9
In der Schule lief alles wie immer. Die ersten beiden Stunden hatte ich schon geschafft. Ich stand in der Mitte des Pausenhofs und schaute in den Himmel. Er war klar und schön hellblau, ganz ohne Wolken. Die Sonne schien so warm, dass ich meine Jacke oben am Haken lassen durfte. Wie lange ich dort stand, weiß ich nicht mehr, weil ich ja kein Zeitgefühl besitze. Ich kann zwischen einer Minute und einer Stunde nicht unterscheiden. Für mich fühlt sich die Zeit immer gleich an. Zum Glück gibt es den Pausengong, sonst würde ich wahrscheinlich gar nicht mehr ins Klassenzimmer zurückkehren. Als ich so in den Himmel blickte, und die Sonne auf mich herab schien, spürte ich einen tiefen Frieden in meinem Herzen. Es war Maike. Es war ihr Lächeln. Es waren ihre Sonnenstrahlen, die sie auf die Erde schickte. Nur für mich.
Als der Schulbus mich zu Hause absetzte, winkte mir Mama schon vom Küchenfenster zu. Sie hatte mir eine Hühnersuppe gekocht und brachte sie in mein Zimmer.
»Was ist denn?«, fragte ich sie, denn sie starrte mich so komisch an.
»Martin hat dich wirklich sehr lieb«, sagte sie.
Ihre Hände hatte sie wie diese buddhistischen Mönche zusammengefaltet. Mir sauste das Geräusch durch den Kopf, das sie beim Beten immer machen – ohmm – und fand das so witzig, dass ich mich fast an einem Stück Hühnchen verschluckte.
»Ich weiß, manchmal ist er wie ein Vulkan, der einfach so ausbricht, und dann brüllt er laut herum, aber er macht das doch nur, weil er sich Sorgen um dich macht. Verstehst du das?«
Ich wusste nicht, ob ich es wirklich verstand. Deswegen sagte ich: »Weiß nicht.«
»Daniel, weißt du denn nicht, dass er dich lieb hat? Er tut so viel für uns.«
Ich zuckte mit den Schultern und sagte: »Okay.«
»Die Miete, deine Medikamente, deine Klamotten, das Essen, die fünf Euro, die ich dir jeden Tag mit in die Schule gebe, damit du dir was Süßes kaufen kannst … Glaubst du, das kommt alles vom Himmel gefallen?«
Nein, vom Himmel kam das nicht gefallen. Mama gab sie mir aus ihrem Geldbeutel, also sagte ich: »Nein, sie kommen aus deinem Geldbeutel.«
»Und von wo habe ich das Geld, du Schlauberger?«
Ich glaubte, die Antwort zu wissen, war mir aber nicht sicher, also fragte ich: »Aus dem Geldautomaten?«
»Ach, Daniel, verarschen kann ich mich selbst. Ich bekomme das Geld auch von Martin. Ohne ihn könnten wir uns nichts leisten, gar nichts. Ich verdiene im Café nur 400 Euro im Monat.«
»So viel?«, sagte ich und stellte mir vor, was man für 400 Euro alles kaufen könnte.
»Martin arbeitet so hart, weil er uns lieb hat, und es wäre schön, wenn du ihm das auch mal zeigen würdest.«
Ich sagte: »Okay.«
Dann ging ich zu Papa, der auf der Couch vor seinem Computerspiel saß und drückte ihn fest. Ich sagte auch: »Hab dich lieb, Papa.«
»Ach, auf einmal hast du mich wieder lieb?«, lachte er laut. »Na, bin schon gespannt, wie lange das anhält.«
Mama stand in der Tür und sah zufrieden aus. Ich boxte sie aus Spaß in die Seite, rannte quietschend in mein Zimmer zurück und loggte mich bei Facebook ein – keine neuen Freundesanfragen. Ich habe schon 139 Freunde gesammelt, aber die meisten kenne ich gar nicht persönlich. Manchmal, wenn ich ganz einsam bin, poste ich etwas und warte, bis jemand etwas antwortet, aber meistens schreibt überhaupt niemand zurück. Außer Mama, aber das ist mir ein bisschen peinlich, weil es ja jeder lesen kann. Ich schickte Lars eine Nachricht, dass ich ihn vermisse, schaltete meinen Computer aus und knipste das kleine Licht an meinem Schreibtisch an. Der Strahl der Lampe leuchtete direkt auf mein neues Lieblingsbuch: Der träumende Delphin. Dass ich es so mochte, hatte vier Gründe:
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Weil der Delphin mit Vornamen Daniel heißt, so wie ich. Sein voller Name lautet Daniel Alexander Delphin.
