42

Am nächsten Morgen herrschte schon hektisches Treiben in der Wohnung. Ich rieb mir den Sand aus den Augen, rollte mich zur Seite und gab Anna einen Guten-Morgen-Kuss. Um Josi aber nicht eifersüchtig zu machen, knuffelte ich schnell ihren Rüssel und drückte sie fest an mein Herz. Ich hielt meine Hände gegen meinen Brustkorb und überprüfte meine Atmung. Mir ging es gut. Außer den normal-schlimmen Stichen war nichts festzustellen. Noch etwas wacklig auf den Beinen, aber gut gelaunt, kletterte ich vom Hochbett, schlurfte durch den Flur und winkte Papa, der sich in der Küche einen Kaffee eingoss. Mama lief aufgeregt um uns herum. Sie telefonierte so laut mit Wiebke, ihrer besten Freundin, dass Papa und ich zeitgleich mit den Augen rollten. Das war lustig, weil wir nichts sagen mussten, um uns zu verstehen. Mama hatte vor der Party noch viel vor: Reeperbahn, Friseur, Haare färben, neues Outfit aussuchen. Zum Glück hatte ich alles schon erledigt, denn am schönsten Tag meines Lebens wollte ich keinen Stress mehr haben. Da sollte alles perfekt sein. Ich machte Pipi, wusch mir die Hände und klopfte an Lars’ Tür. Er antwortete nicht, also ging ich rein.

»Schläfst du?«, fragte ich vorsichtig.

»Wie denn, bei dem Lärm, den deine Mutter veranstaltet!«

Lars drehte sich zur Seite und grinste mich an. Ich grinste zurück, weil wir nach der getrennten Nacht wieder zusammen waren und ich mir in dem Moment nichts Schöneres vorstellen konnte.

»Aufgeregt?«

»Nein«, sagte ich. »Darf ich kurz kuscheln kommen?«

Lars rutschte zur Seite an die Wand, und ich legte mich neben ihn.

»Machst du Nini noch mal an?«

»Klar«, sagte Lars. »Video oder Lied?«

»Lied«, sagte ich und schaute an die Decke.

Lars beugte sich über mich, um an seinen Laptop zu gelangen und nur sechs oder sieben oder acht Wimpernschläge später begann Nini wieder für uns zu singen: »Du warst auf einmal da, fast wie ein Sonnenstrahl, immer da bei mir, immer da …«


Während ich neben Lars lag und zuhörte, fiel mir auf, dass er wirklich immer da war bei mir. Woher wusste Nini das so genau? Seit unserem ersten Treffen verging fast kein einziger Tag, an dem wir nicht mindestens einmal unsere Stimmen hörten – nur um zu überprüfen, ob es dem anderen auch gut ging. An den schlechten Tagen, an denen ich zu schwach zum Reden war, dachte ich einfach ganz viel an ihn und er an mich. Und wir schrieben uns SMS. Das zählt nämlich auch. Zu wissen, dass es jemanden gibt, der seine Zeit mit dir verbringt, der an dich denkt und dich lieb hat, auch wenn er in einer anderen Stadt wohnt, ist das kostbarste Geschenk, das man auf der Welt bekommen kann. Besser als jeden Tag Geburtstag zu haben. Die Zeit, die man zusammen erlebt, kommt ja nicht wieder. Sie ist für immer weg, also sollte man dankbar sein, wenn jemand sie mit einem teilt. Und wenn du diesen Jemand auch noch tief im Herzen lieb hast, dann bist du ein richtiger Glückspilz. Braune Champignons flogen durch das Bild, und ich schüttelte mich schnell, damit ich wieder bei meinen alten Gedanken landete. Ich mag nämlich keine Pilze. Die sind eklig und schmecken wabbelig. Ich fand nicht mehr zu meinen alten Gedanken zurück und weil ich etwas ganz schnell wissen wollte, tippte ich Lars auf die Schulter und fragte: »Bleibst du mein großer Bruder?«

»Wie meinst du das?

»Ich meine, also, ich möchte gerne wissen, ähhh, wegen, Ding.«

»Ganz langsam, Daniel. Ausatmen. Einatmen. Und von vorne.«

»Ich bin doch jetzt sechzehn«, sagte ich. »Und heute ist meine Geburtstagsfeier. Und ich wollte gerne wissen, ob du morgen immer noch mein großer Bruder bist?«

»Aber Daniel, das weißt du doch«, sagte Lars.

»Bist du’s?«

»Natürlich.«

»Gut.«

»Kannst du dich nicht mehr erinnern? Du hast mich das schon einmal gefragt. Da kannten wir uns erst eine Woche oder so. Und ich habe zu dir gesagt …«

»Ich glaube, ich weiß es wieder«, unterbrach ich ihn. »Du hast gesagt: Brüder für immer.«

»Yessur!«

»Okay, dann kann ich ja jetzt beruhigt duschen gehen, du Lusche.«

»Pass bloß auf, du Frechdachs«, lachte Lars und zog mir eins mit dem Kopfkissen über. Wir kämpften, bis meine Lippen blau wurden, ließen uns wieder aufs Bett fallen, hörten noch ein bisschen Nini zu und quatschten über Mädchen. Mein Herz klopfte.

»Meins auch«, zwinkerte Lars mir zu.

Ich überlegte kurz, ob ich nachfragen sollte, ließ es aber bleiben. Manche Dinge müssen nicht laut ausgesprochen werden, um sie zu verstehen. Ich lächelte zurück, stand auf und ging duschen.

Bis zum Nachmittag sah ich fern, doch meine Gedanken schweiften immer wieder ab, und ich stellte mir vor, später auf der Party ein oder zwei sexy Mädchen abzuschleppen. Ich hatte zwar keine Ahnung, wen Lars eingeladen hatte, weil es bis zur letzten Sekunde ein Geheimnis bleiben sollte, aber in meiner Phantasie sahen alle Mädchen wunderschön aus. Das Kondom lag schon griffbereit in der Kommode. Ich kontrollierte das einmal pro Stunde, weil ich nicht wollte, dass es plötzlich nicht mehr da war. Viel mehr an Vorbereitung brauchte es ja nicht. Jedenfalls fiel mir nichts ein. Wäre Lars noch da, hätte ich ihn fragen können, aber er musste noch Sachen erledigen, von denen er mir nichts verraten wollte, und war längst verschwunden. Mama war beim Friseur, und Papa saß im Wohnzimmer. Ich zog mein Geburtstagsoutfit an und spielte mit meinen Schleichtieren. Zu meiner Bande gehören zwei Eisbären, ein Babyeichhörnchen, ein Mama-Elefant mit Baby-Elefant, ein Känguru mit Baby im Beutel, ein Mops als Hundepapa, eine Hundemama mit zwei Welpen, ein Erdmännchen und eine extra Erdmännchenfamilie, ein Panda, eine Koala-Mama mit Koala-Baby, ein Tigerbaby und ein Tapir. Lars mag das Babyeichhörnchen, das Erdmännchen und den Tapir am liebsten. Ich habe sie alle gleich lieb.


Mama rief von unterwegs an. Sie sei gerade aus dem Bus gestiegen mit Wiebke, und niemand dürfe das Bad blockieren, weil sie schon viel zu spät seien und sich beeilen müssten.

»Papa«, brüllte ich aus dem Flur ins Wohnzimmer. »Mama kommt gleich. Du darfst nicht mehr aufs Klo, sonst kriegst du Ärger.«

Ich ging wieder zurück in mein Zimmer und schaute auf meine Spongebob-Schwammkopf-Uhr. Noch vierzig Minuten. Lars hatte gesagt, dass wir um halb sechs abgeholt werden würden. Ich zog die Schublade der Kommode auf, öffnete das Geheimversteck, kontrollierte, nickte, setzte mich neben Anna, und wartete. Sie war nicht mehr böse auf mich. Josi und die anderen Tiere mussten ja auch zu Hause bleiben. Ich hörte, wie Mama die Wohnungstür aufschloss und wie ein Wirbelwind direkt ins Schlafzimmer fegte. Ich steckte meinen Kopf in den Flur, um nachzusehen, aber sie fauchte nur: »Aus dem Weg, aus dem Weg, keine Zeit, aus dem Weg!«

Mama war sehr aufgeregt. Wiebke und ich gingen in die Küche. Sie sagte, dass Mama heute Abend ganz toll aussehen würde. Nur für mich. Ich zuckte mit den Schultern und nahm meine Tabletten.

