31

Der Hauptbahnhof in Berlin ist riesig, viel größer als alle Bahnhöfe in Hamburg zusammen. Ich glaube, deswegen ist Berlin auch unsere Hauptstadt. In Hauptstädten muss nämlich alles größer sein als in normalen Städten. Lars parkte mit seinem kleinen schwarzen Auto direkt vor dem Eingang, und als ich ihn sah, rannte ich so schnell ich konnte auf ihn zu, um ihn zu drücken. Ich zog meinen Rollkoffer hinter mir her und musste aufpassen, dass er nicht umfiel und im Schneematsch landete. Aber selbst das wäre mir an diesem Tag egal gewesen.

»Na, wie geht’s dir, mein Lieber?«, begrüßte er mich mit einem Lächeln. »Endlich in Berlin, was sagst du dazu?«

Ich war so überwältigt, dass ich nur noch grinsen konnte.

»Geil«, sagte ich leise und wünschte mir, dass dieser Moment niemals zu Ende ging.

Lars hatte für Mama ein schönes Hotel am Kurfürstendamm herausgesucht. Ich hatte es mir schon im Internet angeguckt. Der Weg vom Bahnhof bis dahin war nicht weit. Fünf Minuten, vielleicht auch zwanzig. Als wir losfuhren, schaute ich aus dem Fenster und musste mich stark konzentrieren, um nicht gleich am Anfang des Abenteuers auszuflippen. Wegen der ungewohnten Umgebung, den vielen neuen Häusern, und weil Mama gleich alleine sein würde. In der großen Einkaufsstraße, in der auch das Hotel lag, entdeckte ich einen hübschen Weihnachtsmarkt. Das beruhigte mich wieder, ich dachte: Wenn Mama nicht weiß, was sie machen soll ohne mich, ganz alleine in einer fremden Stadt, kann sie dort einen Glühwein trinken. Wir stiegen aus dem Auto, um Mamas Koffer ins Hotel zu tragen und mein Herz klopfte wieder so arg, dass ich erst einmal auf Mamas Bett hüpften musste. Ich schrie auch.

»Wenn du das bei mir machst«, rief mir Lars zu, »dann schmeiß ich dich hochkant wieder raus.«

Mama lachte und begann, ihren Koffer auszupacken. Ich sprang schnell zur Minibar und nahm mir ein Bier heraus, aber Mama hob warnend ihren Zeigefinger. »Nur nicht übermütig werden, Freundchen.«

Lars schrieb eine SMS, und ich fragte: »Habe ich dir erlaubt, dein Handy zu benutzen?«

»Sei nicht so frech«, schimpfte Mama.

»Komm, wir ziehen die Bahn«, sagte Lars, während er aus dem Fenster guckte und sein Handy wieder einsteckte.

»Was sollen wir?«, fragte ich.

»Das Pferd satteln.«

»Häh?«

»Na, einen Abgang machen.«

»Sag das doch gleich, du Honk.«

Mama drückte mich und gab mir zum Abschied einen fetten Kuss. In meinen Gedanken warf ein Cowboy in Cowboystiefeln und Cowboyhut einen Sattel über den Rücken eines braunes Pferdes, das auf einer schönen Koppel stand. Das Pferd war ganz alleine, und es freute sich, dass der Cowboy Zeit mit ihm verbrachte. Es wieherte auch, weil es nicht mehr erwarten konnte, endlich durch die Prärie zu galoppieren. Der Cowboy streichelte sein Pferd zärtlich an der weichen Schnute, die ein bisschen weiß war. Ich drehte mich zu Lars, der schon an der Tür auf mich wartete. Wir winkten Mama ein letztes Mal zu, dann fuhren wir mit dem Aufzug nach unten und mir wurde zum ersten Mal richtig bewusst, dass ich die nächsten zwei Tage ohne sie zurecht kommen musste, ohne meine Mama. Angst hatte ich keine mehr, aber mulmig war mir schon.

Wir parkten direkt vor Lars Wohnung, an einem kleinen Fluss. Ich nahm ein Stöckchen, das auf dem Bürgersteig lag und warf es ins Wasser. Weil es ganz gefroren war, blieb es auf der Oberfläche liegen. Mitten auf dem Eis entdeckte ich einen Einkaufswagen. Das war komisch. Wie kam er dorthin? Ich kenne Einkaufswagen nur aus Supermärkten. Lars legte seinen Arm um mich und sagte: »Tja, Daniel. Willkommen in Berlin. Hier ist alles ein bisschen anders. Auch die Leute sind anders. Wenn ihnen langweilig ist, schmeißen sie halt Einkaufswagen aufs Eis oder Turnschuhe in Baumkronen.«

Er zeigte nach oben und tatsächlich: Ein Baum ohne Blätter, dafür mit ganz vielen Schuhen, die an ihren Schnürsenkeln zusammengebunden waren. Verrückt. Jetzt bekam ich doch etwas Angst. Lars nahm meinen Koffer, die Tasche mit dem Sauerstoff und meinen Rucksack und schloss die Eingangstür auf.

»In welchem Stockwerk wohnst du?«, fragte ich.

»Im vierten.«

»Das schaffe ich nicht«, sagte ich.

»Ich weiß«, sagte Lars. »Pass auf, ich bringe schnell deinen Kram nach oben, dann komme ich zurück und trage dich.«

»Okay.«

Ich umklammerte das Holzgeländer und schloss meine Augen. Das Licht funktionierte nicht und alleine in einem fremden Hauseingang zu warten, war sehr komisch für mich, weil ich das noch nie gemacht hatte. Ich wollte kein Angsthase sein und kniff die Backen zusammen. Was Anna wohl gerade machte? Ich dachte noch ein bisschen an sie, aber dann stand Lars auch schon wieder vor mir und nahm mich Huckepack. Und ich war in Sicherheit.

Seine Wohnung war kleiner als unsere, dafür gab es eine Badewanne, was mir gut gefiel. Nachdem ich eine Runde durch alle Zimmer gemacht hatte, setzte ich mich auf sein Bett und klebte ein paar Bilder in mein zauberhaftes Disney-Weihnachtsalbum. Das war eine gute Ablenkung, weil ich nämlich genau wusste, was ich bei dieser Arbeit zu tun hatte – suchen, einkleben, keine Überraschungen. Das war wichtig für meinen Kopf.

»Ich würde auch gerne in Berlin wohnen«, sagte ich zu Lars, der jetzt neben mir saß.

»Weißt du was?«

»Hmm?«

»Wir ruhen uns jetzt eine halbe Stunde aus und dann drehen wir eine Runde durch den Kiez. Vielleicht treffen wir ja jemanden, den wir kennen, von Berlin – Tag & Nacht, wer weiß?«

»Am liebsten mag ich Fabrizio, Joe und JJ. Aber Ole, nee, den nicht so.«

»Ist der blöd, oder was?«

»Ja, der bekommt kein Mädel ab«, lachte ich.

»Nicht so wie du, ne?«, grinste Lars mich an, und ich begann, die fehlenden Stellen in meinem Album zu zählen. »Eins, zwei, drei, vier, fünf …«

Ich brauchte nur noch 81 Sticker, dann war es voll. Das würde ich schaffen. Dann zählte ich mein Geld. Ich hatte 24 Euro dabei. In Lars’ Bett schlief eine Gans. Ich fragte Lars nach ihrem Namen und er sagte: »Lanti.«

»Ist sie ganz alleine?«

»Na ja, ich bin ja auch noch da«, sagte Lars, aber er kannte anscheinend die Regeln nicht, und ich hatte keine Lust, sie ihm zu erklären. Ich holte Muh aus meinem Koffer und setzte sie neben Lanti, damit die kleine Gans nicht mehr alleine war. Und Muh freute sich auch, eine neue Freundin zu haben. Die beiden vertrugen sich, und ich fragte Lars, ob ich ihm einen Espresso zubereiten dürfe. Er nickte.

»Normalerweise lasse ich niemanden auch nur in die Nähe meiner Espressomaschine«, lachte Lars, »aber bei dir mache ich eine Ausnahme.«

»Weil ich dein Bruder bin, stimmt’s?«

»Ganz genau.«

Dann erklärte er mir alles. Wie man die Bohnen mahlt, wie viel man von dem Kaffeepulver in dieses Ding füllt, das man Siebträger nennt, wie viele Sekunden man heißes Wasser hindurchlaufen lässt und noch vieles mehr. Das war richtig interessant. Ich wollte gleich Mama anrufen und ihr davon erzählen, aber dann dachte ich: Vielleicht schaffe ich es auch mal ohne sie. Auch ich muss eines Tages erwachsen werden. Und jetzt ist ein guter Moment, um damit anzufangen.

