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»Wo willst du nach deinem Tod sein«, hatte sie mich mit strengem Blick gefragt, »in der Hölle oder im Himmel, beim Teufel oder bei Gott? Du musst dich sofort entscheiden.«
Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte, weil ich noch nie davon gehört hatte. Also, dass man sich das aussuchen darf. Ich überlegte und überlegte, aber ich konnte mir das einfach nicht vorstellen. Dann bekam ich Kopfschmerzen und rieb mir die Schläfen. Der liebe Gott kam durch meine Gedanken geflogen, der rote Teufel ritt auf einem Feuerball. Sie standen sich gegenüber, und alles drehte sich. Ich setzte mich auf einen Stuhl und versuchte, Ordnung in meinen Kopf zu schaffen, aber die Oma hörte nicht auf, mich dieses Zeug zu fragen, und als ich die Augen schloss, um sie nicht mehr sehen zu müssen, begann sie laut zu beten.
Überhaupt betete sie sehr oft, eigentlich immer, wenn ich da war. Sie wollte auch oft mit Mama über das Telefon beten. Mama und ich lachten manchmal heimlich darüber, weil die Sachen, die diese Oma sagte, oft ganz eigenartig klangen. Wir durften, wenn wir das Telefon auf Lautsprecher stellten, aber nicht zu laut kichern, weil wir die Oma ja nicht verärgern wollten. Sie war sehr gläubig, also katholisch gläubig. Mama sagt, das nennt man erzkonservativ, aber ich verstehe nicht, was das bedeutet. Es gibt eine Organisation, die einsamen Menschen hilft, nicht mehr einsam zu sein. Diese Oma hatte niemanden mehr, mit dem sie spielen konnte, und weil ich auch oft einsam war, kam meine Mama auf die Idee, dass ich sie einmal in der Woche, jeden Dienstag, besuchen könne. Sie wohnte auch nur eine Busstation von unserem Haus entfernt, was sehr praktisch für mich war. Wir tranken Tee und spielten Spiele, und zum Naschen hatte sie auch immer was im Küchenschrank. Sie war eigentlich ganz nett und wenn sie nicht pausenlos von diesem Fegefeuer gesprochen hätte, wäre ich bestimmt öfter zu ihr gegangen.
Aber als ich die Augen an jenem Tag wieder öffnete, wurde mir schwindelig und speiübel. Ich hörte die Worte der Oma wie in einer Dauerschleife und wusste keinen besseren Ausweg als zu flüchten. Ich hielt es bei ihr nicht mehr aus. Ich schaffte es, den Weg bis zur Bushaltestelle ganze alleine zu gehen. Normalerweise habe ich Angst, wenn ich alleine bin. Das liegt daran, dass ich dieses Gefühl nicht so gut kenne, weil immer jemand auf mich aufpasst. Zum Glück kam der Bus ziemlich bald, und der Wirbel in meinem Kopf wurde etwas schwächer. Außer Rocky war niemand in unserer Wohnung. Mama und Papa arbeiteten. Ich bekam wieder Angst. Aber das war nicht mein größtes Problem. Ich war so schwach, dass ich kaum die Treppenstufen in den ersten Stock steigen konnte. Ich hielt mich am Geländer fest und setzte ganz langsam einen Fuß vor den nächsten. Völlig erschöpft ließ ich mich aufs Sofa fallen. Alles drehte sich. Ich verlor die Orientierung. Rocky merkte, dass es mir nicht gut ging und legte sich neben mich, um mich zu beschützen und mir Trost zu spenden, aber es half nicht. Katzen haben ja keine Zauberkräfte. Ich wählte die Nummer meines Kinderarztes, die im Telefon eingespeichert war. Ich musste nur auf die Kurzwahltaste 2 drücken. Anne-Marie, die Arzthelferin, die mich sehr gut kannte, beruhigte mich, weil mir die Tränen liefen, und sagte, dass ich meine Beine hochlegen solle. Es sei nichts Schlimmes, nur mein Kreislauf. Es half nicht. Die Angst vor der Dunkelheit wurde immer größer, und da ich eigentlich nicht ohne Aufpasser sein darf, klingelte ich bei unserer Nachbarin Oma Wagner. Oma Wagner ist schon sehr alt, bekommt Essen von einem Krankendienst geliefert und muss ebenfalls oft ins Krankenhaus. Immer wenn der Rettungswagen zu unserem Haus kommt, wissen die Nachbarn, dass sie entweder Oma Wagner oder mich abholen.
Oma Wagner konnte mir auch nicht helfen, aber wenigstens war ich bei ihr nicht mehr alleine. Ich setzte mich in ihr Wohnzimmer und rief Mama an, aber sie musste ja arbeiten und konnte nicht so schnell zu mir kommen. Ich gab mir Mühe, nicht an das Monster zu denken, dessen Nähe ich schon spürte. Es war da, auch wenn es sich versteckte. Dann kam Mama. Als sie mich sah, erschrak sie und hielt sich die Hände vors Gesicht. Sie sagte, ich sehe aus wie der Tod. Ich musste an den Teufel denken, über den die Oma gesprochen hatte. Mama brachte mich in unsere Wohnung und überprüfte hektisch meine Sauerstoffwerte. Sie waren im Keller. Dann rief sie den Notarzt. Blaulicht. Krankenhaus. Untersuchungen. Ärzte kamen. Ärzte gingen. Weinen. Warten. Hoffen. Willkommen in meinem behinderten Leben.
