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Hexenjagd
Irgendwo in der Wohnung schnarrte eine altmodische
Klingel. Das Haus lag nicht gerade im besten Teil der Stadt, aber
der schlimmste war es auch nicht. Arbeiterhäuser mit jeweils zwei,
drei Wohnungen. Unter dem Klingelschild stand in Handschrift
MCHENRY I. STOCK - ZWEIMAL KLINGELN. Roger drückte deutlich ein
zweitesmal auf den Knopf, dann wischte er sich die schweißnassen
Hände an der Hose ab.
Neben dem Eingang stand ein Topf mit gelben,
halbvertrockneten Narzissen. Die Spitzen der sichelförmigen Blätter
waren gelb und zusammengerollt, und die zarten gelben Blüten ließen
traurig den Kopf hängen.
Claire betrachtete sie gleichfalls. »Vielleicht ist
niemand zu Hause«, sagte sie und blieb stehen, um die
knochentrockene Erde im Blumentopf zu befühlen. »Die haben seit
über einer Woche kein Wasser mehr bekommen.«
Roger verspürte eine gewisse Erleichterung. Ob
Geillis Duncan nun Gillian Edgars war oder nicht - er hatte sich
auf diesen Besuch nicht unbedingt gefreut. Er wollte sich gerade
zum Gehen wenden, als die Tür mit einem lauten Quietschen
aufgerissen wurde.
»Aye?« Der Mann, der sie aus geschwollenen Augen
anblickte, hatte ein rotes Gesicht und Bartstoppeln.
»Es... es tut uns leid, Sie gestört zu haben«,
sagte Roger, während er sich innerlich zur Ruhe mahnte. Er hatte
ein flaues Gefühl im Magen. »Wir suchen Miss Gillian Edgars. Wohnt
sie hier?«
Der Mann fuhr sich mit seiner dicken,
schwarzbehaarten Hand über den Kopf.
»Für dich immer noch Mrs. Edgars, Milchgesicht! Was
wollen Sie von meiner Frau?« Als ihm die Alkoholfahne
entgegenschlug, wäre Roger am liebsten zurückgewichen.
»Wir wollen nur mit ihr sprechen«, erklärte er
beschwichtigend. »Ist sie zu Hause?«
»Ist sie zu Hause?« echote der Mann, wohl Mr.
Edgars, Rogers Oxfordakzent nachäffend. »Nein, sie ist nicht da.
Schert euch zum Teufel!« Er schlug die Tür mit einer solchen Wucht
zu, daß die Spitzenvorhänge erbebten.
»Ich kann sie gut verstehen«, bemerkte Claire, die
sich auf Zehenspitzen gestellt hatte und durch die Fenster ins Haus
spähte. »Wenn so ein Kerl auf mich warten würde, wäre ich auch
nicht daheim.«
»Stimmt«, gab Roger ihr recht. »Das wär’s dann
wohl. Oder haben Sie einen anderen Vorschlag, wie wir die Frau
finden können?«
Claire trat vom Fenster zurück.
»Er hat sich vor den Fernseher gehockt«, berichtete
sie. »Lassen wir ihm seine Ruhe, wenigstens bis die Pubs wieder
geöffnet haben. In der Zwischenzeit können wir es im Institut
versuchen. Fiona hat mir erzählt, daß Gillian Edgars dort Kurse
belegt hat.«
Das Institut für Volkskunde der Highlands befand
sich im obersten Stockwerk eines Gebäudes, das ans Geschäftsviertel
der Stadt angrenzte. Die Empfangsdame, eine kleine, rundliche Frau
in Blümchenkleid und brauner Strickjacke, schien entzückt, sie zu
sehen. Wahrscheinlich, weil sie dort oben nicht oft Gesellschaft
hatte, vermutete Roger.
»Oh, Mrs. Edgars«, säuselte sie, als sie ihr
Anliegen vorgetragen hatten. Roger meinte, Mißtrauen in Mrs.
Andrews’ Stimme zu hören, doch sie blieb freundlich und
fröhlich.»Ja«, sagte sie, »Mrs. Edgars besucht unsere Kurse
regelmäßig und hat ihre Gebühren stets bezahlt. Sie verbringt viel
Zeit hier bei uns.« Weitaus mehr, als Mrs. Andrews lieb war, ihrem
Tonfall nach zu urteilen.
»Ist sie vielleicht zufällig gerade da?« erkundigte
sich Claire.
Mrs. Andrews schüttelte den Kopf, so daß ihre
graumelierten Löckchen tanzten.
»Nein«, erwiderte sie, »heute ist Montag, und da
bin ich mit Dr. McEwan allein. Das ist unser Direktor.« Sie
bedachte Roger mit einem vorwurfsvollen Blick, als hätte der das
nun wirklich wissen müssen. Aber offensichtlich kam sie zu dem
Urteil, daß ihre Besucher respektabel waren, denn sie wurde ein
wenig zugänglicher.
»Wenn Sie Fragen zu Mrs. Edgars haben, sollten Sie
mit Dr. McEwan sprechen. Ich werde mal nachsehen, ob er Zeit für
Sie hat, wenn es Ihnen recht ist.«
Als sie Anstalten machte aufzustehen, hielt Claire
sie zurück.
»Haben Sie ein Foto von Mrs. Edgars?« Als Mrs.
Andrews sie verwundert anblickte, lächelte Claire sie liebenswürdig
an. »Wir wollen doch nicht die kostbare Zeit Ihres Direktors
verschwenden. Womöglich handelt es sich um die falsche Person«,
erklärte sie.
Mrs. Andrews blinzelte verwirrt. Doch dann nickte
sie und begann, in ihrem Schreibtisch zu kramen.
»Ja, wo sind sie denn? Gestern habe ich sie noch in
der Hand gehabt... also können sie nicht weit sein... ach ja, da
haben wir sie!« Sie zog ein Album voller Schwarzweißfotos heraus
und blätterte es hastig durch.
»Hier«, sagte sie. »Da ist sie bei einer Ausgrabung
vor der Stadt. Allerdings kann man ihr Gesicht nicht besonders gut
sehen. Warten Sie, da müssen doch noch andere sein...«
Erneut begann sie, vor sich hin murmelnd, in den
Schubladen zu wühlen. Währenddessen blickte Roger neugierig über
Claires Schulter auf das Bild, das Mrs. Andrews auf den
Schreibtisch gelegt hatte. Der Schnappschuß zeigte eine Gruppe von
Menschen inmitten von Jutesäcken und Werkzeugen vor einem
Landrover. Einige hatten sich von der Kamera abgewandt, doch Claire
streckte ohne zu zögern den Finger aus und tippte auf eine große
junge Frau mit langem, glattem, blondem Haar. Dabei nickte sie
Roger stumm zu.
»Wie können Sie da so sicher sein?« fragte Roger
leise.
