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Die Tage, an denen ich gerne zur Schule ging, waren schon lange vorbei. Selbst die halbwegs erträglichen Tage wurden immer seltener. Eigentlich saß ich dort nur noch meine Zeit ab. Der einzige Grund, der mich durchhalten ließ, war die Vorfreude auf meinen Geburtstag. Wenn ich den erst einmal hinter mich gebracht hatte, sagte ich mir, können mich alle mal am Arsch lecken!
Wir haben einen schwarzen Jungen in unserem Jahrgang – Stevie. Auf ihn haben es die anderen Kinder auch oft abgesehen. Er wird mindestens so oft gehänselt wie ich. Heute wurde er von drei Jungs als »Negerkopf« beschimpft. Sie verwendeten auch andere Ausdrücke wie »Schwarzbrot« und »Kackwurst«. Alles nur wegen seiner Hautfarbe. Es wurde so schlimm, dass er aus dem Klassenzimmer rannte, um auf der Toilette heimlich zu weinen. Stevie tat mir sehr leid, weil ich mich genau in seine Lage hineinversetzen konnte. Ich wusste, wie sich das anfühlte, und ich wurde mit ihm zusammen traurig, damit er nicht alleine traurig sein musste. Da unsere Klassenlehrerin immer noch krank in ihrem Bett lag, wurden wir während des Mittagessens von einer Ersatzlehrerin betreut. Es gab Kartoffeln. Ich hatte keinen großen Appetit und wollte nur eine einzige Kartoffel essen, aber die Kartoffel, die auf meinem Teller lag, war am Rand ganz runzlig und schwarz, also sagte ich zur Ersatzlehrerin: »Hallo Sie, meine Kartoffel ist ganz schwarz.«
Im gleichen Atemzug drehte ich mich zu Stevie um, der zwei Plätze neben mir saß, zeigte sie ihm und sagte: »Keine Sorge, Stevie. Das sage ich nicht wegen dir. Guck mal hier, sie ist wirklich schwarz.«
Ich wollte nämlich nicht, dass er mich falsch versteht und wegen mir traurig wird, aber die anderen Kinder aus der Klasse fingen wieder an, ihn auszulachen. Die Ersatzlehrerin schimpfte mit mir und schickte mich zur Strafe ganz alleine ins Klassenzimmer zurück.
»Ich habe doch gar nichts getan«, versuchte ich ihr zu erklären, aber sie wollte davon nichts wissen. Durch die Glaswand, die das Klassenzimmer von der Küche trennte, hörte ich, wie sie über mich lästerten und mich wieder »Gregmeyer« nannten. Ich setzte mich auf das Sofa, klemmte mir ein Kissen vor den Bauch und weinte. Weil mich niemand sehen konnte, musste ich meine Tränen wenigstens nicht verstecken. In der großen Pause ging ich in die Aufenthaltshalle, um zu kickern. Ich merkte aber schon auf dem Weg dorthin, dass mir schwindelig wurde, und steuerte, etwas wacklig auf den Beinen, auf die Sitzkissen zu, die neben der Bücherei auf dem Boden lagen. Ein paar Jungs aus meiner Klasse gemischt mit älteren, die ich nicht so gut kannte, saßen auf der langen Holzbank gegenüber. Als sie mich sahen, stand einer von ihnen auf und zeigte mit dem Finger auf mich.
»Wehe, du setzt dich da hin!«, drohte er mir. »Wir wollen dich hier nicht. Es kann dich niemand leiden. Wieso stirbst du nicht endlich? Dann sind wir dich los. Und jetzt, verzieh dich, du Gregmeyer!«
Ich hatte Angst vor ihnen, weil sie zu siebt waren. Ich ging zurück ins Klassenzimmer, klemmte das Kissen wieder vor meinen Bauch und versuchte, an einen bunten Regenbogen zu denken, aber ich schaffte es nicht. Drei Punkte gingen mir durch den Kopf:
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Ich hasse die Schule.
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Mein Leben ist so ungerecht.
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Warum ist Lars nicht hier, um mich zu beschützen?
Nach der Schule musste ich ins Hospiz, aber als ich um 19 Uhr endlich nach Hause kam, schrieb ich schnell an meine Facebook-Pinnwand, damit es die ganze Welt lesen konnte:
Lieber Lars,
wir haben uns gefunden. Ich hab Dich lieb, mein Held. Immer wenn ich ins Krankenhaus muss, bist Du gleich bei mir. Und wir können immer Blödsinn machen, ob ich krank bin oder nicht krank. Uns beide kann man nicht auseinandernehmen und das ist gut.
