35
Ich hatte ein ungutes Gefühl im Bauch. Mir war ein bisschen übel, obwohl mir gar nicht richtig übel war. Ich konnte im Bett liegen bleiben und musste nicht über dem Waschbecken kotzen gehen. Nicht diese Art von Übelkeit, meine ich. Ganz anders. Ich rief nach Mama, aber sie stand sowieso schon in der Tür.
»Heute gibt’s keinen Anruf bei deinem Bruderherz«, sagte sie. »Der will nämlich auch mal seine Ruhe haben.«
Ich sagte: »Heute Abend? Nööö, ruf ihn nicht mehr an. Bin eh zu müde.«
Mama fragte: »Ist alles okay?«
Ich sagte: »Ja, ist alles okay. Gute Nacht.«
Zwei Minuten später stieg ich fluchend aus meinem Hochbett.
»Scheiße Mama, so ein Mist. Muss doch mit Bruderherz reden, nur kurz seine Stimme hören. Bitte, bitte.«
Mama lachte nur noch und gab mir einen Kuss. Ich sprach auch wirklich nur kurz mit Lars, vielleicht eine Minute oder zehn, dann lag ich wieder mit meinen Gedanken im Bett. Das ungute Gefühl im Bauch kam zurück. Wieder rief ich nach Mama.
»Hast du noch diese Engel, die Ester uns mal geschenkt hat?«
»Ja, die liegen in einer der Kisten im Gästezimmer.«
Mama stand da wie ein Felsblock und verzog keine Miene.
»Kannst du mir bitte zwei Engel bringen, einen für Maike und einen für Vincent.«
»Wie kommst du jetzt darauf?«, fragte sie leise.
»Weiß nicht«, sagte ich.
Dann fasste Mama mir an die Stirn.
»Geht’s dir nicht gut?«
Ich sagte: »Weiß nicht.«
»Brauchst du die Engel heute noch?«
»Ja, stell sie einfach unter mein Bett auf den Schreibtisch. Es reicht, wenn sie im Zimmer sind.«
Mama starrte mich immer noch entsetzt an. Ich konnte es mir auch nicht erklären, was es mit den Engeln plötzlich auf sich hatte. Ich brauchte sie eben. Mit ihnen fühlte ich mich sicherer. Am nächsten Tag löste sich das Geheimnis auf. Die Nachricht traf mich mitten ins Herz.
Vinnie starb um 17.25 Uhr. Eigentlich hieß er Vincent, aber seine Freunde durften ihn Vinnie nennen. Ich war sein Freund. Vinnie saß im Rollstuhl und konnte sich nicht mehr bewegen, auch nicht sprechen. Aus ihm kamen nur seltsame Laute heraus, aber das machte nichts. Wir konnten uns auch ohne Worte unterhalten, weil wir uns liebhatten. Am liebsten mochte er es, wenn man seinen Kopf kraulte, aber das durfte nicht jeder. Ich schon. Musik hörte er auch gerne, klassische Musik. Da spielte er mit seinen Armen Dirigent. Wenn er seine Lieblingsmusik hörte, war er immer glücklich und lächelte. Das waren schöne Momente. Vinnie hatte seinen sechzehnten Geburtstag gerade noch erlebt. Zwei Wochen später, war er tot. Ich wischte meine Tränen aus dem Gesicht. Ich schaffe das auch, sprach ich mir selbst Mut zu. Für Vinnie!
Im Hospiz gibt es zwei Fotowände. An der einen Wand hängen Fotos von den Kindern, die noch leben und an der anderen Wand hängen die Kinder, die schon gestorben sind. Wir werden Vinnie jetzt umhängen, dachte ich, und dieser Gedanke brach mir das Herz. Er kam zur gleichen Zeit ins Hospiz wie ich. Wir wurden gleich am ersten Tag Freunde. Das war gut, denn so mussten wir beide nicht mehr allein sein. Vinnie war nie gemein zu mir, niemals. Er hatte mich lieb, so wie ich bin, und ich ihn auch. Aber jetzt konnte er mich nicht mehr liebhaben.
