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Das neue Jahr war schon drei Tage alt, und der Freitagabend hatte so schön begonnen. Unsere Nachbarn kamen zu Besuch, Britta und ihre Tochter Jeanne. Jeanne ist erst zwölf, aber ich mag sie trotzdem. Britta war bei meinen Eltern im Wohnzimmer und Jeanne in meinem Zimmer. Sie brachte mir den Einmal-Um-Die-Welt-Tanz von Cro bei. Das machte viel Spaß, war aber auch sehr anstrengend. Ich ließ mir vor Jeanne natürlich nichts anmerken.
Nachdem wir genug geübt hatten, gingen wir ins Wohnzimmer. Papa drückte auf Play, die Musik setzte ein, und wir begannen zu tanzen. Am Ende rief Mama, wie toll wir das gemacht hätten, und Britta forderte sogar noch eine Zugabe. Jeanne und ich lächelten uns an, Papa drückte wieder auf Play und beim zweiten Mal sangen wir sogar den Text mit:
Baby, bitte mach dir nie mehr Sorgen um Geld, gib mir nur deine Hand, ich kauf dir morgen die Welt. Egal wohin du willst, wir fliegen um die Welt, haun’ sofort wieder ab, wenn es dir hier nicht gefällt (…) Süd, Ost, West oder Nord, ich hab den Jackpot an Board, will von hier über London direkt nach New York. Denn ab heute leb’ ich jeden Tag als ob ich morgen tot wäre.
Dann passierte etwas Schlimmes. Ich wollte meiner Mama noch eine besondere Freude machen, aber der Schuss ging völlig nach hinten los. Plötzlich wurde es dunkel. Ich konnte nicht mehr, rannte in mein Zimmer, schmiss die Tür hinter mir zu und wollte niemanden mehr sehen. Sonst wäre ich durchgedreht. Ich musste erst meine Tränen abwischen, bevor ich Lars anrufen konnte. Meine Stimme war immer noch ganz zitterig, aber ich wolle nicht länger warten. Ich musste sofort seine Stimme hören. Zum Glück nahm er den Hörer ab.
»Hallo?«
»Hallo, großer Bruder.«
»Hey, Daniel, alles klar? Wie geht’s dir heute?«
»Gar nicht gut«, sagte ich.
Lars stellte die Musik aus, die bei ihm im Hintergrund lief.
»Was ist denn passiert?«
»Du bist mein großer Bruder, und du hast gesagt, dass ich dich immer anrufen darf.«
»Das weißt du doch.«
Ich erzählte ihm von Britta und Jeanne und meiner Tanzaufführung und meinen Tränen.
»Jetzt beruhige dich erst mal«, sagte Lars.
»Ich wollte doch nur mein Lied singen«, schluchzte ich.
»Ich wollte nie erwachsen sein?«
»Ich hatte ihnen schon davon erzählt, wie schön das bei Simon im Studio war und dass mir das so viel Spaß gemacht hat. Und weil ich so gute Laune hatte, wollte ich das Gefühl mit ihnen teilen.«
»Ist doch großartig«, sagte Lars. »Wo ist das Problem?«
»Ich habe meine blaue Mappe aus meinem Zimmer geholt, in der der Text eingeheftet ist, bin zurück ins Wohnzimmer und habe angefangen zu singen. Außer Britta hat niemand geklatscht. Mama hat nur mit ihrem Handy gespielt und mich gar nicht beachtet. Warum ist sie so?«
»Sie hat es bestimmt nicht so gemeint. Sei nicht so streng zu ihr. Vielleicht gingen ihr gerade andere Sachen durch den Kopf.«
»Sie hat mir auch gar nicht zugeguckt. Immer wenn wir Besuch haben, benimmt sie sich so. Ich hasse sie.«
»Nein, tust du nicht.«
»Doch, tue ich.«
Die Tränen kullerten über meine Wangen, und ich wischte sie mit dem Pullover ab, der auf meiner Couch lag.
»Du verhältst dich in gewissen Situationen übrigens auch wie ein Arsch!«
»Wie bitte?«
»Ja, tust du.«
»Bist du bescheuert?«, schimpfte ich ihn. »Ich rufe dich an, damit du zu mir hältst, nicht …«
»Daniel, ich halte immer zu dir und das weißt du auch, aber Brüder sind auch dafür da, sich gegenseitig die Wahrheit zu sagen.«
Es begann sich wieder alles zu drehen. Ich schaute zu meinen Kuscheltieren, die oben auf dem Hochbett lagen.
