11

»Wo warst du?«, fragte ich Lars vorwurfsvoll und zeigte auf die Uhr in meinem Klassenzimmer. »Ich habe doch ganz deutlich gesagt, dass du mich um 13.30 Uhr abholen sollst und nicht um 13.33 Uhr. Du bist drei Minuten zu spät, du Honk! Weißt du nicht, dass Zeit kostbar ist? Man kommt nicht zu spät. Wo hast du unser Auto geparkt?«

»Steht direkt vor dem Eingang«, sagte Lars.

»So, dass es alle sehen können?«

»Wie besprochen.«

»Okay, ich verzeihe dir«, sagte ich, »aber das nächste Mal bist du pünktlich. Wo sind wir denn hier?«

Lars nahm meine Tasche mit dem Sauerstoff vom Stuhl, winkte meiner Lehrerin zu und sagte: »Beim Militär, wenn du mich fragst.«

Wir hatten einen phantastischen Herbsttag erwischt. Die Sonne schien so warm vom Himmel herab, dass ich meine Jacke im Auto ausziehen durfte. Das gefiel mir besonders gut, weil ich so den schönen weichen Pullover präsentieren konnte, den Lars mir geschenkt hatte. Es war einmal seiner gewesen, aber nachdem seine Freundin ihn aus Versehen in die Waschmaschine gesteckt hatte, ist er eingelaufen, was doof für ihn war, aber gut für mich, denn er passte mir wie angegossen.

»Hunger?«, fragte Lars.

»Und wie«, stöhnte ich und ließ mich in den Sitz fallen.

Ich hatte mich schon den ganzen Vormittag auf unser gemeinsames Mittagessen gefreut. Lars kannte ein Restaurant, in dem es die besten Spaghetti carbonara von ganz Hamburg gab. Und ich hatte Kohldampf wie hundert Russen.

»Was gibt’s Neues?«, fragte er, während wir in Richtung Innenstadt fuhren.

»Nichts«, antwortete ich automatisch, weil ich das immer sage, wenn mir jemand diese Frage stellt, aber dann fühlte ich mich schlecht, weil ja wirklich etwas passiert war, was ich gerne erzählen wollte. »Ich habe Tommy aus meiner Klasse gefragt, ob er mein Freund sein möchte, also mein fester Freund, so wie Mädchen und Junge, aber eben Junge und Junge.«

Lars machte große Augen.

»Krass! Davon hast du mir ja gar nichts erzählt. Super Aktion! Und wie hat er reagiert?«

»Also, ich habe ihn zwischen der ersten und zweiten Stunde gefragt, als wir kleine Pause hatten, und er meinte, er würde darüber nachdenken und mir nach der großen Pause Bescheid geben.«

»Ja, und?«

Ich sagte: »Nach der großen Pause war Mathe.«

»Ist mir doch egal«, lachte Lars. »Von mir könntest du Unterricht in Marsmenschensprache gehabt haben. Alter, ich will wissen, was er gesagt hat.«

»Ach so«, sagte ich und rieb mir durchs Gesicht. »Er hat sich während der Stunde zu mir umgedreht und hat mit seinen Fingern heimlich ein Herz geformt und dabei lieb gelächelt, aber so, dass es außer uns keiner sehen konnte. Also denke ich mal, dass wir jetzt ein Paar sind.«

»Denkst du oder weißt du?«

»Weiß ich«, erzählte ich weiter. »Tommy will sich nach der Schule auch gleich bei Facebook anmelden, damit wir uns schreiben können.«

»Das sind ja hammermäßige Supernachrichten«, rief Lars und hupte einige Male, was ich lustig fand. Ich durfte sooft ich wollte auf den Lenker drücken und konnte gar nicht mehr aufhören zu kichern, weil sich die Fußgänger schon zu uns umdrehten.

»Hier kommen Batman und Robin. Macht Platz für das Batmobil!«

Dann pfiffen wir gemeinsam die Titelmelodie und steckten uns gegenseitig mit unserer guten Laune an. Woohoo!

Das Restaurant lag in Rotherbaum, einem Stadtteil, in dem ich vorher noch nie gewesen war. Wir parkten das Auto in einer Seitenstraße vom Abaton, einem der ältesten Programmkinos von ganz Deutschland. Ich wusste das nicht, aber Lars erzählte mir davon, als wir zum Restaurant liefen. Ich hatte nur Unfug im Sinn, zog hinter fremden Menschen lustige Grimassen, hüpfte wie ein Orang-Utan über den Bürgersteig und freute mich tierisch, auf der Welt zu sein. Dann sah ich das Schild und konnte es kaum glauben. Dort stand: Trastevere Gourmet’s Treffpunkt. Wir stiegen eine kleine Treppe hinunter und standen plötzlich vor einer Theke voller traumhafter Köstlichkeiten. Alles, was ich sagen konnte, war: »Boah, wie krass!«

