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Schmerzhafte Erfahrungen
Fergus erwies sich als außerordentlich geschickt
in seinem Handwerk, und beinahe jeden Tag erhielten wir eine neue
Auslese aus der Korrespondenz Seiner Hoheit. Manchmal hatte ich
Mühe, mit dem Abschreiben fertig zu werden, ehe Fergus zu einem
neuen Raubzug aufbrach, bei dem er die entwendeten Briefe
zurückbrachte und neue stahl.
Bei einigen handelte es sich um verschlüsselte
Nachrichten von König James aus Rom, deren Abschriften Jamie
beiseite legte, um sich ihnen in Ruhe zu widmen. Die meisten Briefe
Seiner Hoheit erwiesen sich als belanglos: Mitteilungen von
Freunden aus Italien, eine ständig wachsende Anzahl von Rechnungen
- Charles hatte eine Schwäche für außergewöhnliche Garderobe,
elegante Stiefel und Branntwein - und gelegentlich Briefe von
Louise de La Tour de Rohan. Diese waren ziemlich leicht zu
erkennen; abgesehen von ihrer winzigen, manierierten Handschrift,
die aussah, als wäre ein Vögelchen über das Papier getrippelt, trug
jeder Brief Louises unverwechselbaren Hyazinthenduft. Jamie
weigerte sich nachdrücklich, sie zu lesen.
»Ich lese doch nicht die Liebesbriefe, die der Mann
bekommt«, sagte er entschlossen. »Selbst ein Verschwörer hat bei
gewissen Dingen Hemmungen!« Dann nieste er und schob die letzte
Sendung in Fergus’ Tasche zurück, während er ein eher pragmatisches
Argument anführte: »Außerdem erzählt dir Louise sowieso
alles.«
Das stimmte; Louise und ich waren gute Freundinnen
geworden, und sie verbrachte in meinem Salon beinahe ebensoviel
Zeit wie in ihrem eigenen. Dabei pflegte sie sich erst händeringend
über Charles zu beklagen und vergaß ihn gleich darauf, wenn wir
über die Wunder der Schwangerschaft plauderten. Trotz ihrer
Flatterhaftigkeit mochte ich sie; aber ich war auch erleichtert,
wenn ich mich
durch meine nachmittäglichen Besuche im Hôpital des Anges ihrer
Gegenwart entziehen konnte.
Auch wenn Louise wohl kaum je einen Fuß über die
Schwelle des Spitals setzen würde, war ich dort nicht ohne
Gesellschaft. Ungeachtet ihres ersten Eindrucks hatte Mary Hawkins
den Mut aufgebracht, mich nochmals dorthin zu begleiten. Und nun
kam sie immer häufiger mit. Den direkten Anblick von Wunden konnte
sie zwar noch nicht ertragen, machte sich aber beim Füttern der
Patienten und beim Bodenschrubben nützlich. Diese Tätigkeiten
bildeten anscheinend eine willkommene Abwechslung zu den höfischen
Zusammenkünften und zu dem Leben im Haus ihres Onkels.
Während sie häufig von bestimmten Verhaltensweisen,
die sie bei Hofe sah, schockiert war - nicht, daß sie tatsächlich
viel davon gesehen hätte, aber sie war leicht zu schockieren -,
äußerte sie sich über den Vicomte de Marigny nie mit sonderlichem
Abscheu oder Entsetzen. Daraus schloß ich, daß ihre niederträchtige
Familie die Verhandlungen noch nicht abgeschlossen hatte - und ihr
deshalb auch nichts von ihrer bevorstehenden Heirat gesagt
hatte.
Meine Vermutung wurde bestätigt, als wir einmal
Ende April auf dem Weg zum Spital waren und Mary mir errötend
anvertraute, daß sie verliebt sei.
»Ach, wie gut er aussieht!« schwärmte sie und
vergaß dabei sogar zu stottern. »Und auch so... ja, so
vergeistigt.«
»Vergeistigt?« sagte ich. »Hm, ja, schön.«
Insgeheim dachte ich, daß ich diese Eigenschaft nicht gerade zu den
wichtigsten Attributen eines Traummannes zählen würde. Aber die
Geschmäcker sind nun einmal verschieden.
»Und wer ist der auserwählte Herr?« neckte ich sie
freundschaftlich. »Jemand, den ich kenne?«
Sie errötete noch mehr. »Nein, das glaube ich
nicht.« Dann sah sie mich mit leuchtenden Augen an. »Ach, ich
dürfte Ihnen das eigentlich nicht erzählen, aber ich kann nicht
anders. Er hat meinem Vater geschrieben, daß er nächste Woche nach
Paris zurückkehrt!«
»Tatsächlich?« Das war eine interessante Neuigkeit.
