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»Wie lange dauert es noch?«, rief ich Ester aus dem Aufenthaltsraum zu. Ich saß ganz nervös am Tisch und nuckelte an meiner Fanta.
»Nicht mehr lange, Daniel, mein Schatz«, lächelte Ester beruhigend, die in Franzis Büro hinter dem Schreibtisch saß.
»Wie lange ist nicht mehr lange?«, wollte ich sofort wissen, weil ich mir darunter nichts vorstellen konnte.
»Gleich, mein Engel.«
»Warum ist er noch nicht da?«
»Weil er nicht fliegen kann.«
Ich darf auch nicht mehr fliegen. Mein Kinderarzt sagt, dass wegen des Drucks, der oben am Himmel herrscht, mein Herz explodieren würde. Ich weiß nicht, ob es wirklich explodieren würde, so richtig mit einem lauten Knall, oder ob es einfach nur aufhören würde zu schlagen. So oder so, ich wäre hinüber. Zuerst hat mir das nichts ausgemacht, weil ich ja nicht wegfliegen wollte, aber dann dachte ich an meine erste Heimat Südafrika, wo ich geboren wurde, und die ich nie mehr wiedersehen würde. Für einen kurzen Moment war ich damals traurig deswegen, aber dann nicht mehr, weil ich es in Deutschland ja viel schöner finde.
»Kommt er mit einem Auto?«, fragte ich.
»Mit dem Zug. Er hat auch gerade eine SMS geschickt. Er steht schon fast vor der Tür.«
»Echt? Krass.«
Ester lächelte mich an und warf mir einen Handkuss zu. Dann klingelte es. Ich dachte nur: Ach, du Scheiße!
Ich lief zu Ester ins Büro und packte ihr Bein. Sie umarmte mich kurz, aber ich hielt es nicht lange an einem Platz aus und rannte in die Küche, zurück ins Spielzimmer und blieb schließlich vor dem Kicker stehen. Sabine und Toni, die beiden Krankenschwestern, lachten schon über mich, aber ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen und begann, gegen mich selbst zu kickern. Ich war so aufgeregt, dass mir die Beine schlackerten. Dann ging die Tür auf. »Laaaaaaars«, kam es so laut aus mir heraus, dass sich alle zu mir umdrehten, aber ich konnte nicht anders und rannte einfach auf ihn zu. Und dann sprang ich direkt in seine Arme. Ich umklammerte ihn ganz fest mit meinen Beinen und Armen, drückte mich an ihn und wollte nie mehr loslassen.
»Na du?«, hörte ich ihn sagen. »Alles klar bei dir?«
Ja, bei mir war alles klar. Er war wirklich gekommen. Es war kein Traum. Ich konnte ihn richtig anfassen.
»Bleibst du jetzt für immer an mir hängen, oder meinst du, ich kann kurz meine Jacke ausziehen? Ist ganz schön warm bei euch.«
Ob warm oder kalt, alles egal. Ich wollte nur, dass dieser Moment niemals vorübergeht. Ester stand mit den anderen vor ihrem Büro, um ihn zu begrüßen, und ich ließ Lars dann doch seine Jacke ausziehen. Er trug eine coole schwarze Lederjacke. So eine wollte ich auch haben.
»Gib sie mir«, sagte ich. »Ich hänge sie neben meine Jacke. Deine Schuhe musst du auch ausziehen. Du kannst sie im Schrank neben meine stellen.«
»Perfekt«, sagte er nur zu mir und zwinkerte mit einem Auge. Dann umarmte er Ester und gab allen anderen die Hand. Ich schaute ihn an, und mein Bauchgefühl sagte mir, dass er kein Fremder war. Im Gegenteil. Es war vielmehr so, als ob wir uns schon immer kennen würden, als ob er nur auf einer langen Reise war und jetzt zurück nach Hause kam. Nach Hause zu mir, Daniel, seinem kleinen Bruder. Mein Herz hüpfte vor Glück. Endlich hatte ich wieder einen großen Bruder. Endlich. Endlich. Endlich.
