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Antreten zum Appell
Roger Wakefield stand mitten im Raum und fühlte sich umzingelt. Zu Recht, wie er meinte, denn um ihn herum standen Tische voller Nippes und Zierat und schwere viktorianische Möbel, die verschwenderisch mit Plüsch, Schonbezügen und Decken ausgestattet waren. Auf dem gewachsten Holzboden lagen kleine handumsäumte Läufer, die nur darauf warteten, unter einem vertrauensvoll daraufgesetzten Fuß davonzurutschen. Gleich diesem gab es elf weitere Zimmer voller Möbel, Kleider und Papiere. Und dann noch die Bücher - mein Gott, die Bücher!
An den Wänden des Studierzimmers standen Regale, die mit Büchern vollgestopft waren. Im übrigen Haus sah es nicht viel anders aus. Auf jeder horizontalen Fläche stapelten sich Bücher und Zettel, und jeder Schrank war bis zum Bersten gefüllt. Sein verstorbener Adoptivvater hatte sich eines langen, erfüllten Lebens erfreut. Und in seinen mehr als achtzig Lebensjahren hatte Reverend Reginald Wakefield niemals etwas fortgeworfen.
Roger zügelte den Impuls, davonzulaufen, in seinen Mini Morris zu springen, nach Oxford zurückzufahren und das Haus samt Inhalt dem Wetter und den Vandalen auszuliefern. Ruhe bewahren, ermahnte er sich und holte tief Luft. Du wirst schon damit fertig. Die Bücher sind noch der leichtere Teil; du mußt sie lediglich durchsehen und jemanden rufen, der sie abholt. Zwar würde dieser Jemand einen Lastwagen mit dem Fassungsvermögen eines Güterwaggons brauchen, aber es wäre zu schaffen. Die Kleider sind auch kein Problem - die gehen an die Wohlfahrt.
Roger hatte keine Vorstellung davon, was die Wohlfahrt mit Unmengen von schwarzen Sergeanzügen aus der Nachkriegszeit anfangen würde, aber vielleicht waren die Bedürftigen ja nicht besonders wählerisch. Schon fühlte er sich etwas erleichtert. Er hatte an der Historischen Fakultät von Oxford einen Monat Urlaub genommen, um den Haushalt des Reverend aufzulösen. Doch immer wieder überfiel ihn das Gefühl, er würde für diese Aufgabe Jahre brauchen.
Er trat näher an einen der Tische heran und nahm ein Porzellanschälchen in die Hand. Darin befanden sich unzählige kleine Vierecke aus Blei, »Gaberlunzies«, die im achtzehnten Jahrhundert von den Pfarreien an die umherziehenden Bettler quasi als Lizenz ausgegeben wurden. Neben der Lampe stand eine Sammlung von Steingutkrügen und davor eine in Silber gefaßte Schnupftabakdose aus Horn. Ob er dies alles an ein Museum geben sollte? Da der Reverend in seiner Freizeit ein begeisterter Geschichtsforscher mit einer Vorliebe für das achtzehnte Jahrhundert gewesen war, stieß man im Haus überall auf Gegenstände aus der Zeit der Jakobiten.
Ohne sich dessen bewußt zu sein, strich Roger mit der Fingerspitze über die Dose und fuhr die dunklen Linien der Inschrift nach - Namen und Lebensdaten der führenden Mitglieder der Schneidergilde von Edinburgh anno 1726. Vielleicht sollte er einige ausgewählte Stücke aus der Sammlung des Reverend behalten... doch dann entschied er sich mit einem resoluten Kopfschütteln dagegen. »Vergiß es, Dummkopf«, sagte er laut. »Das wäre der sichere Weg in den Wahnsinn.« Oder das Anfangsstadium eines Lebens als Packratte. Wenn er damit anfing, ein paar Dinge aufzubewahren, würde er irgendwann alles behalten und schließlich in einem Ungetüm von Haus wie diesem wohnen, umgeben vom Plunder von Generationen. Und Selbstgespräche führen.
Bei dem Gedanken an den ererbten Nachlaß fiel ihm wieder die Garage ein, und aller Mut verließ ihn. Der Reverend war eigentlich Rogers Großonkel. Nach dem Tod von Rogers Eltern im Zweiten Weltkrieg - seine Mutter war bei einem Bombenangriff der Deutschen, sein Vater im Luftraum über dem Ärmelkanal ums Leben gekommen - hatte ihn der Onkel adoptiert. Da er nun einmal nichts wegwerfen konnte, hatte der Reverend den gesamten Nachlaß von Rogers Eltern in Kisten und Kartons gepackt und in seiner Garage gestapelt. Roger wußte, daß seit zwanzig Jahren keine dieser Kisten mehr geöffnet worden war.
Als Roger sich vorstellte, wie er sich durch den Nachlaß seiner Eltern wühlte, stieß er einen biblischen Seufzer aus. »O Herr«, stöhnte er. »Laß diesen Kelch an mir vorübergehen!«
Obwohl die Bemerkung keineswegs als Stoßgebet gemeint war, klingelte wie zur Antwort die Türglocke, so daß er sich überrascht auf die Zunge biß.
Wie immer bei feuchtem Wetter klemmte die Haustür, und als Roger sie endlich quietschend aufgestemmt hatte, sah er sich einer Dame gegenüber.
