8
Lichtstrahlen fielen durch mein Fenster und weckten mich. Muh war schon wach sah mich an, aber ich wollte lieber aus dem Fenster sehen. Ich holte mir ein großes Glas Apfelwasser aus der Küche, nahm die Medikamentenbox mit ins Wohnzimmer und schluckte meine Feinde runter. Da alle noch schliefen, und ich niemanden mit dem Fernseher wecken wollte, kuschelte ich mich zurück ins Bett. Unter der Decke war es noch schön warm. Mama muss während der Nacht in mein Zimmer gekommen sein, weil das BlackBerry wieder auf meinen Schreibtisch lag. Sie fühlte sich wohl besser, wenn es bei mir war. Ich freute mich darüber. Morgen wird Lars abreisen, ging es mir durch den Kopf, und diese Vorstellung machte mich sehr traurig. Ich überlegte, was ich dagegen tun könnte, aber mir fiel lediglich ein, ihn in meinem Zimmer anzubinden, aber das würde Mama nicht erlauben und wäre auch nicht sehr nett. Ich wünschte mir einfach, dass er schnell wiederkommt. Insgeheim hoffte ich, er hätte auch für mich eine Fahrkarte nach Berlin, aber das würde Mama schon gar nicht erlauben. Es war Samstag, und Lars und ich konnten machen, was wir wollten. Mama war abends mit ihrer Gothik-Freundin im Grünspan verabredet. Sie gingen auf ein Konzert, und das bedeutete, dass wir nur Papa austricksen mussten. Das war einfach. Am liebsten wollte ich ins Kino gehen und Billard spielen und vorher noch mit dem Bus ins ELBE fahren, abhängen und nach Mädchen gucken.
Ich sprang wieder aus meinem Bett, klappte meinen Laptop auf und hoffte, dass mir jemand geschrieben hatte, aber über dem Symbol für Nachrichten leuchtete keine rote Zahl auf und damit stand fest, dass niemand an mich dachte. Ich surfte eine Weile auf Facebook und landete bei dem Foto eines hübschen Mädchens. Sie hatte brünette Haare und ein wunderschönes Lächeln. Diese Amanda würde ich gerne mal küssen, lächelte ich in mich hinein, trank von meinem Apfelwasser und drückte auf »Gefällt mir«. Dann fragte ich mich, was dieses R.I.P vor ihrem Namen Amanda Todd bedeutete und fand heraus, dass sie ganz traurig war und sich deswegen umgebracht hat. R.I.P bedeutet nämlich, dass jemand tot ist. Das wusste ich vorher nicht. Die Arme hat sich das Leben genommen, weil sie in der Schule gemobbt und geschlagen wurde. Sie ließ alles über sich ergehen, bis sie irgendwann keine Kraft mehr hatte. Ich fühlte mit ihr. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich wurde auch jahrelang gehänselt und von meinen Mitschülern verprügelt. Bevor ich auf die Behindertenschule wechselte, ging ich in eine Schule für gesunde Kinder, aber die mochten mich nicht, weil ich anders war. Damals hatte ich jeden Tag Angst, in die Schule zu gehen. So wie Amanda. Sie war doch erst fünfzehn, wie ich. Ich ging in die Küche und holte ein Teelicht aus der Schublade, stellte es auf meinen Schreibtisch und zündete es an.
»Liebe Amanda«, betete ich. »Hier ist Daniel aus Hamburg. Ich hoffe, dass es dir jetzt besser geht und du mit den Engeln auf einer Wolke sitzt und Tee trinkst. Ich hab dich lieb.«
Dann weinte ich, bis ich nicht mehr konnte. Vielleicht ist es gut, dass ich nie erwachsen werde, dachte ich, zog meine Kopfhörer über und hörte mein Lieblingslied von Peter Maffay. Ich sang leise den ganzen Text mit, weil ich ihn ja auswendig kann.
Ich wollte nie erwachsen sein
hab’ immer mich zur Wehr gesetzt.
Von außen wurd’ ich hart wie Stein
und doch hat man mich oft verletzt.
Irgendwo tief in mir bin ich ein Kind geblieben.
erst dann, wenn ich’s nicht mehr spüren kann,
weiß ich, es ist für mich zu spät,
zu spät, zu spät.
Unten auf dem Meeresgrund
wo alles Leben ewig schweigt
kann ich noch meine Träume seh’n
wie Luft, die aus der Tiefe steigt.
Irgendwo tief in mir bin ich ein Kind geblieben.
erst dann, wenn ich’s nicht mehr spüren kann,
weiß ich, es ist für mich zu spät,
zu spät, zu spät.
Ich gleite durch die Dunkelheit
und warte auf das Morgenlicht.
Dann spiel’ ich mit dem Sonnenstrahl
der silbern sich im Wasser bricht.
Irgendwo tief in mir bin ich ein Kind geblieben.
erst dann, wenn ich’s nicht mehr spüren kann,
weiß ich, es ist für mich zu spät,
zu spät, zu spät.
Das Herbstlaub an der Bushaltestelle leuchtete rot und orange, und Lars sagte, dass die Blätter die gleiche Farbe wie meine Haare hätten. Zuerst dachte ich, er wollte mich damit ärgern, aber er meinte es lieb. Als wir im Bus saßen, wollte ich wissen, ob er eine Freundin habe, und er antwortete: »Keine Freundin.«
»Wieso nicht?«, fragte ich.