Mama kam um fünf vor halb sechs aus dem Bad und drehte sich vor mir wie eine Tänzerin einmal im Kreis. Sie sah in ihrem neuen schwarzen knallengen Schnürkleid aus, als würde sie mit Wiebke auf ein Gothik-Konzert gehen. Gothik ist nämlich Mamas Lieblingsmusik. Ich fand sie hübsch, deswegen sagte ich: »Bist eine coole Mama.«

Papa sah aus wie immer. Dafür brauchte er im Bad auch nur zwei Minuten. Das war gut, denn wegen meinen Tabletten musste ich schnell noch Pipi machen. Draußen im Hof trafen wir Britta und Sina und alle freuten sich über Mamas Outfit.

Mein Handy klingelte.

»Hallo, Tara«, sagte ich.

»Wo bist du?«, fragte sie.

»Wir stehen alle vor dem Haus und warten, dass wir abgeholt werden.«

»Na, dann schwingt mal eure Hintern nach oben an die Hauptstraße. Ich warte dort auf euch.«

»Du holst uns ab?«, fragte ich erstaunt. »Aber du hast doch gar kein Auto.«

Tara lachte und sagte: »Kommt einfach hoch.«

»Mama, Mama«, rief ich aufgeregt. »Tara holt uns ab. Tara, Tara.«

Ich lief schon vor, weil ich die Schnarchigkeit der anderen nicht ertragen konnte. Sie standen noch immer rauchend vor Brittas Terrasse und unterhielten sich. Ich bog um die hohe Gartenhecke und schaute nach oben, aber es war zu dunkel und die Straßenlaternen leuchteten nicht hell genug, um viel erkennen zu können. Nach einigen Metern entdeckte ich Tara. Sie stand vor einem langen weißen Auto und winkte mir zu. Ich lief ganz schnell in ihre Arme und drückte sie. Es dauerte einen Moment bis ich realisierte, dass das lange weiße Auto eine Limousine war.

»Mein Geschenk für dich«, sagte Tara mit dem schönsten Strahlen im Gesicht, das man sich vorstellen kann. Ich war sprachlos. Selbst als die anderen plötzlich mit großen Augen um uns herum standen und Fotos machten, wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Für mich? Warum bekam ich so etwas Schönes geschenkt? Am liebsten hätte ich mich unter Mamas Jacke verkrochen und Glückstränen geweint, aber vor Tara musste ich cool bleiben. Ich spürte, wie in mir langsam Unruhe aufkam, dabei hatte der Abend noch gar nicht richtig begonnen. Zum Glück begrüßte uns die nette Chauffeurin, und ich durfte schnell einsteigen. Von der Fahrt bekam ich nicht viel mit. Tara nahm eine Sektflasche aus dem Eiskübel, verteilte die Gläser und goss allen ein. Allen außer mir. Ich wollte nichts. Ich musste mich noch an die Aufregung gewöhnen. Ich sah aus dem Fenster und versuchte an nichts zu denken. Es begann zu schneien. Rechts von uns lag der Hafen, und die großen gelben Lichter spiegelten sich im Wasser. Das sah schön aus. Nach einer Stunde oder so gab die nette Chauffeurin ein kleines Hupkonzert, extra für mich, und Tara sagte: »So, Freunde der Nacht. Wir sind jetzt da. Alle Mann raus!«

Ich traute mich nicht auszusteigen, weil ich nicht wusste, was mich erwarten würde. Ich bekam Angst. Tara gab mir einen Kuss auf die Wange. Das beruhigte mich nicht. Im Gegenteil. Die Tür ging auf. Ich atmete noch einmal durch. Und stieg aus.

Ich stand vor einer Bar. Auf dem Schild stand Gloriabar. Viele Menschen, vielleicht zehn oder hundert hielten Wunderkerzen in die Luft und sangen »Happy Birthday, lieber Daniel«. Ich traute mich nicht, ihnen direkt in die Augen zu schauen. Als sie dann auch noch applaudierten, guckte ich auf den Boden und sagte leise: »Danke.«

Es hörte aber keiner. Ich hörte es ja selbst kaum. Um irgendetwas zu tun, um meine Energie loszuwerden, sprang ich auf und ab und rief: »Ich muss mal, ich muss mal.« Dabei musste ich gar nicht. Ich hörte Gelächter von irgendwoher. Schnell weg, dachte ich mir und lief an allen vorbei, ohne Hallo zu sagen, rein in die Bar, wo ich mich in Sicherheit fühlte. Ich stellte meine Tasche neben Lars’ Laptop und legte meine Jacke über die Heizung. Überall standen Menschen herum. Die meisten kannte ich. Tamtam kam zu mir und nahm mich an der Hand, um mir alles zu zeigen, aber ich schlug sie weg, weil ich kein Baby mehr war.

»Du darfst neben mir hergehen«, sagte ich im Befehlston. »Okay?«

Tamtam guckte komisch, nickte, und ging neben mir die Treppen hoch. Oben gab es eine Küche, eine Toilette und einen Raum mit Sofas und einen großen Tisch, auf dem viele Geschenke standen. Wahrscheinlich für mich, aber sicher war ich mir nicht. Durch eine Glasscheibe, die sich bewegen ließ, konnte man nach unten schauen. Tamtam war verschwunden, dafür stand Lars plötzlich mit zwei Gläsern Sekt neben mir.

»Na, Großer?«

»Was?«

»Hast du schon gesehen, wer alles gekommen ist?«

»Keine Ahnung.«

»Was meinst du, wollen wir sie zusammen begrüßen oder willst du das gleich alleine machen?«

»Lass mich in Ruhe, du Honk!«

»Ich weiß, was dir fehlt«, sagte Lars und reichte mir ein Glas. »Auf dich, Bruderherz. Heute lassen wir die Sau raus!«

Ich stieß mit ihm an, obwohl ich mich noch ziemlich unwohl fühlte, nippte an dem Sekt und hätte mich fast verschluckt, weil ich mir gleichzeitig vorstellte, wie Mama grunzend auf einer Sau über die Tanzfläche galoppierte. Ich fand das so lustig, dass sich mein Herz auf der Stelle beruhigte. Allmählich nahm ich wahr, was um mich herum passierte. Aus den Boxen kam Musik, zu der man gut tanzen konnte, aber dafür war es jetzt noch zu früh. Hinten an den Tischen entdeckte ich die blonden Mädchen aus der Berlin-Limousine und drehte mich mit großen Augen zu Lars um.

»Sind sie gekommen?«, fragte ich.

»Sie sind gekommen!«, lächelte Lars und klopfte mir auf die Schulter. »Komm, wir sagen ihnen hallo.«

»Okay.«

An der Treppe blieb ich kurz stehen. Jetzt erst erkannte ich die vielen lila Luftballons, die an der Decke schwebten. Rote Fäden waren an ihnen festgebunden, die bis zum Boden reichten. Ich zog an einem, aber der Ballon flog automatisch wieder zur Decke zurück.