»Ich habe gehört, daß der Comte de Palles nächste Woche bei Hofe
erwartet wird. Gehört ihr, äh, Zukünftiger zu dessen
Gefolge?«
Mary starrte mich entgeistert an.
»Ein Franzose? Aber nein, Claire! Ich würde doch
nie einen Franzosen heiraten!«
»Was haben Sie denn gegen die Franzosen?« fragte
ich, höchst erstaunt über ihre Heftigkeit. »Sie sprechen doch auch
Französisch.« Aber vielleicht lag das Problem gerade darin; Mary
sprach zwar ganz gut Französisch, war aber so schüchtern, daß sie
in dieser Sprache noch mehr stotterte als im Englischen. Tags zuvor
hatte ich ein paar Küchenjungen beobachtet, die sich ein grausames
Vergnügen daraus machten, »la petite Anglaise maladroite«
nachzuäffen.
»Kennen Sie die Franzosen denn nicht?« flüsterte
sie, die Augen entsetzt aufgerissen. »Ach nein, natürlich nicht.
Ihr Mann ist ja so nett und so freundlich... er würde, - ich meine,
er w-würde Sie nicht so b-belästigen...« Ihr Gesicht war vom Kinn
bis zum Haaransatz von einer pfingstrosenfarbenen Röte überzogen,
und sie erstickte fast vor lauter Stottern.
»Sie meinen...«, fing ich an, während ich
überlegte, wie ich sie möglichst taktvoll dazu bringen konnte, sich
auszusprechen, ohne daß ich mich auf Mutmaßungen über das
Liebesleben der Franzosen einließ. Doch bei dem Gedanken an das,
was Mr. Hawkins mir über Marys Vater und dessen Heiratspläne für
seine Tochter erzählt hatte, schien es mir angebracht, ihr den
Unsinn auszureden, den sie offensichtlich in Salons und
Ankleidezimmern aufgeschnappt hatte. Ich wollte nicht, daß ihr
angst und bange wurde, falls sie am Ende doch mit einem Franzosen
verheiratet wurde.
»Was s-sie im... Bett machen!« flüsterte sie
heiser.
»Nun«, erwiderte ich nüchtern, »im Grunde läuft es
immer auf ein paar Dinge hinaus, die man mit einem Mann im Bett
machen kann. Und wenn ich mir all die vielen Kinder in der Stadt
ansehe, würde ich annehmen, daß auch die Franzosen sich auf die
herkömmlichen Methoden verstehen.«
»Ach, Kinder... ja, natürlich«, meinte sie
unbestimmt, als könnte sie keinen direkten Zusammenhang erkennen.
»A-a-aber man sagt...«, sie senkte verschämt den Blick, dann die
Stimme, »d-die f-französischen M-männer haben so ein Ding, wissen
Sie...«
»Ja, ich weiß.« Ich versuchte, geduldig zu bleiben.
»Soweit ich weiß, unterscheidet es sich von dem anderer Männer
recht wenig. Engländer und Schotten sind ganz ähnlich
ausgestattet.«
»Ja, aber sie, sie... st-stecken es d-der F-F-Frau
zwischen die B-B-Beine! So richtig in sie rein!« Nach diesen
mühsam hervorgepreßten Worten atmete sie tief durch und schien sich
etwas zu beruhigen,
denn die tiefe Röte verblaßte ein wenig. »Ein Engländer oder sogar
ein Schotte... oh, so hab’ ich d-das nicht gemeint...« Verlegen
schlug sie sich die Hand vor den Mund. »Aber ein anständiger Mann
wie Ihrer würde b-bestimmt nicht im Traum darauf kommen, einer Frau
so etwas anzutun!«
Ich legte eine Hand auf meinen leicht gerundeten
Bauch und betrachtete das Mädchen nachdenklich. Allmählich wurde
mir klar, warum Mary Hawkins’ Vergeistigung als eine so hohe
männliche Tugend ansah.
»Mary«, sagte ich, »ich glaube, wir müssen uns mal
ein bißchen unterhalten.«
Ich lächelte immer noch vor mich hin, als ich das
unscheinbare Novizengewand aus grobem Tuch über mein Kleid streifte
und den großen Saal des Spitals betrat.
Die chirurgiens, Harnbeschauer,
Knocheneinrichter, Ärzte und anderen Heiler stellten ihre Zeit und
ihre Dienste zum großen Teil unentgeltlich zur Verfügung; andere
kamen, um dazuzulernen und sich weiterzubilden. Die unseligen
Patienten des Höpitals des Anges mußten es widerspruchslos
hinnehmen, daß man sie zu allerlei medizinischen Experimenten
heranzog.