»Ja bitte? Was gibt’s?«
Sie war mittelgroß und ausgesprochen hübsch. Ihr zartgliedriger Körper war in weißes Leinen gekleidet, und auf ihrem Kopf prangte eine Mähne braunen, lockigen Haars, das sie halbwegs zu einem Knoten gebändigt hatte. Doch am auffälligsten waren ihre strahlenden Augen in der Farbe reifen Sherrys.
Sie ließ den Blick von seinen Turnschuhen, Größe fünfundvierzig, zu dem Gesicht hinaufwandern, das sich etwa dreißig Zentimeter über dem ihren befand. »Ich wollte eigentlich nicht unbedingt mit einem Gemeinplatz anfangen«, sagte sie. »Trotzdem: Du bist aber groß geworden, Roger!«
Roger merkte, daß er rot wurde. Die Frau lachte und streckte ihm die Hand entgegen. »Sie sind doch Roger, nicht wahr? Ich bin Claire Randall, eine alte Freundin des Reverend. Als ich Sie das letzte Mal gesehen habe, waren Sie fünf Jahre alt.«
»Sie sind eine Freundin meines Vaters? Dann wissen Sie wohl schon...«
Das Lächeln wich einem Ausdruck des Bedauerns.
»Ja. Ich war furchtbar traurig, als ich es hörte. Das Herz, nicht wahr?«
»Genau, und ganz plötzlich. Ich bin gerade aus Oxford gekommen, um das hier zu bewältigen.« Die Handbewegung, die er dabei machte, konnte sich ebenso auf den Tod des Reverend wie auf das Haus mit all seinem Inhalt beziehen.
»Wenn ich die Bibliothek Ihres Vaters noch recht in Erinnerung habe, dürfte allein das Durchsehen der Bücher bis Weihnachten dauern«, stellte Claire fest.
»Dann sollten wir ihn auch nicht weiter stören«, ertönte eine sanfte Stimme mit deutlich amerikanischem Akzent.
»Oh, das habe ich ja ganz vergessen!« rief Claire aus und wandte sich zu der jungen Frau um, die etwas im Hintergrund stand. »Roger Wakefield - meine Tochter Brianna.«
Brianna Randall trat mit einem schüchternen Lächeln auf ihn zu. Gedankenverloren starrte Roger sie an, bevor er sich auf den guten Ton besann. Er tat einen Schritt zurück und riß die Tür auf. Unvermittelt fragte er sich, wann er zuletzt das Hemd gewechselt hatte.
»Aber ich bitte Sie!« rief er herzlich. »Ich wollte ohnehin gerade eine Pause machen. Kommen Sie doch herein!«
Als Roger die beiden Frauen über den Flur in das Studierzimmer des Reverend führte, fiel ihm auf, daß Claires Tochter nicht nur angenehm anzusehen, sondern auch größer war als alle jungen Mädchen, die er bisher näher kennengelernt hatte. Sie mußte gut einsachtzig messen. Unwillkürlich richtete er sich zu seiner vollen Größe von einsneunzig auf. Erst im letzten Moment duckte er sich, um nicht mit dem Kopf an den Türrahmen zu stoßen, als er nach den beiden Damen das Studierzimmer betrat.
 
»Ich wollte eigentlich schon viel früher kommen«, sagte Claire, während sie sich in einen tiefen Ohrensessel sinken ließ. »Letztes Jahr hatte ich für unsere Reise nach England schon alles gebucht. Aber dann gab es im Krankenhaus in Boston einen Notfall - ich bin Ärztin«, erklärte sie. Spöttisch kräuselte sie die Lippen, als sie auf Rogers Gesicht den Ausdruck der Überraschung sah, den er nicht ganz hatte verbergen können. »Schade, daß es nicht geklappt hat. Ich hätte Ihren Vater gern noch einmal wiedergesehen.«
Roger fragte sich, warum sie trotzdem gekommen war, wenn sie vom Tod des Reverend schon wußte. Sie einfach zu fragen, schien ihm jedoch zu unhöflich. »Und jetzt sehen Sie sich ein bißchen die Gegend an?« erkundigte er sich statt dessen.
»Ja, wir sind mit dem Zug aus London gekommen«, erwiderte Claire. Lächelnd blickte sie ihre Tochter an. »Ich wollte Brianna die Gegend zeigen. Wenn Sie sie reden hören, würden Sie nicht glauben, daß sie Engländerin ist wie ich. Allerdings hat sie nie hier gelebt.«
»Wirklich?« Roger warf der jungen Frau einen fragenden Blick zu. Seiner Meinung nach sah sie alles andere als englisch aus. Eine dichte Mähne roten Haars fiel ihr ungebändigt über die Schultern und umrahmte ein ausdrucksvolles Gesicht mit einer geraden langen Nase - ein wenig zu lang vielleicht.
»Ich bin in Amerika geboren«, erklärte Brianna, »aber Mutter und Daddy sind - waren - Engländer.«
»Waren?«
»Mein Mann ist vor zwei Jahren gestorben«, erläuterte Claire. »Ich glaube, Sie haben ihn gekannt - Frank Randall.«
»Natürlich, Frank Randall!« Roger schlug sich mit der Hand an die Stirn. Als Brianna kicherte, merkte er, wie er rot wurde. »Wahrscheinlich halten Sie mich für einen ausgemachten Trottel, aber ich habe erst jetzt begriffen, wer Sie sind.«
Randall, ein bedeutender Historiker, war mit dem Reverend eng befreundet gewesen. Seit langem hatten die beiden Männer ihre Erkenntnisse über die Zeit der Jakobiten ausgetauscht, obwohl Frank Randall seit mindestens zehn Jahren nicht mehr im Pfarrhaus gewesen war.