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Weil Daniel Delphin noch ein Kind ist, so wie ich.
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Weil Delphine zu meinen Lieblingstieren gehören (unser Badezimmer ist voll von ihnen: Duschvorhang, Seifenspender, Klobürste, Wand- kacheln)
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Weil Lars mir das Buch geschenkt hat.
Der träumende Delphin handelt von einem jungen Delphin, der die Welt entdecken möchte, aber seine Delphin-Familie lässt ihn nicht alleine raus aufs offene Meer schwimmen. Sie glauben, dass es dort sehr gefährlich sei und vor bösen Ungeheuern nur so wimmele: fiese Haie, riesige Monster und so. Daniel verlässt das Rudel trotzdem, obwohl ihn all seine Freunde warnen, und erlebt dann viele aufregende Abenteuer. Ich glaube, er ist auf der Suche nach einer besonderen Welle, durch die er surfen kann, aber soweit habe ich noch nicht gelesen (ich bin erst auf der zweiten Seite). Ich wünschte, ich könnte auch einfach so meine Koffer packen und nach Berlin fahren. Aber das geht nicht. Ich bin genauso eingesperrt wie die armen Delphine in diesen blöden Delphinarien. Im Fernsehen habe ich gesehen, dass Delphine, die in Gefangenschaft gehalten werden, nicht an Futtermangel sterben oder so, sondern an Einsamkeit. Ich kann sie wirklich gut verstehen. Sie wünschten, sie könnten rausschwimmen, in die Freiheit, aber so sehr sie sich auch anstrengen, ihre Nase knallt immer wieder gegen eine unsichtbare Wand. Am Anfang probieren sie es noch, aber dann merken sie, dass es keinen Sinn macht, außer dass die Schmerzen an der Nase und im Herzen immer größer werden. Und wenn sie erkennen, dass es ihr Leben lang nie anders sein wird, fangen sie an zu sterben. Ganz langsam. Wie bei mir. Wie soll man so nur die Hoffnung behalten? Ich schlug das Buch auf und las mir selbst daraus vor, ganz leise: Und die Stimme des Meeres drang direkt in Daniels Herz: Gerade in der größten Verzweiflung hast du die Chance, dein wahres Selbst zu finden. Genauso wie Träume lebendig werden, wenn du am wenigsten damit rechnest.
Ja, das wäre wirklich schön. Ich meine, wenn Träume wirklich lebendig werden könnten. Die Tage wären so viel leichter zu ertragen. Man müsste eine Maschine erfinden, die das echte Leben in ein paradiesisches Leben umwandelt. Leben rein, umrühren, Traum raus. Mama sagt immer: »Man kann nicht alles haben.« Alles möchte ich auch nicht. Nur ein bisschen was davon.
Am nächsten Morgen stand Lars um 8.30 Uhr mit einem silbernen Audi Quattro vor unserem Haus. Er war schon ganz früh aus Berlin losgefahren, nur um mich zu überraschen. Ich hüpfte vor Glück. »Hast du davon gewusst?«, schrie ich Mama an, die sich sofort lachend wegdrehte.
Um 9 Uhr hatte ich nämlich einen wichtigen Termin im Krankenhaus, und Lars sagte, dass er extra gekommen sei, um mir beizustehen. Weil Brüder das so machten. Das fand ich toll. Ich weiß ja, wie gerne er morgens ausschläft. Ich drückte ihn so fest ich konnte, und er erlaubte mir sogar, vorne zu sitzen.