»Was ist, mein Guter?« Mrs. Andrews blickte ihn
geistesabwesend über ihren Brillenrand hinweg an. »Ach, Sie meinen
nicht mich! Hier habe ich noch eins, auf dem sie ein wenig
deutlicher zu erkennen ist.« Triumphierend klatschte sie das zweite
Foto auf das erste.
Es zeigte einen älteren Mann mit einer Halbbrille
und dieselbe blonde Frau, die sich über einen Tisch beugte, auf dem
etwas lag, das auf den ersten Blick wie eine Sammlung verrosteter
Autoersatzteile aussah, aber es handelte sich wohl zweifellos um
kostbare Fundgegenstände. Zwar hing ihr eine Strähne ins Gesicht,
und sie hatte den Kopf dem älteren Mann zugewandt, doch man
erkannte deutlich die kurze, gerade Nase, das weiche runde Kinn und
den schön geschwungenen Mund. Sie hatte die Augen gesenkt, so daß
sie unter den dichten langen Wimpern verborgen waren. Im letzten
Augenblick unterdrückte Roger einen bewundernden Pfiff. Vorfahrin
oder nicht, diese Frau war eine Wucht, dachte er respektlos.
Claire nickte derweilen schweigend. Sie war noch
blasser als sonst, doch sie dankte Mrs. Andrews mit ihrer gewohnten
Selbstbeherrschung.
»Ja, das ist sie. Nun würden wir doch gern mit dem
Direktor sprechen, wenn es sich ermöglichen läßt.«
»Dann werde ich ihn fragen, meine Liebe. Aber darf
ich wissen, um was es sich handelt?«
Roger öffnete den Mund, um eine Ausrede zu
stammeln, doch noch ehe er etwas herausbrachte, sprang Claire in
die Bresche.
»Wir kommen aus Oxford«, erklärte sie. »Mrs. Edgars
hat sich im Fachbereich Altertumsforschung um ein Stipendium
beworben und in ihrem Antrag dieses Institut als Referenz
angegeben. Wenn Sie also so nett wären...«
»Oh, ich verstehe.« Mrs. Andrews wirkte
beeindruckt. »Man bedenke, Oxford! Ich frage Dr. McEwan, ob er Sie
gleich empfangen kann.«
Nach einem flüchtigen Klopfen verschwand sie hinter
einer weißgetäfelten Tür. Roger beugte sich vor und flüsterte
Claire ins Ohr: »Aber in Oxford gibt es doch gar keinen Fachbereich
für Altertumsforschung, das wissen Sie genau.«
»Sie wissen das«, erwiderte sie würdevoll, »und
ich, wie Sie eben so klug festgestellt haben, weiß es auch. Aber
viele Menschen wissen es nicht. Mrs. Andrews beispielsweise.«
Langsam ging die Tür wieder auf.
»Dann wollen wir nur hoffen, daß hier alle so
unbedarft sind wie diese Dame«, seufzte Roger, während er sich die
Stirn abwischte. »Oder daß Ihr Einfallsreichtum Sie nicht im Stich
läßt.«
Claire stand auf und lächelte Mrs. Andrews
zu.
»Mich? Die ich für den König von Frankreich in die
Seelen meiner Mitmenschen geblickt habe?« flüsterte sie. »Dagegen
ist dies ein Kinderspiel.«
Roger verbeugte sich belustigt und wies auf die
Tür. »Après vous, Madame!«
Alls sie vortrat, fügte er leise hinzu: »Après
vous, le déluge.« Sie straffte die Schultern, wandte sich
jedoch nicht um.
Zu Rogers Erstaunen war es wirklich ein
Kinderspiel. Zwar hätte er nicht sagen können, ob es an Claires
schauspielerischem Talent oder an Dr. McEwans Zerstreutheit lag,
aber ihre Mission wurde problemlos akzeptiert. Es schien dem Mann
nicht in den Sinn zu kommen, daß es für Talentsucher aus Oxford
reichlich ungewöhnlich war, das abgelegene Inverness aufzusuchen,
um sich nach den Fähigkeiten einer potentiellen Stipendiatin zu
erkundigen. Doch zu Dr. McEwans Entschuldigung ließe sich anführen,
daß ihn irgend etwas sehr zu beschäftigen schien und er deshalb
nicht ganz Herr seiner Gedanken war.
»Nun... ja, fraglos verfügt Mrs. Edgars über eine
hohe Intelligenz. Eine sehr hohe«, verbesserte sich der Direktor,
als wollte er sich selbst davon überzeugen. Er war groß, kräftig
gebaut und hatte eine lange Oberlippe, die an ein Kamel erinnerte
und wabbelte, während er unsicher nach Worten suchte. »Hat sie...
haben Sie... ich meine...« Er zog die Lippe hoch, und seine Worte
erstarben. »Haben Sie Mrs. Edgars eigentlich schon kennengelernt?«
platzte er schließlich heraus.
»Nein«, erklärte Roger, während er Dr. McEwan ernst
ins Auge faßte. »Deshalb wollten wir ja wissen, was Sie von ihr
halten.«
»Gibt es vielleicht etwas...« Claire machte eine
einladende Pause, »was die Kommission Ihrer Meinung nach wissen
sollte, Dr. McEwan?« Erwartungsvoll beugte sie sich vor.
»Erkundigungen wie diese werden hundertprozentig vertraulich
behandelt. Es ist so wichtig, daß wir uns ein umfassendes Bild von
den Bewerbern machen können. Schließlich ist eine solche
Entscheidung mit großer Verantwortung verbunden.« Vertraulich
senkte sie die Stimme. »Das Ministerium, wissen Sie.«
Roger hätte ihr am liebsten den Hals umgedreht,
doch Dr. McEwan nickte weise.
»O ja, natürlich. Das Ministerium. Ja, ich verstehe
voll und ganz. Nun, ich... es wäre mir furchtbar unangenehm, wenn
ich Sie in irgendeiner Hinsicht in die Irre führen würde.
Zweifellos ist es eine wunderbare Chance...«
Nun hätte Roger am liebsten beide an der Gurgel
gepackt. Aber augenscheinlich merkte Claire, wie seine Hände
zuckten, denn sie schob dem Gestammel des Direktors resolut einen
Riegel vor.
»Uns interessieren vor allem zwei Dinge«, erklärte
sie unumwunden, holte ihr Notizbuch aus der Tasche, schlug es auf
und legte es
sich auf die Knie. Eine Flasche Sherry für Mrs. T. kaufen,
las Roger aus den Augenwinkeln. Schinkenaufschnitt fürs
Picknick.
»Zunächst einmal möchten wir wissen, wie Sie Mrs.
Edgars’ Fähigkeiten beurteilen, und zweitens würden wir gern Ihre
Meinung über ihre Persönlichkeit hören. Zum ersten Punkt haben wir
uns natürlich schon ein Urteil gebildet«, sie klopfte mit dem Stift
auf eine Stelle in ihrem Notizbuch, wo Reiseschecks
einwechseln stand, »aber Sie können das sicher weitaus besser
einschätzen.« Dr. McEwan, der unentwegt nickte, sah Claire wie
gebannt an.