»Dann wollen Sie wohl auch die historischen Stätten bei Inverness besichtigen«, vermutete Roger. »Waren Sie schon in Culloden?«
»Bis jetzt nicht«, erwiderte Brianna. »Aber wir werden im Laufe der Woche noch hinfahren.« Ihr Lächeln war höflich - mehr nicht.
»Für heute nachmittag haben wir eine Ausflugsfahrt zum Loch Ness gebucht«, sagte Claire. »Und morgen fahren wir vielleicht nach Fort William. Womöglich streifen wir aber auch einfach nur durch Inverness. Der Ort ist beträchtlich gewachsen, seit ich zuletzt hier war.«
»Und wann war das?« Roger fragte sich, ob er seine Dienste als Fremdenführer anbieten sollte. Eigentlich blieb ihm dafür keine Zeit, aber schließlich waren die Randalls enge Freunde seines Vaters gewesen. Zudem erschien ihm ein Ausflug nach Fort William in Begleitung zweier attraktiver Damen weitaus verlockender als die Aussicht, die Garage aufzuräumen.
»Oh, vor über zwanzig Jahren. Es ist lange her.« In Claires Worten schwang ein rätselhafter Unterton mit, doch als Roger sie fragend ansah, begegnete sie seinem Blick mit einem offenen Lächeln.
»Nun«, setzte er an, »wenn es irgend etwas gibt, was ich für Sie tun kann, solange Sie hier bei uns in den Highlands sind...«
Obwohl sie weiterhin lächelte, veränderte sich Claires Miene. Fast hatte Roger den Eindruck, daß sie auf dieses Angebot nur gewartet hatte.
»Wenn Sie es so direkt anbieten...«, meinte sie.
»Aber Mutter, das können wir Mr. Wakefield doch nicht zumuten!« sagte Brianna. »Sieh doch, was er hier alles zu tun hat!« Sie wies auf die überquellenden Kartons und die meterhohen Bücherstapel.
»Mir würde es aber Spaß machen«, wandte Roger ein. »Worum geht es denn?«
Claire warf ihrer Tochter einen tadelnden Blick zu. »Ich hatte nicht die Absicht, ihn zu überrumpeln«, erklärte sie indigniert. »Aber vielleicht kennt er ja jemanden, der uns helfen kann. Es geht um eine kleinere historische Untersuchung«, fügte sie zu Roger gewandt hinzu. »Ich brauche jemanden, der sich mit den Jakobiten im achtzehnten Jahrhundert auskennt - also mit Bonnie Prince Charles und diesen Dingen.«
Interessiert beugte Roger sich vor. »Die Jakobiten?« fragte er. »Das ist nicht gerade mein Spezialgebiet, aber in den wichtigsten Dingen kenne ich mich aus. Wenn man so nah an Culloden wohnt, kann man gar nicht anders. Dort fand nämlich die Entscheidungsschlacht statt«, erklärte er Brianna. »Die Soldaten des Bonnie Prince standen dem Heer des Herzogs von Cumberland gegenüber und wurden hingemetzelt.«
»Genau«, sagte Claire. »Darum geht es auch bei meinem Anliegen.« Sie öffnete die Handtasche und holte ein zusammengefaltetes Blatt Papier heraus.
Roger breitete es aus und überflog es rasch. Unter der Überschrift »JAKOBITENAUFSTAND VON 1745/46 - CULLODEN« waren die Namen von etwa dreißig Männern aufgeführt.
»Aha, es geht also um den Jakobitenaufstand«, meinte Roger. »Diese Männer haben in Culloden gekämpft, nicht wahr?«
»Ja«, erwiderte Claire, »und ich möchte wissen, wie viele von ihnen die Schlacht überlebt haben.«
Roger, der noch immer auf die Liste blickte, rieb sich das Kinn. »Eine einfache Frage«, meinte er, »aber womöglich schwer zu beantworten. Von den Hochlandschotten des Bonnie Prince sind so viele gefallen, daß man sie in Massengräbern beerdigt hat. Und die Grabsteine tragen lediglich die Namen der Clans.«
»Ich weiß«, entgegnete Claire. »Brianna kennt das Schlachtfeld noch nicht, aber ich war schon mal da - vor langer Zeit.« Roger glaubte zu sehen, wie ein Schatten über ihr Gesicht huschte. Nicht weiter erstaunlich, dachte er, denn das Feld von Culloden war ein Ort, an dem jeder Ergriffenheit verspürte. Auch ihm traten Tränen in die Augen, wenn er über die weite Moorlandschaft blickte und an die tapferen Hochlandschotten dachte, die hingemetzelt unter der Grasnarbe in der Erde lagen.
Claire faltete weitere maschinenbeschriebene Blätter auseinander und reichte sie ihm. Während sie mit dem Finger über den Falz strich, fiel ihm auf, wie wohlgeformt und gepflegt ihre Hände waren, die jeweils nur von einem Ring geschmückt waren. Der silberne Ring an ihrer rechten Hand war besonders eindrucksvoll, ein breiter jakobitischer Reif mit den verschlungenen Ornamenten des Hochlands, in die Distelblüten - das traditionelle Symbol der Highlands - eingraviert waren.