Am Abend vor Lars’ Ankunft konnte ich vor Aufregung nicht einschlafen. Muh lag neben mir und reichte mir ihren rechten Huf, damit ich ihn drücken konnte. Das machte sie immer, wenn mir die Augen nicht zufallen wollten. Es half nicht. In sieben Stunden musste ich wieder aufstehen, in sechzehn Stunden würde ich Lars zum ersten Mal treffen. Ich brauchte eine Weile, um das in meinem Kopf auszurechnen, aber ich schaffte es. Sechzehn Stunden. Eine kleine Ewigkeit. Wie er wohl sein würde? Mama hatte mir schon einige Fotos gezeigt, aber auf den meisten trug er eine goldene Sonnenbrille, und ich konnte seine Augen nicht erkennen. Ich schaue den Menschen gerne in die Augen. Blaue Augen mag ich am liebsten, weil sie mich an den Himmel erinnern und weil ich selbst blaue Augen habe. Türkise Augen finde ich auch schön. Das Meer, das ich im Paradies gesehen habe, funkelte wunderschön helltürkis. Wer es nicht weiß: Türkis ist eine Mischung aus grün und blau. Ich zog Muh dicht an mich heran und überlegte, dass ich braune Augen auch gerne mochte und dass ich in Wahrheit alle Augenfarben schön fand.
Auf einem Foto stand Lars neben dem Rapper 50 Cent, und ich fragte mich zwei Dinge: 1) ob sie Freunde waren und 2) ob wir auch Freunde sein könnten. Mama hatte mir in den letzten Tagen schon viel über ihn erzählt, aber ich konnte mir kaum etwas davon merken. Dafür war ich viel zu aufgeregt. Mein Herz begann wieder schneller zu klopfen, und ich drehte mich zur Seite und schloss meine Augen. Um mich abzulenken, erstellte ich eine Liste mit meinen Lieblingstieren. Das war gar nicht so einfach, weil es viele süße Tiere gibt, die man gut streicheln kann. Muh, die jetzt hinter mir lag, ist eine schwarz-weiß-gefleckte Kuh. Obwohl ich jeden Abend neben ihr einschlafe, gehören Kühe nicht dazu. Zu meinen Lieblingstieren, meine ich. Hier ist die Liste:
- Platz 1:
Katzen
- Platz 2:
Delfine
- Platz 3:
Hundebabys
- Platz 4:
Pferde
- Platz 5:
Elefantenbabys
Ich habe auch ein Elefantenbaby. Es heißt Josi und hat einen langen Rüssel, aber mit ihr kuschle ich nur, wenn ich im Krankenhaus liege. Josi ist mein Krankenhaustier. Zu Hause habe ich Muh, und sie und ich bekamen kein Auge zu. Der kleine Zeiger auf meiner gelben Spongebob-Schwammkopf-Uhr stand auf der Elf, der große auf der Zwanzig. Es waren erst fünf Minuten vergangen, seit meiner Tierliste. Ich schob Muh zur Seite und kletterte die Leiter meines Hochbettes hinunter und schlurfte leise durch den Flur. Mama telefonierte im Schlafzimmer. Das konnte ich hören. Ich linste kurz ins Wohnzimmer. Papa und Rocky (das ist meine Katze) standen nebeneinander auf dem Balkon und rauchten. Also mein Papa, nicht Rocky. Katzen können ja nicht rauchen. Bei der Vorstellung musste ich kichern, aber ich hielt mir schnell die Hand vor den Mund, damit Mama mich nicht hörte. Ich öffnete die angelehnte Tür einen Spalt und sah, wie sie heulend auf ihrem Bett saß. Arme Mama, dachte ich. Ob wieder etwas Schlimmes passiert war? Ich werde jedes Mal ganz traurig, wenn sie weint. Meistens bin ich nämlich der Grund ihrer Tränen. Das ist so gemein, weil ich nichts dagegen tun kann.