Abgesehen von den Nonnen wechselten die
medizinischen Betreuer beinahe von Tag zu Tag, je nachdem, wer
gerade keine zahlenden Patienten hatte oder wer eine neue Technik
ausprobieren wollte. Doch die meisten Heilkundler kamen so oft, daß
ich nach kurzer Zeit den »festen Stamm« kannte.
Einer der interessantesten war der große, schlanke
Mann, der bei meinem ersten Besuch gerade ein Bein amputiert hatte.
Auf meine Frage hin erfuhr ich, das sei Monsieur Forez, eigentlich
ein Knocheneinrichter, der aber gelegentlich auch schwierigere
Amputationen übernahm. Die Nonnen und Pfleger hatten anscheinend
großen Respekt vor Monsieur Forez; nie wurde er mit derben Scherzen
bedacht wie die meisten anderen freiwilligen medizinischen
Helfer.
Heute tat Monsieur Forez Dienst, und ich näherte
mich ihm unauffällig, um ihn bei der Arbeit zu beobachten. Sein
Patient, ein junger Arbeiter, lag kreidebleich und keuchend auf
einer Pritsche. Er war von dem Gerüst der Kathedrale - an der
ständig gebaut wurde - gefallen und hatte sich einen Arm und ein
Bein gebrochen.
Der Arm schien mir keine besonders schwierige Aufgabe für einen
erfahrenen Knocheneinrichter - nur ein einfacher Bruch des
Speichenknochens. Anders verhielt es sich mit dem Bein: ein
komplizierter zweifacher Bruch des mittleren Oberschenkelknochens
und des Schienbeins. Aus Ober- und Unterschenkel ragten
Knochensplitter hervor, und fast das ganze Bein war blau
verfärbt.
Ich wollte den Knocheneinrichter nicht ablenken,
aber Monsieur Forez schien ohnehin tief in Gedanken versunken;
bedächtig schritt er um seinen Patienten herum - wie eine große
Rabenkrähe, die darauf wartet, daß ihr Opfer endlich stirbt. Und er
erinnerte mich tatsächlich an eine Krähe, mit seiner Hakennase und
dem schwarzen, ungepuderten und glatt nach hinten gekämmten Haar,
das er zu einem spärlichen Knoten im Nacken zusammengebunden hatte.
Auch seine Kleider waren von düsterem Schwarz, wenngleich von guter
Qualität; offenbar betrieb er außerhalb des Spitals eine gutgehende
Praxis.
Als er sich schließlich für eine Vorgehensweise
entschieden hatte, hob er den Kopf und sah sich nach einem Helfer
um. Sein Blick fiel auf mich, und er winkte mich zu sich heran.
Ganz auf die bevorstehende Aufgabe konzentriert, bemerkte er nur
das Novizengewand, nicht aber, daß Wimpel und Schleier fehlten.
Offensichtlich hielt er mich für eine Ordensschwester.
»Hier, ma soeur«, wies er mich an und
ergriff den Fußknöchel des Patienten, »halten Sie ihn da fest,
gleich über der Ferse. Wenn ich es Ihnen sage, ziehen Sie den Fuß
fest zu sich. Ziehen Sie langsam, aber kräftig - Sie werden Ihre
ganze Kraft brauchen. Haben Sie verstanden?«
»Ja.« Ich packte den Fuß wie befohlen, während
Monsieur Forez gemächlich zum anderen Ende der Pritsche stakste und
nachdenklich das gebrochene Bein betrachtete.
»Ich habe hier ein Stimulans, das uns helfen wird«,
erklärte er und zog ein kleines Fläschchen aus seiner Rocktasche.
»Es bewirkt eine Verengung der äußeren Blutgefäße, so daß sich das
Blut in den inneren Organen sammelt, wo es unserem jungen Freund
mehr nutzt.« Mit diesen Worten packte er den Patienten an den
Haaren und kippte ihm den Inhalt des Fläschchens mit geübtem Griff
in den Mund.
»Ja«, meinte er zufrieden, als der Mann schluckte
und tief durchatmete, »so ist es gut. Was nun den Schmerz betrifft
- es wäre wohl
das beste, das Bein zu betäuben, damit er sich nicht allzusehr
wehrt, wenn wir es strecken.«
Abermals griff er in seine große Tasche und brachte
diesmal eine kleine, etwa acht Zentimeter lange Messingnadel mit
einem breiten, flachen Kopf zum Vorschein. Monsieur Forez tastete
mit seiner knochigen Hand vorsichtig die Lendengegend des Patienten
ab, wobei er dem dünnen blauen Strich einer größeren Vene folgte.
Zögernd hielt er inne und befühlte eine Stelle, bis er fand, was er
suchte. Dort setzte er dann die Nadel an. Ein weiterer Griff in
seine Wundertasche förderte einen kleinen Messinghammer zutage, und
mit einem einzigen Schlag trieb der Mann die Nadel ins
Fleisch.
