19
Ich war mit Janine verabredet. Mama hatte einen kleinen Schokoladenkuchen gebacken, weil ich wusste, dass sie den gerne mochte. Ich esse ja keinen Kuchen mehr, aber ich wollte ihr damit eine kleine Freude machen. Janine war ein Mädchen aus der Nachbarschaft, mit der ich mich immer gut verstanden hatte. Jedenfalls in meiner Erinnerung. Ich saß in meinem Zimmer und wartete. Sie hatte geschrieben, um 17 Uhr zu kommen. Ich kontrollierte fünf Mal, ob ich mich vielleicht im Tag irrte, aber ich hatte mir alles richtig gemerkt. Sie kam nicht. Um 18 Uhr versuchte ich sie anzurufen, aber ihr Handy war ausgeschaltet. Ich schickte ihr eine SMS und schrieb ihr auf Facebook eine Nachricht. Keine Antwort. Kein Rückruf. Sie hatte mich einfach vergessen. Dabei sollte sie doch das Highlight meines Tages werden. Janine war schon sechzehn und sehr hübsch, und ihr Beziehungsstatus auf Facebook war Single. Ich hatte mir schon vorgestellt, mit ihr in meinem Zimmer zu sein, alleine, und, ich weiß nicht, vielleicht einen Kuss abzustauben. Aus der Traum. Ich rief Lars an, um ihm alles zu erzählen, aber er war gerade unterwegs, und wir vereinbarten, um 20.30 Uhr zu skypen. Lars saß an seinem Schreibtisch und ich an meinem. Wie jeden Tag.
»Hat sie sich noch gemeldet?«, fragte er.
»Nö.«
»Voll blöd.«
»Ja, ich bin stinksauer auf sie. Immer noch.«
»Ich glaube, sie hat gerade ein paar persönliche Probleme. Das hat nichts mit dir zu tun.«
»Aber dann kann sie es mir doch sagen.«
»Ja, das könnte sie.«
»Sie hätte doch anrufen und mir sagen können, dass sie nicht kommt.«
»So ist das mit anderen Menschen«, versuchte mir Lars zu erklären, »weil sie mit sich selbst nicht zufrieden sind, machen sie manchmal blöde Sachen und merken gar nicht, wie sie damit anderen wehtun. Ich bin mir sicher, dass sie sich gemeldet hätte, wenn sie gewusst hätte, wie traurig du jetzt bist. Aber sie ist wahrscheinlich gerade mit sich selbst beschäftigt.«
»Mit sich selbst beschäftigt?«, wiederholte ich und musste grinsen. »LARS, was denkst du denn für ekelhafte Sachen?«
»Hahaha.«
»Nein, war nur ein Scherz«, sagte ich schnell, nahm einen Zug von meiner Kaugummizigarette und pustete den unsichtbaren Rauch aus.
»Was wollen wir denn machen am Mittwoch, wenn ich komme?«
Ich überlegte kurz und lächelte: »Du kommst erst mal mit in die Schule.«
»Am Mittwoch hast du keine Schule.«
»Doch.«
»Nee, da sind wir im Krankenhaus.«
»Häh?«
»Du hast wieder irgendeine Untersuchung. Ich komme mit. Am Donnerstag hast du Schule.«
»Kommst du dann am Donnerstag mit in die Schule?«
»Ich weiß noch nicht. Kommt drauf an, was wir später noch vorhaben.«
»Ich darf ja nicht schwänzen. Hat Mama mir verboten.«
»Na ja, der Sinn des Schwänzens ist, dass man es einfach macht, ohne um Erlaubnis zu fragen.«
Ich schrieb eine SMS an Vanessa. Das ist eine Krankenschwester aus dem Hospiz, und ich war deswegen etwas abgelenkt. Das war aber gut, denn so musste ich nicht an Janine denken und dass sie mich im Stich gelassen hatte. Nach einer kurzen Pause, sagte Lars: »Anna hat sich gemeldet.«
Ich hörte sofort auf in mein Handy zu tippen, hob meinen Kopf und guckte wieder in den Bildschirm.
»Welche Anna?«
»Na, Anna, das Model«, sagte Lars.