»Dies sind die Namen ihrer Frauen, soweit wir sie kennen. Vielleicht bringt uns das weiter, denn womöglich haben sie wieder geheiratet oder sind ausgewandert, nachdem ihre Männer in der Schlacht von Culloden gefallen sind. Und das muß dann ja wohl im Taufregister der Pfarrei verzeichnet sein. Sie kommen alle aus dem Pfarrkreis von Broch Mordha, also ein ganzes Stück weiter südlich von hier.«
»Eine gute Idee«, gab ihr Roger überrascht recht. »Ein Historiker würde ähnlich vorgehen.«
»Schließlich habe ich lange genug mit einem zusammengelebt«, entgegnete Claire trocken. »Da schnappt man so einiges auf.«
»Gewiß.« Erst jetzt fiel Roger etwas ein, und hastig stand er auf. »Ich bin ein fürchterlicher Gastgeber. Zuerst bekommen Sie einen Drink, und dann erzählen Sie weiter. Vielleicht kann ich Ihnen helfen.«
Trotz der Unordnung wußte Roger, wo er die Karaffe finden konnte, und kurz darauf hatte er seinen Gästen einen Whisky eingeschenkt. Brianna nippte trotz der großzügigen Menge Soda so zögernd an ihrem Glas, als enthielte es anstelle des vorzüglichen Glenfiddich Insektengift. Claire schien ihn weitaus mehr zu genießen.
»Also.« Roger setzte sich wieder und nahm die Blätter zur Hand. »Historisch gesehen ist es eine faszinierende Aufgabe. Habe ich recht verstanden: Die Familien stammen alle aus demselben Pfarrbezirk und wahrscheinlich sogar aus demselben Clan? Wie ich sehe, heißen viele von ihnen Fraser.«
Claire nickte. »Sie kommen vom selben Hof, einem kleinen Gut in den Highlands namens Broch Tuarach - in der Gegend hieß es auch Lallybroch. Und sie gehörten zum Clan der Fraser, obwohl sie dessen Oberhaupt, Lord Lovat, offiziell nie die Treue geschworen hatten. Dem Aufstand haben sie sich schon recht früh angeschlossen und in der Schlacht von Prestonpans mitgekämpft, während Lord Lovats Männer erst kurz vor der Schlacht von Culloden hinzustießen.«
»Wirklich? Interessant!« Gewöhnlich starb ein Pächter oder Kätner im achtzehnten Jahrhundert an seinem Wohnort, wurde anständig auf dem Dorffriedhof begraben und säuberlich im Taufregister der Pfarrei aufgeführt. Doch Bonnie Prince Charlies Versuch, den Thron von Schottland zurückzuerobern, hatte dem normalen Lauf der Dinge ein Ende gesetzt.
Als nach der Niederlage von Culloden eine Hungersnot ausbrach, waren viele Hochlandschotten in die Neue Welt ausgewandert; andere hatten auf der Suche nach Arbeit und Nahrung die Täler und Moore verlassen und sich in die Städte begeben. Nur wenige waren geblieben.
»Interessantes Material für einen Artikel«, überlegte Roger laut, »wenn man das Schicksal der einzelnen verfolgt und sieht, was aus ihnen geworden ist - es sei denn, sie sind wirklich bei der Schlacht von Culloden gefallen. Aber noch besteht die Möglichkeit, daß einige die Schlacht überlebt haben.« Dieses Projekt wäre für ihn auch dann eine willkommene Ablenkung gewesen, wenn jemand anders als Claire Randall um seine Hilfe gebeten hätte.
»Nun, ich glaube, ich kann Ihnen weiterhelfen«, sagte er und wurde mit einem warmen Lächeln belohnt.
»Wirklich! Das ist ja wunderbar!« rief Claire.
»Ist mir ein Vergnügen«, erwiderte Roger. Er faltete die Zettel auseinander und breitete sie auf dem Tisch aus. »Ich fange gleich damit an. Aber erzählen Sie mir, wie Ihnen die Fahrt von London hierher gefallen hat!«
Das Gespräch wandte sich allgemeineren Themen zu. Roger war in Gedanken schon bei seiner Untersuchung. Er verspürte ein leises Schuldgefühl, denn eigentlich hatte er dafür keine Zeit. Andererseits war die Fragestellung einfach faszinierend. Und womöglich konnte er einen Teil der Recherche mit seinen Aufräumarbeiten verbinden. Schließlich standen ihm die achtundvierzig Kartons mit der Aufschrift »Jakobiten - Vermischtes« in der Garage seines Ziehvaters noch deutlich vor Augen. Allein der Gedanke daran verursachte ihm ein flaues Gefühl im Magen.
Erst als er den Gedanken an die Garage gewaltsam verdrängte, merkte er, daß seine beiden Gäste inzwischen das Thema gewechselt hatten.
»Druiden?« Roger glaubte, nicht richtig gehört zu haben. Mißtrauisch linste er in sein Whiskyglas, um zu überprüfen, ob er es auch wirklich mit Sodawasser aufgefüllt hatte.
»Haben Sie noch nie davon gehört?« Claire schien enttäuscht. »Ihr Vater, der Reverend, wußte darüber gut Bescheid, natürlich nur inoffiziell. Vielleicht hat er Ihnen nichts davon erzählt, weil er es nicht ganz ernst nahm.«
Roger kratzte sich am Kopf. »Nein, daran kann ich mich nicht erinnern. Wahrscheinlich haben Sie recht, und er hat es nicht ernst genommen.«
»Nun, ich weiß nicht, was ich davon halten soll.« Sie schlug die Beine übereinander, und ein Sonnenstrahl, der das seidige Gewebe ihrer Strümpfe aufschimmern ließ, betonte ihre schlanken Glieder.