Das Bein zuckte zunächst heftig, dann erschlaffte
es. Das Gefäßverengungsmittel tat anscheinend seine Wirkung, denn
aus der Einstichwunde sickerte bemerkenswert wenig Blut.
»Verblüffend!« rief ich aus. »Was haben Sie
gemacht?«
Monsieur Forez lächelte schüchtern, und die Freude
über mein Kompliment verlieh seinen Wangen einen rosigen
Schimmer.
»Nun, es klappt nicht immer so gut«, räumte er
bescheiden ein. »Diesmal war mir das Glück hold.« Während er auf
die Messingnadel deutete, erläuterte er: »Hier ist ein großes
Bündel von Nervenenden, Schwester, was die Anatomen plexus
nennen. Wenn man es genau trifft, werden die Empfindungen in den
unteren Extremitäten weitgehend betäubt.« Plötzlich wurde ihm
bewußt, daß er wertvolle Zeit mit Reden vergeudete.
»Los, ma soeur«, befahl er. »Zurück an Ihren
Platz! Das Stimulans wirkt nicht lange. Wir müssen uns an die
Arbeit machen, solange die Blutung unterdrückt wird.«
Das beinahe lahme Bein ließ sich ohne weiteres
strecken, und die gesplitterten Knochenenden schoben sich unter die
Haut. Gemäß Monsieur Forez’ Anweisungen packte ich den jungen Mann
nun am Oberkörper, während er am Fuß zog und so das Bein ständig
unter Spannung hielt. Nun konnte er die Knochen einrichten und
einige letzte Korrekturen vornehmen.
»Das genügt, Schwester. Halten sie jetzt den Fuß
einfach nur einen Augenblick gerade.« Auf einen Ruf hin brachte ein
Pfleger mehrere dicke Holzstöcke und Verbandsstoff, und im Nu
hatten wir das Bein geschient und an den offenen Wunden feste
Druckverbände angelegt.
Monsieur Forez und ich beglückwünschten uns über
unseren Patienten hinweg zu unserem Erfolg.
»Hervorragende Arbeit«, meinte ich und strich mir
eine Locke, die sich gelöst hatte, aus der Stirn. Monsieur Forez’
Gesichtsausdruck wandelte sich schlagartig, als er erkannte, daß
ich keinen Schleier trug. In diesem Augenblick ertönte von der
Kirche nebenan das durchdringende Vespergeläut. Verblüfft starrte
ich aus dem großen Fenster des Saales, das wegen der üblen Gerüche
unverglast war. Tatsächlich - Abenddämmerung brach herein.
»Entschuldigen Sie«, sagte ich und begann, mein
Arbeitsgewand abzustreifen. »Ich muß sofort gehen; mein Mann wird
sich sorgen, wenn ich so spät heimkomme. Ich freue mich, daß ich
die Gelegenheit hatte, Ihnen bei der Arbeit zu helfen, Monsieur
Forez.« Das Erstaunen des großgewachsenen Knocheneinrichters war
unübersehbar, als er mich beim Ausziehen des Gewands
beobachtete.
»Aber Sie... nein, Sie sind natürlich keine Nonne,
das hätte ich schon früher merken müssen... aber Sie... wer sind
Sie?« fragte er neugierig.
»Ich heiße Fraser«, antwortete ich knapp. »Schauen
Sie, ich muß jetzt weg, mein Mann...«
Er richtete sich zu voller Größe auf, dann
verbeugte er sich ehrerbietig.
»Es wäre mir eine große Ehre, wenn ich Sie nach
Hause begleiten dürfte, Madame Fraser.«
»Oh... äh, vielen Dank«, sagte ich, gerührt von
seiner Zuvorkommenheit. »Aber ich habe einen Begleiter.« Mein Blick
schweifte durch den Saal auf der Suche nach Fergus, der mich nun
anstelle von Murtagh begleitete, wenn man ihn nicht gerade für
Raubzüge benötigte. Ich entdeckte ihn am Türpfosten, zappelnd vor
Ungeduld. Ich fragte mich, wie lange er da wohl schon stand. Die
Schwestern hatten ihm verboten, die Krankensäle zu betreten, daher
mußte er an der Tür warten.
Nachdem Monsieur Forez meinen Begleiter argwöhnisch
gemustert hatte, nahm er mich entschlossen am Ellbogen.
»Ich geleite Sie zu Ihrem Haus, Madame«, verkündete
er. »Diese Gegend ist in den Abendstunden viel zu gefährlich für
jemanden wie Sie, wenn Sie nur ein Kind zum Schutz
dabeihaben.«
Fergus platzte beinahe vor Entrüstung, als man ihn
ein Kind nannte, und beeilte sich zu erklären, daß er ein
ausgezeichneter
Beschützer sei und stets den sichersten Weg wähle. Doch Monsieur
Forez schenkte dem keinerlei Beachtung. Während er Schwester
Angelique würdevoll zunickte, führte er mich durch die riesigen
Flügeltüren des Spitals hinaus.