Ich ging zurück ins Wohnzimmer, setzte mich aufs Bett und las mir die Punkte auf unserer geheimen Wunschliste durch. Ich hatte sie extra mit nach Berlin mitgenommen, weil ich hoffte, der ein oder andere Wunsch würde vielleicht in Erfüllung gehen. Dann könnte ich diesen Punkt sofort durchstreichen, um nicht durcheinander zu kommen. Mir wurde langweilig. Lars saß noch in der Küche und trank seinen Espresso.

»Schmeckt’s?«, rief ich ihm zu.

»Das hast du super gemacht«, rief er zurück.

Ich merkte, dass ich Nummer zwei machen musste, weil es drückte.

»Bruderherz?«, rief ich wieder.

»Ja?«, rief er wieder zurück.

»Muss aufs Klo, Nummer zwei machen.«

Lars lachte und sagte: »Na, vielen Dank für die Info.«

Ich blieb im Flur stehen, steckte meinen Kopf zu ihm in die Küche und sagte: »Okay.«

Dann machte ich Nummer zwei. Klappte gut. Ich wusch mir die Hände und setzte mich wieder aufs Bett. Lanti und Muh waren mittlerweile gute Freunde geworden. Mir wurde wieder langweilig, aber zum Glück klingelte Lars’ Handy. Es lag in seinem Arbeitszimmer. Ich sprang sofort auf und sagte: »Ich gehe ran, ich gehe ran, ich gehe ran. Darf ich?«

Lars rief aus der Küche: »Klaro!«

Sein Handy lag auf dem Schreibtisch. Es war Tamtam. Ich verstellte meine Stimme, aber sie wusste sofort, dass ich es war. Sie sagte, dass sie in einer Viertelstunde bei uns sein würde. Ich war aufgeregt. Tamtam ist ein Mädchen. Und bei Mädchen bin ich immer aufgeregt.

»Sie will was von mir«, sagte ich leise vor mich hin, und meine Gedanken flogen wieder kreuz und quer durch die Luft.

»Weißt du, was wir gleich machen, wenn wir nach unten gehen?«, fragte Lars, aber ich konnte ihm nicht mehr folgen, weil ich plötzlich ein Skateboard entdeckte, das neben seinem Schallplattenschrank stand. Ich ließ es auf den Holzdielen ein bisschen hin und her rollen und die Wörter »erst mal Tamtam durchficken« schossen mir durch den Kopf. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es laut gesagt oder nur gedacht hatte. Dann stellte ich mich mit beiden Beinen auf das Skateboard, und Lars rannte aufgeregt zu mir, um mich festzuhalten. Er schob mich an seinem Plattenregal entlang, zuerst mit festhalten, dann ohne. So schön.

»Wenn wir gleich runtergehen«, sagte Lars, »dann suchen wir die WG von Berlin – Tag & Nacht. Vielleicht haben wir ja Glück und finden sie.«

»Das ist eine gute Idee«, sagte ich.

»Stell dir vor, wir finden sie wirklich und würden einfach klingeln. Und stell dir dann mal vor, sie würden uns auch noch aufmachen.«

»O mein Gott.«

Ich strahlte über beide Ohren. Was für eine Vorstellung.

»Na, ist das die beste Idee?«

»Die beste der Welt«, sagte ich.

»Hast du dir schon überlegt, was du sagst, wenn wirklich jemand die Tür aufmacht?«

»Ja«, rief ich vor Glück. »Ich würde Hanna in den Arm nehmen und sagen, dass ich der größte Fan bin und euch jeden Tag gucke.«

Ich versuchte mir diese Situation vorzustellen, also in echt, aber ich schaffte es nicht. Das wirkliche Leben ist nämlich keine Fernsehserie. So sehr ich mich auch bemühte, ich bekam es nicht zusammen. Das ist wie beim Nummer-zwei-machen. Man kann so feste drücken, wie man will. Wenn nichts rauskommt, kommt nichts raus. Ich brauchte schnell etwas zu trinken und nahm fünf große Schlucke aus meiner Fanta. Ich rülpste und überlegte mit Lars, welche Schuhe ich anziehen sollte. Er zeigte auf die roten Nikes, weil sie am besten zu meiner roten Jacke passten. Ich nahm schnell meine geheime Wunschliste in die Hände, um sie nicht zu verlieren. Mein Herz klopfte. So viele Bilder in meinem Kopf. Fünfzehn Minuten können ganz schön schnell vorbeigehen, wenn man glücklich ist.

Als ich Tamtam sah, fing ich an zu kreischen. Ich zeigte ihr den Einkaufswagen, der auf dem gefrorenen Wasser lag, aber sie meinte nur: »Dit is Berlin, wa?« Mir wurde plötzlich kalt, also stiegen wir schnell ins Auto. Lars schaltete die Sitzheizung an, aber wir fuhren nicht weit. Nur ein paar Straßen. Ich traute meinen Augen kaum. Ich wusste sofort, wo ich war. Die Häuser, die Geschäfte und Graffiti, vor allem aber dieser dreckige Hauseingang, vor dem wir standen, kamen mir mehr als nur bekannt vor. Aber wie war das möglich? Lars grinste mich an. Ich fühlte mich wie in einer Waschmaschine. Alles drehte sich. Schwindelig wurde mir aber nicht. Ich klammerte mich an Tamtam, aber dann ließ ich sie wieder los. Ich bekam Schiss. Lars, der Arsch, lachte mich aus.

»Wir gehen da jetzt mal rein«, sagte er, aber ich schrie: »NEIN!«

Dann liefen wir zu dritt durch den dunklen Innenhof. Ich kicherte vor Aufregung. Lars äffte mich wieder nach, weswegen ich ihm einen Tritt verpasste. Als wir vor einer grauen Eisentür stehen blieben, weil es nicht weiter ging, sagte ich leise: »Hier geht’s rein.«

Ich suchte nach einer Klingel, aber es gab keine. Lars nahm mich in den Arm und telefonierte mit seinem Handy. »Wir sind jetzt da«, sagte er.

Eine Minute später öffnete sich die Tür und ein hübsches Mädchen kam heraus. Sie lächelte mich an: »Du bist bestimmt Daniel.«

Ich fiel aus allen Wolken. Woher kannte sie meinen Namen? Ich sah zu Lars, aber er zuckte nur unschuldig mit den Schultern. Er wusste auch von nichts. Unglaublich! Eben scherzten wir noch darüber und jetzt ging, wie aus dem Nichts, ein Traum in Erfüllung. Und der Traum stand nicht einmal auf unserer geheimen Wunschliste. Wir folgten dem Mädchen und gingen mit langsamen Schritten die Eisentreppen hoch. Als wir den ersten Stock erreichten, wurde mir doch schwindelig. Die Vorstellung, gleich Joe, Marcel, Alina, Peggy, Fabrizio, JJ und all die anderen zu treffen, die ich so gerne hatte, machte mir Angst. Ich zog Lars am Ärmel.

»Bitte umdrehen«, flüsterte ich.

Lars tätschelte mir über den Kopf und schob mich weiter ins nächste Stockwerk. Wieder eine Eisentür. Es war die Eisentür – die Tür zur WG. Ich versteckte mich hinter Lars.

»Bitte, lass uns gehen«, flehte ich jetzt, aber Lars hörte mich nicht. Vielleicht wollte er mich auch nicht hören.

Dann ging die Tür auf. Das hübsche Mädchen winkte mich zu sich, aber ich traute mich nicht. Ich lief schnell die Treppe runter, aber es war dunkel, und alleine wollte ich dort auch nicht sein. Ich wusste nicht mehr, was ich tun sollte. Lars kam zu mir und drückte mich. Das tat gut. Er kniete sich vor mich und sagte: »Daniel, ganz ruhig. Alles ist gut. Lass uns mal zusammen gucken, wer hinter der Tür auf uns wartet. Wenn es dir gefällt, bleiben wir eine Weile; wenn nicht, drehen wir sofort wieder um und gehen unten an der Ecke eine Pizza essen. Ist das ein Deal?«

»Bei einem echten Italiener?«, fragte ich.

»Bei einem echten Italiener«, sagte Lars.

»Okay.«

Ich nahm seine Hand und ging langsam auf die Tür zu. Vorsichtig steckte ich meinen Kopf hindurch. Als ich Hanna sah und sie mir zuwinkte und mich anlächelte, zuckte ich zusammen und quiekte wie ein Babyschwein. Weil wieder alles neblig wurde, machte ich ein paar Schritte zurück und hielt mich an Lars’ Jacke fest.

»Ich traue mich nicht. Ich habe Angst. Ich will nicht. Schnell weg hier.«

Mein Herz pumpte schneller als der Formel-1-Wagen von Michael Schumacher.

