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Verflucht seien die Randall
Die Reise nach Schottland war beschwerlich. Wir
mußten Umwege machen und stets auf der Hut sein, damit uns niemand
als Hochländer erkannte. Deshalb konnten wir weder Lebensmittel
kaufen noch betteln, sondern mußten uns da und dort ein paar Bissen
aus unbewachten Schuppen stehlen oder uns mit den wenigen eßbaren
Wurzeln begnügen, die ich auf den Feldern fand.
Wir kamen unendlich langsam voran. Wir hatten keine
Ahnung, wo sich die schottische Armee inzwischen befand, außer, daß
sie nördlich von uns liegen mußte. Aus diesem Grund beschlossen
wir, zuerst nach Edinburgh zu reiten, denn dort würden wir
wenigstens Nachricht über den Fortgang des Feldzugs bekommen.
Unsere Verbindung zur Armee war seit mehreren Wochen abgerissen.
Soweit ich wußte, war es den Engländern nicht gelungen, Stirling
zurückzuerobern. Jamie berichtete vom Sieg der Schotten in der
Schlacht von Falkirk. Aber was war danach geschehen?
Als wir endlich die Royal Mile erreichten, begab
sich Jamie sofort ins Hauptquartier der Armee, während Mary und ich
Alex Randalls Wohnung aufsuchten. Wortlos eilten wir die Straße
hinauf, beide voller Angst, was wir dort vorfinden würden.
Alex war da. Marys Knie gaben nach, als sie den
Raum betrat und vor seinem Bett niedersank. Schlaftrunken öffnete
Alex die Augen und blinzelte. Dann strahlte sein Gesicht, als sähe
er eine überirdische Gestalt vor sich.
»O Gott!« murmelte er immer wieder, den Mund in
Marys Haar vergraben. »O Gott. Ich dachte... mein Gott, ich habe
darum gebetet, dich noch ein einziges Mal zu sehen. Nur einmal.
Mein Gott!«
Einfach nur den Blick abzuwenden schien nicht zu
genügen, also
ging ich hinaus ins Treppenhaus und setzte mich für eine halbe
Stunde auf die Stufen, den müden Kopf auf die Knie gebettet.
Danach kehrte ich in die Kammer zurück, die in den
Wochen von Marys Abwesenheit wieder schmutzig und trostlos geworden
war. Behutsam untersuchte ich Alex. Es überraschte mich, daß er so
lange durchgehalten hatte. Viel Zeit würde ihm jetzt nicht mehr
bleiben.
Die Wahrheit, die er in meinem Gesicht las,
überraschte ihn nicht, und er nickte.
»Ich habe gewartet«, sagte er leise und sank
erschöpft in die Kissen zurück. »Ich habe gehofft... sie würde noch
einmal zu mir kommen. Ich hatte keinen Grund... aber ich habe darum
gebetet. Und jetzt ist mein Gebet erhört worden. Jetzt kann ich in
Frieden sterben.«
»Alex!« Mary schrie gequält auf, als bereiteten
seine Worte ihr körperliche Schmerzen, aber er lächelte nur und
drückte ihre Hand.
»Wir haben es die ganze Zeit gewußt, meine
Geliebte«, flüsterte er. »Verzweifle nicht. Ich werde immer bei dir
sein, dich beobachten, dich lieben. Weine nicht, meine Liebste!«
Gehorsam fuhr sie sich über die rosigen Wangen, konnte aber die
Tränenflut nicht eindämmen. Trotz ihrer Verzweiflung hatte sie noch
nie so blühend ausgesehen.
»Mrs. Fraser.« Alex mußte sich anstrengen, um mich
noch um einen weiteren Gefallen zu bitten. »Ich möchte Sie
fragen... morgen... können Sie morgen wiederkommen und Ihren Gemahl
mitbringen? Es ist wichtig.«
Ich zögerte kurz. Ganz gleich, was Jamie in
Erfahrung bringen mochte, er würde sofort aus Edinburgh aufbrechen
wollen, um sich der Armee anzuschließen und den Rest seiner Männer
zu suchen. Aber gewiß konnte ein weiterer Tag nichts am Ausgang des
Krieges ändern, und die flehentliche Bitte, die aus den beiden
Augenpaaren sprach, konnte ich einfach nicht abweisen.