Die freundliche italienische Bedienung begrüßte uns und brachte uns an einen schönen runden Tisch, von dem aus wir eine gute Übersicht hatten. Das Restaurant war sehr klein, weil es in einem Keller lag. Auf jedem Platz saß ein Gast. Es duftete schon herrlich aus der Küche, in die man sogar hineinschauen konnte. Der dicke Koch winkte mir mit einem breiten Grinsen zu, und ich winkte zurück. Ich fragte Lars, ob ich die Bestellung übernehmen dürfe, und er erlaubte es mir. Ich sagte zu der freundlichen Bedienung: »Wir hätten gerne zwei Mal Cola Light und zwei Mal Spaghetti carbonara.«

Sie fragte: »Als normales Gericht oder als Mittagstisch?«

Ich hatte keine Ahnung und sagte einfach: »Als Mittagstisch.«

Dann schraubte ich den Deckel des Salzstreuers auf, schüttete einen kleinen Haufen auf meine Hand und leckte ihn ab. Lars ärgerte mich und sagte, dass ich eine Ziege sei und machte dazu blökige Geräusche, aber ich konnte ihn nicht sofort zurück ärgern, weil ich Durst bekam und erst einen großen Schluck aus meinem Glas nehmen musste. Die Bedienung brachte uns einen Vorspeisenteller mit Antipasti (dieses Wort hörte ich zum ersten Mal), obwohl ich das gar nicht bestellt hatte, aber Lars sagte, dass sei schon okay. Wir wünschten uns einen guten Appetit, und nachdem ich eine gebratene Aubergine probiert hatte, die zu meiner großen Verwunderung sehr lecker schmeckte, fragte ich Lars, ob er auch daran schuld gewesen sei, dass seine Eltern sich hatten scheiden lassen.

»Wie kommst du denn auf so was?«, fragte er und lehnte sich zu mir.

»Das habe ich aus dem Internet«, erklärte ich ihm. »Die meisten Eltern, die ein behindertes Kind auf die Welt gebracht haben, sind nach ein paar Jahren wieder geschieden. Da stand auch, dass oft die Männer damit nicht klar kommen würden. Mein Papa, also der aus Südafrika, wollte mich ja auch nicht haben.«

»Das kannst du so nicht sagen. Jede Familie ist unterschiedlich. Was bedeuten schon diese blöden Statistiken? Was ich aber zu Hundertprozent weiß, ist, dass du nichts, aber auch gar nichts damit zu tun hattest, dass sich deine Eltern getrennt haben.«

»Das stimmt nicht!«, sagte ich. »Mama sagt doch immer, dass …«

»Du weißt doch noch«, unterbrach mich Lars, »was ich dir über die Erwachsenen gesagt habe. Sie sagen oft Dinge, die sie gar nicht so meinen. Ob aus Verzweiflung oder Unsicherheit, Überforderung oder Unwissenheit, völlig egal. Oft reden sie auch nur, um sich selbst sprechen zu hören. Es gibt einen schönen Satz, an den ich in solchen Momenten denke. Willst du ihn hören?«

Ich sagte: »Ja.«

»Wenn das, was du zu sagen hast, nicht schöner ist als die Stille, dann schweige.«

Das gefiel mir sofort, auch wenn ich den Sinn dahinter, glaube ich, nicht ganz verstand. Die Stille kann einem nämlich auch Angst einjagen, zum Beispiel, wenn du nachts alleine im Krankenhaus liegst. Sie kann auch traurig machen, wenn du auf etwas wartest, das einfach nicht eintritt. Wie bei meinem Vater aus Südafrika. Wir sind zwar auf Facebook miteinander befreundet, aber ehrliches Interesse zeigt er nicht an mir. Das tut weh, und ich frage mich oft, was ich ihm getan habe, dass er nicht mehr an mich denkt. Aber ich versuche, ihm deswegen nicht böse zu sein. Er ist ja immer noch mein Vater. Als ich vor einiger Zeit ein neues Foto von mir auf Facebook gepostet habe, kommentierte er es mit: »That’s my boy!« Als ich antwortete: »Danke. Mir geht’s gut. Wie geht es dir?«, kam nichts mehr. Ich saß noch sehr lange vor dem Computer und starrte auf den Bildschirm, aber er hatte dann bestimmt etwas Besseres zu tun. Wahrscheinlich kam eine Sportsendung im Fernsehen.

»Du hast doch in Berlin auch einen Bruder, also, ich meine, einen richtigen Bruder?«

»Ja, hab ich«, sagte Lars und schob sich eine gegrillte Kirschtomate rein. »Er heißt Christoph und ist vier Jahre älter als ich.«

»Habt ihr euch lieb?«

»Ja.«

»Und wie oft seht ihr euch?«

»Ach, das ist unterschiedlich. Ein bis zwei Mal im Monat, manchmal mehr, manchmal weniger. Aber wir telefonieren immer, wenn wir uns nicht sehen können.«

»Und was redet ihr so?«, fragte ich.

