25
Raymond, der Ketzer
Das hohe gotische Gewölbe über mir wurde von Kreuzrippen getragen, die sich, von vier Pfeilern ausgehend, am höchsten Punkt trafen und Spitzbögen bildeten - typisch für die Architektur des vierzehnten Jahrhunderts.
Mein Bett, das von schützenden Gazevorhängen umgeben war, stand unter einem solchen Gewölbe. Der Mittelpunkt der Kreuzrippen lag jedoch nicht direkt über mir; mein Bett war ein wenig vom Zentrum abgerückt. Das beunruhigte mich jedesmal, wenn ich aufblickte. Ich wünschte, ich könnte mein Bett durch bloße Willenskraft verschieben, als würde mir die Lage unter dem Mittelpunkt des Gewölbes helfen, meine eigene Mitte zu finden.
Wenn ich überhaupt noch eine Mitte besaß. Ich fühlte mich verletzt und zerbrechlich, als wäre ich geschlagen worden. Meine Gelenke schmerzten, sie schienen sich gelockert zu haben wie die Zähne eines Skorbutkranken. Mehrere dicke Decken lagen auf mir; da jedoch kein bißchen Wärme von mir ausging, konnten sie auch keine Wärme einfangen. Die Kälte jenes regnerischen Morgens steckte mir in den Knochen.
All diese körperlichen Symptome registrierte ich objektiv, als gehörten sie zu jemand anderem. Daneben empfand ich nichts. Das alte, logische Schaltzentrum in meinem Gehirn existierte noch, aber ohne die Hülle der Gefühle, durch die seine Äußerungen sonst gefiltert wurden - sie waren tot oder gelähmt oder einfach nicht mehr da. Ich wußte es nicht, und es war mir auch gleich. Seit fünf Tagen lag ich im Höpital des Anges.
Mutter Hildegardes lange Finger glitten mitfühlend sanft unter das Nachthemd, das ich trug, drangen tastend in die Tiefen meines Schoßes, suchten die harten Ränder einer sich zurückbildenden Gebärmutter. Doch das Fleisch war weich wie eine reife Frucht und gab unter ihren Fingern nach. Ich zuckte zusammen, als sie tief eindrangen, und die Oberin runzelte die Stirn und flüsterte etwas, vielleicht ein Gebet.
Aus dem Gemurmel hörte ich einen Namen heraus und fragte: »Raymond? Sie kennen Maitre Raymond?« Ein ungleicheres Paar als diese respekteinflößende Nonne und den Gnom aus dem Schädelkabinett konnte ich mir kaum vorstellen.
Erstaunt zog Mutter Hildegarde ihre dichten Brauen hoch.
»Maître Raymond, sagen Sie? Diesen gottlosen Scharlatan? Que Dieu nous en garde!« Gott bewahre.
»Oh. Ich dachte, Sie hätten ›Raymond‹ gesagt.«
»Ah.« Die Finger nahmen ihre Arbeit wieder auf und suchten in der Leistengegend nach geschwollenen Lymphknoten, die auf eine Infektion schließen lassen würden. Daß Schwellungen da waren, wußte ich. Ich hatte sie selbst ertastet, als meine Hände immer wieder ruhelos und in dumpfer Trauer über meinen leeren Bauch geglitten waren. Ich spürte auch das Fieber, den Schmerz und die Kälte, die mir in den Knochen saß.
»Ich habe den heiligen Raymond Nonnatus um Hilfe angefleht«, erklärte Mutter Hildegarde, während sie ein Tuch in kaltem Wasser auswrang. »Er ist der Schutzheilige aller werdenden Mütter.«
»Zu denen gehöre ich jetzt nicht mehr.« Unbeteiligt sah ich den Schmerz in ihren Augen, doch der Ausdruck verflog sofort wieder, als sie meine Stirn abwischte und den kühlen Lappen über meine Wangen und meinen heißen, feuchten Hals gleiten ließ.
Bei der Berührung mit dem kalten Wasser zitterte ich plötzlich. Mutter Hildegarde hielt inne und legte mir mitfühlend die Hand auf die Stirn.
»Der heilige Raymond ist da nicht heikel«, sagte sie mit leichtem Tadel. »Ich selbst hole mir Hilfe, wo ich sie bekommen kann. Das würde ich auch Ihnen empfehlen.«
»Mhm.« Ich schloß die Augen und fand Zuflucht in einem grauen Nebel. Jetzt entdeckte ich matte Lichter in diesem Nebel, knisternd wie Wetterleuchten am sommerlichen Horizont.