Papa schloss die Balkontür, setzte sich wieder aufs Sofa und drehte den Fernseher lauter. Das war gut, denn so konnte ich mich vor der Schlafzimmertür bewegen, ohne dass Mama mich gleich entdeckte. Mein erster Verdacht war, dass sie mit einem meiner Ärzte über einen neuen Befund sprach, da sie aber ganz viele private Dinge über mich erzählte, konnte ich das wieder ausschließen. Außerdem war es dafür schon viel zu spät. Ich hockte mich auf den Boden und nahm Rocky in den Arm, der schnurrend auf dem Weg in die Küche war, bevor ich ihn ergriff. Ich bin der Einzige, der ihn so anpacken darf, ohne Bekanntschaft mit seinen Krallen zu machen. Er war müde und ganz friedlich und ließ sich brav durchs Fell streicheln. Mama erzählte nur von mir, von Südafrika, von meinem Papa, also von meinem richtigen Papa, von meinen vielen Krankheiten, von meiner Schule und immer wieder kullerten ihr die Tränen übers Gesicht.
»Weißt du, mein Daniel hat doch niemanden. Seit der letzten OP geht er nicht mal mehr vor die Tür. Er verkriecht sich nur noch in seinem Zimmer. Und er hat schon wieder fünf Kilo abgenommen, dabei ist er schon so dünn. Es ist schlimm, wirklich schlimm. Ach, ’tschuldige.«
Dann legte Mama das Telefon neben sich und schnäuzte in ein Taschentuch. Rocky miaute, und ich flüsterte »pssst« in sein Ohr, damit er unsere Spionageaktion nicht verriet. Ich musste dringend auf die Toilette Nummer eins machen, aber musste erst noch herausfinden, mit wem Mama telefonierte. Mein Pipi musste warten.
»Daniel war immer ein fröhliches Kind«, erzählte Mama weiter. »Nach der Schule ist er zum Spielen auf den Hof runter, samstags hat er die leeren Pfandflaschen geschnappt, ist die Straße rüber zu Lidl gegangen und hat sie ganz alleine abgegeben. Das war immer sein Stückchen Freiheit. Doch selbst das schafft er heute nicht mehr. Wie oft sind wir früher an den Wochenenden, im Sommer, wenn schönes Wetter war, mit den Fahrrädern auf Tour gegangen. Wir konnten zwar nie weit fahren, weil Daniel dazu keine Kraft hatte, aber immerhin. Alles, was Spaß macht … was ihm Spaß machte, geht heute nicht mehr. Was hat er denn noch vom Leben? Er kann kein Fußball spielen, obwohl er das so gerne würde. Deswegen guckt er sich mit Martin auch keine Spiele mehr an, weil es ihn immer wieder an seine Einschränkungen erinnert. Er hat seinen Schutzmechanismus aktiviert. Nach außen findet er alles langweilig, aber ich sehe doch, wie sein kleines Herz daran zerbricht.«
Mama weinte wieder. Ich konnte das Pipi jetzt nicht mehr zurückhalten, ließ Rocky in die Küche flitzen und ging schnell aufs Klo. Als ich fertig war, ließ ich die gelbe Pfütze in der Schüssel, weil ich keinen Lärm machen wollte, setzte mich wieder neben die Tür und hörte weiter gespannt zu. Der Boden war noch ganz warm von meinem Popo.
