6
Wogen des Wandels
»Brot«, murmelte ich leise, ohne die Augen zu öffnen. Doch von dem großen warmen Körper neben mir hörte ich nichts anderes als das sanfte Seufzen seiner Atemzüge.
»Brot!« wiederholte ich ein wenig lauter. Urplötzlich wurde die Decke zurückgeschlagen. Ich krallte mich an der Matratze fest und spannte sämtliche Muskeln an, um meine aufgebrachten Eingeweide zu beruhigen.
Von der anderen Seite des Bettes drang leises Rascheln, dann hörte ich, wie eine Schublade geöffnet wurde. Dem folgten ein verhaltener gälischer Fluch und das leise Tappen nackter Füße auf den Bodendielen. Schließlich fühlte ich die Matratze unter dem Gewicht eines schweren Körpers einsinken.
»Hier, Sassenach«, sagte eine besorgte Stimme, und ich spürte eine trockene Brotrinde an meiner Unterlippe. Ohne die Augen zu öffnen, griff ich danach und kaute zaghaft darauf herum. Jeden Bissen mußte ich meine trockene Kehle hinunterwürgen, doch wohlweislich bat ich nicht um Wasser.
Die Übelkeit ließ allmählich nach und verebbte schließlich. Als ich die Augen öffnete, blickte ich in das sorgenvolle Gesicht von Jamie Fraser. »Oh!« sagte ich überrascht.
»Alles in Ordnung?« erkundigte er sich. Als ich nickte und mühsam versuchte, mich aufzusetzen, legte er den Arm um mich, um mir den Rücken zu stützen. Dann ließ er sich neben mir auf dem harten Herbergsbett nieder, zog mich sanft an sich und strich mir über das vom Schlaf zerzauste Haar.
»Du Arme«, meinte er. »Ob Wein hilft? In meiner Satteltasche ist eine Feldflasche mit Rheinwein.«
»Nein, vielen Dank.« Schon bei dem Gedanken meinte ich das fruchtige Bukett zu riechen, und schaudernd richtete ich mich auf.
»Gleich geht es mir besser«, erklärte ich mit erzwungener Heiterkeit. »Mach dir keine Sorgen, es ist völlig normal, wenn einer schwangeren Frau morgens schlecht ist.«
Zweifelnd sah Jamie mich an. Aber dann stand er auf und nahm seine Kleider vom Hocker neben dem Fenster mit den Butzenscheiben, das mit dicken Eisblumen bedeckt war. Frankreich im Februar gleicht einer Eishölle.
Jamie war nackt. Gänsehaut zog sich über seine Schultern und hatte die rotgoldenen Haare auf seinen Armen und Beinen aufgerichtet. Aber da er an Kälte gewöhnt war, fror er nicht. Er schien es nicht einmal besonders eilig zu haben, in Strümpfe und Hemd zu schlüpfen, denn er kam zum Bett zurück und umarmte mich.
»Leg dich wieder hin«, schlug er vor. »Ich schicke das Zimmermädchen rauf, damit sie das Feuer anzündet. Vielleicht kannst du jetzt noch mal ein bißchen schlafen, wo du etwas gegessen hast. Es wird dir doch nicht wieder schlecht werden, oder?« Obwohl ich etwas unsicher war, nickte ich zu seiner Beruhigung.
»Ich glaube kaum.« Ich blickte auf das Bett. Die Decken waren wie in den meisten Gasthöfen nicht allzu sauber. Aber das Silbergeld aus Jamies Geldbeutel hatte uns zu dem besten Raum verholfen, und das schmale Bett war mit Gänsefedern statt mit Häcksel oder Wolle gefüllt.
»Hm, vielleicht sollte ich mich wirklich noch mal hinlegen«, murmelte ich, hob meine Füße vom eiskalten Boden und schob sie unter die Decke, wo ich einen warmen Winkel zu finden hoffte. Mein Magen schien so weit besänftigt, daß ich es wagen konnte, einen Schluck Wasser zu trinken, und ich goß mir aus dem gesprungenen Krug einen Becher ein.
»Worauf hast du vorhin herumgetrampelt?« fragte ich, während ich vorsichtig nippte. »Gibt es hier etwa Spinnen?«
Jamie, der gerade seinen Kilt schloß, schüttelte den Kopf. »Nein, nein«, entgegnete er und deutete mit dem Kopf zum Tisch. »Nur eine Ratte. War wohl hinter dem Brot her.«
Als ich nach unten blickte, sah ich den schlaffen grauen Körper, auf dessen Schnauze eine Reihe Blutstropfen schimmerte. Ich schaffte es gerade noch rechtzeitig aus dem Bett.
»Alles in Ordnung«, erklärte ich wenig später mit schwacher Stimme. »Jetzt ist nichts mehr drin, was noch hochkommen könnte.«
»Spül dir den Mund aus, Sassenach, aber schluck um Gottes willen nicht runter!«« Jamie hielt mir den Becher an die Lippen und wischte mir anschließend den Mund, als wäre ich ein kleines Mädchen, das nicht ordentlich essen konnte. Dann hob er mich hoch und legte mich vorsichtig zurück aufs Bett. Besorgt blickte er auf mich nieder.
»Vielleicht sollte ich lieber hierbleiben«, meinte er, »und eine Nachricht schicken.«
»Nein, nein, es geht schon wieder«, wandte ich ein. Und es stimmte. So sehr ich auch gegen die morgendliche Übelkeit ankämpfte - ich blieb die Unterlegene! Aber sobald die Attacke vorüber war, fühlte ich mich wieder wohl. Abgesehen von einem sauren Geschmack im Mund und einem leichten Muskelkater im Unterbauch, fehlte mir nichts mehr. Als Beweis schlug ich die Decken zurück und stand auf.
»Siehst du? Sorg dich nicht um mich. Mach dich lieber auf den Weg. Du solltest deinen Cousin nicht warten lassen.«
Trotz der kalten Luft, die unter der Tür hereinwehte und auch unter mein Nachthemd fuhr, gewann ich meine gute Laune wieder zurück. Da Jamie immer noch unsicher schien, ob er gehen sollte, trat ich auf ihn zu und umarmte ihn. Nicht nur, weil ich ihn beruhigen wollte, sondern auch, weil er sich so wunderbar warm anfühlte.
»Brrr«, sagte ich, »wie kannst du so warm sein, wenn du bloß einen Kilt trägst?«
»Ich habe doch auch noch ein Hemd an«, protestierte er und lächelte auf mich herab.
Wir hielten uns eine Weile umschlungen und genossen in der frühmorgendlichen Kälte Frankreichs die Wärme des andern. Vom Flur vernahm man das Klirren und Schlurfen des Zimmermädchens, das sich mit dem Feuerholz näherte.
Jamie preßte sich noch enger an mich. Weil das Reisen im Winter so schwierig war, hatten wir ungefähr eine Woche von Ste. Anne nach Le Havre gebraucht. Und da wir in den elenden Herbergen spätabends naß, schmutzig und vor Müdigkeit und Kälte zitternd ankamen und mein Erwachen wegen der morgendlichen Übelkeit keine reine Freude war, hatten wir uns seit unserer letzten Nacht in der Abtei so gut wie nicht mehr berührt.
»Kommst du mit ins Bett?« lud ich ihn leise ein.
Er zögerte. Obwohl sein Verlangen durch den Stoff seines Kilts eindeutig zu spüren war und seine Hände warm auf meiner kühlen Haut ruhten, machte er keinerlei Anstalten, mich ins Bett zu ziehen.
»Nun...«, sagte er zweifelnd.
»Du willst doch, oder?« fragte ich und schob meine kalte Hand unter seinen Kilt, um mich zu vergewissern.
»Oh! Äh... aye! Sicher will ich«, mußte er eingestehen, da der Beweis bereits auf der Hand lag. Er stöhnte leicht, als ich meine Hand zwischen seinen Beinen bewegte. »O mein Gott! Hör auf, Sassenach, sonst lasse ich dich nicht mehr los.«
Schließlich schlang er seine langen Arme um mich und zog mein Gesicht an die schneeweißen Biesen seines Hemdes, das schwach nach der Wäschestärke duftete, die Bruder Alfonse in der Abtei verwendete.
»Warum solltest du auch?« murmelte ich in den Stoff. »Du hast doch gewiß noch ein wenig Zeit. Bis zu den Hafenanlagen ist es nicht weit.«
»Darum geht es nicht«, entgegnete er, während er mein aufgewühltes Haar glättete.
»Ach so, bin ich etwa zu dick?« In Wahrheit war mein Bauch noch ziemlich flach, und weil ich mich so oft erbrechen mußte, war ich dünner als sonst. »Oder...?«
»Nein«, antwortete er lächelnd. »Du redest zuviel.« Er beugte sich hinunter und küßte mich, dann hob er mich hoch und setzte sich mit mir aufs Bett. Ich streckte mich aus und zog ihn entschlossen über mich.
»Claire, nein!« protestierte er, als ich seinen Kilt öffnen wollte. Ich starrte ihn an. »Weshalb denn nicht?«
»Nun«, begann er unbeholfen und errötete, »das Kind... Ich meine, ich möchte es nicht verletzen.«
Ich lachte.
»Jamie, du kannst ihm nicht weh tun. Es ist gerade mal so groß wie meine Fingerspitze.« Zur Veranschaulichung hielt ich meinen Finger in die Höhe und zog damit den Umriß seiner Unterlippe nach. Jamie ergriff meine Hand, beugte sich vor und küßte mich unvermittelt, als wollte er auf diese Weise die kitzelnde Berührung wegwischen.
»Bist du sicher?« fragte er. »Ich meine... ich kann mir nicht vorstellen, daß es ihm gefällt, wenn es so durchgeschüttelt wird.«
»Das spürt es nicht«, versicherte ich ihm und machte mich erneut an seinem Kilt zu schaffen.
»Nun gut... wenn du dir sicher bist.«
Es klopfte gebieterisch, und mit dem echt französischen Gespür für den rechten Zeitpunkt trat das Zimmermädchen in den Raum.
»Monsieur, Madame«, murmelte das Mädchen und nickte kurz, während sie zur Feuerstelle schlurfte. Manchen Leuten geht’s wirklich zu gut, drückte ihre Haltung deutlicher aus, als Worte es vermochten. Da ich mich bereits daran gewöhnt hatte, daß die Dienstboten Herbergsgästen im Neglige äußerst ungerührt begegneten, ließ ich es mit einem geflüsterten »Bonjour, Mademoiselle« bewenden. Doch ebenso rasch ließ ich Jamies Kilt fahren, schlüpfte unter die Decken und zog sie bis an die Nase hoch, um meine scharlachroten Wangen zu verbergen.
Jamie bewies größere Gelassenheit. Er schob sich eine der Nakkenrollen über den Schoß, stützte den Ellbogen darauf, legte das Kinn in die Handflächen und begann mit der Magd eine freundliche Unterhaltung, in der er die Küche des Hauses lobte.
»Und woher beziehen Sie den Wein, Mademoiselle?« fragte er höflich.
»Mal von hier, mal von dort.« Sie zuckte die Schultern und stopfte mit geübter Hand Späne unter die Holzscheite. »Wo es am billigsten ist.« Sie zog die Stirn kraus, als sie verstohlen zu Jamie hinüberblickte.
»Das habe ich vermutet«, erklärte er grinsend, und sie schnaubte amüsiert.
»Ich wette, ich kann für den gleichen Preis doppelt so gute Ware liefern«, bot er an. »Sagen Sie das Ihrer Herrin.«
Skeptisch blickte sie ihn an. »Und was verlangen Sie dafür, Monsieur?«
Als er abwehrend die Hände hob, wirkte er plötzlich wie ein waschechter Gallier. »Nichts, Mademoiselle. Ich bin auf dem Weg zu einem Verwandten, der mit Wein handelt. Vielleicht kann ich mich bei ihm mit einem neuen Geschäft einführen.«
Sie nickte verständnisvoll und erhob sich ächzend.
»Nun gut, Monsieur. Ich rede mit der patronne
Ein gekonnter Hüftschwung im Vorbeigehen, und die Tür fiel hinter dem Mädchen ins Schloß. Jamie legte die Nackenrolle beiseite und machte sich daran, seinen Kilt wieder zu schließen.
»Was hast du denn vor?« protestierte ich.
Er blickte mich an, und gegen seinen Willen mußte er lächeln.
»Nun, also... schaffst du es wirklich, Sassenach?«
»Wenn du es schaffst«, entfuhr es mir.
Streng sah er mich an.
»Schon allein deswegen sollte ich sofort aufbrechen«, bemerkte er. »Aber ich habe gehört, daß man werdende Mütter bei Laune halten soll.« Er ließ den Kilt zu Boden fallen und setzte sich im Hemd neben mich aufs Bett.