»War ja klar, dass ich wieder in die zweite Reihe muss«, sagte Mama aus Spaß und ließ sich auf die Rückbank plumpsen.
Lars ließ den Motor laut aufheulen. Ich klatschte wie wild in die Hände und lachte: »Hahaha, jetzt macht sich Mama in die Hose. Hose. Hoooose.«
Dann grinste er von der Seite, gab Gas, die Reifen quietschten, Mama schrie irgendwas von hinten, und ich war es plötzlich, der sich fast in die Hose machte. Boah, war das geil! Ich bemerkte ziemlich schnell, dass Lars nicht angeschnallt war, was ich überhaupt nicht in Ordnung fand.
Ich schaltete die Musik aus, drehte mich zu ihm und sagte: »Bitte leg dir den Gurt um, bitte, bitte. Ich möchte nicht, dass du stirbst, wenn wir einen Unfall bauen.«
»Mach ich, tut mir leid«, sagte er leise.
»Und bitte fahr vorsichtig.«
»Ist okay.«
Immer wenn wir an einer Ampel hielten, ging automatisch der Motor aus, was mich etwas irritierte, aber Lars erklärte mir, dass das bei den meisten neuen Autos jetzt so sei, um Benzin zu sparen. Ich kannte das nicht. Das Auto meines Papas ist eine alte Gurke. Aber es fährt. Er sagt immer: »Solange sie uns von A nach B bringt, gibt es keinen Grund zu meckern.« Tue ich auch nicht. Ich glaube, dass Papa gerne einen Mercedes fahren würde. Aber wie sagt Mama: »Man kann nicht alles haben im Leben.«
Wir parkten das Auto in der Straße vor dem Krankenhaus und mussten noch ein paar Meter eine kleine Allee entlanglaufen. Lars hatte sich die Sauerstofftasche umgehängt, damit Mama sie nicht tragen musste. Ich ging extra etwas schneller, damit ich mit keinem der beiden reden musste. Ich brauchte einen Augenblick für mich allein.
Um 8.57 Uhr betrat ich, ohne mich umzusehen, den Haupteingang. Mama kannte den Weg ebenso auswendig wie ich.
»Warum muss ich wieder ins Krankenhaus?«, hatte ich Mama gefragt, bevor Lars uns abholen kam. Natürlich kannte ich den Grund – zur Blutabnahme, aber Mama wusste ganz genau, was ich damit wirklich meinte. Ich frage sie das ja immer wieder, und noch nie hatte sie mir eine Antwort geben können. Eine richtige Antwort, meine ich. Die Ärzte können mir nicht mehr helfen. Alles, was sie tun, ist bedeutungslos. Ich weiß das, Mama weiß das, der liebe Gott weiß das sowieso. Trotzdem macht Mama immer weiter diese beschissenen Termine aus, schleppt mich auf leeren Magen (was ich hasse!) ins Todeshaus, nur um zwei Wochen später alles zu wiederholen. Warum tut sie mir das an? Wenn die Ärzte wenigstens etwas finden würden! Aber das tun sie nie. Nie, wirklich nie! Alles, was sie machen, ist ihr eigenes Gewissen zu beruhigen. Sie glauben, ich durchschaue sie nicht, weil ich noch ein Kind bin. Aber da sind sie schiefgewickelt. Das Problem ist nur, ich kann nichts dagegen tun. Weil ich erst fünfzehn bin.
Wir mussten nicht lange im Wartezimmer bleiben, eine Viertelstunde vielleicht, bis eine Krankenschwester, die ich noch nie gesehen hatte, meinen Namen rief.
»Ich gehe alleine«, sagte ich, weil ich vor Lars tapfer sein wollte. Mama und er setzten sich wieder. Ich hatte mir fest vorgenommen durchzuhalten, aber als sich die fremde Krankenschwester im Behandlungszimmer ihre Handschuhe überzog und Begriffe verwendete, von denen ich noch nie etwas gehört hatte, und so eigenartig guckte, kamen plötzlich die Monster zurück, und mit ihnen die schlimmen Erinnerungen. Ich konnte nicht mehr.
