45
Verflucht seien die Randall
Die Reise nach Schottland war beschwerlich. Wir mußten Umwege machen und stets auf der Hut sein, damit uns niemand als Hochländer erkannte. Deshalb konnten wir weder Lebensmittel kaufen noch betteln, sondern mußten uns da und dort ein paar Bissen aus unbewachten Schuppen stehlen oder uns mit den wenigen eßbaren Wurzeln begnügen, die ich auf den Feldern fand.
Wir kamen unendlich langsam voran. Wir hatten keine Ahnung, wo sich die schottische Armee inzwischen befand, außer, daß sie nördlich von uns liegen mußte. Aus diesem Grund beschlossen wir, zuerst nach Edinburgh zu reiten, denn dort würden wir wenigstens Nachricht über den Fortgang des Feldzugs bekommen. Unsere Verbindung zur Armee war seit mehreren Wochen abgerissen. Soweit ich wußte, war es den Engländern nicht gelungen, Stirling zurückzuerobern. Jamie berichtete vom Sieg der Schotten in der Schlacht von Falkirk. Aber was war danach geschehen?
Als wir endlich die Royal Mile erreichten, begab sich Jamie sofort ins Hauptquartier der Armee, während Mary und ich Alex Randalls Wohnung aufsuchten. Wortlos eilten wir die Straße hinauf, beide voller Angst, was wir dort vorfinden würden.
Alex war da. Marys Knie gaben nach, als sie den Raum betrat und vor seinem Bett niedersank. Schlaftrunken öffnete Alex die Augen und blinzelte. Dann strahlte sein Gesicht, als sähe er eine überirdische Gestalt vor sich.
»O Gott!« murmelte er immer wieder, den Mund in Marys Haar vergraben. »O Gott. Ich dachte... mein Gott, ich habe darum gebetet, dich noch ein einziges Mal zu sehen. Nur einmal. Mein Gott!«
Einfach nur den Blick abzuwenden schien nicht zu genügen, also ging ich hinaus ins Treppenhaus und setzte mich für eine halbe Stunde auf die Stufen, den müden Kopf auf die Knie gebettet.
Danach kehrte ich in die Kammer zurück, die in den Wochen von Marys Abwesenheit wieder schmutzig und trostlos geworden war. Behutsam untersuchte ich Alex. Es überraschte mich, daß er so lange durchgehalten hatte. Viel Zeit würde ihm jetzt nicht mehr bleiben.
Die Wahrheit, die er in meinem Gesicht las, überraschte ihn nicht, und er nickte.
»Ich habe gewartet«, sagte er leise und sank erschöpft in die Kissen zurück. »Ich habe gehofft... sie würde noch einmal zu mir kommen. Ich hatte keinen Grund... aber ich habe darum gebetet. Und jetzt ist mein Gebet erhört worden. Jetzt kann ich in Frieden sterben.«
»Alex!« Mary schrie gequält auf, als bereiteten seine Worte ihr körperliche Schmerzen, aber er lächelte nur und drückte ihre Hand.
»Wir haben es die ganze Zeit gewußt, meine Geliebte«, flüsterte er. »Verzweifle nicht. Ich werde immer bei dir sein, dich beobachten, dich lieben. Weine nicht, meine Liebste!« Gehorsam fuhr sie sich über die rosigen Wangen, konnte aber die Tränenflut nicht eindämmen. Trotz ihrer Verzweiflung hatte sie noch nie so blühend ausgesehen.
»Mrs. Fraser.« Alex mußte sich anstrengen, um mich noch um einen weiteren Gefallen zu bitten. »Ich möchte Sie fragen... morgen... können Sie morgen wiederkommen und Ihren Gemahl mitbringen? Es ist wichtig.«
Ich zögerte kurz. Ganz gleich, was Jamie in Erfahrung bringen mochte, er würde sofort aus Edinburgh aufbrechen wollen, um sich der Armee anzuschließen und den Rest seiner Männer zu suchen. Aber gewiß konnte ein weiterer Tag nichts am Ausgang des Krieges ändern, und die flehentliche Bitte, die aus den beiden Augenpaaren sprach, konnte ich einfach nicht abweisen.
»Wir kommen«, sagte ich.