»Daniel hatte sechs Herz-OP’s, vier Rücken-OP’s, dazu die Reflux-OP, den Hirnschaden, unzählige Untersuchungen. Fast jede Woche. Das Krankenhaus ist unsere zweite Heimat geworden. Die Zähne wurden ihm gezogen, weil sie durch die vielen Medikamente faul wurden. Alles unter Vollnarkose. Und mit jeder Narkose kam das große Zittern … Niemand wusste, ob sein Herz danach wieder anfängt zu schlagen. Die Operationen waren notwendig, und Daniel hatte immer Glück und wachte wieder auf. Aber seit Mai, seit er dem Tod gerade so von der Schippe gesprungen ist, sind seine Chancen stark gesunken. Jetzt stehen sie 70:30, dass er jede weitere OP nicht mehr überleben wird. Deswegen darf ihm nichts mehr passieren. Er darf nicht hinfallen, nicht stolpern und um Gottes Willen darf er sich nichts brechen. Ach, ich möchte nicht mit ihm tauschen. Sein Leben ist nicht mehr … ich meine … ich sehe ja, wie er eingeht. Mein Sohn hat sich vollkommen zurückgezogen, und die Momente, in denen er nicht mehr leben will, kommen auch immer häufiger.«
Dann sagte Mama nicht mehr so viel, nickte nur noch mit dem Kopf und schniefte in ihr Taschentuch. Mir wurde langweilig, und ich setzte mich neben Papa auf das Sofa. Er spielte Tennis auf der Wii.
»Mit wem telefoniert Mama?«, fragte ich nach einer Weile.
»Weiß nicht«, antwortete Papa. »Aber sie telefoniert schon seit einer Stunde.«
»Okay«, sagte ich und überlegte, wie lange eine Stunde ist, kam aber auf keine genaue Lösung. Die Ärzte sagen, ich habe kein Zeitgefühl. Das würde an den drei Blutgerinnseln in meinem Kopf liegen, vielleicht aber auch an etwas anderem.
»Kannst du nicht schlafen?«, fragte Papa.
»Nein«, sagte ich. »Wegen morgen, wegen Lars.«
Papa schlug den Ball ins Netz. Ich schaute ihm noch etwas zu, aber er hatte keinen guten Tag erwischt und verlor jedes Spiel. So eine Lusche! Er mag es nicht, wenn ich ihn so nenne, deswegen dachte ich es heimlich für mich. Lusche, Lusche, Lusche. Hihi.
Ich ging zurück ins Bad, spülte mein Pipi runter und wusch mir die Hände. Mama saß noch immer mit dem Telefon auf dem Bett. Ich gab ihr einen zweiten Gute-Nacht-Kuss. Sie nahm mich in den Arm, und ich freute mich, dass sie von meiner Spionageaktion nichts gemerkt hatte. Ich kann ziemlich gut schauspielern, wenn ich mich konzentriere. Nur lügen kann ich nicht. Dabei werde ich immer rot. Um ehrlich zu sein, hasse ich Lügen. Die Wahrheit zu sagen, hat außerdem einen großen Vorteil: Man muss sich seine Lügen nicht merken. Ich würde bloß alles durcheinander bringen. Irgendwann kommt ja eh alles raus, und dann wird es nur noch schlimmer. Ich möchte nicht, dass die Menschen, die ich lieb habe, mich anlügen. Deswegen lüge ich sie auch nicht an. Das gehört sich nämlich so.
Mama lächelte mich mit ihren verheulten Augen an, und ich flitzte schnell in die Küche, um meine Tabletten für das Frühstück vorzubereiten. Damit würde ich ihr eine Freude machen, denn normalerweise versuche ich mich immer davor zu drücken. Ich hasse meine Tabletten. Ich hasse sie wirklich. Es sind so viele, und sie schmecken so eklig. Jeden Morgen schreit mich Mama an, wann ich es endlich begreifen würde, dass ich ohne sie nicht leben könne, aber ich denke mir jedes Mal: »Scheiß drauf, sterbe ich eben!«
Mama weckte mich, wie immer, wenn ich Schule habe, um 6.15 Uhr. Grummelig knipste sie das Licht in meinem Zimmer an. Sie kann nachts kaum schlafen, weil Papa ganz laut schnarcht. Deswegen bleibt sie jeden Abend so lange auf der Couch sitzen und spielt mit ihrem Computer, bis ihre Augen von selbst zufallen. Bei uns bleiben nachts alle Türen offen, damit meine Eltern mich im Notfall hören können. Mein Zimmer liegt direkt neben der Wohnungstür, also am anderen Ende des Flurs, und trotzdem kann ich Papas Geschnarche bis zu mir hören.
