26
Die Ärzte erklärten mir, dass sich daran nie etwas ändern würde. In einem Moment würde es mir noch gutgehen und im nächsten sehr schlecht, dann plötzlich wieder gut, schlecht, gut, schlecht. Ich komme damit überhaupt nur zurecht, weil mein Kopf diese ständigen Gefühlsschwankungen nicht verarbeiten kann. Dort herrscht ein ziemliches Durcheinander. Wenn du bei jedem Herzstich denkst, dass es der letzte sein könnte, der Stich, der dich ins Grab bringt, dann kommst du dir so verloren vor. Niemand kann sich das vorstellen. Meistens gehe ich dann in mein Zimmer, um alleine zu sein, setze mich mit Anna auf mein Sofa und träume von einer schöneren Welt, einer Welt ohne Krankheiten und einer Welt, in der sich alle liebhaben. Manchmal frage ich mich, warum der liebe Gott nicht gleich so eine Welt erschaffen hat. Ich meine, eine Welt, wie sie nur in der Phantasie existiert. Das wäre so wunderschön.
Früher mochte ich Sonntage wirklich gerne, weil an Sonntagen Mama und Papa immer zu Hause waren und wir den ganzen Tag auf dem Sofa verbrachten. Heute mag ich sie nicht mehr so sehr, weil Lars sonntags oft zurück nach Berlin fährt und mich alleine lässt. In diesen Augenblicken bete ich zum lieben Gott, dass Lars mich anlächelt und sagt: »Bruderherz, pack deinen Koffer. Ich nehme dich mit!« Aber das wird wohl nie passieren. Dafür durfte ich mit seinem Auto fahren. Lars hatte extra für mich einen 5er-BMW mit automatischer Gangschaltung ausgeliehen, weil die einfacher zu bedienen ist und der Motor nicht ausgeht, wenn man etwas falsch macht. Auf dem Parkplatz von Aldi tauschten wir die Plätze. Mein Herz klopfte. Dann ging es los. Ich drückte mit meinem rechten Fuß aufs Gaspedal, das Auto bewegte sich, ich lenkte um die Kurven, gab wieder Gas, bremste, drückte auf’s Gas. Ich durfte zwar nur ein paar Minuten fahren, aber die fühlten sich wie Stunden an. Lars lobte mich, dass ich das richtig toll gemacht hätte, und wir klatschten uns ab. Dann setzte er sich zurück auf den Fahrerplatz und öffnete das Schiebedach. Ich zog meine Schuhe aus, um den Sitz nicht schmutzig zu machen, stellte mich aufrecht hin und streckte meinen Kopf aus dem Dach. Der Fahrtwind brauste mir ins Gesicht, und ich schrie so laut ich konnte. Vor Glück. Vor Freude. Vor Leben. Verdammt, fühlte sich das geil an! Lars fuhr immer schneller. Ich breitete meine Arme aus, schloss meine Augen und stellte mir vor, wie ein Adler durch die Lüfte zu fliegen. Zum Glück bin ich gestern noch nicht gestorben, freute ich mich in dem Moment. Zu Hause erzählte ich Mama von unserem Abenteuer, und sie war richtig stolz auf mich. Sie nannte mich »Daniel Schumacher«. Papa und Lars lachten darüber, aber ich kapierte mal wieder nicht warum. Ich zog meinen Astronautenschlafanzug an, legte mich ins Bett und schlief ein. Als ich am Abend aufwachte, um aufs Klo zu gehen, war Lars verschwunden. Meine Beine fühlten sich wie Wackelpudding an. Ich musste zwar nur Pipi, aber ich setzte mich trotzdem auf die Klobrille, weil ich kaum Kraft hatte, mich länger als ein paar Sekunden auf den Beinen zu halten. Und ich wollte nicht vorbei pinkeln. Dann kletterte ich zurück ins Bett. Mir ging es nicht gut, gar nicht gut. Reiß dich zusammen, sagte ich mir, als ich Josi ganz dicht an mich heranzog. Morgen ist schon wieder ein neuer Tag in der Traumfabrik. Neuer Tag, neues Glück.