»Ach so, und was will die doofe Kuh?«
»Ach, total blöd. Die spricht in Rätseln. Ich verstehe kein Wort.«
Ich musste grinsen. »Erzähl mal! Was für Rätsel?« Lars saß in seinem Stuhl, starrte die Wand an und sagte kein Wort. »Jetzt bist du erst mal sprachlos, was?«
»Das bin ich wirklich«, sagte er nach einigen Sekunden. »Ach, die spielt irgendwelche behinderten Spielchen.«
Ich dachte wieder an schweinische Sachen, wollte schon fast etwas sagen, aber konnte mich gerade noch beherrschen. Lars fand das lustig und fragte, woran ich denken würde, aber ich drehte mich schnell weg und giggelte: »Nichts, nichts.«
»Du weißt doch, die Erwachsenen müssen immer cool sein und alles kompliziert machen.«
Ich sagte: »Ja.«
»Das ist nicht so wie bei dir. Du gehst einfach zu einem Mädel hin, checkst alles ab, bekommst die Telefonnummer, rufst an …«
»Was du nie gelernt hast«, unterbrach ich ihn.
»Ganz genau, was ich nie gelernt habe. Deswegen brauche ich dich, damit du mir das beibringst.«
Als ich am nächsten Tag aus der Schule und dem Hospiz nach Hause kam, war ich ganz aufgedreht, weil ich nur noch an mein Praktikum denken konnte. Ich hatte mir während des Tages so meine Gedanken gemacht und kam zu folgendem Entschluss: Wenn ich mir ganz schnell eine Stelle suche, dann kann ich vorher auf keinen Fall sterben, selbst wenn das Praktikum erst in zwei Jahren beginnt. Der liebe Gott würde nämlich sehen, dass ich mein Leben bis 2014 geplant hätte, sich das in einem dicken Buch notieren und mich in der Zeit noch nicht zu sich holen. Ich schrieb Lars eine SMS, ob wir nach Berlin – Tag & Nacht skypen könnten, und er antwortete zehn Sekunden später: »Ist doch klar wie Kloßbrühe.«
Das bedeutete ja.
»Ich brauche deine Hilfe«, sagte ich, als er online war.
»Schieß los!«
»Es geht um die Praktikumsplätze. Ein paar habe ich schon gefunden und die Telefonnummern rausgeschrieben: vom Kindergarten, dem Café, von Rewe und der Fahrschule. Jetzt brauche ich nur noch die Nummer von Edeka.«
»Du willst doch nur zu Edeka, damit du heimlich alle Süßigkeiten aufessen kannst.«
»Nein, ich will da wirklich arbeiten.«
»Na, wenn du meinst.«
»Kann ich nicht bei dir ein Praktikum machen?«
Lars begann zu lachen und sagte: »Hatten wir das Thema nicht schon?«
»Weiß nicht.«
»Guck mal, du musst am Ende bestimmt einen Praktikumsbericht schreiben.«
»Ja, und?«, fragte ich und begann die Telefonnummer von Edeka in mein Hausaufgabenheft zu schreiben, die ich mittlerweile gefunden hatte.
»Würdest du bei mir ein Praktikum machen, dann stünden am Ende der Woche lauter lustige Dinge in deinem Bericht. Weiß nicht, ob deine Lehrerin das so toll fände.«
»Mir egal. Ich fände es toll. Und darauf kommt es an.«
»Das stimmt allerdings«, gab Lars mir recht.
»Was würden wir denn Lustiges machen?«, wollte ich von ihm wissen.
»Hört gerade jemand zu? Deine Mutter, sitzt die neben dir?«
Ich sagte: »Nein.«
»Dann würden wir in Clubs gehen, wo nackte Frauen tanzen«, sagte Lars leise.
»Also, meine Türe ist offen«, sagte ich, und wir fingen beide an zu lachen, weil plötzlich Mama mit einem Grinsen im Raum stand.
»Ja, ja, ja. Die Tür steht offen. Ich habe alles mitgehört, ihr Schlingel. Keine Sekunde kann man euch beide alleine lassen. Nur Unfug im Kopf.«
Mama lachte in den Bildschirm, und Lars lachte zurück. Ich mag es sehr, wenn Mama auch mit Lars skypt, weil es sich dann wie eine richtige Familie anfühlt. Ich wünschte mir, mein richtiger Bruder würde sich ab und zu bei mir melden. Er müsste auch gar nicht viel erzählen. Ich würde ihn fragen, ob es ihm gut geht und ob mein Hund noch lebt.
»Daniel, du machst dir jetzt schon zu viele Gedanken«, sagte Mama, aber sie wusste ja nicht, was in meinem Kopf vorging. Ich streckte ihr die Zunge raus. Sie sah es aber nicht mehr, weil sie schon auf dem Weg ins Wohnzimmer zu Papa war.
Ich vergewisserte mich, dass Mama nicht im Flur stand. Dann flüsterte ich ins Mikrophon: »Ich habe mit Tommy Schluss gemacht, also ich meine, er hat mit mir Schluss gemacht.«
»Wie, so schnell?«, fragte Lars.
