14
Schmerzhafte Erfahrungen
Fergus erwies sich als außerordentlich geschickt in seinem Handwerk, und beinahe jeden Tag erhielten wir eine neue Auslese aus der Korrespondenz Seiner Hoheit. Manchmal hatte ich Mühe, mit dem Abschreiben fertig zu werden, ehe Fergus zu einem neuen Raubzug aufbrach, bei dem er die entwendeten Briefe zurückbrachte und neue stahl.
Bei einigen handelte es sich um verschlüsselte Nachrichten von König James aus Rom, deren Abschriften Jamie beiseite legte, um sich ihnen in Ruhe zu widmen. Die meisten Briefe Seiner Hoheit erwiesen sich als belanglos: Mitteilungen von Freunden aus Italien, eine ständig wachsende Anzahl von Rechnungen - Charles hatte eine Schwäche für außergewöhnliche Garderobe, elegante Stiefel und Branntwein - und gelegentlich Briefe von Louise de La Tour de Rohan. Diese waren ziemlich leicht zu erkennen; abgesehen von ihrer winzigen, manierierten Handschrift, die aussah, als wäre ein Vögelchen über das Papier getrippelt, trug jeder Brief Louises unverwechselbaren Hyazinthenduft. Jamie weigerte sich nachdrücklich, sie zu lesen.
»Ich lese doch nicht die Liebesbriefe, die der Mann bekommt«, sagte er entschlossen. »Selbst ein Verschwörer hat bei gewissen Dingen Hemmungen!« Dann nieste er und schob die letzte Sendung in Fergus’ Tasche zurück, während er ein eher pragmatisches Argument anführte: »Außerdem erzählt dir Louise sowieso alles.«
Das stimmte; Louise und ich waren gute Freundinnen geworden, und sie verbrachte in meinem Salon beinahe ebensoviel Zeit wie in ihrem eigenen. Dabei pflegte sie sich erst händeringend über Charles zu beklagen und vergaß ihn gleich darauf, wenn wir über die Wunder der Schwangerschaft plauderten. Trotz ihrer Flatterhaftigkeit mochte ich sie; aber ich war auch erleichtert, wenn ich mich durch meine nachmittäglichen Besuche im Hôpital des Anges ihrer Gegenwart entziehen konnte.
Auch wenn Louise wohl kaum je einen Fuß über die Schwelle des Spitals setzen würde, war ich dort nicht ohne Gesellschaft. Ungeachtet ihres ersten Eindrucks hatte Mary Hawkins den Mut aufgebracht, mich nochmals dorthin zu begleiten. Und nun kam sie immer häufiger mit. Den direkten Anblick von Wunden konnte sie zwar noch nicht ertragen, machte sich aber beim Füttern der Patienten und beim Bodenschrubben nützlich. Diese Tätigkeiten bildeten anscheinend eine willkommene Abwechslung zu den höfischen Zusammenkünften und zu dem Leben im Haus ihres Onkels.
Während sie häufig von bestimmten Verhaltensweisen, die sie bei Hofe sah, schockiert war - nicht, daß sie tatsächlich viel davon gesehen hätte, aber sie war leicht zu schockieren -, äußerte sie sich über den Vicomte de Marigny nie mit sonderlichem Abscheu oder Entsetzen. Daraus schloß ich, daß ihre niederträchtige Familie die Verhandlungen noch nicht abgeschlossen hatte - und ihr deshalb auch nichts von ihrer bevorstehenden Heirat gesagt hatte.
Meine Vermutung wurde bestätigt, als wir einmal Ende April auf dem Weg zum Spital waren und Mary mir errötend anvertraute, daß sie verliebt sei.
»Ach, wie gut er aussieht!« schwärmte sie und vergaß dabei sogar zu stottern. »Und auch so... ja, so vergeistigt
»Vergeistigt?« sagte ich. »Hm, ja, schön.« Insgeheim dachte ich, daß ich diese Eigenschaft nicht gerade zu den wichtigsten Attributen eines Traummannes zählen würde. Aber die Geschmäcker sind nun einmal verschieden.
»Und wer ist der auserwählte Herr?« neckte ich sie freundschaftlich. »Jemand, den ich kenne?«
Sie errötete noch mehr. »Nein, das glaube ich nicht.« Dann sah sie mich mit leuchtenden Augen an. »Ach, ich dürfte Ihnen das eigentlich nicht erzählen, aber ich kann nicht anders. Er hat meinem Vater geschrieben, daß er nächste Woche nach Paris zurückkehrt!«
»Tatsächlich?« Das war eine interessante Neuigkeit. »Ich habe gehört, daß der Comte de Palles nächste Woche bei Hofe erwartet wird. Gehört ihr, äh, Zukünftiger zu dessen Gefolge?«
Mary starrte mich entgeistert an.