Die Schmerzen blieben. Ich überstand die Schule und das Hospiz und war ziemlich stolz auf mich. Während des Mittagessens hatte ich komplett auf Fleisch verzichtet und keine Süßigkeiten gegessen, nur Erbsensuppe und etwas Salat, so wie Lars das gemacht hätte. Ich nahm mir heute vor, Vegetarier zu sein. Mama fand das eine gute Idee und nahm mich gleich in den Arm und knuddelte mich. Ich wollte doch nur ein bisschen wie mein großer Bruder sein. Er hat alles, wovon ich träume: eine eigene Wohnung in Berlin, ein Auto, genug Geld für Partys, viele Freunde. Nur eine feste Freundin hat er nicht, aber dafür sorge ich schon noch. Das habe ich mir fest vorgenommen. Als Sondermission. Bevor ich sterbe.
Ich wählte seine Nummer.
»Schläfst du schon?«
»Nee, hab mir gerade eine Pizza geholt. Aber draußen ist es so arschkalt, dass sie schon wieder kalt geworden ist. Hab sie in den Ofen geschoben.«
»Ist sie vegetarisch?«, fragte ich.
»Klaro, eine Margherita. Und dazu gibt’s einen gemischten Salat mit Schafskäse und schwarzen Oliven.«
»Ich werde jetzt auch Vegetarier, so wie du.«
»Sehr gut«, lachte Lars. »Du weißt aber schon, dass gebratener Bacon, den du so liebst, auch Fleisch ist.«
»Echt?«
»Ja.«
»Scheiße.«
Dann lachten wir beide ganz laut.
»Bruderherz?«, sagte ich leise.
»Hmm, was’n los?«
Ich hörte, wie Lars seine Ofentür öffnete.
»Bist du noch traurig?«
»Nö, gerade nicht.«
»Das ist gut«, sagte ich. »Der schönste Weg, mich zum Lächeln zu bringen, ist nämlich, dich zum Lächeln zu bringen.«
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, um in die Schule zu gehen, war mein Kopfkissen voller Blut. Ich schreckte zusammen und dachte an etwas Furchtbares, aber dann merkte ich, dass ich nur Nasenbluten hatte. Ich wollte nach Mama rufen, aber mein Hals tat so weh, dass ich kaum sprechen konnte. Vorsichtig kam ich aus meinem Hochbett gekrochen und tapste ins Bad. Meine Speiseröhre brannte wie Feuer, mein Magen drehte sich und mit jedem Atemzug zog sich mein Brustkorb zusammen. Bitte lass das Monster nicht kommen, betete ich und nahm Mama an die Hand, um mich am Waschbecken zu übergeben. Als ich nicht mehr konnte, bereitete sie mir einen Zitronentee zu, aber nicht mal den bekam ich runter. Ich legte mich zu Rocky aufs Sofa. Die Katze drehte sich einmal im Kreis und kuschelte sich an meinen Bauch. Mama deckte mich zu. Keine Schule für mich. Ich schloss die Augen und träumte von einem kleinen Jungen und einem kleinen Mädchen. Der kleine Junge sagte: »Ich liebe dich.«
Das kleine Mädchen griff sich ans Herz und fragte: »So wie die Erwachsenen es tun?«
Der kleine Junge schüttelte den Kopf und antwortete: »Nein, meine Liebe ist echt.«
Abends ging es mir wieder etwas besser, und ich skypte mit Lars, der wie immer mit seiner grauen Kapuzenjacke an seinem Schreibtisch saß. Er zeigte mir ein Video, in dem Jay-Z die gleichen roten Nikes trug, die Lars mir geschenkt hatte. In der Schule war ich mit ihnen der König. Jedenfalls fühlte ich mich so. Ich wollte keine anderen Schuhe mehr anziehen. Nie mehr. Es ist nämlich ganz schön wunderbar, wenn dich plötzlich alle cool finden. Eigentlich doof, dass es dazu ein Paar Turnschuhe braucht.