Fergus trottete hinter mir her und zog mich am
Ärmel. »Madame!« flüsterte er. »Madame! Ich habe dem Herrn mein
Wort gegeben, Sie jeden Tag sicher nach Hause zu geleiten und es
nicht zuzulassen, daß Sie Umgang mit unerwünschten
Personen...«
»So, bitte sehr. Madame nehmen Sie hier Platz; Ihr
Junge kann auf dem Platz daneben sitzen.« Ohne auf Fergus’
Geschimpfe einzugehen, hob Monsieur Forez ihn hoch und setzte ihn
ein wenig unsanft in die bereitstehende Kutsche.
Es war ein kleiner, offener Zweispänner, doch
elegant ausgestattet mit tiefblauen Samtpolstern und einem kleinen
Baldachin. An der Tür der Equipage befand sich kein Wappen oder
eine sonstige Zierde; Monsieur Forez gehörte nicht zum Adel -
wahrscheinlich war er ein vermögender Bürgerlicher.
Auf dem Nachhauseweg plauderten wir höflich über
medizinische Fragen, während Fergus schmollend in seiner Ecke saß
und mit finsterer Miene unter seinem zerzausten Schopf hervorlugte.
Als wir in der Rue Tremoulins anhielten, sprang er behende hinaus
und rannte ins Haus. Verwundert starrte ich ihm nach, dann
verabschiedete ich mich von Monsieur Forez.
»Aber das ist doch nicht der Rede wert«, erwiderte
er freundlich auf meinen überschwenglichen Dank. »Ihr Haus liegt
ohnehin auf meinem Heimweg. Und ich kann doch nicht zulassen, daß
eine so reizende Dame um diese Stunde durch die Straßen von Paris
läuft.« Er half mir aus der Kutsche und wollte gerade noch etwas
sagen, als die Tür hinter uns aufgerissen wurde.
Als ich mich umdrehte, sah ich, wie Jamies Miene
soeben von leichter Verärgerung in Erstaunen umschlug.
«Oh!« sagte er. »Guten Abend, Monsieur.« Er
verbeugte sich vor Monsieur Forez, der den Gruß mit ausgesuchter
Höflichkeit erwiderte.
»Ihre Frau hat mir die Ehre zuteil werden lassen,
sie sicher nach Hause zu geleiten, mein Herr. Was ihre verspätete
Ankunft betrifft, so ist dies einzig und allein meine Schuld; Ihre
Frau hatte die Güte, mir bei einer kleinen Angelegenheit im Höpital
des Anges behilflich zu sein.«
»Kann ich mir denken«, entgegnete Jamie resigniert,
dann sah er mich mit hochgezogenen Augenbrauen an und fügte auf
englisch hinzu: »Schließlich kann man von einem gewöhnlichen
Ehemann ja nicht erwarten, daß er genauso anziehend ist wie
entzündete Gedärme oder ekelerregende Pusteln, nicht wahr?« Um
seine Mundwinkel zuckte es; ich sah, daß er eigentlich nicht
verärgert, sondern nur besorgt gewesen war. Das tat mir leid.
Nach einer abermaligen Verbeugung vor Monsieur
Forez packte Jamie mich am Arm und zog mich ins Haus.
»Wo ist Fergus?« fragte ich, nachdem die Tür hinter
uns ins Schloß gefallen war.
»In der Küche«, antwortete Jamie, »wo er
wahrscheinlich auf seine Bestrafung wartet.«
»Bestrafung? Was meinst du damit?« wollte ich
wissen. Wider Erwarten lachte er.
»Na ja«, erzählte er, »ich saß im Arbeitszimmer und
fragte mich, wo zum Teufel ihr abgeblieben sein mochtet. Ich war
schon drauf und dran, selbst ins Spital zu gehen, da platzte der
kleine Fergus zur Tür rein, warf sich vor mir auf den Boden und
bat, ich solle ihn auf der Stelle töten.«
»Töten? Warum denn?«
»Tja, das habe ich ihn auch gefragt, Sassenach. Ich
befürchtete schon, ihr wärt unterwegs von Straßenräubern überfallen
worden- weißt du, draußen treibt sich gefährliches Gesindel herum.
