwind öffneten sich unsere Fähigkeiten einander und ich spürte, wie sich das endgültige Band knüpfte und einen Übergang von einem zum anderen bildete. Ich spürte den Rausch seiner immensen Stärke und war sofort im Einklang mit seinen Fähigkeiten als Schattenfinder. Wenn ich auf seine Kraft zugreifen wollte, dann könnte ich das jetzt. Alles war da, um genommen zu werden, genau wie meine Kraft für ihn da war.

Lincoln schrie auf. Nicht vor Schmerz, sondern vor Überwältigung.

Seine Hand griff nach meinem Gesicht, strich meine Haare zurück. Seine Augen blitzten grün auf.

»Du bist unglaublich. Ich kann deine Kraft spüren, und es ist mehr als alles, was ich … Violet.« Er schluckte und schaute mich ehrfürchtig an. »Es ist, als wärst du … Es ist, als wärst du so machtvoll wie ein Engel.«

Seine Worte waren bedeutsam. Doch trotzdem war ich ruhelos. Seine Kraft strömte durch mich hindurch, forderte mich heraus, auf die Probe gestellt zu werden. Ich lächelte, und ohne darüber nachzudenken, drehte ich ihn so schnell um, dass es uns beide überraschte.

Er ließ es sich gefallen.

Dann zog er mich zu sich herunter, näher und näher, bis es unmöglich für uns war zu unterscheiden, wo der eine anfing und der andere endete. Und das wollte ich auch gar nicht. Ein Mal in meinem Leben war ich genau da, wo ich sein sollte, war ich genau die, die ich sein sollte. Und ich war mit der Person zusammen, mit der ich zusammen sein sollte.

Ich schmiegte mich an seinen Hals, atmete alles ein, was er war, und war zum ersten Mal in der Lage, etwas zu sagen, seit er seine Lippen auf meine gepresst hatte.

»Ich liebe dich auch.«

Er drückte mir einen Kuss auf den Kopf. Ich fühlte mich wie im Himmel.

Ich. Violet Eden. Grigori. Menschenkind. Kriegertochter. Engeltochter. Aber vor allem anderen gehörte ich zu ihm.

Und er zu mir.