Es war der 6. Dezember, ein beschissener Misttag. Für die anderen Kinder gab es Süßigkeiten, die der Nikolaus gebracht hatte, aber für mich gab es nichts. Die Krankenschwestern aus dem Hospiz erlaubten mir nicht, Pommes mit sauren Stangen zu essen, weswegen ich heulte und jeden anschrie, der mir in die Quere kam. Alle hatten sich gegen mich verschworen. Ich verstand nicht, warum ich bestraft wurde, obwohl ich nichts getan hatte. Mama erklärte mir später, dass es mit meinen Zuckerwerten zu tun hätte, die wieder schlechter geworden seien, aber das verstand ich auch nicht und schrie noch mehr. Türen flogen zu. Mama weinte jetzt auch. Und weil Mama weinte, musste ich auch wieder weinen. Ich rannte schnell zurück zu ihr und klammerte mich an ihren Bauch und sagte: »Tut mir leid, Mama.«
Nach einer Weile ging Mama in die Küche und feuerte eine Portion Chicken Wings in den Ofen, und als Papa von der Arbeit kam, aßen wir alle zusammen vor dem Fernseher. Ich schaffte vier Chicken Wings. Die restlichen drei schob ich auf Papas Teller rüber. Ich ging in mein Zimmer und guckte Berlin – Tag & Nacht. Meine Lunge fühlte sich an, als würde nicht genug Sauerstoff durch sie hindurchfließen, als würde ein mächtiges Tor den Weg nach innen verschließen. Das Atmen fiel mir schwer, und ich hustete wie ein sterbender Hund. Es tat weh, aber ich wollte Mama nicht rufen. Ich hatte ihr heute schon genug Kummer bereitet. Dann, als ich schon im Bett lag, geschah ein Wunder. Ich glaube, der Weihnachtsmann hatte damit zu tun, denn es passierte etwas, dass ich nicht für möglich gehalten hätte. Mama kam grinsend in mein Zimmer und gab mir den Telefonhörer. Lars war dran und verriet mir sein Nikolausgeschenk: »In zwei Wochen kommst du mich in Berlin besuchen, für drei Tage. Na, was sagst du?«
Was sollte ich schon sagen? Ich drückte Mama so fest ich nur konnte und bedankte mich sofort beim lieben Gott, dass er meine Gebete erhört hatte. Mein größter Traum ging in Erfüllung. Endlich nach Berlin. Meine Herz- und Lungenschmerzen waren wie weggeblasen. Ich meine, sie waren noch da, wurden aber durch die riesige Vorfreude auf Platz zwei und drei verdrängt. Mama gab mir einen Kuss und knipste das Licht aus. Ich konnte es noch immer nicht glauben. In dieser Nacht träumte ich vom Paradies, denn dort würde ich bald sein. »Lieber Jesus«, schickte ich leise ein Gebet in den Himmel. »Danke, dass du mich lieb hast. Ich hab dich auch lieb. Dein Jünger Daniel Meyer.«
Alexej lag bereits seit einer Woche im Krankenhaus. Er wurde an seinen Beinen operiert. Er sitzt im Rollstuhl und kann sich kaum noch bewegen. Für Mama und mich war es völlig klar, dass wir ihn besuchen gingen. Obwohl Samstag war. Ich kenne das Gefühl, wie es ist, dort zu liegen und mit jedem Atemzug den Tod zu spüren. Deswegen war es mir wichtig, ihm persönlich alles Gute zu wünschen, damit er wusste, dass er nicht alleine war. Ich hätte ihn auch gerne angerufen, aber er besitzt kein Handy, weswegen das nicht ging. Das Schicksal hatte ihn schwer getroffen. Seine Hände sind so steif, dass er sie fast nicht bewegen kann. Wenn er sie doch versucht zu bewegen, sieht das manchmal ziemlich lustig aus. Aber denkt man genauer darüber nach, ist es überhaupt nicht lustig. Alexej tut mir leid, weil er vollkommen auf fremde Hilfe angewiesen ist. Ich kann wenigstens laufen. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich war der einzige Junge aus meiner Klasse, der ihn im Todeshaus besuchte. Alexej war bestimmt traurig deswegen. Manchmal muss man für andere Menschen eben Dinge tun, die man selbst gerne hätte. Vor allem für Menschen, die man lieb hat.
Meine Ex-Freundin hatte ich nicht mehr lieb. Ich hätte sie aber trotzdem im Krankenhaus besucht, weil sich das als Gentleman der alten Schule so gehört. Ihr ging es aber offensichtlich blendend, denn sie schrieb mir eine SMS, in der stand: Na, wie geht’s?