»Helium«, grinste mich Lars von der Seite an. »Damit können wir nachher noch lustige Spielchen machen.«

Ich sah Alexej und seine Mutter. Sie hatten für ihn und seinen Rollstuhl einen schönen Platz am Ende der Tische gefunden, so dass er alles gut sehen konnte. Sie begrüßte ich zuerst. Alexej kenne ich von allen Jungs aus der Schule am längsten. Er machte eine schwere Zeit durch, musste viele Operationen überstehen. Ich war froh, dass Lars ihn eingeladen hatte. Die Frauen aus Mamas Café unterhielten sich mit den Frauen aus dem Hospiz. Bestimmt über Kuchen und belegte Brötchen. Ich entdeckte Marcel und Melli und Matze und meine Nachbarn von der anderen Straßenseite und Freunde von Mama und fremde hübsche Mädchen, und je mehr ich mich drehte, desto schwindeliger wurde mir. Ich hätte ausflippen können vor Freude. Lars stellte mir Christina und Martin vor, zwei Freunde, die ich noch nicht kannte. Sie überreichten mir schöne Geschenke, und ich sagte: »Danke.«

Martin hatte eine Mädchenfrisur – lange braune Locken, was mir gut gefiel. Ihn mochte ich sofort, obwohl er ein Junge war. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich alle vierzig Hände geschüttelt hatte, denn so viele Leute waren extra wegen mir gekommen. Als ich mit dem Händeschütteln fertig war, fühlte es sich gut an, weil ich diesen Punkt in meinem Kopf nun abhaken konnte. Ich lief nach oben in die Küche, öffnete den riesigen Glaskühlschrank, der bis zum Rand mit allen möglichen Getränken gefüllt war und schenkte mir neuen Sekt ein. Es gab sogar einen Kübel mit Eiswürfeln. Dort stand mein Name drauf, also waren sie nur für mich. Ich kniff meine Augen ganz fest zu und wieder auf, wie bei einem Computer, wenn man auf Neustart drückt. Die Party konnte beginnen.

Ich flirtete mit den Mädchen aus der Berlin-Limousine, und sie flirteten zurück. Das gefiel mir, und ich dachte an das Kondom in meiner Schublade. Wäre ich zu Hause gewesen, hätte ich nachgesehen, ob es noch an Ort und Stelle lag, aber das ging ja nicht. Ich schnappte mir Sophia und drehte mit ihr eine Runde durch die Bar. Im Keller fanden wir einen Kicker. Wir stellten unsere Gläser ab und spielten eine Runde. Ich überlegte für einen Moment, sie gewinnen zu lassen, weil sie ein Mädchen ist, aber ich vergaß es schnell wieder und zockte sie 10:0 ab.

Dann setzte ich mich zu Tamtam, Melli, Sina und ihrem Freund, um etwas durchzuatmen, als Lars auch schon eine Breakdance-Gruppe aus Berlin ankündigte. Die Gäste, die sich in der oberen Etage befanden, kamen zu uns runter oder blieben auf der Treppe stehen. Wie aus dem Nichts sprangen plötzlich drei Jungs auf die kleine Tanzfläche. Lars drehte die Musik wieder auf, und wir bekamen eine Show geboten, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Nach zehn oder zwanzig Minuten war alles vorbei. Der absolute Wahnsinn! Die Kellner aus der Bar bauten die Tische wieder auf, die auf der Tanzfläche standen und der lustige Koch, bei dem ich schon in der Küche spionieren war, stellte große Pizzableche auf ihnen ab.

»PIZZA IST DA«, rief ich ganz laut, und aus allen Ecken strömten jubelnde Menschen auf mich zu. Das freute mich. Es dauerte nicht lange, und das erste Blech war leergefuttert, aber der Koch kam sofort angerannt und sorgte für Nachschub. Die Pizza war wirklich lecker. Vielleicht war es sogar die leckerste Pizza der Welt. Dann sah ich Anna und ihre Mama durch den Eingang kommen. Anna ist ein Jahr jünger als ich und wohnt drei Straßen von uns entfernt. Ich kenne sie schon lange, aber sie ist »nur eine gute Freundin«, wie Lars sagen würde, obwohl ich sie schon immer sehr nett und hübsch fand. Wie es sich für einen Gentleman gehört, stand ich auf und bot ihnen ein Stück Pizza an. Weil ich aber nicht wollte, dass meine eigene Pizza kalt wurde oder noch schlimmer, von irgendwem stibitzt wurde, drehte ich mich gleich wieder um und sprang auf meinen Platz zurück. Mein Kopf füllte sich wieder mit Bildern und Gesichtern und Geschichten, und ich schaffte es kaum noch, mich auf das zu konzentrieren, was wirklich geschah. Die Musik, die Geräusche, die Stimmen, auf einen Schlag hörte sich alles so laut an. Ich biss auf die Zähne. Ich weiß nicht, wie lange die Party schon lief, aber Mama kam auf einmal auf die Idee, mir noch mehr Geschenke zu überreichen, und die anderen Gäste kramten in ihren Taschen oder liefen nach oben in den großen Raum und stellten sich hinter Mama an. Ich bekam die neuesten DVD-Staffeln von Berlin – Tag & Nacht, Spielzeugautos, Gutscheine, Umschläge mit Geld, eine neue Umhängetasche mit der Aufschrift I Love Berlin, Parfüm, Süßigkeiten, und noch viel, viel mehr. Mama wollte mir einen Kuss geben, aber ich drehte mich weg und sagte: »Nein, nicht vor den Leuten. Wie peinlich! Aber ich brauche ein neues Regal für den ganzen Kram hier.«

Alle lachten und mir wurde schwindelig. Der Geschenkberg wurde immer größer, und ich kam mit dem Auspacken nicht mehr hinterher. Es wurde so viel, dass ich mich nicht mehr herzlich freuen konnte. Und ich bekam wieder Angst. Zum Glück saß Tamtam neben mir, und ich konnte mich an sie drücken. Nach einem Moment der Ruhe ging es wieder. Mama beugte sich zu mir und nahm mich an die Hand. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Die Musik ging aus, und Mama fing an, eine Rede zu halten. Ich wollte das nicht hören, und ich wollte hier auch nicht stehen. Am liebsten wäre ich im Erdboden versunken, aber dazu fehlte mir die Zauberkraft. Ich merkte, dass ich noch ein Glas Sekt in den Händen hielt, und weil ich irgendetwas tun musste, um nicht zu kreischen, trank ich es in einem Zug aus.

»Wenn ich zurückdenke«, sagte Mama und sah mich an.

Ich unterbrach ihren Satz mit einem lauten Rülpser. Tara, die ein paar Meter neben uns stand, rief »Schulz«, und ich rief »Schulz« zurück, aber außer uns beiden konnte niemand darüber lachen.

Mama redete weiter.

»Am Tag deiner Geburt lagst du in meinen Armen und hast an meiner Brust genuckelt.«

Ich drückte gegen ihren rechten Mops und grinste: »Meinst du da?«

Großes Gelächter. Mama lachte mit und umarmte mich.

»Heute bist du sechzehn …«

»… und nuckle immer noch an deiner Brust.«

Wieder lachten alle.

»… und nuckelst an alkoholfreiem Bier, guckst den jungen Weibern hinterher …«

»Ja, die haben auch einen Knackarsch.«

»… schenkst ihnen rote Rosen.«

»Weil sie geile Brüste haben.« Ich drehte mich zur Seite. Das erste hübsche Mädchen, das ich sah, war Tara, also zeigte ich mit dem Finger auf sie und sagte: »So wie die da!«

Wieder lachten alle. Irgendwie gefiel mir das, irgendwie aber auch nicht. Tara schickte mir einen Luftkuss zu und nippte an ihrem Bier. In meinem Kopf wurde es nebliger und nebliger. Mama machte eine Pause, sah mir tief in die Augen und sagte: »Ich bin stolz auf dich.« Dann hörte sie auf zu sprechen. Sie rang nach Worten, aber ihr fiel nichts mehr ein. Sie hatte Wasser in den Augen. »Mama ist sehr, sehr stolz auf dich«, sagte sie dann doch. »Mach weiter so, kämpfe weiter!«

Ich sagte: »Ich muss mal!«

Aber ich musste gar nicht.

»Okay, Daniel«, sagte Mama. »Dann geh!«

Ich drehte mich um, lief schnell die Treppen hoch und setzte mich auf die oberste Stufe. Dort war es schön ruhig.

»Ich möchte noch einigen Leuten danken«, hörte ich Mama weiter sagen. »Zuerst kommt Britta, die immer für mich da ist, wenn ich Hilfe brauche.«

Britta stand auf und umarmte Mama, die jetzt ihre Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Weil ich das lustig fand, rief ich von oben: »Heulsuse, Heulsuse.«

»Dann kommt Lars«, sagte Mama, und Lars drückte sie. Tara drückte Mama auch, weil sie dort stand und nichts Besseres zu tun hatte. Mir wurde langweilig, weil ich ganz alleine war, und ich setzte mich auf Tamtams Schoß.