»Ihr Arschlöcher«, schrie ich sie an und rannte aus dem Raum durch den Gang. »Lasst mich in Ruhe. Ich mach das nicht mehr mit.«
Die Frau an der Rezeption schaute mich an, schweigend und hilflos. Mama und Lars kamen mir entgegen, und ich drehte mich um, um in die andere Richtung zu flüchten, aber von da kam die Krankenschwester. Ich hockte mich auf den Boden und hielt meine Hände vors Gesicht. Niemanden sehen! Hören konnte ich sie leider. Sie sprachen auf mich ein und meinten es nur gut und wussten alles besser. Es würde doch gar nicht wehtun und dauerte nur eine Sekunde. Heuchler! Mama packte mich am Arm, aber ich riss mich schnell los und rannte weg. Ich wäre am liebsten in ein Raumschiff gestiegen und weit weg geflogen, aber ich schaffte es nur bis in den Innenhof. Lars kam hinter mir her.
»Soll ich wieder gehen oder darf ich bleiben?«
»Du darfst bleiben«, sagte ich und lief im Kreis herum. Ich sah Mama, wie sie durch das Fenster zu mir nach draußen schaute und drehte mich schnell weg.
»Was denkst du gerade?«, fragte Lars.
»Ich könnte ihnen so eine in die Fresse hauen.« Ich konnte nicht still bleiben, tippte irgendwelche Zahlen in mein Handy und lief wieder umher. Mama winkte, dass ich reinkommen sollte, aber ich schüttelte nur mit dem Kopf und rief: »NEIN!«
Dann kam sie raus: »Komm bitte! Die warten auf dich.«
»Scheiß drauf«, sagte ich leise vor mich hin und ging auf Mama zu, weil ich sie ja trotzdem liebhatte. »Ich mach das nicht mehr mit.«
Mama hörte mir gar nicht zu. Sie hielt mir nur die Tür auf. »Geh du mal mit Lars rein, weil ich … ich hab gerade richtig Herzklopfen.«
»Daniel, komm, wir machen das«, versuchte Lars mir Mut zuzusprechen, und ich trampelte lautstark ins Todeshaus zurück.
Die fiese Krankenschwester wartete schon auf mich, aber es dauerte keine zwei Minuten, bis ich wieder Reißaus nahm. Dieses Mal floh ich über die Treppe nach oben. Ich hatte so unvorstellbare Angst. Mir kamen die Tränen, so schlimm war es. Ich wollte nicht weinen, nicht vor Lars, der schon wieder neben mir stand und meinen Kopf streichelte, aber die Angst hatte mich besiegt. Ich lehnte mich gegen das Fenstersims und schaute nach draußen. Mama stand im Innenhof und rauchte. Ich zitterte am ganzen Körper und wischte mir mit dem Ärmel meiner Jacke die Tränen aus dem Gesicht.
»Wollen wir zusammen gehen?«, sagte Lars, und seine Worte hallten durch die hohen Krankenhausdecken.
Ich schüttelte den Kopf und schluchzte: »Ich will diese Scheiße nicht machen.«
Lars kraulte meinen Nacken, und nach einer Weile fragte er: »Wovor hast du denn Angst?«
Mir liefen noch mehr Tränen. »Wegen. Die. Sem. Finger. Pieks.«
»Das dauert eine Sekunde, dann ist es vorbei«, sagte Lars, aber er hatte überhaupt keine Ahnung, wovon er sprach. Er war damals nicht dabei, als sie mir nur ganz schnell Blut abnehmen wollten und mir dann ohne Vorwarnung Spritzen in die Finger jagten. Mama rauchte immer noch.
