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Mama war wegen der Weihnachtsfeier schon die ganze Woche aufgeregt. Ich auch. Aber nur ein bisschen. Als wir ins Hospiz kamen, waren bereits viele Leute da. Hauptsächlich Mütter und Kinder und viele ehrenamtliche Mitarbeiter. Einige kannte ich, einige nicht. Ester hatte als Ehrengast den Sänger einer Band eingeladen, die ich nicht kannte – Bro’Sis. Ich ließ mir von ihm trotzdem zwei Autogramme geben, eins für Lars und eins für mich. Man konnte ja nie wissen. Der Sänger war nett, weil er immer lächelte. Er hatte seine Tochter mitgebracht. Sie war vier Jahre alt und hieß Pearl (wie das Piratenschiff von Jack Sparrow). Ich spielte mit ihr. Sie war so richtig süß. Ich mag Kinder viel lieber als Erwachsene. Dann kam der Weihnachtsmann herein. Ich erschrak und starrte ihn mit überraschten Augen an. Früher in Südafrika war doch mein Papa, also mein richtiger Vater, immer der Weihnachtsmann. Und dieser Weihnachtsmann sah ganz genauso aus. Ich setzte mich neben Mama und fragte sie, ob das Papa sei, aber sie lachte nur, ohne richtig zu antworten. Während sich die anderen Kinder schon auf ihre Geschenke freuten, musste ich erst noch herausfinden, ob das wirklich mein echter Vater war. Also ging ich zu ihm und zog an seinem Bart. Der Weihnachtsmann war schon ganz alt und hatte einen richtigen weißen Bart – keinen falschen Bart, einen echten. Jetzt hatte ich den Beweis. Mein Vater war es nicht.
»Du bist aber alt«, sagte ich zu ihm.
Und der Weihnachtsmann antwortete: »Ho ho ho, das stimmt, mein junger Freund. Ich bin schon über 100 Jahre alt.«
Ich fragte zurück: »Von wo kommst du denn?«
Und der Weihnachtsmann antwortete: »Direkt vom Nordpol.«
Ich wusste nicht, wo das war, aber es hörte sich weit weg an.
»Bist du der echte Weihnachtsmann?«
Da fing der Weihnachtsmann an zu lachen.
»Aber natürlich bin ich der echte Weihnachtsmann, und wenn du dieses Jahr schön artig gewesen bist, habe ich auch ein hübsches Geschenk für dich in meinem Sack.«
Ich drehte mich um, weil ich nicht mehr wusste, was ich sagen sollte. Mama und die anderen Mütter nickten und klatschten und freuten sich. Ich setzte mich neben Mama, trank einen Schluck von meiner Apfelsaftschorle und dachte: Wahnsinn, der echte Weihnachtsmann ist heute hier. Wie hat Ester das wieder geschafft? Aber sie hatte ja auch Lars zu mir gezaubert, und so konnte ich mir dieses Wunder schon viel besser erklären.
Wir sangen Weihnachtslieder und sagten Gedichte auf. Ich bewegte aber nur meine Lippen, um meine Stimme zu schonen. Ich dachte schon längst an nächste Woche, wenn ich bei Lars in Berlin sein würde und einen richtigen Song in einem richtigen Tonstudio aufnehmen würde. Das stand nämlich auf unserer Liste. Das hatte ich extra nachgeguckt. Ich überlegte mir, zwei Lieder zu singen, aber Lars fand, ich sollte mich nur auf ein Lied konzentrieren, damit ich nicht alles durcheinander brachte. Zur Auswahl standen Diamonds von Rihanna (mein aktuelles Lieblingslied) und Ich wollte nie erwachsen sein von Peter Maffay (mein Lieblingslied von allen Lieblingsliedern). Ich entschied mich für Peter Maffay. Mama hatte mir auch schon den Text ausgedruckt, damit ich üben konnte. Ich wollte ja, dass mein Lied am Ende schön klingt. Und dazu brauchte ich all meine Kraft.
Als der Weihnachtsmann meinen Namen rief, musste ich mich erst wieder zurechtfinden, weil meine Gedanken ja schon in Berlin waren. Ich stand langsam auf und ging vorsichtig zu ihm. Er überreichte mir ein Paket, auf dem »Für Daniel« stand. Ich packte es aus, ein Gesellschaftsspiel: Was ist Was? Das kannte ich aus der Schule. Obwohl es für Kinder ab acht Jahre geeignet ist, weiß ich fast nie eine Antwort. Deswegen mag ich das Spiel nicht. Mama meinte, ich müsse mich trotzdem beim Weihnachtsmann bedanken. Ich wollte ihm noch sagen, dass er das Spiel anderen Kindern nicht zu schenken brauchte, weil es ja so schwer sei, aber ich traute mich nicht mehr, mit ihm zu sprechen. Weil er doch der echte Weihnachtsmann war. Dann saß ich ganz lange neben Mama. Irgendwas in meinem Kopf wollte raus, aber es fand den Ausgang nicht. Da ich mich nicht auf zwei Sachen gleichzeitig konzentrieren kann, blieb ich einfach sitzen und wartete. Als ich den Gedanken schließlich zu fassen bekam, fing ich an zu weinen. Mama und Franzi mussten mich in den Arm nehmen, aber ich sagte sofort, dass es Glückstränen waren, die aus mir rauskamen. Ich fand es so schön, dass der echte Weihnachtsmann zu uns gekommen war. Ich brauchte eben meine Zeit, um dieses Glück zu realisieren.
Zu Hause probierten Papa, Mama und ich das Spiel noch einmal in Ruhe aus, aber auch meine Eltern kannten kaum eine Antwort und so landete es in der Abstellkammer. Ich rief schnell Lars über Skype an, um ihm von meinem Tag zu erzählen, aber ich musste mich beeilen, weil unser Lieblingsverein, der FC Bayern, spielte. Es war das letzte Spiel des Jahres. Lars hatte schon sein graues FC-Bayern-T-Shirt mit dem roten Herz an. Ich legte schnell auf, zog ebenfalls mein Bayern-T-Shirt mit dem roten Herz an und rief ihn wieder zurück. Jetzt waren wir nicht nur Brüder, sondern sahen auch so aus. Lars in groß, ich in klein. Als ich uns im Partnerlook sah, war ich glücklich, richtig glücklich und dachte: Wahre Freunde sind nicht die, die du jeden Tag in der Schule siehst, sondern die, die in Gedanken immer bei dir sind und tiefe Fußabdrücke in deinen Träumen hinterlassen. In dieser Nacht schlief ich in meinem Bayern-T-Shirt mit dem roten Herz und alles war gut. Bis der Morgen kam. Und die Erinnerungen.