Sie konnten den Grund für meine Schmerzen nicht finden. Mein Herz stand in Flammen, und tief in mir drinnen tat es so schrecklich weh, aber die Ärzte waren anderer Meinung und sagten, dass da nichts wäre. Sie schrieben Mama einen Entlassungsbrief, befanden mich für schulfähig, erhöhten die Dosierung meiner Medikamente und schickten mich nach Hause. Mama arbeitete am nächsten Tag im Café und obwohl ich darum bettelte, im Bett bleiben zu dürfen, musste ich in die Schule gehen. Mama hörte auf diese blöden Ärzte und nicht auf mich, aber ich war nicht böse auf sie. Sie konnte mich ja nicht alleine zu Hause lassen, und in der Schule gab es wenigstens Aufpasser. Es war ein schlimmer Tag, aber ich hielt durch, obwohl ich das Monster sehen konnte. Es war nicht mehr unsichtbar, sondern stand dicht neben mir. Auch am Abend, als ich mich wieder ins Bad schleppte, um Gallensaft zu würgen. Mama hielt mich so lange fest, bis ich nicht mehr konnte. Wir kuschelten auf der Couch. Rocky, der sonst immer sehr ruhig war, lief aufgeregt umher. Ich glaube, er konnte das Monster auch sehen.
»Mama, die verdammten Tabletten bringen mich noch um«, flüsterte ich, weil ich kaum noch Kraft zum Atmen hatte. »Sie helfen nicht. Mama, mir geht’s nicht gut.«
»Du siehst auch wieder ganz komisch aus«, antwortete sie. »Und kalt bist du auch.«
»Mir ist auch kalt«, sagte ich.
Mama brachte mich ins Bett. Sie hielt meine Hand und rief im Krankenhaus an. Rocky und das Monster folgten uns.
»Leute, ich krieg hier die Krise«, sprach Mama ins Telefon. »Ihr schickt meinen Jungen nach Hause, sagt, dass alles okay ist, und jetzt liegt er wieder halbtot in seinem Kinderbett. Seine Sauerstoffwerte gehen runter, von 87 ist er jetzt schon im kritischen Bereich bei 84, und ich krieg’s nicht hoch. Er hängt schon seit fünfzehn Minuten an der Flasche, aber es hilft einfach nicht.«
»Na gut, dann müssen wir das wieder kontrollieren«, hörte ich die Stimme sagen. »Wählen Sie bitte die 112.«
Das Monster schwebte nun über mir, breitete seine gewaltigen Klauen aus, und ich verlor das Bewusstsein. Mein Kreislauf versagte. Mama schüttelte mich, aber ich war richtig tot, glaube ich. Für einen kurzen Moment. Der Notarzt brauchte sieben Anläufe, um mir einen Zugang zu legen, aber irgendwann schaffte er es und spritzte mir ein Anti-Schock-Mittel, wovon sieben Elefanten high geworden wären. Josi hätte das gut gefallen. Ich kam noch im Krankenwagen wieder zu mir. Überall hingen Schläuche aus meinem Körper, und die Schmerzen waren kaum auszuhalten, aber in dem Moment dachte ich an etwas viel Wichtigeres: an meine geliebte Zwillingsschwester.
Natasha starb kurz nach unserer Geburt. Ihr geht es nicht gut im Himmel. Ich habe sie dort gesehen. Sie braucht mich. Der Rest war schön im Himmel, deswegen habe ich auch keine Angst mehr vor dem Tod. Ich meine, natürlich habe ich Angst, aber ich fürchte mich nicht mehr, so wie man sich fürchtet, wenn man alleine durch einen dunklen Wald laufen muss. Ich lag in diesem Krankenwagen und sagte mir: Daniel, du kannst jetzt noch nicht sterben, obwohl ich es so gerne würde, um endlich für meine kleine Schwester da zu sein. Denn das machen große Brüder so. Als ich Mama sah, wie sie mit ganz vielen Tränen in den Augen neben mir saß, flüsterte ich ihr trotzdem zu – so, dass die Rettungssanitäter es nicht hören konnten: »Mama, sie sollen mir keine Medikamente mehr geben. Ich will nicht mehr. Sag ihnen einfach, dass sie mich gehen lassen sollen, ja?«
Da weinte sie noch mehr als vorher, und ich verlor mich wieder im Traumland. Nein, meine Mama war noch nicht so weit. Sie würde es jetzt noch nicht verkraften, ihren Sohn zu verlieren. Das spürte ich. Während ich durch den grauen Nebelschleier schwamm, schickte ich ein Gebet in den Himmel: Bitte, lieber Gott, gib meiner Mama mehr Zeit. Sie braucht einfach nur mehr Zeit.