Sein Atem umfing mich, als er die Decke zurückschlug, mein Nachthemd öffnete und meine Brüste entblößte. Er neigte den Kopf und küßte sie. Sanft berührte er die Brustwarzen mit der Zunge, so daß sie sich wie von Magie aufstellten.
»Mein Gott, wie wunderschön sie sind«, murmelte er, während er sie zärtlich mit den Händen umschloß. »Sie sind voller geworden, ein klein wenig. Und die Warzen sind dunkler.« Mit dem Zeigefinger verfolgte er den zarten Bogen eines feinen silbernen Haares, das neben dem dunklen Hof hervorsproß.
Dann hob er die Decke und streckte sich neben mir aus. Ich schmiegte mich in seine Arme und grub meine Hände in seine festen Hinterbacken.
Am liebsten hätte ich ihn sofort über mich gezogen, aber er drückte mich sanft zurück auf das Kissen und knabberte an meinem Hals und meinem Ohr. Seine Hand glitt meinen Schenkel hoch und schob dabei mein Nachthemd wie eine Welle vor sich her.
Er senkte den Kopf tiefer, und behutsam öffneten seine Hände meine Schenkel. Ich zitterte, als der kühle Lufthauch über meine nackte Haut strich, doch dann gab ich mich entspannt der Berührung seines warmen Mundes hin.
Da er sich keinen Zopf gebunden hatte, fuhr sein offenes Haar über die Innenseite meines Schenkels. Sein Körper ruhte bequem zwischen meinen Beinen, seine kräftigen Hände hatte er um meine runden Hüften gelegt.
»Mehr?« ertönte es fragend von unten.
Zur Antwort wölbte ich meine Hüften empor, bevor ich ein leises warmes Lachen über meine Haut streifen hörte.
Er griff mit den Händen unter meine Hüften und hob mich hoch. Ein kaum merkliches Beben erfaßte mich, breitete sich aus und trug mich hinweg, bis es seinen Höhepunkt erreicht hatte und mir war, als würde ich mich auflösen. Kraftlos und keuchend lag ich da, während Jamie seinen Kopf auf meinen Schenkel legte. Er wartete, bis ich mich erholt hatte, und streichelte mein Bein, bevor er sich abermals seinem Vorhaben widmete.
Ich strich ihm die zerzausten Haare zurück und streichelte zärtlich seine Ohren, die unverhältnismäßig zierlich für einen so groϐen, kräftigen Mann waren. Mit dem Daumen fuhr ich die obere, leicht rosa schimmernde Rundung entlang.
»Sie laufen oben spitz zu«, sagte ich. »Wie die Ohren eines Fauns.«
»Wirklich?« fragte er und unterbrach für einen Augenblick seine Anstrengungen. »Du meinst, wie die Ohren von diesen Dingern auf alten Gemälden, die Beine wie Ziegenböcke haben und nackte Frauen verfolgen?«
Ich hob den Kopf und blickte über das Durcheinander von Bettzeug, Nachthemd und nacktem Fleisch hinweg in die blauen katzenartigen Augen, die mir über feuchten braungekräuselten Haaren entgegenfunkelten.
»Genau die«, erwiderte ich und ließ meinen Kopf zurück in das Kissen fallen, während sein gedämpftes Lachen an meiner höchst empfindlichen Haut vibrierte.
»Oh«, seufzte ich und wollte mich aufsetzen. »Oh, Jamie, komm zu mir.«
»Noch nicht«, entgegnete er und bewegte seine Zungenspitze so heftig, daß ich mich wild hin und her wand.
»Jetzt«, forderte ich.
Er gab keine Antwort, und ich war nicht mehr in der Lage, noch etwas zu sagen.
»Oh«, seufzte ich nach einer Weile. »Das ist...«
»Was?«
»Gut«, murmelte ich. »Komm zu mir.«
»Nein«, entgegnete er, das Gesicht unter der zimtfarbenen Mähne verborgen. »Möchtest du...«
»Jamie«, wiederholte ich. »Ich will dich. Komm zu mir.«
Seufzend gab er nach, kniete sich hin und ließ sich von mir hochziehen. Dann verlagerte er sein Gewicht auf die Ellbogen, legte sich endlich auf mich, Bauch an Bauch, Lippen an Lippen. Bevor er protestieren konnte, küßte ich ihn, und bevor er sich versah, glitt er zwischen meine Schenkel. Unwillkürlich seufzte er auf vor Lust, als er in mich eindrang und mit hartem Griff meine Schultern umfaßte.
Er ging langsam und behutsam vor, hielt immer wieder inne, um mich zu küssen, und bewegte sich nur, wenn ich mein Verlangen danach nicht mehr zügeln konnte. Sanft glitten meine Hände über seinen Rücken, um die frisch verheilten Narben nicht wieder aufzureißen. Ich spürte, wie die Muskeln seiner Oberschenkel zitterten, aber er hielt sich zurück, vermied es, sich so zu bewegen, wie es ihn verlangte.
Ich hob meine Hüften, damit er noch tiefer in mich eindringen konnte. Konzentriert schloß er die Augen und runzelte die Stirn. Durch den geöffneten Mund stieß er den Atem hart hervor.
»Ich kann nicht...«, stöhnte er. »O Gott, ich kann nicht anders.« Seine Hinterbacken spannten sich an.
Tief befriedigt seufzte ich auf und zog ihn enger an mich heran.
»Alles in Ordnung?« fragte er nach einer Weile.
»Du siehst doch, ich bin nicht zerbrechlich«, erwiderte ich lächelnd.
»Du vielleicht nicht, Sassenach, aber ich«, lachte er heiser und zog mich an sich. Ich griff nach der Decke, legte sie um seine Schultern und packte uns beide in ein kuscheliges Nest. Die Wärme des Feuers hatte das Bett noch nicht erreicht, aber das Eis an den Fensterscheiben taute allmählich.
Schweigend lagen wir eine Weile nebeneinander und lauschten dem Knistern des brennenden Apfelbaumholzes in der Feuerstelle und den schwachen Geräuschen des erwachenden Gasthofs. Rufe ertönten von der Galerie im Innenhof, Hufe klapperten auf dem mit Schneematsch bedeckten Pflaster, und hin und wieder quiekte eines der Ferkel, die die Wirtin in der Küche hinter dem Ofen großzog.
»Tres français, n’est-ce pas?« fragte ich amüsiert über die Auseinandersetzung, die im Stockwerk unter uns geführt wurde - eine liebevolle Abrechnung zwischen der Wirtin und dem ansässigen Weinhändler.
»Verkrüppelter Sohn einer pestverseuchten Hure!« rief eine weibliche Stimme. »Der Weinbrand von letzter Woche hat wie Pferdepisse geschmeckt.«
»Wie wollen Sie das wissen, Madame? Nach dem sechsten Glas schmeckt doch eh alles gleich, oder?«
Jamie und ich lachten so laut, daß das Bett schwankte. Er hob den Kopf vom Kissen und zog anerkennend den Duft nach gebratenem Speck ein, der durch die undichten Fugen des Holzbodens drang.
»Ja, das ist Frankreich«, stimmte er zu. »Essen, trinken und - die Liebe.« Er tätschelte meine nackte Hüfte, bevor er das zerknautschte Nachthemd darüberzog.
»Jamie«, fragte ich leise. »Freust du dich über das Baby?« In Schottland geächtet, aus seinem Heim verbannt und mit vagen Zukunftsaussichten in Frankreich, hätte er allen Grund, über diese neue Pflicht nicht gerade ins Schwärmen zu geraten.
Er schwiegeinen Augenblick, drückte mich noch fester an sich und seufzte kurz auf, bevor er antwortete.
»Aye, Sassenach.« Seine Hand wanderte abwärts und rieb sanft meinen Bauch. »Ich bin froh. Und stolz wie ein Spanier. Aber ich habe auch furchtbare Angst.«
»Wegen der Geburt? Das werde ich schon schaffen.« Ich konnte ihm seine Besorgnis kaum vorwerfen. Schließlich war seine Mutter im Kindbett gestorben, und eine Entbindung, vor allem eine komplizierte, war in jener Zeit die häufigste Todesursache bei Frauen. Aber da ich mich in diesen Dingen ein wenig auskannte, hatte ich nicht die Absicht, mich dem auszusetzen, was man medizinische Betreuung nannte.
»Ja, das und überhaupt alles«, sagte er leise. »Ich will dich beschützen, Sassenach, ich will mich wie ein Mantel über dich legen und dich und das Kind mit meinem Körper beschirmen.« Stockend und mit heiserer Stimme sprach er weiter. »Ich würde alles für dich tun... wenn... wenn ich nur könnte. Wie stark ich auch bin oder wie sehr ich dir helfen möchte - diesen Weg mußt du alleine gehen... und ich kann dir nicht zur Seite stehen. Wenn ich daran denke, was alles geschehen kann und wie hilflos ich bin... aye, dann habe ich Angst, Sassenach.«
Er drehte mich zu sich und legte sanft eine Hand auf meine Brust. »Aber wenn ich mir vorstelle, wie mein Kind an deiner Brust liegt... dann könnte ich vor Freude platzen wie eine Seifenblase.«
Er drückte mich fest an sich, und ich umarmte ihn leidenschaftlich.
»O Claire, ich liebe dich so, daß es mir das Herz zerreißt.«
 
Ich schlief noch eine Weile, und als ich aufwachte, läutete am nahegelegenen Platz eine Kirchenglocke. Da ich gerade aus der Abtei Ste. Anne kam, war ich es gewohnt, daß sich die Aktivitäten des Tages nach dem Glockengeläut richteten, und so blickte ich unwillkürlich zum Fenster, um mit Hilfe des Lichtes die Tageszeit abzuschätzen. Hell und klar fiel es herein, und das Fenster trug keine Eisblumen mehr. Demnach war es Mittag, und die Glocken läuteten zum Angelusgebet.
Ich streckte mich und genoß das wohlige Gefühl, nicht gleich aufstehen zu müssen. Die ersten Wochen der Schwangerschaft ermüdeten mich, und die Anstrengungen der Reise hatten ein übriges getan, so daß mir die lange Rast mehr als willkommen war.
Die Winterstürme waren Frankreichs Küste entlanggefegt, und während unserer Reise hatte es unablässig geregnet und geschneit. Aber es hätte auch noch schlimmer kommen können. Ursprünglich hatten wir beabsichtigt, nach Rom zu fahren und nicht nach Le Havre. Bei solch einem Wetter hätte das eine Reise von drei oder vier Wochen bedeutet.
Da Jamie im Ausland darauf angewiesen war, Geld zu verdienen, hatte man ihm für James Francis Edward Stuart, im Exil lebender König von Schottland - oder schlicht und einfach Chevalier de St. George, Thronprätendent, je nach Treuebekenntnis -, ein Empfehlungsschreiben als Übersetzer mitgegeben. Aus diesem Grunde hatten wir uns seinem Hofstaat in der Nähe von Rom anschließen wollen.
Unmittelbar vor unserer Abreise nach Italien hatte uns Jamies Onkel Alexander, Abt von Ste. Anne, jedoch in seine Räume gebeten.
»Ich habe eine Nachricht von Seiner Majestät«, verkündete er ohne vorherige Einleitung.
»Von welcher?« fragte Jamie. Die Familienähnlichkeit zwischen den beiden Männern wurde durch ihre Körperhaltung noch unterstrichen - jeder saß kerzengerade und mit gestrafften Schultern auf seinem Stuhl. Was den Abt betraf, gehörte diese Haltung zu seiner asketischen Lebensweise. Jamie hingegen wollte seine frisch verheilten Narben nicht in Kontakt mit der hölzernen Stuhllehne bringen.
»Seiner Majestät König James«, entgegnete sein Onkel und blickte mich stirnrunzelnd an. Ich bemühte mich, mir nichts anmerken zu lassen. Meine Anwesenheit in den Räumen des Abtes war ein Vertrauensbeweis, den ich durch nichts gefährden wollte. Er hatte mich vor knapp sechs Wochen zum ersten Mal gesehen, als ich mit Jamie, von Folter und Gefangenschaft fast zu Tode gequält, an der Pforte erschienen war. In dem Maße, wie wir uns näher kamen, war das Vertrauen des Abts in mich gewachsen. Andererseits war ich nun einmal Engländerin. Und der englische König hieß George, nicht James.
»So? Braucht er nun doch keinen Übersetzer?« Jamie war immer noch dünn, aber da er mit den Mönchen in den Ställen und auf den Feldern der Abtei arbeitete, gewann sein Gesicht allmählich wieder seine normale gesunde Farbe zurück.
»Er braucht einen treuen Diener - und einen Freund.« Abt Alexander klopfte sacht auf einen gefalteten Brief, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Abwägend blickte er zwischen seinem Neffen und mir hin und her.
