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Raymond, der Ketzer
Das hohe gotische Gewölbe über mir wurde von
Kreuzrippen getragen, die sich, von vier Pfeilern ausgehend, am
höchsten Punkt trafen und Spitzbögen bildeten - typisch für die
Architektur des vierzehnten Jahrhunderts.
Mein Bett, das von schützenden Gazevorhängen
umgeben war, stand unter einem solchen Gewölbe. Der Mittelpunkt der
Kreuzrippen lag jedoch nicht direkt über mir; mein Bett war ein
wenig vom Zentrum abgerückt. Das beunruhigte mich jedesmal, wenn
ich aufblickte. Ich wünschte, ich könnte mein Bett durch bloße
Willenskraft verschieben, als würde mir die Lage unter dem
Mittelpunkt des Gewölbes helfen, meine eigene Mitte zu
finden.
Wenn ich überhaupt noch eine Mitte besaß. Ich
fühlte mich verletzt und zerbrechlich, als wäre ich geschlagen
worden. Meine Gelenke schmerzten, sie schienen sich gelockert zu
haben wie die Zähne eines Skorbutkranken. Mehrere dicke Decken
lagen auf mir; da jedoch kein bißchen Wärme von mir ausging,
konnten sie auch keine Wärme einfangen. Die Kälte jenes
regnerischen Morgens steckte mir in den Knochen.
All diese körperlichen Symptome registrierte ich
objektiv, als gehörten sie zu jemand anderem. Daneben empfand ich
nichts. Das alte, logische Schaltzentrum in meinem Gehirn
existierte noch, aber ohne die Hülle der Gefühle, durch die seine
Äußerungen sonst gefiltert wurden - sie waren tot oder gelähmt oder
einfach nicht mehr da. Ich wußte es nicht, und es war mir auch
gleich. Seit fünf Tagen lag ich im Höpital des Anges.
Mutter Hildegardes lange Finger glitten mitfühlend
sanft unter das Nachthemd, das ich trug, drangen tastend in die
Tiefen meines Schoßes, suchten die harten Ränder einer sich
zurückbildenden Gebärmutter. Doch das Fleisch war weich wie eine
reife Frucht und
gab unter ihren Fingern nach. Ich zuckte zusammen, als sie tief
eindrangen, und die Oberin runzelte die Stirn und flüsterte etwas,
vielleicht ein Gebet.
Aus dem Gemurmel hörte ich einen Namen heraus und
fragte: »Raymond? Sie kennen Maitre Raymond?« Ein ungleicheres Paar
als diese respekteinflößende Nonne und den Gnom aus dem
Schädelkabinett konnte ich mir kaum vorstellen.
Erstaunt zog Mutter Hildegarde ihre dichten Brauen
hoch.
»Maître Raymond, sagen Sie? Diesen gottlosen
Scharlatan? Que Dieu nous en garde!« Gott bewahre.
»Oh. Ich dachte, Sie hätten ›Raymond‹
gesagt.«
»Ah.« Die Finger nahmen ihre Arbeit wieder auf und
suchten in der Leistengegend nach geschwollenen Lymphknoten, die
auf eine Infektion schließen lassen würden. Daß Schwellungen da
waren, wußte ich. Ich hatte sie selbst ertastet, als meine Hände
immer wieder ruhelos und in dumpfer Trauer über meinen leeren Bauch
geglitten waren. Ich spürte auch das Fieber, den Schmerz und die
Kälte, die mir in den Knochen saß.
»Ich habe den heiligen Raymond Nonnatus um Hilfe
angefleht«, erklärte Mutter Hildegarde, während sie ein Tuch in
kaltem Wasser auswrang. »Er ist der Schutzheilige aller werdenden
Mütter.«
»Zu denen gehöre ich jetzt nicht mehr.« Unbeteiligt
sah ich den Schmerz in ihren Augen, doch der Ausdruck verflog
sofort wieder, als sie meine Stirn abwischte und den kühlen Lappen
über meine Wangen und meinen heißen, feuchten Hals gleiten
ließ.
Bei der Berührung mit dem kalten Wasser zitterte
ich plötzlich. Mutter Hildegarde hielt inne und legte mir
mitfühlend die Hand auf die Stirn.
»Der heilige Raymond ist da nicht heikel«, sagte
sie mit leichtem Tadel. »Ich selbst hole mir Hilfe, wo ich sie
bekommen kann. Das würde ich auch Ihnen empfehlen.«
»Mhm.« Ich schloß die Augen und fand Zuflucht in
einem grauen Nebel. Jetzt entdeckte ich matte Lichter in diesem
Nebel, knisternd wie Wetterleuchten am sommerlichen Horizont.