»Wenn wir jetzt gehen, wirst du es heute Abend bereuen«, sagte Lars. »Dann wirst du bei mir zu Hause auf dem Bett sitzen und dich grün und blau ärgern.«

Ich stellte mir vor, wie mein Körper grün und blau wurde. Eine Elfe pinselte meinen linken Arm grün und den rechten Arm blau an, aber das gefiel mir nicht so gut. Ich wollte so gerne durch diese Tür treten, aber es fiel mir wirklich schwer. Ich konnte nichts dagegen tun. Meine Beine blockierten einfach. Lars schob mich nach vorne. Zuerst wehrte ich mich und trat gegen sein Schienbein, aber dann gab ich nach und schaute zum zweiten Mal durch die Tür. Lars humpelte jetzt zwar ein wenig, aber ich glaube, er war nicht böse auf mich. Ich stand da, steif gefroren wie ein Eisblock. Dabei war mir so warm, dass ich am liebsten meine Jacke ausgezogen hätte. Und meinen Pulli. Und mein Korsett. Aber das traute ich mich nicht. Ich stand einfach nur da. Alle lächelten mich an und kannten meinen Namen und kamen auf mich zu, um mich zu umarmen, und ich überlegte für einen Augenblick, ob ich vielleicht gestorben und schon im Himmel war. Das konnte alles nicht wahr sein. Alina nahm plötzlich meine Hand und führte mich durch die WG. Sie zeigte mir jeden Raum. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich keine Angst mehr hatte. Und dann, als die Angst fort war und ich mich an die neue Umgebung gewöhnt hatte, war alles wie im Märchenland. Joe und ich redeten über … nein, das verrate ich nicht. Das bleibt ein Geheimnis unter Männern. Ich bekam sogar einen Kuss von … nein, das verrate ich auch nicht. Ein Gentleman genießt und schweigt. Wir blieben ganz lange dort, viele Stunden, und als Lars sagte, ich solle mich verabschieden, wollte ich nicht.

»Darf ich nicht für immer hier bleiben?«

»Für immer?«, fragte Lars.

»Ja«, sagte ich.

»Und was ist mit Rocky, deiner Katze, und Anna, deiner Puppe, und deiner Mama und deinem Papa und Josi, deinem Elefanten? Die würden dich alle sehr vermissen.«

Das stimmte wohl. Trotzdem konnte ich nicht verstehen, warum jetzt schon wieder alles vorbei sein sollte. Es war ziemlich schwer, meine Gedanken zu ordnen. Ich wollte gehen und bleiben zugleich, aber das ging nicht. Ich konnte mich nicht entscheiden. Zum Glück war Lars da, der mir sagen konnte, was zu tun war. Ich sagte auf Wiedersehen, und alle winkten mir und drückten mich und gaben High-Five’s und hatten mich lieb. Es war so schön – unbeschreiblich schön.


Beim Italiener um die Ecke packte ich dann meine Geschenke aus. Eine DVD-Box mit allen Unterschriften und Autogrammkarten und Sticker für mein Handy. Ich war so aufgeregt, dass ich kaum einen Bissen von meiner Pizza runterbekam. Lars sagte aber, ich solle etwas essen, also gab ich mir Mühe. Ich schaffte drei Ecken. Den Rest nahmen wir mit zu Simon. Auf ihn freute ich mich schon. Simon ist ein Freund von Lars und von Beruf Musikproduzent. Er nennt sich 7inch, aber ich nenne ihn Simon. Von Kreuzberg bis zu seiner Wohnung waren es viele Kilometer, und wir mussten kreuz und quer durch die Stadt fahren. Mir machte das nichts aus, weil ich vorne sitzen durfte und in den dunklen Himmel schauen konnte. Ich dachte an Mama und schickte ihr in Gedanken einen lieben Gruß. Ich drückte sie auch. Angst hatte ich jetzt keine mehr. Simon und seine Frau Mareen wohnten im obersten Stock, aber Tamtam trug die Sauerstoffflasche, und Lars trug mich. Ich sprang auf seinen Rücken, und er wieherte wie ein Pferd und trampelte, als ob er Hufe hätte – wie beim Gangnam Style. Tamtam schüttelte bloß mit dem Kopf. Ich fand es sehr lustig.


Mareen öffnete uns die Tür. Sie war hübsch und nett und hatte blonde Haare. Simon saß in seinem Tonstudio. Er hatte einen braunen Bart. Ich setzte mich zu ihm auf die weiße Couch und wartete ab. Mareen überreichte mir ein kleines Geschenk, und ich bekam eine Sprite zu trinken. Das war gut. Lars, Tamtam, Mareen und Simon unterhielten sich, und ich durfte mir im Wohnzimmer Berlin – Tag & Nacht ansehen. Als das fertig war, ging ich durch den langen Flur ins Studio zurück und sagte, dass ich jetzt bereit sei. Simon fand das lustig und meinte: »Du machst klare Ansagen. Das gefällt mir.« Ich setzte mich wieder auf meinen Platz auf dem weißen Sofa. An der Wand hingen Goldene Schallplatten von Kool Savas und Xavier Naidoo. Das kannte ich von Lars, aber auf seinen Goldenen Schallplatten stand ein anderer Name drauf.

»Simon, wenn wir jetzt ein Lied aufnehmen«, fragte ich, »bekomme ich dann auch eine Goldene Schallplatte, auf der mein Name steht?«

Alle lachten.

»Das ist nicht so einfach«, grinste Simon. »Um eine Goldene Schallplatte zu bekommen, musst du über 100000 Alben verkaufen.«

»Ist das viel?«, fragte ich.

»Schon.«

»Das schaffen wir«, antwortete ich. »Ich habe die ganze Woche an meinem Lied geübt. Klappt wirklich gut. Du kannst meine Mama fragen. Ich habe ihr jeden Abend vorgesungen.«

»So muss das sein«, lobte mich Simon. »Da kann sich der ein oder andere Rapper ein Beispiel an dir nehmen.«

»Ich möchte, also ich wünsche mir, dass du stolz auf mich bist, weil du dir extra Zeit für mich nimmst. Dafür möchte ich danke sagen, auch von meiner Mama.«

Simon sah mich mit großen Augen an und sagte: »Das mache ich doch gerne.«

Simon erklärte mir genau, was ich zu tun hatte. Er stellte das Mikrophon auf die richtige Höhe, gab mir Kopfhörer und ließ das Playback laufen. Den Text von Peter Maffay hatte ich mir schon zu Hause ausgedruckt und konnte ihn sogar schon ein bisschen auswendig, aber ich wollte auf Nummer sicher gehen und hielt den Zettel beim Singen direkt vor mein Gesicht. Der erste Versuch klappte schon ganz gut, aber ich durfte so lange singen, bis ich nicht mehr konnte. Als ich aufhören wollte, sagte Simon: »Komm, Daniel. Noch einen letzten Durchgang. Gib noch einmal alles, was du kannst. Okay?«

»Okay.«

Ich konzentrierte mich, begann zu singen und dann war das Lied im Kasten. Simon drehte sich zu mir und machte beide Daumen nach oben.

»Hab ich das gut gemacht?«, fragte ich.

»Perfekt.«

»Kannst du das jetzt so hinbiegen, dass ich mich wie ein Star anhöre?«

»Ich geb mir Mühe«, lachte Simon.

»Und jetzt muss Lars singen«, grinste ich.

»Muss ich wirklich?«

»Du musst!«

»Aber das will doch niemand hören«, lachte er. »Du hast das so cool gemacht. Belassen wir es dabei.«

»Nix da!«, sagte ich im Befehlston. »Hier sind die Kopfhörer. Sing!«

»Ich hab wohl keine Wahl!«

»Nein.«

Lars begann zu singen, und es hörte sich gruselig an. Ganz schief. Ich lachte ihn aber nicht aus deswegen. Ich wollte nicht, dass er sich schlecht fühlt. Ich weiß ja, wie es ist, ausgelacht zu werden. Gar nicht schön. Ich behielt es für mich. Dann wurde ich müde.

Auf der Rückfahrt kamen wir am Schloss Bellevue vorbei, das traumhaft schön beleuchtet war, und Lars erklärte mir, dass dort der Präsident von Deutschland wohnte. Ein ganzes Schloss nur für ihn. Der Himmel über Berlin war nun pechschwarz, und als wir Tamtam vor ihrer Wohnung absetzten, fielen mir schon fast die Augen zu. Zu Hause schlüpfte ich sofort in meinen Schlafanzug, nahm meine Tabletten und rief Mama an, um ihr alles genau zu erzählen. Lars schob den Rest Pizza in den Ofen, und auf einen Schlag war ich gar nicht mehr müde. Wir legten uns nebeneinander ins Bett und die Pizzaschachtel auf die Decke.

»Du musst noch entscheiden, wo du schlafen möchtest«, sagte Lars. »Hier im Bett oder auf dem Sofa. Das Bett ist weich, das Sofa hart. Mario pennt immer auf dem Sofa, wenn er in Berlin ist.«

»Ich nehme das Bett«, sagte ich sofort, weil es so gemütlich war.