Lars kraulte meinen Nacken. So standen wir da, eine Minute, zwei Minuten, vielleicht waren es auch zehn. »Wollen wir es zusammen probieren?«
Es kamen keine Tränen mehr. Ich drehte mich um und sagte: »Ich hole jetzt mein Zeug, und dann verschwinde ich hier.« Aber wohin hätte ich schon verschwinden können? Ich wusste, dass ich nicht weglaufen konnte. Mit jeder Träne, die aus meinem Körper tropfte, verschwand auch ein kleines bisschen meiner Kraft. Und ich hatte schon viel geweint an diesem Morgen. Mama, Lars, ein Arzt und zwei Krankenschwestern standen jetzt um mich herum. Ich flehte sie an: »Bitte lasst mich in Ruhe. Bitte, was habe ich euch getan?«
Die Monster trieben mich in den Wahnsinn. Ich war kurz davor, die Kontrolle zu verlieren, und rannte wieder auf den Innenhof, wo auch die Tränen wieder kamen. Mama hinterher. »Ich gehe da nicht wieder rein«, schrie ich sie an. »Nie mehr!«
»Komm mal bitte her«, sagte sie ruhig und ging langsam auf mich zu.
»Ich hasse dich, dass du mir das antust. Mama, warum nur?«
Dann blieb sie stehen und sagte: »Komm mal bitte her!« Ich schlurfte zu ihr, völlig leer und kraftlos. »Es reicht«, sagte ich und drückte mich gegen Mama, in der Hoffnung, dass sie mich retten würde.
»Ich weiß«, sagte sie und nahm mich in den Arm. »Aber weißt du, was das Problem ist? Wir müssen da jetzt mal schnell durch.«
Ich stampfte mit dem Fuß.
Mama sagte: »Ich bin bei dir.«
»NEIN!«, brüllte ich ein letztes Mal und befreite mich aus ihren Armen. »Ich will diese Scheiße nicht machen. Warum interessiert das denn niemanden?« Ich stand drei Meter von ihr entfernt, sah, wie auch ihr jetzt die Tränen liefen. Sie holte ein Taschentuch aus ihrer Jackentasche, kam einen Schritt auf mich zu und reichte es mir. Ich umarmte sie mit meiner letzten Kraft und sagte: »Warum macht ihr mir alle Hoffnung? Es gibt keine Hoffnung.«
Ich konnte mich nicht mehr wehren. Ich hatte es versucht, aber jetzt gab ich auf. Dann gingen wir zu dritt wieder rein, direkt in den Behandlungsraum. Ich gab Mama ein Zeichen, dass sie im Gang warten sollte. Nur Lars und ich.
»Wer sind eigentlich Sie?«, fragte ihn der Arzt. Lars gab ihm keine Antwort. Ich weiß auch nicht, wieso. Vielleicht wollte er einfach nicht mit diesen Doofköpfen reden. Das fand ich gut, sehr gut sogar.
»Sind Sie ein Angehöriger?«, fragte der Arzt wieder.
Ich stand auf, stellte mich schützend vor ihn und sagte stolz: »Das ist mein Bruder! Ohne ihn gehe ich nirgendwohin. Damit das klar ist!«
Lars lächelte, der Arzt nickte, und ich machte ihn stöhnend darauf aufmerksam, dass ich gegen die normalen Pflaster noch immer allergisch sei. Fünf Minuten später war es überstanden.
»Alles erledigt«, klatschte Lars gutgelaunt in die Hände, als wir zu Mama ins Wartezimmer kamen.
»Jetzt gehen wir erst mal schön frühstücken. Kaffee, frischgepresster Orangensaft, Brötchen, Rühreier mit Speck. Yeah, let’s go!«
Ich setzte mich neben Mama, legte mich in ihren Schoß und sagte genervt: »Der hat ja keine Ahnung!«
Der Wecker stand schon auf dem Tisch und tickte. Jetzt hieß es nämlich: eine Stunde warten, zur Blutabnahme, wieder eine Stunde warten, und ein drittes Mal zur Blutabnahme.
Meine Sauerstoffwerte sackten plötzlich ab, und Mama musste die Sauerstoffflasche aus der Tasche holen. Ich wollte die Scheiße nicht inhalieren, obwohl es mir nicht gutging. Ich wollte es nicht, stand auf und schlurfte ganz langsam zur Pinnwand. Neben den üblichen Broschüren mit Medizinkrams hingen dort auch jede Menge gelbe und rosa Zettelchen: eine Kontaktbörse für kranke Kinder. Ich las sie alle durch, aber die meisten Mädchen waren zu jung für mich. Bis ich darauf stieß:
Hallöchen!
