42
Begegnungen
Kreidebleich vor Zorn riß Jamie die Tür des Morgensalons in Holyrood auf. Ewan Cameron sprang auf und stieß dabei das Tintenfaß um, das vor ihm stand. Ihm gegenüber saß Simon Fraser, der junge Herr von Lovat, doch er zog nur die Brauen hoch, als sein Neffe hereinstürmte.
»Verdammt!« fluchte Ewan, während er in seinem Ärmel ein Taschentuch suchte, um die Tintenpfütze aufzuwischen. »Was ist in Sie gefahren, Fraser? Oh, guten Morgen, Mistress Fraser«, fügte er hinzu, als er mich hinter Jamie erblicktee.
»Wo ist Seine Hoheit?« fragte Jamie ohne Umschweife.
»In der Burg von Stirling«, entgegnete Cameron. »Haben Sie ein Tuch, Fraser?«
»Wenn ich eins hätte, würde ich Sie damit erdrosseln«, meinte Jamie unwirsch, auch wenn die Auskunft, Charles Stuart halte sich nicht mehr hier auf, seinen Zorn ein wenig dämpfte. »Warum haben Sie zugelassen, daß meine Männer in Tolbooth inhaftiert sind? Ich habe sie gerade besucht. Sie sitzen in einem Loch, in das ich nicht einmal Schweine stecken würde! Dagegen hätten Sie doch ganz bestimmt etwas unternehmen können.«
Cameron errötete, aber seine hellbraunen Augen hielten Jamies Blick stand.
»Das habe ich versucht«, erklärte er. »Ich habe Seiner Hoheit gesagt, daß ich es für ein Versehen hielte - aye, die dreißig Mann waren zehn Meilen von der Armee entfernt, als sie aufgegriffen wurden, schönes Versehen! - und daß er, selbst wenn sie Deserteure wären, schließlich nicht über genügend Streitkräfte verfügt, um auf sie verzichten zu können. Das hat ihn davon abgehalten, sie auf der Stelle hängen zu lassen.« Nachdem der Schreck über Jamies Auftritt abgeklungen war, wurde er allmählich ungehalten. »Mein Gott, Mann, Fahnenflucht in Kriegszeiten ist schlicht und einfach Verrat!«
»Ach ja?« meinte Jamie skeptisch. Er nickte dem jungen Simon zu und schob mir einen Stuhl hin, bevor er sich selbst setzte. »Dann haben Sie wohl auch Befehl erteilt, die zwanzig von Ihren Männern aufzuknüpfen, die heimgekehrt sind, Cameron? Oder sind es vierzig?«
Cameron errötete noch tiefer, senkte den Blick und konzentrierte sich darauf, die Tinte mit dem Taschentuch aufzuwischen, das ihm Simon Fraser gereicht hatte.
»Die hat man ja nicht gefangen«, murmelte er schließlich. Mit ernster Miene blickte er Jamie an. »Gehen Sie zu Seiner Hoheit nach Stirling«, riet er. »Er war zornentbrannt über die Deserteure, aber schließlich hat er selbst angeordnet, daß Sie nach Beauly gehen und Ihre Männer ohne Befehlshaber zurücklassen, aye? Er hat immer große Stücke auf Sie gehalten, Fraser, Sie sind sein Freund. Vielleicht begnadigt er Ihre Männer, wenn Sie um Ihr Leben bitten.«
Unschlüssig betrachtete er das tintengetränkte Tuch und erhob sich schließlich, eine Entschuldigung murmelnd, um es nach draußen zu bringen. Offenbar hatte er es eilig, Jamies Gesellschaft zu entkommen.
Jamie saß breitbeinig auf seinem Stuhl, atmete durch zusammengebissene Zähne und betrachtete erbittert den Gobelin, auf dem das Wappentier der Stuarts prangte. Er war düsterer Stimmung, seit Murtagh mit der Nachricht in Lallybroch eingetroffen war, die dreißig Männer, die Jamie befehligte, seien als Fahnenflüchtige gefaßt worden und warteten in dem berüchtigten Edinburgher Tolbooth-Gefängnis auf ihre Hinrichtung.
Ich nahm nicht an, daß Charles vorhatte, das Urteil vollstrecken zu lassen. Wie Ewan Cameron richtig festgestellt hatte, konnte die Hochlandarmee auf keinen waffenfähigen Mann verzichten. Der Vorstoß nach England, zu dem Charles entschlossen war, war eine kostspielige Angelegenheit, und die Unterstützung, die er sich von der englischen Landbevölkerung erhofft hatte, war bisher ausgeblieben. Und außerdem - Jamies Männer in seiner Abwesenheit hinrichten zu lassen, wäre ein persönlicher Verrat und politisch so hirnverbrannt gewesen, daß dergleichen nicht einmal einem Charles Stuart zuzutrauen war.