»Eines Tages werde ich nicht mehr bei dir sein können«, sagte ich zu ihr, als wir das Krankenhaus erreicht hatten. »Aber immer wenn es regnet, dann sind es meine Tränen, die ich dir schicke, weil ich dich so vermisse. Und wenn die Sonne scheint, dann ist das die Wärme, die ich dir schicke, die auf deiner Haut kribbelt. Und wann immer du einen Regenbogen siehst, dann spiele ich gerade mit meiner Schwester im Garten vom Paradies. Und ab und zu, wenn der Himmel so richtig schön rot ist, wenn die Sonne untergeht, dann sitze ich mit Oma und Natasha auf unserer Lieblingswolke, wir trinken Tee und reden über dich, weil wir dich für immer lieb haben.«
Dann wurde ich ins Schockcenter gebracht, ohne Mama, und notoperiert. Arme Mama! Die Ärzte rieten ihr, in die Cafeteria zu gehen und einen starken Kaffee zu trinken. Sie rauchte eine Zigarette nach der anderen und wartete viele Stunden, bis ein Arzt sich neben sie setzte und sagte: »Er kämpft gerade um sein Leben.« Es stimmte, ich kämpfte für meine Mama.
Ich überlebte die Operation und musste viele Wochen im Krankenhaus bleiben. Mama kam mich jeden Tag besuchen. Wir gingen oft zusammen in den Raum der Stille, um uns beim lieben Gott zu bedanken. Dort gibt es ein Buch, in das man seine Gedanken schreiben kann. Meine Mama schrieb:
Lieber Gott,
bitte gib uns die Kraft, immer da zu sein für meinen geliebten Sohn Daniel. Gib ihm die Kraft, gesund zu werden. Es ist nicht das Gleiche mehr zu Hause ohne ihn. Die Engel im Himmel schauen auf ihn und geben ihm Kraft. Danke, dass Du immer da bist für uns. Segne alle Menschen, dass sie bald gesund werden und nicht mehr leiden müssen. Amen.
Martin + Debbie
Zwei Tage später redete ich mit der Krankenhauspastorin im Raum der Stille und entdeckte beim Blättern zufällig Mamas Zeilen. Ich nahm den Kugelschreiber, der neben dem Buch lag und schrieb auch etwas hinein:
Lieber Gott,
ich danke Dir, dass Du für mich da bist und dass Du mir immer Kraft bringst. Vielen Dank, dass Du den Brief meiner Mutter gelesen hast. Da war ich glücklich. Lass die Lichter für mich brennen. Bitte pass auf meine Schwester auf und dass ich den Katheter überstehe.
Viele liebe Grüße
Dein Daniel
Vor der Katheteruntersuchung hatte ich nämlich große Angst, aber der liebe Gott beschützte mich und weil ich das fühlte, war es nicht mehr so schlimm. Ich glaube, Gott hatte gegen das Monster gekämpft und es besiegt, denn es war nicht dabei, als sich die Ärzte mit einer Sonde mein Herz anschauten. Sie entdeckten dort ein fünf Millimeter großes Loch, was nicht so gut war, denn in Herzen dürfen keine Löcher sein. Ich musste wieder operiert werden. Sie steckten einen Pfropfen in das Loch, damit es dicht war. Wie bei einem Fahrradschlauch. Danach nahm der Arzt, der mich operierte hatte, Mama zur Seite und sagte zu ihr: »Sie sollten die Lebensqualität Ihres Sohnes so gestalten, dass er ab sofort an jedem Tag etwas Schönes erlebt. Machen Sie es für ihn so gemütlich, wie möglich. Jeder Tag zählt.« Mama und ich haben keine Geheimnisse voreinander, weswegen sie mir erzählt, wie es um mich steht. Ich verstand die Aufregung nicht. Dass ich sterben würde, war doch eh klar. Nur der Zeitpunkt noch nicht. Ich lief in den Raum der Stille zurück.
Lieber Gott,
ich danke Dir, dass Du mein Leben gerettet hast und dass Du bei der Katheter-OP dabei warst.
Viele liebe Grüße
Dein Daniel
Ich wusste natürlich, warum ich mich ausgerechnet jetzt an all diese Sachen erinnerte, die ja bereits im letzten Sommer passiert waren. Franzi aus dem Hospiz hatte ein Telefonat zwischen der gläubigen Oma und mir organisiert, damit ich mich richtig von ihr verabschieden konnte. Ich hatte ja seit dem Tag, als ich verängstigt aus ihrer Wohnung rannte, keinen Kontakt mehr zu ihr. Keine Ahnung, was ich zu ihr sagte. Nur, dass ich sie nicht mehr besuchen komme. Sie war mir nicht böse. Und ich ihr auch nicht. Zum Glück fuhren Mama und ich schon bald nach Berlin. Dort würde ich endlich wieder schöne Erinnerungen sammeln.