»Okay, dann ziehe ich aufs Sofa um.«

Ich sah Lars an und wurde traurig, weil es ja sein Bett war und ich ihn nicht vertreiben wollte. Ich überlegte einen Moment, biss ein Stückchen Pizza ab und sagte: »Also, von mir aus darfst du auch in meinem Bett schlafen. Es ist ja groß genug. Außerdem kannst du mich dann besser kraulen.«

Lars begann zu lachen, und ich ließ einen lauten Pups fahren. Dann lachten wir noch mehr. Wir putzten unsere Zähne und schauten dabei aus dem Wohnzimmerfenster. Auf dem gefrorenen Wasser spiegelte sich der Mond, und ich dachte an den lieben Gott. Ich atmete ganz ruhig und bedankte mich bei ihm für diesen besonderen Tag. Mir wurde wieder kalt, und Lars drehte die Heizung etwas auf. Als ich mich mit Muh und Lanti im Bett eingekuschelt hatte, kraulte er mich so lange, bis ich eingeschlafen war.

Der nächste Morgen war ganz still. Kein Mucks war zu hören. Muh flüsterte mir ins Ohr, dass ihr langweilig sei, aber ich flüsterte zurück, dass wir Lars nicht wecken dürften. Das verstand sie natürlich und legte sich wieder neben Lanti. Schnute an Schnute. Ich ging in die Küche und stellte die Espressomaschine an, damit sie aufgeheizt war, wenn mein Bruder später aufstehen würde. Mit einem Glas Orangensaft legte ich mich zurück ins Bett. Es dauerte nicht lange, und mir wurde langweilig. Ich schaute zu Lars, aber der schlief immer noch. Es war schon fast 9 Uhr. Ich überlegte kurz, ihm etwas Orangensaft in sein Ohr zu schütten, nur aus Spaß, aber ich traute mich nicht. Lange würde ich das nicht aushalten. Ich musste etwas tun. Ich rüttelte Lars. Er rührte sich nicht. Ich rüttelte ihn doller. Jetzt grummelte er.

»Bist du wach?«, fragte ich.

»Jetzt ja«, murmelte er in sein Kopfkissen.

»Darf ich die Glotze anmachen?«

»Mach einfach.«

»Wo ist die Fernbedienung?«

»Keine Ahnung. Musst du suchen.«

Ich suchte überall, fand sie aber nicht. Ich fragte Muh, ob sie eine Idee hätte, wo ich noch gucken könnte. Sie gab mir den Tipp, Lars’ Kopfkissen anzuheben. Und tatsächlich, da lag sie. Zuerst schaute ich Teenage Mutant Ninja Turtles, dann Spongebob Schwammkopf und dann Power Rangers Samurai, dann wachte Lars endlich auf.

»Weißt du, dass du mich heute Nacht getreten hast? Du lagst mit deinen Beinen halb über mir und hast mir permanent eine verpasst. Und mit deinem Kopf hingst du halb aus dem Bett raus.«

»Echt?«

Die Vorstellung fand ich witzig. Lars sprang aus dem Bett und rieb sich die Hände. »So, jetzt gehen wir erst mal was frühstücken und dann ’ne Runde Sneakers shoppen. Bock drauf?«

»Wo denn?«, fragte ich.

»Nike Town. Ich habe eine Überraschung für dich, aber mehr verrate ich noch nicht.«

Lars strahlte wie ein Honigkuchenpferd. Ich hingegen bekam ein ungutes Gefühl im Bauch, zog die Decke bis unter’s Kinn und sagte: »Okay.«

Als Lars in der Küche seinen Espresso trank, schloss ich die Augen und betete: »Lieber Gott, bitte lass mich durchhalten. Hab dich lieb. Dein Daniel. Amen.«


Während der Nacht hatte es geschneit. Alles war schön weiß, aber dafür furchtbar kalt. Ich friere ja so leicht. Zum Glück hatte Lars eine Sitzheizung in seinem Auto, und nach fünf Minuten wurde es schön warm unter meinem Popo. Wir fuhren über eine Brücke nach Friedrichshain. In einem Café frühstückte ich Rührei mit gebratenem Speck. Ich aß nur den Speck und ließ das Rührei auf dem Teller liegen. Mein Bein tat mir weh, aber ich sagte noch nichts. Ich biss auf die Zähne und versuchte durchzuhalten. Ich dachte an die Power Ranger und stellte mir vor, ihre Superkräfte zu bekommen. Leider half es nicht. Lars besorgte uns noch zwei Vitamin-Shakes zum Mitnehmen, dann ging es weiter Richtung Ku’damm. Ich erkannte die Straße, weil Mama dort wohnte. Lars suchte einen Parkplatz, aber an einem Samstag drei Tage vor Weihnachten war das gar nicht so einfach. Wir bogen in eine Seitenstraße und fuhren in ein Parkhaus. Ich machte mir Sorgen wegen meines Beines. Es tat immer mehr weh.

»Müssen wir weit laufen?«, fragte ich, und Lars sagte: »Ein kleines Stück. Ist alles okay?«

Ich sagte »ja«, aber ich fühlte mich nicht gut dabei, weil ich lieber »nein« geantwortet hätte, aber dann wäre Lars traurig geworden und hätte sich Sorgen gemacht. Ich fragte, ob wir ganz langsam gehen könnten. Lars nickte und nahm mich an die Hand, und wir gingen ganz langsam den Bürgersteig entlang. Als wir zur Hauptstraße kamen und alles schön weihnachtlich blinkte, traute ich meinen Augen kaum. Ich blieb stehen und starrte sie an. Zuerst dachte ich an einen Traum, aber sie war ganz echt und stand nur ein paar Meter neben mir.

»Da«, sagte ich leise und zeigte mit dem Finger auf sie.

»Wer da?«, fragte Lars.

»Michelle«, sagte ich. »Von Berlin – Tag & Nacht

»Wollen wir ihr hallo sagen?«

»Spinnst du?«

Ich war so aufgeregt, dass ich gar nicht mehr an mein krankes Bein dachte. Lars zog mich hinter sich her und sprach sie an.

»Hi Michelle«, sagte er. Sie lächelte, und Lars lächelte zurück. »Ich bin Lars, und das ist mein kleiner Bruder Daniel. Er ist ein Riesenfan von dir. Er hat mir gerade ins Ohr geflüstert, dass du das hübscheste Mädchen bist, das er jemals gesehen hat. Hübscher als Beyoncé. Meinst du, ich darf schnell ein Foto von euch beiden machen?«

Michelle lächelte mich an, und ich lächelte aus vollstem Herzen zurück. Drei Sachen gingen mir durch den Kopf:

  1. Lars hatte geschwindelt (das fand ich nicht so gut).
  2. Michelle war wirklich hübsch, weswegen ich nicht böse auf Lars war.
  3. Ich stellte mir vor, dass sie meine feste Freundin wäre, mit Sex haben und so.

Michelle schaute mich immer noch an. Ich fasste all meinen Mut zusammen, atmete tief ein und sagte: »Darf ich dich drücken?«

»Aber natürlich«, sagte sie sofort und beugte sich zu mir. Dann drückten wir uns. Lars machte Fotos, und wir verabschiedeten uns. Ich sah ihr noch einen Augenblick hinterher und fragte mich, ob sie die Überraschung war, von der Lars vorhin erzählt hatte. Es konnte doch kein Zufall sein! Vielleicht hatte aber auch der Weihnachtsmann seine Finger im Spiel, überlegte ich. Wir überquerten die Straße und gingen zu Nike Town. Dort hingen ganz viele Turnschuhe an der Wand. Wir setzten uns neben einen Tisch, auf dem mehrere weiße Computer standen.

»Ich habe eine Überraschung für dich«, sagte Lars und stellte die Tasche mit dem Sauerstoff auf den Boden. »Du wolltest doch immer einen goldenen Turnschuh haben, richtig?«

Ich nickte.

»Das ist was für Anfänger. Wir machen jetzt was viel Cooleres! Du kannst dir deinen eigenen Schuh designen. Modell, Farbe, Muster – du kannst alles frei entscheiden. Wir können sogar deinen Namen drauf schreiben, wenn du möchtest.«

Ich sah die vielen geilen Turnschuhe, und Lars, wie er sich freute, und sagte: »Können wir bitte wieder nach Hause fahren?«

»Wie, jetzt sofort?«

»Ja!«

»Ist alles klar?«, fragte Lars mit sorgenvoller Miene.

Ich konnte es nicht mehr verheimlichen.