»Gute Frage.«
»Ich hab auch keine«, sagte ich.
»Wieso nicht?«
»Gute Frage.«
»Siehst du!«, grinste Lars und fuchtelte mit seinen Fäusten wie ein Boxer vor meinem Kopf herum.
»Ich wäre gerne mit einem Mädchen zusammen, das mich so akzeptiert wie ich bin. Ganz krank und alles. Ich bin zwar klein, aber dafür habe ich ziemlich viel Kraft in den Armen. Vielleicht gefällt ihr das ja?«
»Sie wird kommen«, grinste Lars noch immer. »Du musst nur die Augen offen halten.«
»Du aber auch.«
Ein Mädchen stieg in den Bus, die ich noch von früher kannte.
»Hi Daniel«, begrüßte sie mich mit einem Lächeln.
»Hi Jenny«, sagte ich ohne sie anzusehen.
Schnell zückte ich mein neues BlackBerry aus der Jackentasche, um damit vor ihr anzugeben, aber hauptsächlich, um nicht mit der dicken Kuh reden zu müssen. Dann dachte ich wieder an Amanda und wurde sauer auf mich selbst, weil Jenny wegen ihres Gewichts in der Schule bestimmt auch oft gehänselt wurde. Ich steckte meinen BlackBerry wieder ein und unterhielt mich mit ihr. Drei Stationen später stieg sie aus, und ich wünschte ihr einen schönen Tag. Jenny winkte mir noch vom Bürgersteig hinterher. Man hat ein viel schöneres Gefühl im Bauch, wenn man den Menschen eine Freude macht, anstatt fies und gemein zu sein.
Dann sah ich sie. Die blonde Schönheit arbeitete im ELBE an einem Stand für Glätteisen und Lockenstäbe und Haarzubehör für Frauen. Er befand sich neben dem Stand mit den ferngesteuerten Hubschraubern. Wir liefen direkt auf sie zu.
»Guck mal, da vorne«, stieß ich Lars in die Seite.
»Hab sie schon gesehen«, flüsterte er zurück.
»Was machen wir jetzt?«
»Wir lächeln sie an. Wenn sie zurücklächelt, gehen wir hin.«
»Okay.«
Wir lächelten und lächelten, und als wir endlich Blickkontakt hatten, wurde sie von einer Frau angesprochen. So ein Mist! Lars und ich spazierten unauffällig an ihr vorbei, fuhren mit der Rolltreppe in die erste Etage, ließen sie aber nicht aus den Augen. Als sie plötzlich nach oben sah, sagte Lars hastig: »Los, wink ihr zu!«
Ich war so aufgeregt, dass mir keine Zeit blieb, darüber nachzudenken, und ich winkte ihr zu. Dann geschah ein Wunder: Sie winkte mir zurück.
»Hast du das gesehen?«, freute ich mich. »Hast du?«
»Bin ja nicht blind, du Glückspilz.«
»Und jetzt?«
»Jetzt trinken wir einen Espresso und machen einen Plan.«
»Scheiße, bin ich aufgeregt.«
Wir setzten uns in das Café, das wir schon kannten, und Lars bestellte Espresso, Orangensaft mit Kiwi, Mineralwasser, eine Cola mit Zitronenscheiben und eine gesonderte Schale mit Eiswürfeln. Er hatte sich perfekt gemerkt, was mir schmeckte. Es gab nichts zu meckern. Mir gingen sehr viele Fragen durch den Kopf, und da ich sie bald wieder vergessen würde (ist immer so), ließ ich keine Zeit verstreichen. Zeit ist nämlich kostbar.
»Wie oft warst du schon verliebt?«, fragte ich.
»In meinem ganzen Leben, mit Kindergarten, Grundschule und so?«
»Ja.«
»Hmm, so vier, fünf Mal vielleicht.«
»Und wann das letzte Mal?«
»Puh, schwer zu sagen. Manchmal weiß man das nämlich nicht so genau. Vor zwei Wochen habe ich ein Mädchen kennengelernt, Anna.«
»So heißt meine Puppe.«
»Hehe, ich weiß. Ein Freund von mir ist Fotograf, und Anna war eines der Models, die er in seiner Galerie fotografiert hat.«
»Geil, ein Model. War sie hübsch?«
»Ja, sehr«, zwinkerte Lars. »Ich konnte meine Augen nicht von ihr lassen, so hübsch war sie. Wir haben uns ein bisschen unterhalten, aber es standen immer andere Leute um uns herum, und ich habe mich nicht getraut, sie vor allen nach ihrer Nummer zu fragen.«
»Warum nicht?«
»Alter, keine Ahnung. Ich habe wahrscheinlich auf den perfekten Augenblick gewartet.«
»Du hast wirklich keine Ahnung«, lachte ich ihn aus. Wusste er denn nicht, dass es den perfekten Augenblick nicht gibt? Es gibt immer nur den Augenblick, und dann kommt auch schon wieder ein neuer Augenblick. Und man muss jeden nutzen, sonst ist er weg und kommt nie wieder.