Nein, ich teilte Camerons Ansicht - früher oder später würde Charles die Männer begnadigen. Für Jamie war diese Erkenntnis jedoch ein schwacher Trost, hatte er seine Männer doch vor den Gefahren eines aussichtslosen Feldzugs bewahren wollen und statt dessen dafür gesorgt, daß sie, als Feiglinge gebrandmarkt, in einem der schlimmsten Gefängnisse von ganz Schottland gelandet waren und einem schmählichen Tod durch den Strang entgegensahen.
Dies, gepaart mit der Aussicht, seine Männer in dem dunklen, verdreckten Kerker zu lassen, während er nach Stirling ging, um sich mit seinem Gesuch vor Charles Stuart zu demütigen, dies reichte hinlänglich aus, um Jamies verdrießliche Miene zu erklären.
Der junge Simon runzelte die Stirn und schwieg. Er schien nachzudenken.
»Ich begleite dich zu Seiner Hoheit«, sagte er plötzlich.
»Wirklich?« Jamie blickte seinen Onkel aus schmalen Augen an, dann fragte er mißtrauisch: »Und warum?«
Simon verzog den Mund zu einem Grinsen. »Blut ist dicker als Wasser. Oder glaubst du, ich will deine Männer für mich beanspruchen, so wie Vater es getan hat?«
»Und würdest du das tun?«
»Ja«, entgegnete Simon freimütig, »wenn es mir von Nutzen wäre. Aber ich meine, daß ich mir damit eher Schwierigkeiten einhandeln würde. Ich habe nicht die geringste Lust, mich mit den MacKenzies anzulegen - oder mit dir, Neffe.« Sein Grinsen wurde breiter. »Lallybroch mag reich sein, aber es ist ein gutes Stück von Beaufort entfernt, und es könnte viel Kraft kosten, das Land zu erstreiten - sei es vor Gericht oder mit Gewalt. Das habe ich meinem Vater auch gesagt, aber der hört ja nur, was er hören will.«
Der junge Mann schüttelte den Kopf und rückte sein Schwertgehenk zurecht.
»Bei der Armee kann man wahrscheinlich leichtere Beute machen, jedenfalls, wenn der König wiedereingesetzt ist. Und wenn diese Armee so kämpfen soll wie bei Preston, braucht sie jeden Mann, den sie kriegen kann. Ich begleite dich«, bekräftigte er.
Jamie lächelte zögernd. »Danke, Simon, ich nehme deine Hilfe an.«
Simon nickte. »Aye. Es wäre auch nicht schlecht, wenn du Dougal MacKenzie bätest, ein Wort für dich einzulegen. Er ist gerade in Edinburgh.«
»Dougal MacKenzie?« Jamie zog verwundert die Brauen hoch. »Aye, das könnte nicht schaden, aber...«
»Nicht schaden? Mann, hast du es nicht gehört? Der MacKenzie ist Prinz Charles’ Liebling.« Simon lehnte sich zurück und sah seinen Neffen spöttisch an.
»Weshalb?« fragte ich. »Was hat er denn so Besonderes getan?« Dougal hatte dem Heer der Stuarts zweihundertfünfzig Krieger zugeführt, aber es gab eine Reihe von Clanoberhäuptern, die mehr Männer befehligten.
»Zehntausend Pfund.« Simon ließ die Worte auf der Zunge zergehen. »Zehntausend Pfund Sterling hat Dougal MacKenzie seinem Monarchen zu Füßen gelegt. Und das Geld kommt nicht ungelegen«, erklärte er sachlich. »Cameron hat gerade erzählt, daß Charles das spanische Kapital aufgebraucht hat. Und von den englischen Anhängern, auf die er gezählt hat, kommt verdammt wenig. Dougals Spende wird die Armee ein paar Wochen lang versorgen, und bis dahin ist mit ein bißchen Glück Nachschub aus Frankreich da.« Louis hatte eingesehen, daß sein leichtsinniger Verwandter ein ausgezeichnetes Ablenkungsmanöver für die Engländer veranstaltete, und sich widerstrebend bereit erklärt, ein wenig Geld herauszurücken. Eilig hatte er es jedoch nicht damit.
Ich sah Jamie an, der ebenso verwundert dreinblickte wie ich. Wo hatte Dougal MacKenzie bloß zehntausend Pfund aufgetrieben? Plötzlich erinnerte ich mich, wo ich von dieser Summe schon einmal gehört hatte - im Diebesloch von Cranesmuir.