»Mein Bein«, sagte ich und schaute dabei auf den Boden, weil ich mich schämte, nicht länger durchgehalten zu haben. »Es tut so weh. Ich glaube, da ist wieder Wasser drin. Darf ich zurück ins Bett?«

»Wollen wir noch schnell einen Schuh kaufen?«

»Nein.«

»Okay.«

»Gut.«

»Kannst du überhaupt laufen?«

»Nicht so gut.«

»Okay. Dann spring auf.«

Lars hängte sich die Tasche mit der Sauerstoffflasche um und nahm mich huckepack. Als wir wieder am Auto waren, musste er sich erst einmal hinsetzen und ausruhen, weil er ziemlich stark schnaufte. Ich machte Witze über ihn, weil er wie ein alter Esel aussah. Auf dem Rückweg hielten wir an einem türkischen Gemüseladen an, und Lars kochte mir, als wir wieder zu Hause waren, die leckerste Gemüsesuppe der Welt. Ich lag im Bett, schaute Fernsehen, und wenn ich etwas haben wollte, brauchte ich nur zu rufen. Es war wie bei Mama, nur dass ich zu Hause nicht im Bett essen durfte. Aber Lars erlaubte es mir. Es fühlte sich wie Urlaub an.

Am Nachmittag legte ich mich in die Badewanne und hörte Musik, und Lars brachte mir einen Orangensaft mit Eiswürfel und einen Teller mit kleingeschnittenen Karotten.

»Wie im Hotel«, sagte ich und pustete den Badeschaum durch die Luft. Meinem Bein ging es schon viel besser. Die Wärme tat gut.

»Soll ich die nächste Überraschung verraten oder willst du dich lieber überraschen lassen?«, fragte Lars, der jetzt auf dem Boden neben der Badewanne saß.

»Verraten«, sagte ich.

»Ich gebe dir einen Tipp. Es steht auf unserer Liste.«

Ich überlegte kurz, dann sagte ich: »Limousine?«

Lars grinste, und ich musste vor lauter Vorfreude pupsen.

»Noch besser«, sagte Lars. »Wir fahren nachher zu Tamtam und trinken einen Sekt zusammen.«

»Geil«, sagte ich und plantschte wieder.

»Jetzt warte doch mal. Wir trinken den Sekt nicht alleine, sondern mit sechs Freundinnen, die ich eingeladen habe. Sie kommen extra, um dich zu sehen.«

»Sind sie hübsch?«

»Sehr hübsch.«

»Haben sie blonde Haare?«

»Ja, haben sie«, lachte Lars. »Ich kenne dich doch. Sie ziehen sich auch für dich alle extra sexy an.«

»Wirklich wahr?«

»Und dann fahren wir alle gemeinsam mit der Limousine durch die Stadt.«

»Mit den Weibern?«

»Ja.«

»Aber wehe, du fasst eine von ihnen an. Die gehören alle mir. Darf ich auch die Dinger von den Mädels anfassen?«

»Hahaha, das sehen wir später, hmm? Komm erst mal aus der Badewanne raus.«

Lars reichte mir ein Handtuch, und ich trocknete mich ab. Ich überlegte schon, was ich anziehen sollte, aber dafür war ich viel zu nervös. Sechs Mädels, nur für mich. Ich brauchte dringend einen Schluck Saft. Da wir noch ein bisschen Zeit hatten, brachte Lars mir bei, ein DJ zu sein. Er hatte zwei Plattenspieler und ein Mischpult. Auf den linken Plattenspieler legte er eine Platte von Rihanna und auf den rechten Plattenspieler eine von Jay-Z und dann durfte ich scratchen. Das war lustig, auch wenn mir die Musik zu laut war. Lars tanzte durchs Wohnzimmer, aber ich drehte die Musik wieder leiser. Ich wollte nicht, dass er wegen mir Ärger von seinen Nachbarn bekommt.

»Jetzt, wo du ein richtiger DJ bist, brauchst du auch einen DJ-Namen«, sagte er.

Ich grübelte, aber mir fiel nichts ein.

»Hast du auch einen DJ-Namen?«, fragte ich.

Lars setzte sich neben mich aufs Bett.

»Als ich 17 war, habe ich die Beastie Boys getroffen. Das ist eine bekannte HipHop-Gruppe. Wir saßen in einem Hotelzimmer und unterhielten uns über alles Mögliche, und als ich erwähnte, dass ich ein DJ sei, aber noch keinen Namen hätte, musterte mich MCA, einer der Rapper, und sagte: Ist doch völlig klar. Du hast rote Haare, also nennst du dich DJ Red.«

»Du hattest auch mal rote Haare?«, fragte ich.

»Ja, sie waren ein bisschen dunkler als deine, fast schon kastanienbraun. Sie sind es ja immer noch, aber ich lasse sie ja nicht mehr wachsen.«

»Hast auch nicht mehr so viele.«

»Das stimmt.«

Ich dachte nur noch an die hübschen Mädels, an ihre großen Dinger, und ob ich später eine von ihnen flachlegen würde. Die Bilder, die ich sah, machten mich sehr hippelig. Ich konnte wirklich an nichts anderes mehr denken.

»Ich nenne mich Dj Doppel-D«, sagte ich schnell.

Lars lachte und gab mir einen High-Five. Er schlug vor, auf dem Weg zu Tamtam noch an einem Blumenladen vorbeizufahren, damit ich jedem Mädchen eine schöne rote Rose schenken konnte. Eine gute Idee! Sie hätte von mir kommen können, aber wegen der Aufregung war mein Kopf nur voller Tomatensoße.

Der Blumenladen war klein, aber wunderschön. Alles war voller Blumen, an den Wänden hingen Bilder von Elfen und Feen und mit ein bisschen Phantasie konnte man sich in eine andere Welt träumen. Eine nette Frau kam aus dem Hinterzimmer nach vorne und lächelte mich an. Ich zeigte auf die schönen dunkelroten Rosen und sagte: »Ich hätte gerne sechs Rosen.«

»Die langen kosten 3,20 Euro und die kurzen 1,20 Euro das Stück. Welche hättest du denn gerne?«

Ich konnte das nicht so schnell zusammenrechnen, also überlegte ich, aber in meinem Kopf war immer noch alles voller Tomatensoße. Ich sah zu Lars und hoffte, dass er mir aus der Patsche half.

»Er braucht sechs Rosen, weil er sechs Verehrerinnen hat«, sagte er zur Blumenverkäuferin. Mir war das etwas peinlich, aber ich sagte leise und mit einem breiten Grinsen im Gesicht: »Ja, das stimmt.«

»Wir nehmen die großen Rosen«, sagte Lars, und ich war froh deswegen, weil sie viel schöner waren als die kleinen.

»Das müssen ja tolle Mädels sein«, zwinkerte mir die Blumenverkäuferin zu, »wenn du so viel Geld für sie ausgibst.«

Vorsichtig zog sie eine Rose nach der anderen aus der Vase und legte sie neben sich auf den Tisch, um jede einzeln zu verpacken.

»Und die kommen sogar alle auf einmal«, sagte Lars.

Ich boxte ihn gegen den Arm, weil er viel zu viele Geheimnisse verriet.

»Möchtest du ein bisschen Grün um die Rosen, oder willst du sie lieber pur überreichen?«

Ich antwortete nicht sofort, und Lars sagte einfach: »Ohne Grün.«

»Nein, mit Grün«, rief ich schnell. Lars hat nämlich keine Ahnung, was Frauen gefällt, sonst hätte er ja eine Freundin. Außerdem wollte ich das selbst entscheiden. Schließlich waren das meine Rosen. Für meine Mädels. Er braucht sich gar nicht einmischen, dachte ich und warf ihm einen ernsten Blick zu. Ich bekomme das auch alleine hin. Die Blumenverkäuferin hielt eine Rose in die Luft.

»Darf ich dir einen Tipp geben?«

Ich nickte.

»Den meisten Mädchen gefällt es besser, wenn sie die Rose ohne Geschnörkel bekommen. Einfach so, wie sie ist.«

Sie lächelte so schön, also sagte ich: »Ja, okay.«

»Sechs Rosen für sechs Mädchen. Da hast du aber einen heißen Abend vor dir.«

Ich kicherte und wurde ein bisschen rot, weil ich wieder an die Hupen der Mädels denken musste.

»Du kannst es ihr ruhig verraten«, sagte Lars.

Jetzt sah mich die Blumenverkäuferin gespannt an.

»Wir fahren gleich mit einer Limousine«, grinste ich.

»Sag mal, bist du berühmt und bekannt? Hab ich was verpasst?«

»Meinst du mich?«

Die Stimme kam vom Eingang. Lars und ich drehten uns um.

»Der junge Mann hier kauft sechs rote Rosen für sechs verschiedene Mädchen«, rief die Blumenverkäuferin ihrer Kollegin zu, »und es können ruhig die dicken sein … Er fährt gleich mit einer Limo, und er will mir nicht sagen, was dahinter steckt.«

»Das ist gemein«, lachte ihre Kollegin. »Jetzt machst du mich ganz neugierig.«

Ich war so glücklich, weil alle so lieb und fröhlich waren, aber ich verstand nicht, womit ich das alles verdient hatte. Es war sehr verwirrend. Lars steckte mir Geld zu, damit ich meine Rosen bezahlen konnte. Die beiden Blumenverkäuferinnen winkten mir zu, und ich winkte zurück. Im Auto versuchte ich meine Gedanken zu ordnen.