»Ein Franzose? Aber nein, Claire! Ich würde doch nie einen Franzosen heiraten!«
»Was haben Sie denn gegen die Franzosen?« fragte ich, höchst erstaunt über ihre Heftigkeit. »Sie sprechen doch auch Französisch.« Aber vielleicht lag das Problem gerade darin; Mary sprach zwar ganz gut Französisch, war aber so schüchtern, daß sie in dieser Sprache noch mehr stotterte als im Englischen. Tags zuvor hatte ich ein paar Küchenjungen beobachtet, die sich ein grausames Vergnügen daraus machten, »la petite Anglaise maladroite« nachzuäffen.
»Kennen Sie die Franzosen denn nicht?« flüsterte sie, die Augen entsetzt aufgerissen. »Ach nein, natürlich nicht. Ihr Mann ist ja so nett und so freundlich... er würde, - ich meine, er w-würde Sie nicht so b-belästigen...« Ihr Gesicht war vom Kinn bis zum Haaransatz von einer pfingstrosenfarbenen Röte überzogen, und sie erstickte fast vor lauter Stottern.
»Sie meinen...«, fing ich an, während ich überlegte, wie ich sie möglichst taktvoll dazu bringen konnte, sich auszusprechen, ohne daß ich mich auf Mutmaßungen über das Liebesleben der Franzosen einließ. Doch bei dem Gedanken an das, was Mr. Hawkins mir über Marys Vater und dessen Heiratspläne für seine Tochter erzählt hatte, schien es mir angebracht, ihr den Unsinn auszureden, den sie offensichtlich in Salons und Ankleidezimmern aufgeschnappt hatte. Ich wollte nicht, daß ihr angst und bange wurde, falls sie am Ende doch mit einem Franzosen verheiratet wurde.
»Was s-sie im... Bett machen!« flüsterte sie heiser.
»Nun«, erwiderte ich nüchtern, »im Grunde läuft es immer auf ein paar Dinge hinaus, die man mit einem Mann im Bett machen kann. Und wenn ich mir all die vielen Kinder in der Stadt ansehe, würde ich annehmen, daß auch die Franzosen sich auf die herkömmlichen Methoden verstehen.«
»Ach, Kinder... ja, natürlich«, meinte sie unbestimmt, als könnte sie keinen direkten Zusammenhang erkennen. »A-a-aber man sagt...«, sie senkte verschämt den Blick, dann die Stimme, »d-die f-französischen M-männer haben so ein Ding, wissen Sie...«
»Ja, ich weiß.« Ich versuchte, geduldig zu bleiben. »Soweit ich weiß, unterscheidet es sich von dem anderer Männer recht wenig. Engländer und Schotten sind ganz ähnlich ausgestattet.«
»Ja, aber sie, sie... st-stecken es d-der F-F-Frau zwischen die B-B-Beine! So richtig in sie rein!« Nach diesen mühsam hervorgepreßten Worten atmete sie tief durch und schien sich etwas zu beruhigen, denn die tiefe Röte verblaßte ein wenig. »Ein Engländer oder sogar ein Schotte... oh, so hab’ ich d-das nicht gemeint...« Verlegen schlug sie sich die Hand vor den Mund. »Aber ein anständiger Mann wie Ihrer würde b-bestimmt nicht im Traum darauf kommen, einer Frau so etwas anzutun!«
Ich legte eine Hand auf meinen leicht gerundeten Bauch und betrachtete das Mädchen nachdenklich. Allmählich wurde mir klar, warum Mary Hawkins’ Vergeistigung als eine so hohe männliche Tugend ansah.
»Mary«, sagte ich, »ich glaube, wir müssen uns mal ein bißchen unterhalten.«
 
Ich lächelte immer noch vor mich hin, als ich das unscheinbare Novizengewand aus grobem Tuch über mein Kleid streifte und den großen Saal des Spitals betrat.
Die chirurgiens, Harnbeschauer, Knocheneinrichter, Ärzte und anderen Heiler stellten ihre Zeit und ihre Dienste zum großen Teil unentgeltlich zur Verfügung; andere kamen, um dazuzulernen und sich weiterzubilden. Die unseligen Patienten des Höpitals des Anges mußten es widerspruchslos hinnehmen, daß man sie zu allerlei medizinischen Experimenten heranzog.