Viele liebe Grüße von Deinem kleinen Bruder Daniel
Stunden, Tage, Nächte vergingen, aber ich nahm kaum etwas von ihnen wahr. Es fühlte sich wie Schweben an, aber nicht wie in den schönen Träumen, in denen ich nach oben zu den Wolken flog. Ich befand mich in einer Art Schattenwelt, in der man zwar alles hören konnte, was um einen herum passierte, aber trotzdem alles wie im Nebel verschwommen und unsichtbar blieb. Das Monster war auch da. Ich konnte es nicht sehen, aber ich fühlte seine Nähe. Zum ersten Mal hatte ich keine Angst vor ihm. Anna und Josi lagen neben mir im Bett, um mir zu helfen. Sie sprachen mir Mut zu. Vor allem Anna. Ihre Kindheit war auch nicht einfach. Es tat gut, meine beiden Freunde in diesem Moment um mich zu wissen. Mama hatte mit meinem Kinderarzt telefoniert. Die Tagesdosis meiner Betablocker musste erhöht werden, weil mein Herz immer mehr an Kraft verlor. Ich war nun auf der höchsten Dosierung angekommen, die für Kinder erlaubt war. Der Tag war also gekommen, vor dem sich Mama so lange gefürchtet hatte. Mir war es egal.
Was mich viel trauriger werden ließ, war, dass Lars nicht neben mir saß, um im Krankenhaus meine Hand zu halten. Ich war sehr enttäuscht deswegen. Er ließ mich im Stich, obwohl ich ihn gerade jetzt so sehr brauchte. Mama erinnerte mich daran, dass Lars mit einer schweren Grippe wieder seit Tagen krank im Bett lag und deswegen nicht nach Hamburg kommen konnte, um bei mir zu sein. Lars hatte sich gar nicht gut angehört am Telefon, das stimmte schon, aber an den Rest konnte ich mich nicht mehr erinnern.
Die Untersuchung tat weh.
Ich bekam wieder Schläuche in den Arm, aus denen mein Blut lief. Es war schön rot. Ich hielt durch. Wie ein kleiner Samurai. Mein Schwert trug ich, wie es sich für einen echten Krieger gehört, an meinem Gürtel, nur dass meines unsichtbar war. Allein Josi und Anna konnten es sehen. Und ich natürlich. Im Raum der Stille betete ich für meinen toten Freund Vincent und schickte ihm Herzensgrüße in den Himmel. Herzensgrüße sind Grüße, die man nicht einfach nur so ausspricht, sondern die wirklich von Herzen kommen. Ich entschuldigte mich bei ihm, dass ich morgen nicht zu seiner Beerdigung kommen könne, weil ich den Schmerz nicht aushalten würde. Ich hatte lange gehofft, dass ich es schaffe, aber ich würde dort zusammenbrechen. Meine Kraft reichte nicht mehr. Ich fühlte es. Vinnie war mir nicht böse deswegen. Er sagte, dass er mich auch so lieb hatte. Ich war erleichtert, weil ich schon ein schlechtes Gewissen bekam, aber wenn Vinnie meinte, es sei okay, dann konnte ich mich darauf verlassen. Er hatte mich nämlich nie angelogen, als er noch lebte, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass er ausgerechnet beim lieben Gott damit anfing. Dann nahm mich die Seelsorgerin in den Arm, und wir unterhielten uns über den Himmel. Weil sie sehr nett war, fragte ich, ob sie mir Konfirmationsunterricht geben könnte. Ich wollte ja gut vorbereitet sein. Sie versprach es mir. Eine Frage brannte mir besonders auf der Zunge, aber ich musste erst überlegen, wie ich sie formulieren sollte, weil ich ganz durcheinander war. Ich atmete langsam ein und aus, dann fragte ich: »Kommt man auch in den Himmel, wenn man nur getauft wurde? Wenn man im Himmel sein Konfirmationszeugnis vorzeigen muss, dann konfirmieren Sie mich bitte schnell. Denn in die Hölle möchte ich nicht. Der Gedanke macht mir Angst. Ich möchte zum lieben Gott. Geht das?«
Die freundliche Seelsorgerin sagte gar nichts. Sie sah mich nur an. Dann lächelte sie und erklärte mir alles noch einmal. Sie hatte viel Geduld mit mir. Als ich wissen wollte, ob ich ein schönes Grab bekommen würde, nickte sie und erzählte eine Geschichte von Jesus, die ich mir aber nicht merken konnte. Das war auch nicht wichtig für mich. Wichtig war die Sicherheit, dass im Himmel ein Platz für mich reserviert war. Bei meiner Schwester. Bei meinen Freunden. Auf unserer Wolke.