Ich heiße Ayona und bin 15 Jahre alt. Habe seit einem Jahr Diabetes. Ich würde mich freuen, mich mit dir auszutauschen.
Ich schaute zu Lars, um ihn nach seiner Meinung zu fragen, aber der war damit beschäftigt, sich meinen Sauerstoff reinzuziehen. Er hatte es sich auf den Stühlen bequem gemacht und hielt sich entspannt mein Mundstück ans Gesicht. »Geiler Stoff, Alter!«, rief er mir zu. »Wenn du’s nicht willst, geb ich mir eben ’ne Dröhnung. Kein Problem!«
Ich blieb noch eine Weile stehen und starrte Löcher in die Luft, ging zurück und setzte mich neben ihn. Ich wollte nicht auch noch eine kranke Freundin haben. Es war sicher gutgemeint, überlegte ich, aber mit einem Mädchen wollte ich knutschen und fummeln und nicht über unsere Krankheiten reden.
»Gib schon her«, sagte ich leise zu Lars und atmete frische Luft ein.
Mama war nicht mehr so rot im Gesicht. Der Wecker tickte und tickte, und irgendwann klingelte er. Im Behandlungszimmer wurde mir schwindelig und übel, und ich kotzte Galle in den Mülleimer. Eine Krankenschwester brachte mich zu Mama und Lars zurück. Außer uns war niemand im Wartezimmer – Totenstille.
Durch die Fenster konnte ich eine Gruppe Kinder beobachten, wie sie vom Kiosk kamen und die Straße entlangliefen. Sie lachten. Bestimmt schwänzten sie gerade die Schule. Ich dachte an Lars und dass er bestimmt total hungrig war und er jetzt wegen mir hier sitzen musste. Ich tippte ihn an. »Bruder, hast du Hunger?«
»Könnte einen Bären verdrücken«, grinste er.
Ich zeigte ihm den Kiosk auf der anderen Straßenseite und sagte: »Hol dir doch ein belegtes Brötchen. Wir sitzen hier noch über eine Stunde.«
»Mach dir mal um mich keine Sorgen. Wir halten hier zusammen durch. Einer für alle und …«
»… alle für einen«, flüsterte ich und kuschelte mich zurück in Mamas Schoß.
Manchmal kann ich es fühlen. Wenn ich die Augen schließe und mich wie ein Baby zusammenrolle, weil die Schmerzen wieder unerträglich sind. Dann kann ich spüren, wie der liebe Gott mich testet. Er fragt mich: »Willst du wirklich schon aufgeben?« Mein erster Gedanke lautet immer: »Ja, und bitte mach es schnell.« Dann denke ich an etwas Schönes und hoffe, dass ich mit dieser Erinnerung in Ohnmacht falle und nicht mehr aufwache, was leider nie passiert. Lars sagt, dass man mit seinen Wünschen vorsichtig sein soll, denn sie könnten tatsächlich wahr werden. Wenn ich ihm nur glauben könnte.
Zum Glück war Lars mit dem Auto gekommen, und wir mussten uns nicht in den Bus zwängen. Ich mag Busfahren eigentlich, aber nicht, wenn es mir nicht gutgeht. Ich ließ Mama freiwillig vorne sitzen und legte mich auf die Rückbank. Es dauerte fast drei Stunden, bis mein Körper wieder einigermaßen zu Kräften kam. Ich war sofort in Partylaune.
»Aber zum Abendessen seid ihr wieder da!«, rief uns Mama im Befehlston hinterher, als wir schon in der offenen Haustür standen.