Ich hörte das Klicken der Rosenkranzperlen aus schwarzem Gagat, als sich Mutter Hildegarde aufrichtete, und die leise Stimme einer Schwester, die in der Tür stand und die Oberin zu einem anderen Notfall rief. Sie hatte schon fast die Tür erreicht, als ihr ein Gedanke kam. Die schweren Röcke raschelten, als sie sich umdrehte und gebieterisch auf das Fußende meines Bettes deutete.
»Bouton!« sagte sie. »Au pied, reste!«
Ohne zu zögern, machte der Hund kehrt und sprang auf mein Bett. Dort angekommen, brauchte er eine Weile, um das Bettzeug mit den Pfoten zu bearbeiten und sich dreimal um die eigene Achse zu drehen, als wollte er böse Geister verscheuchen. Aber schließlich ließ er sich zu meinen Füßen nieder und legte mit einem tiefen Seufzer den Kopf auf die Pfoten.
Zufrieden sah uns Mutter Hildegarde an, dann verabschiedete sie sich mit einem »Que Dieu vous benisse, mon enfant« und verschwand.
Durch den Nebel und die betäubende Kälte, die mich einhüllten, empfand ich so etwas wie Dankbarkeit für diese Geste. Da mir die Oberin kein Kind in die Arme legen konnte, hatte sie mir den besten Ersatz gegeben, den sie kannte.
Das struppige Tier auf meinen Füßen spendete mir tatsächlich körperlichen Trost. Bouton lag so still wie die Hunde zu Füßen der Könige auf den Grabplatten der Ruhestätten zu St. Denis. Seine Wärme verleugnete die marmorne Kälte meiner Füße, und seine Gegenwart war besser als das Alleinsein, aber auch besser als menschliche Gesellschaft, da er nichts von mir forderte. Nichts war genau das, was ich fühlte, und alles, was ich geben konnte.
Mit einem leisen Hundefurz legte sich Bouton zum Schlafen zurecht. Ich versuchte, ebenfalls einzuschlummern.
Irgendwann gelang es mir, und ich träumte. Fieberträume von Erschöpfung und Einsamkeit, von einer unlösbaren Aufgabe und der endlosen Mühe, sie zu erfüllen. Eine unaufhörliche, schmerzliche Anstrengung, unternommen an einem felsigen, öden Ort, von dichtem, grauem Nebel umgeben, durch den mich der Verlust verfolgte wie ein Gespenst.
Plötzlich erwachte ich und merkte, daß Bouton fort war. Aber trotzdem war ich nicht allein.
Raymonds Haaransatz zog sich in einer geraden Linie über seine breite Stirn. Sein dichtes graues Haar war zurückgekämmt und reichte ihm bis auf die Schultern, so daß die massive Stirn wie ein Felsüberhang hervortrat und das restliche Gesicht überschattete. Der Kopf schwebte über mir, und für meine Fieberaugen sah er aus wie ein Grabstein.
Während Raymond mit den Schwestern sprach, bewegten sich die Falten und Furchen seiner Stirn, und sie erschienen mir wie Buchstaben, die unter der Oberfläche des Steines lagen und versuchten, nach oben zu dringen, so daß man den Namen des Toten lesen konnte. Ich war überzeugt, daß sogleich mein eigener Name auf dem weißen Grabstein erscheinen würde und ich in diesem Augenblick wahrhaftig sterben würde. Ich bog den Rücken durch und schrie.
»Sehen Sie nur! Sie will Sie nicht dahaben, Sie abstoßender Mensch - Sie stören ihren Schlaf. Fort mit Ihnen!« Unnachgiebig packte Mutter Hildegarde Raymond am Arm und zerrte ihn weg. Er widerstand, die Füße fest in den Boden gestemmt. Aber Schwester Celeste kam mit ihren nicht geringen Kräften Mutter Hildegarde zu Hilfe, und gemeinsam hoben sie Raymond einfach hoch. Als sie sich entfernten, purzelte ein Holzschuh von einem verzweifelt zappelnden Fuß und fiel zu Boden.