»Geillis Duncan!« rief ich. Mir schauderte bei der Erinnerung an das Gespräch in dem finsteren, schmutzigen Loch. Obwohl der Salon gut beheizt war, zog ich meinen Umhang enger um mich.
In den letzten zwei Jahren konnte ich über zehntausend Pfund abzweigen. Geillis hatte sich des Diebstahls gerühmt, den sie durch die geschickte Fälschung des Namens ihres Mannes zuwege gebracht hatte. Arthur Duncan, den sie vergiftet hatte, war der Prokurator des Bezirks gewesen. Zehntausend Pfund für die Sache der Jakobiten. Wenn der Aufstand losgeht, dann weiß ich, daß ich dazu beigetragen habe.
»Sie hat es gestohlen.« Beim Gedanken an Geillis Duncan lief es mir kalt den Rücken hinunter. Man hatte sie wegen Hexerei zum Tode verurteilt und dann noch bis zur Geburt ihres Kindes leben lassen - das sie ihrem Geliebten Dougal MacKenzie gebar. Sie war unter den Zweigen einer Eberesche verbrannt worden. »Sie hat das Geld gestohlen und es Dougal gegeben, oder er hat es ihr weggenommen, wer weiß.« Erregt stand ich auf und ging vor dem Feuer auf und ab.
»Der gerissene Kerl!« rief ich. »Das also hat er vor anderthalb Jahren in Paris gemacht!«
»Was?« Jamie runzelte die Stirn, und Simon starrte mich mit offenem Mund an.
»Er hat Charles Stuart besucht, um sich davon zu überzeugen, daß er wirklich einen Aufstand plant. Vielleicht hat er ihm das Geld damals versprochen, und Charles ließ sich dadurch ermutigen, nach Schottland zu kommen - durch die Aussicht auf Geillis Duncans Geld. Aber solange Colum noch lebte, konnte Dougal es nicht wagen, Charles das Geld zu geben - Colum hätte Fragen gestellt. Er war viel zu aufrichtig, um sich an Diebesgut zu vergreifen, ganz gleich, wer es gestohlen hatte.«
»Verstehe«, nickte Jamie nachdenklich. »Aber nun ist Colum tot«, fuhr er ruhig fort. »Und Dougal MacKenzie ist der Favorit des Prinzen.«
»Und das ist nur gut für dich, wie ich bereits gesagt habe«, warf Simon ungeduldig ein. Das Gespräch über Leute, die er nicht kannte, und Angelegenheiten, die er nur halb verstand, interessierte ihn nicht. »Suche ihn auf. Um diese Tageszeit ist er wahrscheinlich in der Taverne.«
»Glaubst du, er legt bei Prinz Charles ein Wort für dich ein?« fragte ich Jamie besorgt. Dougal war eine Zeitlang Jamies Pflegevater gewesen, aber die Beziehung hatte ihre Höhen und Tiefen gehabt. Wahrscheinlich würde Dougal die Gunst des Prinzen nicht aufs Spiel setzen wollen, indem er sich für ein Häuflein Feiglinge und Deserteure einsetzte.
Der junge Fuchs, der seinem Vater an Scharfsinn nicht nachstand, zog die dichten schwarzen Brauen hoch.
»MacKenzie ist doch immer noch auf Lallybroch aus, nicht wahr? Und wenn er glaubt, Vater und ich hätten die Absicht, dein Land zurückzufordern, wird er dir gewiß bereitwillig helfen, deine Männer freizubekommen, aye? Gegen uns zu kämpfen würde ihn mehr kosten, als mit dir fertigzuwerden, wenn der Krieg vorüber ist.« Er nickte; offensichtlich machte es ihm Spaß, den Plan auszuhecken.
»Ich werde ihm eine Abschrift der Liste meines Vaters unter die Nase halten, bevor du mit ihm sprichst. Dann kommst du herein und sagst ihm, du würdest mich zur Hölle schicken, wenn ich Anspruch auf deine Männer erheben sollte, und anschließend reiten wir alle drei nach Stirling.« Er lächelte Jamie verschwörerisch an.
»Ich habe mir schon immer gedacht, daß es einen guten Grund gibt, warum sich Schotte auf Komplotte reimt«, bemerkte ich.
»Was?« Beide Männer sahen mich verblüfft an.
»Nichts für ungut«, sagte ich kopfschüttelnd. »Ich wollte nur sagen: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.«
 
Während Jamie mit seinen beiden Onkeln nach Stirling ritt, um die Angelegenheit mit Prinz Charles zu klären, blieb ich in Edinburgh zurück. Unter den gegebenen Umständen konnte ich nicht in Holyrood bleiben, aber ich fand ein Quartier in einer Gasse über dem Canongate. Es war eine enge, kalte Kammer, aber ich hielt mich nicht oft dort auf.