»Danke auch für die Unterstützung von meinen Freunden vom Hamburger Hospiz KinderLeben.«

Ich applaudierte und schrie ganz laut: »Yeah!«

»Und einen riesengroßen Dank an meine zwei Chefinnen.«

Jetzt brach Mama richtig in Tränen aus. Papa hielt es nicht mehr aus und ging raus, um eine Zigarette zu rauchen. Auch er weinte. Ich konnte es durch die Scheibe genau sehen. Armer Papa!

»Wenn die Scheiße richtig den Deckel hochkommt«, sagte Mama schluchzend, »sind sie immer da für mich, unterstützen mich, hören sich meine ganzen Probleme an. Vielen, vielen Dank. Danke auch an meine Schwester, Wiebke, an meine andere Schwester, Monja, und natürlich an die Hauptperson, der ich einen besonderen Dank aussprechen muss für die Unterstützung, den Beistand, den er mir jeden Tag gibt …«

In dem Augenblick kam Papa wieder zu uns herein.

»… der meine Stimmungen mitmacht. Ich weiß, wenn es hart auf hart kommt, kann ich mich immer auf meinen Mann verlassen, der sich für uns stark macht, und dafür möchte ich ihm von ganzen Herzen danken. Danke, dass du seit zehn Jahren bei uns bist.«

Mama fing noch mehr an weinen. Papa quetschte sich an den Leuten vorbei, ging nach vorne und küsste sie.

»Bravo«, schrie jemand von hinten.

Alle klatschten und jubelten und applaudierten.

»Heiratet doch noch mal«, rief ich ihnen zu und wieder fingen alle an zu lachen. »Vielleicht kann ich das noch miterleben. Das wäre schön.«

Nachdem Mama und Papa sich einen Moment lieb hatten, hob Mama ihr Glas in die Luft und sagte: »Und alle anderen, die heute hier sind: Ihr wisst, wie viel ihr mir bedeutet. Danke. Einfach nur danke für alles, was ihr für Daniel und mich getan habt.«

Lars drehte die Musik wieder auf, und die Party konnte weitergehen. Endlich! Anna stand plötzlich neben mir. Sie lächelte. Mein Herz pochte.

»Gehen wir ein Glas Sekt trinken?«, fragte sie.

»Ja«, sagte ich.

Dann nahm ich sie an die Hand und ging mit ihr die Treppe hoch. Überall standen Leute im Weg, aber wir schlängelten uns an ihnen vorbei. Ich goss uns ein und schenkte ihr sogar einen meiner Eiswürfel. Dann sagte sie: »Auf dich, Daniel. Happy Birthday.«

Anna trank nur einen winzigen Schluck, aber weil ich so nervös war, leerte ich das Glas in einem Zug. Der Eiswürfel kribbelte dabei kalt an meinen Lippen. Anna lächelte. Ich glaube, sie fand das cool. Es half aber nichts. Alles, was ich fühlte, war Hilflosigkeit. Ob ich zehn Sekunden oder zehn Minuten mit ihr in der Küche stand, kann ich nicht mehr sagen. Mein Kopf wurde schwer, und der bescheuerte Tumor drückte gegen meine Augen, aber ich erlaubte ihm nicht, an meiner Party teilzunehmen. Als von unten jemand »Feuerwerk!« rief, nutzte ich die Gelegenheit, ließ Anna stehen und rannte so schnell ich konnte zu den anderen nach draußen. Ich suchte Mama. Die Raketen schossen mit einem lauten Knall in die Nacht und erleuchteten für einen kurzen Augenblick den Himmel. Jedes Mal, wenn eine Rakete explodierte, zuckte ich wegen des Lärms zusammen und klammerte mich an Mama, damit mir nichts passierte. Nach ein paar Minuten war alles vorbei. Auf der anderen Straßenseite stand ein Mann auf einem Balkon, ziemlich weit oben, man sah ihn kaum, und rief: »Ruhe da unten, sonst hol ich die Polizei.«

»Soll er doch«, sagte Papa lässig und drückte mich an sich.

Ich sah mich um, ob hübsche Mädchen in der Nähe waren, aber die Luft war rein. Ich drückte ihn zurück und sagte: »Hab dich lieb, Papa. Dich auch, Mama.«

Was für ein Abend! Zum Glück war Alexej da. Ich brauchte ihn als Zeugen, denn wenn ich in der Schule mit meiner Party angeben würde, musste er alles bestätigen können. Mir wurde kalt. Mama und Papa blieben eng umschlungen auf dem Bürgersteig zurück, um ihre Zigaretten fertig zu rauchen. Lars kurbelte gerade eine Leinwand von der Decke und schloss seinen Laptop an einen Beamer an. Ich huschte an ihm vorbei und suchte Martin, Sophia, Melli und die anderen aus der coolen Berlin-Clique. Ich fand sie im Raum neben der Küche. Sie saßen auf dem Sofa und lachten. Als sie mich sahen, rutschten sie zur Seite, und ich durfte mich zwischen Sophia und Ariane setzen. Ariane stand auf und brachte mir ein neues Glas Sekt, nahm aber gleich wieder neben mir Platz. Dann quatschten sie über Jungs und die Liebe und solche Sachen. Ich lehnte mich zurück und machte es mir bequem, leckte an meinem Eiswürfel, der nach Sekt schmeckte, und wünschte mir vom lieben Gott, ab sofort jeden Tag Geburtstag zu haben. Beim Wünschen wurde mein Kopf wieder schwer, und ich lehnte mich an Sophias Schulter. Sie nahm mich in den Arm und streichelte mich. Ich schloss meine Augen, und die Stimmen um mich herum wurden leiser und leiser.

»Daniel?«

»Hmm?«

»Wollen wir auch runtergehen?«

Ich öffnete meine Augen. Sophia saß noch immer neben mir und kraulte meinen Kopf. Sonst war keiner mehr da.

»Was gibt’s unten?«

»Ich glaube, Lars hat noch eine Überraschung für dich.«

Sophia lächelte, und weil sie lächelte und so hübsch war, lächelte ich auch. Dann reichte sie mir ihre Hand, und wir gingen nach unten. Der Koch hatte wieder frische Pizza gebracht. Ich nahm mir ein dampfendes Stückchen mit Salami und Peperoni und setzte mich auf Tamtams Schoß, weil ich von dort einen guten Blick hatte. Auf der großen Leinwand flimmerte ein Bild von Fabienne. Das fand ich irgendwie eigenartig. Ich legte mein Pizzastückchen auf den Tisch. Dann ging die Musik aus. Lars stellte sich mit einer Fernbedienung neben mich und begann zu reden. Es wurde still im Raum.

»Wenn ich mich hier so umsehe, lieber Daniel, sind ziemlich viele coole Leute zu deiner Party gekommen. Es gibt allerdings ein paar Menschen, die heute leider nicht hier sein können. Und da ich, egal wo ich bin, immer von dir erzähle und alle ganz begeistert sind, haben diese Menschen Geburtstagsvideos aufgenommen. Nur für dich, um dich zu grüßen. Ich bin gespannt, ob du sie erkennst, aber ich denke schon.«

»Das da ist Fabienne«, sagte ich. »Die ist schwanger.«

»Wer ist schwanger?«, rief Mama von hinten.