»Dann packte sie ihre Sachen zusammen und verschwand. Und ich stand da, ohne ihren Nachnamen und ohne ihre Telefonnummer.«
Ich schlug die Hände vor’s Gesicht. Unsere Getränke kamen, und ich überlegte, welchen Ratschlag ich meinem großen Bruder geben könnte.
Ich sagte: »Weißt du, wenn du nicht fragst, wird die Antwort immer nein heißen. Immer!«
Lars überlegte einen Moment. Dann nickte er und sagte: »Du hast ja so recht.«
»Verstehst du jetzt, warum ich immer so viele Fragen stelle?«
»Ich glaube schon. Du brauchst jetzt eine Antwort, egal, wie sie ausfällt.«
»Ja, weil ich es wissen will. Ich höre lieber ein klares NEIN, als mit dieser dämlichen Ungewissheit einschlafen zu müssen. Davon bekommt man nur Kopfschmerzen.«
Lars lachte und sagte: »Amen.«
»Und was ist aus Anna geworden?«
»Ich habe ihr auf Facebook geschrieben, sie hat mich als Freund hinzugefügt und seitdem schreiben wir uns, wann wir uns treffen.«
»Und wo ist das Problem?«
»Na ja, sie schreibt, dass sie mit einer Grippe im Bett liegt, und ich überlege jetzt, ob sie wirklich krank ist oder mir nur höflich mitteilen will, dass sie kein Interesse hat. Ich meine, wie lange kann man schon eine Grippe haben? Das kommt mir ein bisschen eigenartig vor, hmm?«
»Ich glaube, sie sagt die Wahrheit und ist wirklich krank.«
»Warten wir mal ab. Nächste Woche bekommst du ein Update.«
»Versprochen?«
»Versprochen.«
Ich trank einen Schluck Cola und versuchte mich an die nächste Frage in meinem Kopf zu erinnern. Ich brauchte einen Moment, um sie zu finden. Aber dann war sie da.
»Warst du schon mal in einen Jungen verliebt?«
»Nein«, sagte Lars sofort.
»Bist du dir sicher?«
»Ja.«
»Hmm«, sagte ich etwas enttäuscht, denn ich war schon dreimal in Jungs verliebt gewesen.
»Und du?«
»Ja, war ich.«
»Echt? Wie cool. Erzähl mal.«
»Mein erster Freund hieß Jason und war der Sohn der besten Freundin meiner Mama. Wir haben uns immer draußen im Hof getroffen, gespielt und sind dann händchenhaltend durch den Wald gelaufen.«
Lars lächelte: »Und habt ihr euch geküsst?«
»Nein, ist ja eklig.«
»Vielleicht wart ihr dann einfach nur gute Kumpels?«
Ich zuckte mit den Schultern, weil ich darauf keine Antwort wusste und sagte: »Und in einen Jungen aus meiner Schule war ich noch verliebt – und in dich.«
Lars verschluckte sich fast an seinem Sprudelwasser, was total lustig aussah.
Er fing an zu husten: »In mich? Wie kommst du denn darauf?«
»Weil ich dich lieb habe«, sagte ich.
»Es gibt schon einen Unterschied zwischen verliebt sein und jemanden lieb haben.«
»Aber wie erkennt man den?«
»Man fühlt das in seinem Bauch und in seinem Herzen«, sagte Lars. »Wenn du verliebt bist, dann willst du jede Sekunde des Tages mit dieser Person verbringen.«
»Aber das will ich doch mit dir«, sagte ich.
»Okay, deine Mama hast du lieb, oder?«
»Ja.«
»Deinen Papa auch.«
»Ja.«
»Und Ester aus dem Hospiz auch.«
»Geht so. Sie ist oft sehr streng.«
»Hahaha. Aber Oma Wagner, eure Nachbarin, hast du lieb?«
»Ja.«
»Und mich auch.«
»Ja.«
»Du hast uns lieb, aber du bist in keinen von uns verliebt. Mit keinem von uns willst du nackt unter der Decke kuscheln, oder?«
Ich verzog mein Gesicht und quietschte: »Ihhhh, ist ja peinlich.«
»Siehst du!«
»Aber wie merkt man das, ob man in jemanden verliebt ist?«
»Wenn dein Herz ganz schnell klopft, du nichts mehr essen kannst, weil du nur noch an diesen einen ganz besonderen Menschen denkst. Ich garantiere dir, dass du es fühlen wirst, wenn diese Person vor dir steht. Ob Junge oder Mädchen, ist völlig egal.«
»Okay, ich bin also nicht schwul?«
»Das weiß ich nicht, aber wäre das denn schlimm für dich?«
»Nein«, sagte ich.
»Woran denkst du, wenn du abends unter der Decke an dir rumspielst?«
Ich beugte mich vor, damit uns keiner belauschen konnte. Ich hielt meine Hand dicht an meinen Mund und kicherte: »Große Hupen und geile Ärsche.«
Lars lachte ganz laut und sagte: »Na, wenn das so ist, bist du ganz sicher nicht schwul.«
Ich war beruhigt, aber nur ein bisschen, denn richtig verstanden hatte ich das mit dem Verliebtsein noch nicht. Ich war aber froh, dass ich alle Fragen gestellt hatte, die durch meinen Kopf schwirrten. Ich lutschte meine Zitronen aus und fühlte mich ziemlich gut.