»Lars, also, ich wollte sagen, dass ich, also, jetzt gebe ich mir Mühe.«

»Mit was?«, fragte Lars und startete den Motor.

»Nicht so ängstlich zu sein«, sagte ich.

»Das sind meine Freundinnen, Daniel. Vor denen musst du keine Angst haben. Die sind alle ganz lieb und freuen sich schon sehr auf dich. Guck mal, wären sie nicht lieb, wären sie nicht meine Freundinnen. Klingt logisch, oder?«

Ich nickte.

»Sei ganz entspannt. Du darfst mit ihnen alles machen, was du willst, aber du musst dich benehmen. Und immer erst fragen, bevor du etwas machst.«

»Okay.«

Was meinte Lars damit?

»Und sei nicht so ein Baby wie gestern, als wir in der WG waren. Du bist doch ein cooler Junge. Wenn wir alleine abhängen, verhältst du dich doch auch ganz normal. Okay, das mit der Pupserei solltest du bei den Mädchen lassen, das mögen die nicht so, aber sonst, sei du selbst. Schön locker bleiben und alles wird gut.«

»Ich kann nichts dafür. Die Pupsis zischen einfach so raus. Ich bin jetzt schon ganz aufgeregt.«

»Wenn du merkst, dass sich einer auf den Weg macht, rennst du einfach schnell aus dem Zimmer«, schlug Lars vor.

Das war eine gute Idee. Ich hoffte, dass ich sie mir merken konnte.

»Sind die Mädels wirklich alle blond?«

»Ja, alle«, grinste Lars. »Darauf habe ich extra geachtet.«

»Wie lange fahren wir noch?«

»Eine Minute. Sind gleich da.«

»Sag mir bitte noch schnell ihre Namen. Ich hab sie schon wieder vergessen.«

»Tamtam, Sarina, Nadine, Mella, Sophia und Susi.«

Zuerst dachte ich an Susi & Strolchi, dann an dicke Dinger, dann an Mama. Ich wollte aber nicht an Mama denken, nicht jetzt, und dachte schnell wieder an dicke Dinger. Lars parkte sein Auto und reichte mir die Rosen.

»Wie sehe ich aus?«, fragte ich.

»Perfekt«, sagte Lars, während er mein Outfit ein letztes Mal von oben bis unten kontrollierte. »Und keine Sorge, du wirst den Spaß deines Lebens haben. Versprochen!«

Er zeigte mir, wo ich klingeln sollte, und ich klingelte. Meine Pumpe lief auf Hochtouren. Tamtam wohnte im zweiten Stock. Erst wollte ich Lars fragen, ob er mich trägt, aber dann versuchte ich es ohne seine Hilfe. Heute wollte ich ein richtiger Kerl sein, kein Junge mit krankem Herz. Als Tamtam die Tür öffnete, trat ich ganz vorsichtig ein. Aus dem Wohnzimmer hörte ich Stimmen – Mädchenstimmen. Ich zog die Jacke aus und ging auf leisen Zehenspitzen den Flur entlang und linste heimlich durch die offene Zimmertür. Die Mädchen saßen nebeneinander auf einer langen grauen Couch. Sie waren wirklich alle blond und hübsch und sexy. Dann wurde ich entdeckt und rannte schnell in die Küche. Dort fühlte ich mich in Sicherheit.

»Denk dran, was ich zu dir gesagt habe«, flüsterte mir Lars ins Ohr, aber ich hörte ihm gar nicht mehr zu. Ich konnte nicht. Ich war im Wunderland. Und drehte mich im Kreis. Lars hielt mich fest. »Wir haben noch den ganzen Abend vor uns, also lass es langsam angehen, okay?«

Ich schob Lars zur Seite und sagte ihm, dass er keine der Mädchen ansprechen dürfe, ohne vorher bei mir um Erlaubnis zu fragen. Alle, außer Tamtam. Tamtam zählte nicht. Die beiden schauten mich fragend an, aber ich meinte das ernst. Lars schnappte sich ein Glas Champagner und verschwand im Wohnzimmer. Tamtam packte die Rosen aus dem Papier. Eine durfte sie gleich behalten, weswegen ich einen Kuss auf die Backe bekam. Ich ging im Kopf noch schnell alle Namen durch: Nadine, Susi, Sarina, Mella und Sophia. Ich war froh, dass ich sie mir gemerkt hatte, aber dann tauchte ein neues Problem auf: Wer war wer? Je länger ich darüber nachdachte, desto nervöser wurde ich. Zum Glück drückte mich Tamtam aus der Küche, und dann stand ich auch schon im Wohnzimmer, mit den Rosen in der Hand. Ohne viel zu sagen, überreichte ich sie, gab jedem Mädchen die Hand, weil sich das so gehört, und setzte mich neben Lars. Die Mädchen kicherten und schnupperten an ihren Blumen, und Lars legte mir die Hand über die Schulter und sagte, dass ich das gut gemacht hätte. Ich beobachtete die Mädchen aus sicherer Entfernung, traute mich aber noch nicht, mit ihnen zu sprechen. Tamtam kam mit einer Flasche Champagner und füllte alle Gläser nach. Ich bekam Kindersekt. Dann stießen wir an, aber ich bekam vor Aufregung nichts herunter. Zum Glück konnte ich mich hinter Lars verstecken. Mir fiel einfach nichts ein, was ich hätte sagen können. Und entscheiden, mit wem ich am liebsten bumsi bumsi machen wollte, konnte ich mich auch nicht. Am liebsten mit allen, aber das ging nicht. Man darf ja immer nur eine Freundin haben. Lars stand auf, zwinkerte mir zu und verließ das Wohnzimmer. Mella sprach mit mir über Berlin – Tag & Nacht, und ich verliebte mich sofort in sie, weil sie das auch so gerne guckte wie ich. Außerdem war sie hübsch. Dann fragten mich die anderen Mädchen, wie mir Berlin gefallen würde und noch ganz viele andere Sachen. Es war viel schöner als im Wunderland, weil man nicht erst träumen musste. Sophia und Sarina setzten sich ganz dicht neben mich, und ich konnte ihr Parfüm riechen. Von Lars wusste ich, dass seine Freundinnen alle noch solo waren, und ich rechnete mir gute Chancen aus. Lars durfte nicht mit ihnen reden, also blieb nur noch ich übrig. Außerdem hatten sie von mir Rosen bekommen. Lars kam mit leeren Händen, also mochten sie mich schon mal viel lieber als ihn. Sophia hatte die größten Hupen, aber sie schaute kein Berlin Tag & Nacht. Ich entschied mich für Mella. Meine Reihenfolge, in wen ich am meisten verliebt war, sah so aus:

  • Platz 1.
    Mella
  • Platz 2.
    Sophie
  • Platz 3.
    Nadine
  • Platz 4.
    Sarina
  • Platz 5.
    Susi
  • Platz 6.
    Tamtam (sie zählt aber nicht, weil ich sie vorher schon kannte)

Ich weiß nicht mehr, wie es dazu kam, aber irgendwann landeten wir alle in Tamtams Schlafzimmer. Auf ihrem Bett. Ich lag in der Mitte und die Mädchen neben mir. Sie waren überall. Lars durfte aber nicht mitspielen. Als er mit Sarina reden wollte, warf ich ihm einen bösen Blick zu. Sie war zwar nur meine Nummer vier, aber sie gehörte trotzdem zu mir und nicht zu ihm. Wir tranken noch mehr Champagner und als das Lied aus Dirty Dancing lief, drehte Nadine die Anlage lauter und alle sangen mit. Ich konnte den Text nicht, aber das machte nichts. Ich lehnte mich an Mella und stellte mir vor, mit ihr verheiratet zu sein. Dann könnte ich für immer in Berlin bleiben. Nadine schlug vor, dass wir das nächste Mal alle den Film zusammen gucken, Pizza bestellen und eine Pyjamaparty feiern.

»Aber nicht bei Lars«, rief ich schnell. »Seine Wohnung ist ganz unordentlich.«

Die Mädchen fingen an zu lachen und wollten wissen, wie es dort aussah, weil er sie noch nie dorthin eingeladen hatte. Ich wusste nicht, wie ich sie beschreiben sollte, also sagte ich: »Er hat ein großes Bett, zwei Plattenspieler, Bücher, eine Badewanne und eine Espressomaschine.« Ich überlegte, ob ich etwas vergessen hatte und mir fiel auch sofort etwas ein. »Ach ja, und Lars ist eine Lusche. Sein Fernseher ist nämlich ganz klein. Der Fernseher von meinem Papa in Hamburg ist viel größer.«

Mella bekam eine SMS, und ich wurde ein bisschen eifersüchtig. Als sie auch noch aufstand, um zu telefonieren, wurde ich traurig und rannte in die Küche zu Lars. Ich fragte ihn, ob er mir die Handynummer von Mella geben könne, damit ich ihr auch SMS schreiben könnte, aber er antwortete, dass ich die Nummer selbst herausfinden solle. Er beugte sich vor und überprüfte die Farbe meiner Lippen, aber ich wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben und sagte: »Finger weg, du Honk!«

Mit einer neuen Flasche Champagner hüpfte ich zu meinen Mädels zurück und begann, Susi einen Bauernzopf zu flechten.