Abgesehen von den Nonnen wechselten die medizinischen Betreuer beinahe von Tag zu Tag, je nachdem, wer gerade keine zahlenden Patienten hatte oder wer eine neue Technik ausprobieren wollte. Doch die meisten Heilkundler kamen so oft, daß ich nach kurzer Zeit den »festen Stamm« kannte.
Einer der interessantesten war der große, schlanke Mann, der bei meinem ersten Besuch gerade ein Bein amputiert hatte. Auf meine Frage hin erfuhr ich, das sei Monsieur Forez, eigentlich ein Knocheneinrichter, der aber gelegentlich auch schwierigere Amputationen übernahm. Die Nonnen und Pfleger hatten anscheinend großen Respekt vor Monsieur Forez; nie wurde er mit derben Scherzen bedacht wie die meisten anderen freiwilligen medizinischen Helfer.
Heute tat Monsieur Forez Dienst, und ich näherte mich ihm unauffällig, um ihn bei der Arbeit zu beobachten. Sein Patient, ein junger Arbeiter, lag kreidebleich und keuchend auf einer Pritsche. Er war von dem Gerüst der Kathedrale - an der ständig gebaut wurde - gefallen und hatte sich einen Arm und ein Bein gebrochen. Der Arm schien mir keine besonders schwierige Aufgabe für einen erfahrenen Knocheneinrichter - nur ein einfacher Bruch des Speichenknochens. Anders verhielt es sich mit dem Bein: ein komplizierter zweifacher Bruch des mittleren Oberschenkelknochens und des Schienbeins. Aus Ober- und Unterschenkel ragten Knochensplitter hervor, und fast das ganze Bein war blau verfärbt.
Ich wollte den Knocheneinrichter nicht ablenken, aber Monsieur Forez schien ohnehin tief in Gedanken versunken; bedächtig schritt er um seinen Patienten herum - wie eine große Rabenkrähe, die darauf wartet, daß ihr Opfer endlich stirbt. Und er erinnerte mich tatsächlich an eine Krähe, mit seiner Hakennase und dem schwarzen, ungepuderten und glatt nach hinten gekämmten Haar, das er zu einem spärlichen Knoten im Nacken zusammengebunden hatte. Auch seine Kleider waren von düsterem Schwarz, wenngleich von guter Qualität; offenbar betrieb er außerhalb des Spitals eine gutgehende Praxis.
Als er sich schließlich für eine Vorgehensweise entschieden hatte, hob er den Kopf und sah sich nach einem Helfer um. Sein Blick fiel auf mich, und er winkte mich zu sich heran. Ganz auf die bevorstehende Aufgabe konzentriert, bemerkte er nur das Novizengewand, nicht aber, daß Wimpel und Schleier fehlten. Offensichtlich hielt er mich für eine Ordensschwester.
»Hier, ma soeur«, wies er mich an und ergriff den Fußknöchel des Patienten, »halten Sie ihn da fest, gleich über der Ferse. Wenn ich es Ihnen sage, ziehen Sie den Fuß fest zu sich. Ziehen Sie langsam, aber kräftig - Sie werden Ihre ganze Kraft brauchen. Haben Sie verstanden?«
»Ja.« Ich packte den Fuß wie befohlen, während Monsieur Forez gemächlich zum anderen Ende der Pritsche stakste und nachdenklich das gebrochene Bein betrachtete.
»Ich habe hier ein Stimulans, das uns helfen wird«, erklärte er und zog ein kleines Fläschchen aus seiner Rocktasche. »Es bewirkt eine Verengung der äußeren Blutgefäße, so daß sich das Blut in den inneren Organen sammelt, wo es unserem jungen Freund mehr nutzt.« Mit diesen Worten packte er den Patienten an den Haaren und kippte ihm den Inhalt des Fläschchens mit geübtem Griff in den Mund.
»Ja«, meinte er zufrieden, als der Mann schluckte und tief durchatmete, »so ist es gut. Was nun den Schmerz betrifft - es wäre wohl das beste, das Bein zu betäuben, damit er sich nicht allzusehr wehrt, wenn wir es strecken.«
Abermals griff er in seine große Tasche und brachte diesmal eine kleine, etwa acht Zentimeter lange Messingnadel mit einem breiten, flachen Kopf zum Vorschein. Monsieur Forez tastete mit seiner knochigen Hand vorsichtig die Lendengegend des Patienten ab, wobei er dem dünnen blauen Strich einer größeren Vene folgte. Zögernd hielt er inne und befühlte eine Stelle, bis er fand, was er suchte. Dort setzte er dann die Nadel an. Ein weiterer Griff in seine Wundertasche förderte einen kleinen Messinghammer zutage, und mit einem einzigen Schlag trieb der Mann die Nadel ins Fleisch.