Mama schlurfte in ihrem Morgenmantel in die Küche und setzte gähnend Kaffee auf. Ich gab ihr einen Kuss, rannte ins Bad, zog dort meinen Schlafanzug aus, wusch den Schlafsand aus meinen Augen, machte Pipi und putzte mir sogar die Zähne. Ich hatte keine Lust auf Ärger. Ich war supergut drauf, packte die Essensbox mit den Käsebroten und dem hartgekochten Ei in meine Tasche und stand mit einem breiten Grinsen fertig angezogen vor Mama.
»Heute ist also der große Tag«, lachte sie und lehnte sich gegen den Kühlschrank.
Ich nickte heftig und wäre am liebsten in die Luft gesprungen, aber dann hätte Mama geschimpft, ich solle mir meine Kräfte einteilen, also schüttelte ich nur mit dem Kopf. Mir wurde etwas schwindelig davon.
»Hier, deine Tabletten.«
Ich nahm die Schachtel und schob sie in meine Tasche, rechts neben die Essensbox. Es war 6.52 Uhr.
»Mama, bekomme ich noch Geld?«
»Zieh dir lieber deine Schuhe an, oder willst du den Bus verpassen?«
Ich schlüpfte in die Schuhe und hielt sie Mama hin, damit sie die Schnürsenkel zubinden konnte. Ich kann das zwar selbst, aber Mama kann es besser.
»Ich brauche Geld für Rewe«, sagte ich.
»Du sollst dir nicht immer Chips kaufen. Du weißt doch, was der Doktor gesagt hat.«
Ich hörte gar nicht zu. Mama gab mir drei Euro. Ich steckte die beiden Münzen in meinen Geldbeutel, öffnete die Haustür und rief: »Tschühüüs«.
»Hast du nicht was vergessen?«, rief Mama zurück.
Ich tat so, als würde ich überlegen, da reichte sie mir auch schon die Tasche mit dem Sauerstoffgerät durch die Wohnungstür.
»Brauche ich heute wirklich nicht«, winkte ich ab. »Mir geht’s gut, Mama.«
»Keine Diskussion, Daniel. Du nimmst deinen Sauerstoff mit und jetzt Abmarsch!«
Na ja, einen Versuch war es wert gewesen. Ich hängte mir die Tasche um die Schulter und ging den kleinen Weg bis hoch zur Straße. Jetzt war es genau 7 Uhr und der Schulbus kam auf die Minute pünktlich um die Ecke gebogen.
Am Eingang der Schule begrüßte ich meine Lehrerin, die sich mit einem Sanitäter unterhielt, und fuhr mit dem Fahrstuhl nach oben. Wegen meines schwachen Herzens darf ich nämlich keine Treppen steigen. Mein Klassenzimmer liegt im ersten Stock, gegenüber den Toiletten.
»Hallo, Daniel«, begrüßte mich Alexej, der als Erster da war, aber ich gab ihm keine Antwort. Ich war noch sauer auf ihn, weil er sich in letzter Zeit mir gegenüber sehr gemein verhielt. Dabei hatten wir uns immer gut verstanden. In den Pausen half ich ihm oft, seinen Rollstuhl zu schieben, und er erzählte mir dafür lustige Schweinkramwitze. Mit Ausdrücken und so. Aber damit war jetzt Schluss. Es ist nämlich so: Ich lese gerne vor. Mir macht das Spaß, aber ich kann es eben nicht so gut. Wenn unsere Deutschlehrerin fragt, wer gerne aus einer Geschichte vorlesen möchte, hebe ich trotzdem meinen Finger. Letzte Woche hörte ich aus seiner Ecke ein Stöhnen: »Nicht schon wieder Daniel. Der liest doch wie ein Baby.« Ich versuchte, mich davon nicht ablenken zu lassen, aber ich mache wirklich noch viele Fehler. Manchmal benötige ich drei oder vier Anläufe, um einen Satz vorzulesen. Alexej rief etwas dazwischen, und die anderen Schüler lachten über mich. Ich wurde traurig und konnte mich nicht mehr konzentrieren und fing an, noch mehr zu stottern, bis ich schließlich gar kein Wort mehr rauskriegte.