»Wir kommen«, sagte ich.
»Ich bin ein Narr«, brummte Jamie auf dem Weg
durch die steilen, kopfsteingepflasterten Straßen, die zu der Gasse
führten, in der Alex Randall wohnte. »Wir hätten uns gestern sofort
auf den Weg machen sollen, als wir deine Perlen beim Pfandleiher
ausgelöst
hatten. Hast du eine Ahnung, wie weit es ist nach Inverness? Noch
dazu mit diesen alten Kleppern?«
»Ich weiß«, erwiderte ich ungeduldig. »Aber ich
habe es versprochen. Und wenn du ihn siehst, dann wirst du mich
verstehen.«
»Mmmpf.« Aber er hielt mir ohne ein weiteres Wort
der Klage die Tür zu dem baufälligen Haus auf und folgte mir die
Treppe hinauf.
Wir fanden Mary halb sitzend, halb liegend auf dem
Bett. Nach wie vor in ihr zerfetztes Reisegewand gekleidet, hielt
sie Alex an sich gedrückt, als wollte sie ihn nie mehr loslassen.
So mußte sie die ganze Nacht bei ihm gelegen haben.
Als Alex mich erblickte, befreite er sich sanft aus
ihrer Umarmung. Dann stützte er sich auf einen Ellbogen. Sein
Gesicht war bleicher als das Leinen, auf dem er lag. Er lächelte
matt.
»Mrs. Fraser, wie freundlich von- Ihnen zu kommen«,
sagte er keuchend. Er sah sich um. »Ihr Gemahl... hat er sie
begleitet?«
Wie zur Antwort trat Jamie hinter mir in den Raum.
Mary, die durch unsere Ankunft aus ihrem Kummer gerissen wurde, sah
mich und Jamie an. Dann stand sie auf und legte scheu die Hand auf
seinen Arm.
»Ich... wir... b-brauchen Sie, Herr von Broch
Tuarach.« Ich glaube, es war mehr das Stottern als die förmliche
Anrede, die ihn rührte. Obwohl er immer noch finster dreinblickte,
entspannte er sich etwas. Höflich verneigte er sich vor ihr.
»Ich habe Ihre Gemahlin gebeten, Sie mitzubringen,
mein Herr. Wie Sie sehen, liege ich im Sterben.« Alex hatte sich
aufgerichtet und auf die Bettkante gesetzt. Seine mageren Waden
glänzten weiß unter dem verschlissenen Saum seines Nachthemds. Die
langen, schlanken Zehen waren blutleer, die Nägel blau unterlaufen
- Anzeichen von Durchblutungsstörung.
Ich hatte den Tod schon oft gesehen, in all seinen
Erscheinungsformen. Diese war die schlimmste - und zugleich die
beste: ein Mann, der dem Tod wissend und mutig entgegenblickt,
während der Arzt mit seinen nutzlosen Künsten klein beigeben muß.
Nutzlos oder nicht, ich stöberte in meinem Kasten nach dem
Digitalis, das ich für ihn zubereitet hatte. Ich besaß mehrere
Aufgüsse unterschiedlicher Stärke, Fläschchen mit Flüssigkeiten in
verschiedenen Braunschattierungen. Ohne Zögern entschied ich mich
für das dunkelste.
Es war nicht das Digitalis, das ihn nun aufrecht
hielt, sondern sein Ziel; die wächserne Haut seiner Wangen rötete
sich, als leuchtete eine Flamme in ihm. Das hatte ich schon einige
Male beobachtet - bei Männern und Frauen, deren Wille stark genug
war, um sich für einige Zeit über das Unabwendbare
hinwegzusetzen.