»Als ich damals mit Frank hier war - und das ist jetzt dreiundzwanzig Jahre her -, hat der Reverend von einer Gruppe neuzeitlicher Druidinnen erzählt, wie Sie sie wohl nennen würden. Natürlich habe ich keine Ahnung, ob sie echt waren; wohl eher nicht.« Brianna beugte sich interessiert vor.
»Offiziell durfte sie der Reverend nicht zur Kenntnis nehmen - heidnische Bräuche, Sie wissen ja -, doch da seine Haushälterin, Mrs. Graham, zu der Gruppe gehörte, bekam er immer wieder Wind von ihren Aktivitäten. Und einmal gab er Frank den Hinweis, daß sie zu Beltene - dem Maifest - im Morgengrauen eine Zeremonie abhalten wollten.«
Nur mit Mühe konnte sich Roger an die Vorstellung gewöhnen, daß die ehrwürdige Mrs. Graham bei Morgengrauen um einen Steinkreis tanzte.
»Auf einer Bergkuppe in der Nähe gibt es einen Steinkreis. Wir sind noch vor Morgengrauen dorthin gegangen und haben sie heimlich beobachtet«, erklärte Claire und zuckte entschuldigend die Achseln. »Sie wissen ja selbst, wie Wissenschaftler sind; wenn es um ihr Thema geht, kennen sie keine Skrupel, geschweige denn gesellschaftliches Feingefühl.« Roger zuckte leicht zusammen, doch er mußte ihr recht geben.
»Da haben wir sie dann gesehen«, fuhr Claire fort, »und Mrs. Graham mitten unter ihnen. Sie waren in weiße Bettücher gehüllt, sangen magische Formeln und tanzten im Steinkreis einen Reigen. Frank war fasziniert«, ergänzte sie mit einem Lächeln. »Aber es war auch wirklich eindrucksvoll, selbst für mich.«
Sie hielt inne und blickte Roger forschend an.
»Wie ich gehört habe, ist Mrs. Graham vor ein paar Jahren gestorben. Wissen Sie, ob sie Angehörige hat? Angeblich wird die Zugehörigkeit zu solch einer Gruppe oft vererbt. Hat sie eine Tochter oder eine Enkeltochter, die mir etwas darüber erzählen könnte?«
»Tja...« Roger zögerte. »Da ist Fiona, ihre Enkelin. Fiona Graham. Nach dem Tod ihrer Großmutter ist sie hier beim Reverend als Haushälterin eingesprungen. Er war zu alt, um den Haushalt allein bewältigen zu können.«
Wenn die Vorstellung von Mrs. Graham im Bettuch von etwas übertroffen werden konnte, dann von dem Gedanken, daß die neunzehnjährige Fiona als Hüterin uralten mystischen Wissens fungierte.
»Im Augenblick ist sie nicht hier. Aber ich könnte für Sie Erkundigungen einziehen.«
Claire hob abwinkend die schlanke Hand. »Bemühen Sie sich nicht. Das können wir später immer noch tun. Wir haben Ihnen schon zuviel von ihrer Zeit geraubt.«
Zu Rogers Leidwesen setzte sie ihr leeres Glas auf dem Couchtisch ab, und Brianna stellte ihr volles mit, wie ihm schien, großer Eilfertigkeit daneben. Roger sah, daß sie an den Nägeln kaute, und dieser kleine Hinweis auf Unvollkommenheit gab ihm den Mut, den nächsten Vorstoß zu wagen. Sie faszinierte ihn, und ohne die Gewißheit, daß er sie wiedersehen würde, wollte er sie nicht gehen lassen.
»Apropos Steinkreise«, sagte er rasch. »Ich glaube, ich weiß, welchen Sie meinen. Er ist recht malerisch und nicht weit von der Stadt entfernt.« Er lächelte Brianna Randall an und registrierte dabei die drei kleinen Sommersprossen auf ihrer Wange. »Vielleicht sollte ich die Recherche mit einem Ausflug nach Broch Tuarach beginnen. Da es in derselben Richtung liegt wie der Steinkreis, könnte ich... o je!«
Mit einem heftigen Schwung ihrer Handtasche hatte Claire Randall die beiden Whiskygläser vom Tisch gefegt, und nun waren Rogers Hosenbeine mit Malt Whisky und einer beträchtlichen Menge Soda getränkt.
»Tut mir schrecklich leid«, entschuldigte sie sich verlegen. Trotz Rogers Protest begann sie, die Glasscherben vom Boden zu sammeln.
Brianna eilte ihr mit einer Handvoll Leinenservietten, die sie rasch von der Anrichte genommen hatte, zu Hilfe. »Ich verstehe nicht, warum sie dich Operationen durchführen lassen, Mutter«, schimpfte sie. »Sieh mal, seine Schuhe sind ganz naß.« Sie kniete sich auf den Boden und wischte Whisky und Glassplitter zusammen. »Und seine Hose auch.«
Mit einer sauberen Serviette rieb sie eifrig an Rogers Schuhen. Ihre rote Mähne wippte verwirrend vor seinen Knien auf und ab. Nach einem Blick auf seine Oberschenkel betupfte sie auch die feuchten Stellen auf dem Kordsamt. Roger schloß die Augen und versuchte verzweifelt, seine Gedanken auf Massenkarambolagen, seine Steuererklärung und Monster aus dem All zu lenken - alles, was ihn davon abhielt, sich vor Brianna Randall, deren warmer Atem über den feuchten Stoff seiner Hosenbeine strich, schrecklich zu blamieren.