»Nun...« Er blickte prüfend zur Tür, um
sicherzugehen, daß sie geschlossen war, bevor er sich vorbeugte und
vertraulich die Stimme senkte. »Was die Qualität ihrer Arbeit
betrifft, kann ich Sie voll und ganz beruhigen. Ich zeige Ihnen
gleich ein paar Proben. Die andere Sache hingegen...« Roger, der
befürchtete, er könnte wieder zu stammeln beginnen, richtete sich
bedrohlich auf.
Dr. McEwan ließ sich verwundert zurücksinken. »Viel
ist es eigentlich nicht«, setzte er an. »Nur... sie stürzt sich mit
solchem Feuereifer in die Arbeit, daß man schon fast sagen könnte,
sie sei... besessen?« Fragend hob sich seine Stimme.
»Konzentriert sich dieser Feuereifer vielleicht
zufällig auf Steinkreise?« schlug Claire sanft vor.
»Oh, hat sie das in ihren Antrag geschrieben?« Der
Direktor förderte ein riesiges, schmuddeliges Taschentuch zutage
und wischte sich damit übers Gesicht. »Ja, Sie haben recht.
Natürlich begeistern sich viele Leute für dieses Gebiet«, fügte er
entschuldigend hinzu. »Sie finden es nun mal romantisch und
rätselhaft. Sehen Sie sich doch nur diese unbedarften Geschöpfe an,
die sich in der Mittsommernacht in Stonehenge versammeln und
Zauberformeln aufsagen! Natürlich möchte ich Gillian Edgars nicht
mit ihnen vergleichen...«
In diesem Sinne ging es weiter, doch Roger hörte
nicht mehr zu. Die Luft war stickig in dem kleinen Büro, und sein
Kragen war ihm plötzlich zu eng geworden.
Das kann doch nicht wahr sein, dachte er.
Schlichtweg unmöglich. Gewiß, Claire Randalls Geschichte
klang überzeugend - schrecklich überzeugend. Doch wenn man
beobachtete, wie sie diesen armen alten Tropf um den Finger
wickelte, der wahre Gelehrsamkeit auch dann nicht erkennen würde,
wenn man sie ihm
auf einem Silbertablett servierte, dann kam man ins Zweifeln. Sie
hätten einem Eskimo eine Lieferung Kühlschränke aufschwatzen
können. Gewiß, Roger war nicht so leicht zu täuschen wie Dr.
McEwan, aber trotzdem.
Roger wurde so von Bedenken geplagt, daß er kaum
mitbekam, wie Dr. McEwan einen Schlüssel aus der
Schreibtischschublade holte und sie auf einen langen Flur
geleitete, in dem sich eine Tür an die andere reihte.
»Studierzimmer«, erklärte der Direktor und öffnete
eine der Türen. Vor ihnen lag ein kaum zwei Quadratmeter großer
Verschlag, in den ein kleiner Tisch, ein Stuhl und ein schmales
Bücherregal gezwängt waren. Auf dem Tisch lag ein Stapel bunter
Aktendeckel, daneben ein großes graues Notizbuch mit der
säuberlichen Aufschrift VERSCHIEDENES.
Die Sache wurde immer persönlicher. Zuerst die
Fotos und nun ihre Handschrift. Panik überfiel ihn bei der
Vorstellung, Geillis Duncan tatsächlich zu treffen. Das hieß,
Gillian Edgars. Oder wen auch immer.
Der Direktor schlug einige der Mappen auf und
erklärte Claire, worum es sich bei dem jeweiligen Projekt handelte.
Claire gab sich äußerst erfolgreich den Anschein, sie sei mit den
Themen vertraut. Roger, der ihr über die Schulter blickte, gab
gelegentlich ein »Hmm!« oder »Sehr interessant!« zum besten. Doch
was in der schwungvollen Schrift dort festgehalten war, nahm er
nicht in sich auf.
Das hat sie geschrieben, dachte er. Sie
ist ein Wesen aus Fleisch und Blut mit schönen Lippen und langen
blonden Haaren. Wenn sie durch den Steinkreis in die
Vergangenheit geht, wird sie verbrennen. Und wenn sie nicht geht,
dann... dann gibt es mich nicht.
Heftig schüttelte er den Kopf.
»Sind Sie anderer Meinung, Mr. Wakefield?« Der
Direktor blickte ihn verwundert an.
Jetzt schüttelte Roger den Kopf, weil es ihm
peinlich war.
»Nein, nein... ganz und gar nicht... hätten Sie
vielleicht einen Schluck Wasser?«
»Aber selbstverständlich. Kommen Sie. Hier um die
Ecke ist gleich ein Trinkbrunnen. Ich zeige es Ihnen.« Mit Worten,
die seine lebhafte Anteilnahme an Rogers Gesundheitszustand
ausdrücken sollten, führte ihn der Direktor aus dem
Zimmerchen.
Sobald er der Enge des Studierzimmers und der Nähe
von Gillian Edgars’ Büchern und Mappen entronnen war, ging es Roger
ein wenig besser. Dennoch hätte ihn nichts auf der Welt in den
winzigen Raum zurückgebracht. Roger faßte einen Entschluß. Sollte
sich Claire allein mit Dr. McEwan abplagen. Ohne noch einen Blick
zurückzuwerfen, ging er zu der Tür, die zum Empfangsraum
führte.
Neugierig und besorgt funkelte Mrs. Andrews ihn an,
als er hereinkam.
»Du meine Güte, Mr. Wakefield! Geht es Ihnen nicht
gut?« Roger fuhr sich übers Gesicht. Anscheinend sah man ihm an,
wie er sich fühlte. Matt lächelte er der rundlichen Sekretärin
zu.
»Doch, doch, danke. Mir ist da drinnen nur ein
wenig heiß geworden, und deshalb wollte ich frische Luft schnappen
gehen.«
»Aye, natürlich.« Sie nickte verständnisvoll. »Die
Heizungsluft. Manchmal setzt das Thermostat aus, und dann schalten
sich die Heizkörper nicht ab. Am besten sehe ich gleich mal nach.«
Sie stand auf. Dabei fiel ihr Blick auf das Foto von Gillian
Edgars, das auf dem Schreibtisch lag.
»Ist das nicht seltsam?« sagte sie im Plauderton.
»Da habe ich mir gerade dieses Bild angesehen und mich gefragt, an
wen sie mich erinnert, aber es wollte mir nicht einfallen. Und
jetzt merke ich, daß sie Ihnen ähnelt, Mr. Wakefield, besonders um
die Augen. Ist das nicht ein Zufall?« Doch Roger polterte schon die
Treppe hinunter.
