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Ginge es nach mir, könnten auf der Welt nur Kinder leben. Am liebsten habe ich Kinder, wenn sie noch ganz klein sind und noch nicht gelernt haben, fies und gemein zu sein. Diese Kinder habe ich alle lieb. Wenn ich behinderte Babys oder andere kranke Kinder sehe, werde ich traurig. Nicht nur wegen den Kindern, sondern wegen der Eltern und hauptsächlich der Mütter. Ich sehe das ja bei meiner Mama. Wie schlimm es um sie steht, weiß ich nicht genau. Auf jeden Fall ist sie öfter traurig als glücklich. Das kann ich in ihren Augen erkennen. Dieses Jahr war ganz furchtbar. Sie ist richtig eingesackt, auch wenn man ihr das auf den ersten Blick nicht ansieht, weil sie ziemlich gut beisammen ist. Aber so wie meine Mutter spürt, wenn es mir nicht gut geht, so spüre ich das auch bei ihr. Meine Mama und ich haben eine ganz besondere Beziehung, auch wenn ich das nicht immer zeigen kann. Wenn sie mit ihren Arbeitskolleginnen spricht oder mit ihren Freundinnen telefoniert, erzählt sie immer nur von mir, wie es mir geht, welche Krankheiten ich gerade wieder habe und wann die nächsten Krankenhaustermine anstehen. Selten spricht sie über Papa, weil dafür am Ende keine Zeit mehr bleibt. Ich mag es zwar, wenn sich alles um mich dreht, aber nicht so. Meine Mama muss lernen, mich loszulassen, auch wenn es ihr schwerfällt. Ich kann vorher nicht gehen, ich kann einfach nicht. Und sie muss lernen, nachts besser zu schlafen. Zu mir sagt sie immer, dass ich durch einen guten Schlaf wieder zu Kräften käme, aber ihr gelingt es einfach nicht. Der Tag, an dem sie zum ersten Mal richtig schlafen kann, ist wahrscheinlich der Tag, an dem wir Abschied nehmen. Hoffentlich kommt sie dann zur Ruhe und kann endlich das Leben führen, das sie verdient hat. Das wünsche ich mir. Vielleicht kann sie dann endlich ihre Wochenenden genießen und all die Dinge tun, die jetzt nicht gehen, weil ich noch da bin. Nie kann sie spontan sagen: Heute gehe ich ins Kino. Tag ein, Tag aus lebt sie in der Sorge, ob am nächsten Morgen mein Herz noch schlägt. Das ist doch kein Leben für eine Mama. Ich weiß das alles, weil sie es mir oft genug sagt. Ich werde Lars fragen, ob er mir Geld leihen kann, damit wir ihr einen schönen Blumenstrauß kaufen können. Darüber wird sie sich freuen.