»Ah, vielleicht möchten Sie den Rest selbst übernehmen?« Als er die Augen öffnete, funkelte sie ihn mit einem breiten Grinsen verschmitzt an. Mit letzter Kraft griff er nach den Servietten, die sie ihm reichte, und atmete dabei so schwer, als wäre er mit einem D-Zug um die Wette gelaufen.
Als er den Kopf beugte, um seine Hosenbeine zu trocknen, fiel sein Blick auf Claire Randall, die ihn mit einer Mischung aus Sympathie und Belustigung musterte. Mehr verriet ihre Miene nicht - auch das blitzartige Leuchten war verschwunden, das er kurz vor dem Mißgeschick in ihren Augen entdeckt zu haben meinte. Doch vielleicht hatte er sich das auch nur eingebildet. Denn warum, um alles in der Welt, sollte Claire es mit Absicht getan haben?
 
»Seit wann interessierst du dich für Druiden, Mama?« Brianna war offensichtlich entschlossen, sich über diese Vorstellung zu amüsieren. Schon als ich mich mit Roger Wakefield unterhielt, war mir aufgefallen, daß sie an den Innenseiten ihrer Wangen nagte und sich mühsam das Grinsen verkniff, das sich nun über ihr ganzes Gesicht breitete. »Besorgst du dir jetzt ein Bettlaken und tanzt mit?«
»Das stelle ich mir jedenfalls aufregender vor als die Krankenhaussitzung jeden Donnerstag«, entgegnete ich. »Vielleicht nur ein bißchen zugig in diesem Klima.« Brianna lachte so laut, daß zwei Meisen auf dem Bürgersteig vor uns erschreckt davonstoben.
»Nein«, sagte ich, ernsthaft geworden. »Die Druidinnen interessieren mich weniger. Es gibt eine Person in Schottland, die ich einmal kannte und gern wiederfinden würde. Leider habe ich keine Adresse, denn unser Kontakt ist vor zwanzig Jahren abgerissen. Aber sie interessierte sich für Hexerei, alte Bräuche, Volkstum und so weiter. Früher hat sie in dieser Gegend gewohnt, und wenn sie noch hier ist, komme ich ihr durch solch eine Gruppe am ehesten auf die Spur.«
»Und wie heißt sie?«
Ich schüttelte so heftig den Kopf, daß sich die Spange aus meinem Haar löste. Zwar versuchte ich, sie aufzufangen, doch sie rutschte mir durch die Finger und fiel in das tiefe Gras am Wegrand.
»Verdammt!« Mit zitternden Fingern durchwühlte ich die dichten Halme, und als ich die Spange gefunden hatte, bekam ich sie kaum zu fassen, weil sie vom Tau feucht geworden war. Der Gedanke an Geillis Duncan versetzte mich auch jetzt noch in Unruhe.
»Ich weiß nicht, wie sie heißt«, erwiderte ich, während ich mir eine Strähne aus dem erhitzten Gesicht strich. »Ich meine, es ist schon so lange her, und sie hat jetzt bestimmt einen anderen Namen. Damals war sie gerade Witwe geworden, und vielleicht hat sie wieder geheiratet. Oder sie benutzt jetzt ihren Mädchennamen.«
»Aha!« Brianna, die offensichtlich das Interesse an diesem Thema verloren hatte, schlenderte schweigend weiter. »Was hältst du eigentlich von Roger Wakefield?« fragte sie plötzlich.
Ihre Wangen waren rosig angehaucht, aber das konnte auch an der frischen Frühlingsbrise liegen.
»Er scheint ein sehr netter junger Mann zu sein«, begann ich vorsichtig. »Und wenn er einer der jüngsten Dozenten Oxfords ist, dann muß er auch intelligent sein.« Was man gemeinhin unter Intelligenz versteht. Doch ich fragte mich, ob er auch die bei Gelehrten so seltene Phantasie besaß. Das könnte mir nämlich eine große Hilfe sein.
»Er hat die aufregendsten Augen der Welt«, stellte Brianna verträumt fest; die Frage nach seinem Verstand ignorierte sie. »Hast du so ein Grün schon mal gesehen?«
»Ja. Seine Augen sind faszinierend«, gab ich zu. »Das ist mir schon aufgefallen, als ich ihn damals als Kind kennenlernte.«
Mit gerunzelter Stirn blickte Brianna auf mich herab.
»Deshalb konntest du dir wohl auch diese Bemerkung nicht verkneifen, als er uns die Tür aufmachte. Wie peinlich!«
Ich lachte auf.
»Wenn man jemanden trifft, der einem, als man ihn das letztemal gesehen hat, bis zum Nabel gereicht hat und man jetzt zu ihm aufblicken muß«, verteidigte ich mich, »dann kann man einfach nicht anders.«
»Mutter!« Aber sie bog sich vor Lachen.
»Außerdem hat er einen knackigen Hintern«, bemerkte ich, um das Gespräch nicht einschlafen zu lassen. »Das ist mir jedenfalls aufgefallen, als er den Whisky holte.«
»Mutter! Man kann dich hören!«
Wir näherten uns der Bushaltestelle. Unter dem Schild warteten drei Frauen und ein älterer Herr im Tweedanzug. Neugierig drehten sie sich um, als wir näher kamen.