Ich hörte das Klicken der Rosenkranzperlen aus
schwarzem Gagat, als sich Mutter Hildegarde aufrichtete, und die
leise Stimme einer Schwester, die in der Tür stand und die Oberin
zu einem anderen Notfall rief. Sie hatte schon fast die Tür
erreicht, als ihr ein
Gedanke kam. Die schweren Röcke raschelten, als sie sich umdrehte
und gebieterisch auf das Fußende meines Bettes deutete.
»Bouton!« sagte sie. »Au pied, reste!«
Ohne zu zögern, machte der Hund kehrt und sprang
auf mein Bett. Dort angekommen, brauchte er eine Weile, um das
Bettzeug mit den Pfoten zu bearbeiten und sich dreimal um die
eigene Achse zu drehen, als wollte er böse Geister verscheuchen.
Aber schließlich ließ er sich zu meinen Füßen nieder und legte mit
einem tiefen Seufzer den Kopf auf die Pfoten.
Zufrieden sah uns Mutter Hildegarde an, dann
verabschiedete sie sich mit einem »Que Dieu vous benisse, mon
enfant« und verschwand.
Durch den Nebel und die betäubende Kälte, die mich
einhüllten, empfand ich so etwas wie Dankbarkeit für diese Geste.
Da mir die Oberin kein Kind in die Arme legen konnte, hatte sie mir
den besten Ersatz gegeben, den sie kannte.
Das struppige Tier auf meinen Füßen spendete mir
tatsächlich körperlichen Trost. Bouton lag so still wie die Hunde
zu Füßen der Könige auf den Grabplatten der Ruhestätten zu St.
Denis. Seine Wärme verleugnete die marmorne Kälte meiner Füße, und
seine Gegenwart war besser als das Alleinsein, aber auch besser als
menschliche Gesellschaft, da er nichts von mir forderte. Nichts war
genau das, was ich fühlte, und alles, was ich geben konnte.
Mit einem leisen Hundefurz legte sich Bouton zum
Schlafen zurecht. Ich versuchte, ebenfalls einzuschlummern.
Irgendwann gelang es mir, und ich träumte.
Fieberträume von Erschöpfung und Einsamkeit, von einer unlösbaren
Aufgabe und der endlosen Mühe, sie zu erfüllen. Eine unaufhörliche,
schmerzliche Anstrengung, unternommen an einem felsigen, öden Ort,
von dichtem, grauem Nebel umgeben, durch den mich der Verlust
verfolgte wie ein Gespenst.
Plötzlich erwachte ich und merkte, daß Bouton fort
war. Aber trotzdem war ich nicht allein.
Raymonds Haaransatz zog sich in einer geraden Linie
über seine breite Stirn. Sein dichtes graues Haar war zurückgekämmt
und reichte ihm bis auf die Schultern, so daß die massive Stirn wie
ein Felsüberhang hervortrat und das restliche Gesicht
überschattete. Der Kopf schwebte über mir, und für meine
Fieberaugen sah er aus wie ein Grabstein.
Während Raymond mit den Schwestern sprach, bewegten
sich die Falten und Furchen seiner Stirn, und sie erschienen mir
wie Buchstaben, die unter der Oberfläche des Steines lagen und
versuchten, nach oben zu dringen, so daß man den Namen des Toten
lesen konnte. Ich war überzeugt, daß sogleich mein eigener Name auf
dem weißen Grabstein erscheinen würde und ich in diesem Augenblick
wahrhaftig sterben würde. Ich bog den Rücken durch und
schrie.
»Sehen Sie nur! Sie will Sie nicht dahaben, Sie
abstoßender Mensch - Sie stören ihren Schlaf. Fort mit Ihnen!«
Unnachgiebig packte Mutter Hildegarde Raymond am Arm und zerrte ihn
weg. Er widerstand, die Füße fest in den Boden gestemmt. Aber
Schwester Celeste kam mit ihren nicht geringen Kräften Mutter
Hildegarde zu Hilfe, und gemeinsam hoben sie Raymond einfach hoch.
Als sie sich entfernten, purzelte ein Holzschuh von einem
verzweifelt zappelnden Fuß und fiel zu Boden.
Der Holzschuh blieb auf der Seite liegen, wie er
hingefallen war, mitten auf einer sauber geschrubbten Steinfliese.