Und ich konnte mir Fergus’ Verhalten nur damit erklären, daß er
dich vor den Gaunern nicht retten konnte. Aber da sagte er, du
seist vor dem Haus. Ich ging nachsehen, während Fergus hinter mir
herrannte und irgendwas plapperte von Vertrauensbruch und daß er
unwürdig sei, mich seinen Herrn zu nennen, und ich sollte ihn bitte
zu Tode prügeln. Ich konnte in dem Moment nicht klar denken, und so
sagte ich ihm, ich würde mich später um ihn kümmern, und schickte
ihn in die Küche.«
»Herrgott noch mal!« rief ich. »Denkt er wirklich,
er hat dein Vertrauen mißbraucht, nur weil ich mich verspätet
habe?«
Jamie warf mir einen schiefen Blick zu.
»Aye, allerdings. Und strenggenommen hat er das
auch, weil er dich mit einem Fremden mitfahren ließ. Er beteuert,
er hätte sich vor die Pferde geworfen, damit du nicht in die
Kutsche steigst, wenn du nicht ein so gutes Verhältnis zu dem Mann
gehabt hättest.«
»Ja, natürlich habe ich das«, sagte ich empört.
»Ich hatte ihm gerade beim Einrichten eines Beines geholfen.«
»Mmmpf.« Diese Erklärung fand er anscheinend nicht
sehr einleuchtend.
»Na gut«, gab ich widerstrebend zu. »Es war
vielleicht ein wenig unklug. Aber er schien mir tatsächlich höchst
ehrenwert, und ich wollte möglichst rasch nach Hause - ich wußte,
daß du dir Sorgen machen würdest.« Jetzt wünschte ich, ich hätte
mehr darauf geachtet, was Fergus mir mit seinem ängstlichen
Gemurmel und seinem Ärmelzupfen hatte sagen wollen. Doch mir war
nur daran gelegen, möglichst schnell nach Hause zu gelangen.
»Aber du willst ihn doch nicht etwa schlagen?«
fragte ich beunruhigt. »Er hat sich nicht das geringste zuschulden
kommen lassen - ich habe darauf bestanden, mit Monsieur Forez zu
fahren. Wenn jemand Prügel verdient hätte, dann ich.«
Jamie wandte sich in Richtung Küche und warf mir
einen boshaften Blick zu.
»Aye, da hast du recht«, pflichtete er mir bei.
»Aber da ich geschworen habe, so etwas nicht mehr zu tun, muß ich
mich an Fergus schadlos halten.«
»Jamie! Nein!« Erschrocken packte ich ihn am Arm.
»Jamie, ich bitte dich!« Da bemerkte ich sein verstohlenes Lächeln
und seufzte erleichtert auf.
»Keine Sorge.« Er lächelte jetzt unverhohlen. »Ich
habe nicht vor, ihn umzubringen - und auch nicht zu schlagen. Aber
ich muß ihm vielleicht ein oder zwei Ohrfeigen geben - der Form
halber. Er meint, er hätte ein schweres Verbrechen begangen, weil
er dich nicht beschützt hat, wie ich ihm befohlen habe. Das kann
ich ihm schlecht durchgehen lassen ohne eine förmliche Rüge.«
Vor der mit Fries bezogenen Küchentür blieb er
stehen, um sich die Manschetten zuzuknöpfen und das Halstuch
zurechtzurücken.
»Sehe ich ordentlich aus?« fragte er und strich
sein dichtes, widerspenstiges Haar glatt. »Vielleicht sollte ich
meinen Rock anziehen - ich weiß nicht, was sich ziemt, wenn man
eine Strafe zu verhängen hat.«
»Es paßt schon so«, entgegnete ich und unterdrückte
ein Grinsen. »Du siehst schrecklich gebieterisch aus.«
»Dann ist’s gut.« Er straffte die Schultern und
kniff die Lippen zusammen. »Hoffentlich muß ich nicht lachen, das
wäre ziemlich
fehl am Platz«, murmelte er und öffnete die Tür, die zum
Küchentrakt hinabführte.
Die Stimmung in der Küche war jedoch alles andere
als fröhlich. Als wir eintraten, verstummte das übliche Geschnatter
jäh, und die Dienstboten drängten sich hastig in einer Ecke
zusammen. Einen Moment lang standen alle stocksteif da, dann
rückten zwei Küchenmägde auseinander, und Fergus trat vor.
Das Gesicht des Jungen war blaß und verheult, doch
jetzt weinte er nicht mehr. Mit bemerkenswerter Würde verbeugte er
sich erst vor mir, dann vor Jamie.
»Madame, Monsieur, ich bin sehr beschämt«, sagte er
leise, aber deutlich. »Ich bin es nicht wert, in Ihren Diensten zu
stehen, bitte Sie jedoch inständig, mich nicht zu entlassen.« Seine
hohe Stimme zitterte ein wenig. Ich biß mir auf die Lippen. Als
suchte er moralische Unterstützung, blickte Fergus zu den
Dienstboten hinüber, und Fernand, der Kutscher, nickte ihm
aufmunternd zu. Schließlich nahm der Knabe all seinen Mut zusammen
und wandte sich an Jamie.