»Ja, aber ich bin jetzt mit Michaela aus meiner Schule zusammen.«
»Was?«
»Ja, klar.«
»Wie hast du das denn gemacht?«
»Sie wollte mit mir zuerst ins Internetcafé, aber dann war die Pause um.«
»Moment mal«, sagte Lars. »Tommy macht mit dir Schluss, und du schnappst dir sofort die Nächste?«
»Nicht so laut«, sagte ich. »Meine Mutter hört doch mit.«
»Okay, pssst.«
»Ja, so ist besser«, flüsterte ich.
»Warum hat Tommy mit dir Schluss gemacht?«
»Weil er wieder mit Isabelle zusammen ist. Ich bin auch ein bisschen sauer auf sie.«
»Verständlich.«
»Sie hat mich angeschrien.«
»Wegen Tommy?«
»Nein, ich habe doch mit Mike gesprochen und ihn gefragt, ob er noch mit Isabelle zusammen ist. Und er hat »nein« gesagt. Dann habe ich ihn gefragt, ob Isabelle mit Tommy zusammen ist. Und er hat »ja« gesagt. Dann ist er gleich zu Ali gerannt, seinem besten Kumpel und hat gepetzt.«
»Oweia.«
»Ja, und dann kam sie zu mir und hat mich angemeckert. Deswegen bin ich auch auf Tommy sauer, denn Isabelle betrügt jeden Jungen dort.«
»Ehrlich?«
»Ja, jeden Jungen. Und Michaela hat sie ausgelacht und ganz laut gesungen: Du hast einen neuen Lover, neuen Lover, neuen Lover. Wie bei Ätschibalätschi.«
»Hehe, ich verstehe.«
»Ja, deswegen steht auf meinem Arm auch Michi.« Ich hielt meinen Arm vor die Webcam, damit Lars die Schrift sehen konnte. »Michi, also Michaela und ich, wir sind so.« Jetzt formte ich mit den Fingern ein Herz und Lars lachte. »Dann kam Isabelle an und hat mit ihrer Krücke ganz fest gegen Michaelas Oberschenkel geschlagen, also gegen ihre Hüfte, ich meine gegen ihre Pobacke.«
»Nicht gut«, sagte Lars.
»Dann mussten sie zur Lehrerin, und die Lehrerin sagte, wenn die beiden sich nicht vertragen würden, müssten sie gemeinsam arbeiten.«
»Und mit Michaela verstehst du dich gut?«
»Ja, wir sind jetzt beste Freunde. In jeder Pause kommt sie zu mir und sagt, dass sie mich schon gesucht hätte und so.«
»Wie alt ist sie denn?«
»Weiß ich nicht.«
»Ist sie jünger oder älter als du?«
»Keine Ahnung, eins von beiden.«
Lars lachte ganz laut, und ich wusste nicht, warum. Dann fragte er: »Freust du dich darauf, sie morgen wieder zu sehen?«
»Ja.«
»Sehr gut. Bist du auch ein bisschen verliebt in sie?«
»Also, erst mal sind wir nur befreundet. Mal sehen, was daraus wird. Es hilft mir ja nichts, wenn ich Gefühle für sie habe, sie aber nicht für mich.«
»Genau. Und manchmal ist es ja auch ganz schön, einfach nur jemanden zu haben, mit dem man seine Zeit verbringen kann, damit man nicht so alleine ist. Man muss ja nicht immer verliebt sein. Ich habe auch viele Freundinnen und bin in keine von ihnen verliebt.«
»Aha.«
»Irgendwann wird bei dem einen besonderen Menschen der Funke schon überspringen«, gähnte Lars müde wie eine Eule. Er streckte alle viere von sich und nuschelte hinterher: »Du darfst nur die Geduld nicht verlieren.«
Ich schrieb mir schnell eine Erinnerungsnotiz in mein Hausaufgabenheft, dass ich mein Praktikum auch in einem Reisebüro absolvieren könnte. Keine Ahnung, wie ich drauf kam. Vielleicht weil ich dort von all den schönen Plätzen dieser Welt träumen könnte, die ich niemals mehr mit meinen eigenen Augen sehen werde. Dann überlegte ich, was Lars gerade gesagt hatte, weil ich mir etwas davon gemerkt hatte. Es dauerte eine Weile, aber dann wusste ich es wieder. Ich sagte: »Irgendwann ist ein ziemlich bescheuertes Wort, weißt du das?«
Lars fragte: »Warum?«
Und ich antwortete: »Weil es bloß ein anderes Wort für niemals ist.«