In meinem Fieberdelirium konnte ich die Augen nicht davon abwenden.
Immer wieder musterte ich die unwahrscheinlich glatte, abgenutzte
Kante, um meinen Blick nicht auf die undurchdringliche Dunkelheit
in meinem Innern richten zu müssen. Wenn ich in diese Dunkelheit
hineingehen würde, würde meine Seele in den Sog des Chaos geraten.
Sobald ich den Blick nach innen richtete, hörte ich wieder die
Geräusche der Zeitreise durch den Steinkreis, und ich klammerte
mich an die Bettdecke, um in dem Durcheinander Halt zu
finden.
Plötzlich öffneten sich die Vorhänge, eine Hand
griff nach dem Schuh und zog sich wieder zurück. Nachdem man mir
meinen Fixpunkt genommen hatte, kreisten meine konfusen Gedanken
noch eine Zeitlang um die Furchen zwischen den Fliesen. Ihre
geometrische Regelmäßigkeit wirkte einlullend. Torkelnd wie ein
Kreisel, der zum Stillstand kommt, glitt ich in einen unruhigen
Schlaf.
In meinen Träumen fand ich jedoch keine Ruhe.
Erschöpft taumelte ich durch ein Labyrinth sich wiederholender
Formen, Windungen und Spiralen, bis ich schließlich mit unendlicher
Erleichterung ein menschliches Gesicht erkannte.
Es waren sehr unregelmäßige Gesichtszüge, von einem
furchtbaren
Stirnrunzeln verzerrt, der Mund beschwörend gespitzt. Erst als ich
den Druck einer Hand auf meinem Mund verspürte, merkte ich, daß es
kein Traum war.
Der breite, lippenlose Mund der grotesken
Erscheinung näherte sich meinem Ohr.
»Seien Sie ruhig, ma chére. Wenn man mich
hier findet, bin ich erledigt!« Die großen dunklen Augen huschten
hin und her, um etwaige Bewegungen der Vorhänge zu erspähen.
Ich nickte langsam, und als er meinen Mund losließ,
hinterließen seine Finger einen Hauch von Salmiakgeist und
Schwefel. Irgendwo hatte er eine schäbige, graue Mönchskutte
gefunden - oder gestohlen -, unter der er den angeschmutzten Samt
seiner Apothekerrobe verbarg, während die weite Kapuze das
auffällige Silberhaar und die monströse Stirn bedeckte.
Der Fieberwahn legte sich ein wenig, und eine leise
Neugier regte sich in mir. Schwach, wie ich war, brachte ich aber
nur ein: »Was...« heraus, als er mir wiederum einen Finger auf die
Lippen legte und das Laken wegzog, das mich bedeckte. Verwirrt sah
ich, wie er die Bänder meines Hemdes löste und es bis zur Taille
öffnete. Seine Bewegungen waren flink, geschäftsmäßig und
vollkommen frei von Lüsternheit. Auch konnte ich mir nicht
vorstellen, daß sich jemand an einer fiebergeschüttelten Halbtoten
verging, vor allem nicht in Mutter Hildegardes Hörweite. Aber man
konnte nie wissen...
Fasziniert, aber distanziert beobachtete ich, wie
seine Hände meine Brüste umfaßten. Sie waren breit, nahezu
quadratisch, die Finger fast gleich lang, und die ungewöhnlich
großen, biegsamen Daumen legten sich erstaunlich behutsam um meine
Brüste.
Ich spürte, wie meine sich versteifenden
Brustwarzen gegen die harten Handflächen gepreßt wurden, die sich
im Vergleich zu meiner erhitzten Haut kühl anfühlten.
»Jamie«, sagte ich und schauderte.
»Still, Madonna«, flüsterte Raymond. Seine Stimme
klang freundlich, aber gedankenverloren, als wäre er - ungeachtet
der intimen Berührung - mit seiner Aufmerksamkeit woanders.
Wieder schauderte ich. Es schien, als ginge die
Hitze von mir auf ihn über, obwohl sich seine Hände nicht
erwärmten. Seine Finger blieben kühl, während ich fror und zitterte
und das Fieber stieg und fiel und allmählich aus meinen Knochen
wich.
Das Nachmittagslicht drang gedämpft durch die
dichten Gazevorhänge um mein Bett, so daß sich Raymonds Hände
dunkel auf meinen hellen Brüsten abzeichneten. Die Schatten
zwischen den kräftigen Fingern erschienen mir jedoch nicht schwarz,
sondern... blau.