Das Bein zuckte zunächst heftig, dann erschlaffte es. Das Gefäßverengungsmittel tat anscheinend seine Wirkung, denn aus der Einstichwunde sickerte bemerkenswert wenig Blut.
»Verblüffend!« rief ich aus. »Was haben Sie gemacht?«
Monsieur Forez lächelte schüchtern, und die Freude über mein Kompliment verlieh seinen Wangen einen rosigen Schimmer.
»Nun, es klappt nicht immer so gut«, räumte er bescheiden ein. »Diesmal war mir das Glück hold.« Während er auf die Messingnadel deutete, erläuterte er: »Hier ist ein großes Bündel von Nervenenden, Schwester, was die Anatomen plexus nennen. Wenn man es genau trifft, werden die Empfindungen in den unteren Extremitäten weitgehend betäubt.« Plötzlich wurde ihm bewußt, daß er wertvolle Zeit mit Reden vergeudete.
»Los, ma soeur«, befahl er. »Zurück an Ihren Platz! Das Stimulans wirkt nicht lange. Wir müssen uns an die Arbeit machen, solange die Blutung unterdrückt wird.«
Das beinahe lahme Bein ließ sich ohne weiteres strecken, und die gesplitterten Knochenenden schoben sich unter die Haut. Gemäß Monsieur Forez’ Anweisungen packte ich den jungen Mann nun am Oberkörper, während er am Fuß zog und so das Bein ständig unter Spannung hielt. Nun konnte er die Knochen einrichten und einige letzte Korrekturen vornehmen.
»Das genügt, Schwester. Halten sie jetzt den Fuß einfach nur einen Augenblick gerade.« Auf einen Ruf hin brachte ein Pfleger mehrere dicke Holzstöcke und Verbandsstoff, und im Nu hatten wir das Bein geschient und an den offenen Wunden feste Druckverbände angelegt.
Monsieur Forez und ich beglückwünschten uns über unseren Patienten hinweg zu unserem Erfolg.
»Hervorragende Arbeit«, meinte ich und strich mir eine Locke, die sich gelöst hatte, aus der Stirn. Monsieur Forez’ Gesichtsausdruck wandelte sich schlagartig, als er erkannte, daß ich keinen Schleier trug. In diesem Augenblick ertönte von der Kirche nebenan das durchdringende Vespergeläut. Verblüfft starrte ich aus dem großen Fenster des Saales, das wegen der üblen Gerüche unverglast war. Tatsächlich - Abenddämmerung brach herein.
»Entschuldigen Sie«, sagte ich und begann, mein Arbeitsgewand abzustreifen. »Ich muß sofort gehen; mein Mann wird sich sorgen, wenn ich so spät heimkomme. Ich freue mich, daß ich die Gelegenheit hatte, Ihnen bei der Arbeit zu helfen, Monsieur Forez.« Das Erstaunen des großgewachsenen Knocheneinrichters war unübersehbar, als er mich beim Ausziehen des Gewands beobachtete.
»Aber Sie... nein, Sie sind natürlich keine Nonne, das hätte ich schon früher merken müssen... aber Sie... wer sind Sie?« fragte er neugierig.
»Ich heiße Fraser«, antwortete ich knapp. »Schauen Sie, ich muß jetzt weg, mein Mann...«
Er richtete sich zu voller Größe auf, dann verbeugte er sich ehrerbietig.
»Es wäre mir eine große Ehre, wenn ich Sie nach Hause begleiten dürfte, Madame Fraser.«
»Oh... äh, vielen Dank«, sagte ich, gerührt von seiner Zuvorkommenheit. »Aber ich habe einen Begleiter.« Mein Blick schweifte durch den Saal auf der Suche nach Fergus, der mich nun anstelle von Murtagh begleitete, wenn man ihn nicht gerade für Raubzüge benötigte. Ich entdeckte ihn am Türpfosten, zappelnd vor Ungeduld. Ich fragte mich, wie lange er da wohl schon stand. Die Schwestern hatten ihm verboten, die Krankensäle zu betreten, daher mußte er an der Tür warten.
Nachdem Monsieur Forez meinen Begleiter argwöhnisch gemustert hatte, nahm er mich entschlossen am Ellbogen.
»Ich geleite Sie zu Ihrem Haus, Madame«, verkündete er. »Diese Gegend ist in den Abendstunden viel zu gefährlich für jemanden wie Sie, wenn Sie nur ein Kind zum Schutz dabeihaben.«
Fergus platzte beinahe vor Entrüstung, als man ihn ein Kind nannte, und beeilte sich zu erklären, daß er ein ausgezeichneter Beschützer sei und stets den sichersten Weg wähle. Doch Monsieur Forez schenkte dem keinerlei Beachtung. Während er Schwester Angelique würdevoll zunickte, führte er mich durch die riesigen Flügeltüren des Spitals hinaus.