»Was ich euch jetzt sage, muß unter uns bleiben«, erklärte er ernst. »Es wird sich schon bald herumsprechen, aber im Augenblick...« Ich bemühte mich, verschwiegen auszusehen, während Jamie nur ungeduldig nickte.
»Seine Hoheit Prinz Charles Edward hat Rom verlassen und wird in dieser Woche in Frankreich eintreffen«, erklärte der Abt. Dabei beugte er sich vor, als wollte er seinen Worten größeres Gewicht verleihen.
Und die Nachricht war wirklich bedeutsam. James Stuart hatte 1715 einen mißglückten Versuch unternommen, seinen Thron zurückzuerobern. Es war ein schlecht geplanter Feldzug, der schon bald aufgrund mangelnder Unterstützung scheiterte. Seitdem hatte der verbannte James von Schottland in unermüdlichen Schreiben an befreundete Monarchen - insbesondere an seinen Cousin, den König von Frankreich - immer wieder seinen rechtmäßigen Anspruch auf den Thron Englands und Schottlands betont und dabei auf die Stellung seines Sohnes Prinz Charles als Thronerbe hingewiesen.
»Sein Vetter, König Louis, hat sich gegenüber diesem berechtigten Anspruch leider taub gezeigt«, erklärte der Abt, wobei er stirnrunzelnd auf den Brief blickte, als läge Louis selbst vor ihm. »Sollte er sich mittlerweile auf seine Verantwortung in dieser Sache besonnen haben, haben jene, die an dem heiligen Recht der Königswürde festhalten, Grund zu großer Freude.«
Er meinte damit die Jakobiten, also James’ Anhänger, zu denen auch der Abt von Ste. Anne - ein gebürtiger Schotte namens Alexander Fraser - gehörte. Jamie hatte mir erzählt, daß Alexander einer der wichtigsten Korrespondenten des verbannten Königs war und über alles Kenntnis besaß, was mit den Stuarts zusammenhing.
»Er sitzt an der richtigen Stelle«, hatte Jamie mir erklärt, als wir über das Abenteuer sprachen, zu dem wir aufbrechen wollten. »Die päpstlichen Boten befördern die Mitteilungen meist schneller als andere durch Italien, England und Schottland. Und sie können nicht von den Zollbeamten der Regierung aufgehalten werden, das heißt, es ist ziemlich unwahrscheinlich, daß die Briefe, die sie bei sich tragen, abgefangen werden.«
Der in Rom im Exil lebende König James genoß die Unterstützung des Papstes, der erhebliches Interesse an der Wiedereinsetzung einer katholischen Monarchie in England und Schottland besaß. Daher wurden die meisten seiner Briefe durch päpstliche Boten befördert und über treue Anhänger innerhalb der kirchlichen Hierarchie weitergeleitet, wie durch Abt Alexander. Sie standen in Verbindung mit den schottischen Jakobiten, so daß diese Beförderung weniger Risiken barg, als wenn man die Briefe auf gewöhnlichem Weg von Rom nach Edinburgh und in die Highlands geschickt hätte.
Während Alexander die Bedeutsamkeit des Besuchs von Prinz Charles in Frankreich erläuterte, sah ich ihn mir genauer an. Er war untersetzt und dunkelhaarig und hatte ungefähr die gleiche Größe wie ich. Wie sein Neffe hatte er leicht schräge Augen, einen scharfen Verstand und die Gabe, verborgenen Beweggründen auf die Spur zu kommen. Ein Merkmal, das allen Frasers, denen ich begegnet war, zu eigen war.
»Das heißt«, schloß er seine Ausführungen und strich sich über den vollen, dunklen Bart, »ich weiß nicht, ob Seine Hoheit sich auf Louis’ Einladung hin in Frankreich aufhält oder uneingeladen auf Geheiß seines Vaters dort erschienen ist.«
»Das macht durchaus einen Unterschied«, bemerkte Jamie, wobei er skeptisch die Stirn runzelte.
Sein Onkel nickte und ließ durch das Dickicht seines Bartes ein gezwungenes Lächeln erkennen.
»Richtig, mein Junge«, entgegnete er und gestand sich im Gegensatz zu seinem sonstigen formellen Englisch die Andeutung eines schottischen Akzents zu. »Sehr richtig. Und da könnest uns du und deine Frau gute Dienste leisten, wenn ihr mögt.«
Der Vorschlag war einfach: Wenn der Neffe seines treuen und hochgeschätzten Freundes Alexander bereit war, nach Paris zu reisen und seinem Sohn, Seiner Hoheit Prinz Charles, in jedweder Form zu Diensten zu sein, würde Seine Majestät König James für die Reisekosten und ein bescheidenes Gehalt aufkommen.
Ich war verblüfft. Wir hatten ursprünglich beabsichtigt, nach Rom zu fahren, da uns dies als der geeignetste Ort für unsere Aufgabe erschien: den zweiten jakobitischen Aufstand - den des Jahres 1745 - zu verhindern. Aus meinen Geschichtskenntnissen wußte ich, daß dieser Aufstand, der von Charles Edward Stuart angeführt worden war, den Versuch seines Vaters vom Jahr 1715 bei weitem übertreffen, aber dennoch nicht von Erfolg gekrönt sein sollte. Wenn die Dinge so fortschritten, wie ich annahm, würden die Soldaten unter Bonnie Prince Charles 1746 bei Culloden eine verheerende Niederlage hinnehmen müssen, unter deren Auswirkungen die Bevölkerung der Highlands noch weitere zwei Jahrhunderte zu leiden haben würde.
Jetzt, im Jahre 1744, war Charles offensichtlich gerade im Begriff, in Frankreich um Unterstützung zu bitten. Wo ließ sich ein Aufstand besser verhindern als an der Seite seines Anführers?
Ich sah Jamie an, der über die Schulter seines Onkels hinweg auf einen kleinen, in die Wand eingelassenen Reliquienschrein blickte. Zwar ruhten seine Augen auf der vergoldeten Figur der heiligen Anne, doch hinter seiner ausdruckslosen Miene arbeitete sein Verstand fieberhaft. Schließlich blinzelte er und lächelte seinen Onkel an.
»Welcher Hilfe Seine Hoheit auch bedarf«, meinte er ruhig, »ich bin sicher, daß ich das schaffe. Wir fahren.«
Und so brachen wir auf. Allerdings begaben wir uns nicht auf direktem Weg nach Paris, sondern fuhren zunächst von Ste. Anne nach Le Havre, um uns dort mit Jamies Cousin Jared Fräser zu treffen.
Jared war ein erfolgreicher schottischer Emigrant, der mit Wein und Schnaps handelte und dem ein Lagerhaus, ein geräumiges Stadthaus in Paris und darüber hinaus noch ein Weindepot in Le Havre gehörte. Als er aus Jamies Brief erfuhr, daß wir auf dem Weg nach Paris waren, hatte er Jamie dorthin gebeten.
Ausgeruht, wie ich war, verspürte ich nun allmählich Hunger. Auf dem Tisch stand ein Teller mit Speisen. Offensichtlich hatte Jamie das Zimmermädchen angewiesen, mir etwas zu bringen, während ich schlief.
Da ich keinen Morgenmantel besaß, griff ich mir meinen Reiseumhang aus Samt. Ich setzte mich auf und schlang mir das warme Kleidungsstück um die Schultern, bevor ich eine notwendige Verrichtung erledigte, ein weiteres Holzscheit auf das Feuer warf und mich schließlich zu meinem späten Frühstück niedersetzte.
Zufrieden verspeiste ich die harten Brötchen und den gebackenen Schinken und spülte beides mit Milch hinunter. Hoffentlich wurde Jamie ebensogut bewirtet wie ich. Er hatte mir immer wieder versichert, Jared sei ein guter Freund, doch was die Gastfreundschaft von Jamies Verwandten betraf, hatte ich so meine Zweifel, nachdem ich mit einigen Bekanntschaft geschlossen hatte. Sicher, Abt Alexander hatte uns willkommen geheißen, aber während unseres Aufenthalts bei der Familie von Jamies Mutter, den MacKenzies von Leoch, war ich nur knapp dem Tod entronnen. Man hatte mich eingesperrt und mir als Hexe den Prozeß gemacht.
»Zugegeben«, lenkte ich ein, »dieser Jared ist ein Fraser, denen man mehr Vertrauen schenken kann als deinen Verwandten vom Clan der MacKenzies. Aber bist du ihm überhaupt schon mal begegnet?«
»Ich habe eine Zeitlang bei ihm gewohnt, als ich achtzehn war«, antwortete er, während er Kerzenwachs auf den Antwortbrief tropfte und den Ehering seines Vaters in die graugrüne Pfütze drückte. Die Fassung des Rubinrings trug das Motto des Fraser-Clans: Je suis prest - »Ich bin bereit«.
»Er hat mich bei sich aufgenommen, als ich nach Paris kam, um den letzten Schliff zu erlangen und ein wenig von der Welt kennenzulernen. Er war sehr nett zu mir; ein guter Freund meines Vaters. Und keiner kennt sich in der Pariser Gesellschaft besser aus als jemand, der mit Getränken handelt«, fügte er hinzu und brach den Ring aus dem gehärteten Wachs. »Bevor ich an der Seite von Charles Stuart Louis’ Hof betrete, möchte ich mit Jared reden. Ich will sichergehen, daß ich dort auch wieder rauskomme«, schloß er und verzog das Gesicht.
»Wieso? Glaubst du, es gibt Ärger?« fragte ich. Die Wendung »Welcher Hilfe Seine Hoheit auch bedarf« bot einen erheblichen Spielraum.
Er lächelte über meine besorgte Miene.
»Nein, ich rechne nicht mit Schwierigkeiten. Aber wie heißt es in der Bibel, Sassenach? ›Es ist gut, auf den Herrn vertrauen und nicht sich verlassen auf Fürsten.‹« Er erhob sich, küßte mich auf die Stirn und steckte den Ring zurück in die Tasche. »Und wer bin ich, daß ich das Wort Gottes mißachte?«
 
Ich verbrachte den Nachmittag mit der Lektüre des Kräuterbuches, das mir mein Freund Bruder Ambrosius zum Abschied geschenkt hatte. Anschließend widmete ich mich notwendigen Arbeiten mit Nadel und Faden. Weder Jamie noch ich besaßen viel zum Anziehen. Das hatte zwar den Vorteil, daß wir mit leichtem Gepäck reisen konnten, andererseits mußten durchlöcherte Socken und heruntergerissene Säume umgehend wieder instandgesetzt werden. Mein Nadeletui war mir annähernd so wichtig wie mein kleiner Kasten mit Kräutern und Arzneien.
Während ich die Nadel durch den Stoff führte, dachte ich an Jamies Besuch bei Jared. Aber noch mehr kreisten meine Gedanken um Prinz Charles. Zum ersten Mal würde ich einem Menschen gegenüberstehen, der eine historische Berühmtheit war, und während ich weiß Gott nicht allen Legenden, die sich um ihn rankten (nein, ranken würden, wies ich mich zurecht), Glauben schenkte, blieb der Mann doch geheimnisvoll. Der Aufstand von 1745 würde - ob er nun scheiterte oder erfolgreich war - fast einzig und allein von der Persönlichkeit dieses jungen Mannes abhängen. Aber ob es überhaupt zum Aufstand kommen würde, hing eventuell von den Bemühungen eines anderen jungen Mannes ab - Jamie Fraser. Und von mir.
Ich saß immer noch gedankenverloren über meiner Näharbeit, als ich auf dem Flur schwere Schritte hörte. Plötzlich wurde mir bewußt, daß es schon ziemlich spät war. In den herabhängenden Eiszapfen spiegelten sich die letzten Sonnenstrahlen. Die Tür öffnete sich, und Jamie trat ein.
Vage lächelte er mich an. Dann blieb er geistesabwesend neben dem Tisch stehen, als würde er versuchen, sich an etwas zu erinnern. Er legte seinen Umhang ab, faltete ihn zusammen und breitete ihn ordentlich über das Fußende des Bettes. Er richtete sich auf, ging hinüber zum Schemel, ließ sich mit äußerster Präzision drauf nieder und schloß die Augen.
Vergessen lag das Flickzeug in meinem Schoß, während ich Jamies Auftritt verfolgte. Nach einer Weile öffnete er die Augen und lächelte mich schweigend an. Er neigte sich vor und musterte mich genau, als hätte er mich seit Wochen nicht mehr gesehen. Schließlich machte sich ein Ausdruck tiefgreifender Erkenntnis auf seinem Gesicht breit. Seine Spannung löste sich, und seine Schultern sanken nach vorn, als er die Ellbogen auf die Knie stützte.
»Whisky«, erklärte er voller Zufriedenheit.
»Aha«, erwiderte ich vorsichtig. »Viel?«
Bedächtig wiegte er den Kopf, als wäre er sehr schwer.
»Nicht ich«, erklärte er unmißverständlich. »Du.«
»Ich?« Ich war entrüstet.