Auf diese Weise, so ging es mir durch den Kopf,
mochten Geister entstehen. Da, wo ein Wille und ein Ziel
überlebten, während das schwache Fleisch verfiel. Doch ich wollte
es tunlichst vermeiden, von Alexander Randalls Geist heimgesucht zu
werden, und das war einer der Gründe, warum ich Jamie gebeten
hatte, mich zu begleiten.
Jamie schien ähnlichen Gedanken nachzuhängen.
»Aye«, erwiderte er leise. »Ich verstehe. Wollen
Sie mich um etwas bitten?«
Alex nickte und schloß die Augen. Dann nahm er das
Fläschchen, das ich ihm reichte, und trank schaudernd die bittere
Medizin. Er lächelte Jamie an.
»Nur um Ihre Gegenwart. Ich verspreche, Sie nicht
lange aufzuhalten. Wir erwarten noch einen weiteren Gast.«
Während wir warteten, tat ich für Alex Randall, was
in meinen Kräften stand, und das war nicht viel. Noch einmal
verabreichte ich ihm Fingerhut sowie etwas Kampfer, um ihm das
Atmen zu erleichtern. Danach schien es ihm ein wenig besser zu
gehen, doch als ich mein primitives Stethoskop an seine
eingesunkene Brust legte, hörte ich sein Herz so unregelmäßig
schlagen, daß ich jeden Augenblick mit seinem Aussetzen rechnen
mußte.
Mary hielt unterdessen Alex’ Hand, und er blickte
sie unverwandt an, als wollte er sich ihre Züge auf ewig einprägen.
Es erschien beinahe zudringlich, sich mit den beiden im selben Raum
aufzuhalten.
Da öffnete sich die Tür, und Jack Randall stand auf
der Schwelle. Verständnislos sah er mich und Mary an, doch dann
erkannte er Jamie, und seine Züge versteinerten. Jamie sah ihm in
die Augen, wandte sich dann um und wies mit einem Nicken auf das
Bett.
Als Jack Randall das hagere Gesicht seines Bruders
erblickte, durchquerte er rasch den Raum und sank neben dessen
Lager auf die Knie.
»Alex!« rief er. »Mein Gott, Alex...«
»Es ist gut«, erwiderte Alex. Er umfaßte Jonathans
Gesicht mit
den Händen, lächelte ihn an und versuchte, ihn zu beruhigen. »Ist
schon gut, Johnny«, sagte er.
Ich nahm Mary am Ellbogen und zog sie sanft
beiseite. Ganz gleich, was man Jack Randall vorzuwerfen hatte, es
stand ihm zu, ungestört einige letzte Worte mit seinem Bruder zu
wechseln. Wie erstarrt vor Verzweiflung, folgte sie mir zum anderen
Ende der Kammer, wo ich sie auf einen Hocker setzte. Ich tränkte
mein Taschentuch mit Wasser und gab es ihr, damit sie sich die
Augen betupfte, doch sie saß nur reglos da und hielt das Tuch in
den Händen. Seufzend nahm ich es wieder an mich, wischte ihr das
Gesicht ab und ordnete ihr Haar, so gut ich konnte.
Vom Bett her hörte ich ein ersticktes Schluchzen.
Jonathan hatte sein Gesicht im Schoß seines Bruders vergraben,
während Alex seinen Kopf streichelte.
»John«, sagte er. »Du weißt, daß ich diese Bitte
nicht leichtfertig ausspreche. Aber um der Liebe willen, die du für
mich empfindest...« Als er hustete, färbten sich seine Wangen vor
Anstrengung rot.
Ich merkte, daß Jamie sich noch mehr versteifte.
Auch Jonathan Randall erstarrte, als spürte er Jamies brennenden
Blick in seinem Rücken, aber er sah nicht auf.
