Kapitel Dreissig

»Deine Pläne sollen schwarz und undurchdringlich sein wie die Nacht, und wenn du zuschlägst, soll es sein, als schlüge der Blitz ein.«

Sun Tzu

Am späten Nachmittag waren die Flitterwochen zu Ende und wir wappneten uns. Phoenix würde bald kommen und wir wollten bereit sein. Ich hatte einen Block und einen Stift gefunden, und während Lincoln die Grenzen abschritt, hatte ich mir die Zeit genommen, ein paar Briefe zu schreiben.

Abschiedsbriefe.

Ich starrte auf die gefalteten Seiten, bevor ich sie in meiner Tasche verstaute. Einen für Dad, einen für Steph und einen für Evelyn.

Es war unfair, das ganze Leben ohne Mutter gelebt zu haben, sie dann plötzlich zurückzubekommen und jetzt wieder zu verlieren, bevor ich ihre eine richtige Chance geben konnte. Wir wussten immer noch nicht, was mit ihr geschehen würde, wenn Lilith vernichtet wäre, aber ich hoffte um Evelyns und Dads willen, dass sie nicht auch von dieser Welt verschwinden würde.

Ich schrieb noch einen gemeinsamen Brief an Griffin, Spence, Zoe, Sal und Dapper. Zuerst war ich nicht sicher, ob ich Onyx mit einbeziehen sollte – er, der kein Geheimnis daraus gemacht hatte, dass seine Loyalität stets in Frage zu stellen wäre – aber ich merkte schnell, dass er zu ihnen gehörte, ob er das zugab oder nicht. Das schrieb ich ihm auch in dem Brief. Ich schrieb nicht jedem einzeln, weil viele meiner Gedanken auf sie alle zutrafen – mein Dank und gute Wünsche für ihr langes, glückliches Leben. Ich wünschte Spence viel Glück mit seiner Partnerin, in ein paar Monaten würde er endlich jemanden an seiner Seite haben. Ich sagte ihm, wie sehr es mir leidtat, dass ich nicht da sein würde, um ihm den Rücken freizuhalten, so wie er das immer bei mir getan hatte.

Lincoln rief schließlich Griffin an und sagte ihm, dass wir einen Weg gefunden hätten, auf dem wir wenigstens einige der gefangenen Kinder in Sicherheit bringen konnten. Griffin durchschaute selbst am Telefon, dass Lincoln vieles weggelassen hatte, und bestand darauf, dass wir warteten, bis sie da waren. Dapper, Steph, Salvatore und Onyx waren offenbar in New York gelandet und auf dem Weg zu unserer Hütte. Griffin hatte Spence vorausgeschickt, während er selbst in der Akademie blieb und versuchte, den Rat davon zu überzeugen, mehr Grigori zur Verstärkung zu schicken, wenn die Zeit gekommen war.

Es war seltsam, daran zu denken, wie nah sie waren – und mit dem fast vollständigen Qeres obendrein. Doch Phoenix hatte sich klar ausgedrückt – es würde keine Möglichkeit geben, bei Lilith Zeit zu schinden, denn dann würde sie die Kinder töten.

Lincoln erzählte Griffin, was er konnte, ohne ihn durch die ganze Wahrheit in Schrecken zu versetzen. Dann bat er ihn darum, Dapper zu informieren, dass er einen wichtigen Anruf bekommen würde.

Ich konnte hören, wie Griffin widersprach, aber Lincoln sprach ruhig weiter und gab ihm die Anweisung, die Truppen in Bereitschaft zu versetzen und er sagte zu ihm, dass wir ihm, sobald wir konnten, Liliths Aufenthaltsort mitteilen würden. Er vergaß zu erwähnen, dass nicht wir diejenigen sein würden, die ihm das mitteilen würden, und als Griffin nicht überzeugt war, sagte Lincoln einfach: »Alles wird kommen, wie es kommen muss. Du wirst es dann verstehen. Mach’s gut, Griff.« Damit legte er auf.