»Ich möchte später gerne Friseur werden«, erklärte ich ihnen, weil sie sich wunderten, woher ich das so gut konnte. »Aber wegen den vielen Chemikalien, also wenn Haare gefärbt werden und so, geht das leider nicht. Das hält meine Lunge nicht aus. Deswegen will ich etwas mit Kindern machen. Vielleicht werde ich ein Betreuer für andere kranke Kinder. Ich kann nämlich sehr gut mit Kindern umgehen, weil ich sie viel besser verstehe als die Erwachsenen.«

»Das verstehe ich nur zu gut«, sagte Sophia. »Ich verdiene damit mein Geld.«

»Womit?«, fragte ich.

»Mit Erwachsenen zu reden. Ich bin Psychologin von Beruf. Und ja, die Erwachsenen machen wirklich alles kompliziert. Sehr kompliziert.«

»Ja, ne? Das kann man gar nicht verstehen.«

Die Kinderpsychologin aus dem Todeshaus flog kurz durch meine Gedanken, und ich fragte mich, warum sie nicht so hübsch sein konnte wie Sophia. Dann wäre ich vielleicht gerne zu ihr gegangen. Ich war mir aber nicht sicher. Denn wäre sie wirklich so zauberhübsch wie Sophia, dann wollte ich lieber andere Sachen machen, als über den Tod zu reden. Wir zogen unsere Jacken und Mäntel und Schuhe an, weil die Limousine unten auf der Straße auf uns wartete. Ich machte noch schnell Pipi, hakte mich bei Sophia (links) und Mella (rechts) ein und konnte mein Glück noch immer nicht fassen. Die Limousine war lang und weiß und hatte getönte schwarze Scheiben, auf denen mit weißer Schrift geschrieben stand: »Für Daniel, den coolsten Jungen der Welt. Viel Spaß in Berlin«.

Ich setzte mich zu den Mädchen und schenkte ihnen eine Runde Sekt ein. Lars bekam nichts. Er musste auch als letzter einsteigen, weil ich nicht wollte, dass er einen guten Platz bekam. Der Chauffeur fuhr los, und die Decke des Autos begann zu leuchten. Lars hatte Musik aufgenommen, und wir sangen alle laut mit, bedienten uns an den Getränken, futterten Chips und machten lustige Spielchen wie einen Rülpswettbewerb. Ich hatte immer gedacht, dass ich gut im Rülpsen war, aber die Mädels waren viel besser als ich. Sie konnten lauter und länger. Sophia war die Gewinnerin, danach kamen Sarina und Nadine. Ich kuschelte mich an Mella. Sie war jetzt meine feste Freundin. Ich wollte sie so gerne küssen, aber ich traute mich nicht. Noch nicht. Unser erster Halt war die Siegessäule. Wir stiegen kurz aus, um einige Fotos zu machen, weil es aber so kalt war, fuhren wir schnell weiter. Ich kuschelte mich wieder an Mella. Keine einzige Sekunde wollte ich ungenutzt lassen. Sarina nahm mich von der anderen Seite in den Arm, was ich auch schön fand. Alles war schön. Die Mädchen mussten auf’s Klo, was mir sehr gelegen kam, denn ich musste auch. Ich sagte unserem Fahrer Bescheid, weil ich der Mann war. Und Männer kümmern sich um die Angelegenheiten ihrer Frauen. Am Brandenburger Tor hielten wir an und durften in einem Restaurant auf die Toilette gehen. Lars und ich standen beim Pinkeln nebeneinander.

»Ich bin verliebt«, sagte ich.

»In wen?«, fragte er.

»In Mella.«

»Das sieht man«, grinste er mich von der Seite an. »Du kannst deine Blicke gar nicht mehr von ihr lassen.«

»Meinst du, ich darf sie küssen?«

»Finde es heraus.«

»Okay.«

Mein Herz klopfte jetzt noch schneller. Um herauszufinden, ob ich sie küssen durfte, musste ich sie einfach küssen. Als wir wieder in der Limousine saßen, nahm ich all meinen Mut zusammen und sagte zu Mella: »Ich habe noch nie ein Mädchen auf den Mund geküsst, noch nie.«

»Wirklich noch nie?«, fragte sie erstaunt zurück.

Sarina und Nadine schauten mich mit ihren großen hübschen Augen an, und ich überlegte, ob ich besser meine Klappe gehalten hätte. Aber wenn es doch die Wahrheit war! Die Musik ging aus, und das Licht dimmte sich. Plötzlich wurde alles ganz still. Mella drehte sich zu mir, nahm meinen Kopf zwischen ihre Hände und gab mir einen Kuss. Auf den Mund. Einfach so. Aus dem Nichts. Ich vergaß zu atmen und wurde fast ohnmächtig. Meine Augen waren geschlossen. Aus einiger Entfernung hörte ich dumpfen Applaus. Ein Wunder war geschehen. Ein richtiges Wunder. Wenn ich vorher nur normal verliebt war, war ich es jetzt hundertmal mehr – hundert von hundert Punkten. Das Gefühl in meinem Bauch und meinem Herzen war so neu und außergewöhnlich schön, dass mir keine Beschreibung dafür einfällt. Ich erlebte einfach den besten Abend meines Lebens.


Als die Limousine uns wieder vor Tamtams Wohnung absetzte, war es schon weit nach Mitternacht. Die Mädchen waren müde und verabschiedeten sich von mir. Lars umarmten und küssten sie auch, aber ich war zu müde, um ihn zu treten. Ich war nur etwas traurig, dass Mella nicht bei Lars und mir schlafen wollte. Ich hätte ihn einfach aufs Sofa geschickt, dann wäre neben mir schön viel Platz gewesen. Wenigstens hatte ich mich getraut, sie zu fragen. Nur Sophia blieb. Ich machte den Vorschlag, noch in einen Puff zu gehen, aber Lars, die alte Lusche, erlaubte das nicht. Sophia lachte ihn deswegen aus und nahm mich in den Arm. Sie hielt zu mir. Das gefiel mir sehr. Tamtam winkte uns zum Abschied. Sophia, Lars und ich gingen Händchen haltend, ich in der Mitte, zum Auto, das vorne an der Hauptstraße parkte. Der Kiosk, der Spätkauf hieß, hatte noch geöffnet. Dabei war es schon mitten in der Nacht. So etwas gibt es in Hamburg nicht. Wir gingen rein. Lars spendierte zwei Packungen Chips, die ich gleich im Auto öffnen durfte. Dann geschah etwas Merkwürdiges. Ich redete mit Sophia über meinen Papa aus Südafrika. Einfach so. Sie musste gar nichts machen. Ich erzählte ihr, dass ich ihn nicht mehr so gut leiden kann, weil er sich nicht um mich gekümmert hatte, als ich ihn am meisten gebraucht hätte. Und dass er sehr viel geraucht und getrunken hat und dass mein Bruder den ganzen Haushalt alleine machen musste. Und dass es ihm egal ist, dass ich heute so krank bin. Lars streichelte mir über den Kopf. Dann fragte Sophia, wie ich meinen neuen Papa finde, und ich antwortete: »Ich habe ihn lieb, weil er immer für mich da ist.«

Als wir Sophia zu Hause absetzten, drückte sie mich, und ich drückte sie zurück. Dann fuhren wir weiter über eine große Brücke. Rechts konnte man den Fernsehturm sehen.

»Mit Sophia konntest du richtig gut reden, hmm?«

»Ja, weil sie so hübsch ist«, lachte ich, griff in die Chipstüte und begann zu kichern.

»Was ist los?«, fragte Lars.

»Hast du ihr durchsichtiges Kleid gesehen? Ich musste ihr den ganzen Abend auf ihren schwarzen BH starren. Es ging nicht anders. Nur als Mella mich geküsst hat, da war ich …«

»Im Paradies«, grinste Lars, und ich hatte dem nichts hinzuzufügen. Als wir an der WG von Berlin – Tag & Nacht vorbeikamen, schaute ich in die lange Hofeinfahrt, aber es war zu dunkel, um etwas erkennen zu können.

»Du, Lars?«, sagte ich leise.