Bis zu meinem sechzehnten Geburtstag waren es nur noch sechs Wochen. Was ist, wenn ich danach auch sofort sterbe? Es wurde wieder schwarz in meinem Kopf, aber zum Glück lag ich neben Mama auf der Couch und konnte nicht in Ohnmacht fallen. Vinnie starb an den Folgen einer Lungenentzündung. Als ich das letzte Mal ins Krankenhaus musste, hatte ich auch eine halbe Lungenentzündung. Was, wenn das nächste Mal die andere Hälfte dazu kommt? Ich krallte mich an Mama und schloss die Augen. Maike und Vinnie umarmten sich. Meine Schwester war auch da. Sie saßen auf einer lila Wolke und tranken Tee. Niemand von ihnen sah traurig aus. Ich war es auch nicht mehr. »Jetzt geht es mir endlich gut«, flüsterte Vinnie mir zu, und ich lächelte. Als ich meine Augen wieder öffnete, wischte sich Mama gerade mit einem Taschentuch ihre Tränen aus dem Gesicht. Sie weinte schon den ganzen Abend. Ich richtete mich auf und umarmte sie.
»Mama«, sagte ich schnell, um sie zu beruhigen. »Sei bitte nicht mehr traurig und hab keine Angst. Alles wird gut.«
Dann kuschelten wir so lange, bis unsere Augen schwer wurden. Ich sah es genau vor mir: Eines Tages wird Ester früh am Morgen das Hospiz betreten, die Kaffeemaschine anstellen und mit Bohnen füllen, den Computer in ihrem Büro hochfahren und mein Bild von der einen Wand an die andere umhängen. Eine Kerze wird für mich angezündet, und wenn sie erlischt, wird ein neues Kind meinen Platz einnehmen. Und nach ihm ein neues und wieder ein neues. Es wird immer so weitergehen, bis auch Ester eines Tages in den Himmel fliegt. Ich verstehe das Leben nicht. Geht es wirklich nur darum, einen Platz auf der Welt zu bekommen und ihn dann, wenn man stirbt, an ein neues Leben weiterzugeben? Mama fing an zu schnarchen, und ich ging rüber in mein Bett. Morgen war wieder Schule.
Vinnie war tot, und ich musste mich ablenken. Ich dachte an nackte Weiber und wie ich mit ihnen Sex hatte. Aber mit den erwachsenen Mädchen, die ich über Lars kannte, klappte das irgendwie nicht. Ich hatte Tara gefragt, ob sie meine feste Freundin sein wollte, aber sie sagte, sie sei viel zu alt für mich, und ich sagte: »Okay.«
In der ersten großen Pause lief ich durch den großen Spielraum und sah Layla, wie sie ganz alleine auf einer Bank am Fenster saß.
Ich ging auf sie zu und sagte: »Hi.«
Sie schaute zu mir auf und sagte: »Hi Daniel.«
Ich fragte: »Darf ich mich neben dich setzen?«
Und sie sagte: »Ja.«
Mit Layla wollen die meisten Kinder auch nicht spielen. Sie ist sehr einsam in ihrem Herzen, auch nach der Schule, wenn sie alleine zu Hause ist. Ich erkenne das in ihren Augen. Layla hat wunderschöne Augen. Es tat mir weh, dabei zusehen zu müssen, wie es ihr in den letzten Monaten nicht gutging, aber ich konnte nicht mehr zurück zu ihr, weil sie mich zu oft verletzt hatte. Lars hatte einmal zu mir gesagt, man müsse den Menschen, die einmal fies und gemein zu einem waren, irgendwann verzeihen. Das wäre oft nicht einfach, aber man würde sich danach immer besser fühlen. Ich dachte: Neues Jahr, neues Glück!