Lincoln und ich standen uns im Keller gegenüber. Wir hatten beide dunkle Jeans und T-Shirts an, seines war kurz-, meines langärmlig. Wir hatten uns bewusst für dunkle Farben entschieden. Ich würde heute Abend bluten, und ich wollte es für diejenigen, die gezwungen sein würden zuzuschauen, nicht noch schwerer machen. Außerdem sah ich wenig Sinn darin, Lilith eine größere Show zu liefern als unbedingt notwendig.

Im Kleiderschrank fand ich eine schwarze Lederweste, die Evelyn gehören musste. Ich zog sie an und machte den Reißverschluss zu. Sie war eng, aber es war schön, etwas von ihr anzuhaben. Ich hatte noch nie gebrauchte Kleider getragen, aber … sie war cool. Lincoln hoffte darüber hinaus, dass das Leder den Pfeilen etwas Widerstand bieten konnte.

Als ich zusah, wie er alles vorbereitete, kam mir der Gedanke, dass ich nie gedacht hätte, dass er das hinnehmen würde. Und doch hatte er es getan. Ich hatte gedacht, er würde mich brüllend und um sich schlagend in irgendein Versteck zerren. Ich zog die Augenbrauen zusammen, ich fühlte mich, als hätte ich irgendetwas verpasst.

Während ich versuchte, meine Gedanken wieder auf die Reihe zu kriegen, murmelte ich: »Es muss einen Weg geben …«

Lincoln sah gerade die Waffen durch, um zu entscheiden, was wir davon am Körper verstecken konnten. Das machte wenig Sinn. Wir wussten, dass uns sämtliche Waffen abgenommen würden.

»Einen Weg wofür?«

»Die Schrift zu bekommen. Wenn wir das tun, einfach so … sterben, dann müssen wir wenigstens die Schrift zurückholen. Wenn wir das nicht tun, wird sie sie einfach weiterhin benutzen und sich noch mehr Kinder schnappen.«

Lincoln blickte zu Boden. Daran hatte er auch gedacht, und es war ein Fehler, dass das in unserem Plan nicht vorgesehen war. Das Problem war, dass das an unserer Zwangslage nichts änderte. Der Wert der jungen Leben, die wir möglicherweise retten konnten, war real, trotz der Gefahren, die in der Zukunft lauerten. An dieser Logik gab es nichts zu rütteln.

Angst kroch wie eine glitschige Schlange an meinen Beinen hinauf und schlang sich um meine Brust. Wir konnten dieses Spiel nicht gewinnen. Lilith hatte uns in eine Ecke gedrängt, und jetzt würden wir den höchsten Preis dafür zahlen. Das Einzige, auf das wir hoffen konnten, war, dass die Akademie mit Truppen durchkommen, Lilith überwältigen und die Schrift zurückholen würde, wenn wir tot waren.

Lincoln legte seine Hände auf meine Schultern. »Vi, alles wird gut werden.«

Meine Augen wurden schmal. »Was verschweigst du mir?«

Seine Gesichtszüge spannten sich an. »Nichts. Ich will dich nur schützen.«

Ich legte meine Hände um sein Gesicht. »Ich bin stark, Linc. Wenn deine Kraft mit mir verbunden ist, werde ich es aushalten. Wir werden diese Kinder retten.«

Er nickte entschlossen. »Du wirst aber wirklich alles von mir nehmen, was du brauchst, um jeden einzelnen dieser Pfeile zu überleben, hast du gehört?«

Wir wussten von mindestens sechzig Kindern. Es würde unmöglich sein, so viele Pfeile auszuhalten. Aber Lincoln flehte mich an und ich wusste, worum er mich eigentlich bat – dass ich mehr von ihm nahm, als er überleben konnte.

Tut er das für die Kinder? Oder für mich?

Ich wusste die Antwort nicht, aber ihm zuliebe nickte ich. Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich ihn versprechen lassen, dass er, wenn er sich zwischen einem unschuldigen Leben und mir entscheiden müsste, das unschuldige Leben rettete. Ich würde das gleiche Versprechen halten müssen, auch wenn es eine Wahrheit in sich trug, über die ich nicht nachdenken wollte.