 
»Ich bin ein Narr«, brummte Jamie auf dem Weg durch die steilen, kopfsteingepflasterten Straßen, die zu der Gasse führten, in der Alex Randall wohnte. »Wir hätten uns gestern sofort auf den Weg machen sollen, als wir deine Perlen beim Pfandleiher ausgelöst hatten. Hast du eine Ahnung, wie weit es ist nach Inverness? Noch dazu mit diesen alten Kleppern?«
»Ich weiß«, erwiderte ich ungeduldig. »Aber ich habe es versprochen. Und wenn du ihn siehst, dann wirst du mich verstehen.«
»Mmmpf.« Aber er hielt mir ohne ein weiteres Wort der Klage die Tür zu dem baufälligen Haus auf und folgte mir die Treppe hinauf.
Wir fanden Mary halb sitzend, halb liegend auf dem Bett. Nach wie vor in ihr zerfetztes Reisegewand gekleidet, hielt sie Alex an sich gedrückt, als wollte sie ihn nie mehr loslassen. So mußte sie die ganze Nacht bei ihm gelegen haben.
Als Alex mich erblickte, befreite er sich sanft aus ihrer Umarmung. Dann stützte er sich auf einen Ellbogen. Sein Gesicht war bleicher als das Leinen, auf dem er lag. Er lächelte matt.
»Mrs. Fraser, wie freundlich von- Ihnen zu kommen«, sagte er keuchend. Er sah sich um. »Ihr Gemahl... hat er sie begleitet?«
Wie zur Antwort trat Jamie hinter mir in den Raum. Mary, die durch unsere Ankunft aus ihrem Kummer gerissen wurde, sah mich und Jamie an. Dann stand sie auf und legte scheu die Hand auf seinen Arm.
»Ich... wir... b-brauchen Sie, Herr von Broch Tuarach.« Ich glaube, es war mehr das Stottern als die förmliche Anrede, die ihn rührte. Obwohl er immer noch finster dreinblickte, entspannte er sich etwas. Höflich verneigte er sich vor ihr.
»Ich habe Ihre Gemahlin gebeten, Sie mitzubringen, mein Herr. Wie Sie sehen, liege ich im Sterben.« Alex hatte sich aufgerichtet und auf die Bettkante gesetzt. Seine mageren Waden glänzten weiß unter dem verschlissenen Saum seines Nachthemds. Die langen, schlanken Zehen waren blutleer, die Nägel blau unterlaufen - Anzeichen von Durchblutungsstörung.
Ich hatte den Tod schon oft gesehen, in all seinen Erscheinungsformen. Diese war die schlimmste - und zugleich die beste: ein Mann, der dem Tod wissend und mutig entgegenblickt, während der Arzt mit seinen nutzlosen Künsten klein beigeben muß. Nutzlos oder nicht, ich stöberte in meinem Kasten nach dem Digitalis, das ich für ihn zubereitet hatte. Ich besaß mehrere Aufgüsse unterschiedlicher Stärke, Fläschchen mit Flüssigkeiten in verschiedenen Braunschattierungen. Ohne Zögern entschied ich mich für das dunkelste.
Es war nicht das Digitalis, das ihn nun aufrecht hielt, sondern sein Ziel; die wächserne Haut seiner Wangen rötete sich, als leuchtete eine Flamme in ihm. Das hatte ich schon einige Male beobachtet - bei Männern und Frauen, deren Wille stark genug war, um sich für einige Zeit über das Unabwendbare hinwegzusetzen.
Auf diese Weise, so ging es mir durch den Kopf, mochten Geister entstehen. Da, wo ein Wille und ein Ziel überlebten, während das schwache Fleisch verfiel. Doch ich wollte es tunlichst vermeiden, von Alexander Randalls Geist heimgesucht zu werden, und das war einer der Gründe, warum ich Jamie gebeten hatte, mich zu begleiten.
Jamie schien ähnlichen Gedanken nachzuhängen.
»Aye«, erwiderte er leise. »Ich verstehe. Wollen Sie mich um etwas bitten?«
Alex nickte und schloß die Augen. Dann nahm er das Fläschchen, das ich ihm reichte, und trank schaudernd die bittere Medizin. Er lächelte Jamie an.
»Nur um Ihre Gegenwart. Ich verspreche, Sie nicht lange aufzuhalten. Wir erwarten noch einen weiteren Gast.«
Während wir warteten, tat ich für Alex Randall, was in meinen Kräften stand, und das war nicht viel. Noch einmal verabreichte ich ihm Fingerhut sowie etwas Kampfer, um ihm das Atmen zu erleichtern. Danach schien es ihm ein wenig besser zu gehen, doch als ich mein primitives Stethoskop an seine eingesunkene Brust legte, hörte ich sein Herz so unregelmäßig schlagen, daß ich jeden Augenblick mit seinem Aussetzen rechnen mußte.
