48
Hexenjagd
Irgendwo in der Wohnung schnarrte eine altmodische Klingel. Das Haus lag nicht gerade im besten Teil der Stadt, aber der schlimmste war es auch nicht. Arbeiterhäuser mit jeweils zwei, drei Wohnungen. Unter dem Klingelschild stand in Handschrift MCHENRY I. STOCK - ZWEIMAL KLINGELN. Roger drückte deutlich ein zweitesmal auf den Knopf, dann wischte er sich die schweißnassen Hände an der Hose ab.
Neben dem Eingang stand ein Topf mit gelben, halbvertrockneten Narzissen. Die Spitzen der sichelförmigen Blätter waren gelb und zusammengerollt, und die zarten gelben Blüten ließen traurig den Kopf hängen.
Claire betrachtete sie gleichfalls. »Vielleicht ist niemand zu Hause«, sagte sie und blieb stehen, um die knochentrockene Erde im Blumentopf zu befühlen. »Die haben seit über einer Woche kein Wasser mehr bekommen.«
Roger verspürte eine gewisse Erleichterung. Ob Geillis Duncan nun Gillian Edgars war oder nicht - er hatte sich auf diesen Besuch nicht unbedingt gefreut. Er wollte sich gerade zum Gehen wenden, als die Tür mit einem lauten Quietschen aufgerissen wurde.
»Aye?« Der Mann, der sie aus geschwollenen Augen anblickte, hatte ein rotes Gesicht und Bartstoppeln.
»Es... es tut uns leid, Sie gestört zu haben«, sagte Roger, während er sich innerlich zur Ruhe mahnte. Er hatte ein flaues Gefühl im Magen. »Wir suchen Miss Gillian Edgars. Wohnt sie hier?«
Der Mann fuhr sich mit seiner dicken, schwarzbehaarten Hand über den Kopf.
»Für dich immer noch Mrs. Edgars, Milchgesicht! Was wollen Sie von meiner Frau?« Als ihm die Alkoholfahne entgegenschlug, wäre Roger am liebsten zurückgewichen.
»Wir wollen nur mit ihr sprechen«, erklärte er beschwichtigend. »Ist sie zu Hause?«
»Ist sie zu Hause?« echote der Mann, wohl Mr. Edgars, Rogers Oxfordakzent nachäffend. »Nein, sie ist nicht da. Schert euch zum Teufel!« Er schlug die Tür mit einer solchen Wucht zu, daß die Spitzenvorhänge erbebten.
»Ich kann sie gut verstehen«, bemerkte Claire, die sich auf Zehenspitzen gestellt hatte und durch die Fenster ins Haus spähte. »Wenn so ein Kerl auf mich warten würde, wäre ich auch nicht daheim.«
»Stimmt«, gab Roger ihr recht. »Das wär’s dann wohl. Oder haben Sie einen anderen Vorschlag, wie wir die Frau finden können?«
Claire trat vom Fenster zurück.
»Er hat sich vor den Fernseher gehockt«, berichtete sie. »Lassen wir ihm seine Ruhe, wenigstens bis die Pubs wieder geöffnet haben. In der Zwischenzeit können wir es im Institut versuchen. Fiona hat mir erzählt, daß Gillian Edgars dort Kurse belegt hat.«
 
Das Institut für Volkskunde der Highlands befand sich im obersten Stockwerk eines Gebäudes, das ans Geschäftsviertel der Stadt angrenzte. Die Empfangsdame, eine kleine, rundliche Frau in Blümchenkleid und brauner Strickjacke, schien entzückt, sie zu sehen. Wahrscheinlich, weil sie dort oben nicht oft Gesellschaft hatte, vermutete Roger.
»Oh, Mrs. Edgars«, säuselte sie, als sie ihr Anliegen vorgetragen hatten. Roger meinte, Mißtrauen in Mrs. Andrews’ Stimme zu hören, doch sie blieb freundlich und fröhlich.»Ja«, sagte sie, »Mrs. Edgars besucht unsere Kurse regelmäßig und hat ihre Gebühren stets bezahlt. Sie verbringt viel Zeit hier bei uns.« Weitaus mehr, als Mrs. Andrews lieb war, ihrem Tonfall nach zu urteilen.
»Ist sie vielleicht zufällig gerade da?« erkundigte sich Claire.
Mrs. Andrews schüttelte den Kopf, so daß ihre graumelierten Löckchen tanzten.
»Nein«, erwiderte sie, »heute ist Montag, und da bin ich mit Dr. McEwan allein. Das ist unser Direktor.« Sie bedachte Roger mit einem vorwurfsvollen Blick, als hätte der das nun wirklich wissen müssen. Aber offensichtlich kam sie zu dem Urteil, daß ihre Besucher respektabel waren, denn sie wurde ein wenig zugänglicher.
»Wenn Sie Fragen zu Mrs. Edgars haben, sollten Sie mit Dr. McEwan sprechen. Ich werde mal nachsehen, ob er Zeit für Sie hat, wenn es Ihnen recht ist.«
Als sie Anstalten machte aufzustehen, hielt Claire sie zurück.
»Haben Sie ein Foto von Mrs. Edgars?« Als Mrs. Andrews sie verwundert anblickte, lächelte Claire sie liebenswürdig an. »Wir wollen doch nicht die kostbare Zeit Ihres Direktors verschwenden. Womöglich handelt es sich um die falsche Person«, erklärte sie.
Mrs. Andrews blinzelte verwirrt. Doch dann nickte sie und begann, in ihrem Schreibtisch zu kramen.
»Ja, wo sind sie denn? Gestern habe ich sie noch in der Hand gehabt... also können sie nicht weit sein... ach ja, da haben wir sie!« Sie zog ein Album voller Schwarzweißfotos heraus und blätterte es hastig durch.
»Hier«, sagte sie. »Da ist sie bei einer Ausgrabung vor der Stadt. Allerdings kann man ihr Gesicht nicht besonders gut sehen. Warten Sie, da müssen doch noch andere sein...«
Erneut begann sie, vor sich hin murmelnd, in den Schubladen zu wühlen. Währenddessen blickte Roger neugierig über Claires Schulter auf das Bild, das Mrs. Andrews auf den Schreibtisch gelegt hatte. Der Schnappschuß zeigte eine Gruppe von Menschen inmitten von Jutesäcken und Werkzeugen vor einem Landrover. Einige hatten sich von der Kamera abgewandt, doch Claire streckte ohne zu zögern den Finger aus und tippte auf eine große junge Frau mit langem, glattem, blondem Haar. Dabei nickte sie Roger stumm zu.
»Wie können Sie da so sicher sein?« fragte Roger leise.