Ich zeigte auf Fabienne und rief zurück: »Fabienne von Deutschland sucht den Superstar

»Könnt ihr das bitte immer dazusagen«, fragte irgendwer von der anderen Seite. »Ich bin zu alt. Ich kenne die nicht.«

Alle lachten, ich auch. Lars hielt sich die Hände wie ein Megaphon an seinen Mund: »DAS IST FABIENNE VON DEUTSCHLAND SUCHT DEN SUPERSTAR!« Dann sah er mich an und sagte: »Und sie hat ein Geburtstagslied für dich gesungen.«

Fabienne begann das Happy-Birthday-Lied zu singen, sogar mit meinem Namen und pustete mir am Ende einen Kuss zu. Alle applaudierten. Ich kapierte das nicht. Woher kannte sie meinen Namen? War sie vielleicht heimlich in mich verliebt? Das wäre schön, dachte ich, weil, dann könnte ich mich in sie zurück verlieben. Außerdem hatte sie die schönsten blonden Haare, die ich jemals gesehen hatte. Ich schaute zu Mama. Mama weinte. Ich wollte etwas sagen, und das erste, was mir durch den Kopf ging, war: »Na, das ist mal ’ne heiße Braut!«

Jetzt hörte ich sogar Papa lachen. Dann fiel mir etwas ein, was ich in der hey! gelesen hatte und weil das bestimmt niemand wusste, sagte ich: »Scheiße, dass sie schon einen Freund hat.«

»Jetzt kommen wir zu einem Mädchen, die du jeden Abend im Fernsehen siehst«, sagte Lars. »Ich gebe dir einen Tipp. Die Sendung fängt mit Berlin an und hört mit Tag & Nacht auf. Na, eine Idee?«

»Ich weiß es, ich weiß es«, hörte ich Sina von der Seite, aber ich wollte von alleine drauf kommen und sagte: »Nicht verraten!«

Ich kam aber nicht drauf. Dann sah ich ein Foto von Alina auf dem Bildschirm und freute mich so sehr, dass man es gar nicht beschreiben kann.

»Hallo, Daniel, na, erinnerst du dich an mich«, sagte Alina, und ich antwortete: »Ja.«

»Ich hoffe schon, denn sonst wäre ich jetzt ziemlich sauer. Ich wollte dir nur alles Liebe und erdenklich Gute zu deinem sechzehnten Geburtstag wünschen. Ganz viel Kraft für dein neues Lebensjahr, und ich hoffe wirklich, dass du noch alles erreichst, wovon du träumst. Einen ganz dicken Kuss.«

Ich konnte mein Grinsen nicht verbergen. Alle klatschten und jubelten. Mein Herz jubelte mit. Es fühlte sich toll an. Aber dann wurde alles doof. Auf einen Schlag. Auf dem Bildschirm erschien Daniel Schumacher, der vor einigen Jahren DSDS gewonnen hatte, und ich wollte nicht, dass er mir die Show stahl. Warum konnte Lars nicht machen, dass nur hübsche Mädchen mir gratulierten? Und woher kannte Daniel Schumacher meinen Namen? Ich musste mich schnell ablenken. Mein Kopf wurde wieder schwer. Ich schaute auf das leere Pizzablech und schrie: »Wann gibt’s Pizza?«

»Gleich, mein Schatz«, hörte ich Tamtam hinter mir.

Dann schickten mir Hamed und Jessy liebe Grüße, auch von Deutschland sucht den Superstar, aber ich klatschte nicht mit, weil sie Jungs waren. Ich wollte, dass es schnell vorbeiging, aber es wurde immer schlimmer.

»Wer ist das denn?«, fragte jemand.

»Norman«, rief Mama, und alle lachten, weil der Name wie eine Pistolenkugel aus ihrem Mund kam.

»Den kenne sogar ich«, sagte Ester.

»Hallo, Daniel, hier ist dein Schlageronkel Norman …«

Ich hielt mir schnell die Ohren zu, damit nicht noch mehr Geräusche in meinen Kopf gelangten. Ob es Josi gut ging, ganz alleine zu Hause? Ich knipste meine Augen zu, damit ich nichts mehr sehen musste, aber dann fingen alle wieder an, ganz laut zu lachen, und ich wurde neugierig. Jorge von Germany’s Next Topmodel saß mit seinen Hunden am Strand und winkte mir zu. Als er anfing zu reden, lachten sich alle schlapp. Ich nicht.

»Hola, Daniel, hier ist Jorge. Und das ist Tilly, Willy, Emmy und Erna, und wir wünschen dir alles Gute zum Geburtstag.«

Mir wurde langweilig. Ich spielte mit Tamtams Haaren. Dann kam Jochen Schropp. Ihn kannte ich von X Faktor. Dann kam Gill Ofarim. Ihn kannte ich nicht. Dann kam Daniel Sellier von Verbotene Liebe. Ich wollte weg! Als Jan, der Bachelor, mir Grüße vom Strand in Miami schickte, jubelten die Weiber und irgendwer rief: »Den würde ich auch nicht von der Bettkante stoßen.«

Ich fand das eklig, aber die anderen amüsierten sich darüber. Endlich bekam ich wieder Grüße von einem Mädchen.

»Das ist Senna von Monrose«, grinste Lars, »und sie meinte zu mir, falls du mal Lust haben solltest, sie zu treffen, dann geht das klar. Na, was sagst du?«

Ich wurde rot. Schnell legte ich meinen Kopf auf den Tisch, damit mich niemanden sehen konnte.

»Daniel, nimmst du mich mit?«, fragte Thomas vom Kinderhospiz und alle lachten.

»Nö, die mach ich ganz alleine klar«, rief ich und verdrehte meine Augen, weil mein Kopf wieder so wummerte. »Und dann geht’s ab in die Kiste!«

»Sei nicht so frech, Daniel«, hörte ich Mama schimpfen, aber sie saß zum Glück weit weg, also konnte mir nichts passieren. Mein Kopf wurde so schwer, dass mein Hals ihn nicht mehr ohne fremde Hilfe tragen konnte. Ich legte ihn in meine Handfläche.

»So, Bruderherz«, sagte Lars und rieb sich die Hände. »Langsam nähern wir uns dem Finale. Du weißt ja, das Beste kommt immer zum Schluss, deswegen wird es jetzt ein bisschen cool. Bist du bereit?«

Ich war es nicht.

Auf der Leinwand erschien Sido. Er saß in einem Tonstudio. Und sah mich an. Nur mich!

»Yo, was geht ab. Ich bin’s, Sido, der Straßenjunge aus dem Block, Alter. Dein Lieblingsrapper! Und jetzt geb ich dir mal kurz, damit du das erst mal verkraften kannst.«

Den Moment brauchte ich wirklich, weil das alles nicht wahr sein konnte. Manchmal, wenn ich morgens aufwache und während der Nacht etwas Schönes geträumt hatte, muss ich auch oft einen Augenblick innehalten und überlegen, was Traum und was Wirklichkeit ist, und so fühlte es sich gerade an. Ich begriff es aber nicht.

»So reicht«, sprach Sido weiter, und ich gab mir die größte Mühe, ihm zuzuhören, weil man nicht jeden Tag die Gelegenheit bekommt, seinem Lieblingsrapper zuzuhören. »Hallo Daniel, ich hab sehr viel von dir gehört in letzter Zeit, und ich möchte dir auf jeden Fall sagen, dass ich es sehr bewundere, wie stark du bist und wie sehr du kämpfst. Ich hab gehört, dein größter Wunsch war es, unbedingt noch sechzehn zu werden, und heute ist es soweit. Heute ist dein Geburtstag, also herzlichen Glückwunsch, Daniel. Ich habe auch ein, zwei Sachen unterschrieben für dich. Die liegen da hinten, guck mal, da hinten.«

Sido zeigte mit dem Finger direkt zu mir. Ich drehte mich um, aber da war nichts.

»Wo denn?«, rief ich und sah zurück auf die Leinwand.

»Da hinten auf dem Tisch!«, sagte Sido.

Ich drehte mich erneut um. Lars hielt plötzlich ein Päckchen in den Händen. Wie konnte das sein? Wie konnte Sido sein Geschenk zu mir in die Bar zaubern? Ich wollte zu Mama. Wo war sie? Ich stand auf, um sie zu suchen, aber sie weinte. Papa musste sie trösten. Arme Mama!

»Mein Geburtstagsgeschenk für dich! Auch an alle Leute, die noch da sind auf der Party: Hey, was geht ahaaab …«

Sido winkte uns zu, und wir winkten ihm alle zurück.

»Feiert noch schön! Daniel, Kopf hoch, sei weiter so stark und kämpfe weiter, Alter. Das wird schon. Genieße jeden Augenblick. Bis dann.«

Dann war Sido verschwunden. Lars überreichte mir sein Geschenk, aber ich wollte auch so cool wie Sido sein und warf es vor mir auf den Boden. Ich dachte, die Aktion wäre cool und alle würden klatschen. Es klatschte aber niemand. Warum klatschte niemand? Der Koch brachte ein neues Pizzablech und verschwand wieder.