»Die gleichen Dinge, über die wir reden: Mädchen, Fußball, Träume.«

»Das ist aber schön«, sagte ich und dachte an Ryan, meinen Bruder aus Südafrika, der mittlerweile schon 22 Jahre alt war. Als Mama damals aus Südafrika fortging, passte er drei Jahre lang jeden Tag auf mich auf. Ich war ja erst vier und konnte noch nicht alleine bleiben. Ryan hat mich abends ins Bett gebracht, morgens geduscht und zur Schule begleitet. Er passte auf, dass ich meine Medizin nahm und genug aß. Mein Vater hat das nie gemacht. Der kümmerte sich immer nur um seine Freundinnen. Ich habe irgendwann aufgehört, mir ihre Namen zu merken, weil sie ohnehin nie lange blieben. Ryan und ich haben keinen Kontakt mehr. Er war damals selbst erst zwölf und wollte sicher lieber mit seinen Freunden spielen, als sich um seinen behinderten Bruder zu kümmern. Ich glaube, das nimmt er mir immer noch übel. Ich war lange sehr traurig deswegen, aber jetzt nicht mehr. Der liebe Gott hat mir nämlich einen neuen Bruder geschickt.

Die freundliche Frau brachte unser Essen. Es duftete himmlisch. Nachdem ich die erste Gabel verschlungen hatte und vom sahnigen Supergeschmack auf meiner Zunge völlig überwältigt war, sagte ich zu Lars: »Alter Schwede, das sind wirklich die besten Spaghetti carbonara, die ich jemals gegessen habe. Lecker, lecker, lecker.«

Ich musste mich gleich bei der Frau dafür bedanken. Ich winkte ihr zu, hielt meine Hände an mein Herz und sagte: »Ihre Spaghetti sind so köstlich, viel besser als bei meiner Mama. Vielen lieben Dank. Ihr Italiener macht einfach das beste Essen. Da kann man sagen, was man will. Wirklich mal.«

Die Frau lachte und freute sich, aber nicht so sehr wie ich, weil ich ja noch einen schönen großen Berg dampfender Spaghetti essen durfte und sie nicht. Gutes Essen lässt mich immer meine Sorgen vergessen, und für ein paar Minuten war ich der glücklichste Junge der Welt.

Zurück am Auto wartete schon die nächste Überraschung auf mich. Ich durfte auf dem Fahrerplatz sitzen und den Motor starten. Lars zeigte mir, wie man schaltet, wo man Gas gibt und bremst, aber ich war so aufgeregt, dass ich nur kreischen und mit den Armen wedeln konnte. Jetzt war ich Batman. Was für ein Gefühl. So schön. Unbeschreiblich. Mama arbeitete an dem Tag im Café, und Lars schlug vor, die Seiten zu tauschen und sie kurz besuchen zu fahren. An einer Tankstelle erlaubte er mir, Benzin nachzufüllen, und als er bezahlte, rannte ich schnell aufs Klo, Nummer eins machen. Mit vollem Tank ging es rauf auf die Landstraße. Der Wind wehte uns von der Seite ins Gesicht, und Lars drehte das Radio lauter. Er beschleunigte unser Batmobil bis zum Anschlag, und ich dachte nur: Zum Glück war ich gerade Pipi machen, sonst hätte es gefährlich werden können. Ich wollte ihn verarschen und schrie so laut ich konnte: »Achtung, Blitzer!«

Lars bremste ruckartig ab, was sich ein bisschen nach Achterbahn anfühlte, und ich kriegte mich gar nicht mehr ein vor Lachen.

»Du kleiner Pisser, du«, grinste Lars und boxte sachte gegen mein Bein. »Na warte, das gibt Rache.«

»Oh, nein, bitte nicht!«, sagte ich.

»Zu spät. Und meine Rache wird fürchterlich sein.«

»Dann verpetze ich dich bei Mama.«

»Okay, das ist was anderes. Du hast gewonnen.«

Na, also.

Wir bogen in den Sülldorfer Kirchenweg ein, fuhren aber wegen der 30er-Zone ganz langsam den steilen Berg zum Elbdorf Café hoch und stellten das Auto auf dem Parkplatz ab. Der Friedhof Blankenese lag rechts von uns, und Lars schaute sich ein bisschen um, weil alles neu für ihn war. Ich dagegen rannte sofort ins Café, um Frau Hartmann und Frau Hammerstein zu begrüßen, Mamas nette Chefinnen. Mama brachte gerade einer älteren Dame einen Kaffee an den Tisch und beobachtete mich aus dem Augenwinkel. Das konnte ich genau erkennen. Sie hat nämlich immer Angst, dass ich etwas anstelle. Frau Hartmann und Frau Hammerstein standen hinter der Theke und fragten, ob ich ein Erdbeereis wollte. Eigentlich war ich noch satt von der Portion Spaghetti carbonara, aber ich wusste, dass sie nicht locker lassen würden, also sagte ich: »Gerne«.

Für Lars bestellte ich einen Espresso, ein Glas Sprudelwasser und ein Stück Käse-Mandarinen-Kuchen. Dann setzte ich mich zu ihm nach draußen in die Sonne, und wir schlossen gemeinsam die Augen, um etwas Wärme zu tanken.