»Gerade noch rechtzeitig, fürchte ich«, murmelte
sie freundlich. »Armer Kerl.«
Als Claire wieder zu ihm stieß, war es bereits
später Nachmittag. Die Menschen befanden sich auf dem Heimweg, und
in der Luft lag Feierabendstimmung.
Roger wurde jedoch von anderen Empfindungen bewegt.
Als er ausstieg, um Claire die Autotür aufzuhalten, tobten in ihm
derart widersprüchliche Gefühle, daß er nicht wußte, was er zuerst
sagen sollte. Sie stieg ein und blickte ihn mitfühlend an.
»Ein bißchen viel auf einmal, nicht wahr?« Mehr
sagte sie nicht.
Durch ein ausgefeiltes Netz von Einbahnstraßen war
das Durchqueren des Stadtzentrums zu einer Aufgabe geworden, die
seine volle Aufmerksamkeit beanspruchte. Und so waren sie schon
eine ganze Weile unterwegs, als er schließlich fragte: »Was
jetzt?«
Claire hatte sich zurückgelehnt und die Augen
geschlossen. Einzelne
Strähnen hatten sich aus ihrer Haarspange gelöst. Sie reckte sich
und setzte sich bequemer hin.
»Laden Sie Brianna doch für heute abend zum Essen
ein«, schlug sie vor. Essen? Irgendwie kam es Roger absurd vor,
sich inmitten einer detektivischen Spurensuche auf Leben und Tod
mit Essen aufzuhalten. Doch dann wurde ihm klar, daß wohl nicht nur
die Entdeckungen der letzten Stunden für das hohle Gefühl in seinem
Magen verantwortlich waren.
»Nun gut«, erwiderte er. »Aber morgen...«
»Warum bis morgen warten?« wandte Claire ein.
Mittlerweile saß sie aufrecht da und kämmte sich die Haare. Mit den
dicken, lockigen Strähnen, die ihr ungebändigt auf die Schultern
fielen, wirkte sie plötzlich erstaunlich jung. »Nach dem Essen
können Sie doch noch einmal zu Greg Edgars gehen und mit ihm
reden.«
»Woher wissen Sie, daß er Greg heißt?« fragte Roger
erstaunt. »Und wenn er am Nachmittag nicht mit mir reden wollte,
warum sollte er es dann am Abend tun?«
Claire blickte ihn an, als würde sie an seiner
Intelligenz zweifeln.
»Seinen Vornamen kenne ich, weil ich ihn auf einem
Brief in seinem Kasten gelesen habe. Und er wird heute abend mit
Ihnen reden, weil Sie ihm eine Flasche Whisky mitbringen.«
»Sie glauben, dann wird er mich
hereinbitten?«
Amüsiert blickte sie ihn an. »Haben Sie die
Batterie leerer Flaschen in seiner Mülltonne nicht gesehen?
Natürlich wird er Sie hereinbitten, und zwar in dem Moment, wo er
Sie sieht.«
Sie ließ sich zurücksinken und schob die Fäuste in
die Taschen, den Blick geistesabwesend aus dem Fenster
gerichtet.
»Sie könnten Brianna bitten, Sie zu begleiten«,
meinte sie leichthin.
»Aber sie hat doch gesagt, sie will mit alldem
nichts zu tun haben«, wandte Roger ein.
»Dann erzählen Sie ihr vorher nicht, worum es bei
dem Besuch geht«, schlug sie in einem Ton vor, der Roger daran
erinnerte, daß sie Oberärztin in einem großen Krankenhaus
war.
Obwohl seine Ohren glühten, erwiderte er trotzig:
»Sie können wohl kaum vor ihr verbergen, daß wir beide...«
»Ich nicht«, fiel Claire ihm ins Wort. »Sie. Ich
habe etwas anderes zu erledigen.«
Jetzt reicht’s mir aber, dachte Roger. Er lenkte
den Wagen an den
Straßenrand und hielt mit quietschenden Reifen. Dann funkelte er
Claire wütend an.
»So, so, etwas anderes«, schimpfte er. »Prima, das
gefällt mir! Sie hängen mir den Job an, einen Trunkenbold
auszuforschen, der mir wahrscheinlich eins über die Rübe haut,
sobald ich in sein Blickfeld komme, und Ihre Tochter soll mich
begleiten und dabei zusehen. Soll sie mich vielleicht ins
Krankenhaus fahren, nachdem dieser Edgars mir die Flasche über den
Schädel gezogen hat?«
»Nein«, entgegnete Claire, ohne auf seinen wütenden
Ton einzugehen. »Aber ich glaube, gemeinsam mit Greg Edgars könnte
es Ihnen gelingen, Brianna davon zu überzeugen, daß Gillian Edgars
die Frau ist, die ich als Geillis Duncan kennengelernt habe.
Brianna hört mir nicht zu. Sie würde auch Ihnen nicht zuhören, wenn
Sie ihr erzählen wollten, was wir heute im Institut erfahren haben.
Aber Greg Edgars wird sie wohl anhören.« Ihre Stimme klang flach
und verbittert, und Roger merkte, wie sein Ärger verebbte. Er
startete das Auto und fädelte sich wieder in den Verkehr ein.
»Na gut, ich werde es versuchen«, sagte er
widerwillig, ohne sie anzublicken. »Und womit werden Sie sich
beschäftigen?«
Sie griff in ihre Tasche und zog einen kleinen
metallenen Gegenstand heraus. Einen Schlüssel.
»Ich werde dem Institut einen Besuch abstatten«,
erwiderte sie. »Ich will das Notizbuch haben.«
Nachdem Claire mit einer Entschuldigung zu ihrer
»Besorgung« aufgebrochen war - an die Roger nicht denken konnte,
ohne daß ihn ein Schauder überlief -, fuhr er mit Brianna zu einem
Pub. Aber weil der Abend so schön und mild war, beschlossen sie
kurzerhand, mit dem Essen noch zu warten. Während sie am River Ness
entlanggschlenderten, vergaß Roger seine gemischten Gefühle
angesichts dessen, was ihm noch bevorstand.
Zunächst achteten sie auf jedes Wort, um keine
neuen Unstimmigkeiten aufkommen zu lassen. Doch sobald sich das
Gespräch Rogers Arbeit zuwandte, wurde es lebhafter.
»Wieso kennst du dich in Geschichte so gut aus?«
unterbrach Roger sie einmal mitten im Satz.
»Durch meinen Vater«, antwortete sie. Bei dem Wort
»Vater« stockte sie, als würde sie erwarten, daß er Einwände erhob.
»Meinen richtigen Vater«, fügte sie dann dezidiert hinzu.
»Nun, der kannte sich auch aus«, gab Roger milde
zurück und ließ die Herausforderung im Raum stehen. Dafür ist
später noch genügend Zeit, meine Gute, dachte er zynisch. Aber
nicht ich werde mich mit dir darüber auseinandersetzen.