Fergus trottete hinter mir her und zog mich am Ärmel. »Madame!« flüsterte er. »Madame! Ich habe dem Herrn mein Wort gegeben, Sie jeden Tag sicher nach Hause zu geleiten und es nicht zuzulassen, daß Sie Umgang mit unerwünschten Personen...«
»So, bitte sehr. Madame nehmen Sie hier Platz; Ihr Junge kann auf dem Platz daneben sitzen.« Ohne auf Fergus’ Geschimpfe einzugehen, hob Monsieur Forez ihn hoch und setzte ihn ein wenig unsanft in die bereitstehende Kutsche.
Es war ein kleiner, offener Zweispänner, doch elegant ausgestattet mit tiefblauen Samtpolstern und einem kleinen Baldachin. An der Tür der Equipage befand sich kein Wappen oder eine sonstige Zierde; Monsieur Forez gehörte nicht zum Adel - wahrscheinlich war er ein vermögender Bürgerlicher.
Auf dem Nachhauseweg plauderten wir höflich über medizinische Fragen, während Fergus schmollend in seiner Ecke saß und mit finsterer Miene unter seinem zerzausten Schopf hervorlugte. Als wir in der Rue Tremoulins anhielten, sprang er behende hinaus und rannte ins Haus. Verwundert starrte ich ihm nach, dann verabschiedete ich mich von Monsieur Forez.
»Aber das ist doch nicht der Rede wert«, erwiderte er freundlich auf meinen überschwenglichen Dank. »Ihr Haus liegt ohnehin auf meinem Heimweg. Und ich kann doch nicht zulassen, daß eine so reizende Dame um diese Stunde durch die Straßen von Paris läuft.« Er half mir aus der Kutsche und wollte gerade noch etwas sagen, als die Tür hinter uns aufgerissen wurde.
Als ich mich umdrehte, sah ich, wie Jamies Miene soeben von leichter Verärgerung in Erstaunen umschlug.
«Oh!« sagte er. »Guten Abend, Monsieur.« Er verbeugte sich vor Monsieur Forez, der den Gruß mit ausgesuchter Höflichkeit erwiderte.
»Ihre Frau hat mir die Ehre zuteil werden lassen, sie sicher nach Hause zu geleiten, mein Herr. Was ihre verspätete Ankunft betrifft, so ist dies einzig und allein meine Schuld; Ihre Frau hatte die Güte, mir bei einer kleinen Angelegenheit im Höpital des Anges behilflich zu sein.«
»Kann ich mir denken«, entgegnete Jamie resigniert, dann sah er mich mit hochgezogenen Augenbrauen an und fügte auf englisch hinzu: »Schließlich kann man von einem gewöhnlichen Ehemann ja nicht erwarten, daß er genauso anziehend ist wie entzündete Gedärme oder ekelerregende Pusteln, nicht wahr?« Um seine Mundwinkel zuckte es; ich sah, daß er eigentlich nicht verärgert, sondern nur besorgt gewesen war. Das tat mir leid.
Nach einer abermaligen Verbeugung vor Monsieur Forez packte Jamie mich am Arm und zog mich ins Haus.
»Wo ist Fergus?« fragte ich, nachdem die Tür hinter uns ins Schloß gefallen war.
»In der Küche«, antwortete Jamie, »wo er wahrscheinlich auf seine Bestrafung wartet.«
»Bestrafung? Was meinst du damit?« wollte ich wissen. Wider Erwarten lachte er.
»Na ja«, erzählte er, »ich saß im Arbeitszimmer und fragte mich, wo zum Teufel ihr abgeblieben sein mochtet. Ich war schon drauf und dran, selbst ins Spital zu gehen, da platzte der kleine Fergus zur Tür rein, warf sich vor mir auf den Boden und bat, ich solle ihn auf der Stelle töten.«
»Töten? Warum denn?«
»Tja, das habe ich ihn auch gefragt, Sassenach. Ich befürchtete schon, ihr wärt unterwegs von Straßenräubern überfallen worden- weißt du, draußen treibt sich gefährliches Gesindel herum. Und ich konnte mir Fergus’ Verhalten nur damit erklären, daß er dich vor den Gaunern nicht retten konnte. Aber da sagte er, du seist vor dem Haus. Ich ging nachsehen, während Fergus hinter mir herrannte und irgendwas plapperte von Vertrauensbruch und daß er unwürdig sei, mich seinen Herrn zu nennen, und ich sollte ihn bitte zu Tode prügeln. Ich konnte in dem Moment nicht klar denken, und so sagte ich ihm, ich würde mich später um ihn kümmern, und schickte ihn in die Küche.«
»Herrgott noch mal!« rief ich. »Denkt er wirklich, er hat dein Vertrauen mißbraucht, nur weil ich mich verspätet habe?«
Jamie warf mir einen schiefen Blick zu.