Mary hielt unterdessen Alex’ Hand, und er blickte sie unverwandt an, als wollte er sich ihre Züge auf ewig einprägen. Es erschien beinahe zudringlich, sich mit den beiden im selben Raum aufzuhalten.
Da öffnete sich die Tür, und Jack Randall stand auf der Schwelle. Verständnislos sah er mich und Mary an, doch dann erkannte er Jamie, und seine Züge versteinerten. Jamie sah ihm in die Augen, wandte sich dann um und wies mit einem Nicken auf das Bett.
Als Jack Randall das hagere Gesicht seines Bruders erblickte, durchquerte er rasch den Raum und sank neben dessen Lager auf die Knie.
»Alex!« rief er. »Mein Gott, Alex...«
»Es ist gut«, erwiderte Alex. Er umfaßte Jonathans Gesicht mit den Händen, lächelte ihn an und versuchte, ihn zu beruhigen. »Ist schon gut, Johnny«, sagte er.
Ich nahm Mary am Ellbogen und zog sie sanft beiseite. Ganz gleich, was man Jack Randall vorzuwerfen hatte, es stand ihm zu, ungestört einige letzte Worte mit seinem Bruder zu wechseln. Wie erstarrt vor Verzweiflung, folgte sie mir zum anderen Ende der Kammer, wo ich sie auf einen Hocker setzte. Ich tränkte mein Taschentuch mit Wasser und gab es ihr, damit sie sich die Augen betupfte, doch sie saß nur reglos da und hielt das Tuch in den Händen. Seufzend nahm ich es wieder an mich, wischte ihr das Gesicht ab und ordnete ihr Haar, so gut ich konnte.
Vom Bett her hörte ich ein ersticktes Schluchzen. Jonathan hatte sein Gesicht im Schoß seines Bruders vergraben, während Alex seinen Kopf streichelte.
»John«, sagte er. »Du weißt, daß ich diese Bitte nicht leichtfertig ausspreche. Aber um der Liebe willen, die du für mich empfindest...« Als er hustete, färbten sich seine Wangen vor Anstrengung rot.
Ich merkte, daß Jamie sich noch mehr versteifte. Auch Jonathan Randall erstarrte, als spürte er Jamies brennenden Blick in seinem Rücken, aber er sah nicht auf.
»Alex...«, Jonathan legte seinem jüngeren Bruder die Hand auf die Schulter, als wollte er so den Husten mildern, »sei unbesorgt, Alex. Du weißt, daß du mich nicht zu bitten brauchst. Ich tue, was immer du wünschst. Ist es... das Mädchen?« Er blickte in Marys Richtung, brachte es aber nicht über sich, sie anzusehen.
Alex nickte, immer noch hustend.
»Sei unbesorgt«, sagte Jonathan. »Es soll ihr an nichts fehlen. Du kannst ganz ruhig sein.«
Jamie sah mich mit großen Augen an. Ich schüttelte langsam den Kopf. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Alles fügte sich nun ins Bild: Marys blühende Erscheinung trotz ihres Elends, ihr Einverständnis, den reichen Kaufmann aus London zu heiraten.
»Es geht nicht um Geld«, erklärte ich. »Sie erwartet ein Kind. Er will...« Ich räusperte mich. »Ich glaube, er möchte, daß Sie Mary heiraten.«
Die Lider immer noch gesenkt, nickte Alex. Er seufzte tief, dann sah er mit glänzenden Augen in das verblüffte, verständnislose Gesicht seines Bruders.
»ja«, sagte er. »John... Johnny, du mußt an meiner Statt für sie sorgen. Ich will... daß mein Kind den Namen Randall trägt. Du kannst... ihr eine Stellung in der Welt geben... viel besser, als ich es vermag.« Sehnsüchtig streckte er die Hand aus; Mary ergriff sie und drückte sie innig an ihre Brust. Alex lächelte sie zärtlich an und streichelte die glänzenden dunklen Locken, die ihr ins Gesicht fielen.