Es ist schon komisch. Ich meine das Leben und wie es einem manchmal hilft, wenn man sich traut, im richtigen Moment die richtigen Fragen zu stellen. Mama hatte ja in Deutschland nie gearbeitet. Zum einen, weil hier ihre Ausbildung als Physiotherapeutin, die sie in Südafrika gemacht hatte, nicht anerkannt wurde. Zum anderen natürlich wegen mir. Vor ungefähr einem Jahr merkte ich aber, dass sie immer trauriger wurde. Ihr fiel die Decke auf den Kopf, weil sie sich nur in unserer Wohnung oder bei Ärzten oder in Krankenhäusern aufhielt. Da sie aber nicht in der Lage war, sich selbst etwas zu suchen, musste ich das für sie in die Hand nehmen, und das ging so: Unsere Nachbarin, Oma Wagner, ging damals jeden Sonntag auf den Friedhof, um das Grab ihres Mannes zu besuchen. Wenn ich genug Kraft hatte, begleitete ich sie, damit sie nicht so alleine war. Friedhöfe sind ja sehr traurige Orte, und da ist es immer gut, jemanden zu haben, der einen lieb hat. Nachdem wir die Blumen abgelegt hatten, machten wir immer Halt im Café, um eine Torte oder ein Eis zu essen. Frau Hartmann und Frau Hammerstein kannten mich schon und begrüßten mich jedes Mal mit meinem Namen. Eines Tages fragte ich sie einfach so ins Blaue hinein, ob sie noch jemanden suchen würden, der ihnen beim Servieren oder Brötchenschmieren helfen könnte. Als sie keine richtige Antwort gaben, schwärmte ich ihnen ganz lange von meiner Mama vor, dass sie die beste Mama der Welt sei und dass sie mir jeden Morgen ganz leckere Pausenbrote einpacken würde. Ich sagte: »Meine Mama wird Sie nicht enttäuschen, Frau Hartmann und Frau Hammerstein, das verspreche ich. Für meine Mama lege ich meine Hand ins Feuer – Ehrenwort!« Als ich nachmittags wieder nach Hause kam, erzählte ich Mama von meinem Plan, ihr eine Arbeit zu suchen. Zuerst war sie überrascht, dann war es ihr etwas peinlich, aber am Ende freute sie sich total, denn sie bekam den Job tatsächlich. Erst später merkte ich, was ich damit angerichtet hatte: Noch mehr Friedhofsthemen zu Hause. Na ja, wie sagt Mama immer: »Man kann nicht alles haben im Leben.«

Während meine Gedanken durch die Luft kreisten, lief vorne an der Straße ein Mädchen vorbei. Ich hielt meine Hand vors Gesicht, damit ich sie besser sehen konnte, aber sie war leider alles andere als eine Schönheitskönigin. Ich stieß Lars an der Seite an und sagte: »Guck mal, das Mädchen da vorne. Voll hässlich!«

Lars machte auch den Indianer und antwortete: »Sei nicht so. Da kann sie auch nichts dafür.«

Ich sagte: »Scheiß drauf.«

»Es kommt nicht nur aufs Äußere an«, sagte Lars, der sich wieder mit geschlossenen Augen zurücklehnte. »Es geht auch darum, was dein Herz dir sagt. Das weißt du doch.«

Ich wartete ab, was mein Herz mir sagte und antwortete: »Mein Herz sagt, die ist hässlich.«

Jetzt mussten wir beide lachen. Lars sogar noch lauter als ich.

Die Sonne verschwand allmählich zwischen den Bäumen, und für Lars und mich war es an der Zeit, uns zu verabschieden und weiterzuziehen. Ich wollte noch nicht nach Hause, also fuhren wir noch eine Weile ziellos umher, einen Schotterweg entlang, bis wir irgendwann mitten im Wald vor einer Pferdekoppel standen. Wir stiegen aus, streichelten die süßen Pferdchen, die sofort zu uns kamen, und ich dachte: Wenn ich nur noch eine Stunde zu leben hätte, würde ich mich hier zu diesen Tieren auf die Wiese legen, in den dunkelblauen Himmel schauen und einfach meine Augen schließen.

»Wollen wir nachher noch in eine Bar?«, riss mich Lars aus meinen Gedanken. »Eine richtige Bar mit Mädchen und Alkohol?«

»Ja, klar«, sagte ich wie elektrisiert.

»Dann machen wir das.«

»Du verarschst mich, stimmt’s?«

Lars sagte nichts und grinste nur vor sich hin. Das gehörte nämlich zu seinen Lieblingsbeschäftigungen: mysteriös grinsen und verrückte Abenteuer aushecken.

»Bitte«, quengelte ich jetzt und zog an seinem Hosenbein. »Sag schon!«

Lars sprang vom Zaun runter und lüftete das Geheimnis: »Um halb acht holen wir meinen Freund Mario ab, und dann gehen wir zu dritt einen Jungsabend machen.«

»Wie geil«, schrie ich. »Mit allem Drum und Dran?«

»Na, logo.«

»Okay, dann lass uns schnell heimfahren. Ich muss mir noch überlegen, was ich anziehe.«

»Du bist der Boss«, lachte Lars.

»Ach, aber eine Sache noch!«, sagte ich und hob warnend meinen Zeigefinger.