»Hält hier der Bus, der zu den Lochs fährt?« fragte ich, während ich die verwirrende Fülle von Anschlägen und Postern betrachtete.
»Aye«, erwiderte eine der Frauen freundlich. »Er müßte in etwa zehn Minuten kommen.« Sie musterte Brianna, deren Gesicht vor unterdrücktem Lachen rot angelaufen war. »Wollen Sie zum Loch Ness? Ist das Ihr erster Besuch?«
Ich lächelte sie an. »Ich bin mit meinem Mann schon vor mehr als zwanzig Jahren über den Loch gefahren. Aber meine Tochter ist zum erstenmal in Schottland.«
»Ach ja?« Interessiert kamen jetzt auch die anderen Frauen näher, freundlich gaben sie uns Tips und stellten Fragen, bis der gelbe Bus um die Ecke tuckerte.
Beim Einsteigen blieb Brianna kurz stehen, um die malerischen grünen Hügel zu betrachten, hinter denen in der Ferne der bilderbuchblaue, von dunklen Nadelbäumen umstandene See hervorschimmerte.
»Das wird ein Spaß«, meinte sie. »Glaubst du, wir sehen das Ungeheuer?«
»Man kann nie wissen«, erwiderte ich.
 
Den Rest des Tages erledigte Roger geistesabwesend eine Aufgabe nach der anderen. Die Bücher, die er der Gesellschaft zur Erhaltung der Altertümer überlassen wollte, quollen aus den Kartons, und der vorsintflutliche Pritschenwagen des Reverend stand nach Rogers erfolglosem Versuch, den Motor zu starten, mit offener Motorhaube in der Einfahrt. Schließlich blieb Roger vor einer halb ausgetrunkenen Tasse Tee, in dem schon die Milch ausflockte, sitzen und starrte gedankenverloren in den Regen, der am späten Nachmittag eingesetzt hatte.
Was zu tun war, stand ihm nur allzu deutlich vor Augen: endlich das Herz des Studierzimmers in Angriff nehmen. Und das waren nicht die Bücher, bei denen er lediglich entscheiden mußte, ob er sie behalten, der Gesellschaft zur Erhaltung der Altertümer übergeben oder der Bibliothek des ehemaligen College des Reverend überlassen wollte. Nein, früher oder später stand ihm der gigantische Schreibtisch des Reverend bevor, dessen Schubladen von Papieren überquollen, die in den zahllosen kleineren Fächern nicht mitgezählt. Hinzu kam die riesige Korkwand mit der Flut von Zetteln, deren Anblick selbst den stärksten Mann erbleichen lassen konnte.
Abgesehen davon, daß er ganz allgemein keine Lust hatte aufzuräumen, hätte er sich auch viel lieber Claire Randalls Anliegen gewidmet.
Das Projekt an sich war reizvoll, obwohl die Recherche sicher einigen Aufwand erforderte. Aber wenn er ehrlich war, war er nur aus einem Grund so bereitwillig auf Claire Randalls Projekt eingegangen: Er wollte zu Mrs. Thomas’ Pension gehen und Brianna seine Ergebnisse zu Füßen legen - gleich einem Ritter, der wohl ähnliches mit einem Drachenkopf getan hätte. Und selbst wenn diese Ergebnisse nicht überwältigend waren - er brauchte einen Vorwand, um sie wiederzusehen und mit ihr sprechen zu können.
Jetzt fiel ihm auch wieder ein, woran sie ihn erinnerte: Sie und ihre Mutter waren von einem besonderen Flair umgeben, als würden sie über schärfere Konturen verfügen, als wären sie mit solcher Tiefe und Detailtreue gezeichnet, daß sie sich plastisch vom Hintergrund abhoben. Doch an Brianna faszinierten ihn außerdem die lebhaften Farben und die starke physische Präsenz, wie sie den Figuren des italienischen Malers Bronzino zu eigen waren - jene Figuren, die den Eindruck erwecken, als würden sie dem Betrachter mit ihren Blicken folgen und in der nächsten Minute ein Gespräch beginnen. Zwar hatte er eine Bronzino-Figur noch nie über einen Whisky die Nase rümpfen sehen, doch wenn es sie gegeben hätte, wäre sie Brianna Randall bestimmt wie aus dem Gesicht geschnitten.
»Zum Teufel noch mal!« fluchte Roger laut. »So lange kann es ja nicht dauern, wenn ich mir morgen mal die Archive im Culloden House anschaue. Und du«, sagte er zu dem Schreibtisch mit all seinen Verpflichtungen gewandt, »du mußt eben noch einen Tag ausharren. Du auch«, bekam die Pinnwand zu hören, während er sich trotzig einen Krimi aus dem Regal schnappte. Herausfordernd blickte er in die Runde, als würde er den Protest der Möbel erwarten, doch außer dem Zischen der Heizung hörte er nichts. Er schaltete sie aus, löschte das Licht und verließ mit dem Krimi unter dem Arm das Studierzimmer.
 
Vom Wind zerzaust und vom Regen durchnäßt, kehrten wir von Loch Ness zu einem warmen Essen und dem gemütlich knisternden Kaminfeuer im Speisezimmer zurück. Brianna konnte sich schon bei den Rühreiern das Gähnen nicht verkneifen, und bald verließ sie mich, um ein heißes Bad zu nehmen. Ich blieb noch eine Weile unten, hielt ein Schwätzchen mit Mrs. Thomas, der Wirtin, und so war es schon fast zehn, als ich nach oben ging, um ebenfalls zu baden und mich schlafen zu legen.