»Deine Augen«, klärte er mich glückselig lächelnd auf. Seine eigenen blickten weich und verträumt und trübe wie ein Forellenteich im Regen.
»Meine Augen? Was haben meine Augen damit zu tun...«
»Wenn das Sonnenlicht von hinten kommt, haben sie die Farbe eines alten, guten Whiskys. Heute früh hab’ ich gedacht, es wäre Sherry, aber ich war im Unrecht. Kein Sherry. Auch nicht Weinbrand. Whisky. Kein Zweifel.« Er wirkte derart erfreut, daß ich lachen mußte.
»Jamie, du bist fürchterlich betrunken. Was hast du angestellt?« Sein Gesichtsausdruck wandelte sich zu einem leichten Stirnrunzeln.
»Ich bin nicht betrunken.«
»Ach, wirklich nicht?« Ich legte das Flickzeug beiseite, trat zu ihm hin und legte ihm die Hand auf die Stirn. Sie fühlte sich kühl und feucht an, obwohl seine Haut gerötet war. Im selben Augenblick legte er mir die Arme um die Taille, zog mich fest zu sich heran und schmiegte sich zärtlich an meinen Busen. In dichten Schwaden stieg von ihm der Dunst unterschiedlichster Spirituosen auf.
»Komm zu mir, Sassenach«, murmelte er. »Mein Mädel mit den Whiskyaugen, meine Liebe. Ich will dich ins Bett bringen.«
Wer hier wen zu Bett bringen würde, darüber ließ sich streiten, aber ich widersprach ihm nicht. Ich beugte mich vor und schob meine Schulter unter seine Achsel, um ihm aufzuhelfen, aber er wich mir aus und erhob sich aus eigener Kraft langsam und majestätisch.
»Ich brauche keine Hilfe«, erklärte er und griff nach der Kordel an seinem Hemdkragen. »Ich habe dir doch gesagt, ich bin nicht betrunken.«
»Das stimmt«, pflichtete ich ihm bei. »›Betrunken‹ beschreibt es nicht mal annähernd, Jamie, du bist voll bis obenhin!«
Sein Blick wanderte an seinem Kilt abwärts, über den Boden und an meinem Kleid wieder hoch.
»Nein, bin ich nicht«, entgegnete er äußerst würdevoll. »Ich habe mich vor der Tür erleichtert.« Er trat einen Schritt auf mich zu und blickte mich glutäugig an. »Komm her zu mir, Sassenach. Ich bin bereit.«
Bereit, dachte ich bei mir, schien nun doch ein wenig übertrieben: Sein Hemd war zur Hälfte aufgeknöpft und hing ihm verrutscht über den Schultern. Doch mehr würde er ohne Hilfe nicht schaffen.
Der Rest hingegen... Seine breite Brust war entblößt und offenbarte die kleine Mulde in der Mitte, in die ich normalerweise mein Kinn legte, und die kurzen Haare kräuselten sich um seine Brustwarzen. Als er meinen Blick bemerkte, griff er nach meiner Hand und drückte sie an seine Brust. Er war überraschend warm, so daß ich instinktiv an ihn heranrückte. Mit dem anderen Arm umschlang er mich und beugte sich nieder, um mich zu küssen. Er tat es so gründlich, daß ich allein von seinem Atem leicht betrunken wurde.
»In Ordnung«, sagte ich lächelnd. »Wenn du bereit bist, bin ich es auch. Aber erst will ich dich ausziehen; ich habe heute schon genug geflickt.«
Er bewegte sich kaum, als ich ihn entkleidete. Er rührte sich auch nicht, als ich meine Kleider abstreifte und die Bettdecken zurückschlug.
Nachdem ich ins Bett geklettert war, drehte ich mich um zu ihm, um ihn zu betrachten. Wie gesund und großartig er im Schein der untergehenden Sonne aussah! Sein schlanker Körper erinnerte an eine griechische Statue. Die schmale, lange Nase und die hohen Wangenknochen glichen dem Profil auf römischen Münzen. Ein verträumtes Lächeln umspielte seinen großen, weichen Mund, und die schrägen Augen blickten in die Ferne. Er war wie erstarrt.
Besorgt sah ich ihn an.
»Jamie«, fragte ich, »wie stellst du eigentlich fest, ob du betrunken bist?«
Aufgeschreckt von meiner Stimme, schwankte er besorgniserregend, fing sich aber am Kaminsims. Sein Blick wanderte ziellos im Raum umher, bis er schließlich auf meinem Gesicht zur Ruhe kam. Einen Augenblick lang funkelten seine Augen klar und intelligent.
»Ach, ganz einfach, Sassenach. Solange man stehen kann, ist man nicht betrunken.« Er nahm die Hände vom Sims, trat einen Schritt auf mich zu und sank, mit leerem Blick und einem breiten, bezaubernden Lächeln auf dem verträumten Gesicht, langsam zu Boden.
»Oh!« entfuhr es mir.
 
Das Krähen der Hähne und Scheppern der Töpfe weckten mich am nächsten Morgen kurz nach Tagesanbruch. Die Gestalt neben mir zuckte zusammen und wachte jählings auf. Aber da ihrem Kopf die plötzliche Bewegung nicht wohltat, verfiel sie sogleich wieder in Reglosigkeit.
Ich stützte mich auf den Ellbogen und sah mir die Überreste an. Nicht zu schlimm, stellte ich kritisch fest. Zum Schutz gegen die Sonnenstrahlen hatte Jamie die Augen fest zusammengekniffen, und seine Haare standen ihm wie die Stacheln eines Igels vom Kopf ab. Aber seine Haut war blaß und durchsichtig und seine Hände, die die Decke fest umklammert hielten, ruhig.
Ich hob ein Augenlid, spähte hinein und fragte scherzend: »Jemand zu Hause?«
Auge Nummer zwei öffnete sich langsam, und beide sahen sie mich stieren Blickes an. Ich ließ meine Hand sinken und lächelte Jamie freundlich an.
»Guten Morgen.«
»Das ist Anschauungssache, Sassenach«, entgegnete er und schloß beide Augen.
»Hast du eine Ahnung, wieviel du wiegst?« fragte ich ihn im Plauderton.
»Nein.«
Seine rasche Antwort bewies mir nicht nur, daß er es nicht wußte, sondern auch, daß es ihm vollkommen egal war. Aber ich ließ nicht locker.
»So um die fünfundneunzig Kilogramm, nehme ich an. Ungefähr soviel wie ein gutgebauter Eber. Leider hatte ich keine Treiber zur Hand, um dich mit dem Kopf nach unten auf einen Speer aufspieϐen und nach Hause in die Räucherkammer tragen zu lassen.«
Er öffnete ein Auge und blickte erst nachdenklich auf mich, dann auf den Kamin am anderen Ende des Raumes. Ein Mundwinkel hob sich widerwillig zu einem Lächeln.
»Wie hast du mich ins Bett gebracht?«
»Überhaupt nicht. Da ich dich nicht von der Stelle bewegen konnte, habe ich bloß eine Decke über dich gebreitet und dich an der Feuerstelle liegenlassen. Irgendwann in der Nacht bist du aus eigener Kraft ins Bett gekrochen.«
Offenbar überrascht schlug er auch das andere Auge auf.
«Wirklich?«
Ich nickte und versuchte, ihm die abstehenden Haare über dem linken Ohr glattzustreichen.
»O ja, du bist ziemlich zielstrebig vorgegangen.«
»Zielstrebig?« Er runzelte die Stirn, überlegte, streckte die Arme in die Luft und dehnte sich. Verblüffung machte sich auf seinem Gesicht breit.
»Nein, das kann nicht sein.«
»Doch. Zweimal.«
Er blinzelte an seinem Bauch hinunter, als suchte er dort die Bestätigung für diese unglaubliche Behauptung, und richtete dann den Blick wieder auf mich.
»Wirklich? Das ist ungerecht. Ich kann mich an nichts erinnern.« Schüchtern fragte er: »Hoffentlich habe ich mich nicht dumm benommen.«
Ich ließ mich neben ihn ins Bett fallen und kuschelte mich in seine Achselhöhle.
»Nein, dumm wäre übertrieben. Allerdings warst du nicht sonderlich unterhaltsam.«
»Auch kleine Gaben werden angenommen«, entgegnete er leise schmunzelnd, und unter seinem Kichern vibrierte seine Brust.
»›Ich liebe dich< war das einzige, was du hast sagen können. Das dafür viele Male hintereinander.«
Er kicherte erneut. »Ach ja? Hätte wohl auch schlimmer sein können.«
Er holte gerade tief Luft, als er plötzlich abrupt innehielt. Argwöhnisch schnupperte er an dem weichen Zimtbüschel unter seinem erhobenen Arm.
»Herrgott!« rief er und versuchte mich wegzustoßen. »Es kann dir doch keinen Spaß machen, deinen Kopf in meine Achselhöhle zu legen. Ich stinke wie ein sieben Tage toter Eber.«
»Den man anschließend in Weinbrand eingelegt hat«, stimmte ich ihm zu und kuschelte mich noch enger an ihn. »Wie, um Himmels willen, bist du so, äh, stinkbesoffen geworden?«
»Jareds Gastfreundschaft.« Er legte den Arm um meine Schulter und machte es sich mit einem tiefen Seufzer in den Kissen bequem.
»Er hat mir sein Kontor am Hafen mit dem Lagerraum gezeigt, in dem die edlen Jahrgänge, der Weinbrand aus Portugal und der Rum aus Jamaika aufbewahrt werden.« Bei der Erinnerung verzog sich sein Gesicht zu einer Grimasse. »Es war nicht so sehr der Wein. Von dem haben wir immer nur einen Schluck genommen und wieder ausgespuckt. Aber den Weinbrand wollten wir nicht auf diese Weise vergeuden. Außerdem hat Jared mir erklärt, man müsse ihn ganz langsam durch die Kehle rinnen lassen, um ihn wirklich zu genießen.«
»Und wie oft hast du ihn wirklich genossen?« fragte ich neugierig.
»Nach der Hälfte der zweiten Flasche bin ich mit dem Zählen durcheinandergekommen.« Die Kirchenglocke begann mit dem Geläut zur Frühmesse. Jamie setzte sich kerzengerade auf und blickte wie gebannt auf die sonnenbeschienene Fensterscheibe.
»Herrgott, Sassenach, wie spät ist es?«
»Ungefähr sechs, nehme ich an«, erwiderte ich verwirrt. »Weshalb?«
Er schien erleichtert, blieb jedoch aufrecht sitzen.
»Das ist gut. Ich habe befürchtet, es sei bereits das Angelusläuten. Irgendwie ist mir der Zeitbegriff abhanden gekommen.«
»Das würde ich auch sagen. Macht es denn was?«
In einem plötzlichen Energieausbruch warf er die Decken beiseite und stand auf. Er schwankte einen Augenblick, behielt jedoch das Gleichgewicht. Dann griff er sich mit beiden Händen an den Kopf, um sicherzustellen, daß er noch dran war.
»Aye«, meinte er leicht keuchend. »Wir haben heute morgen einen Termin am Hafen, in Jareds Lagerhaus. Du und ich.«
»Wirklich?« Ich stieg aus dem Bett und tastete nach dem Nachttopf.
Jamies Kopf tauchte aus dem Halsausschnitt seines Hemdes auf.
»Besitzt du etwas Passendes zum Anziehen, Sassenach?«
Auf unseren Reisen hatte ich ein praktisches graues Sergekleid getragen, zu dem mir der Almosenpfleger der Abtei Ste. Anne verholfen hatte. Außerdem besaß ich noch das Kleid, mit dem ich aus Schottland geflohen war; ein Geschenk von Lady Annabelle MacRannoch. Das blattgrüne Samtgewand ließ mich recht blaß aussehen, aber zumindest war es elegant.
»Ich denke schon, falls es nicht voller Salzwasserflecken ist.« Ich kniete mich vor die kleine Reisekiste und faltete das grüne Samtkleid auseinander. Jamie hockte sich neben mich, klappte den Deckel meines Medizinkastens auf und betrachtete die Flaschen und Schachteln und die in Mull eingeschlagenen Kräuter.
»Gibt es hier irgendwas gegen unerträgliches Kopfweh?«
Ich spähte über seine Schulter, griff in den Kasten und tippte auf eine Flasche.
»Vielleicht hilft Andorn, aber ideal ist es nicht. Weidenrindentee mit Fenchelsamen wirkt zuverlässig, braucht jedoch gewisse Zeit für die Zubereitung. Aber warte - am besten mische ich dir etwas gegen Leberzirrhose! Eine wundervolle Medizin gegen Kater!«
Argwöhnisch blinzelte er mich an.