Die Häftlinge saßen zwar im Tolbooth fest, aber niemand hinderte sie, Besuch zu empfangen. Also gingen Fergus und ich täglich zu ihnen ins Gefängnis, und dank umsichtig verteilter Bestechungsgelder konnte ich den Männern aus Lallybroch Lebensmittel und Medikamente zukommen lassen. Eigentlich hätte ich nicht allein mit den Gefangenen sprechen dürfen, aber auch in diesem Punkt war das System flexibel, wenn man es an den richtigen Stellen schmierte, und so konnte ich ein paarmal mit Ross, dem Schmied, unter vier Augen sprechen.
»Es war meine Schuld, Lady«, erklärte er. »Ich hätte nicht alle unsere Leute miteinander marschieren lassen dürfen, wir hätten uns in Dreier- oder Vierergruppen aufteilen sollen. Aber ich hatte Angst, Männer zu verlieren. Die meisten sind früher keine fünf Meilen aus ihrem Dorf hinausgekommen.«
»Sie brauchen sich keine Vorwürfe zu machen«, beruhigte ich ihn. »Es war wohl einfach Pech, daß ihr erwischt worden seid. Keine Sorge, Jamie ist unterwegs nach Stirling zu Prinz Charles. Er holt euch hier raus.«
Müde strich er sich eine Locke aus der Stirn und nickte. Er sah heruntergekommen aus; man erkannte den einst so kräftigen Handwerker kaum wieder. Dennoch lächelte er und bedankte sich für die Lebensmittel.
»Die können wir gut brauchen, hier bekommen wir nicht viel mehr als Schweinefraß. Was meinen Sie...« Er zögerte. »Meinen Sie, Sie könnten ein paar Decken auftreiben, Herrin? Ich würde nicht darum bitten, aber vier der Männer haben Schüttelfrost, und...«
»Dafür wird gesorgt«, sagte ich.
Als ich das Gefängnis verließ, fragte ich mich jedoch, woher ich Decken nehmen sollte. Die Armee war nach Süden gezogen, um in England einzufallen, doch Edinburgh war immer noch eine besetzte Stadt. Da Soldaten und Lords mit ihrem Gefolge kamen und gingen, waren Güter aller Art teuer und knapp. Decken und warme Kleidung wurden zwar feilgeboten, kosteten aber viel, und ich hatte noch genau zehn Shilling in meiner Börse.,
In Edinburgh gab es einen Bankier, einen Mr. Waterford, der früher Geldgeschäfte für Lallybroch erledigt hatte, doch Jamie hatte vor einigen Monaten sein gesamtes Geld von der Bank geholt, da er befürchtete, es könnte von der Krone beschlagnahmt werden. Er hatte das Geld in Gold umgewechselt, einen Teil davon zur sicheren Verwahrung an Jared in Frankreich geschickt und den Rest im Gutshaus versteckt. An diese Mittel konnte ich im Augenblick nicht heran.
Ich blieb mitten im Gedränge auf der Straße stehen, um nachzudenken. Zwar besaß ich kein Geld, aber immer noch ein paar Wertgegenstände. Der Kristall, den mir Raymond in Paris gegeben hatte - für den Stein selbst würde ich nicht viel bekommen, aber die Goldfassung und die Kette waren etwas wert. Meine Eheringe - nein, von ihnen wollte ich mich nicht trennen, auch nicht vorübergehend. Aber die Perlen... ich tastete in meiner Tasche nach der Perlenkette, die Jamie mir zur Hochzeit geschenkt hatte. Sie war immer noch fest in meinen Rocksaum eingenäht.
Die kleinen unregelmäßigen Barockperlen fühlten sich glatt und hart an. Sie waren zwar nicht so wertvoll wie Orientperlen, aber es war eine schöne Kette mit winzigen Goldplättchen zwischen den Perlen. Sie hatte Jamies Mutter Ellen gehört. Es hätte ihr bestimmt gefallen, das Schmuckstück für das Wohl seiner Männer zu opfern. »Fünf Pfund«, forderte ich mit Nachdruck. »Sie ist zehn wert, und ich könnte sechs dafür bekommen, wenn ich mir die Mühe machte, die Straße hinauf zu einem anderen Geschäft zu gehen.« Ich hatte keine Ahnung, ob das stimmte, aber ich streckte die Hand nach der Kette aus, als wollte ich sie wieder vom Ladentisch nehmen und das Geschäft des Pfandleihers verlassen. Der Inhaber, Mr. Samuels, legte jedoch rasch die Hand auf die Kette, und sein Eifer verriet, daß ich von Anfang an sechs Pfund hätte verlangen sollen.