Brianna, die zu den Frühaufstehern gehörte, ging zeitig zu Bett, und als ich die Schlafzimmertür öffnete, empfing mich ihr leiser, gleichmäßiger Atem. Da ihr Schlaf auch tief war, ließ sie sich nicht davon stören, daß ich durchs Zimmer huschte, meine Kleider aufhängte und aufräumte. Auch der Rest des Hauses kam allmählich zur Ruhe, und so erschienen mir das Knistern und Rascheln, das meine Tätigkeit begleitete, übermäßig laut.
Ich hatte eine Reihe von Franks Büchern mitgebracht, die ich der Bücherei von Inverness spenden wollte. Jetzt nahm ich einen Band nach dem anderen aus dem Koffer und legte sie auf mein Bett. Fünf Bücher mit festem Einband und glänzendem, buntem Schutzumschlag. Ansehnliche, gewichtige Werke mit je fünf- bis sechshundert Seiten, das Register und die Abbildungen nicht mitgerechnet.
Die gesammelten Werke meines verstorbenen Ehemanns in ausgiebig mit Anmerkungen versehenen Ausgaben. Die Umschlagklappen zierten lobende Kommentare von Historikern. Nicht schlecht für ein Lebenswerk, dachte ich. Eine Leistung, auf die man stolz sein konnte. Bedeutsam, gewichtig, respekteinflößend.
In der Pension war es ruhig, und die wenigen Gäste, die sich hier trotz der frühen Jahreszeit bereits eingemietet hatten, waren schon schlafen gegangen. Im anderen Bett seufzte Brianna im Schlaf kurz auf, bevor sie sich umdrehte. Lange Strähnen roten Haars waren über ihr Gesicht gebreitet, und unter ihrer Decke schaute ein schmaler Fuß hervor. Sanft deckte ich ihn zu.
Den Impuls, seinem schlafenden Kind übers Gesicht zu streichen, verliert man nie, selbst wenn es inzwischen zu einer - wenn auch jungen - Frau herangewachsen ist, die einen um ein ganzes Stück überragt. Ich schob ihr die Haare aus dem Gesicht und streichelte ihre Stirn. Glücklich lächelte sie, ein Reflex, der ebensoschnell verschwunden war, wie er sich gezeigt hatte. Mein Lächeln blieb, als ich sie betrachtete und ihr wie unzählige Male zuvor zuflüsterte: »Mein Gott, du bist ihm so ähnlich!«
Wie es mir fast schon zur Gewohnheit geworden war, schluckte ich den Kloß, der sich in meiner Kehle gebildet hatte, hinunter und nahm meinen Morgenmantel vom Stuhl. Obwohl im schottischen Hochland im April noch Eiseskälte herrschte, war ich noch nicht bereit, mich von der schützenden Wärme meines Betts umfangen zu lassen.
Ich hatte die Wirtin gebeten, das Feuer im Wohnzimmer brennen zu lassen, und ihr versprochen, es vor dem Schlafengehen zu löschen. Nach einem letzten Blick auf den entspannt daliegenden Körper und das Gewirr des seidigen roten Haares auf der blauen Steppdecke zog ich leise die Tür hinter mir zu.
»Auch nicht schlecht für ein Lebenswerk«, flüsterte ich im dunklen Flur vor mich hin. »Nicht ganz so gewichtig, aber verdammt respekteinflößend.«
Der Wohnraum war dämmrig und gemütlich, das Feuer zu einer gleichmäßigen Flamme heruntergebrannt. Ich zog mir einen Sessel vor den Kamin und stellte die Füße aufs Gitter. Um mich herum erklangen all die Geräusche, die für unser modernes Leben typisch sind: das sanfte Surren des Kühlschranks aus dem Untergeschoß, das leise Zischen der Zentralheizung, die das Kaminfeuer zu einem überflüssigen Luxus machte, und auf der Straße das gelegentliche Vorbeirauschen eines Autos.
Doch unter alldem lag die tiefe Stille der Nacht des schottischen Hochlands. Um sie ganz in mich aufzunehmen, saß ich unbeweglich. Zwanzig Jahre lang hatte ich sie nicht mehr gespürt, doch an der tröstlichen Macht der von den Bergen umfangenen Dunkelheit hatte sich nichts geändert.
Ich griff in die Tasche meines Morgenmantels und zog ein zusammengefaltetes Blatt Papier heraus - eine Kopie der Liste, die ich Roger Wakefield gegeben hatte. Ich breitete den Bogen auf meinen Knien aus und starrte blind auf die Namen. Langsam ließ ich den Finger über die Zeilen gleiten und flüsterte die Namen der Männer wie ein leises Gebet. Sie gehörten in die kalte Frühlingsnacht, weitaus mehr als ich. Trotzdem blickte ich weiterhin in die Flammen, damit die Dunkelheit von draußen die Leere in mir ausfüllen konnte.
Als ich ihre Namen ausgesprochen hatte, war mir gewesen, als hätte ich sie zusammengerufen. Und damit hatte ich den ersten Schritt auf dem Weg durch die leere Dunkelheit getan, der zu dem Ort führte, wo sie auf mich warteten.
Die Geliehene Zeit
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