»Ich bin bereit, meine Strafe zu empfangen, Herr.«
Wie auf ein vereinbartes Zeichen löste sich einer der Lakaien aus
der erstarrten Menge und führte den Jungen zu dem blankgeschrubbten
Holztisch. Dann packte er ihn an den Händen und zog ihn halb über
die Tischplatte, ohne ihn loszulassen.
»Aber...« Jamie war völlig überrumpelt. Ehe er ein
weiteres Wort herausbringen konnte, trat Magnus, der ältliche
Butler, auf ihn zu. Auf einem großen Servierteller überreichte er
ihm feierlich den Lederriemen, der zum Messerschärfen benutzt
wurde.
»Äh...« Jamie sah mich hilflos an.
»Uff«, meinte ich und trat einen Schritt zurück,
doch Jamie packte mich am Handgelenk.
»Nein, Sassenach«, murmelte er auf englisch. »Wenn
ich das schon tun muß, dann mußt du zusehen!«
Mit verzweifeltem Blick sah er zwischen seinem
angehenden Opfer und dem dargebotenen Züchtigungsinstrument hin und
her, doch nach einigem Zögern gab er auf.
»Ach, gottverdammter Mist«, brummte er auf
englisch, als er den Riemen nahm. Unschlüssig ließ er den breiten
Riemen durch die Finger gleiten. Mit einer Breite von sieben
Zentimetern und einer Dicke von einem halben Zentimeter bot er sich
als vortreffliche
Waffe an. Jamie näherte sich dem ausgestreckt daliegenden Jungen
mit sichtlichem Widerwillen.
»Also gut«, sagte er mit wildem Blick. »Zehn Hiebe,
und ich möchte keinen Ton hören.« Ein paar von den Dienstmädchen
erblaßten bei diesen Worten und faßten sich ängstlich bei den
Händen, doch es herrschte Totenstille in dem Raum, als Jamie
ausholte.
Das darauffolgende Knallen ließ mich
zusammenzucken, und die Küchenmädchen quiekten leise. Doch über
Fergus’ Lippen kam kein Laut. Der schmächtige Körper zuckte, und
Jamie schloß für einen Moment die Augen. Dann kniff er den Mund
zusammen und vollstreckte mit gleichmäßigen Schlägen den Rest der
Strafe. Mir war übel, und ich wischte mir verstohlen die
schweißfeuchten Hände am Kleid ab. Gleichzeitig empfand ich das
irrwitzige Bedürfnis, über dieses entsetzliche Possenspiel laut
loszulachen.
Fergus ertrug alles schweigend, und als Jamie
fertig war und blaß und schwitzend zurücktrat, blieb der Knabe so
still liegen, daß ich einen Augenblick lang befürchtete, er wäre
gestorben - aus Angst, wenn schon nicht durch die Schläge. Doch
dann schien den Jungen eine Art Schauder zu überlaufen, und er
erhob sich ungelenk.
Jamie stürzte auf ihn zu und strich ihm ängstlich
die schweißnassen Haare aus der Stirn.
»Ist alles in Ordnung, Junge?« fragte er. »Komm,
Fergus, sag, daß alles in Ordnung ist!«
Fergus war kreidebleich und hatte die Augen weit
aufgerissen, doch als er die Besorgnis und das Wohlwollen seines
Herrn spürte, lächelte er. Seine Eichhörnchenzähne glänzten im
Lampenschein.
»O ja, Herr«, keuchte er. »Haben Sie mir
vergeben?«
»Herrgott«, murmelte Jamie und drückte den Jungen
an seine Brust. »Aber natürlich, du Dummkopf.« Dann packte er den
Jungen an den Schultern und schüttelte ihn leicht. »Ich will so
etwas nie wieder tun müssen, hörst du?«
Fergus nickte, dann machte er sich los und fiel vor
mir auf die Knie.
»Verzeihen auch Sie mir, Herrin?« fragte er,
faltete die Hände feierlich vor der Brust und sah mich treuherzig
an wie ein Eichhörnchen, das um Nüsse bettelt.
Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken, konnte
mich aber
so weit beherrschen, daß ich ihn an den Händen nahm und ihm
aufhalf.
»Es gibt nichts zu verzeihen«, antwortete ich mit
fester Stimme, während meine Wangen brannten. »Du bist ein sehr
tapferer Bursche, Fergus. Vielleicht... äh, vielleicht willst du
jetzt etwas essen, hm?«
In diesem Moment fiel von allen die Spannung ab.