»Wollen wir das Geschenk zusammen aufmachen?«, fragte Lars und hob das Paket wieder auf.

»Finger weg!«, giftete ich ihn an. »Das ist mein Geschenk, und das schaffe ich alleine. Dazu brauche ich dich nicht, du Honk!«

Ich nahm das Paket auf meinen Schoß und öffnete es. Darin befanden sich schwarz-silberne Turnschuhe von Nike mit Sidos Unterschrift. Dazu ein großer Bildband. Auch von Sido. Und zwei CDs. Auch von Sido. Alles unterschrieben mit: »Für Daniel.«

Der Druck in meinem Kopf wurde so schlimm, dass ich es kaum noch aushielt. Dann sah ich Nini auf der Leinwand, und für eine Sekunde dachte ich nicht mehr an meinen blöden Kopf. Mein erster Gedanke war, Mama von dem Geheimnis zu erzählen.

»Mama«, rief ich ganz laut, aber dann sah ich die anderen Gesichter und stellte fest, dass wir nicht alleine waren und hielt meine Klappe. Ich wurde zappelig, aber zum Glück fing Lars an zu reden, was mich von meinen Gedanken ablenkte.

»Jetzt kommt etwas ganz Besonderes«, sagte er, und weil ich schon wusste, was jetzt kam, stellte ich mich auf den Stuhl und grinste: »Alle Frauen, holt eure Taschentücher raus!«

»Die kenne ich nicht«, rief Ester, was mich ärgerte.

Ich drehte mich zu ihr und sagte: »Das ist auch gut so!«

»Also, das ist Nini«, erzählte Lars weiter. »Nini ist Sängerin und Schauspielerin und hat zum Beispiel bei den Wilden Kerlen mitgespielt. Da war sie aber noch ein bisschen jünger als jetzt. Jetzt ist sie …«

Lars sah mich an und grinste. Ich grinste zurück. Ich wartete eine Sekunde, und als Lars immer noch nichts sagte, sprach ich seinen Satz zu Ende.

»… einundzwanzig Jahre alt und hübsch.«

»Sehr hübsch, genau. Und weil du ihre DVD zu Hause hast, und ich ihr natürlich auch ganz viel von dir erzählt habe, hat sie etwas ganz Besonderes für dich gemacht. Pass auf!«

Lars spielte das Video ab, das ich ja schon kannte, aber ich tat so, als sähe ich es zum ersten Mal. An der Stelle, an der Nini sagte, »kommt aus ganzen Herzen von mir für dich, und für deinen großen Bruder«, zwinkerte ich Lars zu und nickte komplizenhaft, weil ich unser Geheimnis noch immer nicht verraten hatte. Lars zwinkerte zurück. Mama weinte wieder. Die anderen klatschten. Ich auch, weil ich mich so für meinen Bruder freute. Nini begann zu singen, und ich summte leise mit. Nur für mich. Mama kam nach vorne und nahm mich in den Arm, aber ich wollte nicht. Ich wollte doch Nini zuhören. Ich drückte sie kurz und setzte mich wieder. Auf dem Boden vor mir lag Sidos Geschenkbox. Tränen schossen plötzlich aus meinen Augen und tropften hinein. Ich lief schreiend die Treppe hoch, legte mich auf die Couch und bekam einen Weinkrampf. Ich verstand die Welt nicht mehr. So etwas Schönes hatte ich noch nie erlebt. Damit kam ich nicht klar. Sido, Nini, die Geschenke, viel zu viel. Lars und Mama kamen hinterher und öffneten die Tür, aber ich schrie sie an. Sie durften nicht reinkommen. Vorsichtig streckte Tamtam ihren Kopf hinein. Ich nickte. Sie schon. Hinter ihr erkannte ich verschwommen Melli, Sophia und Ariane. Sie durften auch zu mir. Sonst niemand. Sie schlossen die Tür und setzten sich neben mich. Ich konnte nicht aufhören zu weinen. Ich schaffte es nicht. Ich legte meinen Kopf in Tamtams Schoß, und Sophia streichelte mir durch die Haare. Mein Herz tat jetzt wieder weh. Die Stiche waren zurück. Ariane wischte mit einem Taschentuch die Tränen aus meinem Gesicht, aber es kamen sofort welche nachgekullert.

»Was ist denn passiert?«, fragte Tamtam nach einer Weile.

»Weiß nicht«, schluchzte ich. »Hat mich jemand weinen gesehen?«

»Niemand«, sagte Ariane. »Nicht mal wir.«

Das war gut, dachte ich, weil mir das sonst peinlich gewesen wäre. Dann hätte ich auf keinen Fall mehr runter gehen können. Tausend Fragen flogen durch meinen Kopf: Woher kannte Sido meinen Namen? Wieso schenkte er mir all diese schönen Sachen? Wieso schrieb Nini diesen Song? Woher kannten all die anderen Leute aus dem Fernsehen meinen Namen? Wie konnte es sein, dass sie so gut über meinen Geburtstag Bescheid wussten? Warum ich? Womit hatte ich es verdient, all diese besonderen Geschenke zu bekommen? Meinem Freund Alexej ging es viel schlechter als mir. Er saß unten im Rollstuhl, neben seiner Mama, bewegungslos, mit einem frisch operierten Bein und hatte bestimmt große Schmerzen. Warum bekam er nichts und ich so viel? Okay, ich hatte Geburtstag und er nicht, aber trotzdem war es ungerecht. Die Tränen kamen zurück. Ich musste schnell Antworten finden, um in meinem Kopf wieder Platz zu schaffen. Die Mädchen beruhigten mich. Wenn doch eine von ihnen meine feste Freundin sein könnte. Das wäre so schön. Ich setzte mich auf und erzählte, was mir Sorgen bereitete. Sie erklärten mir alles. Nach einer halben Stunde oder so war alles wieder gut. Melli fing plötzlich an, laut zu lachen. Sie stand auf und sagte: »Hab ’ne Spitzenidee. Bin gleich wieder.«

Sie kam mit einem breiten Grinsen und zwei Luftballons zurück. Sie öffnete einen vorsichtig, hielt aber das Ende zu, damit die Luft nicht entweichen konnte.

»Weißt du, wie es sich anhört, wenn man Helium einatmet?«, fragte sie mich.

Ich schüttelte den Kopf, weil ich es nicht wusste. Melli setzte den Luftballon an ihren Mund, inhalierte kräftig und sagte: »Hallo Geburtstagskind. Dummdideldidumm.«

Wir lachten alle drauflos, weil sich Melli wie ein Chipmunk anhörte. Tamtam und Ariane nahmen auch von dem Helium und sagten lustige Sachen, aber wegen meinem Herzen traute ich mich nicht. Es war auch so lustig genug. Dann gingen wir wieder zu den anderen. Ich traf Mama am Pizzastand, weil der Koch ein neues Blech gebracht hatte und drückte sie.

»Alles okay bei dir?«, fragte sie und ließ mich das erste Stück abbeißen.

Ich nickte und ging weiter zu Lars, der mit Martin vor seinem Laptop stand und über Fußball quatschte.

»Nur der FC Bayern!«, grinste ich, und Martin hielt seine Hand zum Einschlagen hoch.

»Du bist mein Mann«, lachte er.

»Yeah!«

»Wenn Martin wüsste, was du gleich noch von mir geschenkt bekommst, würde er alles dafür tun, um an deiner Stelle zu sein. Glaub mir, ich hab da so ein Gefühl.«

Martin bekam ganz große Augen und noch größere Ohren.

»Was, was?«, grinste er.

»Ja, genau«, grinste ich mit. »Was, was?«

»Hat was mit den Scorpions und Rock’n’Roll zu tun.«

»Oh, mein Gott!«

Martin hielt sich beide Hände vor’s Gesicht.

»Ich habe eine Vorahnung. Daniel, wenn du das bekommst, woran ich gerade denke, dann gibt es Millionen Fans auf der ganzen Welt, die gleich neidisch auf dich sein werden!«

»Echt, ja?«

»Boah, bin ich aufgeregt«, sagte Martin und saugte nervös an seiner Bierflasche.