»Drei Pfund, zehn Shilling«, bot er. »Das bringt meine Familie zwar an den Bettelstab, aber für eine so vornehme Dame wie Sie...«
Die kleine Glocke über der Ladentür ertönte, als hinter mir jemand eintrat. Auf den ausgetretenen Dielen waren zaghafte Schritte zu hören.
»Entschuldigen Sie«, begann die Stimme eines Mädchens. Ich wirbelte herum und sah im Halbdunkel des Geschäfts Mary Hawkins stehen. Sie war im letzten Jahr gewachsen und voller geworden. Und trotz ihrer Jugend strahlte sie eine neue Reife und Würde aus. Sie blinzelte, dann schloß sie mich mit einem Freudenschrei in die Arme.
»Was machst du denn hier?« fragte ich, nachdem ich mich aus der Umarmung befreit hatte.
»Vaters Schwester lebt hier«, erwiderte sie. »Ich w-wohne bei ihr. Oder meinst du, warum ich hier bin?« Mit einer Armbewegung verwies sie auf Mr. Samuels’ schäbiges Reich.
»Ja, das auch. Aber das hat Zeit.« Ich wandte mich an den Pfandleiher. »Vier Pfund, sechs Shilling, oder ich gehe die Straße hinauf«, erklärte ich. »Entschließen Sie sich. Ich bin in Eile.«
Leise murrend holte Mr. Samuels unter dem Ladentisch seine Kasse hervor, während ich mich weiter mit Mary unterhielt.
»Ich muß ein paar Decken kaufen. Kannst du mich begleiten?« Sie warf einen Blick nach draußen, wo ein untersetzter Lakai auf sie wartete. »Wenn du danach mit mir kommst. Oh, Claire, ich freue mich so, dich zu sehen!«
»Er hat mir geschrieben«, gestand Mary, als wir die Straße hinuntergingen. »Alex. Ein Freund hat mir den Brief gebracht.« Ihr Gesicht glühte, als sie seinen Namen aussprach, aber gleichzeitig wirkte sie bedrückt.
»Als ich herausfand, daß er sich in Edinburgh aufhält, b-bat ich meinen Vater, Tante Mildred besuchen zu dürfen. Er hatte nichts dagegen«, fügte sie bitter hinzu. »Nach allem, was in Paris geschehen war, sah er mich kaum noch an. Er war froh, als ich aus dem Haus war.«
»Also hast du Alex gesehen?« Ich fragte mich, wie es dem jungen Geistlichen seit meinem letzten Besuch ergangen war. Außerdem war mir schleierhaft, wie er den Mut aufgebracht hatte, an Mary zu schreiben.
»Ja. Er hat mich nicht gebeten, ihn zu besuchen«, fügte sie hastig hinzu. »Ich b-bin aus eigenem Antrieb gekommen.« Trotzig hob sie das Kinn, aber ihre Stimme zitterte ein wenig. »Er... er hätte mir nicht geschrieben, aber er glaubte, er müsse bald st-sterben, und er wollte mich wissen... mich wissen lassen...« Ich legte meinen Arm um ihre Schulter und zog sie rasch in einen Hausdurchgang.
»Ist schon gut.« Hilflos tätschelte ich sie, wohlwissend, daß ich nichts tun konnte, um es wirklich gutzumachen. »Du bist gekommen und hast ihn gesehen. Nur das zählt.«
Sie nickte wortlos und putzte sich die Nase. »Ja.« Ihre Stimme war belegt. »Wir haben... zwei Monate gehabt. Ich s-sage mir immer wieder, das ist mehr, als die meisten Menschen je erleben, zwei Monate Glück... aber wir haben soviel Zeit verloren, die wir h-hätten haben können, und... es ist nicht genug, Claire, es ist nicht genug!«
»Nein«, erwiderte ich ruhig. »Für eine solche Liebe reicht auch ein ganzes Leben nicht.« Ich fragte mich, wo Jamie war und wie es ihm ging.
Mary, die sich inzwischen etwas gefaßt hatte, hielt mich am Ärmel fest. »Claire, kannst du mit mir zu ihm gehen? Ich weiß, daß d-du nicht viel tun kannst...« Ihre Stimme versagte, und nur mit sichtlicher Anstrengung beruhigte sie sich. »Aber vielleicht kannst du... helfen.« Sie fing den Blick auf, mit dem ich den Lakai musterte, der draußen auf der Gasse stand, ohne den regen Verkehr zu beachten. »Ich bezahle ihn«, erklärte sie schlicht. »Meine Tante denkt, ich gehe jeden N-nachmittag spazieren. Kommst du mit?«
»Ja, natürlich.« Ich spähte zwischen den hoch aufragenden Häusern hindurch zum Himmel und versuchte den Sonnenstand abzuschätzen. In einer Stunde würde es dunkel sein. Ich wollte die Decken ins Gefängnis bringen lassen, bevor die feuchten Steinmauern in der Nachtluft noch kälter wurden. Ich wandte mich an Fergus, der geduldig neben mir wartete und Mary neugierig ansah. Er war mit den restlichen Lallybroch-Männern nach Edinburgh zurückgekehrt, war aber als Franzose der Inhaftierung entgangen und hatte sich mit Hilfe seines alten Handwerks durchgeschlagen. Ich hatte ihn gefunden, als er seinen eingekerkerten Gefährten etwas zu essen brachte.