»Was ist, mein Guter?« Mrs. Andrews blickte ihn geistesabwesend über ihren Brillenrand hinweg an. »Ach, Sie meinen nicht mich! Hier habe ich noch eins, auf dem sie ein wenig deutlicher zu erkennen ist.« Triumphierend klatschte sie das zweite Foto auf das erste.
Es zeigte einen älteren Mann mit einer Halbbrille und dieselbe blonde Frau, die sich über einen Tisch beugte, auf dem etwas lag, das auf den ersten Blick wie eine Sammlung verrosteter Autoersatzteile aussah, aber es handelte sich wohl zweifellos um kostbare Fundgegenstände. Zwar hing ihr eine Strähne ins Gesicht, und sie hatte den Kopf dem älteren Mann zugewandt, doch man erkannte deutlich die kurze, gerade Nase, das weiche runde Kinn und den schön geschwungenen Mund. Sie hatte die Augen gesenkt, so daß sie unter den dichten langen Wimpern verborgen waren. Im letzten Augenblick unterdrückte Roger einen bewundernden Pfiff. Vorfahrin oder nicht, diese Frau war eine Wucht, dachte er respektlos.
Claire nickte derweilen schweigend. Sie war noch blasser als sonst, doch sie dankte Mrs. Andrews mit ihrer gewohnten Selbstbeherrschung.
»Ja, das ist sie. Nun würden wir doch gern mit dem Direktor sprechen, wenn es sich ermöglichen läßt.«
»Dann werde ich ihn fragen, meine Liebe. Aber darf ich wissen, um was es sich handelt?«
Roger öffnete den Mund, um eine Ausrede zu stammeln, doch noch ehe er etwas herausbrachte, sprang Claire in die Bresche.
»Wir kommen aus Oxford«, erklärte sie. »Mrs. Edgars hat sich im Fachbereich Altertumsforschung um ein Stipendium beworben und in ihrem Antrag dieses Institut als Referenz angegeben. Wenn Sie also so nett wären...«
»Oh, ich verstehe.« Mrs. Andrews wirkte beeindruckt. »Man bedenke, Oxford! Ich frage Dr. McEwan, ob er Sie gleich empfangen kann.«
Nach einem flüchtigen Klopfen verschwand sie hinter einer weißgetäfelten Tür. Roger beugte sich vor und flüsterte Claire ins Ohr: »Aber in Oxford gibt es doch gar keinen Fachbereich für Altertumsforschung, das wissen Sie genau.«
»Sie wissen das«, erwiderte sie würdevoll, »und ich, wie Sie eben so klug festgestellt haben, weiß es auch. Aber viele Menschen wissen es nicht. Mrs. Andrews beispielsweise.«
Langsam ging die Tür wieder auf.
»Dann wollen wir nur hoffen, daß hier alle so unbedarft sind wie diese Dame«, seufzte Roger, während er sich die Stirn abwischte. »Oder daß Ihr Einfallsreichtum Sie nicht im Stich läßt.«
Claire stand auf und lächelte Mrs. Andrews zu.
»Mich? Die ich für den König von Frankreich in die Seelen meiner Mitmenschen geblickt habe?« flüsterte sie. »Dagegen ist dies ein Kinderspiel.«
Roger verbeugte sich belustigt und wies auf die Tür. »Après vous, Madame!«
Alls sie vortrat, fügte er leise hinzu: »Après vous, le déluge.« Sie straffte die Schultern, wandte sich jedoch nicht um.
Zu Rogers Erstaunen war es wirklich ein Kinderspiel. Zwar hätte er nicht sagen können, ob es an Claires schauspielerischem Talent oder an Dr. McEwans Zerstreutheit lag, aber ihre Mission wurde problemlos akzeptiert. Es schien dem Mann nicht in den Sinn zu kommen, daß es für Talentsucher aus Oxford reichlich ungewöhnlich war, das abgelegene Inverness aufzusuchen, um sich nach den Fähigkeiten einer potentiellen Stipendiatin zu erkundigen. Doch zu Dr. McEwans Entschuldigung ließe sich anführen, daß ihn irgend etwas sehr zu beschäftigen schien und er deshalb nicht ganz Herr seiner Gedanken war.
»Nun... ja, fraglos verfügt Mrs. Edgars über eine hohe Intelligenz. Eine sehr hohe«, verbesserte sich der Direktor, als wollte er sich selbst davon überzeugen. Er war groß, kräftig gebaut und hatte eine lange Oberlippe, die an ein Kamel erinnerte und wabbelte, während er unsicher nach Worten suchte. »Hat sie... haben Sie... ich meine...« Er zog die Lippe hoch, und seine Worte erstarben. »Haben Sie Mrs. Edgars eigentlich schon kennengelernt?« platzte er schließlich heraus.
»Nein«, erklärte Roger, während er Dr. McEwan ernst ins Auge faßte. »Deshalb wollten wir ja wissen, was Sie von ihr halten.«
»Gibt es vielleicht etwas...« Claire machte eine einladende Pause, »was die Kommission Ihrer Meinung nach wissen sollte, Dr. McEwan?« Erwartungsvoll beugte sie sich vor. »Erkundigungen wie diese werden hundertprozentig vertraulich behandelt. Es ist so wichtig, daß wir uns ein umfassendes Bild von den Bewerbern machen können. Schließlich ist eine solche Entscheidung mit großer Verantwortung verbunden.« Vertraulich senkte sie die Stimme. »Das Ministerium, wissen Sie.«
Roger hätte ihr am liebsten den Hals umgedreht, doch Dr. McEwan nickte weise.
»O ja, natürlich. Das Ministerium. Ja, ich verstehe voll und ganz. Nun, ich... es wäre mir furchtbar unangenehm, wenn ich Sie in irgendeiner Hinsicht in die Irre führen würde. Zweifellos ist es eine wunderbare Chance...«
Nun hätte Roger am liebsten beide an der Gurgel gepackt. Aber augenscheinlich merkte Claire, wie seine Hände zuckten, denn sie schob dem Gestammel des Direktors resolut einen Riegel vor.
»Uns interessieren vor allem zwei Dinge«, erklärte sie unumwunden, holte ihr Notizbuch aus der Tasche, schlug es auf und legte es sich auf die Knie. Eine Flasche Sherry für Mrs. T. kaufen, las Roger aus den Augenwinkeln. Schinkenaufschnitt fürs Picknick.
»Zunächst einmal möchten wir wissen, wie Sie Mrs. Edgars’ Fähigkeiten beurteilen, und zweitens würden wir gern Ihre Meinung über ihre Persönlichkeit hören. Zum ersten Punkt haben wir uns natürlich schon ein Urteil gebildet«, sie klopfte mit dem Stift auf eine Stelle in ihrem Notizbuch, wo Reiseschecks einwechseln stand, »aber Sie können das sicher weitaus besser einschätzen.« Dr. McEwan, der unentwegt nickte, sah Claire wie gebannt an.