Am Ende der Straße entdeckte Roger ein erleuchtetes
Fenster, das zur Wohnung der Edgars gehören mußte. Demnach war die
Beute im Bau. Beim Gedanken an das bevorstehende Gespräch erfaßte
ihn plötzlich Aufregung.
Doch als sie den gemütlichen Pub betraten, in dem
es verführerisch nach Fleischpastete duftete, wich die Aufregung
rasch dem Appetit. In einer unausgesprochenen Übereinkunft
vermieden es die beiden, die Ereignisse des Vorabends zu erwähnen,
so daß sich ein angenehmes und freundliches Gespräch entwickelte.
Roger war aufgefallen, wie sehr sich das Verhältnis zwischen Mutter
und Tochter abgekühlt hatte, als sie Claire auf dem Weg zum Pub bei
einem Taxistand abgesetzt hatten. Wie sie so schweigend auf dem
Rücksitz saßen, hatten sie ihn an zwei Katzen erinnert, die sich
mit angelegten Ohren und zuckenden Schwänzen gegenüberhockten und
es peinlichst vermieden, einander in die Augen zu blicken, weil sie
dann fauchend übereinander herfallen würden.
Nach dem Essen holte Brianna ihre Mäntel, während
er die Rechnung zahlte.
»Wozu soll die denn gut sein?« fragte sie, als sie
die Whiskyflasche sah. »Planst du für heute noch ein
Remmidemmi?«
»Ein Remmidemmi?« fragte er grinsend. »Du machst
anscheinend Fortschritte und hast deinen Wortschatz erweitert. Und
was hast du sonst noch gelernt?«
In gespielter Schüchternheit senkte sie den
Blick.
»Daß es einen Tanz gibt, den man >Letkiss<
nennt. Aber es wäre wohl unziemlich, wenn ich dich jetzt bitte, ihn
mit mir zu tanzen.«
»Nicht, wenn du es ernst meinst«, entgegnete er.
Sie lachten, doch die Röte auf ihren Wangen war tiefer geworden.
Ihm selbst wurde bei dem Vorschlag so warm, daß er sich den Mantel
über den Arm hängte, anstatt ihn anzuziehen.
»Wenn ich genug von dem Zeug da getrunken habe,
ganz bestimmt«, sagte sie und zeigte mit einem malizösen Lächeln
auf die Whiskyflasche. »Nur, daß er so schrecklich schmeckt!«
»Daran gewöhnt man sich, Mädel«, erwiderte Roger
mit breitem schottischen Akzent. »Nur die Schotten saugen ihn schon
mit der
Muttermilch auf. Ich werde dir mal eine Flasche kaufen, damit du
üben kannst. Aber diese hier ist als Geschenk gedacht. Ich habe sie
jemandem versprochen. Willst du mitkommen, oder soll ich sie später
abgeben?« Roger wußte nicht, ob er Brianna wirklich dabeihaben
wollte, doch als sie nickte und in ihren Mantel schlüpfte, freute
er sich.
»Natürlich komme ich mit.«
»Gut.« Zärtlich rückte er ihr den Mantelkragen
zurecht, der sich beim Anziehen aufgestellt hatte. »Es ist nur ein
Stück die Straße hinunter - wollen wir zu Fuß gehen oder
fahren?«
Abends wirkte die Gegend ein wenig freundlicher.
Die Dunkelheit hatte die schäbigen Winkel eingehüllt, und das
Licht, das aus den Fenstern fiel, verlieh der Straße eine
Heimeligkeit, die sie tagsüber nicht hatte.
»Es kann aber länger dauern«, warnte Roger, als er
auf den Klingelknopf drückte. Dabei wußte er nicht, ob ihm das
überhaupt lieb sein würde. Als die Tür geöffnet wurde, verflog
seine Angst rasch. Immerhin war jemand zu Hause und bei
Bewußtsein.
Edgars hatte sich offensichtlich den Nachmittag
über von einer der Flaschen Gesellschaft leisten lassen, die auf
der wackligen Anrichte hinter ihm aufgereiht waren.
Glücklicherweise brachte er die abendlichen Besucher nicht mit den
Störenfrieden vom Nachmittag in Verbindung. Als Roger sich
vorstellte, staunte er.
»Gillians Cousin? Wußte gar nicht, daß sie einen
Cousin hat.«
»Tja.« Roger nutzte Edgars’ Unkenntnis kühn zu
seinem Vorteil. »Das bin ich.« Mit Gillian würde er schon
fertigwerden, wenn er ihr gegenüberstand. Falls er sie überhaupt zu
Gesicht bekam.
Edgars blinzelte. Dann rieb er sich mit der Faust
über ein entzündetes Auge, als würde er dadurch klarer sehen. Mit
einiger Anstrengung richtete er den Blick auf Brianna, die sich im
Hintergrund hielt.
»Und wer ist das?« forschte Edgars.
»Das... das ist meine Freundin«, improvisierte
Roger. Brianna blickte ihn aus schmalen Augen an, sagte aber
nichts. Sicher hatte sie den Braten bereits gerochen, doch sie trat
widerspruchslos ein, als Greg Edgars ihnen die Tür aufhielt.
Die kleine Wohnung war mit Gebrauchtmöbeln
vollgestopft. Es roch nach kaltem Rauch und zu selten
herausgebrachtem Müll, und auf jeder horizontalen Fläche türmten
sich die Überreste von Fertiggerichten.
Brianna warf Roger einen Blick zu, der besagte: Du hast aber
eine nette Verwandtschaft! Er zuckte hilflos die Achseln:
Ist nicht meine Schuld. Offensichtlich war die Hausfrau
nicht daheim, und das schon seit einiger Zeit.
Zumindest nicht körperlich. Als Roger sich zu dem
Stuhl umwandte, den Edgars ihm anbot, fiel sein Blick auf ein
großes Porträtfoto, das in einem Messingrahmen auf dem Kaminsims
stand. Er mußte sich auf die Lippen beißen, um einen Ausruf der
Überraschung zu unterdrücken.
Die Frau auf dem Foto schien ihm geradewegs in die
Augen zu blicken, wobei ein angedeutetes Lächeln ihre Lippen
umspielte. Das dichte platinblonde Haar fiel ihr auf den Rücken und
umrahmte das ebenmäßige, herzförmige Gesicht. Dichte, dunkle
Wimpern beschatteten die grünen Augen.
»Gut getroffen, nicht wahr?« fragte Edgars, der
sich dem Foto ebenfalls zugewandt hatte und es halb feindselig,
halb sehnsüchtig betrachtete.
»Äh, ja, ein gutes Foto.« Roger, der sich ein wenig
beklommen fühlte, hob eine zerknitterte Pommestüte von seinem
Stuhl. Brianna hingegen betrachtete das Porträt voller Neugier. Sie
blickte von dem Foto zu Roger und wieder zurück, als würde sie
Vergleiche anstellen. Aha, deine Cousine, schien sie zu
sagen.