Lars bezahlte die Rechnung und sagte: »Und jetzt gehen wir dir erst mal ein gutes Parfüm kaufen.«
»Brauche ich das?«, fragte ich.
»Hast du heute Morgen geduscht?«, fragte Lars zurück.
»Nein.«
»Dann brauchst du es auf jeden Fall. Du musst gut riechen, wenn du später die Blondine anquatschen willst.«
Ich klatschte in die Hände. Was für ein Tag!
Die Verkäuferinnen in dem Parfümgeschäft waren richtig nett zu uns. Vier Damen arbeiteten dort, und alle lächelten uns an. Das gefiel mir sofort.
»Haben Sie einen Wunsch?«, fragte eine Verkäuferin, und Lars antwortete etwas patzig: »Nein, schon okay.«
»Nein, danke, heißt das«, schimpfte ich mit ihm, und die Frauen fingen an zu lachen. »Du musst schon etwas höflicher sein.«
Lars, der jetzt auch lachte, verbeugte sich vor der Verkäuferin und sagte: »Verzeihen Sie bitte. Wo bleiben meine Manieren?«
»Du kannst noch viel von mir lernen«, mischte ich mich ein und trat ihn gegen sein Schienbein. Aber nur locker, damit es nicht wehtat.
»Natürlich können Sie mir helfen. Einmal L’ eau D’issey für mich, und dann suche ich ein Parfüm für meinen kleinen Bruder hier.«
Ich nickte und durfte an ganz vielen Papierstreifen riechen, die mir die Verkäuferinnen unter die Nase hielten. Ich erzählte ihnen von meinem Plan, das blonde Mädchen anzusprechen, was sie total süß fanden und aufgeregt mit den Händen durch die Luft wedeln ließ. Eine Dame kniete sich zu mir und fragte, ob mein Bruder immer eine Sonnenbrille tragen würde, und ich sagte: »Ja! Er kommt aus Berlin.«
Am besten gefiel mir ein Parfüm, auf dem »Boss Bottled« stand, und Lars schenkte es mir. Er hatte recht. Jetzt roch ich wirklich besser als vorher.
Wir gingen zurück zur Rolltreppe und beobachteten die blonde Schönheit von oben. Sie hatte gerade keine Kundin und stand gelangweilt neben ihrem Stand. Das war die Gelegenheit.
»Du bleibst dicht hinter mir, okay?«, sagte ich zu Lars. »Komm mit!«
Wir fuhren ins Erdgeschoss, und ich wusste ganz genau, was ich zu ihr sagen würde. Sie hatte mich schon entdeckt und lächelte, und ich lächelte zurück.
»Hey, I know you«, sprach sie in einem merkwürdigen Akzent.
»Kannst du kein Deutsch?«, fragte ich schüchtern und zog Lars dichter an mich ran, damit er mir helfen konnte.
»No, I’m from Poland.«
Das war jetzt mal richtig blöd.
»What’s your name?«, fragte ich sie und überwand meine Angst, Englisch zu sprechen.
»My name is Carolina«, lachte sie, und wir schüttelten die Hände, aber mir war das plötzlich ganz peinlich.
»How old are you?«, fragte ich, und sie sagte: »I’m twentytwo.«
»Lars, ich möchte ihr sagen, dass sie schöne Haare hat und auch insgesamt sehr hübsch ist. Wie heißt das auf Englisch?«
»Das weißt du doch, hmm?«, sagte er.
»Bin zu aufgeregt. Hilf mir, bitte.«
»Du greifst dir einfach an dein Herz und sagst: Carolina, you are so beautiful.«
Carolina kicherte und spielte an ihren Haaren herum. Ich wurde davon so nervös, dass ich mich nicht mehr erinnern konnte, was Lars zu mir gesagt hatte. Ich stammelte etwas, aber Carolina schaute nur verwirrt. Dann bekam ich Panik, nahm Lars an die Hand und zog ihn weg. Carolina winkte uns hinterher, aber ich wollte mich nur noch in Luft auflösen.
»Alter, was war das denn?«, fragte Lars.
»Keine Ahnung, ey! Die war so hübsch, dass ich nichts mehr denken konnte. Und von nah sah sie wie eine Prinzessin aus. Richtig prinzessinenhübsch. Ich muss mich erst mal irgendwohin setzen und Luft schnappen.«
Lars ging mit mir in einen Laden für Turnschuhe, und ich setzte mich auf eine Holzbank.
»Sag mal eine Farbe, die du schön findest.«
»Braun«, hustete ich und hoffte, dass mein Sauerstoff mich nicht im Stich ließ. Aber noch ging es mir gut. Lars nahm zwei Schuhe aus dem Regal, einen in dunkelbraun von Converse und einen in beige von Lacoste. Ich probierte beide an und fand sie megacool. Dann betraten zwei hübsche Mädchen den Laden.
Lars sagte: »My boy, endlich bekommst du mal geile Schuhe, hmm?«
»Wie?«
»Ich schenke sie dir.«
»Ehrlich, jetzt?«
»Na, klar.«
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich senkte meinen Kopf und band mir die Schnürsenkel zu. Wieder flogen die Gedanken kreuz und quer durch den Raum. Hatte das gerade vielleicht schon was mit meiner Wunschliste zu tun? Guckten die beiden Mädchen noch? Würden sie vielleicht mit uns heute Abend ins Kino gehen? Sie waren ein bisschen jünger als Carolina, also gut für mich, aber schlecht für Lars.