»Nun...« Er blickte prüfend zur Tür, um sicherzugehen, daß sie geschlossen war, bevor er sich vorbeugte und vertraulich die Stimme senkte. »Was die Qualität ihrer Arbeit betrifft, kann ich Sie voll und ganz beruhigen. Ich zeige Ihnen gleich ein paar Proben. Die andere Sache hingegen...« Roger, der befürchtete, er könnte wieder zu stammeln beginnen, richtete sich bedrohlich auf.
Dr. McEwan ließ sich verwundert zurücksinken. »Viel ist es eigentlich nicht«, setzte er an. »Nur... sie stürzt sich mit solchem Feuereifer in die Arbeit, daß man schon fast sagen könnte, sie sei... besessen?« Fragend hob sich seine Stimme.
»Konzentriert sich dieser Feuereifer vielleicht zufällig auf Steinkreise?« schlug Claire sanft vor.
»Oh, hat sie das in ihren Antrag geschrieben?« Der Direktor förderte ein riesiges, schmuddeliges Taschentuch zutage und wischte sich damit übers Gesicht. »Ja, Sie haben recht. Natürlich begeistern sich viele Leute für dieses Gebiet«, fügte er entschuldigend hinzu. »Sie finden es nun mal romantisch und rätselhaft. Sehen Sie sich doch nur diese unbedarften Geschöpfe an, die sich in der Mittsommernacht in Stonehenge versammeln und Zauberformeln aufsagen! Natürlich möchte ich Gillian Edgars nicht mit ihnen vergleichen...«
In diesem Sinne ging es weiter, doch Roger hörte nicht mehr zu. Die Luft war stickig in dem kleinen Büro, und sein Kragen war ihm plötzlich zu eng geworden.
Das kann doch nicht wahr sein, dachte er. Schlichtweg unmöglich. Gewiß, Claire Randalls Geschichte klang überzeugend - schrecklich überzeugend. Doch wenn man beobachtete, wie sie diesen armen alten Tropf um den Finger wickelte, der wahre Gelehrsamkeit auch dann nicht erkennen würde, wenn man sie ihm auf einem Silbertablett servierte, dann kam man ins Zweifeln. Sie hätten einem Eskimo eine Lieferung Kühlschränke aufschwatzen können. Gewiß, Roger war nicht so leicht zu täuschen wie Dr. McEwan, aber trotzdem.
Roger wurde so von Bedenken geplagt, daß er kaum mitbekam, wie Dr. McEwan einen Schlüssel aus der Schreibtischschublade holte und sie auf einen langen Flur geleitete, in dem sich eine Tür an die andere reihte.
»Studierzimmer«, erklärte der Direktor und öffnete eine der Türen. Vor ihnen lag ein kaum zwei Quadratmeter großer Verschlag, in den ein kleiner Tisch, ein Stuhl und ein schmales Bücherregal gezwängt waren. Auf dem Tisch lag ein Stapel bunter Aktendeckel, daneben ein großes graues Notizbuch mit der säuberlichen Aufschrift VERSCHIEDENES.
Die Sache wurde immer persönlicher. Zuerst die Fotos und nun ihre Handschrift. Panik überfiel ihn bei der Vorstellung, Geillis Duncan tatsächlich zu treffen. Das hieß, Gillian Edgars. Oder wen auch immer.
Der Direktor schlug einige der Mappen auf und erklärte Claire, worum es sich bei dem jeweiligen Projekt handelte. Claire gab sich äußerst erfolgreich den Anschein, sie sei mit den Themen vertraut. Roger, der ihr über die Schulter blickte, gab gelegentlich ein »Hmm!« oder »Sehr interessant!« zum besten. Doch was in der schwungvollen Schrift dort festgehalten war, nahm er nicht in sich auf.
Das hat sie geschrieben, dachte er. Sie ist ein Wesen aus Fleisch und Blut mit schönen Lippen und langen blonden Haaren. Wenn sie durch den Steinkreis in die Vergangenheit geht, wird sie verbrennen. Und wenn sie nicht geht, dann... dann gibt es mich nicht.
Heftig schüttelte er den Kopf.
»Sind Sie anderer Meinung, Mr. Wakefield?« Der Direktor blickte ihn verwundert an.
Jetzt schüttelte Roger den Kopf, weil es ihm peinlich war.
»Nein, nein... ganz und gar nicht... hätten Sie vielleicht einen Schluck Wasser?«
»Aber selbstverständlich. Kommen Sie. Hier um die Ecke ist gleich ein Trinkbrunnen. Ich zeige es Ihnen.« Mit Worten, die seine lebhafte Anteilnahme an Rogers Gesundheitszustand ausdrücken sollten, führte ihn der Direktor aus dem Zimmerchen.
Sobald er der Enge des Studierzimmers und der Nähe von Gillian Edgars’ Büchern und Mappen entronnen war, ging es Roger ein wenig besser. Dennoch hätte ihn nichts auf der Welt in den winzigen Raum zurückgebracht. Roger faßte einen Entschluß. Sollte sich Claire allein mit Dr. McEwan abplagen. Ohne noch einen Blick zurückzuwerfen, ging er zu der Tür, die zum Empfangsraum führte.
Neugierig und besorgt funkelte Mrs. Andrews ihn an, als er hereinkam.
»Du meine Güte, Mr. Wakefield! Geht es Ihnen nicht gut?« Roger fuhr sich übers Gesicht. Anscheinend sah man ihm an, wie er sich fühlte. Matt lächelte er der rundlichen Sekretärin zu.
»Doch, doch, danke. Mir ist da drinnen nur ein wenig heiß geworden, und deshalb wollte ich frische Luft schnappen gehen.«
»Aye, natürlich.« Sie nickte verständnisvoll. »Die Heizungsluft. Manchmal setzt das Thermostat aus, und dann schalten sich die Heizkörper nicht ab. Am besten sehe ich gleich mal nach.« Sie stand auf. Dabei fiel ihr Blick auf das Foto von Gillian Edgars, das auf dem Schreibtisch lag.
»Ist das nicht seltsam?« sagte sie im Plauderton. »Da habe ich mir gerade dieses Bild angesehen und mich gefragt, an wen sie mich erinnert, aber es wollte mir nicht einfallen. Und jetzt merke ich, daß sie Ihnen ähnelt, Mr. Wakefield, besonders um die Augen. Ist das nicht ein Zufall?« Doch Roger polterte schon die Treppe hinunter.