Lars legte seinen Arm um meine Schulter und fragte, ob wir das Geheimnis lüften wollten, und ich sagte: »Und wie!«

»Wollen wir das Geschenk hier unter uns auspacken? Nur Martin, du und ich, oder möchtest du, dass es alle sehen?«

»Ist es wirklich sehr cool?«, fragte ich nach kurzer Überlegung und Lars sagte: »Sehr, sehr cool.«

»Nicht peinlich?«

»Ganz im Gegenteil.«

Ich setzte mich auf einen freien Stuhl und sagte: »Okay, dann dürfen es alle mitbekommen.«

Lars nickte und rief: »RUHE BITTE. Das Geburtstagskind ist jetzt bereit für das nächste Geschenk.«

Ich stand auf und verbeugte mich dreimal. Ich hatte das einmal im Kindertheater gesehen. Keine Ahnung warum, aber diese Erinnerung fegte gerade durch meinen Kopf, also verbeugte ich mich so, wie die Kinder es damals nach der Aufführung taten. Anscheinend fanden die anderen das lustig, denn ich erntete viele Lacher dafür. Schon eigenartig, dachte ich mir. Woran merkt man denn, ob etwas witzig ist, oder nicht?

»Weißt du noch, Daniel«, begann Lars seine kleine Ansprache, und ich war froh, mir keine Gedanken mehr über lustige Witze machen zu müssen. »Als wir vor ein paar Wochen, im Januar, vor diesem Musikgeschäft standen? Wir liefen zuerst daran vorbei, aber dann bist du plötzlich stehengeblieben, hast dich umgedreht und irgendwie schien es so, als hätten dich die Gitarren magisch angezogen. Du hast wirklich mit einem Funkeln in den Augen in dieses Schaufenster gestarrt, als seien dort gerade Marsmännchen gelandet.«

»Ich kenne das«, rief Martin und alle lachten.

Ich wurde wieder müde.

»Ein guter Kumpel von mir ist Gitarrist einer ganz bekannten Rockband, und als ich ihm von deinem Geburtstag erzählt habe, hat er mir ein Geschenk für dich mitgegeben.«

Lars machte einen Schritt zur Seite und zog etwas aus seiner Geschenktüte, das von der Form her wie eine Gitarre aussah, aber ich war mir nicht sicher. Es hätte auch eine Geige sein können.

»Ich will auch gar nicht lange um den heißen Brei herumreden«, grinste Lars, worüber ich sehr froh war. »Hier für dich, eine speziell angefertigte Kindergitarre in Form einer Flying V von Rudolf Schenker, dem Gitarristen der Scorpions. Diese Gitarre kann man nicht kaufen. Die gibt es nur einmal auf der Welt. Und jetzt gehört sie dir. Ach ja, eine Sache noch, Daniel. Du weißt ja, dass ich nicht an Zufälle glaube. Hast du gewusst, dass deine Eltern zu einem Lied der Scorpions geheiratet haben? Es ist nämlich die Lieblingsband deiner Mama. So schließt sich der Kreis. Ist das nicht unglaublich?«

Ich drehte mich zu Mama, aber sie lag wieder weinend in Papas Armen. Papa weinte auch. Lars überreichte mir die Gitarre, und ich wusste wieder nicht, wie ich reagieren sollte, aber weil alle aufstanden, um zu sehen, wie ich sie aus der schwarzen Umhängetasche auspackte, und richtig laut klatschten, hielt ich sie in die Luft und schrie: »ROCK’N’ROLL FOREVER!«

Plötzlich ging das Licht aus und eine große dreistöckige Torte wurde hereingetragen, auf der viele Wunderkerzen brannten. Wahrscheinlich waren es sechzehn, aber es war zu dunkel, um sie zu zählen. Das sah richtig schön aus. Wie auf dem Traumschiff. Als dann zum dritten Mal Happy Birthday gesungen wurde, sang ich sogar mit. Meinem Kopf und meinem Herzen ging es besser.

»Wünsch dir was, Daniel«, hörte ich jemanden rufen, aber ich wollte meinen Wunsch nicht in der Öffentlichkeit aussprechen. Ich behielt ihn für mich. Trotzdem blies ich die Kerzen aus. Ich musste dafür einmal um die Torte herumlaufen und sieben Mal pusten, aber ich schaffte es. Dann schnitt ich sie an und jeder, der wollte, bekam ein schönes großes Stück. Ein bisschen fühlte es sich an, wie in einem richtigen Café zu arbeiten. Das machte viel Spaß. Viel mehr Spaß, als in die langweilige Schule zu gehen. Ich brachte Alexej einen Teller mit Nuss-Nougat-Creme-Torte an seinen Tisch und drückte ihn. Mir war es egal, dass die anderen das sehen konnten. Ich wollte einfach, dass es ihm gut ging. Anna kam zu mir und nahm mich wieder an die Hand. Wir liefen durch die Bar, tranken heimlich Alkohol und lachten zusammen. Egal, wo ich hinging, sie folgte mir. Ich fand das schön, dachte mir aber nichts dabei. Martin spielte auf meiner Gitarre. Die Mädels sangen ein Lied, das ich nicht kannte, aber alle schienen eine geile Zeit zu haben. Ich hatte sie.

Als ich schon dachte, die Party würde langsam zu Ende gehen, weil es schon fast Mitternacht war, hüpfte Tara auf mich zu. Sie hüpfte wirklich, wie ein Flummi. Ich glaube, das lag an den vielen braunen Schnäpsen, die sie mit dem Barkeeper an der Bar getrunken hatte. Die Art, wie sie mich anlächelte, so schelmisch, kam mir ziemlich bekannt vor und obwohl schon so unfasslich viele Dinge passiert waren, die für hundert Geburtstage ausreichten, rechnete ich mit dem Schlimmsten.

»Wird es peinlich?«, fragte ich.

Tara lachte, gab mir einen Kuss auf die Wange und nuschelte: »Baby, jetzt wird es sexy!«

»Ach, du scheiße!«

Ich musste mich auf einen Stuhl setzen und abwarten. Einige der Mädels rannten hektisch umher, aber niemand wollte mir verraten, was gleich passieren würde. Hinter mir waren schon alle aufgestanden, um besser sehen zu können, auch Mama. Lars dimmte das Licht und wünschte mir viel Spaß. Er guckte genauso komisch wie Tara. Ich bekam Angst, aber keine schlimme Angst, mulmige Angst. Die Erwachsenen, die vorne standen und freie Sicht auf die Treppe hatten, begannen zu klatschen und zu tuscheln. Ich streckte meinen Kopf, damit ich um die Ecke spionieren konnte und bekam den Schock meines Lebens. Einen schönen Schock. Ich konnte es nicht fassen, dass sie es wirklich getan hatten. Wochenlang nervte ich Lars und Tara und Mama damit, dass ich mir zum Geburtstag eine Stripperin wünschte, eine mit großen Dingern und so, und jetzt kam diese fremde Frau auf ihren hohen Schuhen wie in Zeitlupe auf mich zugelaufen. Zuerst drehte ich mich weg, weil ich mich schämte, aber dann lachte sie mich an und sagte: »Happy Birthday, Daniel.«

Schnell hielt ich die Hände vor mein Gesicht. Ich spreizte meine Finger und linste heimlich hindurch. Sie hatte schwarze Haare, in denen Federn steckten und trug ein schwarzes Kleid, das golden und silbern glitzerte, und um ihren Oberkörper hing eine große rosa Schleife. Sie sah wunderhübsch aus, wie gemalt oder aus dem Fernsehen. Sie machte einen Schritt auf mich zu, beugte sich zu mir runter und hauchte in mein Ohr: »Do you want to open the package?«

Ich drehte mich schnell wieder weg und konnte nicht aufhören zu kichern. Um mich herum riefen alle: »Auspacken! Auspacken! Auspacken!«

Ich wollte nichts auspacken. Ich traute mich nicht. Mein Herz klopfte. Noch nie zuvor hatte ich ein nacktes Mädchen gesehen. Außer Mama natürlich, aber das zählte ja nicht. Noch hatte sie alles an. Trotzdem wünschte ich mir, woanders zu sein. Dann wieder nicht. Als die hübsche Stripperin um den Stuhl herum schlich und den Augenkontakt zu mir suchte, erschrak ich so sehr, dass ich ganz laut kreischte, vom Stuhl aufsprang und mich hinter Tara versteckte.