»Layla«, begann ich und holte tief Luft. »Also, ich wollte dir sagen, dass ich, also, dass ich dir verzeihe.«
»Is’ okay«, gab sie als Antwort und wippte mit den Beinen. Layla hat schöne lange Beine.
Ich wippte jetzt auch mit den Beinen, und manchmal wippten wir sogar synchron im Takt.
»Lass uns vergessen, was war und noch einmal ganz von vorne anfangen. Was denkst du?«
Sie überlegte einen Moment und sagte: »Okay.«
Sie nahm meine Hand und mein Herz machte einen kleinen Hüpfer. Als sie sich dann sogar bei mir entschuldigte, war meine Welt wieder in Ordnung. Bis zur nächsten großen Pause.
Ich beobachtete Kevin, wie er mit Layla sprach. Mein Herz begann zu rasen, weil ich ja wusste, dass er in sie verliebt war. Jeder in der Schule wusste das. Ich überlegte schon, ihm eine in die Fresse zu schlagen, aber ich hatte so etwas noch nie getan. Mir blieb keine Zeit, um mir darüber Gedanken zu machen. So schnell ich konnte, lief ich den Gang entlang. Als ich völlig außer Puste vor seinem Rollstuhl stand, hörte ich Layla sagen: »Du braucht dir keine Hoffnungen machen. Ich bin mit Daniel zusammen. Ich liebe ihn. Und jetzt, zisch ab!«
Jetzt war es offiziell. Layla und ich waren wieder ein Paar, und ich war fest entschlossen, ihr noch eine Chance zu geben.
Zu Hause erzählte ich Mama davon. Sie war alles andere als begeistert und erinnerte mich an die vielen Tränen, die ich wegen Layla vergossen hatte. Ich versuchte ihr zu erklären, dass wir doch jetzt in einem neuen Jahr lebten und man die Vergangenheit begraben sollte, aber sie stampfte nur wild mit den Füßen. Als sich ihr Ärger wieder verzogen hatte, setzte ich mich neben sie auf die Couch.
»Morgen ist Samstag. Wir haben also keine Schule. Darf ich mich mit Layla treffen?«
»Ich hab aber morgen so viel zu tun, Daniel. Es ist Waschtag.«
»Bitte, bitte, bitte, bitte, bitte.«
»Wann denn?«
»Ich weiß noch nicht. Muss erst Layla fragen.«
»Wenn jetzt dieses ganze Theater von vorne anfängt, mein Freund, dann …«
»Also, ja oder nein?«
»Ja, von mir aus.«
Ich rannte in mein Zimmer und legte mich ins Bett. Ich wollte es schön gemütlich haben, bevor ich die SMS abschickte. Ich war etwas aufgeregt und vertippte mich ein paar Mal, aber dann schaffte ich es fehlerfrei: Wollen wir uns morgen treffen? Ja oder nein? Bitte sag ja. Daniel
Mama kam in mein Zimmer und rief: »Aber wenn sie jetzt wieder die kleine Prinzessin spielt und fünf Minuten vor dem Treffen absagt, gibt’s Ärger.«
Genau das war mein Problem: Mama konnte Layla nicht leiden. Ich wollte sie aber öfter sehen, nicht nur in der Schule, aber ohne Mamas Einverständnis würde das schwierig werden. Ich wünschte mir auch, dass sie zu meinem Geburtstag kommt. Es war schließlich der erste Geburtstag seit zehn Jahren, den ich wieder feierte. Außerdem hatte Lars mir versprochen, dass ich einladen dürfe, wen ich wolle, weil es mein Tag sei, an dem die Erwachsenen nichts zu melden hätten. Ich rief Tamtam an und erklärte ihr die verzwickte Lage, in der ich mich befand.
»Kannst du mit Mama mal reden?«, fragte ich.
»Okay, mache ich«, sagte sie.
»Wann?«
»Lassen wir das ein paar Tage sacken, und dann kläre ich das schon irgendwie mit Debbie. Von Frau zu Frau«, lachte Tamtam.