»Gerade noch rechtzeitig, fürchte ich«, murmelte sie freundlich. »Armer Kerl.«
 
Als Claire wieder zu ihm stieß, war es bereits später Nachmittag. Die Menschen befanden sich auf dem Heimweg, und in der Luft lag Feierabendstimmung.
Roger wurde jedoch von anderen Empfindungen bewegt. Als er ausstieg, um Claire die Autotür aufzuhalten, tobten in ihm derart widersprüchliche Gefühle, daß er nicht wußte, was er zuerst sagen sollte. Sie stieg ein und blickte ihn mitfühlend an.
»Ein bißchen viel auf einmal, nicht wahr?« Mehr sagte sie nicht.
Durch ein ausgefeiltes Netz von Einbahnstraßen war das Durchqueren des Stadtzentrums zu einer Aufgabe geworden, die seine volle Aufmerksamkeit beanspruchte. Und so waren sie schon eine ganze Weile unterwegs, als er schließlich fragte: »Was jetzt?«
Claire hatte sich zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Einzelne Strähnen hatten sich aus ihrer Haarspange gelöst. Sie reckte sich und setzte sich bequemer hin.
»Laden Sie Brianna doch für heute abend zum Essen ein«, schlug sie vor. Essen? Irgendwie kam es Roger absurd vor, sich inmitten einer detektivischen Spurensuche auf Leben und Tod mit Essen aufzuhalten. Doch dann wurde ihm klar, daß wohl nicht nur die Entdeckungen der letzten Stunden für das hohle Gefühl in seinem Magen verantwortlich waren.
»Nun gut«, erwiderte er. »Aber morgen...«
»Warum bis morgen warten?« wandte Claire ein. Mittlerweile saß sie aufrecht da und kämmte sich die Haare. Mit den dicken, lockigen Strähnen, die ihr ungebändigt auf die Schultern fielen, wirkte sie plötzlich erstaunlich jung. »Nach dem Essen können Sie doch noch einmal zu Greg Edgars gehen und mit ihm reden.«
»Woher wissen Sie, daß er Greg heißt?« fragte Roger erstaunt. »Und wenn er am Nachmittag nicht mit mir reden wollte, warum sollte er es dann am Abend tun?«
Claire blickte ihn an, als würde sie an seiner Intelligenz zweifeln.
»Seinen Vornamen kenne ich, weil ich ihn auf einem Brief in seinem Kasten gelesen habe. Und er wird heute abend mit Ihnen reden, weil Sie ihm eine Flasche Whisky mitbringen.«
»Sie glauben, dann wird er mich hereinbitten?«
Amüsiert blickte sie ihn an. »Haben Sie die Batterie leerer Flaschen in seiner Mülltonne nicht gesehen? Natürlich wird er Sie hereinbitten, und zwar in dem Moment, wo er Sie sieht.«
Sie ließ sich zurücksinken und schob die Fäuste in die Taschen, den Blick geistesabwesend aus dem Fenster gerichtet.
»Sie könnten Brianna bitten, Sie zu begleiten«, meinte sie leichthin.
»Aber sie hat doch gesagt, sie will mit alldem nichts zu tun haben«, wandte Roger ein.
»Dann erzählen Sie ihr vorher nicht, worum es bei dem Besuch geht«, schlug sie in einem Ton vor, der Roger daran erinnerte, daß sie Oberärztin in einem großen Krankenhaus war.
Obwohl seine Ohren glühten, erwiderte er trotzig: »Sie können wohl kaum vor ihr verbergen, daß wir beide...«
»Ich nicht«, fiel Claire ihm ins Wort. »Sie. Ich habe etwas anderes zu erledigen.«
Jetzt reicht’s mir aber, dachte Roger. Er lenkte den Wagen an den Straßenrand und hielt mit quietschenden Reifen. Dann funkelte er Claire wütend an.
»So, so, etwas anderes«, schimpfte er. »Prima, das gefällt mir! Sie hängen mir den Job an, einen Trunkenbold auszuforschen, der mir wahrscheinlich eins über die Rübe haut, sobald ich in sein Blickfeld komme, und Ihre Tochter soll mich begleiten und dabei zusehen. Soll sie mich vielleicht ins Krankenhaus fahren, nachdem dieser Edgars mir die Flasche über den Schädel gezogen hat?«
»Nein«, entgegnete Claire, ohne auf seinen wütenden Ton einzugehen. »Aber ich glaube, gemeinsam mit Greg Edgars könnte es Ihnen gelingen, Brianna davon zu überzeugen, daß Gillian Edgars die Frau ist, die ich als Geillis Duncan kennengelernt habe. Brianna hört mir nicht zu. Sie würde auch Ihnen nicht zuhören, wenn Sie ihr erzählen wollten, was wir heute im Institut erfahren haben. Aber Greg Edgars wird sie wohl anhören.« Ihre Stimme klang flach und verbittert, und Roger merkte, wie sein Ärger verebbte. Er startete das Auto und fädelte sich wieder in den Verkehr ein.
»Na gut, ich werde es versuchen«, sagte er widerwillig, ohne sie anzublicken. »Und womit werden Sie sich beschäftigen?«
Sie griff in ihre Tasche und zog einen kleinen metallenen Gegenstand heraus. Einen Schlüssel.
»Ich werde dem Institut einen Besuch abstatten«, erwiderte sie. »Ich will das Notizbuch haben.«
 
Nachdem Claire mit einer Entschuldigung zu ihrer »Besorgung« aufgebrochen war - an die Roger nicht denken konnte, ohne daß ihn ein Schauder überlief -, fuhr er mit Brianna zu einem Pub. Aber weil der Abend so schön und mild war, beschlossen sie kurzerhand, mit dem Essen noch zu warten. Während sie am River Ness entlanggschlenderten, vergaß Roger seine gemischten Gefühle angesichts dessen, was ihm noch bevorstand.
Zunächst achteten sie auf jedes Wort, um keine neuen Unstimmigkeiten aufkommen zu lassen. Doch sobald sich das Gespräch Rogers Arbeit zuwandte, wurde es lebhafter.
»Wieso kennst du dich in Geschichte so gut aus?« unterbrach Roger sie einmal mitten im Satz.
»Durch meinen Vater«, antwortete sie. Bei dem Wort »Vater« stockte sie, als würde sie erwarten, daß er Einwände erhob. »Meinen richtigen Vater«, fügte sie dann dezidiert hinzu.
»Nun, der kannte sich auch aus«, gab Roger milde zurück und ließ die Herausforderung im Raum stehen. Dafür ist später noch genügend Zeit, meine Gute, dachte er zynisch. Aber nicht ich werde mich mit dir darüber auseinandersetzen.