»Aye, allerdings. Und strenggenommen hat er das auch, weil er dich mit einem Fremden mitfahren ließ. Er beteuert, er hätte sich vor die Pferde geworfen, damit du nicht in die Kutsche steigst, wenn du nicht ein so gutes Verhältnis zu dem Mann gehabt hättest.«
»Ja, natürlich habe ich das«, sagte ich empört. »Ich hatte ihm gerade beim Einrichten eines Beines geholfen.«
»Mmmpf.« Diese Erklärung fand er anscheinend nicht sehr einleuchtend.
»Na gut«, gab ich widerstrebend zu. »Es war vielleicht ein wenig unklug. Aber er schien mir tatsächlich höchst ehrenwert, und ich wollte möglichst rasch nach Hause - ich wußte, daß du dir Sorgen machen würdest.« Jetzt wünschte ich, ich hätte mehr darauf geachtet, was Fergus mir mit seinem ängstlichen Gemurmel und seinem Ärmelzupfen hatte sagen wollen. Doch mir war nur daran gelegen, möglichst schnell nach Hause zu gelangen.
»Aber du willst ihn doch nicht etwa schlagen?« fragte ich beunruhigt. »Er hat sich nicht das geringste zuschulden kommen lassen - ich habe darauf bestanden, mit Monsieur Forez zu fahren. Wenn jemand Prügel verdient hätte, dann ich.«
Jamie wandte sich in Richtung Küche und warf mir einen boshaften Blick zu.
»Aye, da hast du recht«, pflichtete er mir bei. »Aber da ich geschworen habe, so etwas nicht mehr zu tun, muß ich mich an Fergus schadlos halten.«
»Jamie! Nein!« Erschrocken packte ich ihn am Arm. »Jamie, ich bitte dich!« Da bemerkte ich sein verstohlenes Lächeln und seufzte erleichtert auf.
»Keine Sorge.« Er lächelte jetzt unverhohlen. »Ich habe nicht vor, ihn umzubringen - und auch nicht zu schlagen. Aber ich muß ihm vielleicht ein oder zwei Ohrfeigen geben - der Form halber. Er meint, er hätte ein schweres Verbrechen begangen, weil er dich nicht beschützt hat, wie ich ihm befohlen habe. Das kann ich ihm schlecht durchgehen lassen ohne eine förmliche Rüge.«
Vor der mit Fries bezogenen Küchentür blieb er stehen, um sich die Manschetten zuzuknöpfen und das Halstuch zurechtzurücken.
»Sehe ich ordentlich aus?« fragte er und strich sein dichtes, widerspenstiges Haar glatt. »Vielleicht sollte ich meinen Rock anziehen - ich weiß nicht, was sich ziemt, wenn man eine Strafe zu verhängen hat.«
»Es paßt schon so«, entgegnete ich und unterdrückte ein Grinsen. »Du siehst schrecklich gebieterisch aus.«
»Dann ist’s gut.« Er straffte die Schultern und kniff die Lippen zusammen. »Hoffentlich muß ich nicht lachen, das wäre ziemlich fehl am Platz«, murmelte er und öffnete die Tür, die zum Küchentrakt hinabführte.
Die Stimmung in der Küche war jedoch alles andere als fröhlich. Als wir eintraten, verstummte das übliche Geschnatter jäh, und die Dienstboten drängten sich hastig in einer Ecke zusammen. Einen Moment lang standen alle stocksteif da, dann rückten zwei Küchenmägde auseinander, und Fergus trat vor.
Das Gesicht des Jungen war blaß und verheult, doch jetzt weinte er nicht mehr. Mit bemerkenswerter Würde verbeugte er sich erst vor mir, dann vor Jamie.
»Madame, Monsieur, ich bin sehr beschämt«, sagte er leise, aber deutlich. »Ich bin es nicht wert, in Ihren Diensten zu stehen, bitte Sie jedoch inständig, mich nicht zu entlassen.« Seine hohe Stimme zitterte ein wenig. Ich biß mir auf die Lippen. Als suchte er moralische Unterstützung, blickte Fergus zu den Dienstboten hinüber, und Fernand, der Kutscher, nickte ihm aufmunternd zu. Schließlich nahm der Knabe all seinen Mut zusammen und wandte sich an Jamie.