»Jaaaaa, genau so meine ich das«, sagte ich und war froh, dass sie kapierte, worauf ich hinaus wollte. »Also, wann rufst du Mama an?«
Sie versprach, es noch am Wochenende zu erledigen. Ich war nun etwas beruhigter, wählte Lars’ Nummer und gab ihm alle Neuigkeiten durch.
»Supergeil«, schrie er so laut durchs Telefon, dass ich es mir vom Ohr weghalten musste.
»Ja, ne?«
»Und habt ihr schon geknutscht?«
»Nee.«
»Morgen?«
»Weiß nicht.«
»Verstehe, verstehe«, sagte er. »Weil deine Mutter ja dabei sein wird. Aber kann die nicht in der Zwischenzeit irgendwas anderes machen?«
»Ja, schon. Layla und ich gehen dann ins Mercado was trinken.«
»Da könnt ihr auch gut knutschen. Irgendwo heimlich in der Ecke. Perfekt.«
»Nee, geht auch nicht«, sagte ich.
»Warum das denn?«
»Mama will das nicht. Sie hat es mir verboten.«
»Hat Layla denn schon auf deine SMS geantwortet?«
»Nein.«
»Bist du traurig deswegen?«
»Bisschen. Aber eher aufgeregt. Ich kontrolliere alle zehn Sekunden, ob ich auch Empfang habe.«
»O ja. Ich kenne das. Das kennen wir alle.«
Wir plauderten noch ein Weile, und mein Bruderherz erzählte ganz viel von der Liebe und roten Herzchen und Schmetterlingen und wie das ist, mit Mädchen Sex zu haben, aber ich konnte mein Lachen nicht verkneifen, obwohl ich schon beide Hände vor meinen Mund hielt. Lars hörte auf zu reden.
Pause.
»Was ist?«, kicherte ich.
»Sag mal, hast du den Lautsprecher an?«
Ich sagte: »Ja.«
Lars fragte: »Hört jemand zu?«
Ich sagte: »Ja.«
Lars fragte: »Wer?«
Ich sagte: »Mama.«
Lars fragte: »Wie lange schon?«
Ich sagte: »Die ganze Zeit.«
Stille. Nach ein paar Sekunden sagte er leise: »Fuck!«
Mama und ich kugelten uns und lagen fast auf dem Boden, weil es so lustig war. Wir lachten so laut, wie es lauter nicht ging.
»Reingelegt, reingelegt, reingelegt«, rief ich immer wieder, und Lars sagte nur: »Na warte, du kleiner hinterlistiger Strolch. Meine Rache wird fürchterlich sein.«
»Aber ich hab den Zauberspiegel mit Zitronensäure. Daran prallt deine Rache ab und kommt doppelt zu dir zurück.«
»Okay, du hast gewonnen«, lachte Lars.
Dann legten wir auf. Von Layla kam an dem Abend keine Antwort mehr, aber ich beschloss, deswegen nicht traurig zu sein. Ich erlaubte Mama, ihren Waschtag zu haben, ging am nächsten Tag mit Papa zu seiner Kartenrunde und freute mich, dass ich wieder Schmetterlinge im Bauch hatte. Er waren zwar nicht so viele wie beim ersten Mal, aber ein paar waren immer noch besser als gar keine.