Am Ende der Straße entdeckte Roger ein erleuchtetes Fenster, das zur Wohnung der Edgars gehören mußte. Demnach war die Beute im Bau. Beim Gedanken an das bevorstehende Gespräch erfaßte ihn plötzlich Aufregung.
Doch als sie den gemütlichen Pub betraten, in dem es verführerisch nach Fleischpastete duftete, wich die Aufregung rasch dem Appetit. In einer unausgesprochenen Übereinkunft vermieden es die beiden, die Ereignisse des Vorabends zu erwähnen, so daß sich ein angenehmes und freundliches Gespräch entwickelte. Roger war aufgefallen, wie sehr sich das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter abgekühlt hatte, als sie Claire auf dem Weg zum Pub bei einem Taxistand abgesetzt hatten. Wie sie so schweigend auf dem Rücksitz saßen, hatten sie ihn an zwei Katzen erinnert, die sich mit angelegten Ohren und zuckenden Schwänzen gegenüberhockten und es peinlichst vermieden, einander in die Augen zu blicken, weil sie dann fauchend übereinander herfallen würden.
Nach dem Essen holte Brianna ihre Mäntel, während er die Rechnung zahlte.
»Wozu soll die denn gut sein?« fragte sie, als sie die Whiskyflasche sah. »Planst du für heute noch ein Remmidemmi?«
»Ein Remmidemmi?« fragte er grinsend. »Du machst anscheinend Fortschritte und hast deinen Wortschatz erweitert. Und was hast du sonst noch gelernt?«
In gespielter Schüchternheit senkte sie den Blick.
»Daß es einen Tanz gibt, den man >Letkiss< nennt. Aber es wäre wohl unziemlich, wenn ich dich jetzt bitte, ihn mit mir zu tanzen.«
»Nicht, wenn du es ernst meinst«, entgegnete er. Sie lachten, doch die Röte auf ihren Wangen war tiefer geworden. Ihm selbst wurde bei dem Vorschlag so warm, daß er sich den Mantel über den Arm hängte, anstatt ihn anzuziehen.
»Wenn ich genug von dem Zeug da getrunken habe, ganz bestimmt«, sagte sie und zeigte mit einem malizösen Lächeln auf die Whiskyflasche. »Nur, daß er so schrecklich schmeckt!«
»Daran gewöhnt man sich, Mädel«, erwiderte Roger mit breitem schottischen Akzent. »Nur die Schotten saugen ihn schon mit der Muttermilch auf. Ich werde dir mal eine Flasche kaufen, damit du üben kannst. Aber diese hier ist als Geschenk gedacht. Ich habe sie jemandem versprochen. Willst du mitkommen, oder soll ich sie später abgeben?« Roger wußte nicht, ob er Brianna wirklich dabeihaben wollte, doch als sie nickte und in ihren Mantel schlüpfte, freute er sich.
»Natürlich komme ich mit.«
»Gut.« Zärtlich rückte er ihr den Mantelkragen zurecht, der sich beim Anziehen aufgestellt hatte. »Es ist nur ein Stück die Straße hinunter - wollen wir zu Fuß gehen oder fahren?«
 
Abends wirkte die Gegend ein wenig freundlicher. Die Dunkelheit hatte die schäbigen Winkel eingehüllt, und das Licht, das aus den Fenstern fiel, verlieh der Straße eine Heimeligkeit, die sie tagsüber nicht hatte.
»Es kann aber länger dauern«, warnte Roger, als er auf den Klingelknopf drückte. Dabei wußte er nicht, ob ihm das überhaupt lieb sein würde. Als die Tür geöffnet wurde, verflog seine Angst rasch. Immerhin war jemand zu Hause und bei Bewußtsein.
Edgars hatte sich offensichtlich den Nachmittag über von einer der Flaschen Gesellschaft leisten lassen, die auf der wackligen Anrichte hinter ihm aufgereiht waren. Glücklicherweise brachte er die abendlichen Besucher nicht mit den Störenfrieden vom Nachmittag in Verbindung. Als Roger sich vorstellte, staunte er.
»Gillians Cousin? Wußte gar nicht, daß sie einen Cousin hat.«
»Tja.« Roger nutzte Edgars’ Unkenntnis kühn zu seinem Vorteil. »Das bin ich.« Mit Gillian würde er schon fertigwerden, wenn er ihr gegenüberstand. Falls er sie überhaupt zu Gesicht bekam.
Edgars blinzelte. Dann rieb er sich mit der Faust über ein entzündetes Auge, als würde er dadurch klarer sehen. Mit einiger Anstrengung richtete er den Blick auf Brianna, die sich im Hintergrund hielt.
»Und wer ist das?« forschte Edgars.
»Das... das ist meine Freundin«, improvisierte Roger. Brianna blickte ihn aus schmalen Augen an, sagte aber nichts. Sicher hatte sie den Braten bereits gerochen, doch sie trat widerspruchslos ein, als Greg Edgars ihnen die Tür aufhielt.
Die kleine Wohnung war mit Gebrauchtmöbeln vollgestopft. Es roch nach kaltem Rauch und zu selten herausgebrachtem Müll, und auf jeder horizontalen Fläche türmten sich die Überreste von Fertiggerichten. Brianna warf Roger einen Blick zu, der besagte: Du hast aber eine nette Verwandtschaft! Er zuckte hilflos die Achseln: Ist nicht meine Schuld. Offensichtlich war die Hausfrau nicht daheim, und das schon seit einiger Zeit.
Zumindest nicht körperlich. Als Roger sich zu dem Stuhl umwandte, den Edgars ihm anbot, fiel sein Blick auf ein großes Porträtfoto, das in einem Messingrahmen auf dem Kaminsims stand. Er mußte sich auf die Lippen beißen, um einen Ausruf der Überraschung zu unterdrücken.
Die Frau auf dem Foto schien ihm geradewegs in die Augen zu blicken, wobei ein angedeutetes Lächeln ihre Lippen umspielte. Das dichte platinblonde Haar fiel ihr auf den Rücken und umrahmte das ebenmäßige, herzförmige Gesicht. Dichte, dunkle Wimpern beschatteten die grünen Augen.
»Gut getroffen, nicht wahr?« fragte Edgars, der sich dem Foto ebenfalls zugewandt hatte und es halb feindselig, halb sehnsüchtig betrachtete.
»Äh, ja, ein gutes Foto.« Roger, der sich ein wenig beklommen fühlte, hob eine zerknitterte Pommestüte von seinem Stuhl. Brianna hingegen betrachtete das Porträt voller Neugier. Sie blickte von dem Foto zu Roger und wieder zurück, als würde sie Vergleiche anstellen. Aha, deine Cousine, schien sie zu sagen.