»Gillian ist wohl nicht da?« Roger winkte ab, als
Edgars ihm fragend die Flasche entgegenhielt. Doch dann änderte er
seine Meinung und nickte. Vielleicht gewann er Edgars Vertrauen,
wenn er mit ihm ein Glas leerte. Denn wenn Gillian nicht da war,
mußte er herausfinden, wo sie sich aufhielt.
Edgars schüttelte den Kopf, während er mit den
Zähnen an der Versiegelung der Flasche riß. Schließlich pflückte er
sich Wachs und Papier von den Lippen ab.
»Wohl kaum, mein Freund. Wenn sie da ist, sieht es
hier ein bißchen anders aus.« Er wies auf die überquellenden
Aschenbecher und die zerknüllten Pappbecher. »Vielleicht so
ähnlich, aber nicht ganz so schlimm.« Er holte drei Weingläser von
der Anrichte und prüfte zweifelnd nach, ob sie staubig waren.
Dann goß er sie mit der übertriebenen Vorsicht
eines Betrunkenen mit Whisky voll und trug sie zu seinen Besuchern.
Brianna nahm ihres höflich entgegen, wies aber den angebotenen
Stuhl dankend ab. Statt dessen lehnte sie sich anmutig gegen die
Anrichte.
Edgars ließ sich auf das ramponierte Sofa fallen
und hob sein Glas.
»Prost, Freunde!« rief er, bevor er schlürfend
einen großen Schluck trank. »Wie heißen Sie noch mal?« fragte er.
Aber gleich darauf unterbrach er sich, weil es ihm wieder
eingefallen war. »Ja, richtig, Roger. Gillian hat Sie nie
erwähnt... aber das ist auch nicht ihre Art«, fügte er
selbstmitleidig hinzu. »Sie redet praktisch nie von ihrer Familie,
und deshalb kenne ich auch niemanden. Glaube, sie schämt sich für
ihre Angehörigen... aber sie schauen gar nicht so übel aus«, meinte
er großzügig. »Und Ihr Mädel ist echt ’ne Wucht.« Er lachte laut
auf, so daß ein feiner Whiskyregen durch die Gegend sprühte.
»Ja«, sagte Roger. »Danke.« Vorsichtig nippte er an
seinem Drink. Brianna hatte sich angewidert von Edgars abgewandt
und war angelegentlich damit beschäftigt, den Inhalt der Anrichte
durch das Facettenglas der Türen zu mustern.
Es hatte keinen Sinn, um den heißen Brei
herumzureden, dachte Roger. Edgars würde eine Anspielung auch dann
nicht erkennen, wenn sie ihm in den Hintern biß. Außerdem, wenn er
in dem Tempo weitertrank, bestand die Gefahr, daß er demnächst
überhaupt nicht mehr ansprechbar wäre.
»Haben Sie eine Ahnung, wo Gillian steckt?« fragte
er ohne Umschweife. Wie immer wollte ihm ihr Name kaum über die
Lippen kommen. Er blickte wie magnetisiert auf das Kaminsims, wo
ihr Porträt stand und auf die alkoholischen Ausschweifungen
herablächelte.
Verneinend schwang Edgars den Kopf hin und her wie
ein Ochse über der Futterkrippe. Er war in Rogers Alter, sah aber
durch seine grauen Bartstoppeln, das ungepflegte dunkle Haar und
die gedrungene Figur älter aus.
»Näh«, erwiderte er. »Ich dachte, das könnten Sie
mir erzählen. Wahrscheinlich ist sie bei den Nats oder bei den
Rosen, aber ich bin nicht mehr auf dem laufenden, wer im Augenblick
höher im Kurs steht.«
»Bei den Nats?« Rogers Herz schlug schneller. »Etwa
bei den schottischen Nationalisten, der
Unabhängigkeitsbewegung?«
Edgars wurden allmählich die Augenlider
schwer.
»Aye, bei diesen verdammten Nationalisten. Dort
habe ich Gillian kennengelernt.«
»Wie lange ist das her, Mr. Edgars?«
Überrascht blickte Roger auf. Die Frage kam von
Brianna, die den Mann erwartungsvoll anblickte. Roger hätte nicht
sagen können, ob sie nur das Gespräch in Gang halten wollte oder
mit ihrer Frage eine bestimmte Absicht verband. Ihr Gesicht zeigte
lediglich höfliches Interesse.
»Weiß nicht genau... vielleicht zwei, drei Jahre.
Zuerst war’s ein großer Spaß. Wir schicken die verdammten Engländer
zum Teufel und schließen uns der Europäischen Gemeinschaft selber
an. Und dazu die Saufgelage und die Herumschmuserei hinten im
Lieferwagen, wenn wir von einer Aktion nach Hause gefahren sind.«
Verträumt schüttelte Edgars den Kopf. Doch dann schwand sein
Lächeln, und er blickte düster in sein Whiskyglas. »Aber das war,
bevor sie durchgedreht ist.«
»Durchgedreht?« Roger warf einen Blick auf das
Foto. Fanatisch, gewiß. Aber doch nicht verrückt. Oder konnte man
das nach einem Foto nicht beurteilen?
»Ja, die Gesellschaft der Weißen Rose. Mein süßer
kleiner Prinz Charlie, komm doch zurück, und all dieser Quatsch.
Ein Haufen von Einheimischen in Kilts und voller Montur, mit
Schwertern und so. Schon in Ordnung, wenn einem so was Spaß macht«,
fügte er mit dem verqueren Versuch, Objektivität walten zu lassen,
hinzu. »Aber Gillian treibt die Dinge immer zu weit. Hat ständig
vom Prinzen gefaselt und wie toll es wäre, wenn er den Aufstand
damals gewonnen hätte. Immerzu haben irgendwelche Kerle in unserer
Küche gesessen und Bier gesoffen und darüber gestritten, warum er
keinen Erfolg hatte. Noch dazu auf gälisch.« Er verdrehte die
Augen. »Ein Haufen Schwachsinn.« Um dies zu bestärken, leerte er
sein Glas in einem Zug.
Roger spürte, daß sich Briannas Augen in seinen
Nacken bohrten. Obwohl er keinen Schlips trug und sein oberster
Knopf geöffnet war, zerrte er an seinem Kragen.
»Interessiert sich Ihre Frau nicht auch für
Steinkreise, Mr. Edgars?« Brianna gab sich inzwischen keine Mühe
mehr, höfliche Aufmerksamkeit vorzutäuschen. Ihre Stimme war so
messerscharf, daß man damit Käse hätte schneiden können. Aber
Edgars ließ das kalt.
»Steinkreise?« Verwirrt steckte er sich den
Zeigefinger ins Ohr und stocherte heftig darin herum.
»Diese vorzeitlichen Steinkreise wie die Clava
Cairns«, half ihm Roger auf die Sprünge. Wennschon, dennschon,
dachte er resigniert. Brianna würde ohnehin kein Wort mehr mit ihm
sprechen, also konnte er auch herausfinden, was es herauszufinden
gab.