Am Sonntag schickte mir Layla eine SMS, dass sie sich schon darauf freute, am Montag meine Hand zu halten. Ich schrieb ihr zurück, dass es mir auch so ginge. Ein schönes Gefühl. Dann dachte ich ans Hospiz und das schöne Gefühl ebbte langsam ab. Dort würden morgen nämlich wegen Vincent alle sehr traurig sein. Außerdem hatte ich ein Telefonat zwischen Mama und Ester belauscht. Sie sagte, dass die kommenden Wochen sehr schwer werden würden, weil es zwei weiteren Kindern aus dem Hospiz sehr schlecht ginge. Natürlich wusste ich, über welche Kinder sie sprachen. Ich bin ja nicht blöd. Als ich ihre Gesichter vor meinen Augen sah, tropften einige Tränen heraus. Es war so ungerecht. Luca war doch noch ein Baby, gerade mal sieben Monate alt. Hatte er denn keine Chance verdient? Das andere Kind hieß Kjell. Er war zwar schon drei, aber so alt war das ja auch noch nicht. Ich hatte beide lieb und wollte nicht, dass sie sterben. Ich wollte viel lieber an große Hupen denken, weil das mehr Spaß machte, aber so sehr ich es versuchte, ich konnte meine Gedanken nicht kontrollieren. Immer wieder tauchten die gleichen fünf Wörter auf: Bald ist niemand mehr übrig. Bald ist niemand mehr übrig. Bald ist niemand mehr übrig.
Ich fragte mich, ob dann neue Kinder kommen würden. Selbst wenn, lange würden sie ja auch nicht durchhalten. Schon komisch, selbst im Hospiz, in das nur kranke Kinder kommen, blieb ich am Ende alleine. Lars sagte mal, ich sei wie Bruce Willis: Last Man Standing. Ich mag keine Actionfilme, weil dort immer so viele Menschen erschossen werden, deswegen hörte ich nicht richtig zu, als er mir davon erzählte. Plötzlich freute ich mich auch gar nicht mehr, am nächsten Morgen in die Schule zu gehen.
Layla war nirgends zu sehen. Ich hatte überlegt, ihr eine SMS zu schicken, aber in der Schule durften wir unsere Handys nicht benutzen. In der Elf-Uhr-Pause stand ich mit Alexej vor unserem Klassenzimmer. Ich war gerade dabei, seinen Rollstuhl in Richtung Fahrstuhl zu schieben, als Manuela um die Ecke gesaust kam. Ich hob meine Hand, um sie zu grüßen, aber sie zeigte mit dem Finger auf mich und zischte mir frech ins Gesicht: »Wenn ich dich noch einmal in der Nähe von Layla sehe, bist du tot!«
Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Ich stand wie festgefroren neben Alexej, und in meinem Kopf wurde es neblig. Sie benutzte auch Schimpfwörter, aber ich konnte sie mir nicht merken, weil ich Angst bekam. Manuela war Laylas beste Freundin und größer und älter und stärker als ich. Sie hätte mich im Kampf auf jeden Fall besiegt. Was hatte ich ihr denn getan? Warum wollte sie mich töten? Vielleicht hatte Layla ihr vergessen zu erzählen, dass wir wieder zusammen waren? Ein Lehrer lief an uns vorbei. Manuela grüßte ihn freundlich. Ich bekam kein Wort heraus. Bevor sie wieder verschwand, fuhr sie mit einem Finger an ihrem Hals entlang. Ich wusste, was das zu bedeuten hatte. Mir wurde schlecht, und ich rannte so schnell ich konnte auf’s Jungs-Klo und schloss mich ein. Ich weinte und konnte überhaupt nicht mehr aufhören. Zum Glück gab es genug Toilettenpapier. Ich hatte so viel Angst wieder herauszukommen, dass ich mich die ganze Pause lang dort versteckte. Wo war mein großer Bruder, wenn ich ihn brauchte? Mein Handy steckte in meiner Hosentasche, und ich wollte ihn so gerne anrufen, aber weil es verboten war, traute ich mich nicht. Als der Dong ertönte, öffnete ich vorsichtig die Tür, schaute nach links und nach rechts und huschte ins Klassenzimmer zurück. Dort fühlte ich mich sicher, aber als der Unterricht begann, ging der Terror weiter. Ich weiß nicht, was ich getan hatte, aber plötzlich drehten sich meine Mitschüler zu mir um und zeigten mir den Vogel und den Mittelfinger. Warum hatten es heute alle auf mich abgesehen? Hatte Manuela sie dazu angestiftet? Sie sagten »Arschloch« und »Wichser« zu mir, aber nicht laut, sondern in Lippensprache. Ich wollte nur noch weg, weit weg. Mein Englischlehrer bekam von all dem nichts mit, doch ich hielt die Schikanen nicht lange aus, sprang vom Stuhl auf und schrie, dass sie endlich damit aufhören sollten. Ich benutzte die gleichen Ausdrücke wie sie, nur dass ich sie laut aussprach, weswegen ich einen Eintrag ins Klassenbuch bekam. Ich versuchte dem Lehrer zu erklären, was passiert war, aber aus meinem Mund kam nichts heraus, was er verstehen konnte. Er hätte mir sowieso nicht geglaubt.