»Wir machen keinen Jungsabend.«

»Sondern?«

»Das heißt: Männerabend!«


Mario ist, wie ich, ganz behindert. Ihn hat es aber noch viel schlimmer erwischt als mich. Er ist nämlich nur mit einem Bein auf die Welt gekommen, und um richtig gehen zu können, muss er eine Prothese tragen. Das stelle ich mir sehr schwierig vor. Mario ist ein ganz bekanntes Supermodel, der schon auf riesigen bunten Plakaten auf der ganzen Welt zu sehen war. Als Lars mir vor kurzem erzählte, dass Mario gerade nach Paris geflogen sei, um für eine große Kampagne einer sehr bekannten Modemarke fotografiert zu werden, bin ich sofort zu meinem Kleiderschrank gerannt, um zu gucken, ob ich davon auch etwas besaß. Ich konnte aber nichts finden. Nachdem mir Lars von seinem Freund erzählt hatte, konnte ich ihn sofort gut leiden, ohne ihm begegnet zu sein. Mario hat ein Buch über sein Leben geschrieben, das in meinem Zimmer steht. Lars brachte es vor kurzem aus Berlin mit. Ich habe es noch nicht gelesen, weil es sehr viele Seiten hat, aber auf dem Cover ist Marios Gesicht zu sehen und das sieht sehr schön aus. Ich schaue es mir oft an, wenn ich traurig bin. Lars sagte einmal, dass ich in dunklen Momenten das Buch in die Hand nehmen und mir den Text von Mario auf der Rückseite durchlesen solle. Dort steht: »ALLES IST MÖGLICH! Es mag vielleicht eigenartig klingen, aber erst dadurch, dass ich etwas schier Unmögliches geschafft hatte, begriff ich, was das Leben für phantastische Möglichkeiten zu bieten hat. Ich bin kein Opfer. Ich habe einen Traum, und der hat nichts damit zu tun, dass ich eine Beinprothese trage und einen Behindertenausweis besitze. Ich möchte mir nicht anmaßen, anderen Menschen schlaue Ratschläge zu erteilen. So bin ich nicht. Alles, was ich sagen kann, ist: Es ist alles möglich, wenn du an dich glaubst und nie den Mut verlierst.«

Ich habe auch einen Behindertenausweis, und ich versuche auch, nie den Mut zu verlieren, auch wenn das oft schwer ist. Ich werde Mario heute Abend einiges fragen, überlegte ich. Darauf freute ich mich nämlich schon lange, aber jetzt musste ich erst nach einem passenden Outfit suchen. Ich wollte schließlich hübsch aussehen. Ich entschied mich für meine weißen Turnschuhe, die blaue Jeans, mein blau-grün-kariertes Hemd und die schwarze Lederjacke. Mein Herz pochte vor Aufregung, und zwar volles Kanonenrohr.


Lars hielt am Seitenstreifen einer blauen Tankstelle und zeigte auf das Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite, in dem Mario wohnte. Wir warteten ein paar Minuten, dann kam er aus der Tür gelaufen. Er humpelte gar nicht, wie ich vermutet hatte, sondern sah ganz gesund aus, wie ein normaler Junge. Bei mir ist das ja auch so. Die meisten meiner Krankheiten sind ja in meinem Körper drinnen und äußerlich nicht sichtbar, außer der großen Narbe auf meinem Brustkorb. Als Mario dann breit grinsend vor mir stand und »Moin« sagte, war ich verwirrt. Ich schaute zu Lars und fragte mit hochgezogenen Augenbrauen: »Ist das wirklich Mario?«

Lars nickte, und ich sagte: »Okay.«

»Bist du jetzt enttäuscht?«, lachte Mario.

»Nein, das nicht«, sagte ich und schaute schüchtern auf den Boden. »Also, du bist viel größer, als ich gedacht habe, und siehst auch viel besser aus. Das wollte ich dir nur sagen.«

»Danke schön«, freute sich Mario und klatschte mit mir in die Hand. »Das hört man doch immer gerne. Na, dann lass uns mal einsteigen und ’n paar Bierchen zischen, ne!«

»Aber du musst nach hinten!«, sagte ich zu ihm und klappte schon mal den Sitz nach vorne. Ich saß nämlich zuerst vorne.

Lars fuhr los, legte eine Hiphop-CD ein, und dann hörten wir ganz laut Musik. Mir war es ein bisschen zu viel Krach, weil der Bass durch meinen ganzen Körper wummerte, aber da Mario und Lars den ganzen Text auswendig mitrappten, sagte ich nichts und strengte mich an, genauso cool zu sein. Mario erklärte mir auch, was das Wort YOLO bedeutete.