Wortlos ging ich an Alexej vorbei, hängte meine Jacke an den Kleiderhaken im Vorraum und schob die Sauerstofftasche an ihren festen Platz unter das Regal mit den Bunt- und Filzstiften. Dann setzte ich mich ans Fenster und hoffte, dass dieser Schultag schnell zu Ende ging und ich endlich ins Hospiz durfte.
Der Grund, warum ich an vier Tagen in der Woche ins Hospiz gehe, ist derselbe, warum ich den Ärzten und Krankenschwestern erlaube, mir Spritzen in die Arme zu jagen: Ich will meine Mama glücklich machen. Es gibt nämlich nur eins auf der Welt, das beschissener ist, als mit fünfzehn an Herzversagen zu sterben, und das ist, ein fünfzehnjähriges Kind zu haben, dem das Herz versagt. Ich mache das alles nur noch wegen Mama. Es klappt nicht immer, aber ich gebe mir Mühe. Noch schlimmer als die Schmerzen sind nämlich die vielen Tränen, die sie jeden Abend heimlich wegen mir vergießt. Sie denkt zwar, ich sehe das nicht, aber ich bin ja nicht blind. Ich sehe und höre alles, was in unserer Wohnung passiert. Auch die lustigen Sachen. Manchmal werde ich nachts wach und höre Mama stöhnen. Dann haben meine Eltern Sex. »Na, hat’s Spaß gemacht?«, grinse ich am nächsten Morgen. Zuerst tut Mama immer so, als wüsste sie nicht, wovon ich spreche, aber dann kann sie sich ihr Lachen doch nicht verkneifen und sagt: »Und wie!« Ich drehe mich dann schnell um und halte mir die Ohren zu, weil mir das peinlich ist. Ich finde das so eklig und will mir das gar nicht so genau vorstellen. Bäh! Wenn normale Paare Sex haben, ist das ja in Ordnung, aber doch nicht die eigenen Eltern! Eines Tages will ich das auch machen. Ich habe schon ein Kondom in meinem Zimmer versteckt. Es liegt in der Kommode, in der zweiten Schublade von oben, in der braunen Box, wo ich meine Walt-Disney-Sammelbilder aufbewahre. Dort findet es Mama nie. Auf der Verpackung steht, dass es noch bis 2015 haltbar ist. Ich muss mich also nicht beeilen. Einmal, als wir alle vor dem Fernseher saßen, habe ich gesagt, dass ich auch gerne mal »ficken« würde. Da hat Mama laut gelacht und gesagt, dass meine Salami dafür noch viel zu klein sei. Leider kann ich niemanden fragen, ob das stimmt, deswegen muss ich es eines Tages einfach selbst herausfinden.
Wenn ich also im Hospiz bin, kann Mama während dieser Zeit in Ruhe arbeiten gehen. Sie muss ja auch für uns Geld verdienen. Nicht nur Papa. Und weil ich niemals alleine sein darf, holen mich dann zwei Leute aus dem Hospiz mit ihrem Krankentransporter von der Schule ab und bringen mich zwischen 18 und 19 Uhr wieder nach Hause. Es ist eigentlich ganz schön dort. Ich kann spielen und zu Rewe gehen, doch hätte ich eine Wahl, wäre ich lieber gesund. Aber es ist schon okay. Ich weiß, dass man sich sein Leben nicht aussuchen kann. Mama sagt immer: Alles kommt, wie es kommt.