»Ich bin bereit, meine Strafe zu empfangen, Herr.« Wie auf ein vereinbartes Zeichen löste sich einer der Lakaien aus der erstarrten Menge und führte den Jungen zu dem blankgeschrubbten Holztisch. Dann packte er ihn an den Händen und zog ihn halb über die Tischplatte, ohne ihn loszulassen.
»Aber...« Jamie war völlig überrumpelt. Ehe er ein weiteres Wort herausbringen konnte, trat Magnus, der ältliche Butler, auf ihn zu. Auf einem großen Servierteller überreichte er ihm feierlich den Lederriemen, der zum Messerschärfen benutzt wurde.
»Äh...« Jamie sah mich hilflos an.
»Uff«, meinte ich und trat einen Schritt zurück, doch Jamie packte mich am Handgelenk.
»Nein, Sassenach«, murmelte er auf englisch. »Wenn ich das schon tun muß, dann mußt du zusehen!«
Mit verzweifeltem Blick sah er zwischen seinem angehenden Opfer und dem dargebotenen Züchtigungsinstrument hin und her, doch nach einigem Zögern gab er auf.
»Ach, gottverdammter Mist«, brummte er auf englisch, als er den Riemen nahm. Unschlüssig ließ er den breiten Riemen durch die Finger gleiten. Mit einer Breite von sieben Zentimetern und einer Dicke von einem halben Zentimeter bot er sich als vortreffliche Waffe an. Jamie näherte sich dem ausgestreckt daliegenden Jungen mit sichtlichem Widerwillen.
»Also gut«, sagte er mit wildem Blick. »Zehn Hiebe, und ich möchte keinen Ton hören.« Ein paar von den Dienstmädchen erblaßten bei diesen Worten und faßten sich ängstlich bei den Händen, doch es herrschte Totenstille in dem Raum, als Jamie ausholte.
Das darauffolgende Knallen ließ mich zusammenzucken, und die Küchenmädchen quiekten leise. Doch über Fergus’ Lippen kam kein Laut. Der schmächtige Körper zuckte, und Jamie schloß für einen Moment die Augen. Dann kniff er den Mund zusammen und vollstreckte mit gleichmäßigen Schlägen den Rest der Strafe. Mir war übel, und ich wischte mir verstohlen die schweißfeuchten Hände am Kleid ab. Gleichzeitig empfand ich das irrwitzige Bedürfnis, über dieses entsetzliche Possenspiel laut loszulachen.
Fergus ertrug alles schweigend, und als Jamie fertig war und blaß und schwitzend zurücktrat, blieb der Knabe so still liegen, daß ich einen Augenblick lang befürchtete, er wäre gestorben - aus Angst, wenn schon nicht durch die Schläge. Doch dann schien den Jungen eine Art Schauder zu überlaufen, und er erhob sich ungelenk.
Jamie stürzte auf ihn zu und strich ihm ängstlich die schweißnassen Haare aus der Stirn.
»Ist alles in Ordnung, Junge?« fragte er. »Komm, Fergus, sag, daß alles in Ordnung ist!«
Fergus war kreidebleich und hatte die Augen weit aufgerissen, doch als er die Besorgnis und das Wohlwollen seines Herrn spürte, lächelte er. Seine Eichhörnchenzähne glänzten im Lampenschein.
»O ja, Herr«, keuchte er. »Haben Sie mir vergeben?«
»Herrgott«, murmelte Jamie und drückte den Jungen an seine Brust. »Aber natürlich, du Dummkopf.« Dann packte er den Jungen an den Schultern und schüttelte ihn leicht. »Ich will so etwas nie wieder tun müssen, hörst du?«
Fergus nickte, dann machte er sich los und fiel vor mir auf die Knie.
»Verzeihen auch Sie mir, Herrin?« fragte er, faltete die Hände feierlich vor der Brust und sah mich treuherzig an wie ein Eichhörnchen, das um Nüsse bettelt.
Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken, konnte mich aber so weit beherrschen, daß ich ihn an den Händen nahm und ihm aufhalf.
»Es gibt nichts zu verzeihen«, antwortete ich mit fester Stimme, während meine Wangen brannten. »Du bist ein sehr tapferer Bursche, Fergus. Vielleicht... äh, vielleicht willst du jetzt etwas essen, hm?«
In diesem Moment fiel von allen die Spannung ab. Die anderen Dienstboten drängten heran und drückten ihr Bedauern und Mitgefühl aus, und während Fergus wie ein Held gefeiert wurde, traten Jamie und ich möglichst schnell den Rückzug in unsere Wohnräume im Stockwerk darüber an.