»Sieh mal«, hörte ich Lars’ Stimme, die jetzt ganz ruhig und sanft klang. »Wenn wir zwei alleine sind, also auf der Couch chillen oder etwas unternehmen, verhältst du dich auch ganz anders als in der Öffentlichkeit, selbst wenn Menschen dabei sind, die wir kennen. Das fällt dir gar nicht auf, aber mir. Du spielst den supercoolen Jungen, was ich, ohne Scheiß, zu hundert Prozent verstehen kann. Du sagst dann aber auch Dinge, die andere Menschen verletzen. Manchmal merkst du das ein paar Minuten später und entschuldigst dich, manchmal nicht, aber in dem Moment selbst checkst du einfach nicht, was für ein Stinkstiefel du gerade gewesen bist. Niemand ist deswegen böse auf dich, weil wir dich kennen und lieb haben. Und ich weiß ja auch, dass du das nie wortwörtlich meinst, aber genauso eine Situation könnte das jetzt mit deiner Mama gewesen sein. Versuch mal kurz darüber nachzudenken.«
Ich gab mir Mühe. Ich gab mir wirklich Mühe. Ich schaute auf mein Luca Hänni Poster und dachte an gar nichts. Ich konnte nicht. Ich war zu enttäuscht. Nach einer kurzen Pause, hörte ich wieder Lars’ Stimme. Ich hatte mein Handy nämlich auf Lautsprecher gestellt und auf meinen Bauch gelegt.
»Du hast gesagt, dass sie mit ihrem Handy gespielt hat?«, fragte er noch einmal nach.
»Ja«, sagte ich.
»Hmm, wie ich sie kenne, hat sie deinen Cro Dance bestimmt gefilmt.«
»Weiß nicht.«
»Vielleicht hat sie nur versucht, die Datei zu speichern, weil sie nicht wollte, dass sie verloren geht. Deswegen war sie dann etwas unkonzentriert, als du gesungen hast.«
»Weiß nicht.«
»Okay, entspann dich einfach ein bisschen. Wirst sehen, dass in ein paar Minuten alles wieder easy sein wird. Wie bei Cro.«
»Nein, wird es nicht. Mama und Papa sind blöd. Die haben schon die zweite Flasche Vampirblut ausgetrunken.«
»Ach komm, lass sie doch. Es ist Freitagabend. Vampirblut?«
»Das ist roter Saft mit ganz viel Alkohol, also Sekt und Wodka, glaube ich.«
»Ich glaube, du meinst Erdbeer-Daiquiri, oder?«
»Weiß nicht.«
»Das sieht wirklich ein bisschen nach Vampirblut aus und steigt gut in den Kopf. Uiuiui, da kommen gerade ein paar schlimme Erinnerungen hoch. Ich hab meinem Vater mal in sein Bett gekotzt, als ich von einer Abiparty total blau nach Hause gekommen bin. Aber davon erzähle ich dir ein anderes Mal.«
»Ey, ich war so sauer in dem Moment, dass ich ganz laut geschrien habe. Alles hat sich gedreht. Ich habe nur noch Mama gesehen, wie sie mich ausgelacht hat. In Zeitlupe. Ich habe ganz laut gerufen, dass ich meine CD von Simon jetzt nicht mehr haben will und auch mein Lied nie mehr hören möchte.«
»Und ist das wirklich so?«
»Weiß nicht.«
Mama kam in mein Zimmer und sagte: »Na, hast du dich beruhigt?«
Ich warf ihr einen bösen Blick zu und maulte: »Ich telefoniere gerade und hätte gerne meine Privatsphäre. Das ist mein Zimmer!«
Sie rollte mit den Augen, drehte sich um und verschwand.
»Lars, weißt du, was ich mache? Ich gehe jetzt ins Wohnzimmer und knall der blöden Kuh den Ordner vor die Füße. Soll sie erst mal besser singen! Und wenn sie fertig ist, werde ich ganz laut Buh rufen und auch nicht applaudieren. Ja, das mache ich.«
»Hör mal, ich habe eine bessere Idee. Du bleibst noch ein paar Minuten in deinem Zimmer und malst ein Herz auf dein weißes Berlin T-Shirt.«
»Aber ich hab doch schon ein Herz drauf gemalt.«
»Dann malst du eben noch eins drauf. Und dann gehst du rüber ins Wohnzimmer und setzt dich neben deine Mama, hörst ein bisschen zu, was sie so reden, streichelst Sina oder Rocky und lässt die Erwachsenen einfach ihr Ding machen. Beachte sie gar nicht, und du wirst sehen, wie dein Ärger ganz schnell wieder verschwindet. Denk lieber an morgen, wenn Tamtam dich besuchen kommt.«
»Ja, darauf freue ich mich schon sehr. Ach Bruderherz, warum verstehst du mich immer so gut und Mama nicht?«
»Deine Mama versteht dich auch, aber eben auf ihre Art. Du darfst uns nicht miteinander vergleichen. Das wäre nicht fair deiner Mutter gegenüber. Ich kann mit dir lauter Blödsinn machen und bin am nächsten Tag wieder in Berlin, aber sie muss sich immer um dich kümmern. Vergiss das nicht. Sie hat dich unendlich lieb und würde alles für dich tun. Ich weiß das, weil ich es sehe. Du siehst das nicht immer, weil es für dich schon normal ist. Sei nicht mehr böse auf sie.«