Die beiden sangen das nämlich die ganze Zeit und hatten Spaß dabei, aber ich hatte davon noch nie etwas gehört. YOLO ist die Abkürzung für You Only Live Once. Das ist Englisch und heißt übersetzt: Du Lebst Nur Einmal. Erfunden wurde dieses Motto von einem Sänger namens Drake. Als Lars mir noch erklärte, dass es in dem Lied darum ginge, im Jetzt zu leben, eine geile Zeit zu haben und sich keine Gedanken wegen morgen zu machen, verstand ich plötzlich, warum sie es so gut fanden, und rappte mit ihnen mit: »YOLO. YOLO. YOLO. YO!«

Lars brachte uns in eine coole Bar direkt am Dammtor, die in ein schönes rotes Licht getaucht war. Im Hintergrund lief Musik, an fast allen Tischen saßen kleine Gruppen, und ich hatte schon die ersten hübschen Mädchen entdeckt. Ich musste sofort an Berlin – Tag & Nacht denken. Die feierten nämlich auch immer an so coolen Orten ihre Partys. Lars sprach mit der Kellnerin am Tresen. Mario und ich warteten an der Tür. Das konnte nur ein guter Abend werden. Es ging gar nicht anders. Lars meinte dann, dass wir in der Bar selbst nicht sitzen dürften, weil dort geraucht wurde, aber sie erlaubten uns, draußen im beheizten Vorzelt zu bleiben. Dort war es ohnehin viel cooler. Überall standen weiße Sofas und gemütliche Sessel herum, und hübsche Mädchen gab es auch genug. Die meisten hatten zwar ihren Freund dabei, aber das störte mich nicht. Angucken war schließlich nicht verboten. Mario bestellte sich einen Cuba Libre, Lars irgendwas Gelbes mit Orangenscheiben und ich suchte mir einen alkoholfreien Cocktail mit Ginger Ale aus.

Dann redeten wir über Mädchen, alberten herum, und Lars flirtete mit der Bedienung, aber Mario und ich lachten ihn aus, einfach nur, weil es so viel Spaß machte.

»Hast du eine Freundin?«, fragte ich ihn.

Er sagte: »Ja, hab ich.«

»Und weiß sie, dass du eine Behinderung hast?«

»Ja, klar«, lachte er und klopfte gegen seine Prothese. »Das Ding kann ich ja schlecht vor ihr geheim halten.«

»Darf ich auch mal?«

»Klar, hier!«, sagte er und streckte sein Bein zu mir hoch.

Ich klopfte dagegen. Zuerst ganz vorsichtig, dann etwas fester. Ich wollte nichts kaputtmachen.

Mario lächelte nur und sagte: »Das ist aus Carbon. Da könnte ein Panzer drüberfahren.«

»Ich habe auch einen Panzer«, sagte ich und klopfte gegen mein Korsett. »Willst du?«

Mario klopfte dagegen und fragte: »Du brauchst das, damit dein Oberkörper stabil bleibt, ne?«

»Ja, und wegen den Eisenstangen in meinem Rücken, weißt du?«

»Ja, Mann. Das kenne ich alles.« Ich starrte Mario an, weil er immer so schön lächelte und gar nicht traurig aussah.

»Und sie hat dich trotzdem lieb?«

»Wie meinst du das?«, fragte er.

»Na, deine Freundin. Sie hat dich lieb, obwohl sie weiß, dass du so behindert bist?«

Mario und Lars fingen an zu lachen, aber ich wusste gar nicht, was so lustig sein sollte. Dann sagte Mario, dass er eine tolle Freundin gefunden hätte, die ihn auch mit Prothese liebhabe. Als ich das hörte, griff ich nach seinem Arm und sagte: »Da hast du aber ganz schön viel Glück. Du solltest sie nicht mehr gehen lassen und ihr jeden Tag sagen, dass sie eine Prinzessin ist. Am besten heiratest du sie schnell.«

Jetzt lachte Lars noch lauter als vorher und sagte: »Daniel will immer gleich alle heiraten.«

»Und geilen Sex haben!«, ergänzte ich und rief: »Männer, die nächste Runde geht auf mich.«

Wir bestellten drei Bier, zwei richtige und ein alkoholfreies, und als die Bedienung die Gläser brachte, hielten wir sie vor uns in die Luft.

Lars sagte: »Auf uns.«

Mario sagte: »Auf die Liebe und unsere Gesundheit.«

Ich kicherte: »Auf große Brüste. YOLO.«

Vor dem Eingang zur Bar befand sich eine Brücke, die das Bahnhofsgelände mit einem Park verband. Den ganzen Abend liefen dort junge Leute entlang, viele Jugendliche in meinem Alter, vielleicht ein bisschen älter. Richtige Cliquen, Mädchen und Jungs gemischt. Sie hielten Bierflaschen in den Händen, lachten und hatten Spaß. Manche von ihnen sahen verliebt aus, knutschten oder hielten Händchen, andere blödelten einfach nur herum, warfen Zeug durch die Gegend oder rauchten. Ich werde immer traurig, wenn ich so etwas sehe. Obwohl mein Herz in diesen Momenten leidet, kann ich nicht aufhören hinzuschauen. Ich freute mich für die jungen Leute, auch wenn ich neidisch auf sie war. Ich würde das niemals zugeben, aber ich wünschte mir schon, ich könnte nur einmal fühlen, was sie fühlen: Freunde in meinem Alter zu haben, die mit mir durch dick und dünn gehen, die Freiheit zu besitzen, alles machen zu können, nicht krank zu sein, sondern cool, so lange mit einem Mädchen Hand in Hand durch die Stadt zu rennen, bis uns der Atem wegbleibt und wir erschöpft auf einer Wiese im Park in unseren Armen liegen und die Schmetterlinge in unserm Bauch fühlen. Ich will ja gar nicht für immer so sein wie sie. Nur für einen Moment. Nur für eine Nacht. Ganz kurz.