Er ergriff meine Hände. »Wenn wir erst mal dort sind, fällt uns vielleicht ein anderer Plan ein. Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden.« Er schien so zuversichtlich, und wieder schrillten bei mir alle Alarmglocken. Seit er gestern Abend Phoenix in die Stadt gebracht hatte, hatte Lincoln nämlich nicht nur eine nervtötende Akzeptanz entwickelt, sondern auch ein gewisses Vertrauen in den Plan.

Er spürte meine Unruhe und zog mich an seine Brust. »Ich habe keine Angst vor dem Sterben. Nachdem ich dich in meinen Armen hatte und weiß, dass wir zusammen sind …« Er trat zurück, seine Hände ruhten auf meinen Schultern und wir blickten uns in die Augen. »Ich war dumm zu glauben, es gäbe einen anderen Weg für uns. Ich bereue nichts, nicht das kleinste bisschen.«

Das galt auch für mich. Im Moment hatte ich alles, und das hätte ich niemals für ein ewiges Leben, in dem ich mir Lincolns Liebe vorenthalte, eingetauscht. Wir waren Seelenverwandte im wahrsten Sinne, Herzensfreunde von größter Tiefe. Dass wir jetzt sterben mussten … Das war für unsere Liebe irrelevant. Lincoln hatte recht – wir waren ewig.

Als er das letzte Messer in meinem Stiefel versteckt hatte, spürte ich, dass Phoenix sich näherte.

»Er ist fast da«, sagte ich. »Und er hat noch jemanden bei sich.«

Lincoln lächelte und schüttelte dabei ehrfürchtig den Kopf. »Ich kann es durch dich spüren, mit allen Sinnen, wie nie zuvor.« Er rümpfte die Nase. »Moschus mochte ich noch nie«, fügte er hinzu.

Ich verdrehte die Augen und sein Lächeln wurde breiter.

»Was ist los?«, fragte ich.

»Ich kann deine Gefühle für ihn wahrnehmen. Es ist auf vielen Ebenen so echt und intensiv – die Art und Weise, wie du ihn magst. Ich kann sogar sehen, wie tief er dich verletzt hat.«

Ich runzelte die Stirn. Das war kein normales Gespräch. »Warum lächelst du dann?« Ich war mir nicht sicher, ob ich anfangen sollte, mich zu verteidigen, oder nicht.

Lincoln ließ sich auf ein Knie fallen, um sein Messer unter seiner Jeans zu befestigen. Mit einem wissenden Grinsen blickte er zu mir auf. »Weil das, was du für ihn empfindest, nicht auch nur annähernd so stark ist wie das, was du für mich empfindest.«

Ich schnaubte, aber ich erwiderte sein Lächeln. »Ha, ha. Kannst du jetzt bitte mal meinen Kopf verlassen?«

»Ich bin gar nicht in deinem Kopf.«

Ich schlug ihm gegen die Schulter, sodass er das Gleichgewicht verlor und nach hinten fiel. »Männliche Egos«, brummte ich, als ich an der Stelle vorbeiging, wo er lachend auf dem Boden lag.

Ich ging aus der Hütte hinaus. Phoenix stand auf dem Rasen und sah resigniert aus. Sechs Verbannte standen weiter hinten, wo die Bäume anfingen, außerhalb der Blendung. Lincoln kam hinter mir heraus, und trotz unseres Schicksals, das mit raschen Schritten auf uns zueilte, schmunzelte er immer noch. In einem einzigen Moment huschten unzählige Ausdrücke über Phoenix’ Gesicht.

Er weiß es.

Ich hielt den Atem an.

Doch Phoenix’ Reaktion ging sofort wieder gegen null. Seine Augen wurden schmal und er knurrte: »Gehen wir.«

Ich warf Lincoln einen nervösen Blick zu. Er hatte die wartenden Verbannten ebenfalls entdeckt, aber er lächelte trotzdem weiter. Ich konnte geradezu fühlen, wie sehr er es genoss, Phoenix zu zeigen, dass wir uns vereint hatten.