»Alex...«, Jonathan legte seinem jüngeren Bruder
die Hand auf die Schulter, als wollte er so den Husten mildern,
»sei unbesorgt, Alex. Du weißt, daß du mich nicht zu bitten
brauchst. Ich tue, was immer du wünschst. Ist es... das Mädchen?«
Er blickte in Marys Richtung, brachte es aber nicht über sich, sie
anzusehen.
Alex nickte, immer noch hustend.
»Sei unbesorgt«, sagte Jonathan. »Es soll ihr an
nichts fehlen. Du kannst ganz ruhig sein.«
Jamie sah mich mit großen Augen an. Ich schüttelte
langsam den Kopf. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Alles fügte
sich nun ins Bild: Marys blühende Erscheinung trotz ihres Elends,
ihr Einverständnis, den reichen Kaufmann aus London zu
heiraten.
»Es geht nicht um Geld«, erklärte ich. »Sie
erwartet ein Kind. Er will...« Ich räusperte mich. »Ich glaube, er
möchte, daß Sie Mary heiraten.«
Die Lider immer noch gesenkt, nickte Alex. Er
seufzte tief, dann sah er mit glänzenden Augen in das verblüffte,
verständnislose Gesicht seines Bruders.
»ja«, sagte er. »John... Johnny, du mußt an meiner
Statt für sie sorgen. Ich will... daß mein Kind den Namen Randall
trägt. Du kannst... ihr eine Stellung in der Welt geben... viel
besser, als ich es vermag.« Sehnsüchtig streckte er die Hand aus;
Mary ergriff sie und drückte sie innig an ihre Brust. Alex lächelte
sie zärtlich an und streichelte die glänzenden dunklen Locken, die
ihr ins Gesicht fielen.
»Mary, ich wünsche... du weißt, meine Liebe, ich
wünsche mir so vieles. Und es gibt so vieles, was ich bereue. Aber
die Liebe zwischen uns kann ich nicht bereuen. Nachdem ich diese
Freude erfahren habe, könnte ich zufrieden sterben, wenn ich nicht
fürchtete, daß du in Schande leben mußt.«
»Das ist mir gleich!« rief Mary leidenschaftlich.
»Von mir aus kann es alle Welt erfahren!«
»Aber mir ist es nicht gleich«, sagte Alex leise.
Er streckte eine Hand nach seinem Bruder aus, der sie zögernd
ergriff. Dann führte er beide zusammen, legte Marys in Randalls
Hand. Marys war reglos, und Jack Randalls steif wie ein toter
Fisch, doch Alex schloß seine Hände fest um die beiden.
»Ich gebe euch einander, meine Lieben«, sagte er
leise. Beiden stand bei diesem Vorschlag das Entsetzen ins Gesicht
geschrieben, übertönt vom überwältigenden Kummer über den drohenden
Verlust.
»Aber...« Zum erstenmal, seit ich ihn kannte,
fehlten Jonathan Randall die Worte.
»Gut.« Es war beinahe ein Flüstern. Alex öffnete
die Augen, atmete erleichtert auf und lächelte seinen Bruder an.
»Wir haben nicht viel Zeit. Ich werde euch selbst trauen. Jetzt.
Deshalb habe ich Mrs. Fräser gebeten, Ihren Gatten mitzubringen...
sind Sie bereit, Trauzeuge zu sein, Sir?« Er sah Jamie an, der zur
Salzsäule erstarrt war und endlich mechanisch nickte.
Ich glaube nicht, daß ich je drei so
tiefunglückliche Menschen gesehen habe.
Alex war so schwach, daß ihm sein Bruder mit
versteinerter Miene half, den hohen weißen Kragen seiner
geistlichen Tracht umzubinden. Jonathan selbst sah nicht viel
besser aus als sein Bruder. Die Krankheit hatte ihre Spuren in
seinem Gesicht hinterlassen, er schien um Jahre gealtert, und seine
Augen lagen tief in den Höhlen. Seine ausgemergelte Gestalt steckte
wie immer in makellosen
Kleidern. Er erinnerte mich an eine grob gearbeitete
Schneiderpuppe, deren Gesicht achtlos aus einem Holzklotz
herausgeschnitzt war.