Der Holzschuh blieb auf der Seite liegen, wie er hingefallen war, mitten auf einer sauber geschrubbten Steinfliese. In meinem Fieberdelirium konnte ich die Augen nicht davon abwenden. Immer wieder musterte ich die unwahrscheinlich glatte, abgenutzte Kante, um meinen Blick nicht auf die undurchdringliche Dunkelheit in meinem Innern richten zu müssen. Wenn ich in diese Dunkelheit hineingehen würde, würde meine Seele in den Sog des Chaos geraten. Sobald ich den Blick nach innen richtete, hörte ich wieder die Geräusche der Zeitreise durch den Steinkreis, und ich klammerte mich an die Bettdecke, um in dem Durcheinander Halt zu finden.
Plötzlich öffneten sich die Vorhänge, eine Hand griff nach dem Schuh und zog sich wieder zurück. Nachdem man mir meinen Fixpunkt genommen hatte, kreisten meine konfusen Gedanken noch eine Zeitlang um die Furchen zwischen den Fliesen. Ihre geometrische Regelmäßigkeit wirkte einlullend. Torkelnd wie ein Kreisel, der zum Stillstand kommt, glitt ich in einen unruhigen Schlaf.
In meinen Träumen fand ich jedoch keine Ruhe. Erschöpft taumelte ich durch ein Labyrinth sich wiederholender Formen, Windungen und Spiralen, bis ich schließlich mit unendlicher Erleichterung ein menschliches Gesicht erkannte.
Es waren sehr unregelmäßige Gesichtszüge, von einem furchtbaren Stirnrunzeln verzerrt, der Mund beschwörend gespitzt. Erst als ich den Druck einer Hand auf meinem Mund verspürte, merkte ich, daß es kein Traum war.
Der breite, lippenlose Mund der grotesken Erscheinung näherte sich meinem Ohr.
»Seien Sie ruhig, ma chére. Wenn man mich hier findet, bin ich erledigt!« Die großen dunklen Augen huschten hin und her, um etwaige Bewegungen der Vorhänge zu erspähen.
Ich nickte langsam, und als er meinen Mund losließ, hinterließen seine Finger einen Hauch von Salmiakgeist und Schwefel. Irgendwo hatte er eine schäbige, graue Mönchskutte gefunden - oder gestohlen -, unter der er den angeschmutzten Samt seiner Apothekerrobe verbarg, während die weite Kapuze das auffällige Silberhaar und die monströse Stirn bedeckte.
Der Fieberwahn legte sich ein wenig, und eine leise Neugier regte sich in mir. Schwach, wie ich war, brachte ich aber nur ein: »Was...« heraus, als er mir wiederum einen Finger auf die Lippen legte und das Laken wegzog, das mich bedeckte. Verwirrt sah ich, wie er die Bänder meines Hemdes löste und es bis zur Taille öffnete. Seine Bewegungen waren flink, geschäftsmäßig und vollkommen frei von Lüsternheit. Auch konnte ich mir nicht vorstellen, daß sich jemand an einer fiebergeschüttelten Halbtoten verging, vor allem nicht in Mutter Hildegardes Hörweite. Aber man konnte nie wissen...
Fasziniert, aber distanziert beobachtete ich, wie seine Hände meine Brüste umfaßten. Sie waren breit, nahezu quadratisch, die Finger fast gleich lang, und die ungewöhnlich großen, biegsamen Daumen legten sich erstaunlich behutsam um meine Brüste.
Ich spürte, wie meine sich versteifenden Brustwarzen gegen die harten Handflächen gepreßt wurden, die sich im Vergleich zu meiner erhitzten Haut kühl anfühlten.
»Jamie«, sagte ich und schauderte.
»Still, Madonna«, flüsterte Raymond. Seine Stimme klang freundlich, aber gedankenverloren, als wäre er - ungeachtet der intimen Berührung - mit seiner Aufmerksamkeit woanders.
Wieder schauderte ich. Es schien, als ginge die Hitze von mir auf ihn über, obwohl sich seine Hände nicht erwärmten. Seine Finger blieben kühl, während ich fror und zitterte und das Fieber stieg und fiel und allmählich aus meinen Knochen wich.
Das Nachmittagslicht drang gedämpft durch die dichten Gazevorhänge um mein Bett, so daß sich Raymonds Hände dunkel auf meinen hellen Brüsten abzeichneten. Die Schatten zwischen den kräftigen Fingern erschienen mir jedoch nicht schwarz, sondern... blau.