Ich schloß die Augen und sah bunte, wirbelnde
Muster vor mir. Als ich die Augen wieder aufschlug, hatte ich den
Eindruck, daß auch Raymonds Hände von Farbe umgeben waren.
Da das Fieber sank, konnte ich klarer denken. Ich
blinzelte und wollte den Kopf heben, um besser sehen zu können. Mit
sanftem Druck bedeutete mir Raymond jedoch liegenzubleiben, also
ließ ich den Kopf wieder auf das Kissen sinken und spähte schräg
über meine Brust.
Ich bildete mir das alles doch nicht etwa sein -
oder? Zwar bewegten sich Raymonds Hände nicht, aber es lag ein
Lichtschimmer über ihnen, der rosa und hellblau über meine weiße
Haut tänzelte.
Nun erwärmten sich meine Brüste, aber es war eine
natürliche, gesunde Wärme, nicht das quälende Brennen des Fiebers.
Ein Luftzug aus dem offenen Bogengang drang durch die Vorhänge und
streifte das feuchte Haar an meiner Schläfe, aber mir war nicht
mehr kalt.
Raymond hatte den Kopf gesenkt, das Gesicht war
unter der Kapuze der geborgten Kutte verborgen. Nach einer, wie mit
schien, langen Zeit nahm er die Hände von meinen Brüsten und ließ
sie ganz langsam über meine Arme gleiten. An den Schultern,
Ellbogen, Handgelenken und Fingern hielt er inne und übte sanften
Druck aus. Der Schmerz ließ nach, und ich glaubte, in meinem
Oberarm eine zartblaue Linie wahrzunehmen, als leuchtete der
Knochen von innen heraus.
Dann führte er seine Hände langsam zurück über die
flache Wölbung des Schlüsselbeins und am Brustbein entlang nach
unten, die Finger über meinen Rippen gespreizt.
Das Merkwürdige an der Sache war, daß mich das
alles überhaupt nicht erstaunte. Es kam mir vollkommen natürlich
vor, und unter dem formenden Griff seiner Hände entspannte sich
mein gequälter Körper. Es war, als modellierten seine festen Hände
meinen Körper wie weiches Wachs; nur mein Skelett veränderte sich
nicht.
Nun ging ein seltsames Gefühl der Wärme von den
breiten, kräftigen Händen aus. Sie bewegten sich bedächtig über
meinen Körper, und ich spürte die kleinen Tode der
Bakterien, die mein Blut übervölkerten - es waren winzige
Explosionen, mit denen die Fünkchen der Infektion erloschen. ich
spürte auch jedes einzelne meiner Organe, vollständig und
dreidimensional, ich konnte jedes sehen, als läge es vor mit auf
einem Tisch. Die Wärme breitete sich in jedem Organ aus, erhellte
es wie eine kleine Sonne in meinem Innern, erstarb dann und
wanderte weiter.
Raymond hielt inne, die Hände nebeneinander auf
meinen geschwollenen Bauch gedrückt. Ich meinte zu sehen, wie er
die Stirn runzelte, war mir aber nicht sicher. Der Kopf unter der
Kapuze drehte sich, horchte, aber außer den gedämpften Geräuschen
des Krankenhausbetriebs war nichts zu hören.
Ich keuchte und bewegte mich unwillkürlich, als
eine Hand tiefer glitt und sich zwischen meine Beine legte. Durch
verstärkten Druck der anderen Hand bedeutete mir Raymond zu
schweigen, und seine plumpen Finger gruben sich in meinen
Schoß.
Ich schloß die Augen und wartete, spürte, wie sich
die Scheidenwände dieser seltsamen Invasion fügten und wie die
Entzündung nach und nach abklang, während er behutsam tiefer
eindrang.
Jetzt berührte er den Mittelpunkt meines Verlusts,
und die Wände meiner wunden Gebärmutter zogen sich vor Schmerz
zusammen. Ich stöhnte leise, biß aber die Zähne zusammen, als
Raymond den Kopf schüttelte.
Die andere Hand legte sich tröstend auf meinen
Unterleib, während tastende Finger die Gebärmutter berührten. Dann
hielt er still, den Ursprung meiner Schmerzen zwischen den Händen
haltend wie eine Kristallkugel, schwer und zerbrechlich
zugleich.