Männer.

Lincolns Lächeln wurde breiter.

Phoenix stieß ein Schnauben aus, das Dapper alle Ehre gemacht hätte, und stapfte auf uns zu. »Versucht wenigstens, eure verdammten Gefühle zu kontrollieren!«

Ich nickte bereits entschuldigend, und peinlich berührt.

Lincoln hingegen schmunzelte einfach wieder und erwiderte: »Tu ich doch.«

Himmel. Phoenix wird uns umbringen, noch bevor wir überhaupt bei Lilith ankommen!

Wir nahmen lieber den Geländewagen, anstatt uns von Phoenix’ Kräften zu Liliths Anwesen bringen zu lassen. Momentan versuchten wir alle, so viel wie möglich von unseren Kräften zu sparen. Es bedeutete auch, dass Phoenix für ein wenig Privatsphäre sorgen konnte, indem er uns von seinen verbannten Gorillas trennte. Sie fuhren vor und hinter uns in ihren eigenen Fahrzeugen.

Es waren lange zwanzig Minuten – und doch war jede einzelne von ihnen kostbar.

»Wird uns Lilith zusammen einsperren?«, fragte ich Phoenix.

»Nein«, erwiderte er. »Lincoln wird sie am anderen Ende des Anwesens unterbringen, wo Evelyn gefangen gehalten wird. Dich wird sie bis zur Zeremonie heute Abend höchstwahrscheinlich ins Verlies sperren.«

Ich nickte und versuchte, meine aufkeimende Angst zu ignorieren.

Als wir uns näherten wurde mir klar, weshalb niemand in der Lage gewesen war, Liliths Aufenthaltsort aufzuspüren. Sie und ihre Gefolgschaft hatten das ganze Gebäude mit einer Blendung versehen, wodurch es aussah wie eine alte Burg mit bröckelnden Mauern, deren Dach zum großen Teil fehlte. Wer daran vorbeikam, würde das Gebäude als Ruine betrachten.

Es war genial. Versteckt und trotzdem deutlich zu sehen.

Die Realität sah ganz anders aus. Das Gebäude stand vollkommen abgelegen, es hatte massive Steinmauern und schmiedeeiserne Tore. Es war in der Tat ein burgartiges Anwesen, aber anders als die Blendung war es von makellosem Aussehen.

Es war nicht schwer, die zahlreichen Wachen, die draußen patrouillierten, zu entdecken und wahrzunehmen. Ich fuhr meine Sinne ein bisschen weiter aus und schnappte nach Luft.

Lincoln warf mir einen Blick zu. Er hatte es auch wahrgenommen.

Mindestens fünf Dutzend Verbannte – vom Licht und von der Finsternis – mussten dort drin sein, und fast alle von ihnen waren machtvoll.

Wir hielten hinter dem ersten Wagen an. Bevor ich die Autotür öffnen konnte, ergriff Lincoln meine Hand. »Denk daran, du wirst dich mir vollkommen öffnen müssen, damit ich dir meine ganze Kraft senden kann.«

Ich klappte den Mund auf, um ihm zu widersprechen, aber er schnitt mir das Wort ab.

»Hier geht es nicht um du oder ich, Vi. Wenn es so weit ist, geht es darum, so viele von diesen Kindern zu retten wie möglich.«

Resigniert machte ich den Mund zu.

»Ich nehme die Angst weg, wenn ich kann«, bot Phoenix leise von hinten an.

Ich nickte.

»Von euch beiden«, fügte er hinzu.

Lincoln presste die Lippen zusammen, als er ebenfalls leicht nickte.

Er kramte sein Handy aus der Tasche und reichte es Phoenix. »Griffins Nummer ist darin gespeichert, wenn du sie brauchst. Sag ihm, dass wir getan haben, was wir konnten und dass es … mir leidtut.«

Phoenix nahm das Handy.