Ich schloß die Augen und sah bunte, wirbelnde Muster vor mir. Als ich die Augen wieder aufschlug, hatte ich den Eindruck, daß auch Raymonds Hände von Farbe umgeben waren.
Da das Fieber sank, konnte ich klarer denken. Ich blinzelte und wollte den Kopf heben, um besser sehen zu können. Mit sanftem Druck bedeutete mir Raymond jedoch liegenzubleiben, also ließ ich den Kopf wieder auf das Kissen sinken und spähte schräg über meine Brust.
Ich bildete mir das alles doch nicht etwa sein - oder? Zwar bewegten sich Raymonds Hände nicht, aber es lag ein Lichtschimmer über ihnen, der rosa und hellblau über meine weiße Haut tänzelte.
Nun erwärmten sich meine Brüste, aber es war eine natürliche, gesunde Wärme, nicht das quälende Brennen des Fiebers. Ein Luftzug aus dem offenen Bogengang drang durch die Vorhänge und streifte das feuchte Haar an meiner Schläfe, aber mir war nicht mehr kalt.
Raymond hatte den Kopf gesenkt, das Gesicht war unter der Kapuze der geborgten Kutte verborgen. Nach einer, wie mit schien, langen Zeit nahm er die Hände von meinen Brüsten und ließ sie ganz langsam über meine Arme gleiten. An den Schultern, Ellbogen, Handgelenken und Fingern hielt er inne und übte sanften Druck aus. Der Schmerz ließ nach, und ich glaubte, in meinem Oberarm eine zartblaue Linie wahrzunehmen, als leuchtete der Knochen von innen heraus.
Dann führte er seine Hände langsam zurück über die flache Wölbung des Schlüsselbeins und am Brustbein entlang nach unten, die Finger über meinen Rippen gespreizt.
Das Merkwürdige an der Sache war, daß mich das alles überhaupt nicht erstaunte. Es kam mir vollkommen natürlich vor, und unter dem formenden Griff seiner Hände entspannte sich mein gequälter Körper. Es war, als modellierten seine festen Hände meinen Körper wie weiches Wachs; nur mein Skelett veränderte sich nicht.
Nun ging ein seltsames Gefühl der Wärme von den breiten, kräftigen Händen aus. Sie bewegten sich bedächtig über meinen Körper, und ich spürte die kleinen Tode der Bakterien, die mein Blut übervölkerten - es waren winzige Explosionen, mit denen die Fünkchen der Infektion erloschen. ich spürte auch jedes einzelne meiner Organe, vollständig und dreidimensional, ich konnte jedes sehen, als läge es vor mit auf einem Tisch. Die Wärme breitete sich in jedem Organ aus, erhellte es wie eine kleine Sonne in meinem Innern, erstarb dann und wanderte weiter.
Raymond hielt inne, die Hände nebeneinander auf meinen geschwollenen Bauch gedrückt. Ich meinte zu sehen, wie er die Stirn runzelte, war mir aber nicht sicher. Der Kopf unter der Kapuze drehte sich, horchte, aber außer den gedämpften Geräuschen des Krankenhausbetriebs war nichts zu hören.
Ich keuchte und bewegte mich unwillkürlich, als eine Hand tiefer glitt und sich zwischen meine Beine legte. Durch verstärkten Druck der anderen Hand bedeutete mir Raymond zu schweigen, und seine plumpen Finger gruben sich in meinen Schoß.
Ich schloß die Augen und wartete, spürte, wie sich die Scheidenwände dieser seltsamen Invasion fügten und wie die Entzündung nach und nach abklang, während er behutsam tiefer eindrang.
Jetzt berührte er den Mittelpunkt meines Verlusts, und die Wände meiner wunden Gebärmutter zogen sich vor Schmerz zusammen. Ich stöhnte leise, biß aber die Zähne zusammen, als Raymond den Kopf schüttelte.
Die andere Hand legte sich tröstend auf meinen Unterleib, während tastende Finger die Gebärmutter berührten. Dann hielt er still, den Ursprung meiner Schmerzen zwischen den Händen haltend wie eine Kristallkugel, schwer und zerbrechlich zugleich.