»Gillian ist wohl nicht da?« Roger winkte ab, als Edgars ihm fragend die Flasche entgegenhielt. Doch dann änderte er seine Meinung und nickte. Vielleicht gewann er Edgars Vertrauen, wenn er mit ihm ein Glas leerte. Denn wenn Gillian nicht da war, mußte er herausfinden, wo sie sich aufhielt.
Edgars schüttelte den Kopf, während er mit den Zähnen an der Versiegelung der Flasche riß. Schließlich pflückte er sich Wachs und Papier von den Lippen ab.
»Wohl kaum, mein Freund. Wenn sie da ist, sieht es hier ein bißchen anders aus.« Er wies auf die überquellenden Aschenbecher und die zerknüllten Pappbecher. »Vielleicht so ähnlich, aber nicht ganz so schlimm.« Er holte drei Weingläser von der Anrichte und prüfte zweifelnd nach, ob sie staubig waren.
Dann goß er sie mit der übertriebenen Vorsicht eines Betrunkenen mit Whisky voll und trug sie zu seinen Besuchern. Brianna nahm ihres höflich entgegen, wies aber den angebotenen Stuhl dankend ab. Statt dessen lehnte sie sich anmutig gegen die Anrichte.
Edgars ließ sich auf das ramponierte Sofa fallen und hob sein Glas.
»Prost, Freunde!« rief er, bevor er schlürfend einen großen Schluck trank. »Wie heißen Sie noch mal?« fragte er. Aber gleich darauf unterbrach er sich, weil es ihm wieder eingefallen war. »Ja, richtig, Roger. Gillian hat Sie nie erwähnt... aber das ist auch nicht ihre Art«, fügte er selbstmitleidig hinzu. »Sie redet praktisch nie von ihrer Familie, und deshalb kenne ich auch niemanden. Glaube, sie schämt sich für ihre Angehörigen... aber sie schauen gar nicht so übel aus«, meinte er großzügig. »Und Ihr Mädel ist echt ’ne Wucht.« Er lachte laut auf, so daß ein feiner Whiskyregen durch die Gegend sprühte.
»Ja«, sagte Roger. »Danke.« Vorsichtig nippte er an seinem Drink. Brianna hatte sich angewidert von Edgars abgewandt und war angelegentlich damit beschäftigt, den Inhalt der Anrichte durch das Facettenglas der Türen zu mustern.
Es hatte keinen Sinn, um den heißen Brei herumzureden, dachte Roger. Edgars würde eine Anspielung auch dann nicht erkennen, wenn sie ihm in den Hintern biß. Außerdem, wenn er in dem Tempo weitertrank, bestand die Gefahr, daß er demnächst überhaupt nicht mehr ansprechbar wäre.
»Haben Sie eine Ahnung, wo Gillian steckt?« fragte er ohne Umschweife. Wie immer wollte ihm ihr Name kaum über die Lippen kommen. Er blickte wie magnetisiert auf das Kaminsims, wo ihr Porträt stand und auf die alkoholischen Ausschweifungen herablächelte.
Verneinend schwang Edgars den Kopf hin und her wie ein Ochse über der Futterkrippe. Er war in Rogers Alter, sah aber durch seine grauen Bartstoppeln, das ungepflegte dunkle Haar und die gedrungene Figur älter aus.
»Näh«, erwiderte er. »Ich dachte, das könnten Sie mir erzählen. Wahrscheinlich ist sie bei den Nats oder bei den Rosen, aber ich bin nicht mehr auf dem laufenden, wer im Augenblick höher im Kurs steht.«
»Bei den Nats?« Rogers Herz schlug schneller. »Etwa bei den schottischen Nationalisten, der Unabhängigkeitsbewegung?«
Edgars wurden allmählich die Augenlider schwer.
»Aye, bei diesen verdammten Nationalisten. Dort habe ich Gillian kennengelernt.«
»Wie lange ist das her, Mr. Edgars?«
Überrascht blickte Roger auf. Die Frage kam von Brianna, die den Mann erwartungsvoll anblickte. Roger hätte nicht sagen können, ob sie nur das Gespräch in Gang halten wollte oder mit ihrer Frage eine bestimmte Absicht verband. Ihr Gesicht zeigte lediglich höfliches Interesse.
»Weiß nicht genau... vielleicht zwei, drei Jahre. Zuerst war’s ein großer Spaß. Wir schicken die verdammten Engländer zum Teufel und schließen uns der Europäischen Gemeinschaft selber an. Und dazu die Saufgelage und die Herumschmuserei hinten im Lieferwagen, wenn wir von einer Aktion nach Hause gefahren sind.« Verträumt schüttelte Edgars den Kopf. Doch dann schwand sein Lächeln, und er blickte düster in sein Whiskyglas. »Aber das war, bevor sie durchgedreht ist.«
»Durchgedreht?« Roger warf einen Blick auf das Foto. Fanatisch, gewiß. Aber doch nicht verrückt. Oder konnte man das nach einem Foto nicht beurteilen?
»Ja, die Gesellschaft der Weißen Rose. Mein süßer kleiner Prinz Charlie, komm doch zurück, und all dieser Quatsch. Ein Haufen von Einheimischen in Kilts und voller Montur, mit Schwertern und so. Schon in Ordnung, wenn einem so was Spaß macht«, fügte er mit dem verqueren Versuch, Objektivität walten zu lassen, hinzu. »Aber Gillian treibt die Dinge immer zu weit. Hat ständig vom Prinzen gefaselt und wie toll es wäre, wenn er den Aufstand damals gewonnen hätte. Immerzu haben irgendwelche Kerle in unserer Küche gesessen und Bier gesoffen und darüber gestritten, warum er keinen Erfolg hatte. Noch dazu auf gälisch.« Er verdrehte die Augen. »Ein Haufen Schwachsinn.« Um dies zu bestärken, leerte er sein Glas in einem Zug.
Roger spürte, daß sich Briannas Augen in seinen Nacken bohrten. Obwohl er keinen Schlips trug und sein oberster Knopf geöffnet war, zerrte er an seinem Kragen.
»Interessiert sich Ihre Frau nicht auch für Steinkreise, Mr. Edgars?« Brianna gab sich inzwischen keine Mühe mehr, höfliche Aufmerksamkeit vorzutäuschen. Ihre Stimme war so messerscharf, daß man damit Käse hätte schneiden können. Aber Edgars ließ das kalt.
»Steinkreise?« Verwirrt steckte er sich den Zeigefinger ins Ohr und stocherte heftig darin herum.
»Diese vorzeitlichen Steinkreise wie die Clava Cairns«, half ihm Roger auf die Sprünge. Wennschon, dennschon, dachte er resigniert. Brianna würde ohnehin kein Wort mehr mit ihm sprechen, also konnte er auch herausfinden, was es herauszufinden gab.