»Klingt ekelhaft.«
»Ist es auch«, erwiderte ich fröhlich. »Aber wenn du dich übergeben hast, wirst du dich viel besser fühlen.«
»Mmmpf.« Er stand auf und schob mir mit einem Zeh den Nachttopf zu.
»Sich morgens zu übergeben ist deine Aufgabe, Sassenach«, erklärte er. »Erledige sie und zieh dich an. Ich werde die Kopfschmerzen ertragen.«
 
Jared Munro Fraser war ein kleiner, schlanker Mann mit dunklen Augen. Er sah seinem entfernten Cousin Murtagh vom Clan der Fraser, der uns bis nach Le Havre begleitet hatte, ziemlich ähnlich. Bei unserer ersten Begegnung stand Jared würdevoll in den weit geöffneten Türen seines Lagerhauses, so daß die Hafenarbeiter mit ihren Fässern einen Bogen um ihn machen mußten.
Jared hatte wie Murtagh strähnige, dunkle Haare, durchdringende Augen und eine sehnige Gestalt. Aber da hörte die Ähnlichkeit auch schon auf. Jareds Gesicht war eher rechteckig als scharfgeschnitten. Seine fröhliche Stupsnase machte die würdevolle Aura zunichte, die er von Ferne mit seiner exquisiten Kleidung und aufrechten Haltung ausgestrahlt hatte.
Da er ein erfolgreicher Kaufmann war und kein Viehdieb, verstand er sich auch darauf zu lächeln - im Unterschied zu Murtagh, dessen normaler Gesichtsausdruck fortwährende Verdrießlichkeit ausdrückte. Nachdem man uns auf die Rampe geschubst und geschoben hatte und wir schließlich vor ihm standen, begrüßte er uns mit breitem Grinsen.
»Meine Liebe!« rief er, nahm mich am Arm und zog mich resolut zur Seite, um den Weg für zwei kräftige Schauerleute freizumachen, die soeben ein Faß durch die riesige Tür rollten. »Wie ich mich freue, dich - ich darf doch du sagen? - endlich kennenzulernen!« Lärmend polterte das Faß über die Planken der Rampe und ich hörte, wie in seinem Innern die Flüssigkeit hin und her schwappte.
»Mit Rum kann man so umgehen«, erklärte Jared, und sein Blick folgte dem riesigen Faß auf seinem Hindernislauf durch das Lagerhaus. »Aber nicht mit Port. Um den kümmere ich mich immer selbst, ebenso um den Flaschenwein. Eigentlich wollte ich mich gerade auf den Weg machen, um eine neue Lieferung Portwein entgegenzunehmen. Hättet ihr Lust, mich zu begleiten?«
Ich warf einen Blick auf Jamie, und als er nickte, brachen wir umgehend auf. In Jareds Gefolge wichen wir Fässern jeglicher Größe aus, Wagen und Karren, Männern und Knaben, die mit Tuchballen, Getreidesäcken, Kupferdrahtrollen, Mehlsäcken und was immer sich per Schiff transportieren ließ, beladen waren.
Le Havre war eine wichtige Hafenstadt, und die Hafenanlagen bildeten das Herz der Stadt. Am Hafen zog sich ein annähernd vierhundert Meter langer Kai entlang, aus dem kleinere Piers herausragten. Dort lagen Dreimastschiffe und Brigantinen, Ruderboote und kleine Galeeren vor Anker. Also all die Schiffe, die die Versorgung Frankreichs gewährleisteten.
Unterwegs wies mich Jared stolz auf Sehenswertes hin und rasselte die Geschichte der einzelnen Schiffe und ihrer Besitzer herunter. Die Arianna, an der wir vorüberkamen, gehörte Jared selbst. Schiffe, so erfuhr ich, gehörten meist einer Gruppe von Kaufleuten oder einem Kapitän, der das Schiff samt Mannschaft für die Dauer einer Reise vermietete. Da die meisten Schiffe Handelsgesellschaften gehörten und sich nur wenige in Privathand befanden, bekam ich eine Vorstellung von Jareds Vermögen.
Die Arianna lag inmitten einer Reihe von Schiffen unweit eines großen Lagerhauses, über dessen Tür der Name FRASER stand, am Kai. Beim Anblick der Lettern wurde ich von einer seltsamen Erregung ergriffen, einem plötzlichen Gefühl der Verbundenheit, und mir wurde bewußt, daß ich diesen Namen teilte und in die Familie seiner Träger aufgenommen worden war.
Die Arianna war ein Dreimaster von ungefähr achtzehn Metern Länge mit mächtigem Bug. An der dem Hafen zugewandten Seite befanden sich zwei Geschütze. An Deck schwärmten Männer herum, vermutlich hatte jeder seine Aufgabe, aber von mir aus wirkte das Ganze eher wie ein Ameisenhaufen unter Beschuß.
Obwohl alle Segel aufgetucht und festgezurrt waren, änderte das Schiff mit Einsetzen der Flut seine Lage, so daß das Bugspriet in unsere Richtung wies. Den Bug schmückte eine grimmig blickende Galionsfigur, die mit ihrem entblößten Busen und den salzverkrusteten Locken den Anschein erweckte, als fände sie keinen sonderlich großen Gefallen an der See.
»Ist sie nicht eine entzückende kleine Schönheit?« erkundigte sich Jared und begleitete seine Worte mit einer ausladenden Handbewegung. Gewiß war das auf das Schiff und nicht auf die Galionsfigur gemünzt.
»Sehr hübsch«, stimmte Jamie höflich zu. Ich sah, wie er ängstlich zur Wasserlinie blickte, wo sich die kleinen dunkelgrauen Wellen am Schiffsrumpf brachen. Gewiß hoffte er, nicht an Bord gehen zu müssen. So tapfer Jamie als Krieger war, so hervorragend, wagemutig und kühn im Kampf, sosehr war er auch Landratte.
Er gehörte zweifellos nicht zu den hartgesottenen Seefahrern unter den Schotten, die vor Tarwathie auf Walfang gingen oder die Welt bereisten, um zu Reichtum zu gelangen. Er neigte zu heftiger Seekrankheit, die ihm auf unserer Fahrt über den Kanal im Dezember fast das Leben gekostet hätte, zumal er zu jener Zeit durch die erlittene Folter und Einkerkerung geschwächt gewesen war. Auch wenn sich die gestrige Sauftour mit Jared damit nicht vergleichen ließ, so hatte sie ihn gewiß nicht seetüchtiger werden lassen.
Die dunklen Erinnerungen standen ihm ins Gesicht geschrieben, als er den Ausführungen seines Cousins über die Vorzüge der Arianna lauschte. Ich rückte nahe genug an ihn heran, um ihm etwas zuflüstern zu können.
»Aber doch nicht, wenn es ruhig liegt, oder?«
»Ich weiß es nicht, Sassenach«, antwortete er und blickte mit einer Mischung aus Abscheu und Resignation auf das Schiff. »Aber wir werden es wohl gleich herausfinden.« Jared befand sich bereits auf der Gangway und begrüßte den Kapitän lautstark. »Wenn ich grün werde, kannst du dann so tun, als würdest du in Ohnmacht fallen oder etwas Ähnliches? Es macht einen schlechten Eindruck, wenn ich Jared auf die Schuhe kotze.«
Beruhigend tätschelte ich seinen Arm. »Mach dir keine Sorgen. Ich vertraue dir.«
»Es liegt nicht an mir«, meinte er mit einem letzten langen Blick auf das feste Land. »Es liegt an meinem Magen.«
Das Schiff blieb jedoch angenehm ruhig, und Jamie und sein Magen bewältigten die Herausforderung wacker - möglicherweise trug der Weinbrand dazu bei, den der Kapitän uns zu Ehren einschenkte.
»Ein guter Tropfen«, lobte Jamie, während er sich das Glas unter die Nase hielt und den aromatischen Duft mit geschlossenen Augen einsog. »Portugal, nicht wahr?«
Jared lachte erfreut und versetzte dem Kapitän einen Rippenstoß.
»Sehen Sie, Portis? Ich habe Ihnen doch gesagt, daß er einen untrüglichen Gaumen besitzt! Er hat ihn nur einmal zuvor gekostet.«
Ich nagte an der Innenseite meiner Wange und mied Jamies Blick. Der Kapitän, eine kräftige, ungepflegte Kreatur, wirkte gelangweilt, verzog jedoch höflich das Gesicht und entblößte dabei drei Goldzähne. Ein Mann, der seine Schätze gern bei sich trug.
»He«, stieß er hervor, »das ist wohl der Kerl, der dafür sorgen soll, daß der Kahn nicht untergeht?«
Diese Bemerkung brachte Jared in Verlegenheit, und unter seiner gegerbten Haut machte sich eine leichte Röte breit. Fasziniert bemerkte ich, daß eines seiner Ohren für einen Ring durchstochen war, und ich fragte mich, wie die Vergangenheit ausgesehen haben mochte, die ihn zu seinem gegenwärtigen Erfolg geführt hatte.
»Aye«, entgegnete er und ließ zum ersten Mal einen Anflug eines schottischen Akzents hören. »Man wird sehen. Aber ich denke...« Er sah durch das Bullauge auf das, was sich am Kai abspielte, und dann auf das Glas des Kapitäns, der den Inhalt in drei Schlucken hinunterstürzte, während wir anderen lediglich daran nippten. »Portis, überlassen Sie mir für einen Augenblick Ihre Kammer? Ich würde gerne etwas mit meinem Cousin und seiner Frau besprechen. Außerdem scheint es, dem Lärm nach zu schließen, auf dem Achterdeck Probleme mit den Ladenetzen zu geben.« Diese schlaue Bemerkung reichte aus, daß Kapitän Portis wie von der Tarantel gestochen aus der Kammer schoß. Seine heisere Stimme schwenkte über in eine spanisch-französische Mundart, die ich gottlob nicht verstand.
Jared schritt langsam zur Tür, um sie hinter dem breiten Kapitän zu schließen und damit den Lärmpegel erheblich zu mindern. Er trat an den winzigen Kapitänstisch zurück und füllte unsere Gläser feierlich auf, bevor er zu sprechen anhob. Dann blickte er mit einem entschuldigenden Lächeln zu Jamie und anschließend zu mir.
»Ich wollte an sich mit meiner Bitte nicht so überstürzt an euch herantreten«, erklärte er, »aber ich muß feststellen, daß der gute Kapitän mich verraten hat. Die Wahrheit ist...«, er hob das Glas, in dem sich das Wasser spiegelte und die schimmernden glänzenden Messingteile der Kammer wie Funken zurückwarf, »ich brauche einen Mann.« Er neigte das Glas in Jamies Richtung, setzte es an die Lippen und trank.
»Einen guten Mann«, führte er ein wenig genauer aus. »Du mußt verstehen, meine Liebe...«, er verbeugte sich vor mir, »ich habe die Aussicht, mich an einem neuen Weinkeller an der Mosel zu beteiligen. Aber ich kann nicht guten Gewissens einen Untergebenen mit der Begutachtung des Kellers betrauen. Ich muß die Räume mit eigenen Augen sehen und darüber nachdenken, wie es damit weitergehen soll. Das Unternehmen wird mehrere Monate in Anspruch nehmen.«
Nachdenklich blickte er in sein Glas und schwenkte die braune Flüssigkeit, so daß der Duft schon bald die winzige Kabine erfüllte. Ich hatte lediglich einige kleine Schlucke davon getrunken, fühlte mich aber bereits ein wenig beschwipst.
»Die Gelegenheit ist zu günstig, als daß man sie ungenutzt vorübergehen lassen sollte«, sagte Jared. »Außerdem habe ich die Möglichkeit, Verträge mit etlichen Weinkellern an der Rhône zu schließen. Ihre Erzeugnisse sind hervorragend, aber ziemlich selten in Paris. Gott, in Adelskreisen verkaufen sie sich so gut wie Eis im Sommer!« Seine gewitzten schwarzen Augen funkelten kurz vor Habgier, aber als er mich anblickte, sprühten sie vor Humor.
»Aber...«, sagte er.
»Aber«, führte ich an seiner Stelle den Satz zu Ende, »du kannst deine Geschäfte hier nicht sich selbst überlassen.«
»Intelligent, schön und charmant. Ich gratuliere dir, Cousin.« Er neigte sein wohlfrisiertes Haupt und zog in heiterer Wertschätzung eine Augenbraue hoch.
»Ich gebe zu, daß ich nicht so recht wußte, wie ich vorgehen soll«, erklärte er und stellte mit dem Ausdruck eines Mannes, der ernsthaften Geschäften den Vorrang vor gesellschaftlichem Geplänkel gibt, sein Glas auf den Tisch. »Aber als mich dein Brief aus Ste. Anne erreichte, in dem du mir mitgeteilt hast, daß ihr beabsichtigt, nach Paris zu fahren...« Er zögerte einen Augenblick, dann lächelte er Jamie an.