Mary bot ein Bild des Jammers. Hilflos schluchzend
saß sie auf dem Bett und verbarg das Gesicht in den Falten ihres
Umhangs. So gut es ging, brachte ich ihre Kleider in Ordnung und
kämmte ihr zerzaustes Haar, während sie Alex mit
tränenverschleierten Augen anblickte.
Alex stützte sich mit einer Hand auf die Kommode,
griff in die Schublade und holte sein großes Book of Common
Prayer hervor. Es war zu schwer, als daß er es hätte halten
können. Er saß auf dem Bett und legte sich das offene Buch auf die
Knie. Er schloß die Augen, atmete schwer, und ein Tropfen Schweiß
fiel auf die Seiten der Liturgie.
»Meine Lieben«, begann Alex. Ich hoffte für ihn
ebenso wie für alle Beteiligten, daß er die kürzere Trauformel
wählte.
Mary hatte aufgehört zu weinen, aber ihre Nase
leuchtete rot aus ihrem blassen Gesicht hervor, und auf ihrer
Oberlippe zeigte sich eine Rotzspur. Als Jonathan das sah, holte
er, ohne die Miene zu verziehen, ein Leinentaschentuch aus dem
Ärmel und gab es ihr.
»Ja, ich will«, sagte sie auf Alexanders Frage, als
wäre ihr nun alles gleich.
Jack Randall gab sein Eheversprechen mit fester
Stimme, wirkte aber völlig unbeteiligt. Mit gemischten Gefühlen
beobachtete ich diese Trauung von zwei Menschen, die einander
überhaupt nicht wahrnahmen. Beide richteten ihre ganze
Aufmerksamkeit auf den Mann, der vor ihnen saß und in das
aufgeschlagene Buch blickte.
Der Bund war geschlossen. Glückwünsche für das
Brautpaar schienen fehl am Platz, und so trat peinliches Schweigen
ein. Jamie sah mich fragend an, und ich zuckte die Achseln. Ich war
unmittelbar nach unserer Heirat ohnmächtig geworden, und Mary sah
so aus, als wollte sie meinem Beispiel folgen.
Nachdem er sein Ziel erreicht hatte, saß Alex
regungslos da und lächelte matt. Sein Blick schweifte durch den
Raum und verweilte nacheinander auf jedem von uns: Jonathan, Jamie,
Mary und mir. Ich sah das Glänzen in den freundlichen braunen
Augen, als sie den meinen begegneten. Die Kerze war beinahe
herabgebrannt, aber der Docht flammte noch einmal auf, kraftvoll
und hell.
Zärtlich ruhte sein Blick auf Mary, dann schloß er
die Augen, als
könnte er es nicht ertragen, sie anzusehen. Sein rasselnder Atem
ging schwer, und die Farbe wich aus seinen Wangen. Die Kerze
flackerte.
Ohne die Augen zu öffnen, streckte er eine Hand
aus. Jonathan ergriff sie und bettete ihn sanft auf die Kissen.
Alexanders schmale Hände zuckten ruhelos.
»Mary«, flüsterte er. Sie barg die nervösen Hände
zwischen den ihren und drückte sie an ihre Brust.
»Ich bin da, Alex. O Alex, ich bin da!« Sie beugte
sich über ihn und flüsterte in sein Ohr, so daß Jonathan gezwungen
war, einen Schritt zurückzutreten. Ausdruckslos starrte er auf das
Bett.
Die schweren Lider hoben sich noch einmal, aber
diesmal nur halb. Er suchte ein Gesicht und fand es.
»Johnny. So... gut zu mir. Immer, Johnny.«
Mary beugte sich überAlex, so daß ihre
herabfallenden Haare sein Gesicht verbargen. Jonathan Randall stand
so reglos da wie ein Fels in einem Steinkreis und beobachtete
seinen Bruder und seine Frau. Kein Laut war zu hören außer dem
Knistern des Feuers und dem leisen Schluchzen Mary Randalls.