»Du hast aber nicht an unseren Plan gedacht, oder?«, fragte ich ihn, und er grinste nur.
Der Schuh von Lacoste war jetzt an meinem linken Fuß und der Converse an meinem rechten. Ich konnte mich immer noch nicht entscheiden. Bequem waren sie beide.
»Wollen wir die beiden Mädchen fragen, welchen sie cooler finden?«, sagte Lars extra so laut, dass die Mädels jedes Wort verstehen konnten.
»Oh, Mann«, murmelte ich, aber Lars schob mich bereits von hinten in ihre Richtung.
»Welchen Schuh findet ihr besser?«, fragte ich sie, und beide Mädchen zeigten gleichzeitig auf den Converse. Ich bedankte mich, und sie drehten sich um und kicherten.
»Los, frag sie«, flüsterte Lars, als ich wieder auf meinem Platz saß.
»Was denn?«
»Ob sie heute Abend Zeit haben. Ich kann doch deine Gedanken lesen.«
»Hmm.«
»Die Blonde ist doch genau dein Typ.«
»Okay.«
Ich stand auf, atmete durch und rief: »Mädels, habt ihr heute Abend schon was vor?«
Das Mädchen mit den braunen Haaren und der weißen Pudelmütze probierte gerade einen Schuh an und die Blonde sagte: »Leider ja, wieso denn?«
»Mein großer Bruder und ich würden euch gerne ins Kino einladen.«
»Oh, wir haben schon zwei Karten für ein Konzert heute. Das tut mir leid.«
Sie lachten sich an und sahen total süß dabei aus. Da machte es gar nichts, dass sie uns einen Korb gaben. Dieser kurze Augenblick war es wert.
»Viel Spaß euch im Kino«, rief die Blonde noch, und wir winkten ihnen hinterher, als sie das Geschäft verließen.
Lars musste ganz schön viele Tüten schleppen, aber ihm machte das nichts aus. Er schlug vor, beim Italiener eine Pizza zu essen, aber ich wollte vorher unbedingt noch ein Pupskissen kaufen. Das würde ich Papa unter seinen Hintern schmuggeln und mich kaputtlachen. Ja, das brauchte ich wirklich ganz dringend, und ich bekam es auch.
Beim Italiener bestellten wir eine große Pizza Margherita mit zwei Tellern und eine große Flasche St. Pellegrino mit zwei Gläsern. Alles wurde brüderlich geteilt. Wir waren fast fertig mit der Pizza, als ich Sarah sah. Sie bummelte mit einer Freundin von Schaufenster zu Schaufenster. Früher fand ich sie immer hübsch und sexy, aber irgendwie hatte ich sie aus den Augen verloren. Unauffällig schaute ich zu ihr rüber und fand sie noch immer hübsch und sexy. Auf ein Neues, dachte ich, aber zu Lars sagte ich nur: »Muss was erledigen. Bin gleich wieder da.«
Ich: »Hi, Sarah.«
Sarah: »Hi, Daniel.«
Ich: »Na, wie geht’s dir?«
Sarah: »Gut, und dir?«
Ich: »Auch gut.«
Sarah: »Schön.«
Ich: »Was machst du heute Abend?«
Sarah: »Weiß nicht.«
Ich: »Wir gehen ins Kino. Also, mein großer Bruder und ich. Hast du Lust, ja oder nein?«
Sarah: »Muss meine Eltern fragen.«
Ich: »Du kannst auch noch eine Freundin mitbringen.«
Sarah: »Muss erst meine Eltern fragen.«
Ich: »Okay. Kann ich deine Nummer haben, ja oder nein?«
Sarah: »Ja.«
Ich: »Dann ruf ich dich später an.«
Sarah: »Ist gut.«
Sarah sagte mir ihre Nummer, und ich speicherte sie in meinem neuen BlackBerry.
Ich: »Das BlackBerry ist neu.«
Sarah: »Cool.«
Ich: »Ich weiß.«
Sarah: »Also ciao, Daniel.«
Ich: »Ciao Mädels.«
Zurück am Tisch fragte mich Lars, wer das war, und ich antwortete lässig: »Hab uns für heute Abend ein Date klar gemacht. Du musst dich um nichts mehr kümmern.«
»Respekt, Brüderchen«, nickte Lars anerkennend. »Und was ist mit Carolina?«
»Scheiße, die hab ich ja voll vergessen.«
»Tja, das Leben als Playboy ist nicht einfach«, schmunzelte er. »Aber keine Sorge, für Carolina überlegen wir uns was Besonderes.«
»Was denn?«
»Du stehst doch auf sie, also musst du auch kreativ werden.«
Ich packte das Pupskissen aus und fing an zu überlegen. Von Lars war keine Hilfe zu erwarten. Er konnte sich ja nicht mal die Handynummer dieser Anna organisieren, obwohl sie direkt vor ihm stand.