»Guter Gott!« stöhnte Jamie und ließ sich in den Sessel plumpsen, als wäre er völlig erschöpft. »Jesus, Maria und Joseph! Gott, ich brauche was zu trinken. Nein, läute nicht!« rief er erschrocken, obwohl ich keine Anstalten machte, an der Klingelschnur zu ziehen. »Ich könnte den Anblick eines Dieners im Augenblick nicht ertragen.«
Er stand auf und kramte in dem Schrank. »Ich müßte hier doch noch eine Flasche haben.«
Und tatsächlich - ein feiner alter Scotch. Ohne Umschweife zog er den Korken mit den Zähnen heraus und nahm einen ziemlich kräftigen Schluck. Dann reichte er mir die Flasche, und ich folgte seinem Beispiel ohne Zögern.
»Gott im Himmel«, murmelte ich, als ich wieder Atem geschöpft hatte.
»Ja«, meinte er, nahm die Flasche und setzte sie abermals an die Lippen. Dann stützte er den Kopf auf die Hände und fuhr sich durchs Haar. Er lachte schwach.
»Ich bin mir in meinem ganzen Leben noch nie so dumm vorgekommen. Himmel, ich kam mir vor wie ein ausgemachter Trottel!«
»Ich auch«, bekannte ich und griff nach dem Whisky. »Ich glaube, sogar noch mehr als du. Schließlich war es ja meine Schuld. Jamie, ich kann dir gar nicht sagen, wie leid mir das tut. Ich hätte nie gedacht...«
»Ach, zerbrich dir nicht den Kopf darüber.« Die Anspannung der letzten halben Stunde ließ allmählich nach. Zärtlich tätschelte er meine Schulter. »Das konntest du doch nicht ahnen. Und ich auch nicht«, fügte er nachdenklich hinzu. »Er hat wohl befürchtet, ich würde ihn wieder zurück auf die Straße schicken... der arme Kerl. Kein Wunder, daß er lieber Prügel in Kauf nehmen wollte.«
Mit Schaudern erinnerte ich mich an die Straßen, durch die Monsieur Forez’ Kutsche gefahren war. Zerlumpte, kranke Bettler verteidigten hartnäckig ihren Platz und schliefen selbst in den kältesten Nächten auf dem Boden, damit ihnen kein Rivale ihr einträgliches Eckchen wegschnappen konnte; Kinder, noch kleiner als Fergus, flitzten wie hungrige Mäuse durch die Menschenmenge am Markt, stets auf der Suche nach Krumen, die für sie abfallen könnten. Und wer zu krank zum Arbeiten war oder zu häßlich, um sich in den Bordells zu verkaufen, oder einfach Pech hatte - der hatte in der Tat ein kurzes und freudloses Leben zu erwarten. Und Fergus hatte befürchtet, aus dem luxuriösen Leben mit drei Mahlzeiten am Tag und sauberen Kleidern in die dreckige Gosse zurückgestoßen zu werden. Da war es kein Wunder, daß ihn panische Schuldgefühle plagten, mochten sie auch noch so unbegründet sein.
»Ja, das kann ich mir denken«, sagte ich. Inzwischen war ich dazu übergegangen, nicht mehr in großen Schlucken zu trinken, sondern nur noch vornehm zu nippen. Daß die Flasche bereits halb leer war, als ich sie zurückgab, nahm ich eher gleichgültig zur Kenntnis. »Hoffentlich hast du ihm nicht allzu weh getan.«
»Na ja, er wird ein bißchen wund sein.« Wie so oft, wenn er viel getrunken hatte, sprach er mit starkem schottischen Akzent. Er schüttelte den Kopf, dann stellte er mit einem Blinzeln in die Flasche fest, wieviel noch übrig war. »Weißt du, Sassenach, bis heute abend war mir nie klar, wie schwierig es für meinen Vater gewesen sein muß, mich zu schlagen. Ich habe immer mich für den Hauptleidtragenden gehalten.« Nach einem weiteren Schluck stellte er die Flasche auf den Tisch und schaute mit starrem Blick ins Feuer. »Vater zu sein ist vielleicht gar nicht so einfach, wie ich gedacht habe. Darüber muß ich mal nachdenken.«
»Na, aber denk nicht zuviel darüber nach«, meinte ich. »Du hast schon einiges getrunken.«
»Ach, keine Bange«, erwiderte er fröhlich. »Im Schrank steht noch ’ne Flasche.«
Die Geliehene Zeit
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