»Mary, ich wünsche... du weißt, meine Liebe, ich wünsche mir so vieles. Und es gibt so vieles, was ich bereue. Aber die Liebe zwischen uns kann ich nicht bereuen. Nachdem ich diese Freude erfahren habe, könnte ich zufrieden sterben, wenn ich nicht fürchtete, daß du in Schande leben mußt.«
»Das ist mir gleich!« rief Mary leidenschaftlich. »Von mir aus kann es alle Welt erfahren!«
»Aber mir ist es nicht gleich«, sagte Alex leise. Er streckte eine Hand nach seinem Bruder aus, der sie zögernd ergriff. Dann führte er beide zusammen, legte Marys in Randalls Hand. Marys war reglos, und Jack Randalls steif wie ein toter Fisch, doch Alex schloß seine Hände fest um die beiden.
»Ich gebe euch einander, meine Lieben«, sagte er leise. Beiden stand bei diesem Vorschlag das Entsetzen ins Gesicht geschrieben, übertönt vom überwältigenden Kummer über den drohenden Verlust.
»Aber...« Zum erstenmal, seit ich ihn kannte, fehlten Jonathan Randall die Worte.
»Gut.« Es war beinahe ein Flüstern. Alex öffnete die Augen, atmete erleichtert auf und lächelte seinen Bruder an. »Wir haben nicht viel Zeit. Ich werde euch selbst trauen. Jetzt. Deshalb habe ich Mrs. Fräser gebeten, Ihren Gatten mitzubringen... sind Sie bereit, Trauzeuge zu sein, Sir?« Er sah Jamie an, der zur Salzsäule erstarrt war und endlich mechanisch nickte.
Ich glaube nicht, daß ich je drei so tiefunglückliche Menschen gesehen habe.
Alex war so schwach, daß ihm sein Bruder mit versteinerter Miene half, den hohen weißen Kragen seiner geistlichen Tracht umzubinden. Jonathan selbst sah nicht viel besser aus als sein Bruder. Die Krankheit hatte ihre Spuren in seinem Gesicht hinterlassen, er schien um Jahre gealtert, und seine Augen lagen tief in den Höhlen. Seine ausgemergelte Gestalt steckte wie immer in makellosen Kleidern. Er erinnerte mich an eine grob gearbeitete Schneiderpuppe, deren Gesicht achtlos aus einem Holzklotz herausgeschnitzt war.
Mary bot ein Bild des Jammers. Hilflos schluchzend saß sie auf dem Bett und verbarg das Gesicht in den Falten ihres Umhangs. So gut es ging, brachte ich ihre Kleider in Ordnung und kämmte ihr zerzaustes Haar, während sie Alex mit tränenverschleierten Augen anblickte.
Alex stützte sich mit einer Hand auf die Kommode, griff in die Schublade und holte sein großes Book of Common Prayer hervor. Es war zu schwer, als daß er es hätte halten können. Er saß auf dem Bett und legte sich das offene Buch auf die Knie. Er schloß die Augen, atmete schwer, und ein Tropfen Schweiß fiel auf die Seiten der Liturgie.
»Meine Lieben«, begann Alex. Ich hoffte für ihn ebenso wie für alle Beteiligten, daß er die kürzere Trauformel wählte.
Mary hatte aufgehört zu weinen, aber ihre Nase leuchtete rot aus ihrem blassen Gesicht hervor, und auf ihrer Oberlippe zeigte sich eine Rotzspur. Als Jonathan das sah, holte er, ohne die Miene zu verziehen, ein Leinentaschentuch aus dem Ärmel und gab es ihr.
»Ja, ich will«, sagte sie auf Alexanders Frage, als wäre ihr nun alles gleich.
Jack Randall gab sein Eheversprechen mit fester Stimme, wirkte aber völlig unbeteiligt. Mit gemischten Gefühlen beobachtete ich diese Trauung von zwei Menschen, die einander überhaupt nicht wahrnahmen. Beide richteten ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Mann, der vor ihnen saß und in das aufgeschlagene Buch blickte.
Der Bund war geschlossen. Glückwünsche für das Brautpaar schienen fehl am Platz, und so trat peinliches Schweigen ein. Jamie sah mich fragend an, und ich zuckte die Achseln. Ich war unmittelbar nach unserer Heirat ohnmächtig geworden, und Mary sah so aus, als wollte sie meinem Beispiel folgen.
Nachdem er sein Ziel erreicht hatte, saß Alex regungslos da und lächelte matt. Sein Blick schweifte durch den Raum und verweilte nacheinander auf jedem von uns: Jonathan, Jamie, Mary und mir. Ich sah das Glänzen in den freundlichen braunen Augen, als sie den meinen begegneten. Die Kerze war beinahe herabgebrannt, aber der Docht flammte noch einmal auf, kraftvoll und hell.