»Ach, die!« Edgars lachte kurz auf. »Ja, und dazu noch für jeden anderen alten Mist, den Sie sich vorstellen können. Das ist ihre neueste fixe Idee, und dazu die schlimmste. Tag und Nacht in diesem Institut; sie hat mein ganzes Geld für Kurse zum Fenster rausgeworfen. Kurse - daß ich nicht lache! Märchen haben sie ihr dort erzählt. Nichts, was du gebrauchen kannst, Mädchen, habe ich immer wieder zu ihr gesagt, warum lernst du nicht tippen? Such dir einen Job, wenn du dich langweilst. Als ich ihr das gesagt habe, ist sie abgehauen«, erklärte er verdrießlich. »Und seit zwei Wochen habe ich sie nicht mehr gesehen.« Er starrte in sein Weinglas, als würde es ihn wundern, daß es leer war.
»Woll’n Se noch einen?« fragte er, während er nach der Flasche griff. Brianna schüttelte entschieden den Kopf.
»Wir müssen jetzt gehen. Nicht wahr, Roger?«
Als Roger das gefährliche Funkeln in ihren Augen sah, erschien es ihm fast besser, Greg Edgars dabei Gesellschaft zu leisten, die Flasche zu leeren. Andererseits hätte er einen langen Fußmarsch vor sich, wenn er Brianna das Auto überließ. Seufzend erhob er sich und schüttelte Edgars die Hand. Sein Händedruck war warm und erstaunlich fest, wenn auch ein wenig feucht.
Die Flasche fest im Griff, geleitete Edgars sie zur Tür und sah ihnen durch das Fenster nach. »Sagt Gillian, sie soll nach Hause kommen, wenn ihr sie seht!« rief er ihnen nach.
Roger drehte sich um und winkte der Gestalt zu, die sich verschwommen in dem kleinen erleuchteten Viereck in der Tür abzeichnete.
»Ich werde es versuchen!« rief er, obwohl ihm die Worte fast im Halse steckenblieben.
Sie waren schon beinahe wieder am Pub eingetroffen, als Brianna ihn zur Rede stellte.
»Was, zum Teufel, hast du vor?« fragte sie. Es klang wütend, aber nicht hysterisch. »Erst heißt es, du hast in den Highlands keine Angehörigen mehr, und jetzt kommst du mir mit dieser Cousine. Wer ist die Frau auf dem Foto?«
Roger blickte in die Dunkelheit, als könnte er von dort eine Eingebung bekommen, aber sie ließ ihn im Stich. So holte er tief Luft und nahm Briannas Arm.
»Geillis Duncan«, sagte er.
Sie blieb stocksteif stehen, und er konnte fast spüren, wie sich der Schock in ihr ausbreitete. Betont langsam löste sie ihren Ellenbogen aus seiner Hand. Das zarte Gewebe, das zwischen ihnen im Laufe des Abends entstanden war, war zerrissen.
»Rühr mich nicht an«, zischte sie ihn an. »Stammt die Idee von meiner Mutter?«
Obwohl er sich vorgenommen hatte, verständnisvoll zu sein, spürte Roger Ärger in sich aufsteigen.
»Kannst du vielleicht auch mal an jemand anders als dich selbst denken?« fragte er. »Ich weiß, daß es für dich ein Schock war, und dafür hat jeder Verständnis. Und wenn du es nicht über dich bringst, dich damit auseinanderzusetzen, will ich dich nicht drängen. Aber du solltest auch mal an deine Mutter denken. An deine Mutter und an mich.«
»Wie? Was hast du denn mit der ganzen Geschichte zu tun?« In der Dunkelheit konnte er ihr Gesicht nicht sehen, doch sie war unverkennbar erstaunt.
Eigentlich hatte Roger die Angelegenheit nicht noch zusätzlich verkomplizieren wollen, indem er sich und seine Vorfahren ins Spiel brachte, doch dafür war es nun offensichtlich zu spät. Claire hatte das zweifellos geahnt, als sie ihm geraten hatte, Brianna zu dem Besuch mitzunehmen.
In einer plötzlichen Eingebung wurde ihm klar, welche Absichten Claire verfolgte. Es gab eine Möglichkeit, Brianna zu beweisen, daß ihre Geschichte wahr war. Sie hatten Gillian Edgars, die - womöglich - noch nicht in die Vergangenheit aufgebrochen war. Selbst der hartnäckigste Zweifler mußte sich überzeugen lassen, wenn er sah, wie jemand in die Vergangenheit entschwand. Kein Wunder, daß Claire soviel daran gelegen war, Gillian Edgars zu finden.
Und so erklärte er Brianna in knappen Worten seine Beziehung zu der zukünftigen Hexe von Cranesmuir.
»Entweder ihr Leben oder meins«, schloß er seine Ausführungen, wobei ihm nur zu deutlich bewußt war, wie lächerlich melodramatisch das klang. »Die Entscheidung hat deine Mutter mir überlassen. Und ich war der Meinung, daß wir Gillian wenigstens suchen sollten.«
Brianna war stehengeblieben und hörte ihm zu. Im Schein einer Schaufensterbeleuchtung sah er, daß sie ihn anstarrte.
»Dann glaubst du es also?« fragte sie. In ihrer Stimme schwangen weder Verachtung noch Ärger mit, sondern nur ein tiefer Ernst.
Er seufzte und griff wieder nach ihrem Arm. Sie leistete keinen Widerstand, und so gingen sie einträchtig nebeneinander her.
»Ja«, antwortete er. »Ich konnte nicht anders. Du hast das Gesicht deiner Mutter nicht gesehen, als sie die Worte las, die in ihren Ring eingraviert sind. Ihre Gefühle waren echt, so echt, daß es mir fast das Herz gebrochen hätte.«
»Erzähl es mir«, sagte sie nach kurzem Schweigen. »Was steht in dem Ring?«
Als er geendet hatte, waren sie auf dem Parkplatz hinter dem Pub eingetroffen.
»Nun gut...«, meinte Brianna zögernd, »wenn...« Sie hielt inne und sah ihm in die Augen. Obwohl sie so nahe bei ihm stand, daß er die Wärme ihres Körpers spürte, streckte er die Arme nicht nach ihr aus. Der Friedhof von St. Kilda war weit entfernt, und sie wollten beide nicht an das Grab unter den Eiben erinnert werden, in dessen Stein die Namen von Briannas Eltern eingemeißelt waren.