Jamie berührte meine Schulter, und ich blickte zu
ihm auf. Er nickte in Marys Richtung.
»Bleib bei ihr«, sagte er ruhig. »Es wird nicht
lange dauern, oder?«
»Nein.«
Er nickte. Dann überwand er sich und ging auf
Jonathan Randall zu. Er nahm die erstarrte Gestalt behutsam am Arm
und führte sie zur Tür.
»Kommen Sie, Mann«, sagte er ruhig. »Ich bringe Sie
sicher nach Hause.«
Die Tür quietschte, als er ging, um den
gramgebeugten Jonathan Randall an den Ortzu begleiten, wo er seine
einsame Hochzeitsnacht verbringen würde.
Ich schloß die Tür unseres Zimmers in einem
Gasthofhinter mir und lehnte mich erschöpft dagegen. Draußen war es
dunkel geworden, und die Rufe des Nachtwächters hallten durch die
Straßen.
Jamie stand am Fenster und beobachtete mich. Dann
kam er zu mir und zog mich an sich, noch bevor ich meinen Umhang
ablegen konnte. Dankbar sank ich an seine Brust. Er legte den Arm
unter meine Knie, hob mich hoch und trug mich zum
Fenstersitz.
»Trink einen Schluck, Sassenach«, drängte er. »Du
siehst erschöpft
aus. Kein Wunder!« Er nahm eine Karaffe vom Tisch und goß mir
etwas Weinbrand ein.
Müde fuhr ich mir mit der Hand durchs Haar. Wir
hatten uns kurz nach dem Frühstück in Alex’ Quartier begeben; jetzt
war es nach sechs. Mir kam es vor, als wäre ich tagelang unterwegs
gewesen.
»Es hat nicht mehr lange gedauert. Der arme Kerl.
Es war, als hätte er nur gewartet, bis er Mary versorgt wußte. Ich
habe Marys Tante benachrichtigt. Die Tante und zwei Kusinen haben
sie abgeholt. Sie werden sich auch um... ihn kümmern.« Dankbar
nippte ich an meinem Glas. Der Alkohol stieg mir in den Kopf wie
Nebel auf dem Hochmoor, aber das störte mich nicht.
Ich versuchte zu lächeln. »Zumindest wissen wir
jetzt, daß Frank in Sicherheit ist.«
Jamie blickte mich finster an, seine rötlichen
Brauen zogen sich zusammen.
»Verflucht sei Frank!« rief er zornig. »Verflucht
seien alle Randalls! Verflucht sei Jack Randall, und verflucht sei
Mary Hawkins Randall, und verflucht sei Alex Randall - äh, Gott sei
seiner Seele gnädig, meine ich«, verbesserte er sich hastig und
schlug ein Kreuz.
»Ich dachte, du mißgönnst ihm nicht...«, begann
ich. Wütend starrte er mich an.
»Das war gelogen.«
Er packte mich an den Schultern und schüttelte
mich.
»Und verflucht seist auch du, Claire Randall
Fraser, wenn ich schon mal dabei bin! Ich hasse jede Erinnerung, in
der ich nicht vorkomme, jede Träne, die du um einen anderen
vergossen hast, und jede Sekunde, die du im Bett eines anderen
Mannes verbracht hast! Verflucht sollst du sein!« Er schlug mir das
Weinbrandglas aus der Hand - versehentlich, wie ich meinte -, zog
mich an sich und küßte mich hart.
Dann löste er sich von mir, um mich wieder zu
schütteln.