Mario musste irgendwann gehen, weil er mit seiner tollen Freundin noch auf einer Geburtstagsparty eingeladen war. Ich fragte ihn, ob er später mit ihr fucky fucky machen würde, aber er lachte nur und zwinkerte mit dem Auge. Wir besorgten uns am Bahnhof noch etwas zu trinken und eine Tüte Chips. Dann setzten wir Mario ab, und ich wünschte ihm noch viel Spaß, vor allem mit seiner Freundin. Er wusste schon, wie ich das meinte.

»Ich mag Mario«, sagte ich zu Lars. Er legte seinen Arm um meine Schulter. Wir fuhren langsam durch die belebten Straßen des Schanzenviertels. Die Laternen leuchteten golden, der Himmel war schwarz wie die Nacht und mein Kopf füllte sich mit Sternenstaub. Ich schaltete die Musik aus, um besser träumen zu können. Lars fuhr in Richtung Hafen, und ich stellte mir vor, dass jeder Stern in meinen Gedanken ein kleiner Engel sei, ein Schutzengel, der auf uns beide aufpasste. Was bringt es denn, etwas Wunderbares zu erleben, wenn man niemanden hat, dem man davon erzählen kann? Ich habe Lars, dafür bin ich dem lieben Gott auf alle Zeiten dankbar, aber wie lange wird er bei mir bleiben? Jung sein kann man nicht alleine. Das geht nicht. Jung sein bedeutet zu teilen. Ich möchte mich so gerne verlieben, in ein Mädchen, das mich ebenso zurückliebt, obwohl ich so bin, wie ich bin. Ich bin doch erst fünfzehn. Jetzt sollte die schönste Zeit meines Lebens beginnen: Mädchen, Partys, Freunde … Ich kenne das nicht. Ich werde nur jeden Tag gefragt: Daniel, wie geht es dir?

Ich konnte das Meer zwar noch nicht sehen, aber die großen Scheinwerfer des Hafens spiegelten sich im Wasser und strahlten in den Himmel hoch, so dass es aussah, also ob er glühen würde. Ich dachte plötzlich an Alexander, den Sohn einer Freundin von Mama. Er hatte einen Herzfehler, so wie ich, und wurde nur ein Jahr alt. Die schönen Augenblicke zwischen uns tauchten vor meinen Augen auf, und ich lächelte, weil ich ihn immer so gerne in meinen Armen hielt. Er war so süß. Sein Köpfchen so klein und weich. Dann musste er ins Krankenhaus. Die Ärzte beruhigten seine Mama, sagten, dass alles gut werden würde und sie sich keine Sorgen machen müsse. Fünf Stunden später war er tot. Zu meiner Mama sagen die Ärzte diesen Satz auch jedes Mal: Alles wird gut. Ich habe dazu nur eine Gegenfrage: Wann denn?

Lars parkte auf einer kleinen Anhöhe, aber keiner von uns hatte große Lust auszusteigen. Wie ließen die Scheiben runter, blieben im Auto sitzen und hörten dem Wasser beim Wellenschlagen zu. Nach einer Ewigkeit drehte ich mich zu Lars.

»Darf ich dir eine Frage stellen?«

»Immer.«

»Was glaubst du, ist das Wichtigste im Leben?«

»Puh, das ist schwer zu beantworten.«

»Weißt du es auch nicht?«

»Hmm, ich würde sagen: Am Ende zählt nur die Liebe. Du könntest auf alles verzichten, auf teure Autos, Geld, schicke Klamotten und so, aber ohne Liebe würde das Leben keinen Sinn machen. Liebe kann sogar Krankheiten heilen. Ich habe das selbst erlebt.«

»Wie soll das denn gehen?«, fragte ich, weil ich mir das nicht vorstellen konnte.

»Ich bin mit einer Krankheit auf die Welt gekommen«, antwortete Lars ruhig, »die nennt sich Chronische Bronchitis. Meine Lungenfunktion war deswegen immer extrem eingeschränkt, und im Sommer, wenn die Blüten und Pollen flogen, bekam ich kaum Luft, hatte gegen ziemlich alles eine Allergie und musste drei Mal am Tag für eine halbe Stunde an ein Inhalationsgerät. Ich hatte auch immer ein kleines Spray in meiner Hosentasche für den Notfall.«

»Krass!«, sagte ich und schaute ihn traurig an. Das wusste ich noch gar nicht. Ich war auf einmal sehr verwirrt. »Hast du dein Inhalationsgerät denn dabei? Also, bei uns im Gästezimmer, meine ich?«

»Hör mir doch erst mal zu«, grinste Lars und erzählte weiter. »Versuch dir das mal genau vorzustellen: Über zwanzig Jahre habe ich dieses Medikament gegen Asthma genommen, bis ich ein Mädchen kennenlernte, das zu mir sagte: Wirf diese Chemie, die nur Gift für deinen Körper ist, in den Mülleimer und lass mich deine Medizin sein.«

Ich hörte mit weit aufgeschlagenen Augen und offenem Mund zu.