»Jetzt«, sagte er leise. »Ruf ihn. Ruf den roten
Mann. Ruf ihn.«
Der Druck der Finger innen und der Handfläche außen
verstärkte sich, und ich preßte die Beine gegen das Bett, kämpfte
dagegen an. Aber ich hatte keine Kraft mehr, und der unerbittliche
Druck hielt an, zerbrach die Kristallkugel und setzte das Chaos im
Innern frei.
Ich sah Bilder vor mir, schlimmer und wirklicher
als das Elend meiner Fieberträume. Verlust und Trauer und Angst
marterten mich, und der staubige Geruch nach Tod und weißer Kreide
stieg mir in die Nase. Ich suchte in den wirren Gedankenmustern
nach
Hilfe, dann hörte ich die Stimme, die geduldig wiederholte: »Ruf
ihn.« Und ich griff nach diesem Halt.
»Jamie! JAMIE!«
Ein Hitzestrahl schoß durch meinen Bauch, von einer
Hand zur anderen. Der harte Griff entspannte sich und löste sich
von mir. Ich aber war von Leichtigkeit und Harmonie erfüllt.
Das Bettgestell erzitterte, als sich Raymond gerade
noch rechtzeitig duckte.
»Madame! Ist alles in Ordnung?« Schwester Angelique
schob sich durch die Vorhänge; das rundliche Gesicht unter dem
Schleier war voller Sorge. Doch in ihren Augen sah ich Resignation.
Die Schwestern wußten, daß ich bald sterben würde - Schwester
Angelique machte sich darauf gefaßt, den Priester zu rufen, falls
dies mein letzter Kampf sein sollte.
Ihre kleine, feste Hand streichelte meine Wange,
berührte dann rasch meine Stirn und kehrte zur Wange zurück. Das
Laken lag zerknüllt um meine Hüften, mein Hemd war offen. Ihre
Hände glitten unter meine Achselhöhlen, wo sie kurz
verweilten.
»Gott sei gelobt!« rief sie mit Tränen in den
Augen. »Das Fieber ist gesunken!« Sie beugte sich über mich. Von
plötzlicher Unruhe erfaßt, wollte sie sehen, ob das Verschwinden
des Fiebers nicht etwa auf mein Ableben zurückzuführen war. Ich
lächelte matt.
»Es geht mir gut. Sagen Sie es der Mutter.«
Sie nickte eifrig, verweilte nur noch kurz, um
meine Blöße mit dem Laken zu bedecken, und eilte von dannen. Kaum
hatten sich die Vorhänge hinter ihr geschlossen, da kroch Raymond
unter dem Bett hervor.
»Ich muß gehen.« Er legte seine Hand auf meinen
Kopf. »Alles Gute, Madonna.«
Schwach wie ich war, richtete ich mich auf und
griff nach seinem Arm. Ich betastete seinen Oberarm, wurde aber
nicht fündig. Bis hinauf zur Schulter war die Haut makellos.
Erstaunt starrte er mich an.
»Was tun Sie da, Madonna?«
»Nichts.« Enttäuscht sank ich auf mein Kissen. Ich
war zu schwach und zu benommen, um auf meine Worte zu achten.
»Ich wollte sehen, ob Sie eine Impfnarbe
haben.«
»Impfnarbe?« Inzwichen verstand ich mich so gut
darauf, Menschen zu durchschauen, daß es mir nicht entgangen wäre,
wenn sich
in seinem Gesicht das leiseste Begreifen gezeigt hätte. Aber ich
sah nichts.
»Warum nennen sie mich immer noch Madonna?« fragte
ich. Meine Hände ruhten auf meinem Bauch, ganz sanft, um diese
schreckliche Leere nicht zu stören. »Ich habe mein Kind
verloren.«
Er wirkte ein wenig überrascht.
»Ah. Ich habe Sie nicht deshalb Madonna genannt,
weil Sie ein Kind erwarten, Madame.«
»Warum dann?« Ich rechnete eigentlich nicht mit
einer Antwort, aber ich erhielt sie. Müde und ausgelaugt, wie wir
beide waren, schien es, als befänden wir uns an einem Ort, wo weder
Zeit noch Kausalität existierten. Zwischen uns gab es nur noch Raum
für die Wahrheit.
Er seufzte.
»Jeder Mensch ist von einer Farbe umgeben«, sagte
er einfach, »eine Farbe, die den Körper wie eine Wolke einhüllt.
Ihre Farbe ist Blau, Madonna. Blau wie der Umhang der Jungfrau
Maria. Blau wie meine Farbe.«
Die Gazevorhänge blähten sich leise auf, und er war
verschwunden.