»Nimm das Geld«, sagte ich und gab ihm meine Börse, »und geh damit zu Murtagh. Er soll davon so viele Decken wie möglich kaufen und dafür zu sorgen, daß sie zu dem Gefängniswärter im Tolbooth gebracht werden. Er hat schon Geld bekommen, aber behalte ein paar Shilling übrig, nur für den Fall.«
»Aber, Madame«, protestierte er, »ich habe dem Herrn versprochen, daß ich Sie nicht allein lasse...«
»Der Herr ist nicht hier«, sagte ich mit fester Stimme, »aber ich. Geh jetzt, Fergus.«
Er sah erst mich an, dann Mary, und kam offenbar zu dem Schluß, daß sie für mich eine geringere Gefahr darstellte als mein Zorn für ihn. Schließlich entfernte er sich achselzuckend, während er auf französisch etwas über weiblichen Starrsinn vor sich hin murmelte.
 
Die kleine Dachstube hatte sich seit meinem letzten Besuch erheblich verändert. Erstens herrschte peinliche Sauberkeit, der Kasten war mit Lebensmitteln gefüllt, und auf dem Bett lag eine Daunendecke. Daneben gab es allerhand Kleinigkeiten, die dem Kranken das Leben erleichtern sollten. Auf dem Weg hierher hatte mir Mary anvertraut, daß sie in aller Stille die Juwelen ihrer Mutter versetzt hatte, um Alexander Randall möglichst gut versorgen zu können.
Mit Geld konnte man zwar nicht alles erreichen, doch als Mary zur Tür hereinkam, leuchtete Alexanders Gesicht auf.
»Ich habe Claire mitgebracht, Liebster.« Mary ließ ihren Umhang achtlos auf einen Stuhl fallen, kniete neben Alex nieder und nahm seine magere, blaugeäderte Hand in die ihre.
»Mrs. Fräser.« Er wirkte erschöpft und außer Atem, aber er lächelte mich an. »Es ist schön, wieder einmal ein nettes Gesicht zu sehen.«
»Ja, das finde ich auch.« Ich erwiderte sein Lächeln und registrierte beinahe unbewußt die schnell und flatternd pulsierende Halsschlagader. Seine braunen Augen aber blickten freundlich und warm, als sammelten sich in ihnen die letzten Lebenskräfte seines gebrechlichen Körpers.
Ohne Medikamente konnte ich nichts für ihn tun, aber ich untersuchte ihn sorgfältig und achtete darauf, daß er anschließend warm zugedeckt wurde. Die Untersuchung hatte ihn so viel Kraft gekostet, daß seine Lippen blau anliefen.
Ich verbarg die Sorge, die sein Zustand in mir weckte, und versprach, am nächsten Tag mit Medikamenten wiederzukommen, die für Beruhigung und Schlaf sorgen würden. Doch er achtete kaum auf meine Versprechungen; er hatte nur Augen für Mary, die mit bangem Gesicht neben ihm saß und seine Hand hielt. Sie blickte zum Fenster, und ich begriff ihre Sorge. Sie mußte vor Einbruch der Dunkelheit ins Haus ihrer Tante zurückkehren.
»Nun werde ich gehen«, sagte ich zu Alex und verabschiedete mich so taktvoll wie möglich, damit die beiden einige kostbare Minuten für sich hatten.
Sein Blick wanderte von mir zu Mary, dann lächelte er mich dankbar an.
»Gott segne Sie, Mrs. Fraser.«
»Wir sehen uns morgen«, sagte ich und hoffte, daß ich mich nicht täuschte.
 
In den nächsten Tagen hatte ich viel zu tun. Die Waffen der Männer waren bei der Verhaftung konfisziert worden, und ich tat mein Bestes, um zu retten, was zu retten war, indem ich drohte, einschüchterte, bestach oder meinen Charme einsetzte. Ich verpfändete zwei Broschen, die mir Jared zum Abschied geschenkt hatte, und kaufte von dem Erlös Lebensmittel für die Männer aus Lallybroch, damit sie wenigstens so verpflegt wurden wie der Rest der Armee.