»Hol Evelyn da raus, okay?«, fügte ich hinzu. »Sie ist unsere größte Hoffnung, wenn es darum geht, Lilith zu töten. Sag ihr, dass ich in der Hütte ein paar Briefe in meiner Tasche hinterlassen habe. Und sag ihr, sie soll sich um Dad kümmern.« Evelyn war die Einzige, die Lilith jemals besiegt hatte. Ich wusste, sie würde alles tun, was sie konnte, um sie wieder zu Fall zu bringen.

Phoenix schluckte und schaute weg. »Ich schwöre es.«

Wir stiegen aus dem Wagen. Lincoln kam auf meine Seite und zog mich in seine Arme. Der Gedanke, dass wir uns erst seit vierundzwanzig Stunden so nah waren, war seltsam. Es war so vollkommen, dass ich mir jetzt nicht mehr vorstellen konnte, anders zu leben.

Lincoln neigte meinen Kopf zu sich nach oben. Schimmernde grüne Augen sahen mit so grenzenloser Liebe und so großem Respekt auf mich herunter, dass ich spürte, wie sich meine Augen mit Tränen füllten.

»Du hast mehr Kraft als jeder andere Grigori, den es je vor dir gab und womöglich mehr als jeder, der noch kommen wird.« Er beugte sich herunter, während ich mich auf die Zehenspitzen stellte. Unsere Lippen trafen sich, und wir verweilten in vollkommener Harmonie. Als unser Kuss tiefer wurde, spürte ich, wie sich die Magie regte, die unsere Seelen verband, und ich erschauerte.

»Es ist mein Privileg, dich zu lieben«, sagte er. Bei jedem Wort streiften seine Lippen mein Ohr. »Vergiss nie – ich bereue nichts.« Er küsste mich hinter dem Ohr und atmete tief ein. »Absolut gar nichts.«

Etwas regte sich in meinem Magen. Ich wich ein wenig zurück und sah ihm forschend in die Augen.

Aber er starrte einfach nur zurück und unterstrich dadurch nur noch die Wahrheit und die Liebe in seinen Worten. Ich umfasste sein Gesicht mit meinen Händen. »Ich auch nicht. Ich liebe dich auch. Mit allem, was ich bin.«

Phoenix, der ein paar Schritte vorausgegangen war, um uns einen Moment für uns zu geben, räusperte sich. »Es ist Zeit«, sagte er.

Wir folgten ihm zu den massiven schwarzen Toren, die von den Verbannten flankiert wurden, die uns begleitet hatten. Es fühlte sich an, als müssten wir eine ganze Meile zurücklegen, nur um zu ihnen zu gelangen. Dabei gingen wir über ein ansteigendes, gepflegtes Rasenstück, das nach Geld und Macht roch. Ich fragte mich flüchtig, wer in all den Jahren, in denen Lilith weg gewesen war, hier wohl gewohnt und das Anwesen gepflegt hatte.

Als wir durch die Eingangstür gegangen waren, überwältigte uns die schiere Anzahl von Verbannten. Sie grinsten und waren übermäßig aufgeregt und in gefährlicher Stimmung, weil wir auf ihrem Territorium waren. Phoenix schützte uns und zögerte nicht, wenn einer der Verbannten die Kontrolle verlor. Es war unglaublich, dass er so viel Macht über sie hatte, trotzdem ließ er vier Verbannte schmerzgekrümmt am Boden zurück, nachdem wir durch die Eingangshalle gegangen waren. Wie vereinbart hatten es Lincoln und ich unterlassen, ihm zu helfen.

Phoenix führte uns in einen Raum, der früher wohl ein prachtvoller Ballsaal gewesen war. Jetzt war er eher ein Schrein. Durch die Mitte des Raumes zog sich ein schwarzer Teppich zu einem üppig verzierten, hässlichen goldenen Thron, auf dem Lilith saß.