Lars gab mir seinen Schal, sein Handy und seinen Geldbeutel, und ich verstaute es neben meinen Sachen. Dann fiel mir sein Koffer auf, und ich wurde böse. Er war erst fünf Minuten hier und hatte schon gegen die Hospizregeln verstoßen. Ich wollte ihm sofort die Meinung sagen, aber dann überlegte ich, dass er es ja nicht wissen konnte. Ich atmete tief ein und aus und beruhigte mich wieder. Lars hatte seinen Koffer direkt neben der großen Trauerkerze abgestellt, was verboten war. Die Flamme wurde zwar durch eine Glaskuppel geschützt, wenn aber sein Koffer umgefallen wäre, hätte er richtig Ärger bekommen. Hauptsächlich von mir. Wir hatten die Kerze für Maike angezündet, die kurz zuvor gestorben war. Die Kerze ist ein Symbol dafür, dass wir sie nicht vergessen und immer noch lieb haben, auch wenn sie jetzt nicht mehr bei uns auf der Erde sein konnte. Auf ihrer Beerdigung haben alle geweint. Ich nicht. Ich weine nicht mehr. Okay, wenn ich richtig viel Angst habe, dann schon, aber das sind andere Tränen. Man kann ja auch vor Glück weinen oder beim Zwiebelschälen. Aber weint man als Kind auf einer Beerdigung, dann machen sich die Erwachsenen gleich unendlich viele Sorgen und fangen selbst an zu weinen, und das möchte ich nicht. Man kann auch ohne sichtbare Tränen weinen. Mir ist das lieber. Maike wurde nur zwei Jahre alt. Ich denke oft an sie, vor allem, wenn es regnet. Dann frage ich mich, ob es ihr im Himmel besser geht? Ganz bestimmt.
Ich rollte Lars’ Koffer auf die andere Seite des Gangs, und als ich in die schöne goldene Flamme schaute, dachte ich an den Tag ihrer Beerdigung. Ich sei so ein tapferer Junge, dass ich mir diesen schweren Weg auf den Friedhof antun würde, sagten die Erwachsenen. Ich nickte nur, damit sie mich in Ruhe ließen. Alles, was ich in dem Moment dachte, war: Wovon bitte reden die? Selbstverständlich gehe ich auf Maikes Beerdigung. Sie war meine Freundin, auch wenn wir nie ein Wort miteinander gewechselt hatten. Das mussten wir auch nicht. Ich hielt sie im Snoozle-Zimmer im Arm, wir lächelten uns gegenseitig an, und alles war okay. Ich meine wirklich okay und nicht so, wenn die Erwachsenen das sagen. Dann ist nämlich meistens gar nichts okay. Viele Eltern schauten mich ganz mitleidig an, als ich an ihrem Grab stand. Meiner Mama fiel das auch auf. Es wissen ja alle Bescheid über mich. Als Mama anfing zu weinen, nahm ich schnell ihre Hand, um ihr zu zeigen, dass ich noch ein bisschen für sie da sein würde. Ja, ich werde sterben. Bald wahrscheinlich. Und jetzt? Ich kann nichts dagegen tun, aber ich brauche kein Mitleid. Das hilft mir nicht. Die Erwachsenen verstehen das aber nicht.
Ich nahm Lars an die Hand und führte ihn überall herum. Im Hospiz gibt es viele verschiedene Räume: die Küche, die Toiletten, das Musik- und Snoozle-Zimmer, die Krankenstation, den großen Spielbereich und den zweiten Stock mit dem Wintergarten. Da können sich die Eltern ausruhen. Normalerweise ist dieser Bereich für Kinder verboten, aber Ester machte eine Ausnahme, weil ich an dem Tag das einzige Kind war und Lars ja wirklich alles zeigen wollte. Er sagte nicht sehr viel. Ich glaube, er wollte nichts falsch machen, so wie die meisten Erwachsenen, aber wenigstens behandelte er mich nicht wie ein Baby. Wir spielten vier Runden Tischfußball, immer bis zehn, von denen ich jede Runde haushoch gewann. Lars war echt eine Lusche. Aber das würde ich ihm schon noch beibringen.
Ich fragte: »Wie lange bleibst du bei mir?«
Er sagte: »Bis Freitag.«
Ich rechnete. Das waren vier Tage. Krass! Und dann lächelte Lars und sagte: »Also, wenn du es so lange mit mir aushältst.«
»Ja, werde ich«, sagte ich schnell. »Ganz bestimmt.«
Die Woche war gerettet.