Dank meiner Überredungskünste konnte ich bis in die Kerkerzellen vordringen und die verschiedenen Leiden der Gefangenen behandeln - Skorbut und andere Folgen von Mangelernährung, Schürfwunden, Frostbeulen, Arthritis und Erkrankungen der Atemwege.
Außerdem suchte ich jene Clanführer und Lords auf, die noch in Edinburgh weilten - also nicht sehr viele -, und die Jamie behilflich sein konnten, falls sein Besuch in Stirling scheiterte. Damit rechnete ich zwar nicht, fand es aber besser, Vorsorge zu treffen.
Ich nahm mir aber auch die Zeit, Alexander Randall einmal täglich zu besuchen, und zwar morgens, um nichts von seiner kostbaren Zeit mit Mary in Anspruch zu nehmen. Alex schlief nicht nur wenig, sondern auch schlecht. Folglich war er morgens matt und übermüdet und nicht gerade gesprächig. Dennoch begrüßte er mich stets mit einem freundlichen Lächeln. Ich verabreichte ihm eine leichte Mischung aus Minze und Lavendel mit einigen Tropfen Mohnsaft; nach diesem Trank konnte er in der Regel ein paar Stunden schlafen, so daß er Marys Besuch am Nachmittag erholt entgegensah.
Außer Mary hatte ich niemals andere Besucher in der Dachstube gesehen. Deshalb war ich überrascht, als ich eines Morgens die Treppe hinaufstieg und hinter der verschlossenen Tür Stimmen hörte.
Ich klopfte einmal kurz, wie wir es abgesprochen hatten, und trat ein. Am Bett saß Jonathan Randall in seiner Hauptmannsuniform. Als er mich sah, erhob er sich und verbeugte sich förmlich. Seine Augen waren kalt.
»Madam«, sagte er.
»Hauptmann.« Verlegen standen wir mitten im Zimmer und starrten einander an, beide unwillig, das Gespräch fortzusetzen.
»Johnny«, ließ sich Alex vom Bett her vernehmen. Seine heisere Stimme klang zwar einschmeichelnd, ließ aber keinen Widerspruch zu, und sein Bruder zuckte gereizt die Achseln, als er sie hörte.
»Mein Bruder hat mich herbestellt, um Ihnen etwas mitzuteilen«, erklärte Randall mürrisch. An diesem Morgen trug er keine Perücke, und mit den dunklen Haaren sah er seinem Bruder verblüffend ähnlich. Der blasse, geschwächte Alex wirkte wie Jonathans Geist.
»Sie und Mr. Fraser waren gut zu meiner Mary.« Alex drehte sich auf die Seite, um mich anzusehen. »Und auch zu mir. Ich... wußte von der Abmachung zwischen Ihnen und meinem Bruder«, seine Wangen röteten sich ein wenig, »aber ich weiß auch, was Sie und Ihr Gemahl für Mary getan haben... in Paris.« Er leckte sich die trockenen Lippen. »Ich glaube, Sie sollten sich anhören, welche Neuigkeiten Johnny gestern von der Burg mitgebracht hat.«
Jack Randall musterte mich geringschätzig, aber er stand zu seinem Wort.
»Hawley hat Copes Stellung eingenommen, wie ich es vorhergesagt hatte«, erklärte er. »Hawley ist nicht gerade der geborene Befehlshaber, abgesehen davon, daß er blindes Vertrauen in die Männer setzt, die ihm unterstehen. Ob ihm das besser zustatten kommt als Copes Kanonen...« Er zuckte ungeduldig die Achseln.
»Aber wie dem auch sei, General Hawley hat den Befehl erhalten, nach Norden zu marschieren, um die Burg von Stirling zurückzuerobern.«
»Wirklich?« fragte ich. »Wissen Sie, wie viele Soldaten er hat?«
Randall nickte. »Im Augenblick befehligt er achttausend Mann, dreizehnhundert davon beritten. Außerdem rechnet er täglich mit der Ankunft von sechstausend Hessen.« Er runzelte die Stirn und dachte nach. »Soviel ich gehört habe, will das Oberhaupt des Campbell-Clans tausend Mann zur Verstärkung von Hawleys Truppen entsenden, aber ich weiß nicht, ob diese Information verläßlich ist. Was die Schotten tatsächlich tun werden, läßt sich nie vorhersehen.«
»Verstehe.« Die Lage war ernst. Die Hochlandarmee verfügte zur Zeit über sechs- bis siebentausend Mann. Mit Hawley allein, ohne die erwartete Verstärkung, könnte sie es vielleicht noch aufnehmen. Abzuwarten, bis die Hessen und die Campbells eintrafen, wäre Wahnsinn gewesen; außerdem kämpften die Hochlandschotten als Angreifer bedeutend besser. Diese Nachricht mußte Lord George Murray sofort überbracht werden.