Ich wusste natürlich aus bitterer Erfahrung, dass sie es nicht ernst meinte. Also, dass sie nicht wirklich wissen wollte, wie es mir ging, sondern sich nur die Zeit vertreiben wollte. Ich rief sie an und bat sie, mir keine SMS mehr zu schreiben. Sie sagte: »Okay.« Dann legten wir wieder auf. Mein Herz war über sie hinweg, und ich wollte mich von ihr nicht mehr herumkommandieren lassen. Gut gemacht, sagte ich zu mir und freute mich im nächsten Augenblick schon auf Berlin. Dort würde es vor Mädchen nur so wimmeln. Mein Herz pochte wie wild bei dem Gedanken, und ich schaltete schnell meinen Computer an, um zu sehen, ob Lars online war.
»Bruder, ich nehme auf jeden Fall mein Kondom mit nach Berlin«, sagte ich zur Begrüßung.
»Ach echt, ja?«, grinste Lars und hing ganz krumm in seinem Schreibtischstuhl. »Wie viele hast du denn?«
»Eins«, sagte ich.
»Dann musst du dir ja gut überlegen, wer die Glückliche sein wird.«
»Wie, kann man das nur einmal benutzen?«
»Hahaha, ja schon.«
»Darüber mache ich mir jetzt keine Gedanken. Du kannst dich auf jeden Fall warm anziehen. Und du brauchst gar nicht so zu lachen. In Berlin wird Party gemacht. Bis zum Umfallen.«
»Wenn du das sagst, Kleiner. Dein Wunsch ist mir Befehl.«
Ich plauderte noch ein bisschen mit ihm, aber insgeheim machte ich mir Sorgen um Mama. Wegen Berlin. Was sollte sie denn drei Tage lang tun, wenn ich bei meinem Bruder war? Lars hatte für sie ein Hotel organisiert, aber ich vermutete, dass ihr schon nach einer Stunde langweilig werden würde, so ganz ohne mich. Ich bekam ein schlechtes Gewissen und fragte Lars, ob Mama bei Tamtam übernachten durfte oder ob wir wenigstens an einem Abend zusammen essen könnten. Lars sagte: »Auf gar keinen Fall. Wir machen Party. Und zwar mit Mädchen und ohne deine Mutter. Ganz bestimmt ohne deine Mutter. Mach dir mal um sie keine Sorgen. Die ist sicher froh, ein paar Tage nur für sich zu haben und auszuspannen.«
Die Wahrheit war, dass ich Angst hatte, ohne meine Mama zu sein. Ich wollte zwar mit Lars um die Häuser ziehen (und wie!), aber gleichzeitig fürchtete ich mich auch. Es ist schwer zu erklären. Im Sommer, nach meiner letzten Operation, hatten wir nämlich eine geheime Abmachung getroffen. Mama musste mir versprechen, dass sie mich mein Leben leben lässt und mir nicht alles verbieten würde, was Spaß machte. Und wenn das bedeutete, dass ich eines Tages auf der Straße tot umfiele, dann wäre das eben so. Das war meine Bedingung, bevor ich zustimmte, ins Kinderhospiz zu gehen. Wenn mein Leben schon so kurz sein würde, dachte ich mir, dann wollte ich es wenigstens so gestalten, wie ich es mir vorstellte. Scheiß auf die Ärzte und ihre ständigen Verbote!
Trotzdem: Alles, was neu ist, was ich nicht kenne, bereitet mir Angst. Ich tue mich auch sehr schwer damit, neue Situationen zu verarbeiten. Wenn ich mich über etwas freue, zum Beispiel, wenn Lars mir einen Wunsch von meiner Liste erfüllt, dann realisiere ich das meistens erst einen Tag später. Manchmal dauert es sogar noch länger. In dem Moment der Überraschung herrscht nur Durcheinander in meinem Kopf, und ich sage Sachen, die ich nicht so meine und tue Dinge, die blöd und gemein sind. Als Lars mir die geilen Klamotten aus Berlin mitbrachte, sagte ich ihm ins Gesicht, dass ich die Jacke hässlich finde, obwohl das gar nicht stimmte. Und anstatt mich zu bedanken, fing ich an, meine Spielkarten zu zählen. Ich merke in diesen Momenten auch, dass an der Situation gerade etwas nicht richtig ist, kann aber nichts dagegen tun. Wenn ich etwas schlecht rede, habe ich Ruhe in meinem Kopf. Ich weiß auch nicht, warum das so ist.