»Da ich weiß, daß du, mein Junge«, er nickte Jamie zu, »gut mit Zahlen umgehen kannst, war ich geneigt, deine Ankunft als Wink des Schicksals zu verstehen. Aber ich dachte mir, es wäre besser, wenn wir uns erst mal treffen und wieder näher kennenlernen, bevor ich dir dieses Angebot unterbreite.«
Du meinst, du wolltest erst mal sehen, ob ich vorzeigbar bin, dachte ich zynisch, lächelte aber. Dann sah ich zu Jamie. Stirnrunzelnd erwiderte er meinen Blick. Offenbar war es die Woche der Angebote. Dafür, daß Jamie geächtet war und ich der Spionage verdächtigt wurde, schienen unsere Dienste ziemlich gefragt zu sein.
Jareds Angebot klang mehr als großzügig; als Gegenleistung dafür, daß Jamie seine Geschäfte in Frankreich sechs Monate lang führte, wollte er ihm nicht nur ein Gehalt zahlen, sondern ihm darüber hinaus sein Haus in Paris mit dem gesamten Personal zur Verfügung stellen.
»Aber ich bitte dich«, erwiderte Jared, als Jamie das Angebot mit Protesten kommentierte. Er legte einen Finger auf die Nasenspitze und lächelte mich charmant an. »Eine schöne Frau, die Abendgesellschaften gibt, ist ein bedeutendes Kapital im Weingeschäft, Cousin. Du machst dir keine Vorstellung, wieviel mehr Wein sich verkaufen läßt, wenn die Kunden ihn zuvor probieren können.« Er schüttelte entschieden den Kopf. »Deine Frau würde mir einen großen Gefallen erweisen, wenn sie sich die Mühe macht und Gäste zu sich bittet.«
Der Gedanke, für die Pariser Gesellschaft Abendeinladungen auszurichten, jagte mir in der Tat ein wenig Angst ein. Fragend blickte Jamie mich an. Ich schluckte schwer, nickte aber lächelnd. Es war kein schlechtes Angebot. Wenn er sich zutraute, das Importgeschäft zu übernehmen, konnte ich wohl zumindest Essen bestellen und dabei mein Französisch aufpolieren.
»Kein Problem«, murmelte ich. Aber Jared hatte ohnehin mit meiner Zustimmung gerechnet, denn er fuhr bereits mit seinen Ausführungen fort, den Blick unverwandt auf Jamie gerichtet.
»Und da fiel mir ein, daß du vielleicht eine Unterkunft benötigst - zum Wohl der anderen Geschäfte, deretwegen du nach Paris gekommen bist.«
Als Jamie unverbindlich lächelte, lachte Jared kurz auf und griff nach seinem Glas. Um den Gaumen zwischen zwei Schlucken zu neutralisieren, hatte man jedem von uns ein Glas Wasser hingestellt, von denen Jared nun eines zu sich heranzog.
»Zeit für einen Trinkspruch!« rief er aus. »Auf unsere Verbindung, Cousin! Und auf Seine Majestät.« Er hob das Glas mit Weinbrand und führte es ostentativ über das Glas Wasser, bevor er es an die Lippen setzte.
Überrascht beobachtete ich diese seltsame Geste. Jamie hingegen war sie offensichtlich vertraut, denn er lächelte Jared zu, nahm sein eigenes Glas und tat es ihm nach.
»Auf Seine Majestät!« wiederholte er. Als er meinen verwirrten Blick sah, lächelte er und fügte erklärend hinzu: »Auf seine Majestät - über dem Wasser, Sassenach.«
»Wie?« fragte ich, doch im selben Augenblick fiel der Groschen. »Ach so.« Der König auf der anderen Seite des Wassers - König James. Deswegen drängte man uns also von allen Seiten, uns möglichst rasch in Paris einzurichten.
Sollte auch Jared zu den Jakobiten zählen, war der Briefwechsel zwischen ihm und Abt Alexander gewiß nicht zufällig. Möglicherweise war Jamies Brief, in welchem er unsere Ankunft ankündigte, gleichzeitig mit einem von Alexander eingetroffen, in dem er von König James’ Auftrag berichtete. Und wenn sich unsere Anwesenheit in Paris mit Jareds Plänen vereinbaren ließ - um so besser. Mit einem Schlag offenbarte sich mir das verflochtene Netzwerk der Jakobiten. Ich erhob mein Glas und trank auf Seine Majestät über dem Wasser - und auf unsere Partnerschaft mit Jared.
Jared und Jamie begannen ein Gespräch über das Geschäft und waren wenig später in tintenbeschriebene Papiere, Manifeste und Seefrachtbriefe vertieft. Die winzige Kammer roch nach Tabak, Weinbrand und ungewaschenen Seeleuten, und mir wurde wieder schlecht. Da ich im Augenblick offensichtlich überflüssig war, erhob ich mich leise und begab mich an Deck.
Um nicht in die Auseinandersetzung an der hinteren Ladeluke verwickelt zu werden, stieg ich über aufgerollte Taue, Dinge, die nach Belegklampen aussahen, und unordentliche Berge von Segeltuch, bis ich am Bug ein stilles Plätzchen fand. Von dort konnte ich ungehindert den Hafen über blicken.
Ich ließ mich auf einer Kiste am Schanzkleid nieder und genoß die Brise, die nach Salz und Teer, Fisch und Hafen roch. Es war immer noch kalt, aber nachdem ich den Umhang enger um mich gezogen hatte, war mir warm genug. Das Schiff schwankte ein wenig. An den Dalben tanzten Algenbüschel auf und nieder und verdeckten die daran klebenden schwarzschimmernden Muscheln.
Ihr Anblick erinnerte mich an die gedämpften Muscheln vom Vorabend, und plötzlich kam ich um vor Hunger. Während der Schwangerschaft fiel ich von einem Extrem ins andere - wenn ich nicht gerade erbrach, war ich hungrig wie ein Wolf. Der Gedanke an Essen brachte mich auf Menüs, und das rief mir Jareds Abendeinladungen ins Gedächtnis. Abendeinladungen also! Eine seltsame Art, mit der Rettung Schottlands zu beginnen - andererseits fiel mir wirklich nichts Besseres ein.
Zumindest könnte ich ein Auge auf Charles Stuart haben, wenn er mir am Tisch gegenübersaß, dachte ich und lächelte über diesen Scherz. Sollte er den Anschein erwecken, demnächst ein Schiff nach Schottland besteigen zu wollen, konnte ich ihm vielleicht unauffällig etwas in die Suppe mischen.
Aber eigentlich war das gar nicht so lustig. Ich erinnerte mich an Geillis Duncan, und mein Lächeln erstarb. Sie hatte ihrem Mann, dem Prokurator von Cranesmuir, Zyankali unter das Essen gemengt. Bald darauf wurde sie der Hexerei angeklagt und ins Diebesloch geworfen. Da ich gerade bei ihr war, verhaftete man mich ebenfalls. Doch Jamie hatte mich gerettet. Die Erinnerungen an die Tage in dem kalten dunklen Diebesloch in Cranesmuir hafteten noch so stark in meinem Gedächtnis, daß ich den Wind plötzlich als eisig empfand.
Mich fröstelte, aber nicht nur vor Kälte. Bei dem Gedanken an Geillis Duncan überlief es mich kalt; nicht so sehr aufgrund dessen, was sie getan hatte, als aufgrund dessen, was sie war. Auch sie unterstützte die Jakobiten, und zwar auf eine Art, die nicht frei war von einer gewissen Besessenheit. Schwerer wog jedoch für mich, daß wir etwas gemeinsam hatten: Auch sie war durch die Steine gegangen.
Ich hatte keine Ahnung, ob sie gleich mir zufällig in die Vergangenheit geraten war oder ob sie ihre Reise geplant hatte. Ebensowenig wußte ich, woher sie stammte. Aber noch immer sah ich die große blonde Frau vor mir, wie sie sich den Richtern, die sie zum Tod verurteilen wollten, in lautstarkem Trotz entgegenstellte. Sie hatte die Arme erhoben, und auf einem ihrer Arme hatte ich eine verräterische runde Impfnarbe erkannt. Unwillkürlich wanderte meine Hand zu der kleinen Hauterhebung auf meinem Oberarm, die beruhigenderweise unter den Falten meines Umhangs verborgen war.
Der anschwellende Lärm auf dem nächstgelegenen Kai riß mich aus meinen traurigen Erinnerungen. Neben der Gangway eines Schiffes hatte sich eine dicke Traube von Männern gebildet, und es herrschte ein fürchterliches Geschrei und Gedränge. Ich schirmte meine Augen ab, doch soweit ich erkennen konnte, war keine Rauferei in Gang. Offenbar versuchte man angestrengt, durch die wogende Menge einen Weg zu den Eingangstüren eines großen Lagerhauses am oberen Ende des Kais freizumachen. Die Leute stemmten sich jedoch beharrlich gegen alle Bemühungen und schlossen sich hinter jedem Vorstoß wie zusammenströmende Wassermassen.
Plötzlich tauchte Jamie hinter mir auf, dicht gefolgt von Jared, der die Menge aus zusammengekniffenen Augen beobachtete. Wegen des Geschreis hatte ich sie nicht kommen hören.
»Was ist dort los?« Ich stand auf und lehnte mich an Jamie, um besseren Halt zu haben, da das Schiff immer stärker schwankte. Sein Duft umfing mich. Er hatte in der Herberge gebadet und roch nun sauber, warm und zart nach Sonne und Staub. Offensichtlich gehörte zur Schwangerschaft auch ein stärker ausgeprägter Geruchssinn. Unter den verschiedensten Düften und üblen Gerüchen des Hafens war Jamies Geruch für mich unverkennbar.
»Ich weiß nicht. Sieht aus, als gäbe es auf dem anderen Schiff Schwierigkeiten.« Er streckte seine Hand aus und nahm meinen Ellbogen, um mir Halt zu geben. Jared wandte sich um und rief einem der Matrosen in gutturalem Französisch einen Befehl zu. Der Mann sprang umgehend über das Schanzkleid und rutschte an einem der Taue bis auf den Kai. Dann mischte er sich unter die Menge, wobei er einem Matrosen einen Stoß in die Rippen versetzte, der, ergänzt von ausdrucksvollen Gesten, auf der Stelle erwidert wurde.
Als der Mann den überfüllten Landungssteg wieder hochkletterte, zog Jared die Stirn kraus. Der Mann sprach einen so breiten Dialekt und so schnell, daß ich seinem Bericht nicht folgen konnte. Nach ein paar knappen Worten wandte sich Jared abrupt um und stellte sich neben mich. Seine Hände umfaßten das Schanzkleid.
»Er sagt, auf der Patagonia sei eine Krankheit ausgebrochen.«
»Welche Krankheit?« Da ich meinen Medizinkasten nicht mitgebracht hatte, konnte ich nur wenig tun, aber ich war neugierig. Jared wirkte besorgt und unglücklich.
»Man befürchtet, es sind die Pocken, aber man ist sich nicht sicher. Der Hafenmeister ist bereits verständigt worden.«
»Soll ich es mir mal ansehen?« erbot ich mich. »Vielleicht kann ich ja erkennen, ob es sich um eine ansteckende Krankheit handelt.«
Während Jared die schmalen Augenbrauen so weit hochzog, daß sie unter den schwarzen Haarsträhnen verschwanden, ließ sich aus Jamies Gesicht leichtes Unbehagen lesen.
»Meine Frau ist eine Heilerin«, klärte er Jared auf, bevor er sich kopfschüttelnd zu mir wandte.
»Nein, Sassenach. Es ist zu gefährlich.«
Die Gangway der Patagonia lag genau in meinem Blickfeld, und ich sah, wie die Männer plötzlich so angstvoll zurückwichen, daß sie sich gegenseitig auf die Füße traten. Zwei Matrosen kamen von Deck. Zwischen sich trugen sie eine weiße Leinwand, die unter dem Gewicht eines Mannes durchhing. Ein nackter, sonnengebräunter Arm baumelte über den Rand dieser behelfsmäßigen Hängematte.
Die Matrosen hatten sich Tücher vor Mund und Nase gebunden und hielten das Gesicht von der Bahre abgewandt, während sie ihre Last über die rissigen Planken manövrierten. Nachdem die zwei die wie gebannt dastehende Menge passiert hatten, verschwanden sie in einem nahegelegenen Lagerhaus.
Kurzentschlossen wandte ich mich um und steuerte den hinteren Landungssteg der Arianna an.
»Mach dir keine Sorgen!« rief ich Jamie über die Schulter zu. »Sollten es die Pocken sein, dann bin ich davor gefeit.« Als die Seeleute meine Worte hörten, blieb einer stehen und glotzte mich mit aufgerissenem Mund an. Aber ich lächelte nur und eilte vorbei.