Lars und ich fuhren durch die Stadt, ohne ein bestimmtes Ziel. Wenn ich hübsche Mädchen sah, ließ ich die Scheibe an der Beifahrerseite herunter und rief ihnen hinterher: »Hey Chicas, wie wär’s heute Nacht?«
Die meisten guckten nur komisch oder zeigten mir den Vogel, aber genau darum ging es ja: Spaß haben und Leute verarschen. Ich fühlte mich wieder lebendig. Wenn ich zu Lars sagte: »Gib Gummi, Bruder!«, drückte er so lange aufs Gaspedal, bis ich wieder »Stop!« rief. Wir wurden bei unserem Spiel sogar zweimal geblitzt, aber Lars lachte nur, weil ihn das anscheinend nicht die Bohne interessierte. Papa wäre ausgeflippt. Zum Glück waren wir nicht mit seinem Auto unterwegs. Das hätte sonst richtig Ärger gegeben. Wenn Lars beschleunigte, und ich nach hinten in den Sitz gedrückt wurde, pochte mein Herz immer schneller. Zuerst hatte ich etwas Angst deswegen, aber dann war es nur noch geil.
»Weißt du, was wir in Berlin machen, wenn wir an einem Polizeiwagen vorbeikommen?«, fragte Lars, aber woher sollte ich das denn wissen? Er kam wohl darauf, weil wir gerade an einer Ampel standen und links von uns ein großer Polizeitransporter hielt. Ich schaute wieder zu Lars und schüttelte den Kopf. »Wir machen mit der rechten Hand das Westside-Zeichen, indem wir die Finger zu einem W überkreuzen und dann rufen wir: Fick die Polizei!«
»Das macht man so in Berlin? Wie geil ist das denn? Fick die Polizei! Fick die Polizei!«
Lars machte die Musik lauter, bog langsam in die Straße ein, wo die Reeperbahn liegt, und wir guckten den Prostituierten beim Rumstehen zu.
»Ist denen nicht kalt?«, fragte ich.
»Ich fürchte schon«, sagte Lars und lehnte sich halb über mich, um besser sehen zu können.
»Die Frauen tun mir leid.«
»Life is a bitch!«
»Was hast du gesagt?«
»Ich sagte: Let’s get rich!«
»Häh?«
»Bock auf’n Burger?«
Das verstand ich besser und freute mich schon, aber dann erinnerte ich mich daran, dass es bei Mama gleich Abendessen gab. Lars fragte, seit wann wir immer auf Eltern hören würden, und ich nickte mit einer Mischung aus Aufregung und schlechtem Gewissen. Ein kleiner Cheeseburger wäre schon nicht so schlimm, aber als Lars sich nur einen Gartensalat bestellte, sagte ich schnell: »Ich will alles, was du auch hast.«
»Und wenn ich hundert Big Mäcs essen würde?«, lachte er.
»Dann schaffe ich das auch.«
»Das will ich hören, Champ!«
Ich hatte noch nicht mal meine Schuhe ausgezogen, da platzte es auch schon aus mir heraus: »Mama, Mama, weißt du, was mir Lars gerade beigebracht hat? Fick die Polizei!«
Sie sah mich mit großen Augen an: »Wie bitte?«
»Ja, das sagt man so in Berlin: Fick die Polizei! Und dann macht man so, guck!«
Mama schickte eine Million Fragezeichen in Lars’ Richtung, der sich schnell beide Hände vor sein Gesicht hielt. Dann grinste er und sagte: »Weißt du, du lässt mich immer schön ins offene Messer laufen. Aber kein Problem, dafür bin ich ja da.«
Ich hüpfte um Mama und Lars herum und verstand nicht, wie er das meinte. Was denn für ein Messer?
»Ich muss das jetzt nicht verstehen, oder?«, fragte Mama irritiert, und Lars lachte nur und sagte: »Nein, ist alles okay. Ist ein Geheimnis unter Brüdern. Jedenfalls war es das bis jetzt.«
»Ach, scheiße«, entschuldigte ich mich. »Das war ein Geheimnis? Sorry, voll vergessen.«
»Schon okay«, lachte Lars.
Ich sah mich in der Küche um und sagte zu Mama, dass sie mir keinen Salat auf den Teller machen müsse, weil wir gerade von McDonald’s kämen …