»Jetzt«, sagte er leise. »Ruf ihn. Ruf den roten Mann. Ruf ihn.«
Der Druck der Finger innen und der Handfläche außen verstärkte sich, und ich preßte die Beine gegen das Bett, kämpfte dagegen an. Aber ich hatte keine Kraft mehr, und der unerbittliche Druck hielt an, zerbrach die Kristallkugel und setzte das Chaos im Innern frei.
Ich sah Bilder vor mir, schlimmer und wirklicher als das Elend meiner Fieberträume. Verlust und Trauer und Angst marterten mich, und der staubige Geruch nach Tod und weißer Kreide stieg mir in die Nase. Ich suchte in den wirren Gedankenmustern nach Hilfe, dann hörte ich die Stimme, die geduldig wiederholte: »Ruf ihn.« Und ich griff nach diesem Halt.
»Jamie! JAMIE!«
Ein Hitzestrahl schoß durch meinen Bauch, von einer Hand zur anderen. Der harte Griff entspannte sich und löste sich von mir. Ich aber war von Leichtigkeit und Harmonie erfüllt.
Das Bettgestell erzitterte, als sich Raymond gerade noch rechtzeitig duckte.
»Madame! Ist alles in Ordnung?« Schwester Angelique schob sich durch die Vorhänge; das rundliche Gesicht unter dem Schleier war voller Sorge. Doch in ihren Augen sah ich Resignation. Die Schwestern wußten, daß ich bald sterben würde - Schwester Angelique machte sich darauf gefaßt, den Priester zu rufen, falls dies mein letzter Kampf sein sollte.
Ihre kleine, feste Hand streichelte meine Wange, berührte dann rasch meine Stirn und kehrte zur Wange zurück. Das Laken lag zerknüllt um meine Hüften, mein Hemd war offen. Ihre Hände glitten unter meine Achselhöhlen, wo sie kurz verweilten.
»Gott sei gelobt!« rief sie mit Tränen in den Augen. »Das Fieber ist gesunken!« Sie beugte sich über mich. Von plötzlicher Unruhe erfaßt, wollte sie sehen, ob das Verschwinden des Fiebers nicht etwa auf mein Ableben zurückzuführen war. Ich lächelte matt.
»Es geht mir gut. Sagen Sie es der Mutter.«
Sie nickte eifrig, verweilte nur noch kurz, um meine Blöße mit dem Laken zu bedecken, und eilte von dannen. Kaum hatten sich die Vorhänge hinter ihr geschlossen, da kroch Raymond unter dem Bett hervor.
»Ich muß gehen.« Er legte seine Hand auf meinen Kopf. »Alles Gute, Madonna.«
Schwach wie ich war, richtete ich mich auf und griff nach seinem Arm. Ich betastete seinen Oberarm, wurde aber nicht fündig. Bis hinauf zur Schulter war die Haut makellos. Erstaunt starrte er mich an.
»Was tun Sie da, Madonna?«
»Nichts.« Enttäuscht sank ich auf mein Kissen. Ich war zu schwach und zu benommen, um auf meine Worte zu achten.
»Ich wollte sehen, ob Sie eine Impfnarbe haben.«
»Impfnarbe?« Inzwichen verstand ich mich so gut darauf, Menschen zu durchschauen, daß es mir nicht entgangen wäre, wenn sich in seinem Gesicht das leiseste Begreifen gezeigt hätte. Aber ich sah nichts.
»Warum nennen sie mich immer noch Madonna?« fragte ich. Meine Hände ruhten auf meinem Bauch, ganz sanft, um diese schreckliche Leere nicht zu stören. »Ich habe mein Kind verloren.«
Er wirkte ein wenig überrascht.
»Ah. Ich habe Sie nicht deshalb Madonna genannt, weil Sie ein Kind erwarten, Madame.«
»Warum dann?« Ich rechnete eigentlich nicht mit einer Antwort, aber ich erhielt sie. Müde und ausgelaugt, wie wir beide waren, schien es, als befänden wir uns an einem Ort, wo weder Zeit noch Kausalität existierten. Zwischen uns gab es nur noch Raum für die Wahrheit.
Er seufzte.
»Jeder Mensch ist von einer Farbe umgeben«, sagte er einfach, »eine Farbe, die den Körper wie eine Wolke einhüllt. Ihre Farbe ist Blau, Madonna. Blau wie der Umhang der Jungfrau Maria. Blau wie meine Farbe.«
Die Gazevorhänge blähten sich leise auf, und er war verschwunden.
Die Geliehene Zeit
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