37

Rocky wich mir schon seit Tagen nicht mehr von der Seite. Er schlich um mich herum, kuschelte sich ganz eng an mich und schleckte mich ab. Das machte er nur, wenn ich richtig krank war, aber in der Regel verdrückte er sich nach einer Weile wieder. Nun ließ er mich nicht mehr aus den Augen. Vielleicht spürte er, dass ich bald sterbe? Katzen haben dafür einen siebten Sinn. Ich war zu schwach, um zu reden. Ich schrieb Lars eine SMS, dass ich heute keine Kraft hatte, um zu telefonieren. Ich wollte schlafen, aber meine bescheuerte Wirbelsäule hatte etwas dagegen. Meine Knochen fühlten sich an, als würden sie jeden Augenblick auseinanderbrechen. Lars schrieb: Komme dich nächste Woche wieder besuchen. Hole dich mit dem Auto von der Schule ab, dann gehen wir für eine Nacht ins 5-Sterne-Hotel Atlantik. Nur wir zwei. Halte durch, kleiner Bruder.

Ich konnte mich nicht einmal freuen, so sehr quälten mich die Schmerzen. Mama brachte mir eine heiße Zitrone, und Rocky schleckte mir wieder durchs Gesicht. So eklig.

Kjels Beerdigung am nächsten Tag war sehr traurig. Seine Mama hatte einen Brief an ihren Sohn geschrieben und ihn laut vorgelesen. Ich musste weinen. Die Erinnerungen kamen zurück, als ich im vergangenen Jahr so lange im Krankenhaus lag. Mama, also meine Mama, saß damals auch jeden Tag an meinem Bett und las mir Geschichten vor, nur dass ich noch am Leben war, Kjel nicht. Als ich an seinem Grab stand, sprach mich die Pastorin an.

»Hey, dich kenne ich doch.«

Ich erschrak. Woher kennt sie mich, dachte ich. Bin ich der nächste Junge auf ihrer Beerdigungsliste? Ich sah sie an und machte sicherheitshalber einen Schritt nach hinten, um im Notfall schnell flüchten zu können. Nicht heute auf Kjels Beerdigung, sagte ich mir und sah mich nach Mama um. Dann fiel mir wieder ein, dass sie gar nicht mitgekommen war. Eine Krankenschwester aus dem Hospiz hatte mich gefahren. Mama blieb zu Hause, weil sie nicht genug Kraft für die Beerdigung hatte. Die Pastorin lächelte. Sie sah gar nicht böse aus und sagte: »Du bist doch der Junge aus dem UKE. Du bist Daniel.«

Ich nickte.

»Ich kann mich an deine schönen leuchtenden Haare erinnern. Komm doch mal wieder bei mir im Raum der Stille vorbei, wenn du das nächste Mal im Krankenhaus bist. Ich würde mich freuen.«

»Okay«, sagte ich leise und schüttelte ihre Hand. Dann schloss ich meine Augen und nahm Abschied von meinem Freund.

»Mach’s gut, Kjel. Grüß die Bande. Dein Daniel.«


Am Sonntagabend packte ich meinen Koffer. Es waren zwar noch vier Tage, bis mich Lars abholen kam, aber ich konnte es nicht abwarten. Ich vermisste ihn so sehr, dass ich gar nicht aufhören konnte, an ihn zu denken. Zum Glück bekam ich Hilfe von Mama. Ich war so aufgeregt, dass ich vor meinem Schrank stand und keine Ahnung hatte, was wichtig war und was nicht. Josi blieb im Bett. Sie brauchte ich noch zum Einschlafen. Ich fragte Mama, ob ich den Koffer schon am Montag mit in die Schule nehmen durfte. Mein Plan war, ihn in meinem Spind einzuschließen. Denn war der Koffer erst einmal sicher in der Schule gebunkert, gab es für Lars kein Zurück mehr. Dann konnte er nicht mehr absagen, weil sich mein Koffer ja schon in der Schule befand. Mama erlaubte es mir.

Nach der Schule wurde ich von Larissa abgeholt. Larissa ist meine Lieblingskrankenschwester. Anstatt sofort ins Hospiz zu fahren, schlug sie vor, einen Abstecher zum Flughafen zu machen. Das war toll. Wir setzten uns auf eine Bank und beobachteten die Flugzeuge. Ich liebe Flugzeuge. Mit ihnen kann man durch die ganze Welt fliegen und Abenteuer erleben. Wegen meines kranken Herzens darf ich nicht mehr fliegen. Ich fliege trotzdem. In meinen Träumen. Man muss es sich nur vorstellen, dann ist es fast genauso schön. Als wir dort saßen und auf die Rollbahn blickten, dachte ich, dass es schon schön wäre, wenn mein richtiger Vater und mein richtiger Bruder zu meinem sechzehnten Geburtstag kämen. Ich hatte sie so lange nicht mehr gesehen und obwohl sie fast nie anriefen, um sich nach mir zu erkundigen, hatte ich sie ja trotzdem noch lieb. Ich stellte mir vor, wie sie mit einem der Flugzeuge landeten und mit großen Koffern voller Geburtstagsgeschenke aus der Eingangshalle kamen. Die großen Koffer deshalb, weil sie dann ja eine ganze Weile bleiben würden. Als ich wieder zu Hause war, rief ich sofort Lars an, um ihm davon zu erzählen. Er hörte mir in Ruhe zu, dann sagte er: »Daniel, wenn du das wirklich möchtest und wenn dein Vater und dein Bruder Zeit haben, finden wir auch einen Weg, sie für deinen Geburtstag einzufliegen. Soll ich mit deiner Mama darüber reden?«