»Ach, die!« Edgars lachte kurz auf. »Ja, und dazu
noch für jeden anderen alten Mist, den Sie sich vorstellen können.
Das ist ihre neueste fixe Idee, und dazu die schlimmste. Tag und
Nacht in diesem Institut; sie hat mein ganzes Geld für Kurse zum
Fenster rausgeworfen. Kurse - daß ich nicht lache! Märchen haben
sie ihr dort erzählt. Nichts, was du gebrauchen kannst, Mädchen,
habe ich immer wieder zu ihr gesagt, warum lernst du nicht tippen?
Such dir einen Job, wenn du dich langweilst. Als ich ihr das gesagt
habe, ist sie abgehauen«, erklärte er verdrießlich. »Und seit zwei
Wochen habe ich sie nicht mehr gesehen.« Er starrte in sein
Weinglas, als würde es ihn wundern, daß es leer war.
»Woll’n Se noch einen?« fragte er, während er nach
der Flasche griff. Brianna schüttelte entschieden den Kopf.
»Wir müssen jetzt gehen. Nicht wahr, Roger?«
Als Roger das gefährliche Funkeln in ihren Augen
sah, erschien es ihm fast besser, Greg Edgars dabei Gesellschaft zu
leisten, die Flasche zu leeren. Andererseits hätte er einen langen
Fußmarsch vor sich, wenn er Brianna das Auto überließ. Seufzend
erhob er sich und schüttelte Edgars die Hand. Sein Händedruck war
warm und erstaunlich fest, wenn auch ein wenig feucht.
Die Flasche fest im Griff, geleitete Edgars sie zur
Tür und sah ihnen durch das Fenster nach. »Sagt Gillian, sie soll
nach Hause kommen, wenn ihr sie seht!« rief er ihnen nach.
Roger drehte sich um und winkte der Gestalt zu, die
sich verschwommen in dem kleinen erleuchteten Viereck in der Tür
abzeichnete.
»Ich werde es versuchen!« rief er, obwohl ihm die
Worte fast im Halse steckenblieben.
Sie waren schon beinahe wieder am Pub eingetroffen,
als Brianna ihn zur Rede stellte.
»Was, zum Teufel, hast du vor?« fragte sie. Es
klang wütend, aber nicht hysterisch. »Erst heißt es, du hast in den
Highlands keine Angehörigen mehr, und jetzt kommst du mir mit
dieser Cousine. Wer ist die Frau auf dem Foto?«
Roger blickte in die Dunkelheit, als könnte er von
dort eine
Eingebung bekommen, aber sie ließ ihn im Stich. So holte er tief
Luft und nahm Briannas Arm.
»Geillis Duncan«, sagte er.
Sie blieb stocksteif stehen, und er konnte fast
spüren, wie sich der Schock in ihr ausbreitete. Betont langsam
löste sie ihren Ellenbogen aus seiner Hand. Das zarte Gewebe, das
zwischen ihnen im Laufe des Abends entstanden war, war
zerrissen.
»Rühr mich nicht an«, zischte sie ihn an. »Stammt
die Idee von meiner Mutter?«
Obwohl er sich vorgenommen hatte, verständnisvoll
zu sein, spürte Roger Ärger in sich aufsteigen.
»Kannst du vielleicht auch mal an jemand anders als
dich selbst denken?« fragte er. »Ich weiß, daß es für dich ein
Schock war, und dafür hat jeder Verständnis. Und wenn du es nicht
über dich bringst, dich damit auseinanderzusetzen, will ich dich
nicht drängen. Aber du solltest auch mal an deine Mutter denken. An
deine Mutter und an mich.«
»Wie? Was hast du denn mit der ganzen Geschichte zu
tun?« In der Dunkelheit konnte er ihr Gesicht nicht sehen, doch sie
war unverkennbar erstaunt.
Eigentlich hatte Roger die Angelegenheit nicht noch
zusätzlich verkomplizieren wollen, indem er sich und seine
Vorfahren ins Spiel brachte, doch dafür war es nun offensichtlich
zu spät. Claire hatte das zweifellos geahnt, als sie ihm geraten
hatte, Brianna zu dem Besuch mitzunehmen.
In einer plötzlichen Eingebung wurde ihm klar,
welche Absichten Claire verfolgte. Es gab eine Möglichkeit, Brianna
zu beweisen, daß ihre Geschichte wahr war. Sie hatten Gillian
Edgars, die - womöglich - noch nicht in die Vergangenheit
aufgebrochen war. Selbst der hartnäckigste Zweifler mußte sich
überzeugen lassen, wenn er sah, wie jemand in die Vergangenheit
entschwand. Kein Wunder, daß Claire soviel daran gelegen war,
Gillian Edgars zu finden.
Und so erklärte er Brianna in knappen Worten seine
Beziehung zu der zukünftigen Hexe von Cranesmuir.
»Entweder ihr Leben oder meins«, schloß er seine
Ausführungen, wobei ihm nur zu deutlich bewußt war, wie lächerlich
melodramatisch das klang. »Die Entscheidung hat deine Mutter mir
überlassen. Und ich war der Meinung, daß wir Gillian wenigstens
suchen sollten.«
Brianna war stehengeblieben und hörte ihm zu. Im
Schein einer Schaufensterbeleuchtung sah er, daß sie ihn
anstarrte.
»Dann glaubst du es also?« fragte sie. In ihrer
Stimme schwangen weder Verachtung noch Ärger mit, sondern nur ein
tiefer Ernst.
Er seufzte und griff wieder nach ihrem Arm. Sie
leistete keinen Widerstand, und so gingen sie einträchtig
nebeneinander her.
»Ja«, antwortete er. »Ich konnte nicht anders. Du
hast das Gesicht deiner Mutter nicht gesehen, als sie die Worte
las, die in ihren Ring eingraviert sind. Ihre Gefühle waren echt,
so echt, daß es mir fast das Herz gebrochen hätte.«
»Erzähl es mir«, sagte sie nach kurzem Schweigen.
»Was steht in dem Ring?«
Als er geendet hatte, waren sie auf dem Parkplatz
hinter dem Pub eingetroffen.
»Nun gut...«, meinte Brianna zögernd, »wenn...« Sie
hielt inne und sah ihm in die Augen. Obwohl sie so nahe bei ihm
stand, daß er die Wärme ihres Körpers spürte, streckte er die Arme
nicht nach ihr aus. Der Friedhof von St. Kilda war weit entfernt,
und sie wollten beide nicht an das Grab unter den Eiben erinnert
werden, in dessen Stein die Namen von Briannas Eltern eingemeißelt
waren.