Die Menschenmenge war wie erstarrt, und niemand drängelte mehr. So war es nicht sonderlich schwer, mich durch die murmelnden Seeleute zu schieben, von denen viele die Stirn runzelten oder ungläubig staunten, als ich mich an ihnen vorbeischlängelte. Das Lagerhaus stand leer; Bündel und Fässer suchte man in der riesigen Halle vergebens, doch der unverwechselbare Geruch nach frischem Holz, geräuchertem Fleisch und Fisch hatte sich noch nicht verflüchtigt.
Die beiden Männer hatten den Kranken hastig,neben der Tür auf einem Haufen alter Strohverpackungen abgelegt. Jetzt suchten sie das Weite.
Vorsichtig näherte ich mich dem Kranken und blieb ein paar Schritte vor ihm stehen. Sein fiebriges Gesicht war dunkelrot und mit weißen Pusteln übersät. Unruhig und stöhnend warf er den Kopf hin und her, und sein rissiger Mund stand offen, als ob er Durst hätte.
»Holen Sie mir Wasser«, sagte ich zu einem der Matrosen neben mir. Der kleine, muskulöse Kerl, dessen geteerter Bart unten in dekorativen Spitzen auslief, starrte mich an, als wäre ich ein sprechender Fisch.
Ich drehte ihm ungeduldig den Rücken zu und kniete mich neben den Kranken, um sein schmutzstarrendes Hemd zu öffnen. Er stank zum Himmel. Vermutlich war er von Anfang an nicht sonderlich sauber gewesen, und da seine Kameraden vor einer Berührung zurückschreckten, hatte man ihn in seinem eigenen Schmutz liegenlassen. Seine Arme waren noch fast frei von Ausschlag, doch auf Brust und Bauch reihte sich eine Pustel an die andere, und seine Haut war glühend heiß.
Während ich den Mann untersuchte, hatten Jamie und Jared die Lagerhalle betreten. Sie wurden von einem kleinen Mann im goldbetreßten Rock und zwei weiteren Männern begleitet. Dem Gewand nach zu urteilen, gehörte der eine dem Adel oder wohlhabenden Bürgertum an. Der andere Mann war hochgewachsen und schlank, und seine Gesichtsfarbe wies ihn als Seefahrer aus. Vermutlich war er der Kapitän des von der Seuche befallenen Schiffes.
Meine Vermutung erwies sich als richtig. In den unzivilisierten Ländern, in die ich meinen Onkel Lamb, einen berühmten Archäologen, bereits als kleines Mädchen begleiten durfte, war ich dieser Krankheit unzählige Male begegnet.
»Ich fürchte, es sind die Pocken«, erklärte ich.
Der Kapitän der Patagonia stöhnte wütend auf, trat mit verzerrtem Gesicht auf mich zu und hob die Hand, als wollte er mich schlagen.
»Nein!« rief er. »Dummes Weib! Salope! Femme sans cervelle! Wollen Sie mich ruinieren?«
Das letzte Wort ging in einem Röcheln unter, weil sich Jamies Hand um seine Gurgel schloß. Die andere Hand packte die Hemdbrust und zog den Kapitän am Stoff in die Höhe, bis er auf Zehenspitzen stand.
»Ich sähe es lieber, wenn Sie meine Frau mit Respekt behandelten, Monsieur«, erklärte Jamie relativ gelassen. Dem purpurfarben anlaufenden Kapitän gelang ein kurzes, ruckartiges Nicken, woraufhin Jamie ihn fallen ließ. Keuchend trat der Mann einen Schritt zurück und brachte sich hinter dem Rücken seines Begleiters in Sicherheit, während er sich die Kehle rieb.
Der Hafenmeister beugte sich vorsichtig über den Kranken, wobei er sich eine große silberne Duftkugel vor die Nase hielt. Vor der Tür verebbte der Lärm, denn die Menge machte die Tür für eine weitere Leinwandbahre frei.
Plötzlich setzte sich der Patient auf. Damit überraschte er den kleinen Beamten so sehr, daß dieser fast gestolpert wäre. Wild blickte sich der Kranke im Lagerhaus um, bevor er die Augäpfel verdrehte und zurück aufs Stroh fiel, als hätte man ihn mit einer Streitaxt niedergestreckt. Dem war zwar nicht so, aber das Ergebnis war ungefähr das gleiche.
»Er ist tot«, bemerkte ich überflüssigerweise.
Der Hafenmeister, der seine Würde mitsamt seiner Duftkugel zurückgewonnen hatte, trat näher und betrachtete den Mann prüfend. Dann richtete er sich auf und verkündete: »Pocken. Die Dame hat recht. Es tut mir leid, Monsieur le Comte, aber Sie kennen das Gesetz.«
Der Angesprochene seufzte ungeduldig. Nachdem er mich stirnrunzelnd angeblickt hatte, wandte er sich entschlossen an den Hafenmeister.
»Gewiß läßt sich das in Ordnung bringen, Monsieur Pamplemousse. Ich bitte um eine kurze Unterredung...« Er deutete auf die abseits gelegene, verlassene Baracke des Aufsehers, einem verfallenen Verschlag im Innern des großen Lagerhauses. Der Adelssproß hatte buschige Augenbrauen und dünne Lippen; er gehörte zu den schlanken, eleganten Vertretern seiner Schicht. Sein Auftreten ließ keinerlei Zweifel, daß er daran gewöhnt war, seinen Willen durchzusetzen.
Der kleine Hafenmeister wich jedoch mit abwehrend erhobenen Händen zurück.
»Non, Monsieur le Comte«, wandte er ein, »Je le regrette, mais c’est impossible... Darauf kann ich mich nicht einlassen. Zu viele Leute wissen bereits Bescheid. Die Nachricht wird sich schon wie ein Lauffeuer auf den Docks ausgebreitet haben.« Hilflos blickte er zu Jamie und Jared und wies dann zur Tür, wo man im Licht der einfallenden Spätnachmittagssonne die goldfarben umrahmte Silhouette der Menschenmenge sah.
»Nein«, wiederholte er bestimmt. »Bitte entschuldigen Sie mich jetzt, Messieurs - und Madame«, fügte er ein wenig verspätet hinzu, als würde er mich zum ersten Mal wahrnehmen. »Ich muß die Vorbereitungen zur Zerstörung des Schiffes treffen.«
Diese Bemerkung ließ den Kapitän laut aufstöhnen, und er packte den Hafenmeister am Ärmel. Doch der riß sich los und verließ eilends die Halle.
Wir blieben in einer Atmosphäre gelinder Anspannung zurück. Monsieur le Comte und sein Kapitän starrten mich haßerfüllt an, Jamie funkelte die zwei Männer drohend an, und der Tote starrte blind an die Decke.
Da tat der Comte einen Schritt auf mich zu. »Sind Sie sich eigentlich bewußt, was Sie da angerichtet haben?« fauchte er. »Seien Sie gewarnt, Madame, dafür werden Sie büßen!«
Jamie machte Anstalten, sich auf den Comte zu stürzen, doch Jared kam ihm zuvor, zog ihn am Ärmel und schob mich sanft in Richtung Tür. Dabei murmelte er dem verstörten Kapitän ein paar Worte zu, die dieser lediglich mit einem stummen Kopfschütteln zur Kenntnis nahm.
»Armer Kerl«, meinte Jared, als wir wieder im Freien waren. »Puh!« Obwohl ein kalter Wind über den Kai fegte, wischte sich Jared mit einem großen roten Taschentuch über Gesicht und Nakken. »Los, Junge, suchen wir uns eine Schenke! Jetzt kann ich ein Gläschen vertragen.«
Nachdem wir in einem Zimmer im Obergeschoß einer der Tavernen am Kai Zuflucht gefunden hatten und mit Wein versorgt waren, fiel Jared in einen Sessel, fächelte sich Luft zu und schnaufte laut auf.
»Mein Gott, welch ein Glück!« Er goß sich einen Becher voll, stürzte ihn hinunter und füllte ihn wieder auf. Als er meinen erstaunten Blick bemerkte, grinste er und schob den Krug in meine Richtung.
»Hier ist Wein, Mädel«, erklärte er. »Auch wenn er lediglich dazu dient, den Staub wegzuspülen. Schnell hinunter damit, bevor du etwas schmecken kannst. Dann erfüllt er seinen Zweck.« Seinem eigenen Rat folgend, leerte er den Becher und griff erneut nach dem Krug. Mir dämmerte, was mit Jamie am Tag zuvor geschehen war.
»Wieso Glück?« fragte ich Jared neugierig. Mir schien eher, als hätten wir Pech gehabt, aber der kleinwüchsige Geschäftsmann befand sich in einer überschäumenden Hochstimmung, die sich keinesfalls allein auf den Rotwein zurückführen ließ. Dieser wies eine starke Ähnlichkeit mit Batteriesäure auf, und ich hoffte nur, daß er den Schmelz meiner Backenzähne nicht angegriffen hatte, als ich den Becher absetzte.
»Nun, St. Germain hatte Pech, daher habe ich Glück«, entgegnete Jared und erhob sich, um einen Blick aus dem Fenster zu werfen.
»Gut«, meinte er zufrieden und setzte sich wieder. »Sie werden den Wein noch vor Sonnenuntergang abgeladen und im Lagerhaus verstaut haben. Dort ist er sicher.«
Jamie lehnte sich in seinem Sessel zurück und betrachtete seinen Cousin mit einem mokanten Lächeln.
»Können wir davon ausgehen, daß das Schiff von Monsieur le Comte de St. Germain auch Spirituosen an Bord hatte, Cousin?«
Ein breites Grinsen enthüllte zwei Goldzähne, die Jared mehr denn je wie einen Seeräuber aussehen ließen.
»Den besten Portwein aus Pinhäo«, erklärte er vergnügt. »Hat ihn ein Vermögen gekostet. Die Hälfte der Ernte von Noval, und erst wieder in einem Jahr erhältlich.«
»Und die andere Hälfte wird vermutlich gerade in dein Lagerhaus gebracht.« Allmählich verstand ich Jareds Freude.
»Richtig, mein Mädchen, du hast den Nagel auf den Kopf getroffen!« gluckste Jared. »Kannst du dir vorstellen, welchen Erlös ich damit in Paris erziele?« fragte er, lehnte sich vor und stellte seinen Becher mit einem Knall auf dem Tisch ab. »Eine begrenzte Menge, und ich habe das Monopol. Himmel, der Gewinn ist für dieses Jahr gesichert!«
Ich stand auf und blickte aus dem Fenster. Noch immer wurden von der Arianna riesige Frachtnetze von der Spiere auf dem Achterdeck herabgelassen. Dann packten die Männer Flasche für Flasche auf Handkarren und brachten sie in das Lagerhaus.
»Nicht, daß ich dir die Freude verderben will«, sagte ich vorsichtig, »aber hattest du nicht gesagt, der Portwein käme aus demselben Ort wie die Lieferung des Comte?«
»Aye, so ist es.« Jared trat neben mich und betrachtete die Hafenarbeiter. »Noval produziert den besten Portwein von ganz Spanien und Portugal. Am liebsten hätte ich die gesamte Menge erworben, aber es fehlte mir an Kapital. Weshalb fragst du?«
»Wenn die Schiffe aus demselben Hafen kommen, ist es durchaus möglich, daß auch ein paar deiner Seeleute an Pocken erkrankt sind«, erklärte ich.
Bei dieser Vorstellung erbleichten seine vom Wein geröteten Wangen, und rasch erlaubte er sich einen weiteren Schluck zur Wiederherstellung des alten Zustands.
»Mein Gott, welche Vorstellung!« stöhnte er nach Luft ringend, als er den Becher abgesetzt hatte. »Der Portwein ist schon fast zur Hälfte ausgeladen. Aber ich spreche trotzdem mit dem Kapitän«, fügte er stirnrunzelnd hinzu. »Er soll die Männer auszahlen, sobald die Arbeit beendet ist. Falls einer krank aussieht, soll er auf der Stelle mit seinem Geld verschwinden.« Entschlossen drehte er sich um und schoß aus dem Zimmer. An der Tür blieb er jedoch kurz stehen und rief uns über die Schulter zu: »Bestellt etwas zum Essen!« Laut polternd stürmte er die Treppe hinunter.
Ich wandte mich zu Jamie um, der geistesabwesend in seinen mit Wein gefüllten Becher starrte.
»Er soll das lieber bleiben lassen!« rief ich. »Wenn er die Pocken an Bord hat, können die Männer die ganze Stadt anstecken!«
Jamie nickte bedächtig.
»Dann können wir nur hoffen, daß dem nicht so ist«, bemerkte er gelassen.
Unschlüssig wandte ich mich zur Tür. »Aber... sollten wir denn nicht etwas unternehmen? Ich könnte mir die Männer zumindest ansehen. Und ihnen sagen, was man mit den Leichen von dem anderen Schiff machen muß...«
»Sassenach!« Die tiefe Stimme klang immer noch sanft, doch der warnende Unterton war nicht zu überhören.