»Lars, ich weiß, du hast keine Ahnung von Mädchen, aber zum Glück hast du mich. Wir machen das so: Du gibst mir Geld, und ich kaufe ihr eine rote Rose. Mädchen lieben rote Rosen. Und eine schöne Karte mit Herzen und ihrem Namen drauf bekommt sie auch. Dann gehe ich vor ihr auf die Knie und sage: Carolina, ich liebe dich. Du hast die schönsten Augen der Welt. Willst du mich heiraten?«
»So geht das?«
»Guck mir einfach zu und lerne, du Lusche!«
In einem Blumenladen suchte ich die schönste rote Rose aus und schrieb auf die kleine Karte: For Carolina, you are beautiful. From Daniel. Daneben malte ich vier Herzchen.
Dann wurde es brenzlig. Carolina machte einer neuen Kundin gerade wellige Haare, weswegen wir auf einer Bank Platz nahmen und sie aus sicherer Entfernung beobachteten. Ich wippte nervös mit den Beinen. Ich hatte meine Klappe vor Lars ziemlich weit aufgerissen, aber in Wahrheit wäre im liebsten im Erdboden versunken.
»Wieso bist du so aufgeregt?«, fragte er.
»Weil ich das noch nie gemacht habe.«
»Du hast noch nie einem Mädchen eine Rose geschenkt?«
»Nein«, sagte ich völlig fertig. »Noch nie.«
»Na, dann wird’s aber höchste Zeit. Weißt du noch, was du ihr sagen willst?«
Ich wusste gar nichts mehr. Carolina schaute schon zu uns rüber, und Lars wollte, dass wir auf der Stelle zu ihr gehen, aber ich hatte immer noch zu viel Schiss und sagte: »NEIN! Nicht, wenn eine Kundin da ist.«
»Das wäre peinlich, hmm?«
»Ehrlich mal. Ich gehe vor ihr doch nicht auf die Knie.«
»Ach, das kannst du ruhig machen. Das findet sie bestimmt schön. Das wünschen sich alle Frauen.«
»Lars, ich bin voll aufgeregt.«
»Das klappt schon.«
»Ich weiß nicht. Ich bin so aufgeregt, so aufgeregt, so aufgeregt.«
Als ich wenig später endlich vor Carolina stand, brachte ich kein Wort heraus. Ich reichte ihr die Rose und sagte mit schlotternden Knien: »Hier, für dich.«
Sie machte einen Knicks und betrachtete meine Karte. Dann lachte sie süß und freute sich ganz doll. Ich versteckte mich hinter Lars.
»Wolltest du nicht auf die Knie gehen?«, flüsterte er mir zu, aber ich schüttelte sofort meinen Kopf und tat so, als hätte ich keine Ahnung, wovon er sprach. Carolina hielt sich die Rose an ihre Nase und lächelte mich an.
»Oh, it smells so nice.«
»Was hat sie gesagt? Was hat sie gesagt? Was hat sie gesagt?«
»Die Rose riecht super«, übersetzte er.
Ich stand da, bewegungslos wie ein Stein. Eine kleine Gruppe älterer Frauen, die meine Rosenübergabe beobachtet hatten, klatschten Applaus und freuten sich, obwohl ich alles vermasselt hatte. Ich musste so schnell wie möglich hier weg. Lars verabschiedete sich von Carolina und lief mir hinterher.
»Und war doch gar nicht so schlimm?«, sagte er und legte beim Gehen seinen Arm um mich. Ich blieb stehen und drehte mich noch ein letztes Mal zu ihr um. Sie warf mir einen Luftkuss zu, und ich lächelte aus vollem Herzen. Ob es schlimm war? Ja, war es. Und wunderbar. Alles auf einmal. Lars kaufte für Mama noch Pralinen, die ich ihr schenken sollte. Er meinte, dass sei eine gute Idee. Mir war das egal. Ich konnte nicht mehr klar denken. Alles drehte sich nur noch um Carolina, Sarah und die beiden Mädchen aus dem Schuhladen. Dann stiegen wir in den Bus und fuhren nach Hause. Was für ein Tag, dabei war es gerade mal halb vier.
Als wir um 19 Uhr wieder die Wohnung verließen und in den Bus nach Blankenese stiegen, war schon klar, dass Sarah nicht mitkommen würde. Ihre Eltern hatten es nicht erlaubt. Sie war ja erst dreizehn. Ich hatte ihr zwar gesagt, sie solle ihrer Mama ausrichten, dass ich gut auf sie aufpassen würde, aber es half nichts. Lars und ich mussten alleine ins Kino. Trotzdem wollte ich die Gelegenheit nutzen und sie fragen, ob sie meine feste Freundin sein möchte. Ich wählte ihre Nummer. Lars saß mir gegenüber und lachte sich kaputt, aber ich ließ mich nicht aus der Ruhe bringen. Sarah nahm ab.
Ich: »Na?«
Sarah: »Na?«
Ich: »Was machst du so?«
Sarah: »Supertalent gucken.«
Ich: »Cool. Also, hmm, ich hatte noch eine andere Frage.«
Sarah: »Und ihr?«
Ich: »Wir sitzen jetzt im Bus und fahren ins Kino.«
Sarah: »Schön.«
Ich: »Ja, schön. Also, ich wollte dich noch was anderes fragen, warte …«
Ich bekam einen Hustenanfall und konnte kein Wort mehr sagen.
Sarah: »Bist du noch dran?«
Ich: »Ja, hab mich nur verschluckt.«
Sarah: »Bleib mal kurz dran.«
Sie legte den Hörer zur Seite. Ich wartete, schaute aus dem Fenster, wartete, schaute aus dem Fenster, wartete.