»Ich weiß es nicht, Roger«, sagte sie kopfschüttelnd. Das Neonschild über dem Hintereingang des Pubs ließ ihr Haar purpurrot aufleuchten. »Ich kann einfach nicht... ich kann noch nicht darüber nachdenken...« Ihre Stimme ließ sie im Stich, doch sie hob die Hand und strich ihm leicht wie eine Abendbrise über die Wange. »Aber ich denke an dich«, flüsterte sie.
 
Genaugenommen ist ein Einbruch nicht weiter schwierig, wenn man sich im Besitz des Schlüssels befindet. Die Möglichkeit, daß Mrs. Andrews oder Dr. McEwan zurückkehren und mich auf frischer Tat ertappen würden, war verschwindend gering. Notfalls hätte ich immer noch erklären können, ich sei hier, um mein verlorenes Notizbuch zu suchen, und hätte die Tür unverschlossen vorgefunden. Zwar war ich ein wenig aus der Übung, doch es hatte Zeiten gegeben, da war mir die Vorspiegelung falscher Tatsachen zur zweiten Natur geworden. Und Lügen ist wie Fahrradfahren: Man verlernt es nie.
Daß mir das Herz bis zum Halse klopfte und mir sein Schlag in den Ohren dröhnte, lag also weniger an meinem Vorsatz, mir Gillian Edgars Notizbuch anzueignen. Ich fürchtete mich vor dem, was ich darin finden würde.
Wie mir Maître Raymond erklärt hatte, hängt es allein von den Menschen ab, die an einen Zauber glauben, wie mächtig und gefährlich er ist. Als ich am Nachmittag einen kurzen Blick auf Gillians Aufzeichnungen geworfen hatte, hatte ich bereits gesehen, daß sie aus einem Mischmasch aus Fakten, Spekulationen und überspannten Phantasievorstellungen bestanden, die nur für die Verfasserin Bedeutung besaßen. Und ich hatte einen beinahe körperlichen Widerwillen verspürt, es zu berühren. Denn da ich wußte, wer es geschrieben hatte, wußte ich auch, was es höchstwahrscheinlich darstellte: ein grimoire, das Zauberbuch einer Hexe.
Doch wenn es irgendwo einen Hinweis auf Geillis Duncans augenblicklichen Aufenthaltsort gab, dann in diesen Zeilen. Und so unterdrückte ich mein Schaudern, schob das Buch unter meinen Mantel und klemmte es unter dem Ellenbogen fest.
Als ich ungehindert auf der Straße anlangte, kam es mir vor, als würde ich eine Bombe bei mir tragen. Etwas, was mit äußerster Vorsicht behandelt werden mußte, damit es nicht explodierte.
Eine Weile lief ich ziellos durch die Gegend. Schließlich steuerte ich ein kleines italienisches Restaurant mit einer Terrasse am Fluß an. Zwar war es kühl geworden, doch ein kleiner Elektroofen verbreitete wohlige Wärme, so daß man bis spätabends dort sitzen konnte. Ich bestellte ein Glas Chianti. Das Notizbuch lag auf der Papiertischdecke im Schatten des Brotkorbs vor mir.
Der April neigte sich dem Ende zu. Nur noch wenige Tage bis Beltene, dem Maifest. Der gleiche Tag, an dem ich meine Reise in die Vergangenheit angetreten hatte. Vermutlich hing es mit diesem Datum zusammen - oder vielleicht nur mit der Jahreszeit? Mitte April war ich zurückgekehrt - in dieser Phase war die Zeitreise also möglich. Aber womöglich hatte die Jahreszeit auch gar nichts damit zu tun. Ich bestellte mir noch ein Glas Wein.
Möglicherweise besaßen nur bestimmte Personen die Fähigkeit - irgend etwas Besonderes im Erbgut -, eine Schranke zu durchbrechen, die für alle anderen ein unüberwindbares Hindernis darstellte. Wer wußte das schon! Jamie war es nicht möglich gewesen, mir hingegen schon. Auch Geillis Duncan gehörte zu den Auserwählten - oder sollte demnächst dazu gehören. Oder auch nicht.
Bei dem Gedanken an Roger Wakefield wurde mir ein wenig schummrig. Vielleicht sollte ich nicht nur trinken, sondern auch etwas essen.
Der Besuch im Institut hatte mich davon überzeugt, daß Gillian ihre verhängnisvolle Reise noch nicht angetreten hatte. Denn jeder, der sich mit den Legenden der Highlands beschäftigte, wußte, daß Beltene näherrückte, und würde die Reise für diesen Zeitpunkt planen. Doch ich hatte keine Ahnung, wo sie stecken könnte, wenn sie nicht zu Hause war. Führte sie vielleicht irgendwelche Vorbereitungszeremonien durch, von denen sie bei Fionas modernen Druidinnen gehört hatte? Vielleicht enthielt das Notizbuch einen Hinweis darauf.
Über meine eigenen Beweggründe war ich mir mittlerweile nicht mehr im klaren. Hatte ich Roger in die Suche nach Geillis verwikkelt, weil es die einzige Möglichkeit war, Brianna von der Wahrheit zu überzeugen?
Aber wenn wir die Frau rechtzeitig aufspürten, hätte ich nur dann mein Ziel erreicht, wenn Gillian in die Vergangenheit zurückkehrte. Und dort in den Flammen starb.
Als man Geillis als Hexe zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilte, hatte Jamie zu mir gesagt: »Traure nicht um sie, Sassenach. Sie war eine böse Frau.« Damals war es für mich relativ unwichtig gewesen, ob sie nur schlecht oder verrückt war. Sollte ich es nicht einfach dabei bewenden lassen und sie endlich ihrem Schicksal überlassen? Aber sie hatte mir einst das Leben gerettet. War ich es ihr trotz allem, was sie war - sein würde -, schuldig, ihr das Leben zu retten? Und auf diese Weise Roger zum Untergang verurteilen? Welches Recht hatte ich, mich immer wieder einzumischen?
Es ist keine Frage des Rechts, Sassenach, hörte ich Jamie mit einer gewissen Unduldsamkeit sagen. Es ist eine Frage der Pflicht. Und der Ehre.
»Der Ehre also«, sagte ich laut. »Und was ist das, bitte?« Der Kellner, der mit einem Teller Tortellini vor mir stand, starrte mich verwundert an.
»Wie bitte?« fragte er.
»Unwichtig«, erwiderte ich. Im Augenblick war es mir egal, was er von mir dachte. »Am besten, Sie bringen mir gleich die ganze Flasche.«
Die Gespenster leisteten mir auch während der Mahlzeit Gesellschaft. Gestärkt von Speis und Trank, schob ich schließlich meinen leeren Teller beiseite und schlug Gillian Edgars’ graues Notizbuch auf.
Die Geliehene Zeit
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