In der nächsten Unterrichtsstunde sollten wir von einem schönen Erlebnis aus der Vergangenheit erzählen. Ich überlegte kurz und meldete mich. Ich wollte davon berichten, wie ich mit meiner Mama Alexej im Krankenhaus besucht hatte und dass ich sehr glücklich darüber war, dass er seine Operationen gut überstanden und wieder bei uns in der Schule war. Als ich meinen Mund öffnete, um meinen ersten Satz zu sprechen, hielten sich die anderen Kinder wie auf Kommando ihre Ohren zu. Ich erzählte meine Geschichte dann doch nicht. Ich wollte nicht mehr. Ich wollte überhaupt nichts mehr.
Endlich war die Schule vorbei. In Windeseile packte ich meine Sachen zusammen. Nichts wie raus hier, dachte ich. Dann sah ich Layla. Sie wartete vor der Treppe auf mich. Also, ich hoffte jedenfalls, dass ich der Grund war, dass sie dort stand. Nach diesem furchtbaren Vormittag freute ich mich so sehr, sie zu sehen, und ging automatisch einen Schritt schneller. Mit einem erleichterten Lächeln blieb ich vor ihr stehen. Sie warf mir den fiesesten Blick zu, den ich jemals an ihr gesehen hatte. Es wurde eiskalt auf meiner Haut. Sie sagte, dass wir nicht mehr zusammen wären und dass sie mich auch nie geliebt hätte. Sie hätte das alles nur erfunden, um mich zu ärgern. Dann gab sie mir eine Ohrfeige und schubste mich.
Ich wollte auf der Stelle tot umfallen. Nicht auch noch Layla, betete ich still zu den Engeln. Bitte nicht! Sie wusste, dass ich wegen meinen Krankheiten nicht hinfallen durfte, trotzdem schubste sie mich. Ich nahm all meinen Mut zusammen und schubste zurück, aber sie schubste doppelt so heftig. Ich knallte gegen die Wand und fing an zu weinen. Nicht, weil es so wehtat. Es tat schon weh, aber nur im Herzen. Anstatt mir zu helfen oder sich zu entschuldigen, lachte sie mich aus. Ich rappelte mich auf und lief so schnell ich konnte die Treppe hinunter. Wegen der schweren Tasche mit der Sauerstoffflasche war das sehr anstrengend. Im Gehen wischte ich mir mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht. Als ich den Wagen vom Kinderhospiz erreichte, der vor dem großen Bus der Johanniter parkte, ließ ich mich erschöpft auf die Rückbank fallen. Ich sprach kein Wort mit dem Fahrer, schnallte mich aber sofort an, um mich doppelt sicher zu fühlen. Ich verstand nicht, warum Layla so mit meinen Gefühlen spielte. Was hatte ich ihr Schlimmes getan? Ich war doch immer für sie da gewesen, hatte sie immer lieb gehabt.