»Du gehörst mir, verdammt sollst du sein, Claire
Fraser! Mir! Und ich werde dich nicht teilen, mit keinem Mann und
mit keiner Erinnerung, solange wir beide leben. Du sprichst den
Namen des Mannes nie mehr aus, hörst du?« Er unterstrich seine
Worte mit einem leidenschaftlichen Kuß und stieß mich dann wieder
von sich. »Hast du mich verstanden?«
»Ja«, antwortete ich mühsam. »Wenn du... aufhören
würdest... mich zu schütteln, könnte ich... antworten.«
Verlegen ließ er mich los.
»Tut mir leid, Sassenach. Es ist nur... bei Gott,
warum hast du... aye, ich weiß, warum... aber mußtest du...« Ich
setzte diesem Gestammel ein Ende, indem ich ihn an mich zog und
küßte.
»Ja«, sagte ich fest, als ich ihn freigab. »Ich
mußte. Aber jetzt ist es vorbei.« Ich löste die Bänder meines
Umhangs und ließ ihn zu Boden fallen. Jamie bückte sich, um ihn
aufzuheben, aber ich hielt ihn fest.
»Jamie, ich bin müde. Willst du mich ins Bett
bringen?«
Er sah mich lange an. Seine Augen lagen vor
Anstrengung und Müdigkeit tief in den Höhlen.
»Aye«, sagte er schließlich leise. »Aye, ich
will.«
Zuerst war er schweigsam und grob. Sein Zorn brach
sich in der Liebe Bahn.
»Oooh!« stöhnte ich einmal.
»Gott, verzeih mir, mo duinne. Ich konnte
nicht...«
»Ist schon gut.« Ich verschloß seine Lippen mit
einem Kuß, hielt ihn fest und spürte, wie die Wut in ihm abflaute
und die Zärtlichkeit wuchs. Ohne den Mund von meinem zu lösen,
verharrte er still, erforschte sanft meine Lippen, liebkoste sie
mit der Zungenspitze.
Ich berührte seine Zunge mit der meinen und umfaßte
sein Gesicht mit den Händen. Er hatte sich seit dem Morgen nicht
rasiert, und die feinen roten Stoppeln fühlten sich angenehm rauh
an.
Dann ließ er sich zur Seite rollen, um mich nicht
unter sich zu erdrücken, und wir fuhren fort, Körper an Körper, in
Zärtlichkeit vereint, und verständigten uns in einer Sprache ohne
Worte.
Lebendig und eins. Wir sind eins, und solange wir
lieben, rührt uns der Tod nicht an. »Im Grabe ruhst du ungestört,
von keiner Leidenschaft betört.« Alex Randall lag kalt in seinem
Bett und Mary Randall einsam in dem ihren. Aber wir waren hier,
zusammen, und sonst zählte nichts.
Er umspannte meine Hüften mit seinen großen, warmen
Händen und zog mich an sich, und der Schauder, der mich überlief,
erfaßte auch ihn, als wären wir ein Leib.
Nachts erwachte ich in seinen Armen und merkte, daß
er nicht schlief.
»Schlaf wieder ein, mo duinne.« Er sprach
sanft, leise und beruhigend, aber der Unterton entging mir nicht,
und als ich nach seinem Gesicht tastete, spürte ich die Tränen auf
seinen Wangen.
»Was ist, Geliebter?« flüsterte ich. »Jamie, ich
liebe dich.«
»Das weiß ich«, erwiderte er ruhig. »Ich weiß es,
meine Einzige. Wenn du schläfst, will ich dir sagen, wie sehr ich
dich liebe. Denn wenn du wach bist, kann ich dir nicht mehr sagen
als immer wieder dieselben armseligen Worte. Aber wenn du in meinen
Armen ruhst, kann ich dir Dinge anvertrauen, die bei Tage dumm und
verrückt klingen würden. Deine Träume wissen, daß sie wahr sind.
Schlaf wieder ein, mo duinne.«
Ich streifte mit den Lippen seinen Hals dort, wo
unter der kleinen dreieckigen Narbe die Schlagader pulsierte. Dann
bettete ich meinen Kopf auf seine Brust und gab meine Träume in
seine Obhut.