»Ich weiß es nicht, Roger«, sagte sie
kopfschüttelnd. Das Neonschild über dem Hintereingang des Pubs ließ
ihr Haar purpurrot aufleuchten. »Ich kann einfach nicht... ich kann
noch nicht darüber nachdenken...« Ihre Stimme ließ sie im Stich,
doch sie hob die Hand und strich ihm leicht wie eine Abendbrise
über die Wange. »Aber ich denke an dich«, flüsterte sie.
Genaugenommen ist ein Einbruch nicht weiter
schwierig, wenn man sich im Besitz des Schlüssels befindet. Die
Möglichkeit, daß Mrs. Andrews oder Dr. McEwan zurückkehren und mich
auf frischer Tat ertappen würden, war verschwindend gering.
Notfalls hätte ich immer noch erklären können, ich sei hier, um
mein verlorenes Notizbuch zu suchen, und hätte die Tür
unverschlossen vorgefunden. Zwar war ich ein wenig aus der Übung,
doch es hatte Zeiten gegeben, da war mir die Vorspiegelung falscher
Tatsachen zur zweiten Natur geworden. Und Lügen ist wie
Fahrradfahren: Man verlernt es nie.
Daß mir das Herz bis zum Halse klopfte und mir sein
Schlag in den Ohren dröhnte, lag also weniger an meinem Vorsatz,
mir
Gillian Edgars Notizbuch anzueignen. Ich fürchtete mich vor dem,
was ich darin finden würde.
Wie mir Maître Raymond erklärt hatte, hängt es
allein von den Menschen ab, die an einen Zauber glauben, wie
mächtig und gefährlich er ist. Als ich am Nachmittag einen kurzen
Blick auf Gillians Aufzeichnungen geworfen hatte, hatte ich bereits
gesehen, daß sie aus einem Mischmasch aus Fakten, Spekulationen und
überspannten Phantasievorstellungen bestanden, die nur für die
Verfasserin Bedeutung besaßen. Und ich hatte einen beinahe
körperlichen Widerwillen verspürt, es zu berühren. Denn da ich
wußte, wer es geschrieben hatte, wußte ich auch, was es
höchstwahrscheinlich darstellte: ein grimoire, das
Zauberbuch einer Hexe.
Doch wenn es irgendwo einen Hinweis auf Geillis
Duncans augenblicklichen Aufenthaltsort gab, dann in diesen Zeilen.
Und so unterdrückte ich mein Schaudern, schob das Buch unter meinen
Mantel und klemmte es unter dem Ellenbogen fest.
Als ich ungehindert auf der Straße anlangte, kam es
mir vor, als würde ich eine Bombe bei mir tragen. Etwas, was mit
äußerster Vorsicht behandelt werden mußte, damit es nicht
explodierte.
Eine Weile lief ich ziellos durch die Gegend.
Schließlich steuerte ich ein kleines italienisches Restaurant mit
einer Terrasse am Fluß an. Zwar war es kühl geworden, doch ein
kleiner Elektroofen verbreitete wohlige Wärme, so daß man bis
spätabends dort sitzen konnte. Ich bestellte ein Glas Chianti. Das
Notizbuch lag auf der Papiertischdecke im Schatten des Brotkorbs
vor mir.
Der April neigte sich dem Ende zu. Nur noch wenige
Tage bis Beltene, dem Maifest. Der gleiche Tag, an dem ich meine
Reise in die Vergangenheit angetreten hatte. Vermutlich hing es mit
diesem Datum zusammen - oder vielleicht nur mit der Jahreszeit?
Mitte April war ich zurückgekehrt - in dieser Phase war die
Zeitreise also möglich. Aber womöglich hatte die Jahreszeit auch
gar nichts damit zu tun. Ich bestellte mir noch ein Glas
Wein.
Möglicherweise besaßen nur bestimmte Personen die
Fähigkeit - irgend etwas Besonderes im Erbgut -, eine Schranke zu
durchbrechen, die für alle anderen ein unüberwindbares Hindernis
darstellte. Wer wußte das schon! Jamie war es nicht möglich
gewesen, mir hingegen schon. Auch Geillis Duncan gehörte zu den
Auserwählten - oder sollte demnächst dazu gehören. Oder auch
nicht.
Bei dem Gedanken an Roger Wakefield wurde mir ein
wenig schummrig. Vielleicht sollte ich nicht nur trinken, sondern
auch etwas essen.
Der Besuch im Institut hatte mich davon überzeugt,
daß Gillian ihre verhängnisvolle Reise noch nicht angetreten hatte.
Denn jeder, der sich mit den Legenden der Highlands beschäftigte,
wußte, daß Beltene näherrückte, und würde die Reise für diesen
Zeitpunkt planen. Doch ich hatte keine Ahnung, wo sie stecken
könnte, wenn sie nicht zu Hause war. Führte sie vielleicht
irgendwelche Vorbereitungszeremonien durch, von denen sie bei
Fionas modernen Druidinnen gehört hatte? Vielleicht enthielt das
Notizbuch einen Hinweis darauf.
Über meine eigenen Beweggründe war ich mir
mittlerweile nicht mehr im klaren. Hatte ich Roger in die Suche
nach Geillis verwikkelt, weil es die einzige Möglichkeit war,
Brianna von der Wahrheit zu überzeugen?
Aber wenn wir die Frau rechtzeitig aufspürten,
hätte ich nur dann mein Ziel erreicht, wenn Gillian in die
Vergangenheit zurückkehrte. Und dort in den Flammen starb.
Als man Geillis als Hexe zum Tod auf dem
Scheiterhaufen verurteilte, hatte Jamie zu mir gesagt: »Traure
nicht um sie, Sassenach. Sie war eine böse Frau.« Damals war es für
mich relativ unwichtig gewesen, ob sie nur schlecht oder verrückt
war. Sollte ich es nicht einfach dabei bewenden lassen und sie
endlich ihrem Schicksal überlassen? Aber sie hatte mir einst das
Leben gerettet. War ich es ihr trotz allem, was sie war - sein
würde -, schuldig, ihr das Leben zu retten? Und auf diese Weise
Roger zum Untergang verurteilen? Welches Recht hatte ich, mich
immer wieder einzumischen?
Es ist keine Frage des Rechts, Sassenach,
hörte ich Jamie mit einer gewissen Unduldsamkeit sagen. Es ist
eine Frage der Pflicht. Und der Ehre.
»Der Ehre also«, sagte ich laut. »Und was ist das,
bitte?« Der Kellner, der mit einem Teller Tortellini vor mir stand,
starrte mich verwundert an.
»Wie bitte?« fragte er.
»Unwichtig«, erwiderte ich. Im Augenblick war es
mir egal, was er von mir dachte. »Am besten, Sie bringen mir gleich
die ganze Flasche.«
Die Gespenster leisteten mir auch während der
Mahlzeit Gesellschaft. Gestärkt von Speis und Trank, schob ich
schließlich meinen leeren Teller beiseite und schlug Gillian
Edgars’ graues Notizbuch auf.