Mama wurde fuchsteufelswild, als ich ihr davon erzählte. Sie war schon kurz davor, meine Klassenlehrerin anzurufen, aber ich bat sie darum, dies nicht zu tun. Ich wollte nicht als Verräter dastehen. Niemand mag Verräter. Robin Hood war auch kein Verräter. Mama rief meine Lehrerin trotzdem an, aber ich war ihr nicht böse deswegen. Ich konnte nicht einschlafen und schrieb Lars unzählige Nachrichten. Er versprach mir, mich zu beschützen und falls irgendwer etwas Böses zu mir sagte, dürfte ich antworten: »Wenn du mir was tust, kommt mein großer Bruder aus Berlin und verprügelt dich. Dann hast du die Arschkarte gezogen!« Seine Worte halfen mir, besser einzuschlafen, aber die Angst vor dem morgigen Tag konnten auch sie nicht vertreiben. Was, wenn Manuela wirklich vorhatte, mich zu töten?
Es blieb erstaunlich ruhig. Nur Dani, Laylas zweitbeste Freundin, raste in der ersten großen Pause mit ihrem Rollstuhl mit voller Absicht gegen mein Schienbein, was ziemlich wehtat. »Na du Baby«, lachte sie laut, dass es alle hören konnten. »Hast du zu Hause gepetzt, ja? Du weißt ja, dass du dafür Kloppe kriegst.« Ich hielt mir schnell die Ohren zu und rannte weg, so wie Lars es mir geraten hatte. Die restliche Zeit verbrachte ich im Klassenzimmer. Ich war so glücklich darüber, keine Prügel kassiert zu haben, dass ich Mama nach der Schule Blumen schenkte. Die Krankenschwester aus dem Hospiz half mir beim Aussuchen. Zu der Blumenverkäuferin sagte ich: »Zehn rote Rosen für die beste Mama der Welt.«
Die Tage vergingen, aber die Herzstiche blieben. Meine Lunge brannte wie Feuer. Es tat so weh, so furchtbar weh. Ich hing über dem Waschbecken. Mama stand wieder hinter mir. Sie hielt mich fest, weil mir die Kraft dazu fehlte. Sie schickte mich ins Bett, aber ich konnte nicht schlafen. Aus meinen Träumen waren Albträume geworden. Ich ging immer gerne zur Schule, schon immer, aber seitdem die anderen Kinder mich auf dem Kieker hatten, fürchtete ich mich davor. Ich wollte nicht gemobbt werden. Das hatte ich auf meiner alten Schule alles schon erlebt, und die Erinnerungen daran ließen mein Herz gefrieren. Mir wurde kalt unter der warmen Decke, denn ich hatte etwas beobachtet, was mich so verletzte, dass ich mich wieder auf dem Klo einsperrte, um nicht in der Öffentlichkeit zu weinen. Als ich während der ersten großen Pause vom Schulhof zurück ins Klassenzimmer ging, sah ich, dass dort einige Kinder spielten. Vor der Tür blieb ich stehen und versteckte mich, so dass sie mich nicht bemerkten. Ein Junge, der nicht in meiner Klasse war, saß auf meinem Platz. Dann rief einer: »Steh da bloß schnell wieder auf, sonst kriegst du auch diese Herzkrätze.«
»Igitt«, schrie der andere Junge und sprang von meinem Stuhl auf.
Alle lachten und nannten mich »Gregmeyer«, wie dieser Greg aus Gregs Tagebuch. Ich schlich mich weg und schloss mich wieder auf der Toilette ein. Dort wartete ich auf den Pausengong. In der nächsten Stunde bekam meine Lehrerin mit, dass ich erneut gehänselt wurde und stellte sich schützend vor mich. In diesem Augenblick hatte ich sie unendlich lieb. Sie sagte sogar, dass alle Ärger bekämen, wenn sie mich noch einmal beschimpfen würden. Es gäbe einen Grund, warum wir alle an dieser Schule seien. Wir sollten zusammenhalten und uns nicht gegenseitig bekämpfen. Sie wurde richtig sauer. Normalerweise spricht sie ganz ruhig und leise, aber für mich machte sie eine Ausnahme.