»Was?« Ich sah ihn an. Er hatte sich vorgebeugt und blickte mich über den Becherrand hinweg nachdenklich an.
»Wie wichtig ist dir das, wozu wir uns entschlossen haben, Sassenach?«
Ich ließ den Türknauf los.
»Die Stuarts von einem Aufstand in Schottland abhalten? Sehr wichtig. Weshalb fragst du?«
Er nickte geduldig wie ein Lehrer, der einen begriffsstutzigen Schüler vor sich hat.
»Aye, gut. Wenn dem so ist, dann komm her, setz dich und trink mit mir, bis Jared zurückkehrt. Wenn dem nicht so ist...« Er hielt inne und atmete so tief aus, daß seine Haare über der Stirn hochgeblasen wurden.
»Also, wenn dir nichts daran liegt, dann geh hinunter zu all den Matrosen und Händlern, für die es nichts Unheilverkündenderes gibt als eine Frau in der Nähe eines Schiffes. Sicher haben sie bereits herumerzählt, daß du St. Germains Schiff mit einem Fluch belegt hast. Und nun willst du ihnen erzählen, was sie zu tun haben. Wenn du Glück hast, fürchten sie sich zu sehr vor dir, um dich zu vergewaltigen, bevor sie dir die Kehle durchschneiden und dich in den Hafen werfen - und mich gleich hinterher. Falls St. Germain dich nicht schon vorher erdrosselt hat. Hast du seinen Gesichtsausdruck nicht gesehen?«
Ich ging zurück zum Tisch und ließ mich auf den Stuhl fallen. Mir zitterten die Knie.
»Doch«, erwiderte ich, »aber könnte er denn... Er würde doch nicht...«
Jamie zog die Stirn kraus und schob mir einen Becher Wein hin.
»Er könnte, und er würde, wenn er es im verborgenen tun kann. Himmel, Sassenach, du hast den Mann um das Einkommen eines ganzen Jahres gebracht! Und er sieht nicht so aus, als würde er das gelassen hinnehmen. Hättest du dem Hafenmeister nicht vor Zeugen erklärt, daß es Pocken sind, hätte sich die Angelegenheit diskret mit Bestechungsgeldern regeln lassen. Weshalb glaubst du, daß Jared uns so eilig hierhergebracht hat? Weil der Wein hier so gut ist?«
Meine Lippen waren gefühllos, als hätte ich dem Vitriol in dem Krug zu ausgiebig zugesprochen.
»Willst du damit sagen, daß wir uns in Gefahr befinden?«
Er setzte sich zurück und nickte.
»Endlich hast du’s begriffen«, meinte er freundlich. »Ich glaube nicht, daß Jared dich beunruhigen wollte. Vermutlich versucht er, einen Bewacher für uns aufzutreiben. Ihm kann wahrscheinlich nichts passieren - jedermann kennt ihn und seine Mannschaft, und außerdem ist er im Kreis seiner Schauerleute.«
Ich rieb über die Gänsehaut an meinen Unterarmen. Trotz des prasselnden Feuers und der Wärme in dem verräucherten Raum war mir kalt.
»Woher willst du wissen, was der Comte de St. Germain tun wird?« Ich zweifelte nicht an Jamies Worten - der übelwollende dunkle Blick, den mir der Comte im Lagerhaus zugeworfen hatte, stand mir noch deutlich vor Augen -, doch ich fragte mich, woher Jamie es wußte.
Jamie nippte an seinem Wein, verzog das Gesicht und setzte den Becher ab.
»Zum einen sagt man ihm Rücksichtslosigkeit und Schlimmeres nach. Bei meinem früheren Aufenthalt in Paris ist mir einiges zu Ohren gekommen. Ich hatte jedoch das Glück, nie mit ihm aneinanderzugeraten. Zum andern hat Jared mich gestern ausführlich über ihn aufgeklärt und mich vor ihm gewarnt. Er ist Jareds ärgster Rivale in Paris.«
Ich stützte die Ellbogen auf den abgenutzten Tisch und ließ das Kinn auf meine gefalteten Hände sinken.
»Ich habe ein ziemliches Durcheinander verursacht, nicht wahr?« bemerkte ich reuevoll. »Und dir einen guten Beginn verdorben.«
Er lächelte, stand auf, stellte sich hinter mich und umschlang mich mit den Armen. Nach diesen unerwarteten Enthüllungen saß mir der Schrecken in den Gliedern, doch Jamies Stärke verlieh mir wieder Kraft. Er küßte mich auf den Scheitel.
»Mach dir keine Sorgen, Sassenach«, sagte er. »Ich kann auf mich aufpassen. Und auf dich auch, vorausgesetzt, du läßt das zu.« Aus seiner Stimme war sowohl ein Lächeln herauszuhören als auch eine Frage. Ich nickte und ließ meinen Kopf gegen seine Brust sinken.
»Das lasse ich«, entgegnete ich. »Die Bürger von Le Havre müssen eben sehen, wie sie mit den Pocken zurechtkommen.«
 
Es verging fast eine Stunde, bis Jared mit roten Ohren, jedoch mit unversehrter Gurgel wieder auftauchte. Ich war froh, als ich ihn sah.
»Alles in Ordnung«, verkündete er strahlend. »Nichts an Bord außer Skorbut, der gewöhnlichen roten Ruhr und Erkältungen. Keine Pocken.« Händereibend blickte er sich im Raum um. »Wo ist das Abendessen?«
Seine Wangen waren vom Wind gerötet, und er wirkte heiter und fähig. Der Umgang mit Geschäftsrivalen, die Unstimmigkeiten mittels Mordanschlägen regelten, gehörte offenbar zur täglichen Routine eines Kaufmanns. Warum auch nicht, dachte ich nicht ohne Zynismus. Schließlich war er ein Schotte.
Als wollte er diese Ansicht bestätigen, bestellte Jared das Essen und ließ den dazu passenden Wein aus seinem eigenen Lagerhaus heraufbringen. Anschließend vertiefte er sich mit Jamie in ein anregendes Verdauungsgespräch über die Feinheiten im Umgang mit französischen Händlern.
»Lauter Banditen!« erklärte er. »Ein jeder würde dich ohne langes Federlesen rücklings erdolchen. Dreckiges Diebsgesindel! Traue ihnen nicht über den Weg! Eine Hälfte als Anzahlung, die andere Hälfte bei Lieferung. Und gewähre einem Adeligen niemals Kredit!«
Jareds Zusicherung, er hätte zwei Männer zur Beobachtung abgestellt, verringerte meine Nervosität nur unerheblich. Daher machte ich es mir nach dem Essen am Fenster bequem und beobachtete das Kommen und Gehen am Kai. Doch da jeder zweite dort unten in meinen Augen wie ein Attentäter aussah, versprach ich mir nicht viel von meiner Wachsamkeit.
Über dem Hafen zogen sich die Wolken zusammen und kündeten von neuem Schnee. Die aufgegeiten Segel flatterten im auffrischenden Wind, schlugen knatternd gegen die Masten und übertönten selbst den Lärm der Schauerleute. Als die Sonne von den Wolken in das Wasser gedrückt wurde, glühte der Hafen plötzlich für einen Augenblick fahlgrün auf.
Mit zunehmender Dunkelheit verebbte die Geschäftigkeit; die Schauerleute zogen mit ihren Handkarren in Richtung Stadt, und die Matrosen verschwanden in den hellerleuchteten Eingängen von Tavernen. Dennoch war der Hafen alles andere als ausgestorben. Vor allem die unglückselige Patagonia war nach wie vor von einer Traube Menschen umringt. Männer in Uniform hatten am vorderen Ende des Landungssteges einen Kordon gezogen, um zu verhindern, daß jemand an Bord ging oder die Ladung von Deck brachte. Laut Jared war es den gesunden Männern der Besatzung erlaubt, an Land zu gehen. Sie durften jedoch nichts außer den Kleidungsstükken, die sie am Leibe trugen, vom Schiff mitnehmen.
»Immer noch besser als bei den Holländern«, erklärte er und kratzte sich dabei die schwarzen Stoppeln, die auf seinem Kinn zu sprießen begannen. »Wenn ein Schiff aus einem fremden Hafen einläuft und man weiß, daß dort eine Seuche grassiert, verlangen die Holländer von den Seeleuten, daß sie nackt ans Ufer schwimmen.«
»Und was ziehen sie an, wenn sie am Ufer ankommen?« fragte ich interessiert.
»Das weiß ich nicht«, erwiderte Jared geistesabwesend, »aber da sie nach ein paar Schritten an Land ohnehin in einem Bordell verschwinden, brauchen sie wohl nichts zum Anziehen - ich bitte um Pardon, meine Liebe«, fügte er hastig hinzu, als ihm wieder einfiel, daß er sich in Gegenwart einer Dame befand.
Um seine momentane Verwirrung zu verbergen, erhob er sich munter, trat neben mich und sah mit mir aus dem Fenster.
»Aha«, bemerkte er, »sie treffen Vorbereitungen zur Verbrennung. In Anbetracht seiner Ladung wären sie gut beraten, das Schiff weit in den Hafen hinauszuschleppen.«
Man hatte an der unglückseligen Patagonia Schleppleinen befestigt, die zu einer Handvoll kleiner Jollen mit Ruderern führten. Diese warteten auf ein Zeichen vom Hafenmeister. Er rief, hob die Arme über den Kopf und wedelte langsam mit den Händen, ähnlich einem Signalmast.
Seine Kommandos wurden von den Bootsführern der Jollen und Galeeren wiederholt. Die Schleppleinen spannten sich und tauchten langsam aus dem Wasser. Der dunkle Rumpf des beschlagnahmten Schiffes knarrte und erzitterte und wandte sich mit ächzenden Wanten dem Wind zu, um seine letzte kurze Reise anzutreten.
Die Patagonia wurde bis in die Mitte des Hafens geschleppt, in sicherem Abstand zu den anderen Schiffen. Ihre Decks waren mit Öl getränkt worden, und als die Schleppleinen losgeworfen waren und die Schleppfahrzeuge sich entfernten, erhob sich die kleine runde Gestalt des Hafenmeisters von dem Sitz des Dingis, in dem er sich hatte hinausrudern lassen. Er bückte sich und tauchte mit einer brennenden Fackel in der Hand wieder auf.
Der Ruderer hinter ihm neigte sich zur Seite, als er ausholte und die Fackel fortschleuderte. Blauglühend schlug sie hinter dem Schanzkleid auf. Der Hafenmeister wartete das Ergebnis seiner Tat nicht ab, sondern ließ sich auf die Bank fallen und trieb die Ruderer wild gestikulierend zur Eile an, so daß das kleine Boot über das dunkle Wasser schoß.
Obwohl eine Weile nichts geschah, harrte die leise murmelnde Menge auf den Kais in gespannter Erwartung aus. Neben mir spiegelte sich plötzlich Jamies Gesicht in der dunklen Fensterscheibe. Als sich die kalte Scheibe unter unserem Atem beschlug, rieb ich sie mit dem Saum meines Umhangs trocken.
»Da«, sagte Jamie leise. Wie ein dünnes Band fraß sich die Flamme hinter dem Schanzkleid ins Holz. Ihr flackernder Schein ließ die vorderen Wanten orangerot aufglühen. Über die ölgetränkten Geländer tanzten Feuerzungen, und ein aufgetuchtes Segel ging in Flammen auf.
Es dauerte nicht mal eine Minute, und die Wanten des Besans brannten lichterloh. Kurz darauf loderten die Zeisinge des aufgetuchten Segels auf, so daß man sich an einen herabfallenden Flammenschleier erinnert fühlte. Das Feuer breitete sich in Windeseile aus, und unversehens brannte das ganze Schiff.
»Kommt mit nach draußen«, forderte Jared uns auf. »Die Flammen werden in Kürze den Laderaum erreicht haben - der günstigste Moment, um zu verschwinden. Keiner wird uns bemerken.«
Er hatte recht.
Als wir uns aus der Taverne stahlen, tauchten plötzlich zwei seiner Männer neben uns auf, mit Pistole und Marlspieker bewaffnet, aber sonst nahm niemand Notiz von uns. Jeder starrte gebannt auf den Hafen, wo die Aufbauten der Patagonia wie ein schwarzes Skelett im Innern eines wogenden Flammenkörpers standen. Wie das Feuer eines Maschinengewehrs ertönte in kurzer Abfolge eine Anzahl Knallgeräusche.
Sie gipfelten in einer mächtigen Explosion, und brennende Holzspäne regneten herab.
»Auf geht’s.« Jamies Hand hatte meinen Arm fest umschlossen, und ich wehrte mich nicht. Beschützt von den Seeleuten schlichen wir uns hinter Jared heimlich davon, als hätten wir das Feuer gelegt.
Die Geliehene Zeit
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