Die anderen Dienstboten drängten heran und drückten ihr Bedauern
und Mitgefühl aus, und während Fergus wie ein Held gefeiert wurde,
traten Jamie und ich möglichst schnell den Rückzug in unsere
Wohnräume im Stockwerk darüber an.
»Guter Gott!« stöhnte Jamie und ließ sich in den
Sessel plumpsen, als wäre er völlig erschöpft. »Jesus, Maria und
Joseph! Gott, ich brauche was zu trinken. Nein, läute nicht!« rief
er erschrocken, obwohl ich keine Anstalten machte, an der
Klingelschnur zu ziehen. »Ich könnte den Anblick eines Dieners im
Augenblick nicht ertragen.«
Er stand auf und kramte in dem Schrank. »Ich müßte
hier doch noch eine Flasche haben.«
Und tatsächlich - ein feiner alter Scotch. Ohne
Umschweife zog er den Korken mit den Zähnen heraus und nahm einen
ziemlich kräftigen Schluck. Dann reichte er mir die Flasche, und
ich folgte seinem Beispiel ohne Zögern.
»Gott im Himmel«, murmelte ich, als ich wieder Atem
geschöpft hatte.
»Ja«, meinte er, nahm die Flasche und setzte sie
abermals an die Lippen. Dann stützte er den Kopf auf die Hände und
fuhr sich durchs Haar. Er lachte schwach.
»Ich bin mir in meinem ganzen Leben noch nie so
dumm vorgekommen. Himmel, ich kam mir vor wie ein ausgemachter
Trottel!«
»Ich auch«, bekannte ich und griff nach dem Whisky.
»Ich glaube, sogar noch mehr als du. Schließlich war es ja meine
Schuld. Jamie, ich kann dir gar nicht sagen, wie leid mir das tut.
Ich hätte nie gedacht...«
»Ach, zerbrich dir nicht den Kopf darüber.« Die
Anspannung der letzten halben Stunde ließ allmählich nach. Zärtlich
tätschelte er meine Schulter. »Das konntest du doch nicht ahnen.
Und ich auch nicht«, fügte er nachdenklich hinzu. »Er hat wohl
befürchtet, ich würde ihn wieder zurück auf die Straße schicken...
der
arme Kerl. Kein Wunder, daß er lieber Prügel in Kauf nehmen
wollte.«
Mit Schaudern erinnerte ich mich an die Straßen,
durch die Monsieur Forez’ Kutsche gefahren war. Zerlumpte, kranke
Bettler verteidigten hartnäckig ihren Platz und schliefen selbst in
den kältesten Nächten auf dem Boden, damit ihnen kein Rivale ihr
einträgliches Eckchen wegschnappen konnte; Kinder, noch kleiner als
Fergus, flitzten wie hungrige Mäuse durch die Menschenmenge am
Markt, stets auf der Suche nach Krumen, die für sie abfallen
könnten. Und wer zu krank zum Arbeiten war oder zu häßlich, um sich
in den Bordells zu verkaufen, oder einfach Pech hatte - der hatte
in der Tat ein kurzes und freudloses Leben zu erwarten. Und Fergus
hatte befürchtet, aus dem luxuriösen Leben mit drei Mahlzeiten am
Tag und sauberen Kleidern in die dreckige Gosse zurückgestoßen zu
werden. Da war es kein Wunder, daß ihn panische Schuldgefühle
plagten, mochten sie auch noch so unbegründet sein.
»Ja, das kann ich mir denken«, sagte ich.
Inzwischen war ich dazu übergegangen, nicht mehr in großen
Schlucken zu trinken, sondern nur noch vornehm zu nippen. Daß die
Flasche bereits halb leer war, als ich sie zurückgab, nahm ich eher
gleichgültig zur Kenntnis. »Hoffentlich hast du ihm nicht allzu weh
getan.«
»Na ja, er wird ein bißchen wund sein.« Wie so oft,
wenn er viel getrunken hatte, sprach er mit starkem schottischen
Akzent. Er schüttelte den Kopf, dann stellte er mit einem Blinzeln
in die Flasche fest, wieviel noch übrig war. »Weißt du, Sassenach,
bis heute abend war mir nie klar, wie schwierig es für meinen Vater
gewesen sein muß, mich zu schlagen. Ich habe immer mich für den
Hauptleidtragenden gehalten.« Nach einem weiteren Schluck stellte
er die Flasche auf den Tisch und schaute mit starrem Blick ins
Feuer. »Vater zu sein ist vielleicht gar nicht so einfach, wie ich
gedacht habe. Darüber muß ich mal nachdenken.«
»Na, aber denk nicht zuviel darüber nach«, meinte
ich. »Du hast schon einiges getrunken.«
»Ach, keine Bange«, erwiderte er fröhlich. »Im
Schrank steht noch ’ne Flasche.«