»Hmm?«

»Jetzt habe ich endlich auch Freunde gefunden.«

»Ein schönes Gefühl, was?«

»Ja. Und weißt du, was das Allerbeste ist? Alle Mädchen haben mir ihre Handynummern gegeben. Ich musste sogar nur einmal fragen.«

»Hast du gut gemacht, Kleiner.«

»Ich bin so verliebt. Dieses Gefühl ist so schön, das kannst du dir nicht vorstellen.«

»Ist Mella immer noch deine Nummer eins?«

»So viel steht fest: Ich bin zu 100 Prozent in sie verliebt.«

»Du bist schon ein echter Glückspilz«, sagte Lars und parkte das Auto direkt vor unserem Haus. »Das wäre ich auch gerne mal wieder. Genieße es. Jede Sekunde.«

Lars trug mich wieder die Treppen hoch und mir fiel ein, was ich schon einmal zu ihm gesagt hatte: Liebe muss nicht perfekt sein, sondern echt. Als Mella mich küsste, fühlte es sich nach echter Liebe an. Für meinen Bruder finde ich auch noch ein Mädchen. Auch wenn es schwer wird. Mit diesen Gedanken schlief ich ein.


Am nächsten Morgen ging es mir nicht mehr so gut, weil der Tag der Abreise gekommen war. Ich spielte mit Muh und Lanti, die beide noch müde im Bett lagen. Lars stand in der Küche und kochte mir Bratkartoffeln. Ich durfte im Bett frühstücken. Danach musste ich meinen Koffer packen – ganz alleine! Ich bat zwar Lars darum, mir zu helfen, aber er meinte, ich sei kein Baby mehr und würde das auch alleine schaffen. Als alles verstaut war, klopfte ich mir selbst auf die Schulter. »Wenn ich das Mama erzähle«, strahlte ich Lars an, »dann ist sie bestimmt stolz auf mich.«

»Und ich bin stolz auf dich, wenn du deine Tabletten nimmst!«

»Wann?«

»Jetzt!«

»Ja, ja«, meckerte ich leise vor mich hin, setzte mich neben Muh und öffnete meine Tablettendose. Ich freute mich schon auf den Tag, an dem sie keine Rolle mehr in meinem Leben spielten. Dann kam Mella wie ein Engel durchs Zimmer geflogen, und ich schluckte meine Pillen hinunter. Ohne zu murren. Dafür war ich immer noch viel zu verliebt.

In einem Souvenirshop am Boxhagener Platz durfte ich mir ein I-Love-Berlin-T-Shirt aussuchen. Und einen Magneten für den Kühlschrank, auf dem »Berlin-Kreuzberg« stand, bekam ich auch noch. Der Verkäufer, ein alter Mann, redete auf Berlinerisch mit mir, und ich verstand kein einziges Wort. Er lachte aber freundlich, weswegen ich mir keine Sorgen machte. Ich schwebte ohnehin im Siebten Himmel und bekam fast nichts mit, was um mich herum passierte. Ich nickte einfach immer mit dem Kopf. Zum Glück hat der liebe Gott die Welt so gemacht, dass man auch mit offenen Augen träumen kann. Wir hatten noch ein bisschen Zeit, und Lars schlug vor, ein zweites Frühstück zu uns zu nehmen. Ich war zwar satt, hatte aber nichts dagegen.

»Wir treffen dort Melli.«

»Wer ist Melli?«, fragte ich.

»Eine Freundin.«

Ich dachte wieder an Mella, weil Melli so ähnlich klang, und versuchte mich auf Lars’ Worte zu konzentrieren.

»Warum war sie gestern nicht bei Tamtam?«

»Weil sie nicht blond ist«, lachte Lars. »Gestern waren ja nur Blondinen erlaubt.«

»Du bist gar nicht so blöd, wie du aussiehst«, scherzte ich und tätschelte seine Schulter. »Welche Haarfarbe hat sie denn?«

»Hmm, so braun irgendwas«, überlegte Lars, aber ich fiel ihm gleich wieder ins Wort.

»Wir brauchen eine Rose für sie!«

Lars sah mich fragend an.

»Sonst ist sie traurig, weil die anderen Mädchen ja eine bekommen haben.«

»Das stimmt«, sagte er und wendete sein Auto. »Auf in den Blumenladen!«

Ich hatte keine Angst, weil ich den Ort schon kannte. Die Blumenverkäuferin begrüßte mich mit einem strahlenden Lächeln: »Du schon wieder!«

»Ja, ich«, sagte ich schüchtern.

»Du musst mir alles erzählen«, sagte sie. »Wie lief’s gestern?«

Ich grinste nur, weil es mir ein bisschen peinlich war.

»Erzähl ruhig«, sagte Lars.

»Erzähl du!«, sagte ich.

»Ich dachte, ihr kommt, um das Geheimnis zu lüften«, sagte die Blumenverkäuferin zu Lars, und er sagte: »Die Rosen waren ein voller Erfolg, die Limousine war ein voller Erfolg, und ich glaube, du hast gestern den Abend deines Lebens gehabt, ne?«

Lars sah mich an, aber ich schaute bloß auf den Boden und nickte.

»Geknutscht hat er«, begann Lars auszuplaudern. Ich sah kurz zur Blumenverkäuferin, aber nur kurz, denn ich musste wieder kichern. »Er hat ganz Berlin gesehen, hat Telefonnummern bekommen, neue Facebook-Freundinnen, und verliebt ist er auch ein bisschen. Auf einer Skala von Null bis Hundert, wie war das noch?«

Ich drehte mich weg, schaute Löcher in die Luft und sagte leise: »Hundert.«

Die Blumenverkäuferin klatschte in die Hände, und wir lachten eine Runde, aber dann sagte ich, dass ich schon wieder eine neue Rose brauchte – für Melli. Sie sah zuerst mich an, dann Lars und sagte: »Sag mal, kann man irgendwo einen Kurs belegen, in dem man lernt, wie das geht? Ich will auch so viele Dates haben. Wie macht er das?«

»Das bleibt ein Geheimnis«, grinste ich.


Melli war lieb und freundlich. Ich trank ein Fresh Lime Soda und bestellte noch ein Extraglas mit frischgepresstem Zitronensaft dazu. Das Café hieß Aunt Benny und wurde von Amerikanern betrieben, weswegen an der großen Tafel alles auf Englisch stand. Ich überreichte Melli die Rose und die Karte, die ich im Blumenladen für sie geschrieben hatte (mit vielen Herzchen drauf). Sie freute sich so sehr darüber, dass sie sofort in ihre Handtasche griff und ebenfalls ein Geschenk auf den Tisch legte – eine handsignierte Autogrammkarte von Peter Maffay.

»Das gibt’s doch gar nicht«, sagte ich so laut, dass die Bedienung sich zu mir umdrehte. Sie war auch sehr hübsch, aber sie verstand kein Deutsch. »Melli, ich habe bei Simon, also in seinem Studio, einen Song von Peter Maffay gesungen. Lars auch, aber er kann nicht gut singen.«

Lars bestellte Espresso und Cappuccino und einen warmen Apple Crumb Pie mit Vanilleeis und ein Käsesandwich, und wir redeten über Mädchen, Tabaluga, Berlin – Tag & Nacht und alles Mögliche. Melli war richtig cool, obwohl sie keine blonden Haare hatte. Trotzdem tauschten wir unsere Handynummern aus.

Dann holten wir Mama im Hotel ab und fuhren weiter zum Hauptbahnhof. Lars stellte unsere Koffer in den ICE, und ich hielt ihn kurz fest, aber Mama sagte, ich solle ihn loslassen, nicht dass die Türen noch zugingen. Ich hätte nichts dagegen gehabt. Wir drückten uns, und ich sagte: »Danke, dass du für mich da bist. Danke auch wegen Berlin und so. Hab dich lieb.«

Der Zug setzte sich in Bewegung. Lars rannte noch eine Weile auf dem Bahnsteig mit, und wir winkten uns gegenseitig zu, aber dann ging Lars die Puste aus, und wir verloren uns aus den Augen. Als wir auf unseren Plätzen saßen, begann ich zu erzählen. Mama war schon ganz gespannt. »Lars hat mir erlaubt, in seinem Bett zu essen«, fing ich an, und Mama runzelte sofort mit der Stirn. Dann nahm sie mich in den Arm und gab mir einen Kuss. Ich dachte an Muh. Ich hatte sie bei Lars gelassen, damit er nicht so alleine ist und immer an mich denkt, wenn er sie sieht. Als ich meinen Koffer packte, holte er aus seinem Schrank einen Stapel weißer Calvin-Klein-Shirts heraus, die ihm zu klein waren. Mir passten sie perfekt, weswegen er sie mir schenkte. Zu Hause in Hamburg zeigte ich sie Mama. Sie rochen noch nach Lars.

»Mama«, sagte ich und kuschelte mich an sie. »Die darfst du niemals nie in die Waschmaschine stecken. Auch nicht aus Versehen. Genau wie den Pullover und das T-Shirt, die ich in der WG getragen habe, und mein blaues Hemd, das immer noch nach Mella riecht. Nie mehr waschen. Nie, nie, nie.«

Dieses bescheuerte Herz: Über den Mut zu träumen
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