»Wenn du sie nicht auspacken willst«, rief Martin und zeigte auf Lars, »der da hilft dir bestimmt gerne.«

Lars winkte mir zu, alle lachten, und ich zeigte ihm den Mittelfinger. Das war meine Stripperin und nicht seine! Sie stand jetzt vor mir, nahm meine Hand und führte sie zu ihrer rosa Schleife. Ich konnte nichts mehr denken und hielt die Schleife fest. Dann tänzelte sie nach hinten und drehte sich so lange um die eigene Achse, bis die Schleife zu Boden fiel. Die Musik setzte ein.

»Soll ich mich auf den Stuhl setzen«, fragte Tara, »und du kommst auf meinen Schoß?«

Ich nickte. Wir setzten uns. Sie tanzte. Wie ein Äffchen klammerte ich mich an Tara und schrie: »Hilfe!«

Ich traute mich nicht, die hübsche Stripperin anzugucken. Jedes Mal, wenn ich meinen Kopf zu ihr drehte, hatte sie weniger an. Ich sah, wie draußen am Bürgersteig fremde Leute durch die Scheibe glotzten.

»Geht weg da!«, rief ich ihnen zu. »Das ist mein Mädchen! Haut ab!«

Aber sie hörten mich nicht. Auch Falco, der freundliche Barbesitzer, und die Bedienungen standen plötzlich an der Treppe und sahen mein Mädchen an. Das fühlte sich schön an, weil sie extra wegen mir gekommen war. Sie hätte ja auch für ein anderes Kind tanzen können. Plötzlich fiel ihr Kleid auf den Boden, und ich sah ihre langen Beine. Und ihren goldenen Slip. Die Erwachsenen jubelten und klatschten und pfiffen, aber ich traute mich nicht, länger als eine Sekunde hinzusehen. Als ich das nächste Mal schaute, öffnete sie gerade ihr schwarzes Korsett. Ich durfte mein Korsett ausnahmsweise zu Hause lassen. Mama hatte aber meinen Hausarzt vorher um Erlaubnis gefragt. Sie trug jetzt nur noch einen schwarzen BH und den goldenen Slip. Die Jubelpfiffe wurden immer lauter. Sie wedelte mit einer schwarzen Federboa und warf sie nach mir, aber ich duckte mich. Ich wollte nicht, dass die Federn mir in der Nase kitzelten. Ihr BH öffnete sich. Der BH fiel herunter. Sie bedeckte ihre Brüste schnell mit ihrer Federboa. Jetzt konnte ich nicht mehr wegsehen. Es war zu aufregend. Sie lächelte mich an. Ich lächelte zurück. Sie kam näher. Öffnete ihre Arme. Ich sah ihre Brüste. Der absolute Hammer! Über ihren Nippeln klebten silberne Herzchen. Mein Herz klopfte. Ich kreischte wieder. Ich war im Paradies gelandet. Alle jubelten. Sie warf mir einen Luftkuss zu. Ich sah weg. Ich sah wieder hin. Sie warf mir einen zweiten Luftkuss zu. Ich sah wieder weg. Und wieder hin. Aber dann war sie schon verschwunden. Ich brauchte dringend ein kaltes Bierchen.


Die Party war im vollen Gange, als Anna mir ins Ohr flüsterte, mich in fünf Minuten draußen vor der Tür zu treffen. Dann ging sie. Sie ließ mich genauso ahnungslos stehen, wie ich sie vorhin hatte stehenlassen. Ich sah mich um, aber Lars war nirgends zu finden. Ruhig bleiben, sagte ich mir. Martin kam die Treppe hoch. Ich erzählte ihm schnell, was Anna gesagt hatte, und fragte ihn, was sie damit wohl gemeint haben könnte. Martin grinste und sagte, dass es wahrscheinlich auf eine wilde Knutscherei hinauslaufen werde. Ich trat ihm gegen sein Bein, weil ich das eklig fand. Dann zog ich meine Jacke und meinen Schal an, weil es draußen kalt war, und ging raus. Anna wartete schon. Ich nahm ihre Hand, weil ich heute ein Held sein wollte, und wir spazierten los. Direkt an Papa vorbei. Er stand etwas abseits von der Bar und rauchte. Zum Glück sagte er nichts. Anna und ich liefen einmal um den ganzen Block. Insgesamt blieben wir drei Mal stehen und … pssst, ein Gentleman genießt und schweigt. Das hatte ich vorher noch nie getan. Nicht so, nicht in einem fremden Stadtteil und schon gar nicht mitten in der Nacht. Als wir zurückkamen, stand niemand vor der Bar. Anna ging rein. Ich blieb noch vor der Tür stehen. Ich wollte einen Augenblick nur für mich sein. Der Schnee sah zauberhaft schön aus, wie er sanft und leise vom Himmel fiel. Ein Wunder irgendwie. Ich konnte meinen Atem sehen. Ich pustete Ringelwolken in die Luft, aber sie blieben nicht lange. Mir war kalt, doch ich wollte noch nicht rein. Ein lila Luftballon wehte im Wind, aber nicht wegen des Windes, es gab nämlich keinen, sonders wegen des Heliums. Der kleine Ballon war mit seinem roten Bändchen am Sattel eines alten verrosteten Fahrrades festgebunden. Ich band ihn ab und hielt ihn in meiner rechten Hand.

»Ah, da bist du ja«, sagte Lars und schloss die Tür hinter sich. »Hab dich schon überall gesucht.«

»Ich bin hier«, sagte ich.

»Hmm, das sehe ich.«

Lars lehnte sich neben mich an die Hauswand. Wir schauten zusammen in den Himmel. Viel zu sehen gab es nicht.

»Wie war’s mit Anna?«

»Schön.«

»Ich verstehe.«

»Du verstehst?«, fragte ich und sah ihn an.

»Ja, ich verstehe. Wir sind Brüder, schon vergessen?«

Das hatte ich nicht vergessen. Wie könnte ich? Mein lila Ballon flatterte über mir. Schneeflocken fielen herunter und verschwanden im Nichts. Sie erinnerten mich an meinen Geburtstagswunsch, den ich mir beim Kerzenausblasen still und heimlich gewünscht hatte. Lars schubste mich mit seiner Schulter, und ich schubste zurück. Ich sah zu ihm auf und sagte: »Danke für alles. Ich …«

»Halt die Klappe!«, unterbrach er mich sofort. »Ich will nichts hören.«

Ich sagte: »Okay.«

Wir blieben noch eine Weile so stehen und schauten dem lila Ballon und den Schneeflocken zu. Dann fragte Lars: »Kannst du ein Geheimnis für dich behalten?«

Ich wollte nicht lügen und sagte: »Bestimmt werde ich es Mama verraten, morgen oder so, weil ich dann vergessen habe, dass es ein Geheimnis war. Du weißt doch.«

»Ja, ich weiß«, lächelte Lars. »Ich sag’s dir trotzdem. Bereit?«

»Bereit.«

»Ich hab mich verliebt.«

Ich kicherte und sagte: »Weiß ich doch.«

»Echt, ja? Woher?«

»Wir sind Brüder, schon vergessen?«

Lars nahm mich in den Arm und drückte mich. Ich drückte ihn zurück. Ich musste aufpassen, dass mir die Schnur des Luftballons dabei nicht aus den Fingern glitt. Mein Herz klopfte ruhig und gleichmäßig. Hätte ich wirklich drei Wünsche frei, wie in unserem Lied von Nini, dann würde ich meinen Geburtstagswunsch nehmen. Die beiden anderen Wünsche würde ich verschenken, einen an Mama und einen an Lars. Ich streckte meine Hand in die Luft und ließ den Ballon los. Er flog langsam über die Dächer bis nach oben in den Himmel, und ich flüsterte ihm leise meinen Geburtstagswunsch hinterher: »Ich möchte noch nicht sterben.«

Dieses bescheuerte Herz: Über den Mut zu träumen
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