Am nächsten Tag fand Vinnies Beerdigung statt. Mama ließ ihren Waschtag ausfallen und saß von morgens bis spät in den Abend hinein im Wohnzimmer und weinte. Sie hörte gar nicht mehr auf. Manchmal, wenn ich neben ihr saß, weinte ich auch, aber nur, damit sie sich nicht so alleine fühlte. Ich überlegte, welches Outfit ich an meiner Geburtstagsparty tragen sollte, kam aber auf keine gute Idee. Lars meinte am Telefon, dass wir vor meinem großen Tag noch shoppen gehen würden und ich mir darüber keine Sorgen machen müsse. Darüber war ich froh, denn ich hatte mir fest vorgenommen, an dem wichtigsten Geburtstag meines Lebens besonders sexy auszusehen. Nicht wegen mir, sondern wegen der vielen hübschen Mädchen, die alle mit mir tanzen wollten.
Lars betete jeden Abend für mich. Er sagte es nie, aber ich wusste es. Das macht man nämlich für Menschen, die man lieb hat. Ich betete auch für ihn. Dass er schnell gesund werden würde, zum Beispiel, um mich wieder mit auf Abenteuerreise zu nehmen. Und wenn ich für ihn betete, dann tat er das sicher auch für mich. Ich fühlte mich einsam, aber die Hoffnung auf ein gutes Ende und der Glaube an den lieben Gott gaben mir Kraft. Egal, wie schlimm es einem geht, man darf nie aufhören zu kämpfen. Ich wollte es unbedingt schaffen. Nur noch wenige Tage. Meine Blase tat wieder weh. Pipimachen tat wieder weh. Wenn ich auf der Toilette saß und drückte, tropften mir Tränen auf meinen hellblauen Schlafanzug. Die Stellen wurden dann dunkelblau. Aber die Tränen trockneten schnell. Mein Schlafanzug musste deswegen nicht in die Waschmaschine. Mein Herz brannte so fürchterlich, als wollte sich der Teufel dafür rächen, dass ich mich für die gute Seite entschieden hatte, und die Stiche in meiner Leber wurden so schlimm, dass ich nachts kein Auge zubekam und noch mehr weinte. Aber das spielte alles keine Rolle mehr. Ich ertrug es einfach. Ich wollte nicht mehr schwach sein. Ich biss auf die Zähne, ging brav in die Schule und versuchte zu lächeln. Es klappte ganz gut. Aber dann, in der Nacht vor meinem Geburtstag, passierte es. Das Monster erschien. Es kniete vor meinem Bett, schweigend. Nebel kam aus seinem riesigen Maul. Ich flog hindurch und sah Mama und mich einen Schotterweg entlang gehen. Auf einem Friedhof. Das war gruselig. Mama und ich hielten uns an den Händen und gingen langsam auf einen Graben zu. Wir senkten unsere Köpfe und blickten hinab. Der Tote war Ryan. Mein Bruder lag in einem schmalen schwarzen Sarg. Mit weißer Schminke im Gesicht. Mama sprang zu ihm, zog seinen leblosen Körper nach oben und trug ihn auf ihren Armen den ganzen Weg zurück durch den Nebel. Wohin ging sie mit ihm, fragte ich mich, aber ich bekam keine Antwort. Sie ließ mich am leeren Grab zurück. War es für mich bestimmt? Wurde Ryans Grab jetzt zu meinem Grab? Ich begann zu zittern. Dann wurde alles schwarz, und ich wachte auf. Ohne mich lange mit dem bösen Traum aufzuhalten, kletterte ich von meinem Hochbett und knipste überall in der Wohnung die Lichter an. Helligkeit gewinnt ja gegen Dunkelheit. Zum Glück fiel mir das bei all der Angst so schnell ein. Es war noch alles dunkel, fünf Uhr morgens. Ich kuschelte mich in die Sofadecke und bewegte mich keinen Zentimeter von der Stelle. Die Deckenlampe war schön hell, und ich starrte sie so lange an, bis kleine Blitze durch meine Augen schossen. Ich rief nach Sina, aber nur ganz leise, weil ich Mama und Papa nicht wecken wollte. Sina hörte mich nicht. Ich blieb im Wohnzimmer sitzen, bis Mama wach wurde. Als sie aus ihrem Schlafzimmer kam und mich verwundert anstarrte, hatte ich keine Angst mehr.