»Was ist los?«, fragte Lars.
»Ich muss warten«, sagte ich.
»Auf was?«, fragte er und ich zuckte mit den Schultern, weil ich es auch nicht wusste.
»Lars, weißt du was? Sieh dich mal um. Alle sind neidisch auf mein neues BlackBerry … Sarah, bist du noch da?«
Keine Reaktion.
»Hallo?«, sagte ich wieder.
Keine Reaktion.
»Hat sie aufgelegt?«, fragte Lars.
»Nein.«
Ich schaute auf mein Display, und da kein Gespräch mehr angezeigt wurde, hatte sie wahrscheinlich aufgelegt. Ich probierte es erneut.
Ich: »Hallo?«
Sarah: »Warte.«
Ich: »Okay.«
Lars: »Weißt du schon, was du sie fragen willst?«
Ich nickte und wartete. Der Bus hielt schon am Bahnhof Blankenese, und Sarah fragte mich, ob ich in fünf Minuten noch einmal anrufen könne, und ich sagte: »Ja, bis gleich.«
Am Kiosk kaufte Lars mir eine Dose Eistee. Wir mussten drei Minuten auf die S-Bahn warten. Als wir einen schönen Vierer-Sitzplatz nur für uns alleine fanden und uns setzten, drückte ich auf Wahlwiederholung. Ich hörte ihre Stimme.
Sarah: »Hallo Daniel.«
Ich wollte keine Zeit mehr verlieren und fragte: »Hast du einen Freund?«
Sarah: »Wer, ich?«
Ich: »Ja, du.«
Sarah: »Nein, habe ich nicht.«
Ich: »Nicht? NICHT? Weil, ähhh, ich wollte dich fragen, ob du mit mir zusammen sein möchtest. Ja oder nein?«
Sarah: »Weiß nicht.«
Ich: »Weil, wir kennen uns ja seit der zweiten Klasse, glaube ich.«
Sarah: »Stimmt.«
Ich: »Wir haben uns jedes Mal gut verstanden.«
Sarah sagte nichts mehr. Ich wartete wieder. Warum sagte sie nichts mehr?
Ich: »Bist du noch da? Hallo?«
Lars flüsterte: »Hat sie aufgelegt?«
Ich gab ihm ein Zeichen, dass er endlich ruhig sein sollte, nahm einen Schluck von meinem Eistee und flüsterte zurück: »Ja, sie ist noch dran.«
Sarah: »Bin wieder da.«
Ich lächelte.
Sarah: »Ich gehe jetzt auf die Sofie-Scholl-Schule.«
Ich: »Das weiß ich.«
Sarah: »Wir haben uns aber so lange nicht mehr gesehen.«
Ich: »Aber du kennst mich doch schon von der zweiten Klasse, weißt du?«
Sarah: »So viel haben wir aber nicht zusammen gemacht.«
Ich: »Häh? Doch, weißt du nicht mehr: Tischtennis.«
Sarah: »Hmm.«
Ich: »Doch, mit Anne. Da haben wir doch irgendwas gespielt … früher.«
Sarah: »Bei Herrn Faber?«
Ich: »Denk schon. Weiß ich nicht mehr.«
Sarah: »Aha.«
Ich: »Hast du morgen Zeit, ja oder nein?«
Sarah: »Hab morgen Reiten.«
Ich überlegte: »Und, hmmm, Mittwoch?«
Sarah: »Nein, auch keine Zeit.«
Ich: »Und nächste Woche Samstag, also heute in einer Woche?«
Sarah: »Lass uns lieber noch mal telefonieren.«
Ich: »Ja, können wir machen.«
Sarah: »Daniel, ich möchte nicht deine feste Freundin sein. Bitte nicht traurig sein.«
Ich: »Nein, bin nicht traurig.«
Sarah: »Echt, nicht?«
Ich: »Nein, ich bin nicht traurig.«
Sarah: »Du bist ja trotzdem süß.«
Ich: »Ja?«
Sarah: »Ja.«
YEAH!!!
Ich: »Okay, ciao.«
Dann legte sie auf.
Lars: »Und?«
»Verdammt, sie hat abgelehnt!«, sagte ich leise und ein wenig enttäuscht.
»Scheiß drauf«, sagte Lars.
»Genau, es gibt noch bessere Mädchen.«
»Das stimmt«, lachte Lars. »Auf geht’s zur nächsten.«
Mama hatten wir erzählt, dass wir uns Ice Age 4 ansehen würden, aber als wir an der Kasse standen, entschieden wir uns spontan für Mann tut was Mann kann. Den Zeichentrickfilm konnte ich ja immer noch mit Mama gucken. Wir mussten noch eine halbe Stunde Zeit totschlagen, und Lars spendierte mir ein paar Runden im Rennauto. Ich war ganz unkonzentriert und fuhr meinen Ferrari ständig gegen die Mauer, aber Spaß machte es trotzdem. Wir holten uns zwei große Portionen Nachos und Fanta und gingen zu unserem Eingang, vor dem die Hölle los war. Die Schlange ging bis runter zu den Treppen.
»So eine Kacke«, fluchte Lars. »Da brauchen wir ja ewig.«
Als wir nach ein paar Minuten immer noch am selben Fleck standen, kam Lars auf eine Idee.