Zärtlich ruhte sein Blick auf Mary, dann schloß er die Augen, als könnte er es nicht ertragen, sie anzusehen. Sein rasselnder Atem ging schwer, und die Farbe wich aus seinen Wangen. Die Kerze flackerte.
Ohne die Augen zu öffnen, streckte er eine Hand aus. Jonathan ergriff sie und bettete ihn sanft auf die Kissen. Alexanders schmale Hände zuckten ruhelos.
»Mary«, flüsterte er. Sie barg die nervösen Hände zwischen den ihren und drückte sie an ihre Brust.
»Ich bin da, Alex. O Alex, ich bin da!« Sie beugte sich über ihn und flüsterte in sein Ohr, so daß Jonathan gezwungen war, einen Schritt zurückzutreten. Ausdruckslos starrte er auf das Bett.
Die schweren Lider hoben sich noch einmal, aber diesmal nur halb. Er suchte ein Gesicht und fand es.
»Johnny. So... gut zu mir. Immer, Johnny.«
Mary beugte sich überAlex, so daß ihre herabfallenden Haare sein Gesicht verbargen. Jonathan Randall stand so reglos da wie ein Fels in einem Steinkreis und beobachtete seinen Bruder und seine Frau. Kein Laut war zu hören außer dem Knistern des Feuers und dem leisen Schluchzen Mary Randalls.
Jamie berührte meine Schulter, und ich blickte zu ihm auf. Er nickte in Marys Richtung.
»Bleib bei ihr«, sagte er ruhig. »Es wird nicht lange dauern, oder?«
»Nein.«
Er nickte. Dann überwand er sich und ging auf Jonathan Randall zu. Er nahm die erstarrte Gestalt behutsam am Arm und führte sie zur Tür.
»Kommen Sie, Mann«, sagte er ruhig. »Ich bringe Sie sicher nach Hause.«
Die Tür quietschte, als er ging, um den gramgebeugten Jonathan Randall an den Ortzu begleiten, wo er seine einsame Hochzeitsnacht verbringen würde.
 
Ich schloß die Tür unseres Zimmers in einem Gasthofhinter mir und lehnte mich erschöpft dagegen. Draußen war es dunkel geworden, und die Rufe des Nachtwächters hallten durch die Straßen.
Jamie stand am Fenster und beobachtete mich. Dann kam er zu mir und zog mich an sich, noch bevor ich meinen Umhang ablegen konnte. Dankbar sank ich an seine Brust. Er legte den Arm unter meine Knie, hob mich hoch und trug mich zum Fenstersitz.
»Trink einen Schluck, Sassenach«, drängte er. »Du siehst erschöpft aus. Kein Wunder!« Er nahm eine Karaffe vom Tisch und goß mir etwas Weinbrand ein.
Müde fuhr ich mir mit der Hand durchs Haar. Wir hatten uns kurz nach dem Frühstück in Alex’ Quartier begeben; jetzt war es nach sechs. Mir kam es vor, als wäre ich tagelang unterwegs gewesen.
»Es hat nicht mehr lange gedauert. Der arme Kerl. Es war, als hätte er nur gewartet, bis er Mary versorgt wußte. Ich habe Marys Tante benachrichtigt. Die Tante und zwei Kusinen haben sie abgeholt. Sie werden sich auch um... ihn kümmern.« Dankbar nippte ich an meinem Glas. Der Alkohol stieg mir in den Kopf wie Nebel auf dem Hochmoor, aber das störte mich nicht.
Ich versuchte zu lächeln. »Zumindest wissen wir jetzt, daß Frank in Sicherheit ist.«
Jamie blickte mich finster an, seine rötlichen Brauen zogen sich zusammen.
»Verflucht sei Frank!« rief er zornig. »Verflucht seien alle Randalls! Verflucht sei Jack Randall, und verflucht sei Mary Hawkins Randall, und verflucht sei Alex Randall - äh, Gott sei seiner Seele gnädig, meine ich«, verbesserte er sich hastig und schlug ein Kreuz.
»Ich dachte, du mißgönnst ihm nicht...«, begann ich. Wütend starrte er mich an.
»Das war gelogen.«
Er packte mich an den Schultern und schüttelte mich.