Jack Randalls Stimme riß mich aus meinen Gedanken.
»Guten Tag, Madam.« Als er sich mit einer Verbeugung verabschiedete, zeigte sich keine menschliche Regung in seinem schönen Gesicht.
»Danke«, sagte ich zu Alexander Randall und wartete, bis Jonathan die Treppe hinuntergestiegen war, bevor ich selbst ging. »Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet.«
Er nickte. Die dunklen Schatten unter seinen Augen zeugten von einer schlechten Nacht.
»Gern geschehen«, sagte er schlicht. »Ich nehme an, Sie lassen etwas Medizin für mich da? Wahrscheinlich wird es eine Weile dauern, bis wir uns wiedersehen.«
Ich zögerte, verblüfft über seine Annahme, ich würde selbst nach Stirling gehen. Nichts wünschte ich mir sehnlicher, aber ich mußte auch an die Männer im Tolbooth-Gefängnis denken.
»Ich weiß es nicht«, sagte ich. »Aber ja, die Medizin lasse ich Ihnen da.«
Mit langsamen Schritten kehrte ich zu meinem Quartier zurück. Meine Gedanken überschlugen sich. Ich mußte Jamie sofort benachrichtigen. Es schien mir am besten, Murtagh zu schicken. Jamie würde mir natürlich glauben, wenn ich ihm schrieb. Aber würde es ihm gelingen, Lord George, den Herzog von Perth und die anderen Befehlshaber zu überzeugen?
Ich konnte ihm nicht sagen, aus welcher Quelle mein Wissen stammte. Würden die Befehlshaber bereit sein, der schriftlichen, durch nichts belegten Aussage einer Frau zu glauben? Selbst wenn es sich um eine Frau handelte, die angeblich übernatürliche Kräfte besaß? Plötzlich mußte ich an Maisri denken und schauderte. Es ist ein Fluch, hatte sie gesagt. Ja, aber hatte ich eine andere Wahl? Ich habe keine Macht außer der Macht, nicht zu sagen, was ich weiß. Diese Macht hatte ich auch, aber ich wagte nicht, davon Gebrauch zu machen.
Zu meiner Überraschung stand die Tür zu meiner Kammer offen, und es drangen klirrende, klappernde Geräusche an mein Ohr. Ich hatte die Waffen der Männer unter meinem Bett verstaut, und als unter dem Bett kein Platz mehr war, hatte ich Schwerter und Degen neben der Feuerstelle gestapelt, bis auf dem Fußboden buchstäblich kein freier Fleck mehr war außer dem Winkel, wo Fergus sein Nachtlager aufschlug.
Von der Treppe aus konnte ich durch die offene Tür eine verblüffende Szene beobachten: Murtagh stand auf dem Bett und überwachte die Verteilung der Waffen an die Männer, die den Raum bis zum Bersten füllten - die Männer von Lallybroch.
»Madame! Ich drehte mich um und erblickte Fergus, der neben mir stand und mich anstrahlte.
»Madame! Ist das nicht wunderbar? Der Herr hat die Begnadigung seiner Männer erwirkt. Heute morgen kam ein Bote aus Stirling mit dem Befehl, sie freizulassen, und nun müssen wir alle sofort zu unserem Herrn nach Stirling reiten.«
Ich umarmte ihn und grinste ebenfalls. »Das ist wunderbar, Fergus.« Einige der Männer bemerkten mich, drehten sich zu mir um, lächelten und zupften die anderen am Ärmel. Freudige Erregung erfüllte das kleine Zimmer. Murtagh, der auf dem Bett hockte wie der Zwergenkönig auf dem Giftpilz, hatte mich nun auch erblickt und schenkte mir ein Lächeln - ein Ausdruck, der seinem Gesicht so fremd war, daß es ihn bis zur Unkenntlichkeit veränderte.
»Wird Mr. Murtagh die Männer nach Stirling führen?« erkundigte sich Fergus. Bei der Waffenausgabe war ihm ein kurzes Schwert zugeteilt worden, und während er sprach, übte er eifrig, es zu ziehen und wieder in die Scheide zu stecken.
Ich fing Murtaghs Blick auf und schüttelte den Kopf. Wenn Jenny Cameron die Männer ihres Bruders nach Glenfinnan führen konnte, dann konnte ich auch an der Spitze der Truppe meines Mannes nach Stirling reiten. Sollten Lord George und Seine Hoheit ruhig versuchen, sich über meine Nachricht hinwegzusetzen, wenn ich sie persönlich überbrachte.
»Nein«, sagte ich. »Ich werde sie führen.«
Die Geliehene Zeit
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