»Kannst du noch stehen?«, fragte er.
»Ja, geht noch.«
»Okay, lauf einfach hinter mir her. Ich probiere mal was aus.«
»Was denn?«
»Wirst du gleich sehen.«
»Wird’s peinlich?«
»Nee, lustig. Bereit?«
»Ja.«
»Ach, und mach’n Gesicht, wie sieben Tage Regenwetter.«
»Wie?«
»Stell dir einfach vor, es käme kein Berlin – Tag & Nacht mehr im Fernsehen.«
»Waaas?«
»Ja, genau so«, lachte Lars. Dann schob er sich durch die Menge und rief: »ACHTUNG, NOTFALL, VORSICHT … BITTE PLATZ MACHEN … DANKE … ICH HABE HIER EINEN JUNGEN … ACHTUNG … DANKE …«
O Gott, war mir das peinlich. Ich blieb ganz dicht hinter Lars, in der Hoffnung, dass mich niemand erkennen würde und schaute extra traurig auf den Boden. Es machten wirklich alle Platz. Ich dachte nur: Wenn das Mama sehen könnte. Die würde sich wegschmeißen vor Lachen. Zum Glück sprach uns außer der Frau, die die Karten kontrollierte, niemand an. Sie fragte, ob wir Hilfe bräuchten, aber Lars lächelte sie an und sagte: »Ein Wunder ist geschehen. Meinem Kleinen geht es plötzlich wieder gut.« Sie musterte mich zuerst etwas skeptisch, ließ uns dann aber mit einem Augenzwinkern durch.
Der Film war so schön, wie er schöner kaum sein konnte. Er spielte in Berlin und handelte von der großen Liebe. Es gab ein Happy End und eine Hochzeit und alle Schauspieler verliebten sich. Sogar Fred, der Rottweiler, bekam eine Hundedame ab. Nach dem Kino fragte ich Lars, ob wir noch in eine Bar gehen könnten, um heiße Weiber abzuschleppen, aber er entschied, sofort mit dem Bus nach Hause zu fahren, weil meine Lippen schon dunkellila waren.
»Wir finden für uns auch noch zwei Mädchen, die wir lieb haben können«, sagte ich zu Lars, der mich wegen meiner Gesichtsfarbe ganz besorgt ansah.
»Ganz bestimmt«, sagte er und nahm mich in den Arm. »Aber nicht heute.«
Am nächsten Morgen sprach Mama kaum ein Wort mit mir. Lars kam in Boxershorts und mit müden Augen zu uns in die Küche und gab mir gähnend einen High-Five. Zu Mama sagte er: »Good Morning, Señorita.«
Mama, die nach dem Aufstehen schnell in ihren Morgenmantel geschlüpft war, grummelte nur und goss sich einen Kaffee ein.
»Na, hier ist ja ’ne Bombenstimmung«, lachte Lars und trank sein Glas Wasser in einem Zug aus.
»Da kannst du dich bei Daniel bedanken«, sagte Mama und Lars schaute mich fragend an. Ich hob die Arme und sagte: »Ich hab nix gemacht.«
Lars guckte wieder zu Mama: »Kann mir mal einer verraten, was los ist?«
»Ich hätte ihn gestern umbringen können«, sagte Mama und zeigte auf mich.
»Dann bring mich doch um«, äffte ich zurück.
»Der Knirps war doch gestern den ganzen Tag mit mir unterwegs«, sagte Lars, um mich zu verteidigen.
»Er hat mir gestern Abend auf dem Konzert ständig SMS geschickt. Er hat mir keine Ruhe gelassen. Alle fünf Minuten kam was von ihm. Und nur Blödsinn.«
Lars sah mich an, dann sagte er zu Mama: »Wie wär’s mit Handy ausschalten?«
»Das schaffe ich nicht. Wenn was passiert, dann muss ich doch … Was mich nur ärgert, ist, dass Daniel mir überhaupt nichts gönnt. Hauptsache alles dreht sich um ihn.«
»Ach, er wollte dir bestimmt nur erzählen, was er für einen schönen Abend hatte.«
»Du kennst meinen Jungen nicht«, lachte Mama gequält, und ich umklammerte ihr Bein und machte stöhnende Affengeräusche.
»Oh, Mann! Ist ja wie im Dschungelcamp bei euch«, grinste Lars und verschwand im Gästezimmer, um seinen Koffer zu packen.
Der Abschied fiel mir unendlich schwer. Mama und ich brachten Lars mit der S-Bahn noch bis zum Hauptbahnhof. Er sagte, dass ich ihn ab sofort Tag und Nacht anrufen könne, wenn mir etwas auf dem Herzen läge, oder auch einfach nur so, um zu quatschen.
»Versprochen?«, fragte ich.
»Versprochen«, lächelte er.
»Darf ich auch dein Facebook-Freund werden?«, fragte ich.
Lars lachte, drückte mich fest an sich und sagte: »Klaro.«
Ich ließ ihn nicht mehr los, aber dann musste ich leider, weil der Zug einfuhr. Ich hatte so sehr gehofft, dass er sich verspätete, oder noch besser, dass alle Züge nach Berlin für immer ausfielen, aber dieser blöde ICE war auf die Minute pünktlich.