Meine Sinne registrierten ihre Kraft und ich taumelte. Lincoln stützte mich, indem er mir die Hand unter den Ellbogen legte. Ich hatte sie in der Akademie gesehen, aber ich hatte sie nicht so wahrgenommen wie jetzt. Sie saß aufrecht da, flankiert von zwei Verbannten. Einer davon war Olivier.

Er trat vor und gab zwei anderen Verbannten ein Zeichen. »Entwaffnet sie.«

Die Verbannten waren gründlich und fanden unsere versteckten Waffen schnell.

Lilith verströmte Macht wie eine lebendige, atmende Kraft, mit der sie die Welt nährte. Ihr Haar war faszinierend, es fiel ihr bis zur Hüfte und war von einem lebhaften Orange-Gold. Jede Strähne sah aus wie edles, gedrehtes Karamell. Ihre Augen hatten einen weichen Pfirsichton, aber sie waren mit schwerem Schwarz umrandet, sodass sie sehr eindrucksvoll aussahen. Sie beobachtete, wie wir uns näherten, mit ihrem unnachgiebigen, vogelartigen Starren studierte sie jede Bewegung. Und zwar nicht nur unsere. Sie beobachtete alle und alles um sie herum mit dem gleichen intensiven prüfenden Blick.

Sie regte sich auf ihrem Thron. Sie schlug die Beine übereinander und richtete sich ein wenig auf. Es wäre untertrieben, sie als schön zu bezeichnen. Die Tatsache, dass es mir bei ihrem Anblick den Atem verschlug, gab mir nur einen winzigen Hinweis darauf, was sie – Lady Lust – mit dem anderen Geschlecht anstellte. Als würde sie diesen Gedanken spüren, kräuselten sich ihre Mundwinkel, als sie mich und danach Lincoln anschaute. Sie hatte ein provokatives, blutrotes Kleid an, das mehr enthüllte als verdeckte, und zweifellos genoss sie die Macht, die sie über Männer ausübte.

Ich warf Lincoln einen Blick zu und hatte fast damit gerechnet, dass er sabberte, aber er sah nicht einmal in ihre Richtung. Ich folgte seinem Blick und musste ein Keuchen unterdrücken.

Um sie herum lagen Männer – Menschen – auf dem Boden, sie hatten kaum etwas an und waren zu Tode erschöpft. Sie waren an den Thron gekettet uns sahen aus, als hätten sie seit Wochen nichts getrunken und gegessen, und doch betrachtete jeder von ihnen Lilith mit Verlangen. Sie waren von einer dicken, schwarzen Schicht bedeckt, die, wie mir auf einmal bewusst wurde, aus Schatten bestand. Ich zapfte Lincolns Schattenfinder-Fähigkeit an.

Lincoln nahm meine Hand in seine. Es hatte eine Zeit gegeben, in der ich eine solche Zurschaustellung abgelehnt hätte, in der ich dies als Schwäche empfunden hätte. Aber das machte mir jetzt nichts mehr aus. Ich wollte nicht mehr allein dastehen oder beweisen, dass ich niemanden brauchte. Ich brauchte jemanden. Und was Lincoln und ich nun hatten, ging weit darüber hinaus.

Mir entging Liliths enttäuschter Blick nicht, als sie merkte, dass Lincolns Aufmerksamkeit nicht ihr galt, aber sie überspielte es rasch mit einem mörderischen Lächeln.

Rasch schaute ich mich um. Evelyn war nirgends zu sehen.

»Wirklich bemerkenswert«, sagte Lilith, ihre melodische Stimme und ihr vollmundiger Akzent waren zeitlos. Sie sah mich an. »So ein unscheinbares Mädchen – du hast nichts Besonderes an dir, und doch machst du mir Konkurrenz, wie ich sehe. Und was am beunruhigendsten ist« – sie wandte sich mit weniger freundlichem Blick Phoenix zu –, »du hältst das Herz meines Sprosses in den Händen, auch wenn du deines offenbar einem anderen gegeben hast. Oje, oje … na ja, ich glaube, ich sollte dir danken.«

Ihr Lächeln wurde noch einen Tick intensiver und fast hätte man erwartet, dass im Hintergrund ein Chor anfängt zu singen.