»Wow!«, sagte ich. »Ist das wirklich passiert?«

»Dieses Mädchen wurde meine Freundin für viele Jahre.«

»Deine feste Freundin?«

»Ja, meine feste Freundin. Mit allem Drum und Dran.«

»Und warum ist sie es nicht mehr?«, fragte ich.

»Das ist eine lange Geschichte, aber wir haben uns heute immer noch lieb, sind aber nicht mehr ineinander verliebt. Den Unterschied habe ich dir schon erklärt. Erinnerst du dich?«

»Kann sein.«

»Du siehst also: Die Liebe kann alles verändern. Sie hält uns am Leben, weil sie die stärkste Kraft im ganzen Universum ist.«

»Wenn das so ist«, holte ich tief Luft, »dann habe ich das Gefühl, dass das ganze Universum gegen mich ist. Es lässt mich einfach im Stich.«

»Warum denkst du das?«, fragte Lars, der jetzt seine Füße aus dem Auto streckte.

»So halt«, sagte ich leise. »Ich meine, wann passiert denn endlich mal was? Ich kann nicht ewig warten. Alle wissen das und trotzdem tun sie immer so gestresst. Und ich sitze dann da, in meinem Zimmer, ganz alleine, und kann nichts dagegen tun.«

»Ja, ich weiß, was du meinst. Das ist superscheiße.«

»Die Tage verpuffen einfach. Ich gehe zur Schule. Mama geht zur Arbeit. Ich gehe ins Hospiz. Mama bringt mich ins Krankenhaus. Dann muss ich ins Bett. Und am nächsten Morgen fängt alles von vorne an. Nur es ändert sich nie etwas. Ich möchte auch so ein Mädchen finden, das Krankheiten heilen kann. Du kennst das schon, Mario auch, aber ich nicht. Wie fühlt sich das an, wenn man sein Herz verschenkt und dafür ein anderes bekommt? Niemand kann mir das erklären. Ich muss immer nur ins Bett.«

Lars holte die Tüte vom Kiosk nach vorne und sagte: »Ach Daniel, das Leben kann ein echter Motherfucker sein. Ganz ehrlich, ich habe auch keine Antworten auf diese Fragen. Man sollte einfach seinem Herzen folgen und abwarten, wohin es einen führt. Einen besseren Weg kenne ich auch nicht.«

Wenn das Leben und die Liebe so wichtig sind, fragte ich mich, warum sind sie beide dann so zerbrechlich? Warum hält die Liebe nicht für immer, wenn sie angeblich so viel Kraft besitzt? Und warum ist mein Herz so zerbrechlich? Bei jedem Stich fürchte ich mich und denke: Ist es jetzt soweit? Falle ich, wenn ich aus dem Auto aussteige, einfach um und wache nie mehr auf? Niemand kann meine Ängste nachvollziehen, der nicht selbst ein krankes Herz hat.

»Weißt du, Bruderherz«, sagte ich zu Lars, »ich glaube, die Liebe muss nicht perfekt sein, sondern echt. Darauf kommt es an.«

»Das hast du schön gesagt.«

»Stimmt ja auch.«

»Eigentlich wollten wir heute Party machen«, sagte Lars und schob sich ein paar Chips rein. »Bist du jetzt enttäuscht?«

»Wieso denn?«, lachte ich und fischte ihm die Tüte aus den Händen. »War doch ein geiler Abend. Willst du Fanta oder lieber Sprite?«

»Sprite.«

»Ich meine, weil wir zusammen sind.«

Lars lächelte und sagte: »Wer braucht da schon Mädchen?«

»Ehrlich mal«, sagte ich, dachte aber im nächsten Moment schon wieder an diese heiße blonde Schnitte, die so oft an seine Pinnwand schrieb. »Du, wer ist eigentlich Tamtam?«

Lars schaute mich überrascht an und sagte knapp: »Eine gute Freundin.«

»Warst du schon mit ihr in der Kiste?«

»Um Gottes willen!«, fing er an zu grölen. »Nee, Tamtam ist wirklich nur eine gute Freundin, eher wie eine Schwester. Da ist nichts mit in die Kiste steigen. Bäh!«

»Darf ich sie adden?«, fragte ich und setzte meinen Hundebabyblick auf. »Du hast ja mal gesagt, dass deine Freunde auch meine Freunde sind. Und du hast ’ne Menge Freunde auf Facebook. Also habe ich mir überlegt, dass du mir ruhig ein paar davon abgeben könntest. Also, darf ich?«

»Okay, ich verkaufe sie dir.«

»Echt?«

»Ja, klar«, sagte Lars und öffnete seine Sprite. Wie viel ist sie dir denn wert?«

Ich überlegte, wie er das meinte.

»Morgen früh bekomme ich drei Euro von Mama für Süßigkeiten. Die kannst du haben.«

Dieses bescheuerte Herz: Über den Mut zu träumen
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