»Musst du nicht. Hab ich schon gemacht.«

»Und was hat sie gesagt?«

»Sie meinte, sie hätte Papa schon mehrfach danach gefragt, aber immer nur gehört, er würde keinen Urlaub bekommen. Und von Ryan bekam sie gar keine Antwort.«

»Das tut mir leid, mein Kleiner.«

»Kannst du ja nichts dafür.«

»Wann hast du denn das letzte Mal mit deinem Vater telefoniert?«

»An meinem letzten Geburtstag, aber nur kurz, weil er nicht viel Zeit hatte.«

»Und nach deiner OP im letzten Sommer?«

»Nein, das war ihm egal.«

»Und wann hast du mit Ryan das letzte Mal telefoniert?«

»Weiß nicht mehr.«

»Daniel, hör mal. Egal, was passiert. Du darfst nicht denken, dass du daran schuld bist, dass sie sich nicht melden. Es liegt nicht an dir. Dich trifft wirklich KEINE SCHULD. Hörst du?«

»Ich glaube schon, dass ich daran schuld bin, dass Ryan mich nicht mehr lieb hat. Er denkt ja, ich hätte ihn im Stich gelassen.«

»Aber das hast du nicht.«

»Aber er denkt das.«

»Daniel, dich trifft keine Schuld.«

»Ich freue mich so auf Donnerstag. Es sind nur noch drei Tage, dann kann ich dich endlich wieder in meinen Arm nehmen.«

»Ach, mein Kleiner.«

»Ich werde ihnen auch verbieten zu meiner Beerdigung zu kommen. Ich will die Arschlöcher da gar nicht sehen.«

»Sag das nicht. Vielleicht …«

»Ich muss auflegen«, unterbrach ich Lars und stellte den Fernseher an. Berlin – Tag & Nacht geht los. Tschühüüs.«


Nur noch zwei Tage. Lars rief an und erzählte von einer neuen Überraschung. Eigentlich wollte er es mir noch nicht verraten, aber weil er wusste, dass ich kein Fan von zu vielen Überraschungen auf einmal bin, machte er eine Ausnahme. Zur Sicherheit setzte ich mich. Man konnte ja nie wissen.

»Daniel, wir werden nach München fahren.«

»Was?«

»Pass auf! Ich habe schon alles organisiert. Ich komme zu dir nach Hamburg, wir ruhen uns einen Tag aus und springen am nächsten Tag in den ICE nach München. Eigentlich wollte ich mit dir ins Flugzeug steigen, aber dein Arzt meinte, dass dein Herz selbst Kurzstrecken nicht aushalten würde, deswegen die Bahn.«

»Du hast mit meinem Arzt gesprochen?«, fragte ich verwundert.

»Nein, deine Mama hat das für mich getan.«

»Okay.«

»In München werden wir dann von einem Chauffeur abgeholt, der uns ins beste Hotel der Stadt bringt. Wir checken ein, hüpfen unter die Dusche und bestellen uns Essen aufs Zimmer.«

»Gibt es in dem Zimmer eine Badewanne?«

»Und was für eine!«

»Gut!«

»So weit alles verstanden?«, fragte Lars.

Ich sagte: »Alles verstanden.«

»Dann fahren wir mit einem Shuttle in die Allianz Arena und sehen uns im VIP-Bereich ein Fußballspiel an. Rate von welchem Verein!«

»FC Bayern?«

»Bingo«, jubelte Lars und klopfte mit seiner Hand irgendwo dagegen. »Es gibt leckeres Essen, beheizte Sitzplätze, alles vom feinsten.«

»Krass!«

»Du bekommst sogar ein richtiges Trikot mit deinem Namen drauf und der 16 als Rückennummer.«

»Weil ich in einem Monat Geburtstag habe und sechzehn werde?«

»Ganz genau.«

»Krass!«

»Und nach dem Spiel treffen wir Basti Schweinsteiger, können Fotos machen und ein bisschen mit ihm abhängen und quatschen.«

»Krass!«

»Und am nächsten Morgen, nachdem wir ausgeschlafen und gefrühstückt haben, fahren wir zum Trainingsgelände, und du darfst gegen Manuel Neuer einen Elfmeter schießen.«

»Boah!«

»Na, was sagst du?«

Ich sagte erst einmal gar nichts, weil mich die vielen Informationen ganz durcheinander brachten. Lars sagte auch nichts. Als mir etwas einfiel, was ich sagen könnte, sagte ich: »Ich glaube, ich habe keine Kraft für so eine Reise, so gerne ich das auch machen würde. Kannst du nicht einfach herkommen und dich zu mir aufs Sofa legen?«

»Natürlich, Daniel.«

Lars’ Stimme klang sehr nachdenklich.

»Bist du jetzt böse?«, fragte ich.

»Nein, natürlich nicht.«

»Okay.«

Wir legten auf, und ich kramte die Liste hervor, die wir letztes Jahr zusammen geschrieben hatten. Die Wunschliste mit all meinen Träumen, von denen ich dachte, dass sie wichtig waren. Mittlerweile reichte es mir, wenn Lars einfach nur bei mir war. Seine Geschenke, die Ausflüge, die Fahrten mit den Sportautos, die Hotels, die Limousine und all das waren gar nicht so wichtig. Natürlich freute ich mich darüber, aber im Bett zu liegen und mit ihm zu telefonieren, zu wissen, dass es jemanden gibt, der einen lieb hat, bedeutete mir so viel mehr. Ich sah auf die Uhr. Es war kurz nach Mitternacht. Ich kletterte aus meinem Hochbett und setzte mich zu Mama auf die Couch.

»Weißt du was?«, strahlte ich sie an.

Mama glotzte Bauklötze in die Luft.

»Nur noch ein Tag! Mama, ein Tag. Kannst du dir das vorstellen? Ein Tag. MAMA.«

Dieses bescheuerte Herz: Über den Mut zu träumen
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