»Ohne dein Eingreifen hätte mein Sohn wohl niemals sein Rückgrat entdeckt und mich zurückgeholt. Schade für dich, dass meine Dankbarkeit schon immer von kurzer Dauer war, und dein Erbe inspiriert einfach zu einer besonders … leidenschaftlichen Reaktion.« Sie stand auf und ich machte mich schon darauf gefasst, dass sie auf mich zukäme, aber sie sah einfach nur auf uns herunter.

»Wir sind wegen der Kinder hier«, sagte ich, weil ich keinen Sinn darin sah, noch mehr Belanglosigkeiten auszutauschen.

»Natürlich seid ihr das. Und ich bin mir sicher, man hat euch erklärt, dass ich nicht ohne Mitgefühl bin.« Sie ging auf einen der Männer zu ihren Füßen zu und tätschelte ihm den Kopf. Seine Wangen waren vor Hunger völlig eingefallen, und dennoch stöhnte er vor Lust, als sie ihn berührte. »Ich gewähre euch die Möglichkeit, die Kinder lebend aus meiner Gefangenschaft zu befreien. So viele Pfeile du überdauern kannst, so viele Kinder werden freigelassen.«

Ich nickte. »Das hat man mir gesagt. Aber wir brauchen jemanden, der die Kinder in Sicherheit bringt, sobald sie frei sind.«

Lilith winkte ab. »Ihr dürft nicht noch einen von euren Leuten in dieses Haus bringen.«

Darauf waren wir gefasst gewesen. »Wie steht es mit einem, der einst zu euch gehört hat?«

Sie zog die Augenbrauen nach oben.

»Ich kenne einen Verbannten, der jetzt nur noch ein Mensch ist«, erklärte ich.

Sie wich erschrocken zurück und antwortete dann angewidert: »Er hat sich selbst dafür entschieden?«

Zeit, ein paar Kleinigkeiten über mich zu erfahren.

Ich hielt ihren Blick. »Nein. Ich habe ihm seine Kräfte weggenommen.«

Sie neigte den Kopf, als würde sie meinen Worten noch nachlauschen, ihre Aufmerksamkeit huschte im Raum umher, während sie darüber nachdachte. Schließlich warf sie mir einen nachdenklichen Blick zu. »Und dann werden wir ein Abkommen treffen?«

»Ja«, antwortete ich.

Sie sah Lincoln an und wartete. Er holte tief Luft und zögerte. Liliths Lächeln wurde noch breiter.

»Das werden wir«, stimmte Lincoln endlich zu.

Liliths Blick schoss zu Phoenix, und sie nahm wieder ihren Platz auf dem Thron ein. »Triff die Vorbereitungen«, sagte sie zu ihm, bevor sie ihn mit einer groben Handbewegung entließ. »Bringt ihn zur Südzelle und das Mädchen nach unten zu den Kindern. Zeigt ihr den Abschaum, für den sie bald sterben wird.«

Aus den Schatten tauchten dunkle Verbannte auf. Zwei Dutzend von ihnen umringten uns rasch und meine Instinkte schrien Kämpf! Kämpf! Tu etwas! Irgendwas! Doch ich zwang mich dazu, stillzuhalten, als sie sich näherten. Ich knirschte mit den Zähnen, als sie Lincoln und mich auseinanderrissen und uns in unterschiedliche Richtungen wegführten.

Als mir einer der Verbannten den Ellbogen in die Seite stieß, sagte Lilith: »Niemand rührt das Mädchen an. Sie soll für die Festlichkeiten heute Abend in Bestform sein. Ihr dürft jedoch« – sie hielt inne, um zu einem Entschluss zu kommen – »mit ihrer Liebe spielen, wenn es sein muss. Aber sorgt dafür, dass er heute Abend noch stehen kann.«

Ich schloss die Augen, als die Verbannten, die Lincoln umringten, anfingen zu knurren.