»Und verflucht seist auch du, Claire Randall Fraser, wenn ich schon mal dabei bin! Ich hasse jede Erinnerung, in der ich nicht vorkomme, jede Träne, die du um einen anderen vergossen hast, und jede Sekunde, die du im Bett eines anderen Mannes verbracht hast! Verflucht sollst du sein!« Er schlug mir das Weinbrandglas aus der Hand - versehentlich, wie ich meinte -, zog mich an sich und küßte mich hart.
Dann löste er sich von mir, um mich wieder zu schütteln.
»Du gehörst mir, verdammt sollst du sein, Claire Fraser! Mir! Und ich werde dich nicht teilen, mit keinem Mann und mit keiner Erinnerung, solange wir beide leben. Du sprichst den Namen des Mannes nie mehr aus, hörst du?« Er unterstrich seine Worte mit einem leidenschaftlichen Kuß und stieß mich dann wieder von sich. »Hast du mich verstanden?«
»Ja«, antwortete ich mühsam. »Wenn du... aufhören würdest... mich zu schütteln, könnte ich... antworten.«
Verlegen ließ er mich los.
»Tut mir leid, Sassenach. Es ist nur... bei Gott, warum hast du... aye, ich weiß, warum... aber mußtest du...« Ich setzte diesem Gestammel ein Ende, indem ich ihn an mich zog und küßte.
»Ja«, sagte ich fest, als ich ihn freigab. »Ich mußte. Aber jetzt ist es vorbei.« Ich löste die Bänder meines Umhangs und ließ ihn zu Boden fallen. Jamie bückte sich, um ihn aufzuheben, aber ich hielt ihn fest.
»Jamie, ich bin müde. Willst du mich ins Bett bringen?«
Er sah mich lange an. Seine Augen lagen vor Anstrengung und Müdigkeit tief in den Höhlen.
»Aye«, sagte er schließlich leise. »Aye, ich will.«
Zuerst war er schweigsam und grob. Sein Zorn brach sich in der Liebe Bahn.
»Oooh!« stöhnte ich einmal.
»Gott, verzeih mir, mo duinne. Ich konnte nicht...«
»Ist schon gut.« Ich verschloß seine Lippen mit einem Kuß, hielt ihn fest und spürte, wie die Wut in ihm abflaute und die Zärtlichkeit wuchs. Ohne den Mund von meinem zu lösen, verharrte er still, erforschte sanft meine Lippen, liebkoste sie mit der Zungenspitze.
Ich berührte seine Zunge mit der meinen und umfaßte sein Gesicht mit den Händen. Er hatte sich seit dem Morgen nicht rasiert, und die feinen roten Stoppeln fühlten sich angenehm rauh an.
Dann ließ er sich zur Seite rollen, um mich nicht unter sich zu erdrücken, und wir fuhren fort, Körper an Körper, in Zärtlichkeit vereint, und verständigten uns in einer Sprache ohne Worte.
Lebendig und eins. Wir sind eins, und solange wir lieben, rührt uns der Tod nicht an. »Im Grabe ruhst du ungestört, von keiner Leidenschaft betört.« Alex Randall lag kalt in seinem Bett und Mary Randall einsam in dem ihren. Aber wir waren hier, zusammen, und sonst zählte nichts.
Er umspannte meine Hüften mit seinen großen, warmen Händen und zog mich an sich, und der Schauder, der mich überlief, erfaßte auch ihn, als wären wir ein Leib.
Nachts erwachte ich in seinen Armen und merkte, daß er nicht schlief.
»Schlaf wieder ein, mo duinne.« Er sprach sanft, leise und beruhigend, aber der Unterton entging mir nicht, und als ich nach seinem Gesicht tastete, spürte ich die Tränen auf seinen Wangen.
»Was ist, Geliebter?« flüsterte ich. »Jamie, ich liebe dich.«
»Das weiß ich«, erwiderte er ruhig. »Ich weiß es, meine Einzige. Wenn du schläfst, will ich dir sagen, wie sehr ich dich liebe. Denn wenn du wach bist, kann ich dir nicht mehr sagen als immer wieder dieselben armseligen Worte. Aber wenn du in meinen Armen ruhst, kann ich dir Dinge anvertrauen, die bei Tage dumm und verrückt klingen würden. Deine Träume wissen, daß sie wahr sind. Schlaf wieder ein, mo duinne.«
Ich streifte mit den Lippen seinen Hals dort, wo unter der kleinen dreieckigen Narbe die Schlagader pulsierte. Dann bettete ich meinen Kopf auf seine Brust und gab meine Träume in seine Obhut.
Die Geliehene Zeit
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